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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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Das Wiedereinleben und meine berufliche Zukunft

Das Wiedereinleben in deutsche Verhältnisse war mir schwergefallen. Ungelöst blieb die Frage meiner beruflichen Zukunft. Daß sie im Journalismus liegen könnte, ging mir nur allmählich auf. Mein zunehmendes Interesse an der Politik ließ mich Verbindung mit konservativen Kreisen suchen.

Georg Foertsch, der Chefredakteur der »Neuen Preußischen Kreuzzeitung«, und Edgar v. Schmidt-Pauli, der Herausgeber der Monatsschrift »Politik und Gesellschaft«, öffneten mir ihre Blätter. Heinrich v. Gleichen, der im »Schautenkasino« am Pariser Platz mit großem Geschick den Deutschen Herrenklub dirigierte, zog mich in seinen Kreis.

Ich wohnte Diskussionsabenden bei, auf denen Großgrundbesitzer, Industrielle, Kaufleute und Militärs ihre Gedanken zur Lage austauschten.

Heinrich von Gleichen und der Herrenclub

Gleichen verstand es, einflußreiche Leute zusammenzubringen und sie zu hindern, Aussprachen in uferloses Gerede zerrinnen zu lassen.

Eine graue Eminenz, wie oft behauptet wurde, war Gleichen nicht. Er hat Regierungen weder gestürzt noch hat er sie gemacht, obschon er mit Papen, Schleicher, Hammerstein und anderen Königsmachern befreundet war. Sein Ehrgeiz ging dahin, im Herrenklub nach englischem Vorbild eine Institution zu schaffen, auf der Personalien geklärt und Entscheidungen vorbereitet wurden.

Die Rechte zu einigen, gelang Gleichen sowenig wie anderen.

Zerfallserscheinungen und Unversöhnlichkeit

Die Deutschnationale Volkspartei war so zerfallen wie die CDU nach der Wahlniederlage im November 1972. Stahlhelm und SA standen sich unversöhnlich gegenüber. Über die Festigkeit der schließlich zustande gekommenen »Harzburger Front« gaben sich politische Beobachter sowenig Illusionen hin wie über die integrierende Kraft Hindenburgs oder den Willen der Reichswehr zum Staatsstreich.

Mein Gastbeitrag für eine Zeitschrift wurde nicht akzeptiert

Am 5. August 1930 reichte mir Gleichen einen Beitrag für seine Zeitschrift »Der Ring« mit folgender Begründung zurück:

  • »Vergessen Sie doch nicht, daß wir es nicht mit einem nationalpolitisch geschlossenen Staat zu tun haben, sondern mit dem von Prof. Carl Schmitt gekennzeichneten Pluralismus der Interessenvorherrschaft, bei der im Grunde keinerlei Garantien mehr für Recht, Sicherheit, Eigentum und damit für Verantwortung gegeben sind.«


Treffender konnte die Lage nicht gezeichnet werden. Freilich ahnte Gleichen nicht, daß 1973 wortwörtlich das gleiche gelten würde, was er 1930 festgestellt hatte.

Mein erster Artikel im Alter von 16 Jahren

Als Mitarbeiter einer Zeitung war ich das erste Mal im Alter von sechzehn Jahren in Erscheinung getreten, als es mir gelang, in der »Deutschen Tageszeitung« einen Beitrag über Schiffahrtsfragen unterzubringen. In der »Kreuzzeitung« schrieb ich Kommentare zur Außenpolitik. Eine Zukunft konnte mir das sterbende Blatt nicht bieten.

Immerhin verschaffte es mir die Möglichkeit, Stilproben abzulegen, mit deren Hilfe ich mich über eine Empfehlung an den Geheimrat Hugenberg beim "Scherl"-Konzernum eine Redakteurstellung bewarb.

  • Anmerkung : Über die Zusammenhänge des ehemaligen Krupp Chefs Alfred Hugenberg, nunmehr der Chef des großen August Scherl- Konzerns - einem der drei größten Medienunternehmen im späteren 3. Reich und der Verbindung zur aktuellen Reichsregierung von 1931 wurde hier viel zu wenig erklärt bzw. geschrieben.

