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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
Die Einstiegsseite zu den vielen Seiten beginnt hier.

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Wer war der erste, der im deutschen Fernsehen eine richtige "Rolle" spielte ?

Ein fernseh-historischer Bericht von Günter Bartoschim Oktober 1990

Die verblüffende Antwort lautet: Der Alte Fritz ! Vor rund 55 Jahren ! Und das kam so:

Am 22. März 1935 war in Deutschland der Beginn des ersten regelmäßigen Fernsehprogrammdienstes der Welt verkündet worden - Hals über Kopf.
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Am 22. März 1935 - schneller als die Anderen

Obwohl das Vorhaben damals in der nationalsozialistischen Ära mit der propagandistischen Absicht gestartet wurde, allen anderen Nationen, und speziell den Engländern, mit der offiziellen Einführung des Fernsehens zuvorzukommen, handelte es sich nicht um eine Staatsaktion des Regimes.

In den medienpolitischen Vorstellungen des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hatte das Fernsehen, das wegen fehlender Geräte damals nur von etwa 100 Auserwählten gesehen werden konnte, keinen Raum.

Der neue Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky

Sein vornehmliches Interesse galt dem Rundfunk als Massenpropagandainstrument sowie dem Film als Träger nationalsozialistischer Kulturvorstellungen. Umsomehr engagierte sich der von Goebbels eingesetzte Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky für das Fernsehen.

Der gerade erst dreißigjährige Nationalsozialist Hadamovsky, dem Goebbels in der Rundfunkpolitik nicht viel Spielraum ließ, sah im Fernsehen einen Bereich, in dem er sich selbst profilieren konnte.

Ihm gebührt allerdings die Anerkennung, die Möglichkeiten des Fernsehens und die Bedeutung, die es erlangen konnte, schon damals richtig erkannt zu haben.

Von all denjenigen, die die neue Bewegung des "Dritten Reiches" in staatspolitische Leitungspositionen geschwemmt hatte, war Hadamovsky der einzige, der dem Fernsehen gegenüber aufgeschlossen war und dessen Entwicklung förderte. Dazu gehörte auch die von ihm ausgehende Initiative, den offiziellen Programmdienst in einer Hauruck-Aktion ins Leben zu rufen.

Die Anderen wären zu langsam gewesen

Wenn es nach der elektrotechnischen Industrie und der für die Fernsehversuchssendungen zuständigen Deutschen Reichspost gegangen wäre, hätte sich der offizielle Beginn noch um mindestens ein Jahr verzögert.

Das hatte seinen guten Grund darin, daß die technische Entwicklung gerade begonnen hatte, sich elektronischer Mittel zu bedienen, während das seit 1928 mit Versuchssendungen durchgeführte Fernsehen noch nach der Methode mechanischer Abtastung arbeitete.

Hadamovsky aber drängte unter dem Propagandaaspekt "Wir Deutsche müssen die ersten sein" zur sofortigen Umwandlung der Versuchssendungen in einen regelmäßigen Programmbetrieb.

Der Erznazi tönte : "das Bild des Führers in alle deutschen Herzen zu pflanzen"

Kühn tönte er in seiner Eröffnungsansprache, mit Hilfe des Fernsehens sei der Rundfunk dazu berufen, "die größte und heiligste Mission zu erfüllen: das Bild des Führers tief und unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen", und schickte an Hitler und Goebbels entsprechend klingende Telegramme.

Im Grunde war die Aktion nur ein Coup des Reichssendeleiters, dazu bestimmt, für sich Aufmerksamkeit zu wecken und seiner Reichsrundfunkgesellschft (RRG) Einfluß auf die Programmgestaltung zu verschaffen.

Die Reichspost und die Reichsrundfunkgesellschft (RRG)

Bisher hatte die Reichspost, die ohnehin schon regelmäßige Fernsehversuchssendungen durchführte, die Programme - in erster Linie Filmabspielungen - selbst veranstaltet.

