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Günter Bartosch (1928 - 2013†) schrieb viel (sehr sehr viel) über und aus seine(r) Zeit beim ZDF in Eschborn und Mainz .....

Der ZDF Mitarbeiter Günter Bartosch war 30 Jahre beim ZDF - also von Anfang an dabei -, ebenso wie sein deutlich jüngerer Kollege Knapitsch. Angefangen hatte sie beide bereits vor 1963 in Eschborn, H. Knapitsch in der Technik, Günter Bartosch im Programmbereich Unterhaltung.

Und Günter Bartosch hatte neben seiner Arbeit und seinen Büchern so einiges aufgeschrieben, was er damals alles so erlebt hatte. In 2013 habe ich die ganzen Fernseh- und Arbeits-Unterlagen erhalten / geerbt und dazu die Erlaubnis, die (die Allgemeinheit interessierenden) Teile zu veröffentlichen.
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1998 - Randbemerkungen und Hinweise zum Fernsehen

über die Verwendung von Filmmaterial aus der Nazizeit für Dokumentationen des Fernsehens - von Günter Bartosch - im Mai 1998
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Ohne Bild kein Fernsehen

Ohne Bild kein Fernsehen - das ist zwar eine Binsenweisheit, aber doch Grundvoraussetzung für die Herstellung von Sendungen. Daß das Bild in Film und Fernsehen manipulierbar ist, darüber sind unzählige wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben worden. Bild allein kann es nicht geben, denn der Blickwinkel einer Kamera ist eng. Was optisch geboten wird, muß für die Sendung in einen Zusammenhang gebracht, und es muß kommentiert werden.

Zeitgeschichtliche Sendungen im ZDF

Im ZDF finden wir derzeit als Schwerpunkt-Programm "Sendungen zur Zeitgeschichte", die die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands betreffen. Dies ist sicherlich löblich und auch notwendig. Je weiter wir uns von der 12jährigen Schreckensherrschaft der Nazis entfernen, umso mehr wird bewußt, daß diese Vergangenheit noch immer unbewältigt ist.

Die Darstellung dieser Zeit und die Aufdeckung der Hintergründe, die zum Nationalsozialismus führten, sind wahrscheinlich heute, da die rechtsextremistische Szene wieder Zulauf erhält, besonders wichtig.

Bilder sagen mehr als 1000 Worte

Doch da ist die anfangs erwähnte Notwendigkeit, Fernsehdokumentationen zu bebildern. Aus der Nazizeit ist nicht viel Bildmaterial erhalten geblieben. Abgesehen von den Verlusten durch Bombenkrieg und die Kampfhandlungen in Deutschland ist zu bedenken, daß es gedrehte und fertiggestellte Filmbeiträge bei weitem nicht in dem Maße gab, wie wir es heute gewöhnt sind.

Durch den Krieg wurde allein schon das Rohmaterial zur Mangelware. Es war streng rationiert und konnte nur mit ausdrücklicher Genehmigung hergestellt und erworben werden. Zur Verfügung stand es nur, wenn es im Sinne der Machthaber Verwendung finden sollte. An Filmmaterial für private Zwecke war nach Kriegsbeginn nicht zu denken, ja, der Versuch, sich illegal derartiges Material zu beschaffen, wurde als Vergehen streng bestraft.

März 1933 - Ein Ministerium für Joseph Goebbels

Schon gleich nach der Machtergreifung errichtete Hitler am 14. März 1933 ein eigenes Ministerium für "Volksaufklärung und Propaganda". Chef dieses Amtes wurde der "Journalist" - Dr. Joseph Goebbels. In selbstauferlegtem missionarischen Eifer als hündisch ergebener Gefolgsmann seines Führers sorgte Goebbels gründlich dafür, daß alles, das in Deutschland in Presse, Verlagswesen, Rundfunk und Film veröffentlicht wurde, dem nationalsozialistischen Geist und der nationalsozialistischen Zielsetzung zu entsprechen habe.