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November 1931 - ich bekam eine Volontär-Stelle

Am 25. November 1931 wurde ich als »Schriftleiter in Ausbildung«, wie man damals Volontäre nannte, beim »Der Tag« eingestellt. Mein Salär wurde auf 50 Reichsmark monatlich festgesetzt. Es wurde mir freigestellt, meine Mitarbeit den zahlreichen Redaktionen des Hauses anzutragen und mir zusätzliche Zeilenhonorare zu erschreiben.

Diese Regelung war ebenso einfach wie erprobt. Für den Verlag bedeutete sie kein Risiko, für Anfänger einen mächtigen Ansporn. Verlagsdirektor Zimmermann entließ mich, genüßlich an seiner Zigarre ziehend, mit der Bemerkung:

  • »Wir werden sehen, ob Sie eine Feder sind. Wenn nicht, so haben Sie Pech gehabt. Wenn ja, haben wir beide Glück, und Sie werden schnell vorankommen.«

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Ein Tagespensum von nahezu 14 Stunden

Er sollte recht behalten. In der Redaktion des »Tag« wurde ich tüchtig geschunden. Mein Pensum begann um 10 Uhr vormittags und endete nicht selten erst um 2 Uhr morgens. Ein Volontär erfüllte die Aufgabe eines Mädchens für alles.

Tagsüber wurde ich mit Redigieren beschäftigt, um abends in der Setzerei in die Geheimnisse des Umbruchs eingewiesen zu werden. Ich lernte, wie man Spiegelschrift liest, wie man Überschriften auf Spaltenbreite schneidert und so gestaltet, daß der nachfolgende Text noch gelesen wurde.

An nachrichtenarmen Abenden brüteten wir stundenlang über einer attraktiven Aufmachung. Meldete der Fernschreiber ein Eisenbahnunglück oder ein Erdbeben, so belebten sich die müden Geister der Nachtredakteure.

Die Aufmacher waren Großbrände und Boxkämpfe

Zu den beliebtesten Aufmachern gehörten Großbrände und Boxkämpfe. Als Max Schmeling im New Yorker Madison Square Garden gegen Jack Sharkey antrat, fiel mir die Nachtwache zu. Ich war instruiert worden, einen Sieg Schmelings auf der ersten Seite aufzumachen. Verlor er, so sollte ich nur eine »stop-press«-Meldung bringen.

Der Fall, der eintrat, war nicht vorgesehen. Jack Sharkey wurde wegen eines Tiefschlages disqualifiziert. Schmeling siegte nicht und verlor nicht, aber er wurde zum Weltmeister ausgerufen.

Einen Augenblick war ich unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte. Dann entschied ich mich für »Maxe« und sicherte der Frühausgabe einen reißenden Absatz.

Mein Ehrgeiz war "Zeilen zu »schinden«"

Hatte ich meine Routinearbeit beim »Tag« beendet, so schaute ich mich in den Redaktionen um und sammelte Aufträge. Nichts war mir zu gering, um Zeilen zu »schinden«.

Morgens um 6 Uhr stand ich auf dem Bahnhof Zoo, um die Ankunft eines Transportes Kolibris zu erleben. Am anderen Tag wartete ich am Ufer des Müggelsees, um über die Wasserung der »Do X«, eines zwölf motorigen Flugbootes, zu berichten.

Ich wohnte Geburtstagsfeiern für Hindenburg und Kranzniederlegungen am Grabe Eberts bei. Ich verbrachte viele Stunden auf Filmpremieren, um 25 Zeilen über Marlene Dietrich, Otto Gebühr oder Charlie Chaplin durchzugeben.

