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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
Die Einstiegsseite zu den vielen Seiten beginnt hier.

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Gutenberg und das Fernsehen

Ein Bericht von Günter Bartosch  im Sept./Okt. 2000

Die Stadt Mainz feiert bekanntlich das Gutenberg-Jahr« Dafür gibt es gleich mehrere Anlässe: Gutenberg wurde in Mainz geboren, aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1400 - also vor 600 Jahren-, um das Jahr 1450 - also vor 550 Jahren - verfügte er in Mains über jene Werkstatt, in der er den ersten Buchdruck mit Hilfe seiner Erfindung, den beweglichen Lettern und dem Schriftsatz, begann, und vor 100 Jahren wurde in Mainz das weltweit renommierte Gutenberg-Museum gegründet.

Hinzu kommt, daß dieser Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, just in Amerika zur bedeutendsten Persönlichkeit des zuende gehenden Jahrtausends, zum Mann des Milleniums, gekürt wurde - und niemand hat widersprochen.

Also: Allen Grund für Mainz, stolz das Gutenberg-Jahr zu begehen. Und das in Mainz beheimatete ZDF hat ja immerhin noch ein halbes Jahr Zeit, dem Mann des Milleniums in einer großen Dokumentation und einem attraktiven, historischen Fernsehspiel die Ehre zu erweisen, die er verdient. (Gibt es überhaupt einen Spielfilm über Gutenberg ? Nein !)

Die Gutenberg-Erfindung und das Fernsehen ?

Was aber hat Gutenberg, dessen Erfindung vor rund 550 Jahren zum Leben erweckt wurde, mit dem heutigen Fernsehen zu tun ? Sehr viel, eigentlich alles, denn das Fernsehen arbeitet nach dem gleichen Prinzip, das Gutenberg erfand!

Buchdruck hatte es ja schon vor Gutenberg gegeben, speziell von holzgeschnitzten Platten. Er aber erdachte die aus einer Metalllegierung handgegossenen Lettern, mit denen er jeden x-beliebigen Text zusammensetzen konnte - daher der Begriff "Schriftsatz". So setzte er zunächst Buchstabe für Buchstabe und mit Zwischenräumen die einzelnen Zeilen und fügte dann diese Zeilen zu einer Seite zusammen.

Nicht nur mit dieser Erfindung war Gutenberg ein Glücksfall für die Menschheit, sondern auch darin, daß er ein geschickter Handwerker und ein ebenso begabter wie gewissenhafter Künstler war. So schuf er hochwertige Lettern, die ein schönes Schriftbild ergaben, und setzte die Zeilen auch so, daß exakte Kanten entstanden. Das ungleiche Auslaufen der Zeilen an der rechten Schriftkante, der sogenannte Flattersatz, den wir heute oft auch bei Büchern finden, ist demgegenüber ein Ausdruck unserer heutigen oberflächlich gewordenen Zeit.

Ein aus Einzelteilen zusammengesetztes Schriftbild pro Seite

Also: Gutenberg lieferte ein aus Einzelteilen zusammengesetztes Schriftbild pro Seite, das oben links seinen Anfang nahm, von rechts hinten einer Zeile auf die nächste Zeile nach links vorn übersprang, bis es, abwärts verlaufend, am Ende der letzten Zeile rechts unten endete - natürlich so, wie man seit ewigen Zeiten schrieb, zuumindestens im Abendland. Es entstand eine gedruckte Buchseite.

Genauso strukturiert ist ein Fernsehbld, wenn man es einzeln beurteilt. Sicherlich ist bekannt, daß das Fernsehen, rein technisch, mit 25 Bildern pro Sekunde abläuft. Es ist damit in dieser Zeitspanne um ein Bild schneller als der Ablauf eines Spielfilms im Kino. Doch das Filmbild ist eine durchleuchtete Fotografie, gewissermaßen eine ständige Aneinanderreihung fortlaufender Dias. Das Fernsehbild hingegen wird elektronisch durch unterschiedlich aufleuchtende Punkte erzeugt.

