Sie sind hier : Startseite →  Die TV-Sender→  Das ZDF (Das "Zweite")→  G.Bartosch - 30 Jahre beim ZDF→  1994 - vor 70 Jahren

Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
Die Einstiegsseite zu den vielen Seiten beginnt hier.

.

DIE ERSTE GROSSE DEUTSCHE FUNKAUSSTELLUNG IN BERLIN

Historischer Bericht von Günter Bartosch vom Okt. 1994

Alle zwei Jahre findet in Berlin die Große Internationale Funk- und Fernsehausstellung statt. Im kommenden Jahr (also 1995) ist es wieder einmal so weit, und der bewährte Kollege Oldwig Jancke ist bereits für das ZDF mit den Vorbereitungen beschäftigt.

Seit 1963 nimmt unser Sender anläßlich der FPunkausstellungen direkten Kontakt mit den Zuschauern auf. Es ist die spektakulärste und nachhaltigste Öffentlichkeitsarbeit zur Selbstdarstellung des ZDFP, die in der Situation der wachsenden Konkurrenz durch private Veranstalter immer wichtiger wird.

Dier Erste dauerte vom 4. bis zum 14. Dezember 1924

1995 ist es die 40. Funkaussteilung und die 18., an der das ZDF beteiligt ist. Vor genau 70 Jahren, vom 4. bis zum 14. Dezember 1924, fand die allererste statt, und das sollte Anlaß sein, jener Unternehmung einige Gedanken der historischen Erinnerung zu widmen, bei der das ZDF in heutiger Zeit maßgeblichen Anteil hat.

Die Radio-Stunde AG, Berlin begann am 29. Oktober 1923

Am 29. Oktober 1923 hatte der deutsche Rundfunk seine Sendungen begonnen, genauer gesagt, es war die "Sendestelle Berlin auf Welle 400" der Radio-Stunde AG, Berlin.

In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs trat zum ersten Mal jenes Medium an die öffentlichkeit, das sich bis heute zur "Unterhaltungselektronik" entwickelt hat.

Von Bertolt Brecht stammt der Ausspruch, nicht die Öffentlichkeit habe auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit.

Anfänglich hörten nur die Radio-Bastler Rundfunk

In erster Linie waren es Bastler, die die ersten Radiosendungen hörten. Sie hatten sich ihren Kristalldetektor selbst zusammengebaut und lauschten mit Kopfhörern jenen musikalischen Klängen, "die etwa ähnlich den schauerlichen Musiktönen" waren, die der heutige Anrufer beim ZDF über sich ergehen lassen muß, wenn er telefonisch weiterverbunden wird.

Nichtsdestotrotz werden wir uns auf der kommenden Funkaussteilung mit Dolby-Surround präsentieren.

Die Operette "Frasquita" machte den Anfang

Das neue Medium "Rundfunk" entwickelte sich überraschend schnell. Schon am 18. Januar 1924 erfolgte die erste Übertragung aus einem Theater anläßlich der deutschen Erstaufführung der Operette "Frasquita" von Eranz Lehar.

Im Berliner Thalia-Theater stand ein einziges Mikrofon und um die Musik aus dem Orchestergraben nicht unmittelbar auf das Mikrofon treffen zu lassen, hatte man einen Papptrichter gebastelt, dessen Öffnung die ganze Bühne erfaßte.

Das Radio fand seine Zuhörer und versprach, ein wirtschaftlicher Faktor zu werden. Dennoch stellte der Syndikus des Verbandes der Radio-Industrie e.V., Dr. Michel, damals fest: "Es ist ungemein schwierig, die infrage kommenden Käuferschichten, bei denen ein besonderes technisches Verständnis nicht vorhanden ist, den Funkgedanken so nahe zu bringen, daß sich ein Interesse für die Sache und aus diesem ein Kaufbedürfnis entwickelt."

Diese Sorgen der Industrie waren es, die die Absicht aufkommen ließen, in der Reichshauptstadt eine große Funkaussteilung zu veranstalten, damit der Rundfunk die öffentlichkeit finden konnte.

Ein Messegelände "Janz weit draußen"

In Berlin-Jott-We-De (Janz weit draußen), an der Peripherie von Charlottenburg hinter Haiensee war ein Messegelände entstanden.

Dort, wo die AVUS-Rennstrecke begann, die sich kilometerweit in den Grunewald erstreckte, war 1914 eine große Automobilhalle für Ausstellungen fertiggestellt worden, die als Sporthalle genutzt wurde.