Mein Honorarkonto schwoll an, und bald ließ mich Zimmermann rufen, um mir zu eröffnen, daß ich eine Feder sei und der Verlag sich entschlossen habe, meine Pauschale zu verfünffachen und mein Zeilenhonorar zu erhöhen.
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Protektion aber kein Talent hatte bei den Verlagen keine Chance

Wer kein Talent hatte, kam bei dieser Methode schnell zu Fall. Dem Verlag half sie, sich Leute vom Leibe zu halten, die sich auf Grund persönlicher Beziehungen, ihrer politischen Einstellung oder akademischen Bildung zum Journalisten berufen fühlten, ohne schreiben zu können.

Der Journalismus wehrte sich damals nicht gegen den Vorwurf, der Beruf der verkrachten Existenzen zu sein. Ganz im Gegenteil brachten gescheiterte Lebenskünstler für den Zeitungsberuf häufig die besten Voraussetzungen mit.

Sie verfügten über Lebenserfahrung und Urteilskraft, Eigenschaften, die so vielen Journalisten heute abgehen.

Durchgefallene Juristen, verabschiedete Offiziere, abgemusterte Seeleute, verkannte Künstler, aber auch Handwerker und Arbeiter, die ihre Begabung zum Schreiben entdeckt hatten, stießen zur Presse.

Alle "Leuchten" des Scherl-Hauses - also meine Kollegen

Alle Leuchten des Scherl-Hauses kamen aus anderen Berufen: Friedrich Hussong, von dem man sagte, daß er die Tinte nicht halten könne, Otto Kriegk, wegen seiner Wortgewalt bewundert, Rolf Brandt, den als diplomatischen Korrespondenten der Duft der großen weiten Welt so umwehte wie den eleganten Heinz v. Lichberg-Eschwege. Als erfolgloser Banklehrling und Reedereikaufmann fühlte ich mich in diesem Kreise vom ersten Augenblick an wohl.

Zu den Ausbildungsprinzipien im Scherl-Hause gehörte es, daß kein Anfänger dort beginnen durfte, wohin es ihn am meisten zog. Wer sich für Sport interessierte, fing im Handel an.

Lokalreporter wurden in der Politik, angehende Politiker im Feuilleton beschäftigt. Man wollte, daß junge Leute in allen Sätteln reiten lernten, bevor sie sich spezialisierten.

Ich wollte nach Lonodon, kam aber nach Wien

Nicht anders verfuhr man mit Auslandskorrespondenten. Ich bewarb mich um London und wurde nach Wien geschickt. Kaum war ich dort warm geworden, versetzte man mich nach Rom.

Statt China, das ich mir gewünscht hatte, mußte ich Indien bereisen. Während meiner Berliner Lehrjahre durchlief ich die Redaktionen des »Tag«, des »Berliner Lokalanzeigers«, der »Berliner Illustrierten Nachtausgabe«, der »Woche«, von »Sport im Bild« und »Silberspiegel«.

Als ich 1934 meinen ersten Auslandsposten übernahm, war ich ein Allround-Journalist geworden, der von allen Redaktionen eingesetzt werden konnte. Nach 1945 kam mir nichts mehr zustatten als diese umfassende Ausbildung.

Das Scherl-Haus bestand aus "Wanzenburgen"

Bei all der Arbeit, die einem angehenden Redakteur abverlangt wurde, ging es im Scherl-Haus gemütlich zu. Die Redaktionen waren zwischen Koch- und Zimmerstraße in Häusern aus den Gründerjahren untergebracht, in denen ganze Generationen von Berliner Kleinbürgern gewohnt hatten.

Der Volksmund nannte diese Gelasse mit ihren knarrenden Aufgängen, ihren Stockwerkstoiletten und ihren braunen Linoleumböden Wanzenburgen. Ein angefangener Neubau war eingestellt worden, nachdem Hugenberg mit den dafür bereitgestellten Geldern die Ufa erworben hatte.
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  • Anmerkung : Hier ist eine Information eingebaut, die für die UFA als Firma und das Filmwesen in Deutschland eminent wichtig war. Hugenberg war eine Koryphäe im Bereich der damaligen visuellen Medien und hatte den Wert (das Potential) der UFA mit visionärer Weitsicht absolut richtig eingeschätzt.

