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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
Die Einstiegsseite zu den vielen Seiten beginnt hier.

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UNTERM FUNKTURM IN BERLIN

Anmerkungen zur diesjährigen Funkausstellung von Günter Bartosch am 17. Juni 1991

Das ZDF rüstet sich zur Teilnahme an der "Internationalen Funkausstellung Berlin" vom 30. August bis zum 8. September 1991 und zur persönlichen Begegnung mit seinen Zuschauern. Zum ersten Mal in unserer Geschichte können auch Freunde aus Ost-Berlin und der ehemaligen DDR direkt Kontakt aufnehmen mit dem ZDF. Sind wir uns bewußt, daß es ein historisches Ereignis für uns ist ?

Das "Tal der Ahnungslosen" rund um Dresden

Als das ZDF sich 1963 zum ersten Mal auf der Funkausstellung in Berlin der Öffentlichkeit vorstellte - nur wenige Monate nach Sendebeginn -, da waren die Fernsehzuschauer in der damaligen DDR ausgesperrt, ja sie konnten unser Programm nicht empfangen, da ihre Geräte nicht für den UHF-Bereich eingerichtet waren. Umso wichtiger wäre die persönliche Bekanntschaft gewesen, doch die Mauer verhinderte das Zusammenkommen.

Noch bis vor kurzem gab es das "Tal der Ahnungslosen" im Gebiet um Dresden, in dem das ZDF-Programm nicht zu empfangen war. Jetzt können uns auch die Dresdner besuchen - auf der Funkausstellung in Berlin.

Vor 52 Jahren ..

Übrigens ist es 52 (!) Jahre her, daß die Berliner aus Ost und West gemeinsam in der deutschen Hauptstadt an einer Funkausstellung teilnehmen konnten.

Die letzte dieser Ausstellungen unterm Funkturm fand im August 1939 statt, wenige Tage später begann der verhängnisvolle Krieg. Erst 1961 konnte die Tradition der Berliner Funkausstellungen, die 1924 begonnen hatte, fortgesetzt werden.

Damals - genau 30 Jahre ist es her ! - war wenige Tage vorher die Mauer errichtet worden, die West-Berlin zu einer Insel machte und die "Bürger der DDR" in einem Staatsgefängnis einsperrte.

Ich erinnere mich des Entsetzens der Industrie, die sich für 1961 gerade entschlossen hatte, nach Funkausstellungen in Düsseldorf und Frankfurt/Main, endlich wieder nach Berlin zurückzukehren. Alle befürchteten nun einen drohenden wirtschaftlichen Mißerfolg des Engagements für Berlin.

Doch es waren die Funk- und Fernsehschaffenden und die Bürger West-Berlins, die die Funkausstellung 1961 zu einem Fanal für die Freiheit Berlins und gegen die Unterdrückung durch, die sowjetisch-kommunistischen Machthaber werden ließen.

Die politische Rolle der Funkausstellung 1961

Nie zuvor und nie wieder seitdem spielte eine Funkausstellung eine so herausragende politische Rolle wie die von 1961. Der Bedrohung zum Trotz, die wieder zu einer Berliner Blockade hätte führen können, bewies die Funkausstellung vor aller Welt die Standhaftigkeit der Berliner und die wirtschaftliche Kraft und Überlegenheit des Westens !

Zehn Jahre vorher - 1951, also vor nunmehr 40 Jahren - war Berlin wieder zur Fernsehstadt geworden. Zum ersten Mal nach dem Krieg und einer Zwangspause seit 1944 konnten die Berliner wieder ein deutsches Programm auf einem Bildschirm sehen.

Als die Engländer deutsches Fernsehen erlaubten

Dafür gab es gleich zwei Anlässe. Die Bemühungen, das Fernsehen in Deutschland nach dem Kriege wiederzubeleben, hatten in Hamburg schon zum Erfolg geführt. Die dortige Besatzungsmacht - Großbritannien - war als erste bereit, Deutschland das Fernsehen wieder zu gestatten.

