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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
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WIR GRATULIEREN ZUM 30 ! ("Wir" ? - es war nur einer)

von Günter Bartosch am 13. Sept. 1999

Der Jubilar ist der (Ost-) Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz. Am 3. Oktober 1969 wurde er eingeweiht und für die Öffentlichkeit freigegeben. Denn neben seiner Funktion als Sendeturm für Fernsehen und UKW verfügt er über eine Besucheretage und ein "Tele-Cafe".

Ein Prestigeobjekt für die Ost-Berliner Machthaber

Als er erbaut wurde, war er ein Prestigeobjekt für die Machthaber der DDR (bei uns Ostzone genannt). Deshalb setzte man ihn protzig in Berlins alte Mitte.

Da steht er nun, ein Relikt der vergangenen Zeiten, und schaut auf Neu-Berliner in ihren Regierungsbehörden ebenso herab wie auf das neue ZDF-Studio Berlin.

Er blickt nicht hochmütig, nicht triumphierend, nein, er ist ein Stück Realität - nun schon 30 Jahre alt - inmitten der vielen Neubauten. Und eine Sehenswürdigkeit von unten wie von oben.

Das Fundament wurde am 4. April 1965 begonnen

Die Arbeiten zur Errichtung des Turms vom Typ "Tele-Sparge" begannen am 4. April 1965 am Fundament. Während der Turmschaft hochgezogen wurde, erfolgte vom 1. April bis 15. Oktober 1967 der Bau der Turmkugel an einem Montageschaft nahe dem Rathaus.

Das komplizierte Aufsetzen der überdimensionalen Turmkugel, die dem Werk seine besondere Note gibt, begann am 28. März 1968. Ab Herbst erfolgte ihr Ausbau; darüber hinaus wurde in der zweiten Hälfte des Jahres die Antennenanlage montiert.

  • Anmerkung : Die Hintergründe und Probleme bei der Planung und beim Bau blendet der Autor Günter Bartosch völlig aus. Und so wird der Rückblick hier arg gelobhudelt und ist eine viel zu schöne Schönfärberei. Die Realität sah schon ein wenig anders aus, als man den Zement aus dem kapitalistischen Westen "holen" mußte. Mehr steht in den damals aktuellen Artikeln im Spiegel, die damals recht geheimnisvoll recherchiert wurden.

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Erst 105m und dann 225m und dann 361 Meter

Schon Anfang Oktober 1966 war der Turm 105m hoch und über den Dächern der Stadt weithin sichtbar; ein halbes Jahr später hatte er 225m erreicht.

Zu seiner Eröffnung am 3. Oktober 1969 besaß er die stattliche Größe von 310m, mit den aufgesetzten Antennen kam er auf 361,5m.

Die Stahlkugel mit der Aussichtsetage

Die charakteristische Stahlkugel mit der Aussichtsetage hat in 200m Höhe einen Durchmesser von 32m. Sieben Stockwerke befinden sich im Innern der Kugel, fünf davon beinhalten die technische Installation und die Betriebsräume, die zwei unteren sind die Panorama-Etage und vier Meter darüber das sich drehende "Tele-Caffe" mit 40 Tischen für 200 Personen.

Die Panorama-Etage kann 120 Besucher aufnehmen. Die 60 Fenster aus Spezialglas, das nicht reflektiert und blendet, bieten bei gutem Wetter einen Ausblick 40km weit über Berlin und die märkische Landschaft.

Und immer nur die halbe Wahrheit

Zwei Fahrstühle sorgten schon damals für schnelle Beförderung von je 15 Personen mit einer Geschwindigkeit von 6 m pro Sekunde in 40 Sekunden nach oben. Um möglichst vielen den Besuch der Turmkugel zu ermöglichen, wurde der Aufenthalt befristet, und zwar auf eine halbe Stunde in der Aussichtsebene und eine Stunde im Cafe. In der recht eindrucksvoll gestalteten Eingangshalle entstand ein Souvenir-Shop.

Mit seiner vollen Höhe von 361,5 m war der Berliner vor 30 Jahren der zweithöchste Turmbau Europas. Nur der zwei Jahre vorher fertiggestellte Fernsehturm in der Moskauer Vorstadt Ostankino war mit 535 m noch weit höher.

Daß 1969 der berliner Fernsehturm vier Tage vor der großen Feier zu Ehren des 20. Jahrestages der DDR eröffnet wurde (Anmerkung : obwohl er nicht fertig wurde), hatte seinen Grund.

"Viele ausländische Gäste aus den sozialistischen Ländern ... v/erden in der Hauptstadt weilen", schrieb das Neue Deutschland, das Zentralorgan der SED. "Daher werden wir während der Feiertage vor allem ausländischen Delegationen den Besuch des Fernsehturms ermöglichen."

Peinlich, Nachts der Sicht-Vergleich von West- und Ost-Berlin

In der Zeit der kommunistischen Machthaber war der Blick von oben sehr begehrt, konnte man doch von dort weit nach West-Berlin hineinsehen.