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Die »Federn« tauchten nur auf, wenn die Muse sie geküßt hatte

Da die Tageszeitungen zu ganz verschiedenen Fristen Redaktionsschluß hatten, lief der Betrieb fast 24 Stunden. Pünktliches Erscheinen zum Dienst war die Sache der Redakteure nicht.

Die »Federn« tauchten nur auf, wenn die Muse sie (wach-) geküßt hatte, was manchmal erst in den Abendstunden der Fall war. Ich lernte, daß Zeitungen von zwei verschiedenen Kategorien von Journalisten gemacht werden, die untereinander so verschieden sind wie Japaner von Japanerinnen!

Die Zeitungs-»Macher« konnten meist kein Wort zu Papier bringen. Um so mehr verstanden sie von der optischen Gestaltung des Blattes, von Umbruch und Graphik. Ihr Exponent war der Chef vom Dienst, der für eine publikumswirksame Aufmachung zu sorgen hatte.

Unter den »Schreibern« gab es Leitartikler, Glossisten, Reporter und Feuilletonisten, die sich den Platz im Blatt streitig machten und denen, sofern sie etwas konnten, jede Laune nachgesehen wurde.

Unser Chefredakteur Herr von Medem

Im Arbeitszimmer des Herrn v. Medem, eines baltischen Barons, der dem »Tag« als Chefredakteur vorstand, herrschte die Atmosphäre eines Kreißsaales. Medem gebar fast täglich einen Leitartikel. War das Kind zur Welt gekommen, so wurden die Ressortchefs hereingerufen, um es zu begutachten, d. h. zu bewundern. Einsprüche versetzten die junge Mutter in wütende Laune.

Ein anderer Chefredakteur des Hauses vermochte seine erhabenen Gedanken nur zu sammeln während eines Schäferstündchens mit seiner Sekretärin, mit der er sich in seinem Büro einschloß.

Hin und wieder entsandte die auf das Manuskript wartende Redaktion einen Kundschafter, um zu ermitteln, ob sich der Chef noch auf der Couch oder schon beim Diktat befand.

Waren Redaktionsmitglieder während der Dienststunden nicht auffindbar, so durchkämmte ein Bote die umliegenden Kneipen und schaffte den verlorenen Sohn herbei.

Ein anderer Chefredakteur war Dr. Konrad Eiert

Einer der interessantesten Männer im Hause war Dr. Konrad Eiert, der Chefredakteur von »Sport im Bild«. Der elegante, mit einem Einglas bewaffnete Mann hielt in seiner sich mit Moden, Pferden und Motorsport befassenden Zeitschrift auf ein hohes Niveau. Vom Vielfarbendruck verstand er mehr als der Rest des Hauses.

Mitunter mußten Dutzende von Probeabzügen hergestellt werden, bevor er sich mit einem Klischee zufriedengab. Auf dem Wannseer Berg testete Eiert neue Wagen, über deren Eigenschaften er ausgiebig referierte. Ein Skeptiker ohne Lebenserfahrung, beging er den Fehler, eine um 30 Jahre jüngere Redaktionsvolontärin zu heiraten. Die Ehe zerbrach. Eiert wurde von den Russen erschlagen.
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Als Dr. Konrad Eiert meinen Kopf rettete

Kaum war ich Eiert zugeteilt worden, als er meinen Kopf rettete. Beauftragt, das Tendenzstück »Schlageter« zu besprechen, in dem die mit Göring befreundete Emmy Sonnemann die weibliche Hauptrolle spielte, verriß ich Stück und Darstellerin.

Eiert verhinderte den Abdruck meiner Kritik, wofür ich ihm immer dankbar war. Auch sein Stellvertreter Hans Zander, ein hochkultivierter Literaturkenner von bedächtiger Wesensart, tat viel für mich.

Er und Gotthart Meyer, ein untadeliger Charakter, der das innenpolitische Ressort beim »Tag« verwaltete, gaben mir die Hilfestellung, die der angehende Offizier von seinem Fähnrichsvater erhält.