Von diesem Augenblick an wurde alles zensiert - schlimmer als zu Kaisers Zeiten -, was dem deutschen Volk an "Kultur" vorgesetzt wurde. Ohne die Richtlinien, die Weisungen, die Genehmigungen, die Kontrolle und die Zensur des Reichspropagandaministers konnte nichts hergestellt und der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

40 Jahre ZDF - sauber recherchiert - Alles vorhandene oder wiederaufgefundene Filmmaterial war zensiert !

Folglich ist jedes heute noch vorhandene oder wiederaufgefundene Filmmaterial zensiertes und im Sinne der Nazipropaganda produziertes Material. Wenn man es für heutige Dokumentarberichte verwendet, müßte man wissen, es klebt unsichtbar die Warnung "Vorsicht ! Gift !" darauf.

Man kann es also nicht unkommentiert heutigen Betrachtern vorsetzen. Dazu genügt nicht die Einblendung "NS-Propagandafilm". Das ist kein Kommentar !

Beispiel "Schirach - Der Hitler-Junge"

Ich analysiere mal beispielhaft die Sendung "Schirach - Der Hitler-Junge" aus der Serie "Hitlers Helfer". Ich wähle sie, weil ich selbst zu den Betroffenen gehörte, weil ich - gezwungenermaßen - Jungvolk-Pimpf, Hitlerjunge und Luftwaffenhelfer war und eigentlich auch "Werwolf" hätte sein müssen.

Ich lese in der Presse-Verlautbarung des ZDF zur Sendung: "Baldur von Schirach glaubte an Hitler und stiftete die Jugend an, dem Diktator bedingungslos zu vertrauen."

Erstens: Möge Schirach an Hitler geglaubt haben, so war er doch einer der größten Nutznießer des Regimes und nicht nur Hitlers Helfer, sondern Hitlers Handlanger !

Zweitens: Er stiftete nicht die Jugend an, dem Diktator bedingungslos zu vertrauen, sondern er war unermüdlich bemüht, diese Jugend für den Krieg vorzubereiten und zu trimmen und ihr jede Freiheit des Individuums zu nehmen.

Die "Jugenddienstverordnung" vom März 1939

Eine Jugenddienstverordnung des Reichsjugendführers vom 25.3.1939, also noch vor dem Krieg, besagte unter anderem im Paragraph 12: "Jugendliche können durch die zuständige Ortspolizeibehörde angehalten werden, den Pflichten nachzukommen, die ihnen ... auferlegt sind."

Der Zwang, den die Organisation der Hitlerjugend auf uns junge Menschen damals ausübte, bewirkte das Gegenteil, er weckte den in jedem jungen Menschen steckenden Hang zum Widerspruch und zur Opposition. Schirach formte keineswegs, wie in der Sendung behauptet wurde, die "Parteijugend" zum "willigen Nachwuchs für Partei, Staat und SS".

Das ist der Redakteur der Magie der Bilder zum Opfer gefallen

Da ist jemand gehörig der Magie der Bilder zum Opfer gefallen, die er verarbeitete ! Was war zu sehen ? Uniformierte Jungvolk-Pimpfe und Hitlerjungen in Reih und Glied, Fahnen tragend und mannhaft singend: "... uns're Fahne ist mehr als der Tod !", "Heil Hitler" rufend mit der Hand erhoben zum "Deutschen Gruß", Stadien füllend mit Heil-Rufen für den Führer und den Reichsjugendführer, Kameradschaftstreffen, Jugendlager mit Geländespielen, eine "opferbereite und kämpftüchtige Gefolgschaft" mit Schirach an der Spitze, als den "Führer seiner Jugend zu 'Priestern des nationalsozialistischen Glaubens'" (zitiert aus ZDF-Pressetext).

Nichts davon ist wirklich wahr !

Das vermitteln die Bilder der Goebbels-Propaganda. Mit diesen Filmen wollte man uns beeindrucken und zur Teilnahme an diesem organisierten Massenwahn verleiten, aber man wollte auch der übrigen Welt vorgaukeln: Die Jugend steht zu Adolf Hitler, die Jugend ist der Nationalsozialismus.

Nichts davon ist wirklich wahr ! Es trifft höchstens auf sehr wenige Verführte, nicht jedoch auf die Masse der damaligen Jugendlichen zu.

Der Polenfeldzug als Geländespiel (mit echten Toten)

Tatsache ist allerdings, daß die in der Hitlerjugend gedrillten jungen Soldaten bei Kriegsbeginn nach Polen hineinstürmten als handele es sich um ein Geländespiel.

