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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
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VOR 30 JAHREN: "DAS ZDF ZUM ERSTEN MAL AUF DER FUNKAUSSTELLUNG"

von Günter Bartosch im Juni 1993

Gerade erst 5 Monate alt, hatte das ZDF-Programm im August 1963 bereits seine Bewährungsprobe bestanden. Das Engagement seiner Mitarbeiter, die sofort ab Startbeginn der Sendungen die Akzeptanz der Zuschauer erringen konnten, hatte ihnen (später) den Titel "Mainzelmännchen" eingebracht, eine Bezeichnung, die, von Journalisten erfunden, zunächst ironisch gemeint war, sich jedoch bald zu einem Ehrentitel mauserte. Nun schickte sich das ZDF an, auch in anderer Weise an die Öffentlichkeit zu treten.

Als die Bayern nicht zahlen wollten

Unsere Fernsehanstalt besaß damals noch keinewegs eine gesicherte wirtschaftliche Basis. Es gab noch Querelen besonders mit dem Freistaat Bayern über den Gebührenanteil des Bayerischen Rundfunks, ebenso wie sich steuerliche Probleme ergeben hatten.

Auch war die Grundversorgung auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland mit den Sendern für das zweite Fernsehprogramm noch längst nicht gewährleistet.

Nur knapp 60% konnten das ZDF empfangen

Abgesehen davon, daß unsere Zuschauer entweder ein UHF-taugliches Gerät oder aber einen zusätzlichen Konverter brauchten, mußten sie auch im Bereich eines Senders wohnen, in dem sie die Ausstrahlung der UHF-Wellen erreichen konnte.

Das war im August 1963 nur zu schätzungsweise 60% der Fall; viele Fernsehteilnehmer hatten also garnicht die Möglichkeit, das Programm des ZDF zu sehen. Umso wichtiger war die Imagepflege, um uns einen Platz im Bewußtsein der Fernsehzuschauer zu sichern.

Die Funkausstellung Berlin - Rückblick auf 1924 und 1929

Seit 1924 waren die Funkausstellungen in Berlin zu einem traditionellen Aushängeschild für alles Neue auf dem Gebiet von Funk und Schallplatte geworden.

Ab 1929 präsentierten sie regelmäßig die rasante Entwicklung des Fernsehens. Die Gelegenheit für das ZDF, sich auf der Großen Deutschen Funkausstellung Berlin 1963 darstellen zu können, durfte man nicht vorübergehen lassen.

Nach der Diskussionen die "Entscheidungsfreude"

Wie so üblich, gab es Diskussionen darüber, ob das Engagement notwendig sei und ob man es sich finanziell leisten könne. Doch der Rat der Fachleute blieb damals nicht ungehört, und die Pionierzeiten beinhalteten Entscheidungsfreude.

So wurden alle Bedenken beiseite geschoben, und kurfristig wurde der Entschluß gefaßt, daß das ZDF sich neben der ARD als gleichberechtigter Partner auf der Funkausstellung in der Öffentlichkeit präsentieren sollte.

Die Kollegen der ersten Stunde

Erleichtert wurde dieses Vorhaben dadurch, daß dem ZDF Mitarbeiter angehörten, die mit der Materie vertraut waren. In erster Linie traf das auf Horst Gehrke zu, der bereits 1961, damals für den SFB, der federführend für alle Anstalten der ARD die Sendungen abwickelte, die Organisation durchgeführt hatte.

Neben Gehrke, der mit der Leitung aller Produktionsaufgaben betraut wurde, gehörten zum Arbeitsstab Funkausstellung des ZDF Hans Gradwohl für die Technick und Gerhard Haberland für den Bereich Haushalt und Finanzen.

In der richtigen Überlegung, daß das ZDF die Aufmerksamkeit der Zuschauer in erster Linie durch gute Unterhaltungssendungen erringen könne, wurde der Schwerpunkt auf ein breites Programmangebot in dieser Sparte gelegt, dessen Durchführung mir übertragen wurde.

Zwei große Livesendugen aus Berlin

In zwei Livesendugen brachten wir von der Funkaustellung 1963 große Veranstaltungen aus der Deutschlandhalle: "Musik-Express" am 3.9. und "Alle unter einem Hut - Ein fröhliches Treffen mit freundlichen Nachbarn Deutschlands", also ein Programm mit internationalen Künstlern am 6.9. - und es blieb kaum Zeit für den Umbau, geschweige denn für Proben.