Der Bildschirm, gern auch Mattscheibe genannt, besteht aus einer riesigen Zahl solcher kleinen Punkte. Die Fläche eines Farbbildschirms ist mit rund 1,2 Millionen Leuchtsubstanz-Pünktchen bedeckt ? Je 400.000 davon leuchten beim Auftreffen eines Elektronenstrahls - je nach Information - in den Grundfarben Rot, Grün oder Blau, woraus sich durch Mischung alle anderen Farben ergeben.

Im Prinzip das, das Gutenberg auch machte

Diese ca. 1,2 Millionen Pünktchen pro Bild sind,im Prinzip das, was Gutenberg mit seinen einzelnen Lettern pro Seite erstellte. Sie entsprechen dem Raster eines gedruckten Bildes, dessen Gesamteindruck sich aus mehr oder minder großen Punkten ergibt. Die drucktechnische Rasterung eines Bildes kannte Gutenberg zwar noch nicht, doch wer wollte bestreiten, daß auch ein gedrucktes Bild sich aus Einzelteilen zusammensetzt. Gutenbergs Druckverfahren läßt sich übrigens an jeder Schreibmaschine studieren. Tippt man allerdings einen einzelnen Buchstaben auf den Computer-Bildschirm, besteht dieser allein schon über mehrere Zeilen aus so vielen Lichtpunkten, daß man sie garnicht zählen kann.

So, wie wir eine Buchseite lesen - Zeile für Zeile abwärts, von links oben nach rechts unten -, so huscht ein Elektronenstrahl über die Pünktchen des Bildschirms und läßt sie nacheinander aufleuchten. Das geht natürlich mit Blitzgeschwindigkeit vor sich. Ist der Elektronenstrahl unten rechts am Endpunkt angelangt, endet ein Bild. Der Strahl springt zurück nach links oben und beginnt von dort, das nächste Bild Zeile für Zeile zu zeichnen. Und so fort, wie gesagt: 25 Bilder pro Sekunde.

Das Fernsehbild wuchs von Jahr zu Jahr

Die Qualität des Farbbildes ist abhängig von der Zeilenzahl. Diese beträgt bei unserer heutigen Norm 625 Zeilen. Begonnen hat das Fernsehen Ende der 1920er Jahre mal mit 30 Zeilen - Sie können sich ausmalen, wie schlecht das Bild damals war. Die Einführung der 180-Zeilen-Norm 1934 war da schon ein großer Fortschritt, doch "ansehnlicher" wurde das Bild erst 1937 mit der Einführung der 441-Zeilen-Norm, die bis Kriegsende Verwendung fand.

Aber etwas war beim Fernsehen doch anders

Erwähnt sei aber eine Abweichung vom Gutenberg-System, eine für den Fernsehzuschauer sehr segensreiche Erfindung von 1930: Das Zeilensprung-Verfahren. Der Elektronenstrahl eilt nicht direkt von Zeile zu Zeile nach unten, sondern fügt ein Bild aus zwei Halbbildern zusammen, indem er erst die ungeraden Zeilen 1-3-5 usw. durchläuft, dann nach oben zurückspringt und nun die geraden Zeilen 2-4-6 usw. "schreibt". Das hat seinen guten Sinn, denn so wird eine unangenehme Eigenschaft des elektronisch erzeugten Bildes verhindert: Das Flimmern. Das sogenannte Zeilensprung-Verfahren beseitigt eine sonst auftretende Flimmerstörung.

Beim Drucken die seitenverkehrten Buchstaben

Gutenberg mußte drucken, d.h. seine mit seitenverkehrten Buchstaben im Handsatz hergestellten Zeilen zur Seite zusammenstellt, sie in einen Schließrahmen fassen, in einen Druckstock geben, Farbe auftragen und mit Hilfe einer Druckerpresse auf Papierseiten pressen. Ein Fernsehbild muß aufgenommen werden.

Nicht so beim Fernsehen

Die Fernsehkamera arbeitet entsprechend wie die Wiedergabeseite des Bildschirms. Ein Elektronenstrahl tastet in der Kamera das aufzunehmende Bild ab - in Grau- oder Farbtönen mit der jeweils entsprechenden Intensität -, und dieser Strahl wird dann mit Hilfe der Funktechnik zum Empfänger übertragen, wo er sich - wie beschrieben - wieder sichtbar macht. Um das nocheinmal klar zu sagen: Das geschieht in Einzelpunkten und zeilenweise von links oben bis rechts unten wie bei einer Buchseite.