Der Blutzoll dieser Jugendlichen in diesen 27 Tagen des Krieges war unermeßlich hoch (ANmerkung : es waren 10.000 bis 20.000 deutsche Gefallne) und erschreckte sogar die Nationalsozialisten - für kurze Zeit, leichtfertig ist auch die in der Sendung geäußerte Meinung, der "Schöngeist" Schirach habe als Gauleiter von Wien "ein eher mildes Regiment" geführt. Nicht einmal die Juden, die in der Sendung (sehr) kurz zu Wort kamen, relativierten diese unglaubliche Behauptung.

Nein, so geht es nicht !

Nein, so geht es nicht !  Filme aus der Nazizeit sind' Propagandafilme ! Wer sie so zusammenstellt, daß sie in geballter Form auf den Betrachter einwirken, wer sie nicht eindeutig kommentiert und entlarvt, der leistet heute noch jenem Propagandaminister einen Dienst, der diese Filme in voller Absicht so hat produzieren lassen !

Dabei gibt es selbst aus der Nazizeit noch Filmmaterial, das zur Relativierung der gezeigten Aufmärsche und Heil-Rufe hätte beitragen können. Schirachs großspuriger Besuch bei der "Ersatzbrigade Großdeutschland" zum Beispiel am 9. und 10. März 1943, als ihm zu Ehren ein Manöver veranstaltet wurde.

Dazu Beispiele

Kriegsspiel" von HJ-Gruppen während eines Sommerlagers am Chiemsee 1943, Marine-HJ im Dienst 1944, HJ-Gruppe bei der Brandbekämpfung nach Luftangriffen, HJ bei der Erntehilfe und in der Rüstungsindustrie 1942, Flieger-HJ, Ausbildung von Reichsbahn-Junghelfern der HJ, Ausbildung an einer Adolf-Hitler-Schule, HJ im Luftschutz- und Rettungsdienst, Jugendliche in der Industrie und im öffentlichen Dienst, Junker der Waffen-SS und noch vieles mehr.

So wird das Bild von deutscher Geschichte verfälscht

Spielte dieses Filmmaterial keine Rolle, weil Schirach, "der Jugendführer des NS-Staates" (ZDF-Pressetext), seit 1940 Gauleiter von Wien war ? Ihm folgte Artur Axmann, ein würdiger Nachfolger, der an der deutschen Jugend nicht weniger verbrecherisch handelte, nach Kriegsende sogar noch eine nazistische Untergrundorganisation aufbaute, für seine Untaten kaum bestraft wurde, aber vor seinem Tod 1996 für diese Sendereihe als Zeitzeuge noch belanglose Statements abgeben durfte.

Hierzu ein Zitat aus dem "ZDF-Journal" Mai 1998 über die Zielsetzung der Redaktion Zeitgeschichte: "Unter dem Aspekt, daß künftige Generationen sich ihr Bild von deutscher Geschichte dieses Jahrhunderts mehr und mehr durch bewegte Bilder machen, die durch elektronische Medien transportiert werden, sehen wir in dieser Sicherung von Zeitzeugenaussagen eine Aufgabe von hohem gesellschaftlichen Rang." - Axmann sprach für sich.

Extrem unglückliche bis falsche Kommentare

Ungeheuerlich auch der Satz zur Schirach-Sendung (die Unterstreichungen sind von mir): "Zeitgenossen schildern, wie die Hitlerjugend dank Schirach nichts anderes kennenlernte als Parolen und Insignien einer totalen Weltanschauung."

Fanden die Produzenten der Sendung keine anderen Zeitgenossen ?

Oder waren sie von der Magie der Bilder so irregeleitet, daß sie gar nicht auf die Idee kamen, es habe auch andere gegeben ? Ich bin Zeitzeuge dafür, daß die anderen die Mehrheit waren.