In beiden Sendungen spielte das Orchester Kurt Henkels, das das ZDF sich verpflichtet hatte. Darüber hinaus veranstalteten wir täglich vom 30.8. bis zum 8.9. ein Programm für das Ausstellungsgelände und den Stadtsender Berlin aus unseren Studios in der Halle 9.

Jeweils um 10 Uhr begannen die Proben für eine einstündige Unterhaltungssendung am Spätnachmittag zwischen 17 und 18 Uhr. Das Publikum konnte von einem erhöhten Umgang wie durch Schaufenster die Probenarbeit und die Sendung beobachten. Hals über Kopf war also ein Programmangebot auf die Beine gestellt worden, das umfangreicher war, als wir es heute nach langer Vorbereitung veranstalten.

Das Abenteuer Funkausstellung und unsere Damen

Voller Elan hatte sich auch unsere Abteilung Information und Presse in das Abenteuer Funkausstellung gestürzt. Extra für die Besucher der Ausstellung war eine 28seitige Broschüre über das ZDF herausgebracht und in 75.000 Exemplaren hergestellt worden. Aufmerksamkeit erweckte das Heft durch die Porträts unserer zwei Ansagerinnen Victoria Voncampe und Edelgard Stößel als Blickfang.

Entsprechend hieß das Heft: "Sie sagen es an: Das Programm des Zweiten Deutschen Fernsehens". Unsere Damen waren innerhalb kürzester Zeit zu großer Popularität gelangt und hatten mit ihrer frischen Natürlichkeit dem ZDF bereits viele Freunde gewonnen.

Übrigens setzte die ARD ebenso auf die hübschen Gesichter ihrer Fernsehdamen: Das Ausstellungsheft präsentierte auf der Titelseite neun Ansagerinnen, darunter Carolin Reiber für den Bayerischen Rundfunk.

Wenn heute Diskussionen darüber geführt werden, ob Fernsehansagerinnen überhaupt nötig seien, so soll daran erinnert sein, daß gerade sie seit Anbeginn des Fernsehens immer den persönlichen Kontakt zu den Zuschauern hergestellt haben, und daß sie heute wie damals das Image eines Senders maßgeblich mitprägen.

Das ZDF tut gut daran, seine Moderatorinnen beizubehalten und sich zu der persönlichen Präsentation seines Programms zu bekennen. Mögen andere das lebendige Wort durch seelenlose Computer-Männchen oder -Weibchen ersetzen !

Die 30.000 Mainzelmännchen aus Plastik

Seelenlos sind hingegen ganz und gar nicht unsere Mainzelmännchen, und unsere bekannten zwei Plastikfigürchen, der Det und der Anton, erblickten damals das Licht der Welt; 30.000 Exemplare fanden bei den Ausstellungsbesuchern reißenden Absatz - wie immer hätten es viel mehr sein müssen.

Keine Besucher aus der Ostzone

Bedrückend bei dieser Funkausstellung war nur der Umstand, daß die Besucher aus der DDR und aus Ostberlin durch Mauer und Stacheldraht daran gehindert waren, das ZDF kennenzulernen.

Denn für den UHF-Bereich empfangsfähige Geräte besaßen sie noch nicht, und die Funkausstellung allein hätte ihnen die Möglichkeit gegeben, sich über das neue Fernsehprogramm des freien Westens zu informieren.

Niemand ahnte, daß 28 Jahre vergehen müßten, bis die Begegnung des ZDF mit unseren Landsleuten aus der DDR auf der Funkausstellung in Berlin stattfinden konnte.

Der Begin mehrerer ZDF-Karrieren

Große Unterstützung fand unser Arbeitsausschuß bei unserem Kollegen Werner Schöne, dem Beauftragten des SFB für den Studiobau. Mehrmals am Tage erschien er in unserem Büro, alle unsere Wünsche setzte er sofort in die Tat um, und ich erinnere mich, daß er einmal sogar ein Päckchen Nägel persönlich vorbeibrachte, weil wir um Nägel gebeten hatten.

