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Achtung: Artikel und Texte aus NS/Hitler-Deutschland 1933-45

Nach der Gleichschaltung der reichsdeutschen Medien direkt nach der Machtübernahme in Februar/März 1933 sind alle Artikel und Texte mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten. Der anfänglich noch gemäßigte politisch neutrale „Ton" in den technischen Publikationen veränderte sich fließend. Im März 1943 ging Stalingrad verloren und von da an las man zwischen den Zeilen mehr und mehr die Wahrheit über das Ende des 3. Reiches - aber verklausuliert.

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Heimlichkeiten ... - (oder : ich soll einen Artikel schreiben)

aus KINOTECHNIK Heft 3 - März Berlin 1938
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Als ich die Einladung der Redaktion bekommen hatte, für das Märzheft (1938) der Fachzeitschrift „Kinotechnik“ anläßlich der diesjährigen Reichsfilmkammer-Tagung einen Aufsatz zu schreiben, habe ich mich in meinem Heim zunächst einmal in die mir so vertraute Ecke gesetzt und nachgedacht, ob die Einladung nicht auf einem Irrtum beruht.

Ich konnte es nicht fassen, daß seit einigen Jahren das Thema „Kopienpflege“, „Kopienbehandlung“ und „Verbesserungen an Tonfilmkopien zwecks bester Vorführung“ plötzlich so hoffähig geworden ist, daß es „zum guten Ton“ gehört, in vornehmer Gesellschaft genannt zu werden. Dann habe ich auch nach der Richtung Betrachtungen angestellt, daß eigentlich davon genug gesprochen, geschrieben und gedruckt worden ist.

Und wenn auch Sie, lieber Leser, davon überzeugt sind, daß das, was ich hier werde niedergeschrieben haben, wenig interessant sein wird, dann bitte ich Sie, nicht mehr weiterzulesen. Zu den Dingen, über die ich schreibe, gehört eine nicht geringe Portion Liebe, ein lebendiges Interesse und ein klein wenig Kameradschaft.
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Sind Sie schon müde ?

Falls Sie nun bis hierher gelesen haben und sich sagen, daß Sie gnädigerweise noch ein Stück weiterlesen werden, dann gehören Sie eigentlich schon zu den Menschen, die auch für andere etwas übrig haben.

Es spricht für den Arbeitseifer des Einzelnen, wenn er sich besonders wichtig am und im Film dünkt. Dann wird aber leider immer noch herumgestritten, wem die größte Wichtigkeit beizumessen ist. Plötzlich aber stellen alle gemeinsam fest, daß das Filmtheater leer ist, und allen kommt die Erkenntnis, daß also der Wichtigste im ganzen Filmgeschehen der Theaterbesucher ist.

Eine alte Geschichte, immer wieder umgedeutet und trotzdem ewig neu! Und für den Theaterbesucher arbeiten wir, ganz gleich, auf welchem Posten wir stehen. Dieser zahlende Gast will ein paar nette Stunden im Filmtheater verleben. Er merkt es gar nicht, wie wir das machen. So ganz heimlich drehen wir alle Register der Technik auf. Zufrieden verläßt der Theaterbesucher das Haus und freut sich schon heimlich auf den nächsten Besuch. - Und wenn das Technische nicht klappt ?

Rückblick und philosophische Betrachtung

Zuvor überlegen wir uns aber erst einmal, wie die Technik eigentlich groß geworden ist. Viele Männer haben einen großen Spieltrieb, den man manchmal als Hang zur Bastelei bezeichnet. Erhabene und Nichtstuer nennen es Marotten. Und aus dieser Lust und Liebe zur Bastelei sind die größten und die bedeutsamsten Erfindungen hervorgegangen.

Daraus entsteht aber auch die etwas unbequeme Frage: Weshalb wird trotzdem, oftmals auch von großen Männern, die Technik verleugnet? Weshalb bemüht man sich nicht, sie zu verstehen? Vermutlich liegt das daran, daß man die Technik, allgemein gesprochen, als ein Buch mit sieben Siegeln betrachtet.

Hat man sich aber erst ein einziges Mal die Mühe gemacht, ein klein wenig zuzusehen, wie es der andere macht, stellen wir dazu noch einige dumme Fragen, dann sehen die technischen Dinge auch viel einfacher aus; dann beginnt auch im älteren Menschen der Spieltrieb wieder, und er bekommt das notwendige Interesse, Technik zu verstehen.