Was wurde aus unseren jüdischen Klassenkameraden

Kein Wort darüber in der Sendung, daß auf Betreiben von Schirach unsere jüdischen Mitschüler und Klassenkameraden aus der Schulgemeinschaft entfernt wurden.
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Die "Heime" des NS- "Lebensborn e.V." waren SS Bordelle

Kein Wort darüber, daß der "Jugendführer des Deutschen Reiches" aus dem "Bund deutscher Mädchen" (BDM), des weiblichen Zweigs der Hitlerjugend, blondbezopfte Maiden in einer Abart von Prostitution an die SS verkuppelte zur Zeugung rassereinen Nachwuchses. In den "Heimen" der NS-Organisation "Lebensborn e.V." ("e.V." !) sollen etwa 11.000 Kinder geboren worden sein, in aller Regel unehelich. Wurde das nicht erwähnt, weil kein Filmmaterial darüber aufzufinden war ? Mindestens Presseberichte und Fotos vom "Lebensborn" gibt es; man muß sie nur suchen.
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Mit 10 Jahren mußten sie "Jungmädel" sein

"über die Mädchen aus der Nazizeit kaum eine Erwähnung in der Sendung, außer dem abgegriffenen Zitat "Glaube und Schönheit". Dabei waren auch die Mädchen im Sinne des Nationalsozialismus gleichgeschaltet: Mit 10 Jahren mußten sie "Jungmädel" sein -sie mußten ! - und mit 14 Jahren kamen sie in den BDM. Auch vom Los der weiblichen Hitlerjugend in der Nazizeit gibt es Film- und Bildmaterial. Es zeigt die Jungmädel bei Aufmärschen, im Ernteeinsatz, im sogenannten "Pflichtjahr", BDM im Straßenbahndienst während des Krieges, als Kinderpflegerinnen und beim Einsatz der HJ im Rahmen des totalen Krieges, dabei als Flak-Waffenhelfer"innen" und als "Arbeitsdienst-Maiden".

1943 - "Mädel verlassen die Stadt"

Besonders bezeichnend ein Film "Mädel verlassen die Stadt" von 1943 - Inhalt: Ausbildung von Angehörigen des weiblichen Arbeitsdienstes in Lagern im Elsaß und bei Lodz, Einsatz im Kriegshilfsdienst. Unbeschwerte Kindheit, das gab es nicht für Hitlerjungen und -mädchen. Als Kontrast dazu hätte sich Filmmaterial angeboten: "Die Kinder Goebbels" von 1940 und 1942 ! Diese sechs Kinder wurden 1945 bei Kriegsende von ihren Eltern ermordet - auch ein Jugendschicksal aus der Hitlerzeit !

Es ist nur eine einzelne Sendung aus einer Serie analysiert worden

Wie gesagt: Hier ist eine einzelne Sendung, herausgegriffen aus einer Serie, analysiert worden. Mit dieser Sendereihe wird eine gute und wichtige Absicht verfolgt, Sie ist über jeden Verdacht erhaben, man wolle in irgendeiner Weise manipulieren. Aber man darf nicht jener Propaganda verfallen, die man ins Visier nimmt.

Sind die "Handwerker" der Faszination erlegen ?

Kann es denn sein, daß die Filme, die man auf dem Schneidetisch hat, ihre von Demagogen und Propagandisten gewollte Faszination noch nicht verloren haben ? Wirken sie nun plötzlich bei denen, die froh und glücklich darüber sein können, jene Zeit nicht miterlebt zu haben ? Es darf, für die Nachgewachsenen nicht buchstäblich ein falsches Bild entstehen !

Nachtrag :

PS: Das ZDF bietet in seinem Programm bemerkenswerte Sendungen mit Analysen zur Zeitgeschichte. Nach den Serien "Hitler - eine Bilanz" und "Hitlers Helfer" folgt nun eine zwanzigteilige Reihe "Unser Jahrhundert - Deutsche Schicksalstage", zunächst mit den Beiträgen "Das D-Mark-Wunder", "Das deutsche Wirtschaftswunder" und "Das Wunder von Bern" im Monat Mai.

Genau zu diesem Zeitpunkt begann vor 50 Jahren das Wunder der Luftbrücke, mit der die Freiheit West-Berlins gesichert und Stalins Absicht, ganz Deutschland in seinen Machtbereich einzubeziehen, ein Riegel vorgeschoben wurde.

Ein entscheidendes Ereignis für unser heutiges Deutschland, für unsere Freiheit und Demokratie. Diese Sendung zur Zeitgeschichte fand als "Spiegel TV Reportage" bei Sat 1 statt.
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Günter Bartosch im Mai 1998
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