Zwei junge Kollegen begannen damals ihre ZDF-Karrieren. Der eine war Hans-Georg Schmidt, in Mainz gerade frisch zum ZDF gekommen und nun unser Freund und Helfer in allen Notlagen. Vom Kaffee- und Brötchenholen bis zur Betreuung hochkarätiger Künstler und prominenter Besucher lernte er das Fernsehgeschäft von der Pike auf kennen in einem Kurzlehrgang ohnegleichen. Heute ist Hans-Georg Schmidt Redaktionsleiter in der HR (Hauptredaktion) Unterhaltung/Wort.

Der zweite wurde Regisseur. Für die Sendung des Kabaretts "Kleine Störung - verursacht durch die 'Wühlmäuse'" am 5.9. war mir ein Regisseur zugeteilt worden, von dem ich gleich zu Probenbeginn merken mußte, daß er weder mit Studioarbeit vertraut war noch ein Gefühl für Kabarett hatte.

Meine Erkundigungen über ihn ergaben, daß er sich seine Meriten als Dokumentarfilmer verdient hatte. Bei uns war er völlig fehl am Platze, und die Sendung drohte zu einer Katastrophe zu werden.

Ich alarmierte Hauptredaktionsleiter Karlheinz Bieber, der mir freie Hand gab für alle notwendigen Entscheidungen, doch war guter Rat teuer, denn wir standen kurz vor der Sendung, und es blieb keine Zeit, einen Fremden für diese Produktion herbeizuholen.

So entschloß ich mich, den Regie-Assistenten, der an der Seite seines ungeschickten Meisters die Vorarbeit mitgemacht hatte, mit der Durchführung der Sendung zu beauftragen.

Der junge Mann bestand glänzend seine Bewährungsprobe, und so begann innerhalb von Minuten die Karriere von Edgar von Heeringen, der seitdem für das ZDF-Programm viele wertvolle Beiträge geleistet hat.
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Und : Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen (Ein Spruch von REVOX)

Und noch etwas anderes ist mir in Erinnerung geblieben. Jeder, der an einer Funkausstellung mitgearbeitet hat, weiß, daß eines der schwierigsten Probleme darin besteht, durch die flanierenden Menschenmassen rechtzeitig zum Einsatzort zu kommen.

Unsere zwei Imageträgerinnen Victoria Voncampe und Edelgard Stößel waren davon besonders betroffen. Überall, wo sie auftauchten, waren sie sofort von Menschen umringt, die sie zum Programm des ZDF beglückwünschten und um Autogramme baten.

Einmal war Edelgard Stößel auf dem Weg zum Studio in solch einen Pulk von Verehrern geraten, aus dem ich sie loseisen mußte. An ihrer Seite befand sich ein junger Mann, der gerade aus Mainz gekommen und mit ihr durch die Hallen gegangen war. Es bot sich ihm die Gelegenheit, die unglaubliche Breitenwirkung eines Mediums kennenzulernen, das in der Lage war, Tag für Tag Millionen von Zuschauern in seinen Bann zu ziehen, sicherlich eine wertvolle Erfahrung für seinen weiteren beruflichen Weg. Der junge Mann von damals ist heute unser Intendant.

Der Ausblick eines alten ZDF Mannes .........

Vor 30 Jahren: Das erste Engagement des ZDF auf der traditionsreichen Funkausstellung in Berlin. Zudem ein erfolgreiches, das uns noch tiefer ins Bewußtsein der Fernsehzuschauer rückte.

Wie schon zu Sendebeginn am 1. April 1963 war das ZDF sofort voll da, als ebenbürtiger Partner der mehr als zehn Jahre älteren ARD. Wie alles damals, war es eine Pioniertat.

Wenn heute Kräfte dabei sind - auch im eigenen Hause - die Existenzfähigkeit des ZDF zu zerreden, dann hilft vielleicht ein Rückblick auf vergangenen Zeiten, als das neue Programm noch längst nicht abgesichert war, schon garnicht in finanzieller Hinsicht. Wer die Mitarbeiter so zu motivieren versteht, wie es in den Gründerjahren selbstverständlich war, der sichert auch die Zukunft des ZDF.

von Günter Bartosch im Juni 1993
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