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Der allgemeingültige Begriff "Sender" ist zweideutig.
Was also ist ein "Sender" und was dagegen eine "Anstalt" ?

Ein "Sender" von 1938
1955 - Dies ist kein Westberliner "Sender" - die westlichen "Sender" sind NWDR und RIAS.

In den 1970er und 1980er Jahren entbrannte eine heftige Diskussion um den damals angefangenen modernen Sprachgebrauch, alles waren auf einmal "Sender", die öffentlich rechlichen, dieprivaten und was es sonst noch gab.

Der HR war ein Sender, das ZDF war ein Sender, der Deutschlandfunk war ein Sender und natürlich alle anderen auch. Doch war ist ein "Sender" wirklich ?

Bis etwa 1945 war "der Sender" die letzte technische Einheit - zumeist die große Sende-Röhre - vor der Sendeantenne. "Der Sender" war in großen Werks- oder Industriehallen untergebracht und umfaßte Generatoren, große Verstärker, riesige Senderöhren und viele Schaltschränke, ganze Kühlanlagen und die riesigen Spulen und Schalter und die dicken Kabel zu den übergroßen Sendeantennen. Die Angelsachsen nannten dieses Teil den "Transmitter".

Doch dann änderte sich die einstmals eindeutige Bedeutung des Wortes Sender. "Welchen Sender hörst Du gerade ?" war die Frage. "Welchen Sender sehen wir heute Abend ?" - Das Schild von dem bis 1955 sowjetisch besetzten "Haus des Rundfunks" am Funkturm sagte: Dies ist kein Westberliner "Sender" .
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War es nur Bequemlichkeit im Umgang mit der deutschen Sprache ?

Oder wollte man von dem negativen Begriff der "Sende-Anstalt", also der "Anstalt des öffentlichen Rechtes " weg ? Jedenfalls mir flößte als Kind die Drohung der Eltern und auch in der Schule: "Wenn Du nicht parierst, kommt Du in die Anstalt !!!" großen Respekt ein und - ich riß mich zusammen. - Ich wollte also nicht in eine "Erziehungsanstalt". Andere nannten es auch so : "Wenn Du nicht ..... - kommst Du ins Heim".
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Vielleicht sollten wir jungen Neu-Bürger ja doch wieder "richtig" erzogen werden, als man den Begriff der "Sendeanstalt" kreierte. Die Göbbelsche NS-Propaganda nutze den Rundfunk ja auch zur Erziehung "der deutschen Volksgenossen".
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Übrigens sehe ich seit einigen Jahren sehr gerne die satirische Sendung: "Neues aus der Anstalt", ohne gleich Angstgefühle zu bekommen. (inzwischen aus dem Programm genommen)
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Hier folgt zu dem Thema eine Meinung aus dem Jahr 1978

Zusammengetragen von Gerhart Goebel in 1978, dem Autor zweier großer Rückschaun auf die deutsche und international Rundfunk- und Fernseh-Technik vor 1945.

1978 - Wider falsche Sender

"Das in seiner politischen und kulturellen Bedeutung kaum zu überschätzende Massen- kommunikationsmittel Rundfunk ist nicht Teil, sondern 'Benutzer' der Einrichtungen des Fernmeldewesens. Die fernmeldetechnischen Aspekte mögen in den früheren Zeiten des Rundfunks von überragender und sein Wesen prägender Bedeutung gewesen sein. Den fernmeldetechnischen Einrichtungen kommen aber - sieht man den Rundfunk als Ganzes - schon seit Jahrzehnten nur noch untergeordnete, dienende Punktionen zu."
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Aus dieser Erläuterung des Bundesverfassungsgerichts zu seinem Urteil im Fernsehstreit vom 28. Februar 1961 scheinen einige Autoren zu folgern, daß sie sich heute im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Schrifttum souverän über jahrzehntealte funktechnische Begriffe hinwegsetzen dürften. Das beeinträchtigt zumindest das gegenseitige Verständnis.