Alle Vorträge, alle Aufsätze, alle Erklärungen, alle Hinweise und alle Merkblätter verlieren Sinn und Zweck, bringen nichts Fruchtbares, wenn nicht alle Filmmenschen „technisch“ erfaßt werden.

Reden wir von der Technik :

Nun, lieber Leser, jetzt wird’s Ernst! Jetzt wollen wir bestimmt von Technik reden. Daß es dabei vielleicht auch einmal lustig zugeht, liegt nun einmal in dem technischen Temperament vieler Menschen. Es ist bestimmt kein Kunststück, schöne Worte zu schreiben und sich auf die Leser einzustellen, um nachher den Beifall einzuheimsen. Ich könnte das auch.

Aber ist Ihnen damit und der Technik - Verzeihung: dem Theaterbesucher - gedient? Man muß den Mut haben, technische Dinge auch anders zu beschreiben. Und dann ist die ganze Geschichte sowieso gar nicht schwer.

Wieso? - Teilen wir einmal die Technik in drei Gruppen ein: In einfache Technik, schwierigere Technik und gemeine Technik. Über schwierigere Technik schreibe ich nicht, und von der gemeinen Technik verstehe ich nichts. Was bleibt übrig? - Na, so einfach ...

Lieber Theaterbesitzer!

(Eigentlich wollte ich noch nicht verraten, mit wem ich mich heute unterhalten will - ich wollte es noch verheimlichen.) Da Sie nun willig gefolgt sind, verspreche ich, nicht mit Diagrammen zu kommen, auch keine schweren Formeln vor- oder nachzurechnen, sondern wir wollen gemeinsam jetzt einmal in den Vorführungsraum uns heimlich hineinschleichen, weil Ihr Theaterbesucher heute nicht ganz zufrieden war.

Der Vorführer hat nach schwerer Tages- und Nachtarbeit den Vorführungsraum verlassen, und nun wollen wir uns einmal in seinem Arbeitsbereich umschauen. Wir wollen nichts kontrollieren, sondern wir wollen uns ein klein wenig mit den Vorbedingungen zur Vorführungstechnik befassen.

Mit Freuden stellen wir fest, daß der Vorführer alles im besten Zustande, alles sauber geputzt, hinterlassen hat. Wir dürfen nicht vergessen, bei passender Gelegenheit ihm das zu sagen. Er wird sich darüber freuen.
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Im Herzen eines Filmtheaters

Wir befinden uns also hier im Herzen eines Filmtheaters. Mancher Theaterbesitzer wird vielleicht die Kasse als das Herz des Filmtheaters betrachten. Ich fühle, daß auch Sie der Meinung sind, daß der Vorführungsraum doch das Herz des Filmtheaters ist.

Aus dem Raume, in dem wir nun stehen, kann dem Theaterbesitzer durch besonders gute Strahlen die Kasse voll gestrahlt werden. Wenn aber die fein verästelte Technik im Vorführungsraum versagt oder gar verschmutzt, was auch vorkommen soll, dann wird auch dann nicht mehr Geld reinkommen, wenn ein Theaterbesitzer die Kasse als das Herz des Theaters betrachtet. Im Gegenteil, er wird sich wundern noch und noch.

Erstaunlich ist, wieviel Menschen gute Lehren nicht annehmen wollen, aber plötzlich aufwachen, wenn amtliche Anordnungen in das Theater hineinplatzen. Dann steht alles Kopf, dann hat man alles nicht gewußt. Wäre es nicht besser zu sagen: Man hat sich um nichts gekümmert?

Erinnern Sie sich noch meiner Worte aus früheren Unterhaltungen?

Wenn einem Meisterwerk die Wirkung genommen wird

„Man kann es nicht oft genug sagen, daß alle Mühe der Künstler und der Wirtschaftler vergebens ist, wenn einem Meisterwerk durch eine schlechte Vorführung die Wirkung genommen wird.“

Oftmals hört man den Einwand, daß trotz Herz, nein trotz Kasse kein Geld vorhanden ist. Was hat wohl das Geld mit Staub oder Schmutz, mit Sauberkeit und Ordnung zu tun? Ein Wischlappen und eine Portion Liebe zum Beruf sind alles, was notwendig ist, um Filmkopien-Schonung zu betreiben.