Nun - 1951 - war das erste Studio in Betrieb, der erste Ü-Wagen war (bei der FESE) bestellt, und die Versuchssendungen liefen. Auch beim NWDR Berlin im britischen Sektor arbeitete bereits eine Mannschaft an der Vorbereitung von Fernsehsendungen.

Irgendwie waren dann die Amerikaner im Zugzwang

Das muß die Amerikaner bewogen haben, ihrerseits Aktivitäten in die Wege zu leiten. Kurzfristig kündigte HICOG- (die amerikanische High Commission of Germany) im August eine großangelegte Fernseh-Demonstration der US-Fernsehanstalten RCA und CBS für Berlin an.

Der RIAS sollte es "machen"

Der Berliner Rundfunk-Sender RIAS wurde dazu ausersehen, das Programm zu veranstalten. Zur Vorbereitung waren nur drei Tage Zeit. Ad hoc wurde eine Freilichtbühne im Schöneberger Stadtpark vor dem U-Bahnhof Rathaus Schöneberg gezimmert, auf der das Programm stattfinden sollte, während man davor im Park zehn Empfangsgeräte als "Fernsehstraße" aufstellte und den Sender im Turm des Rathauses installierte.

Etwa 100 Fernsehgeräte im westlichen Stadtgebiet

Insgesamt wurden rund 100 Fernsehgeräte über das westliche Stadtgebiet verteilt, die in der Regel in den Schaufenstern der Rundfunkgeschäfte aufgestellt wurden. Hinzu kamen zwei Großprojektionsflachen an der Potsdamer Brücke am Rande des Tiergartens und in der Wielandstraße am Kurfürstendamm.

Ferner war das Fernsehen auch im Amerikahaus am Nollendorfplatz möglich. Der Autor dieser Zeilen ist ein bißchen stolz darauf, daß er im Rahmen dieser Aktion zu den Ersten gehörte, die in der traditionsreichen Fernsehstadt Berlin nach dem Krieg wieder Fernsehprogramme veranstalteten.

Hans Rosenthal und Günter Körste und andere dabei

Mit dabei waren Hans Rosenthal und Günter Körste (heute beim SFB) sowie, als unsere Chefs und Lehrmeister, Werner Oehlschlaeger, Unterhaltungs-Regisseur des "Fernsehsenders Paul Nipkow" der Dreißiger Jahre, und Ivo Veit, ebenfalls künstlerischer Mitarbeiter dieses Senders.

Vom 13. bis zum 26. August wurde täglich von 19.00 bis 23.15 Uhr ein Fernsehprogramm gesendet, das jeweils mit dem Geläut der Freiheitsglocke begann und endete, teilweise vom Film kam, teilweise live auf der Bühne im Stadtpark Schöneberg oder im Titania-Palast veranstaltet wurde.

Ich war ja damals auch noch beim RIAS im Rundfunk-Team

Wir, das Rundfunk-Team, waren begeistert von der Gelegenheit, endlich einmal Zauberer, Jongleure und Tänzer engagieren zu können. Die Berliner kamen zu Tausenden in den Stadtpark mit Klappstühlen, Trittleitern und sogar mit Ferngläsern,und einige besonders kühne hatten sich "Rangplätze" in den Baumkronen verschafft.

CBS bot den Berlinern : Farb-Fernsehen

Unterm Funkturm, im ehemaligen Britischen Pavillon, der inzwischen zum ERP-Pavillon geworden war, bot CBS den Berlinern sogar Farb-Fernsehen !

Edith Schollwer, Maria Beling und die Ansagerin Ann Höling waren die ersten Künstlerinnen, die in Deutschland farbig auf einem Fernsehschirm erschienen. Das buchstäblich "Bunte Programm" hieß "Obst und Gemüse" und war eine vom legendären Kabarettisten Günter Neumann geschriebene Show.

  • Anmerkung : Auch wenn es vielleicht toll war, hatten die Berliner ganz andere Sorgen als Farb-Fernsehen.