Die der Besucherbroschüre beigelegte Panoramakarte verschwieg denn auch alle Sehenswürdigkeiten jenseits des Brandenburger Tores und ließ sogar den alten Berliner Funkturm in Witzleben, den klein gewordenen stählernen Bruder, im Dunst einer Weite von ca. 9 km Luftlinie verschwinden.

So war die kommunistische Welt auch von hoch oben mit einer Mauer vor den Köpfen versehen.

  • Anmerkung: Insbesondere des Nachts hatten die Machthaber in Ost-Berlin große Problem mit den ostdeutschen und natürlich auch den neugierigen Ostblock Besuchern und den Russen, denen es ja ganz augenscheinlich aufgefallen war, daß der helle Teil Berlins "der Westen" war und nicht "der Osten". Der Osten lag damals ziemlich im Dunkel. Die Drehbewegung konnte man nicht steuern oder beschleunigen. Die verdeckten Glossen darüber stehen heute noch in vielen alten Ossi-Blättern und sogar in alten russischen Zeitungen.

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Das II. Programm des Deutschen Fernsehfunks

Zugleich mit seiner Einweihung am 3. Oktober 1969 hatte der Fernsehturm eine ostdeutsche Medienpremiere zu präsentieren: Am Abend um 20 Uhr eröffnete der "Erste Sekretär des Zentralkommitees der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR", Walter Ulbricht, das II. Programm des Deutschen Fernsehfunks mit einer Ansprache, und es folgte die Sendung "Grüße-Gäste-Gratulanten".

Der DFE ist entschwunden, der Fernsehturm steht noch. Steht er für die Ewigkeit ? Er ist aus Beton gebaut, und bei Beton kommt es bekanntlich darauf an, was man daraus macht.

Das Betondach der 1957 fertiggestellten westberliner Kongreßhalle stürzte im Mai 1980 ein - sollte das Ostbeton der DDR soviel besser gewesen sein ?

  • Anmerkung : Offensichtlich hatte Günter Bartosch den Artikel im Spiegel nicht gelesen, in welchem genüsslich streng geheime Interna aus irgendwelchen löchrigen Quellen der Stasi oder der Bauleute (die ja auch alle überwacht wurden) publiziert wurden, nach denen quasi als Staatsgeheimnis ganze Zementladungen aus Westberlin und/oder dem Bundesgebiet nachts über die Grenze kamen, weil man in Ostberlin die für den Sockel und den Betonturm unbedingt erforderliche Zementqualität nicht liefern konnte.

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Der Berliner Alexanderplatz wurde umgebaut

Mit dem Turmbau einher ging die Umgestaltung des altehrwürdigen, jedoch vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Alexanderplatzes . Von seiner ursprünglichen Struktur und seiner Substanz, die ihn in den Tagen der Reichshauptstadt zu einem Mittelpunkt des urbanen Lebens gemacht hatten, blieb nichts übrig.

Der westberliner "Tagesspiegel" beklagte sogar in seiner Ausgabe vom 6. März 1966: Der Fernsehturm sei "ein Schlag gegen das vertraute Berlin-Panorama. Er verschiebt sämtliche Perspektiven."

So falsch ist das nicht, doch er steht nun einmal da, und warum sollte er nicht akzeptiert werden.

Der Berliner Alexanderplatz hat sein vertrautes Gesicht verloren, ebenso wie der Potsdamer Platz. Dieser zeigt die neue Zeit, jener die alte der DDR. Was fehlt ist als neues altes Element in der Mitte Berlins das imposante Berliner Stadtschloß.

Vielleicht dämmert es der jetzt in Berlin ansässigen deutschen Regierung, daß alle Neubauten und alle DDR-Hinterlassenschaften geschichtslos sind in der alten neuen Hauptstadt ohne das Berliner Schloß auf der Spreeinsel.

Zur Turmeinweihung dichtete ein Ungenannter im "Neuen Deutschland" vom 1. Oktober 1969:

Vom Telecaffe bis zur Tunnelsohle,
und eingestimmt bis auf den letzten Stein,
zieht nun das Glanzstück unsrer Metropole
zur Festmusik in unsre Herzen ein.

So geschah es in Berlin - als die Mitte noch "Osten" war - vor 30 Jahren. Nochmals Glückwunsch dem "Tele-Spargel" und alles Gute für die Zukunft !

Günter Bartosch

  • Anmerkung : Für geborene Berliner sicher unverständlich ist, daß wir Wessis das doch etwas anders sehen, jedenfalls den ganzen Rummel um die "St. Ulbrichts Kathedrale".

    Auch nicht erwähnt wurde, daß nach dem Fall der Mauer mehrere hundert Millionen DM in den Erhalt und Ausbau des Turms und der Technik investiert werden mußten, denn die DDR war ja seit 1980 defacto Pleite (laut Gerhard Ronneberger - "Deckname Saale") und konnte nichts mehr investieren.

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