»Im Westen nichts Neues« ging an den Ullstein Verlag

Bei »Sport im Bild« wurde ich der Nachfolger von Erich Maria Remarque, der seinen Bestseller »Im Westen nichts Neues« noch als Scherl-Redakteur geschrieben und, den Bedingungen seines Anstellungsvertrages entsprechend, dem Hause angeboten hatte.

Das Scherl-Lektorat hielt jedoch den Markt von Kriegsbüchern für erschöpft und überließ es Ullstein, aus dem Buch einen Welterfolg zu machen.

Es gab noch weitere bemerkenswerte Redaktionskollegen

Eine originelle Figur war Lovis H. Lorenz, Chefredakteur der »Woche«, dem ich nach dem Kriege als Lizenzträger der Hamburger Wochenzeitung »Die Zeit« wieder begegnete.

Ein Sohn der Wasserkante, sinnenfreudig und burschikos, lenkte er mit der einen Hand das große Wochenblatt und schrieb mit der anderen Romane.

Erst die »Nachtausgabe«, später den »Lokalanzeiger« redigierte Fritz Lücke, ein hochbegabter Zeitungsmacher, der mit einem Team von jungen Leuten den in Deutschland noch wenig eingeführten Typ des Boulevard-Blattes durchsetzte.

Zu seiner Crew gehörten Jupp Müller-Marein, den der Journalismus der Musik entführt hatte, Erik Krünes, ein bekannter Theaterkritiker, Alfred Leitgen, den Rudolf Heß sich als Adjutanten holte, Felix Lützgendorf, der Bühnenstücke verfaßte, Karl Nils Nikolaus, ein Meister der Kurzgeschichte, Emil B. Frotscher und A. C. Lochner, genannt Alo, die alles von Reportagen verstanden, Walter Nieselt und die unvergeßliche Charlotte Koehn-Behrens, die kluge Bücher über die Liebe schrieb.

Über die Journalisten vor 1933

Über Journalisten sind viele Fehlurteile im Umlauf. Den Umgang mit ihnen habe ich immer als Bereicherung empfunden, gerade auch dann, wenn es sich um Kollegen handelte, die in einem anderen politischen Lager standen.

Zeitungsleute zeichnen sich durch eine wache Intelligenz aus, der ähnlich wie bei Ärzten ein Schuß Zynismus nicht fehlt. Wie diese verbindet sie ein Korpsgeist. Freilich waren Journalisten damals aus einem härteren Holz geschnitzt als heute.

Minderwertigkeitskomplexe waren uns fremd, das intellektuelle Bewußtsein der Zeitungsleute noch nicht vergiftet. Schon gar nicht empfanden wir Ehrfurcht vor politischen Parteien und ihren Exponenten. Wir fühlten den Puls der Zeit und stellten Diagnosen.

Nach 1933 sollte sich das ändern.

Aber auch dann bewahrten sich viele von uns Unbefangenheit gegenüber dem Lauf der Ereignisse. Es ist der Verlust der kritischen Distanz, der den Journalismus diskreditiert, die Flucht in die Hofberichterstattung, das Streben nach Rückversicherung.

Schnell wie die Redakteure waren die Setzer und Drucker. Um vor ihnen bestehen zu können, mußte man sich gewaltig anstrengen. Als ich zum erstenmal einen Umbruch selbständig abschloß, mußte ich nach geheiligtem Brauch einen Kasten Bier schmeißen. Am anderen Morgen fand ich auf meinem Schreibtisch einen Bürstenabzug mit den Lettern: Es danken für die schöne Spende die Gottlosenverbände. Damit war ich, der preußische Junker, von der roten Brüderschaft anerkannt.

Ich war 26, als der Januar 1933 hereinbrach

Als Hitler am 30. Januar 1933 die Macht ergriff, stand ich in meinem 26. Lebensjahr. Kein politisch wacher Mensch hätte die Aktivität ignorieren können, mit der Berlin in den Monaten vor der Machtergreifung von den Nationalsozialisten eingedeckt wurde.