Sie blieb zwar weiter für die technische Durchführung des Fernsehens verantwortlich und gestaltete noch immer das Programm der Versuchssendungen, doch für das Programm am Abend erklärte sich die RRG zuständig.

Zunächst aber, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, änderte sich faktisch nichts, da die jahrelangen Erfahrungen der Reichspost nicht ohne weiteres zu ersetzen waren.

  • Anmerkung : Das blieb auch nach dem Krieg so, bei uns wurde es rechtschnell reglementiert, diePost war nur noch für Senden zuständig. In der Sowjetisch besetzten Zone war es etwas anders.


Auch blieb die Reichspost dabei, alle Fernsehausstrahlungen als Versuchssendungen zu bezeichnen, was im Hinblick auf die noch lange nicht abgeschlossene technische Entwicklung - auch in Bezug auf die Sendekapazität - durchaus richtig war.

Fernsehen für den Führer und weitere 100 Personen

Auf die Frage von Journalisten, wer denn nun schon Teilnehmer am Fernsehen sein könne, antwortete der von Hadamovsky mit der Leitung des Fernsehprogramms der RRG beauftragte stellvertretende Sendeleiter Carl-Heinz Boese bezeichnenderweise:

"Selbstverständlich besitzt der Führer einen Fernsehempfänger. Auch der Chef des deutschen Rundfunks und damit auch der Chef des deutschen Fernseh- Sendewesens, Reichsminister Dr. Goebbels, kann sich mit seinem Fernseh-Empfänger jederzeit über die Entwicklung des Fernseh-Sendebetriebs informieren.

Ferner dürften heute bereits über Fernseh-Empfänger alle Kreise des Funkschaffens verfügen, die an den technischen und künstlerischen Fortschritten des Fernsehens unmittelbar interessiert sind."

Massiver Druck auf Reichspost und Industrie

Das war bislang alles, doch förderte Hadamovskys Initiative und der von ihm massiv ausgeübte Druck auf Reichspost, elektrotechnische Industrie und Fachhandel mit der Auflage, gemeinsame Anstrengungen für den Ausbau und die Popularisierung des Fernsehens zu unternehmen, zweifellos das allgemeine Interesse und die weitere rasche Entwicklung.

Das erste offizielle Fernsehprogramm in Berlin am Abend des 22. März 1935 von 20.30 - 22.00 Uhr unterschied sich in nichts von der Art des Programms, wie es zuvor schon im Versuchsdienst gesendet wurde.

Schallplatten in der Filmpause

Es lief ausschließlich vom Film unter Einsatz des im Fernsehlaboratorium der Deutschen Reichspost in der Rognitzstraße 8 stehenden (einzigen !) Filmabtasters. In den durch Filmwechsel notwendigen Unterbrechungen wurde ohne Bild (!) Musik von Schallplatten gesendet.

Ansagen erfolgten ebenfalls ohne Bild. Das Programm bestand aus einer kurzen (gefilmten) Ansprache des Reichssendeleiters, danach folgte ein Zusammenschnitt aus Filmstreifen, die bei den NS-Großkundgebungen der letzten Jahre aufgenommen worden waren.

Als aktueller Beitrag lief eine Bilderfolge der wenige Tage vorher stattgefundenen Berliner Feier zum Heldengedenktag. Ein Ufa-Tonfilm "Mit dem Kreuzer 'Königsberg1 in See" schloß sich an. Den Abschluß bildete ein Trickfilm der Ufa.

Ein richtiges Fernsehprogramm ab 7. April 1935

Das allgemeine Programm war ein Wochenprogramm, das sich an den Fernsehtagen Montag, Mittwoch und Sonnabend wiederholte.

Für die Woche vom 7. bis zum 13. April 1935 war ein Programm angekündigt, das "Bilder der Woche" enthielt, ferner ein Kultur-Tonbild "Was die Isar rauscht", einen Handwerkerbericht "Von der Hand für die Hand" und ein Lustspiel "Die ideale Wohnung". Das Fernsehen präsentierte sich als Filmabspielbetrieb. Von einem eigenständigen Programm konnte nicht die Rede sein.