Eine weitere Halle am S-Bahnhof Witzleben für die Automobilausstellungen kam 1924 hinzu. Die gerade gegründete Gesellschaft mit dem Bandwurmnamen "Gemeinnützige Berliner Messe- und Ausstellungs-G.m.b.H., Berliner Messeamt" förderte die Anlage von geeigneten Messeeinrichtungen.

Ganz aus Holz war das "Haus der Funkindustrie"

Jenseits der Autohallen wurde nun das "Haus der Funkindustrie" errichtet. Die 7.500 qm große Halle wurde von Architekt Heinrich Straumer gänzlich aus Holz gebaut, um Einwirkungen von Metall, speziell von Eisen, auf den Radiobetrieb zu vermeiden.

Die Halle war 130m lang und wies eine auffällige dreistufige Dachkonstruktion auf. Das sehr eigenwillige Bauwerk fiel 1935 einem Großfeuer zum Opfer, bei dem auch die Anlagen des ersten deutschen Fernsehsenders zerstört wurden. Sie stand dort, wo das heutige Gegenüber die Kongreßhalle ist.

Und es gab auch einen ersten "Funkturm"

Gleichzeitig mit der Funkhalle wurde auf dem Gelände dahinter ein Funkturm errichtet - noch nicht der allen bekannte Berliner Funkturm, sondern ein abgespannter 80m hoher eiserner Gittermast, von dessen Oberteil eine mehrdrähtige 60m lange T-Antenne zum Ausstellungsgebäude gespannt war.

Die Eröffnung mußte auf Dezember verschoben werden

Obwohl in Rekordzeit gearbeitet wurde, konnte die erste "Große Deutsche Funk-Ausstellung" 1924 nicht wie vorgesehen am 25. September eröffnet werden, sondern mußte auf die Zeit vom 4. bis 14# Dezember verschoben werden. Dann allerdings waren es schon 250 Firmen, die ausstellten.

Gezeigt wurden die neuesten Geräte der Funkindustrie. Die großen Firmen führten in Empfangskabinen "Superheterodyn-Empfänger" mit sechs oder acht Röhren vor, "3-Röhren-Reflex-Empfänger mit Batterien und Rahmenantenne" und "5-Röhrengeräte mit Sperrkreis".

Wer sich sein Radiogerät lieber selbst bastelte, für den standen Drehkondensatoren, Detektoren, Honigwabenspulen, Sprachfrequenztransformatoren und vieles andere zur Verfügung.

Am Abend wurden Vorträge gehalten und ein Film "Im unsichtbaren Wellenmeer" vorgeführt, der die Rundfunktechnik und die Grundlagen der drahtlosen Übertragung behandelte.

Über 170.000 Besucher wurden in diesen Dezembertagen gezählt, und der noch junge Rundfunk erhielt durch diese erste große deutsche Funkaussteilung starke Impulse.

Der Bau des richtigen Funkturms begann 1925

Schon war die nächste für den September 1925 geplant, ein Zeitpunkt, der dem Handel eine günstigere Ausgangsposition für das Weihnachtsgeschäft bieten sollte.

Und der Bau des Funkturms begann, wobei der Gittermast von 1924 als Montagemast benutzt wurde. 1925 beschirmte der Berliner Funkturm - noch nicht fertiggestellt; seine Einweihung erfolgte erst am 5. September 1926 - als "schlafender Sender" die Funkausstellung. Doch war ein zweiter Gittermast auf dem Gelände der heutigen Kongreßhalle aufgerichtet worden, zu dem die Sendeantenne gespannt war.

Ohne Antennen aber auch kein Empfang !

Die Antenne war zu einem Symbol der Radiohörer geworden. Jeder einzelne benötigte sie, denn es gab damals noch nicht die Möglichkeit, mehrere Empfänger über eine Antenne zu betreiben. Deshalb nahm auch die Antennentechnik einen breiten Raum auf der ersten Funkausstellung ein.

Moderne Menschen hatten so ein Ding, und da war es kein Wunder, daß 1925 der Schlager aufkam: "Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne - tschintarata-radio". Und wenn man heute die Quizfrage stellt, v/elches der typische Satz aus den frühen Tagen des Rundfunks war, so wissen wohl nur noch die Älteren die Antwort.