Im Sportpalast, in den wir so manche Nacht Sechstagerennen und Eishockey- Wettkämpfen zugeschaut hatten, bot sich Massenaufmärschen und Großkundgebungen eine ideale Arena.

Wer solche Abende nicht erlebt hat . . . . .

. . . . mit ihrer Militärmusik, dem Einzug der Fahnen und dem Erscheinen Hitlers, wer nicht Zeuge des Charismas wurde, das von seiner Person ausging, wer die rhetorische Gewalt von Goebbels nicht zu spüren bekam, wird schwerlich begreifen, wieso schließlich auch die hellen, nüchternen und roten Berliner von einer politischen Welle fortgeschwemmt wurden, der niemand den Charakter einer Volksbewegung absprechen konnte.
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Die nationale Komponente Hitlers . . . .

Wer wollte es leugnen, daß Konservative, zu denen ich mich zählte, von der nationalen Komponente Hitlers so angezogen wurden, daß wir die sozialistische in Kauf nahmen?

Wer würde bestreiten, daß wir Hitlers Antisemitismus zuwenig ernst nahmen? Gleichwohl erscheint es mir noch heute nicht unbegreiflich, daß wir in Hitler eine faßbare Möglichkeit sahen, Staat und Gesellschaft zu erneuern.

War er nicht der einzige, der den Kommunismus mit den Mitteln bekämpfte, die dieser gegen das Bürgertum einsetzte? Ging nicht seit Jahren der Ruf nach einem deutschen Mussolini durchs Land?

Die Einen waren gescheitert, die Anderen waren viel zu alt

Brüning, Papen und Schleicher waren wie alle ihre Vorgänger gescheitert, Hindenburg für ein Präsidialregime zu alt geworden. Eine Rückkehr zu den Koalitionen, wie sie von SPD und Zentrum getragen worden waren, kam angesichts der Unfähigkeit dieser Parteien, mit den Folgen des Versailler Vertrages, mit Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit fertig zu werden, nicht in Frage.

Wo war damals die Alternative zu Hitler .....

Jede Alternative zu Hitler schien verbaut. An dieser Wahrheit gibt es nichts zu verrücken. Behauptungen wie die, daß Papen Hitler gemacht habe oder daß Hitler ohne Subventionen aus der Industrie nie in die Reichskanzlei eingezogen wäre, zeugen von einer pathologischen Verkennung der Zusammenhänge jener Jahre.

Der 30. Januar 1933 liquidierte einen Schrecken ohne Ende. Daß es der Anfang zu einem schrecklichen Ende werden sollte, war selbst denen nicht erkennbar, die die politische Zäsur dieses Tages als erste zu spüren bekamen.
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  • Anmerkung : Nach dem Lesen vieler Bücher über den Begin der NS Zeit - "Hitler war kein Betriebsunfall" - insbesondere von Heumar von Ditfurth, haben viele im Rückblick die Euphorie der Veränderung beschrieben. Selbst große und wohlhabende gemäßigte Kreise bei den Intellektuellen haben das Ablösen der Versager im Reichstag begrüßt.

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Niemand hatte mich gezwungen, in die NSDAP einzutreten

Als ich im März 1933 der NSDAP beitrat, zwang mich weder jemand zu diesem Schritt, noch besserten sich dadurch meine Chancen, beruflich schneller aufzusteigen.

Hugenberg und der Scherl-Konzern hielten zu den Nazis auch dann noch auf Abstand, nachdem der Geheimrat Mitglied der von Hitler geführten Reichsregierung geworden war.

Erst mit der Zeit erwies sich die Parteimitgliedschaft für einen aktiven Journalisten als nützlich. Sie wieder aufzukündigen wäre theoretisch möglich, praktisch kaum durchführbar gewesen.

Vor 1933 der NSDAP sich anzuschließen war leichter, als sie nach 1933 wieder zu verlassen.