Wie gering man auch die Rolle der Technik im Rundfunk veranschlagen mag, ganz ohne Technik geht es nicht: Rundfunk ist die regelmäßige Verbreitung beliebiger Informationen auf elektromagnetischen Wellen für eine praktisch unbegrenzte Anzahl von Empfängern *1).
*1) Gerhart Goebel in: Aus Forschung und Technik. ZDF-Sendung vom 10.9.1973
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Über die technische Definition

Eine solche technische Definition kommt ohne den im "Staatsvertrag über die Gebührenregelung" vom 31. Oktober 1968 enthaltenen verwaschenen Begriff der "Allgemeinheit" aus; sie ist nicht beschränkt auf Informationen "in Wort, in Ton und in Bild", sie schließt die unmittelbare Übertragung von Signalfrequenzen (z.B. bei den Fernsprech-Ansagediensten) aus, umfaßt aber andererseits den von Bredow 1919 ins Leben gerufenen telegraphischen Presse- und Wirtschaftsdienst, für den Bredow "aus dem traditionellen 'Funk' ... im Hinblick auf die Rundwirkung der Wellen ... das Wort 'Rundfunk' ... bildete" *2).
*2) Hans Bredow: Im Banne der Ätherwellen II. Stuttgart 1956, S. 166
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Der am häufigsten mißbrauchte Begriff in der Rundfunkgeschichte ist das Wort "Sender". Man braucht kein Purist *3) zu sein, sondern nur ein aufmerksamer Leser, um gegen den ständig falschen Gebrauch dieses Ausdrucks zu protestieren.
*3) Walter Forst im Vorwort zu seinem Sammelband "Aus Köln in die Welt", 1974, S. 12

Was ist also ein Sender ?

Ein Sender ist eine rein technische Einrichtung zur Erzeugung einer elektromagnetischen Welle hoher Frequenz für den Transport irgendwelcher Informationen, zum Beispiel der im "Studio" eines "Funkhauses" produzierten Rundfunk-Programmdarbietungen. In ihren Aufgaben sind Studio und Sender der Redaktion und der Rotationspresse einer Zeitung vergleichbar.

Die vom Sender erzeugte Hochfrequenz-Energie wird von der Sendeantenne als "Trägerwelle" in den Raum abgestrahlt. Sender und Antenne bilden die "Sendeanlage", die man noch als "Sender" im weitesten Sinne bezeichnen darf.

Die zu übertragenden Programmdarbietungen "modulieren" die Trägerwelle, das heißt, sie verändern deren Amplitude oder deren Frequenz. (Jeder Empfänger "demoduliert" die ankommende Trägerwelle und macht die modulierende Information wieder wahrnehmbar; so kommt der Informations-Transport zustande.)

Bezeichnungen aus der Anfangszeit des Rundfunks

In den ersten Jahren des deutschen Rundfunks waren in den neun Sendebezirken der "Aufnahmeraum", dazu das "Studio" der privatrechtlichen Rundfunkgesellschaft und der von der Deutschen Reichspost errichtete und betriebene "Rundfunksender" im selben Gebäude untergebracht.

Ein falscher Gebrauch des Wortes "Sender" hätte damals kaum zu Mißverständnissen führen können. Nachdem aber die Sender der besseren Ausstrahlung wegen an den Stadtrand verlegt worden waren, erhielten die Funkhäuser in der Umgangssprache einfach den Namen der Rundfunkgesellschaft. Man ging zur "Funkstunde", ins "VOX-Haus" oder zur "NORAG". Vom "Sender" sprachen nur noch die Fachleute.

1933 wurden die regionalen Rundfunk-Gesellschaften liquidiert und ihre Funkhäuser als Zweigstellen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) angegliedert, die nunmehr als ausführendes Organ des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda für die geistige Führung, die Verwaltung und die Studio-Technik des nationalsozialistischen Rundfunks zuständig war. Um die von ihm geforderte "Rundfunkeinheit" zu erreichen, strebte Goebbels mit allen Mitteln danach, auch die Rundfunksender der Reichspost seinem Ministerium zu unterstellen.