Ja, aber der Ersatz der verrosteten und kantig geschliffenen Rollen kostet doch Geld! Richtig, Herr Theaterbesitzer! Sie haben aber vergessen, daß es gar nicht erst dazu zu kommen braucht.

„Kopienschonung"

Wir wollen uns angewöhnen, das Wort „Kopienschonung“ für zwei Gruppen als Sammelbegriff anzusehen. Die Kopienpflege drücken wir dem Verleiher auf, während der Theaterbesitzer die Kopienbehandlung übernehmen muß. Diese Behandlung kann gut oder schlecht sein. Teils geht man mit dem Filmband selbst schlecht um. In der Regel aber hat das Filmband die meisten Leiden im Vorführungs-Apparat durchzumachen.

Da könnte es doch leicht passieren, daß so ein Filmtheater ... doch schweigen wir lieber davon! Jedenfalls wird auf einmal Geld da sein; dann wird hoch und heilig versprochen, sich stets um die Kopien kümmern zu wollen, weil die einmalige schwere Ausgabe noch bitter aufstößt.

Ist es da nicht ratsam, vorsichtig zu sein?

Was würden Sie wohl beispielsweise sagen, wenn Sie zum Friseur kommen und dieser Ihnen mit einem alten, wenig sauberen und abgenutzten Messer im Gesicht herumkratzt? - Ich weiß, Vergleiche hinken; aber etwas stimmt doch.

Sie schlagen Krach, wenn der Friseur Ihnen Hieb- und Stichwunden beigebracht hat, schimpfen über das vorsintflutliche Messer und denken gar nicht daran, daß eine gute und saubere Behandlung der Röllchen und Zahntrommeln am Vorführungsapparat genau so notwendig ist und der Ersatz dieser Teile auch nicht mehr kostet als ein neues Rasiermesser.

Sie werden sich wundern, weshalb ich das schreibe. Nur deswegen, weil die Redaktion einen solchen Artikel verlangt hat. Die Zeitung muß doch voll werden; Sie müssen etwas zu lesen haben, ich muß mir die Mühe machen, und im übrigen kann ja alles so bleiben. Bei der nächsten Reichsfilmkammertagung schreiben wir wieder einen ähnlichen Artikel, und abends wird dann wieder getanzt.

Wenn Sie aber anderer Meinung sind und mir sagen, daß Sie sich von jetzt ab um den Vorführungsraum kümmern werden, dann verspreche ich Ihnen, daß im nächsten Jahre zur Reichsfilmkammertagung die Kopienpflege bei allen Verleihern einen Höhepunkt erreicht haben wird, der von keiner Filmindustrie, ganz gleich, in welchem Staate, übertroffen werden wird.

Bitte, Herr Theaterbesitzer, wäre es nicht möglich, daß Sie mir über die einzelnen Bezirksfachgruppen eine ähnliche Zusicherung geben könnten? Wissen Sie, es würde ein Vergnügen sein, überhaupt nicht mehr über solche Dinge schreiben zu müssen. Man kommt sich selbst bald lächerlich vor, wenn man immer dieselbe Sache wiederholen muß.

Hinzu kommt, daß es auch immer wieder interessant und anders geschrieben sein soll. Ich könnte doch einfach ältere Abhandlungen in der heutigen Kinotechnik abdrucken lassen; aber das will die Redaktion auch nicht. Sie sehen, es ist nicht so leicht. Tausend Rücksichten muß man nehmen.
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Und erst der Farbfilm ...

Da wir uns gerade über Kopienbehandlung unterhalten, ist wohl die Frage erlaubt, wie Sie über den Farbfilm denken; ich meine über die Vorführung. Na, ich kann Ihnen sagen, Sie werden ein blaues Wunder erleben! Bitte, es nicht anders aufzufassen, als ich es meine (frei nach Michaelis).

Was ich hier zu schreiben und zu sagen habe, hat nichts mit dem Farbfilm als solchem zu tun, sondern mit den Filmkopien vom Farbfilm. Ich freue mich schon darauf, wenn diese Dinger so zerledert und mit anderen Farben zurückkommen. Andere Farben? - Natürlich! Die Schrammen, die darauf sind, werden doch wahrscheinlich, wie das so üblich ist, mit Erdkruste verschmiert sein, und dann haben Sie wieder so eine Mischung von Farb- mit Schwarzweißfilm. Es dürfte sehr interessant werden.