Doch Hadamovskys Husarenstreich brachte alle am Fernsehen beteiligten Kräfte in Zugzwang. Schon am 9. April 1935 trat das neue Fernsehen an die öffentlichkeit.

Ganz neu - ein "Lichtstrahl-Personen-Abtaster"

Die Deutsche Reichspost eröffnete im Berliner Reichspost-Museum die erste für alle "Volksgenossen" zugängliche öffentliche Fernsehstelle. Zugleich wurde für die Sendungen ein neuer "Lichtstrahl-Personen-Abtaster" in Betrieb genommen.

Der Fernsehraum im Postmuseum bot Platz für etwa 30 Personen, die auf zwei Empfängern mit einer Bildfläche von 18 zu 22cm das Programm verfolgen konnten.

Ursula Patschke und Annemarie Beck - zwei deutsche Namen

Was am 9. April (und auch einen Tag später, wegen der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Raumes) der Presse vorgeführt wurde, bekam nun schon buchstäblich Gesicht.

Zum ersten Mal im offiziellen Programm begrüßte eine Fernsehansagerin die Zuschauer, und zwar direkt und unmittelbar, nicht auf dem Weg über eine Filmaufnahme.

Die junge Dame hieß Ursula Patschke; der Chef des Fernseh-Referats beim Reichspostzentralamt (RPZ), Dr. Kurt Banneitz, hatte sie kurz vorher wegen ihrer frischen natürlichen Art engagiert.

Da es den Etatposten "Fernsehansagerin" nicht gab, wurde sie als "Postfacharbeiterin" mit 300 Mark Monatsgage bezahlt; damals ein recht gutes Gehalt. Neben ihr erschien eine zweite Ansagerin auf dem Bildschirm: Annemarie Beck. Das hatte seinen Grund, denn Annemarie Beck hatte blondes, Ursula Patschke dunkles Haar, und auf optische Kontraste kam es damals an.

Wichtig : seit Frühjahr 1934 Fernsehen mit Ton

Die beiden Damen improvisierten bei der Präsentation am 9. April 1935 Gespräche und kurze Darbietungen zur Demonstration direkter Fernsehübertragung. Eine gestaltete Handlung war das nicht.

"Personenabtastung" hatte es auch schon vielfach im Versuchsprogramm gegeben; seit Frühjahr 1934 war der Ton hinzugekommen, und Ansagen wurden gemacht. Doch ein eigenständiges Programm des Fernsehens hatte sich nicht entwickelt.

Endlich, am 13. Mai 1935, lief nun das erste vollständig gestaltete Fernseh-Programm über den Sender - womit wir beim Alten Fritz wären.

Der "Alte Fritz" war Otto Gebühr

Der Anlaß war ein besonderer und wieder ein Stück Fernsehgeschichte: Es wurde die zweite öffentliche Fernsehstube eröffnet, und zwar in Potsdam. Zum ersten Mal gab es offiziellen und regelmäßigen Fernsehempfang außerhalb Berlins und in einer Entfernung von rund 20km vom Sender. Als Empfangsstelle war der Vortragssaal der Potsdamer Reichspostdirektion eingerichtet worden.

Das Fernsehprogramm dieses Tages war gänzlich auf das Ereignis abgestimmt - das Thema war "Potsdam". Ursula Patschke hatte sich für ihre Ansage etwas besonderes ausgedacht. Von einer Schallplatte ließ sie das berühmte Glockenspiel der Garnisonkirche einspielen und schnitt zum Auftakt ihrer Ansage aus Krepp-Papier Silhouetten "langer Kerls", die sie an die Wand ihres winzigen "Studios", der Abtastkabine, einer verdunkelten Telefonzelle gleich, als Dekoration heftete.