Da die Erfüllung dieser Forderung am "Gesetz über Fernmeldeanlagen" vom 14. Januar 1928 scheiterte, ließ Goebbels, um wenigstens das Gesicht zu wahren, am 1. April 1934 durch den Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky einfach die ihm unterstehenden Punkhäuser der ehemaligen Rundfunkgesellschaften zu "Reichssendern" erklären.

Die Rundfunksender bezeichnete Hadamovsky - gegen den Protest der Reichspost - ebenso geringschätzig wie unzutreffend als "Strahler" oder "Strahlungsanlagen", was allenfalls für die Antennen richtig gewesen wäre.

Begriffs-Verwirrung und Mißverständnisse

Als Folge dieser Begriffs-Verwirrung entstanden zahllose Mißverständnisse. So hatte das Oberkommando der Wehrmacht kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges angeordnet, daß für jeden "Reichssender" ein unmittelbarer Telefonanschluß zum nächsten Flugwachkommando zu schalten sei. Die Fernsprechämter der Post bereiteten diese Anschlüsse unverzüglich vor, natürlich - wie befohlen - zu den "Reichssendern", also zu den Funkhäusern.

Beim ersten Abschaltebefehl suchte dann das Programmpersonal den Luftschutzkeller auf, während der Großrundfunksender der Reichspost, der an das Flugwachkommando hätte angeschlossen sollen, die unmodulierte Trägerwelle ausstrahlte und der feindlichen Luftnavigation ein ideales Funkfeuer bot *4).
*4) Arthur Wurbs: Verfälschung funktechnischer Begriffe. NWDR-Technische Hausmitteilungen 2 (195o) S. 66/67.

Zitate aus "Hörfunk und Fernsehen in der DDR" (Heide Riedel)

Es wirkt einigermaßen grotesk, daß ausgerechnet die Terminologie des ehemaligen Reichssendeleiters sich im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Schrifttum, soweit es sich mit dem Rundfunk beschäftigt, bis heute gehalten hat.

So verwendet die Verfasserin eines Buches über Rundfunk in der DDR *5) zwar Begriffe wie "Rundfunkanstalt", "Studio", "Studiotechnik" und - im Gegensatz zur "Programmgestaltung" - auch den Begriff "Sender" durchaus korrekt im technischen Sinne; andererseits spricht sie aber vom "Haus des Rundfunks" in der Masurenallee als dem "Sitz des Berliner Senders", aus dem ein Teil der "Sendertechnik" demontiert worden sei, von einer fertiggestellten "Sendestation", von "Landessendern und -studios", wobei man aus der Differenzierung schliessen möchte, es handle sich hier wirklich um "Sender", wenn nicht plötzlich wieder von der "Programmtätigkeit jedes Senders" die Rede wäre.
*5) Heide Riedel: Hörfunk und Fernsehen in der DDR, Köln 1977.

Sollte die Autorin vielleicht diesmal unter "Sender" eine regionale Rundfunkanstalt verstehen?

Diese Vermutung wird dadurch gestützt, daß sie von den "für jeden Sender verantwortlichen 'Intendanten'" spricht, daß an allen "Sendern" Redaktionen aufgehoben worden seien oder daß ein "Sender" auf die "leichte Muse" habe zurückgreifen müssen.

Gekrönt wird das Rundfunkbegriffe-Verwirrspiel der Verfasserin schließlich noch durch einige programmübernehmende "Nebensender" und ein paar "Hauptsender" mit "Studios in den Bezirksstädten".

Um einem "berechtigten Einwand zu "begegnen: Der "Sender Freies Berlin" muß dem Terminologen ein Dorn im Auge sein. Bei seiner Namensgebung hatte indes der DDR-Rundfunk bereits "Sachzwänge" geschaffen, so daß wir mit dem "Sender Freies Berlin" werden leben müssen; aber wir sollten wenigstens von den "Sendern" des SFB sprechen, wenn wir tatsächlich seine Sender meinen.

Zusammengetragen von Gerhart Goebel in 1978

Weitere Artikel von Gerhart Goebel finden Sie hier:
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