Während wir aber auf einer Buchseite noch jeden einzelnen Buchstaben betrachten können, vermittelt uns der Elektronenstrahl durch seine enorme Geschwindigkeit einen vermeintlich vollen Bildeindruck. Das hängt mit der Trägheit des Augensinnes zusammen, der die schnell gelieferten Einzelpunkte genauso wenig wahrnehmen kann wie die 24 Einzelbilder pro Sekunde eines Films.
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Gutenberg und das Fernsehen haben also vieles gemeinsam ...

..... denn seine Erfindung und die des Fernsehens arbeiten nach dem gleichen Prinzip. Doch während Gutenberg - zu Recht - geehrt wird, ist der Erfinder des Fernsehens weitgehend unbekannt.

Es war der 23jährige deutsche Student der Naturwissenschaften Paul Nipkow, dem 1884 in Berlin das Patent für ein "Elektrisches Teleskop" zuerkannt wurde. Wie Gutenberg mit seinen einzelnen Lettern ein lesbares Schriftbild zusammensetzte, so erdachte Niplow die Zerlegung eines Bildes in einzelne Punkte auf elektrischem Wege und die dadurch mögliche Übertragung.

Wie Gutenbergs Buchseite aus Zeilen zusammengefügt wurde, so ersann Nipkow zur Erzeugung der Bildpunkte eine Scheibe mit Löchern, die spiralförmig von außen nach innen eingestanzt waren, so daß die Abtastung des Bildes durch die sich schnell drehende Scheibe zeilenweise von oben nach unten erfolgte, bis das oberste Loch wieder an der Reihe war.
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Natürlich war die erste Idee ziemlich primitiv, aber genial

Nipkow hatte in seiner Patentschrift 24 Löcher vorgesehen; das hätte also ein Fernsehbild von 24 Zeilen ergeben. (Es war bereits erwähnt worden, daß das Fernsehen mit 30 Zeilen begann.) Nipkow war seinerzeit nicht dazu gekommen, seine Erfindung zu realisieren. Aus Geldmangel mußte er auch sein Patent verfallen lassen. Andere haben dann später seine Idee aufgegriffen;
den letzten Schliff aber bekam sie erst durch die Elektronik unter Verwendung der Braunschen Röhre.

Nipkows Prinzip der "Zerlegung eines Bildes in Einzelpunkte und die Übertragung in Zeilen ist allerdings bis heute gleichgeblieben. Gutenberg konnte zwar seine Erfindung noch selbst zur Anwendung bringen, er hatte aber keinen finanziellen Nutzen davon, da sie ihm sein Mainzer Förderer Johann Fust in echt monopolkapitalistischer Weise abluchste.

Paul Nipkow wurde 1935 auch erst sehr spät geehrt.

Paul Nipkow wurde 1935 noch spät geehrt, indem das in Berlin installierte Fernsehen mit der Bezeichnung "Fernsehsender Paul Nipkow" an die Öffentlichkeit trat, doch starb er am 24. August 1940, zwei Tage nach seinem 80. Geburtstag, in bescheidenen Verhältnissen als Rentner. Das war vor 60 Jahren. Seiner gedenkt niemand, nicht einmal das Fernsehen, dessen technisches Prinzip er erfand.

Obwohl heute das moderne Fernsehbild auf elektronischem Wege mit Einsatz der Braunschen Röhre erzeugt wird, ist Nipkows Prinzip der Zerlegung eines Bildes in Einzelpunkte und die Übertragung in Zeilen bis in die Gegenwart gleichgeblieben. Doch während Gutenberg - zu Recht - geehrt wird, ist Paul Nipkow, der Erfinder des Fernsehens, weitgehend unbekannt. Das hat er nicht verdient.
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  • Anmerkung : Dieser Artikel ist etwas geschönt, denn in etwa das gleiche Prinzip der Zerlegeung eines Bildes in Zeilen und Reihen von Punkten hatten - ohne voneinander zu wissen - andere Vordenker auch bereits gerdacht.

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Ein Bericht von Günter Bartosch  im Sept./Okt. 2000
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