Wahrscheinlich schimpfen Sie dann alle wieder über den Farbfilm, und die Menschen, die sich soviel Mühe gegeben haben, das Filmprogramm interessanter zu gestalten und die Technik vorwärtszutreiben, sind zerknirscht wegen des geringschätzigen Urteils. Aber seien Sie versichert, wenn Sie jetzt nicht nur sich um den Vorführungsraum kümmern wollen, sondern auch noch Ihre Apparatur in Ordnung bringen lassen und sich grundsätzlich bereit erklären, die Apparatur dauernd kontrollieren zu lassen und immer für rechtzeitige Erneuerung der abgenutzten Teile sorgen (daß eine Rolle unrund wird, hat nun nichts, aber auch gar nichts mit einer anständigen Behandlung der Apparatur zu tun), dann wird auch Ihnen der Farbfilm sehr viel Freude machen.

Übrigens wenn Sie dann doch einen Farbfilm beschädigen sollten - na, die Rechnung! Sie können sich vorstellen, daß das Zeug eine ganze Menge mehr Geld kostet als der Schwarzweißfilm. So, das wäre der Farbfilm.
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Der Sicherheitsfilm

Ich habe aber noch einen Auftrag zu erledigen. Die Redaktion hat verlangt, daß ich auch etwas über den Sicherheitsfilm (schwer brennbar) mitteile.

Ich bezeichne den Film überhaupt, den Tonfilm und den Farbfilm im besonderen, als Freudenspender. Den Sicherheitsfilm betrachte ich aber als einen Segen für die ganze Menschheit. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Jetzt werden Sie aber, Herr Theaterbesitzer, erwidern, der Film habe keine genügende Transparenz. Dann werden Sie sagen, daß sich der Sicherheitsfilm mit dem Filmleim, den Sie im Vorführungsraum haben, nicht kleben ließe. Da haben Sie recht. Aber müssen Sie sich denn das Zeug immer selbst aufsetzen? Für ein paar Pfennige können Sie eine Filmleimflasche mit Inhalt kaufen, der mindestens ein Jahr hält, ohne dick zu werden. Die Mixturen, die Sie sich andauernd aus der Drogerie holen lassen, kosten mehr als eine solche Flasche. Bitte machen Sie eine Probe - aber nicht von Ihrem Filmleim!

Welche Klagen haben Sie sonst noch über den Sicherheitsfilm? Sie meinen, er hält nicht? Nun, ich kann hier nicht sagen, Sie werden Ihr blaues Wunder erleben, sondern Sie werden staunen. Sie werden staunen und den Hut abnehmen vor den Männern, die das geschaffen haben. Seien wir den Menschen dankbar, die immer wieder in den Laboratorien sich Mühe geben, etwas Besseres zu schaffen!

Und dann auch noch der Tonfilm

Sie mögen über den Tonfilm denken, was Sie wollen; Sie mögen den Farbfilm bezeichnen, wie Sie wollen; ich halte die Schaffung eines brauchbaren Sicherheitsfilms für die größte Tat seit Bestehen der Filmindustrie. Diese Erfindung ist viel wichtiger als die Erfindung des Films überhaupt.

Sie werden sagen, das klingt etwas reichlich dumm. Das ist es auch. Aber manchmal steckt doch ein Körnchen Wahrheit dahinter, und meine Aufgabe ist es ja, Ihnen etwas Wahrheit über den Sicherheitsfilm zu erzählen. Das wird überhaupt herrlich im Vorführungsraum werden. Mehr darf ich noch nicht sagen; ich muß es noch verheimlichen.
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Ich solle doch ein Buch schreiben - von A bis Z

Man hat mir schon so oft gesagt, ich solle doch ein Buch schreiben, in dem alles zusammengefaßt ist in alphabetischen Stichworten und ähnlichen Schnurrpfeifereien.

Glauben Sie, Herr Theaterbesitzer, daß Sie beim Buchstaben A zu lesen anfangen werden? Vielleicht bei Z, damit Sie schnell zu Ende damit sind. Machen wir doch einmal einen Versuch! Lesen Sie meinen lustigen Einfall an einem Sonntag-Nachmittag von A-Z. Ich meine, ich hatte den Einfall an einem Sonntagnachmittag. Sie können ihn ja lesen, wann Sie wollen.

