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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die die Allgemeinheit interessierenden Teile zu veröffentlichen.
Die Einstiegsseite zu den vielen Seiten beginnt hier.

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Vor 75 Jahren:
Der Rundfunk beginnt, und das Fernsehen regt sich

Historischer Bericht von Günter Bartosch im Sept. 1998

"Hier Sendestelle Berlin, Vox-Haus, Welle 400" - mit diesen Worten begann am 29. Oktober 1923 um 8 Uhr abends der deutsche Rundfunk mit seinen Sendungen.

Zumindest offiziell. Gesprochen wurden diese Worte vom ersten Rundfunkansager Friedrich Georg Knopfke, der wenig später auch das allererste Logo aus dem Bereich von Rundfunk und Fernsehen in Deutschland erfand: "Achtung, Achtung ! Hier ist Berlin auf Welle 400".

Hingegen bleibt der Ursprung des weitaus bekannteren Ausspruchs im Dunkeln, der noch bis in die Dreißiger Jahre regelmäßig die Sendungen abschloß: "Und vergessen Sie nicht, Ihre Antenne zu erden !"

im Haus der Schallplattenfirma Vox, Potsdamer Straße 4

Das erste Rundfunkstudio befand sich im Haus der Schallplattenfirma Vox, Potsdamer Straße 4, ganz in der Nähe des Potsdamer Platzes. Da sich der neuerstandene Rundfunk das Gebäude mit der Schallplattenfirma und dem Telegraphentechnischen Reichsamt teilen mußte, standen nur wenige Räume im dritten Stockwerk zur Verfügung.

Neben dem "Zimmerchen", in dem sich die technische Einrichtung befand, war das "Studio" eingerichtet. Man hatte einen Raum von 3,50m Länge und 3,70m Breite durch gespannte Pferdedecken geteilt und abgedämpft.

Als zusätzliche akustische Abdämmung wurden zuerst Seidentücher, später Scheuerlappen verwendet. Das Mobiliar bestand aus einem Klavier, einer "Sprechmaschine" (Grammophon), Stühle, Notenständer und, als Sensation, dem sogenannten "Kohle-Mikrophon".

Die Sprechmaschine diente zugleich als Untersatz für das Mikrophon; war der Vortragende größer, wurde zwischen Untersatz und Mikrophon noch ein dickes Adressbuch gelegt. Der Sender selbst befand sich auf dem Dachboden.

An diesem 29. Oktober 1923

Das Eröffnungskonzert am 29. Oktober 1923 von 8-9 Uhr abends bestand aus Solodarbietungen mit Gesang, Cellospiel und Klarinette zu Klavierbegleitung.

Dazwischen wurden Vox-Platten abgespielt, und das Konzert endete mit einer Schallplattenaufnahme des Deutschlandliedes, gespielt vom Musikzug eines Infantrie-Regiments.

An diesem 29. Oktober 1923, dem Beginn des "Unterhaitungsrundfunks", gab es noch keine zahlenden Zuhörer - zwei Monate später waren 1025 Rundfunkteilnehmer registriert.

Da das Basteln von Radioempfängern - sogenannten Detektorgeräten mit abstimmbarem Schwingkreis, Kristalldetektoren, Antenne und Kopfhörer - ein Hobby darstellte, war der Kreis der "Zaungäste" wesentlich größer als der der Zuhörer, die im Besitz einer von der Reichstelegraphenverwaltung ausgestellten Genehmigungsurkunde waren.

GEZ Gebühren damals ab 350 Milliarden Mark pro Monat

Die kostete zu Beginn der Radiosendungen auf dem Höhepunkt der Inflation 350 Milliarden Mark pro Monat.

Sie stieg noch bis zum Tag der Währungsreform am 15. November 1923 auf 3,5 Billionen Mark und betrug danach immerhin noch stolze 5 Renten-Mark; erst im April 1924 wurde die Gebühr auf 2 Reichsmark herabgesetzt.

Rundfunk in Deutschland als öffentliche Veranstaltung war zwar neu, doch hatte es vorher schon zahlreiche Versuchssendungen gegeben.

Die Industrie bemühte sich sehr, dieses neue Absatzgebiet zu erschließen. Nachdem sie bis Kriegsende 1918 ausschließlich für die Rüstung im Einsatz war, mußten für die Friedenszeit neue Strategien entwickelt werden.