Täglich zum Sendeschluß erging über den Äther die Mahnung: "Vergessen Sie nicht, Ihre Antenne zu erden."
.
Historischer Bericht von Günter Bartosch vom Okt. 1994
.

Vor 70 Jahren: von Günter Bartosch im Juni 1994

.

Erstes deutsches Fernsehexperiment durch Dr. August Karolus

Zu den wenigen bedeutenden Fernsehpionieren, die in den zwanziger Jahren dazu beitrugen, das Fernsehen zu entwickeln und zur Anwendungsreife zu bringen, gehörte der deutsche Physiker Dr. August Karolus.

Er hatte in den Jahren 1923/1924 in seinem Labor an der Universität Leipzig zwei Fernsehapparaturen gebaut unter Verwendung von Nipkowscheiben zur Bildzerlegung und -wiedergabe.

Sie besaßen 48 Löcher, ergaben somit die entsprechende Zeilenzahl. Karolus bezeichnete seine zwei Geräte als den "großen Apparat", der ein Bild von der Größe 6cm x 8cm erzeugte, und den "kleinen Apparat" mit der Bildgröße 3cm x 4cm.

Nun ging es für ihn darum, eine Firma der Nachrichtentechnik zu finden, die die technische Fertigung der Apparate und mit ihm zusammen die Weiterentwicklung übernehmen würde.

Eine Vorführung für Dr. Graf Arco in Leipzig

Durch Vermittlung seines Studienkollegen Prinz Reuss, Heinrich XXXVI., konnte Karolus im August 1924 (vermutlich war es der 20.8.) in Leipzig eine Vorführung für Dr. Graf Arco, dem technischen Direktor und Vorstandsmitglied der Telefunken-Gesellschaft, und Dr. Fritz Schröter, Abteilungsdirektor bei Telefunken, veranstalten.

Eine mündliche Überlieferung berichtet, der wortkarge Graf Arco habe, als es das erste bewegte Bild mit 48 Bildzeilen sah, zunächst vor Aufregung nur die Hände gerungen, dann ein "Donnerwetter" gesagt und soll sogar einen Luftsprung ausgeführt haben.

Obwohl die Vorführung für Dr. Karolus ein Erfolg war und sich daraus auch Vertragsvereinbarungen ergaben, entwickelte sich die Zusammenarbeit nicht so rasch und gründlich, wie er es sich erhofft hatte.

Er mußte sich für Telefunken zunächst um die schon international gängigen Bildfunkübertragungen kümmern, also das Senden stehender Bilder. Erst zur Funkausstellung 1928 in Berlin konnte Dr. Karolus sein Fernsehen der Öffentlichkeit vorstellen, dann allerdings schon in der weitaus verbesserten Ausführung eines Rades mit 96 Spiegeln.

Vorführungen von Dr. Karolus im Jahre 1924

Die internen Vorführungen von Dr. Karolus im Jahre 1924 blieben jedoch nicht unbeachtet. Das Fachblatt "Funk" schrieb damals:

"Wie soeben aus Leipzig gemeldet wird, ist es einem dort an der Hochschule wirkenden deutschen Physiker gelungen, einen Fernseher zu konstruieren, der es tatsächlich ermöglicht, ein bewegtes Bild so rasch drahtlos zu übermitteln, daß man von einem fgefunkten Film' sprechen kann. Der Bau dieser neuen Apparate soll bereits im Gange sein."

Das war der Entwicklung zwar vorausgegriffen, doch schrieb ein Jahr später das Westfälische Tageblatt wesentlich präziser:

"Dr. Karolus vom physikalischen Institute der Universität Leipzig ist es nach jahrelanger, zäher Arbeit gelungen, das Problem des Fernsehens und der Fernsehphotographie in vollkommen einwandfreier Weise praktisch zu lösen. (...) Es ist möglich, in einem Zeitraum von wenigen Sekunden ein Bild im Format 13cm x 18cm auf drahtlosem Wege einem entfernten Orte zu übermitteln."

Prof. Dr. August Karolus hat sehr wesentliche technische Entwicklungsarbeit für das Fernsehen im allgemeinen geleistet und zur Einführung in Deutschland einen großen Teil beigetragen. Er starb am 1. August 1972. Unser Verein hatte noch Kontakt mit seiner Witwe, bis auch sie vor einigen Jahren verstarb.

Vor 70 Jahren: von Günter Bartosch im Juni 1994

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2021 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.