Es geht los. Wir Filmmenschen sind doch komische Käuze. Anstatt uns zu entspannen und auszuruhen zu einem neuen Sechstagerennen, benutzen wir den Sonntagnachmittag zum Grübeln. Eigentlich wollte ich über meine neue These schreiben: Jede Kopie auf jeder Apparatur! Haben Sie das verstanden? Aber vielleicht unterhalten wir uns einmal über ganz etwas anderes und in einer ganz anderen Form. Vielleicht gefällt es Ihnen. Falls es Ihnen nicht gefällt, schreiben Sie das nächste Mal den Aufsatz selbst. Bewerbungen sind zu richten an die Redaktion der „Kinotechnik“, Berlin W 35, Bendlerstraße 32.

Meine Stenotypistin ist auch zufrieden, wenn sie diese Diktate nicht mehr aufzunehmen braucht. Sie gibt an, natürlich gibt sie an, daß alle Theaterbesitzer ...
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Und jetzt aus dem Leben gegriffen :

Da - rrrrrrrrrr! Die Sprechstrippe! Schon wieder eine Störung!

„Wie bitte? Ihr Vorführer? Ich verstehe nicht. Was sollen wir? Das geht doch nicht. Ach, unser Technischer Kundendienst möchte zu Ihnen kommen. Ja, aber der Leiter des Kundendienstes ist doch jetzt unterwegs. Es ist dringend? Wieso dringend? Sie können doch vorführen. Sie wollen etwas über Klebestellen wissen? Ich verstehe „Klebestellen“. Ja, aber selbstverständlich sind wir gern bereit. Wir werden den Technischen Kundendienst sofort telegraphisch zu Ihnen beordern."

Dieser berichtet nun folgendes:
Ich bin mit dem gleichen Theaterbesitzer in den gleichen Vorführungsraum gegangen und habe dort festgestellt, daß eine Filmleimflasche vorhanden ist. Die Flasche steht nicht offen herum. Der Leim ist sehr dünnflüssig. Eine saubere Schere liegt dabei. Ein Radiermesser - warum gerade Radiermesser? - kommt noch! Dazu eine Unterlage aus Metall, genannt Schabeplatte. Ein ganz kleines Stück Fensterleder ist auch vorhanden, leider etwas hart geworden; muß unbedingt ersetzt werden. Kostet nur Pfennige.

Das sind aber alles so einfache Dinge! Richtig; leider fehlen aber im Vorführungsraum manchmal die einfachsten Selbstverständlichkeiten. - Eine komische Zusammenstellung: Filmleim, Schere, Radiermesser, Schabeplatte, ein kleines Weichleder! Ja, und dazu fehlt noch die Klebelade. Das ist keine alte Truhe, sondern eine sehr kleine Haltevorrichtung mit vier Greifzähnen.
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Jetzt muß Willy Fritsch herhalten - zum Vergleich

Und was haben diese Dinge mit dem Film zu tun? - Sie werden lachen: Diese banalen Angelegenheiten sind so wichtig, wie für den bekannten und schon genannten Friseur das Handwerkszeug. Willy Fritsch könnte ohne den Friseur nicht spielen wegen der Bartstoppeln. (Hoffentlich verdient sich Willy bei seiner Sparsamkeit nicht auch noch das Rasiergeld selbst.) Sehen Sie; und wenn er - nämlich Willy - noch so süß sein würde: Ohne unser Handwerkszeug gäbe es keinen Fritsch, keinen Film, keine Filmindustrie.

Oder wenn La Jana keinen Puder hätte - Kleider braucht sie nicht, so schön ist sie. - Sie meinen, das wäre geradezu lächerlich. Also auch solche Dinge sind sehr wichtig. - Aha, jetzt kommt die Wichtigtuerei! Vorbeigeraten. Ich will Ihnen erzählen, was man mit den Dingen für ein Spiel treibt, und dann sollen Sie sich selbst - so ganz heimlich - sagen: Von jetzt ab wird’s besser.
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Also Willy Fritsch ist gerissen .......

...... (ich meine natürlich das Filmbild, auf welchem er zu sehen ist); bitte sehr, schon können Sie keine Vorführungen mehr machen. Wir müssen schnell den gerissenen Willy wieder zusammenflicken. Das machen wir nun so; aber bitte zart behandeln, nicht auf die Erde fallen lassen! Sie haben schon bemerkt, daß es sich dabei um das Filmband handelt. Verzeihung, jetzt können Sie doch kein Brötchen essen. Ich meine, es könnte Ihnen aus der Hand auf die Erde fallen. Sie würden es dann doch nicht mehr essen, weil kleine Sternchen, Staubteile usw. das Brötchen ungenießbar machen. - Wie bitte?