Der Krieg hatte dem "Funken" auf beiden Seiten der Fronten großen Auftrieb gegeben, nun sollte es zum Unterhaltungsangebot für die Masse der Bevölkerung werden.

Die Hauptfunkstelle in Königswusterhausen

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Anmerkung : In Königswusterhausen gab und gibt es einen der ganz seltenen "Berge" in der Nähe Berlins, der für die damaligen Sendantennen geeignet war.
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Die in Königswusterhausen, südöstlich von Berlin, eingerichtete Hauptfunkstelle wurde 1919 durch die Deutsche Reichspost von der Militärverwaltung übernommen. Hier experimentierte man im Mittelwellen-Bereich und ging daran - nach den Worten des Leiters der "Funktelegraphie" der Deutschen Reichspost, Hans Bredow -, einen "Rundfunk für alle" zu schaffen.

In einem Gebäude unter den schlanken hochaufragenden Funktürmen wurde ein provisorisches Studio eingerichtet, aus dem ab Anfang 1920 Versuche in drahtloser Übertragung zunächst in Sprache, dann auch mit Schallplatten unternommen wurden, wobei die Musik von Schallplatten anfangs durch ein Mikrophon aufgenommen wurde, das unmittelbar vor dem Grammophontrichter stand.

22. Dez. 1920 - Das erste drahtlose Instrumentalkonzert

Das erste drahtlose Instrumentalkonzert (Geige, Harmonium, kleiner Chor) wurde am 22. Dezember 1920 aus Königswusterhausen gesendet.

Die Musiker und Sänger waren Postangestellte. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Empfangsbestätigungen, u.a. auch aus Moskau (1.700 km) und Wakefield/England (1.200 km).

Schon am 8. Juni 1921 übertrug man eine Aufführung von "Madame Butterfly" aus der Berliner Staatsoper. Am 10. Januar 1924 folgte - im nunmehr offiziellen Programm - eine Direktübertragung der Operette "Frasquita" aus dem Thalia-Theater in Berlin.

All das waren noch Experimente, bei denen man wertvolle Erfahrungen sammelte. Aber mit dem Start in Berlin entwickelte sich der Rundfunk sehr schnell im ganzen Reichsgebiet.

Es folgten die Sender Leipzig, München, Frankfurt/Main, Hamburg, Stuttgart, Breslau, Königsberg/Preußen, Münster, Bremen und Hannover, jeweils mit eigenen Sendegesellschaften und eigenen Programmen.

Als aus der "Funkstunde" ein erweitertes Programm wurde

Aus der "Funkstunde" in Berlin, die anfänglich tatsächlich nur eine Stunde war, wurde schon bald ein erweitertes Programm mit Tagesnachrichten, Wettervorhersagen, Börsenberichten, dem Landfunk, der Zeitansage und den Mitteilungen von Kleinhandelspreisen.

1925 - eine Million Rundfunkteilnehmer

Schon im Jahre 1925 gab es eine Million offizieller Rundfunkteilnehmer. Die Zahl der "Zaungäste" ging möglicherweise in die Hunderttausend, obwohl ertappte "Schwarzhörer" erhebliche Strafen erhielten.

Von nun an Allgemeingut

Der Rundfunk wurde sehr rasch zum Allgemeingut für die Bevölkerung. Seine schnelle technische Realisierung beruhte auf den Erkenntnissen der Telephonie, der Telegraphie und des Funkens; die Grundlagen waren vorhanden, von dort konnte weitergeforscht und entwickelt werden.

Für das Fernsehen war die Situation anders.

Hier wurde noch gerätselt, welcher der vorgedachten Wege zur Verwirklichung der Television überhaupt gangbar wäre. Die technischen Voraussetzungen waren noch nicht gegeben.

Zwar hatte Paul Nipkow schon 1883 die Zerlegung eines Bildes in elektrische, übertragbare Punkte erdacht und mit seiner Spirallochscheibe den Weg zur Realisierung gewiesen, es mußte aber erst das Jahr 1923 kommen, bevor sich Pioniere fanden, die sich zielstrebig damit befaßten.

Eine kontinuierliche Entwicklung des Fernsehens hatte es bis dahin nicht gegeben. Forschungen waren schon seit der Zeit um 1900 angestellt und interessante Patente angemeldet worden.

Doch immer wieder versandeten die Unternehmungen; die Entwicklung kam nur schubweise voran. Plötzlich standen 1923 gleich mehrere Pioniere in den Startlöchern.