Nach dieser Einleitung kündigte sie eine für Fernsehzwecke verkürzte Fassung des 1930 gedrehten Ufa-Films "Das Flötenkonzert von Sanssouci" an.

Eine fürstliche Gage von 50 (Reichs-) Mark als Ansager

In einer durch Filmspulenwechsel bedingten Pause erschien der Alte Fritz aus der Abtastkabine auf dem Bildschirm - sozusagen leibhaftig - und hielt "seinen" Potsdamern eine Rede, allerdings eine von 1751, die Ansprache an seine Soldaten vor der Schlacht bei Leuthen.

Für den Auftritt in dieser Rolle hatte die Post den durch seine Fridericus Rex-Darstellungen berühmt gewordenen Filmschauspieler Otto Gebühr gewonnen - er soll die fürstliche Gage von 50 (Reichs-)Mark bekommen haben.

Die Ansprache gehörte zu seinem Repertoire, seitdem er 1933 den Film "Der Choral von Leuthen" gedreht, hatte. So weit war man damals noch nicht, sich den Gag zu machen, den Alten Fritz über das neue Wunder des Fernsehens sprechen zu lassen; dazu hätte man einen Autor und einen Regisseur benötigt, die man noch nicht hatte.

Nach der Rede von Friedrich dem Großen wurde der Ufa-Film fortgesetzt, und bevor zum Abschluß des Programms ein Propaganda-Ausschnitt vom nationalsozialistischen "Tag von Potsdam" vom 21. März 1933 gezeigt wurde, führte Ursula Patschke zur Demonstration direkten Fernsehens via Bildschirm ein Telefongespräch mit einem in der Potsdamer Empfangsstelle anwesenden Pressevertreter.

Die neue Güte des direkten Abtastverfahrens

Der reibungslose Empfang der Fernsehsendung fand allgemeine Anerkennung, und die Presse schrieb dazu: "Die Vorführung, die einen Beweis für die 'Betriebssicherheit' des Fernsehsenders brachte und auch den Beweis für die Güte des direkten Abtastverfahrens ergab, zeigte gleichzeitig, daß der Programmarbeit und den künstlerischen Gestaltungsfragen nunmehr der Weg offen steht."


So kam es also, daß der Alte Fritz die buchstäblich erste Rolle im deutschen Fernsehen spielte und Otto Gebühr der erste Fernsehdarsteller im ersten thematisch gestalteten Programm war. Rund 55 Jahre ist es her. Schon oder erst ?

Vier weitere Fernsehstuben

PS: Um den Bericht abzurunden, sei das folgende hinzugefügt. Am 15. Mai 1935 wurden im Stadtgebiet von Berlin vier weitere Fernsehstuben unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eröffnet. Da die interessierten Zuschauer im Verlauf des Programms schubweise ausgewechselt wurden, mögen an diesem Abend etwa 500 Personen an der Fernsehvorführung teilgenommen haben. - Die Fairneß auch gegenüber einem eingefleischten Nationalsozialisten gebietet festzuhalten, daß der Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky dem Fernsehen in Deutschland zu einem Zeitpunkt Impulse gab, als es in Gefahr war, wegen mangelnder Verwendbarkeit für die Massenpropaganda der Nationalsozialisten auf ein Abstellgleis geschoben zu werden.

Damit wurde nicht nur die Entwicklung in Deutschland gefördert, sondern auch in allen Industrieländern der Welt vorangetrieben. Nicht zuletzt infolge seiner eigenwilligen Aktivitäten geriet Hadamovsky bei seinem Chef Joseph Goebbels mehr und mehr in Ungnade. 1942 wurde er seiner politischen Posten enthoben. Er meldete sich zur Wehrmacht und fiel 1944 als Panzeroffizier an der Ostfront.

Eugen Hadamovsky fällt am 1. März 1945 nahe dem pommerschen Rummelsburg (heute: Miastko, Polen).
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Ein fernseh-historischer Bericht von Günter Bartoschim Oktober 1990
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