Das Brötchen hat zwei Seiten? Gewiß, das Filmband doch auch! Zum Teufel mit diesen Vergleichen! Das eine tut man nicht, das andere macht man aus Gemeinheit. Ja, ja, diese gemeine Technik - und diese kenne ich doch nicht. Kennen Sie etwa so eine gemeine Technik? Also das Radiermesser in die ... Hand! Die runde Schneide (rund deshalb, damit wir das Filmband nicht ritzen) nach unten, und nun kratzen wir so die ganze Emulsionsschicht von Willys Füßen ab. - Was machen Sie denn da? Das ist doch falsch! Sie kratzen ja dem Willy auf dem Kopf herum. Das könnte Ihnen so passen, Willy auf dem Kopfe zu kratzen (komm’ Köpfchen kraulen)!
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Einen Film kleben - schaben schaben schaben

Aber tadellos sauber müssen die Füße werden, denn der Filmleim haftet nicht auf der Emulsionsschicht. Vor allen Dingen nicht so hin und her kratzen, sondern im langen Zuge schaben! Richtig, das ist der Fachausdruck: Schaben, anschaben. Die Emulsion wegschaben und das Zelluloidband anschaben, rauh machen. Au fein, das wird aber eine Klebestelle! Die hält noch länger aus als der Agfa-Sicherheitsfilm. Wo ist denn die Schabeplatte? Ach so, sie liegt unter dem Filmband. Es wird schon werden. Auch die Kanten müssen von der Schicht befreit werden. Noch einmal: Gut schaben, damit die Kanten auch wirklich sauber werden! Keine Löcher oder Vertiefungen schaben, sondern schön gleichmäßig! So ist’s recht. Wie breit wir über dem Bildstrich, also unter den Füßen schaben? Höchstens 2 mm. Den Rest des Filmbandes müssen wir nun abschneiden.

Aber wo? An sich auch ganz einfach, aber so entsetzlich schwer zu beschreiben; scheint ein Ableger der gemeinen Technik zu sein. Zunächst müssen wir uns klar darüber sein, wie man ein Filmband betrachtet. Schichtseite nach oben nach dem Auge des Kunst-, nein Bild-Betrachters zu. Sie wissen nicht, was die Schichtseite ist? Na, doch die stumpfe Seite.

Wie bitte? Manchmal sind beide Seiten blank? Das ist doch sehr einfach. Geben wir dem Willy oder der Laja einen Kuß: Dort, wo wir kleben bleiben, das ist die Schicht; und die Seite, auf welcher wir nicht kleben bleiben, ist die Rückseite, besser gesagt die Blankseite. Wer nicht küssen will, nimmt den zart befeuchteten Finger.

Und nun schnell noch etwas Neues! Das Filmband hat doch zwei Seiten und zwei Kanten. Die beiden Seiten haben wir kennengelernt. Die beiden Kanten wollen wir Tonseite und Stummseite nennen. Und nun bitte vertraulich zu behandeln, daß an jeder Tonseite und an jeder Stummseite eines Filmbildchens sich je vier Löcher befinden. In diese Löcher greifen Zähne ein ... aber davon später.

Die Löcher sind viereckig, so daß wir uns gut verstehen, wenn ich sage, daß uns nur die unteren Kanten der vierten Löcher interessieren. Sehen Sie, das ist unsere heimliche Richtlinie; nun brauchen wir kein Lineal. Wir schneiden den Rest des Bildes mit den beschriebenen Unterkanten gleich. Was sehen wir nun? Eine glatte Schnittfläche, kein Transportloch ist zu sehen, sondern nur ein schön beschabter, heller Zelluloidstreifen.

Gott sei Dank! Das hätte ich nun beinahe so erklärt, daß man es verstehen kann. Hand aufs Herz: Sie leiten ein großes Theater; Sie haben das alles gewußt? Aber ich habe doch gar nicht verlangt, daß Sie mir folgen sollen! Aber wetten wir: So einfache Dinge, und Sie hatten kaum eine Ahnung davon! Was es nicht alles gibt!