Viele Tüftler experimentierten am Fernsehen

In einer Dachkammer im englischen Badeort Hastings tüftelte der 35jährige Schotte John Logie Baird an einer Fernsehkonstruktion.

Am Physikalischen Institut der Universität Leipzig forcierte der Doktorand und spätere Professor August Karolus seine Fernsehpläne.

Baird und Karolus konnten schon Anfang 1924 Experimental-Vorführungen veranstalten. In Berlin bemühte sich der ungarische Fernseh-Erfinder Denes von Mihaly Fuß zu fassen.

Er hatte bereits am 7. Juli 1919 in Budapest mit seinem "Telehor"-Apparat bewegte Schattenbilder über eine fünf Kilometer lange Leitung übertragen. Nun veröffentlichte er in der deutschen Reichshauptstadt mit Unterstützung von Dr. Eugen Nesper, dem Chef der Lorenz-Werke, ein Buch "Das elektrische Fernsehen und das 'Telehor'" (für Interessierte: Das Buch befindet sich in der ZDF-Bibliothek).

Mihaly setzte in Berlin seine Konstruktionsarbeiten fort und trat 1928 damit an die Öffentlichkeit. Der Kinotechniker Charles. F. Jenkins betrieb 1923 Fernsehexperimente in den USA mit Nipkow-Scheibe und Filmbildern.

Der deutsche Physiker Max Dieckmann verfaßte seine Patentschrift "Verfahren zur elektrischen Fernsichtbarmachung bewegter Bilder", für die er 1924 Anerkennung fand.

In Amerika bemühte sich der 17jährige Philo T. Farnsworth, seine Idee für eine "Dissector Tube" (in Deutschland "Bildsondenröhre" genannt) in die Tat umzusetzen - 1927 meldete er sein komplett elektronisches Fernseh-System zum Patent an.

Außer Farnsworth, der einen Sonderweg einschlug, und Max Dieckmann, der ein eigenes Patent von 1906 erweiterte, verwendeten alle genannten Pioniere für Aufnahme und Wiedergabe das von Paul Nipkow erdachte Prinzip der Bildzerlegung mittels einer Lochscheibe. Dieses sogenannte "Mechanische Fernsehen" hatte die ganze Anfangsphase des neuen Mediums geprägt, ja überhaupt dazu beigetragen, daß das Fernsehen sich als öffentliche Einrichtung etablierte.

Die Fernseh-"mechanik" hatte keine Zukunft

Doch stieß die Mechanik an ihre Grenzen - die letzte, 1938 von der Fernseh AG - gefertigte Bildzerlegerscheibe zur Abtastung von Personen, Filmen und Diapositiven lief mit 10.500 Umdrehungen pro Minuten im Vakuum und besaß in zwei 7fach-Spiralscheiben 882 haarfeine Löcher von 0,06mm Durchmesser !

Über die Gedanken und Versuche, die Braunsche Röhre für die Bildzerlegung zu verwenden, hatte Mihaly 1923 noch geschrieben: "Einen Hauptgrund der Unausführbarkeit dieser Einrichtung bildet die Tatsache, daß die Bildströme zu einer wahrnehmbaren Bewegung der Kathodenstrahlen nicht genügend stark sind."

Ein großer Irrtum, wie sich herausstellen sollte ! Die Zunkunft gehörte dem "Elektronischen Fernsehen" unter Einsatz der Braunschen Röhre, so wie wir es heute kennen. Und diese Zukunft nahm ebenfalls im Jahre 1923 ihren Anfang.

Philo T. Farnsworth und Vladimir Kosma Zworykin

Am 29. Dezember reichte der gebürtige Russe Vladimir Kosma Zworykin in den USA ein Patent für ein vollelektronisches Fernseh-System ein, das er "Ikonoskop" nannte.

Obwohl Patentstreitigkeiten mit den Farnsworth Erben erst 15 Jahre später dazu führten, daß seinem Patentantrag stattgegeben wurde, entwickelte sich das "Elektronische Fernsehen" langsam, aber stetig und ermöglichte schließlich den Durchbruch zum Massenmedium, rund ein Viertel-Jahrhundert später als der Rundfunk.

In Deutschland gab es allerdings erst 1957 eine Million Fernsehteilnehmer. - Die kontinuierliche Entwicklung, ohne die auch das Computer-Zeitalter nicht möglich wäre, begann 1923.

Historischer Bericht von Günter Bartosch im Sept. 1998
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