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Die Demonstration hatte eine enorme politische Bedeutung

Auch damals - 1951 - hatte die Fernseh-Demonstration eine enorme politische Bedeutung in der Viermächte-Stadt Berlin. Die Machthaber im Osten hatten Berlin zum Ort der "Weltfestspiele" der kommunistischen Jugend gemacht, nicht zuletzt in der Absicht, das freie West-Berlin, das noch die Schrecken der Blockade in Erinnerung hatte, mit dem uniformierten Auftrieb der jugendlichen Massen einzuschüchtern.

Doch die Kommunisten erreichten das Gegenteil ihrer Absicht. Zu Scharen strömten die Mitglieder der FDJ ("Freie Deutsche Jugend") und anderer kommunistischer Jugendorganisationen ins freie West-Berlin, um Bekanntschaft mit der westlichen Welt zu machen, die man ihnen als schrecklich und verabscheuungswürdig geschildert hatte.

Damals schon regte sich in West-Berlin das beginnende Wirtschaftswunder und machte Eindruck auf die jungen Besucher aus der anderen Welt, vor allem aber die freie Presse, der freie Rundfunk, das freie Kulturleben und die Redefreiheit.

Auch Ereignisse wie die Pernseh-Vorführungen hinterließen eine derart nachhaltige Wirkung, daß die kommunistischen Ideologen das freie West-Berlin noch mehr als bisher zu fürchten begannen.

Dann die Deutsche Industrie-Ausstellung im Oktober 1951

Noch eine machtvolle Demonstration des Westens in Berlin folgte kurz darauf: Die Deutsche Industrie-Ausstellung vom 6. bis zum 21. Oktober 1951 in den Messehallen am Punkturm. Hier läutete nun wirklich die Glocke für den Start des Nachkriegs-Fernsehens in Berlin.

Auch diesmal war die Vorbereitungszeit nur kurz, doch das bereits bestehende Fernseh-Team des NWDR Berlin meisterte die Probleme bewundernswert.

Der NWDR schickte seinen neuen Ü-Wagen aus Hamburg, der Berliner Funkturm bekam - mal wieder - eine Fernsehantenne, die Industrie baute in einer Messehalle eine "Fernsehstraße" auf mit 40 der gerade erst fertig gewordenen neuen Geräte (12 Firmen stellten aus), und das Berliner Fernseh-Team des NWDR, unterstützt durch Hamburger Kollegen, veranstaltete Sendungen, die mit täglich fast acht Stunden Dauer einem Mammutprogramm gleichkamen.

Die Attraktion war die "Fernsehstraße"

Damals konnten noch Besucher aus Ost-Berlin und der sowjetisch besetzten Zone teilnehmen. Die "Fernsehstraße" in dieser Ausstellung, die auch sonst viel imposantes zu bieten hatte, wurde zur besonderen Attraktion.

Was die Berliner Fernsehmannschaft unter der Leitung von Heinz Riek, der ebenfalls schon vor dem Kriege beim "Fernsehsender Paul Nipkow" war, als Programm auf die Beine stellte, war wesentlich mehr als eine Generalprobe für das spätere regelmäßige Versuchsprogramm, das anschließend am 25. Oktober in Berlin begann.

So sind mit der diesjährigen "Internationalen Funkausstellung Berlin" viele historische Aspekte verbunden, die bei dieser - auch für das ZDF - traditionsreichen Schau, nicht vergessen sein sollten.

Was der Funkturm als Gastgeber alles gesehen hatte

Neben dem, was vor 50 und 40 Jahren geschah, ist vielleicht noch erwähnenswert, daß der Gastgeber der großen Schau, der Funkturm, der alles unter seine Fittiche nimmt, vor genau 65 Jahren, nämlich am 3. September 1926, seine Tätigkeit als Sender aufnahm.

Ihm, der auch Fernsehgeschichte geschrieben hat, sei ein Dankeschön für seine Standhaftigkeit gesagt. Bleibt als bedeutendstes Ereignis der diesjährigen Funkausstellung, daß endlich wieder alle Deutschen gemeinschaftlich und ungehindert daran teilnehmen und Besucher aus den neuen Bundesländern zum ersten Mal persönliche Bekanntschaft mit dem ZDF machen können !

von Günter Bartosch am 17. Juni 1991

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