Ich möchte doch einmal so ganz heimlich mich bei den Lesern einschleichen und horchen, ob ob . . . Na, Sie wissen ja! Grete Weiser würde sagen: Das ist jaganz neu!
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Nun zurück zu unserem gerissenen Willy!

Ich möchte auch lieber eine Operette schreiben. Es wird bestimmt etwas. - Aber die Redaktion verlangt unfaßbar Fachliches. Jetzt streichen wir etwas Filmleim über die angeschabte Stelle - aber bitte streichen, nicht klecksen! In zwei Zügen matt - Verzeihung: In zwei Zügen den Filmleim auftragen, einmal hinauf, einmal herunter streichen, nicht tuschen.

(Beinahe hätte ich jetzt „tuscheln“ geschrieben, weil das mehr mit Heimlichkeiten zu tun hat.) So, nun das andere Teil des gerissenen Filmbandes! (Sie glaubten, ich würde „Willy“ sagen. Geht nicht, kriegt sonst ’nen Schlucken.) Glatt Schneiden, aber bitte am Bildstrich!

Liebe Redaktion! Bitte mir zu ersparen, den Bildstrich beschreiben zu müssen, es könnten sonst die tollsten Verwicklungen entstehen!
Schon wieder ein Hindernis: Wo ist denn die Truhe, das Ding mit den vier Zähnen? Es war doch vorhanden.

Wie meinten Sie? Man könnte so in und aus der Hand die Filmenden halten und warten, bis der Filmleim erhärtet? - Nicht schlecht, aber das gehört zur gemeinen Technik. Entschuldigen Sie bitte eine geheime Frage: Falls einmal ... (was, das ist ja auch egal; aufs „Wie“ kommt’s an). Also, wenn die Fettflecke entfernt sind, halten Sie das Filmband auch so lange, bis der Filmleim getrocknet ist?

Also bitte sofort eine neue Klebelade bestellen und den Ichthyosaurus in die Metallsammelstelle! - Nun noch ein kleiner Trick, weil’s meistens falsch gemacht wird: Zuerst das nicht angeschabte Filmende in die Lade legen. (Achtung! Blankseite oben!) Nun die angeschabte Fläche mit Filmleim bestreichen und hinein in die Lade, aber Blankseite oben! Wenn Sie diesen Trick nicht beherzigen, dann kommt ein schöner Unsinn ans Tageslicht; mal ist die Tonseite links, mal rechts. Dann soll auch die Schichtseite geschont werden. Also aufs Gesicht legen und die schöne Blankseite immer nach oben! Genau 30 Sekunden liegen lassen, Lade öffnen, Filmband herausnehmen und mit Weichleder (zart, bitte) Reste des Filmleimes sauber, nein sehr sauber, wegwischen, nicht putzen!! Ruckzuck: Blankseite hin und her, Schichtseite hin und her - aus!

Nicht am Filmband ziehen, heimlich, also ruhig und bedächtig aufwickeln - Willy kann als geheilt entlassen werden.
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Genug für heute? Oder wollen Sie weitermachen?

Herr Theaterbesitzer, Herr Theaterleiter! Alles ist ja so einfach. Und weil das so einfach ist, haben noch viele deutsche Filmtheater kein komplettes, passendes und sauberes Handwerkszeug. Sie zweifeln? Bitte nachsehen und dann ehrlich mir schreiben! Rasierklingen, verkantete Schraubenzieher, Tapetenkleister bitte nicht mitschicken, sondern direkt abliefern!

- Also schauen wir uns heimlich weiter um. Da wäre z. B. der Filmaufbewahrungsschrank. Hier muß die Putzfrau unbedingt den Staub entfernen. Wo kommt nur der viele Staub her? Ein kleines Geheimnis lüftet das große Geheimnis: Im Lampenkasten werden Kohlenstangen - man sagt so niedlich: „Kohlen-Stifte“ -verbrannt. Die Aschenreste und die Hitze sollen durch einen Rauchabzug, sagen wir, durch einen kleinen Schornstein, ins Freie abgeführt werden. Dieser Schornstein ist oftmals nur markiert und reicht nur bis zum Fenster und dann außen: Es geht ... nicht mehr!

Also Schluß, ich habe keine Zeit mehr, „u. A. w. g.“ - unser Apparat wird geputzt.

Kluche
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