Es dauerte 1 Jahr, bis sich einiges zum grausigen Exzess veränderte

Wie in kommunistischen Ländern verschmolzen sich nun Staat und Partei. Wer der Partei den Rücken kehrte, erteilte auch dem Staat eine Absage. Ihm blieb nur die Emigration übrig, sofern er die Ausreise noch schaffte.

Mitgliedsbeiträge an die NSDAP wurden nicht anders entrichtet als Lohn- und Einkommens- steuern. Mit ihrer Zahlung war nicht die Billigung der Exzesse verbunden, die sich der Nationalsozialismus erstmals am 30. Juni 1934 zuschulden kommen ließ, noch die Zustimmung zu Judenverfolgung, Konzentrationslagern und Kriegsvorbereitungen.

Damals und heute - ein Vergleich . . . . .

Wer heute Automobilklubs Zuwendungen macht, bejaht darum nicht 20.000 Tote und eine halbe Million Verletzter, die alljährlich auf deutschen Straßen Kraftfahrern inner- und außerhalb der Clubs zum Opfer fallen.

Wer seine Kirchensteuern begleicht, erklärt sich darum nicht solidarisch mit den Waffenschiebern im Weltkirchenrat, die afrikanischen Terroristen ermöglichen, Mordinstrumente gegen christliche Portugiesen, Rhodesier und Südafrikaner anzuschaffen.

Wer 1971 seiner Einkommenssteuerpflicht genügte, votierte darum nicht für die Preisgabe der Hälfte des Deutschlands von 1937 an den Bolschewismus.

So Manches war unverständlch und unlogisch

Überdies habe ich nie verstanden, warum die Entnazifizierung am härtesten diejenigen traf, die zur Partei in ihrer Frühzeit gestoßen waren. Gerade sie hätten die meiste Nachsicht verdient.

Sie handelten aus Idealismus und nicht aus Opportunismus. Die frühen Nazis waren die politisch unschuldigsten, die späten die am meisten kompromittierten.

Von jetzt an (1933) ging es fließend

Die Gleichschaltung der Presse nach 1933 vollzog sich in Etappen. Zunächst schien die Pressefreiheit nicht gefährdeter als 1973 unter der zweiten Regierung Brandt, als Parteien, Gewerkschaften und linksradikale Jugendorganisationen sich mehr und mehr gegen die Entscheidungsfreiheit der Verleger und gegen die Meinungsfreiheit der Journalisten verschworen.

Auch verfügte Hitler am Anfang nicht über ein vom Staat lizenziertes und vom Steuerzahler finanziertes Meinungsmonopol bei Rundfunk und Fernsehen, wie es Brandt von seiner ersten Amtsstunde an zur Verfügung stand.

Erst allmählich wurden die Zügel angezogen und wurde die Presse nach Weisungen des Propagandaministeriums, des Reichspressechefs und des Auswärtigen Amtes auf die Ziele der Regierung ausgerichtet.

Die nationalen Anliegen, die Hitler in Angriff nahm - die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, der Aufbau einer starken Wehrmacht, Rheinlandbesetzung, Anschluß, Lösung der Sudetenfrage, Rückkehr des Memellandes -, sorgten von selbst dafür, daß sich die Mehrzahl der Zeitungen und Journalisten hinter das Regime stellten.

Ab 1933 im publizistischen Krieg mit der halben Welt

Freilich führten die von Hitler getroffenen Maßnahmen zu internationalen Spannungen und zu publizistischen Konfrontationen mit dem Ausland.

Lange bevor die Armeen sich auf dem Schlachtfeld maßen, kreuzten die politischen Publizisten miteinander die Federn.

Französische, britische, amerikanische, jüdische, sowjetische nicht anders als deutsche, italienische und japanische Journalisten. Wenn ihnen nach 1945 Zitate aus Kommentaren jener Jahre vorgehalten wurden, so übersah man, daß sich Deutschland von 1933 bis 1945 mit der halben Welt im Konflikt befand.

In dieser Zeit "schossen" die Soldaten sechs Jahre, die Journalisten zwölf.

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