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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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Über die Träume eines 15jährigen Jungen aus adligem Hause

Keine Szene hat dies so veranschaulicht wie die der Heimkehr der während meiner Afrikareise auf den Thron gelangten Elisabeth II. Als die mädchenhafte Königin die Flugzeugtreppe hinabschritt, beugte Winston Churchill, der greise, ruhmgekrönte Premier, das Knie und neigte sich tief über die Hand seiner Souveränin.

Die Ferien, die wir bei den Großeltern in Hamburg verbrachten, unterbrachen die Potsdamer Idylle und öffneten uns die Augen für die weite Welt.

An der Elbe packte uns Kinder das Fernweh.

Wir konnten uns nicht satt sehen an den großen Schiffen, den Kauffahrern, die dem Ozean und Küsten zusteuerten, mit denen wir ausschweifende Vorstellungen verbanden. Bald gab es keine Flaggen, keine Wimpel, keine Schornsteinmarke, deren Bedeutung wir nicht gekannt hätten. Über Tonnage und Geschwindigkeit der Schiffstypen wußten wir so viel wie ein Kapitän.

Bei den Reisebüros und Reederei-Agenturen versorgten wir uns mit Werbebroschüren, Fahrplänen und Ladelisten, die wir wie Briefmarken sammelten und tauschten.

1922 - Meine erste See-Reise nach Vigo in Spanien

Eines Tages irgenwann um 1922 bot uns der Großvater an, unsere Kenntnisse durch eine Seereise zu erweitern. Auf einem Südamerikadampfer gelangten wir bis in den spanischen Atlantik-Hafen Vigo, in welchem wir auf einen vom La Plata kommenden Liner umstiegen (mußten) und wieder die Rückreise nach Hamburg antraten.

Ich war eben erst (Anmerkung : mit 15) konfirmiert worden und besaß nur ein Paar lange Hosen, mein jüngerer Bruder ging in Wadenstrümpfen an Bord, wo ihn Seekrankheit fast die ganze Fahrt an die Kabine fesselte. Die Freuden des Bordlebens hielten mich ab, ihn zu pflegen.

Shuffle-Board, Turnsaal und Schwimmbad sowie die Genüsse einer reichgedeckten Tafel füllten mich aus. Zum Überfluß verliebte ich mich in eine brasilianische Tänzerin, die ich freilich schon am vierten Reisetag an den Sohn eines deutschen Großindustriellen abtreten mußte.

Ich konnte (noch) nicht tanzen

Das erste Bordfest setzte mich in größte Verlegenheit. Ich hatte noch keinen Tanzunterricht gehabt und wußte nicht, wie man sich auf dem Parkett bewegt. Um nicht ausgelacht zu werden, erfand ich einen Trauerfall, der mir Zurückhaltung auferlege. So erntete ich statt Spott die Achtung der Mitreisenden, die gerührt darüber waren, daß ein so junger Mensch sich so eisern an die Regeln der Konvention hielt!

Mit fünfzehn hatte ich die Obersekunda erreicht, meine Aussichten, mit siebzehn das Abitur zu bestehen, waren gut, als ein Leiden meine Mutter zwang, unseren Potsdamer Haushalt auf längere Zeit zu schließen und uns nach Hamburg umzuschulen.

Im Jahr 1923 vor dem Abitur ab nach Chile

Noch während die Vorbereitungen dazu getroffen wurden, erschien im Hause meiner Großeltern Don Gustavo Berckemeyer, ein Neffe meiner Großmutter, der es mit Hilfe meines Großvaters zum Direktor der "Banco de Chile y Alemania" in Valparaiso (Hafenstadt in Chile nähe Santiago) gebracht hatte. Als er sich erbot, mich in sein Institut zu übernehmen, brannten alle Sicherungen durch. Die Offerte des »Onkels aus Amerika« erschien mir als die Chance meines Lebens.

Wir waren im Jahre 1923. Die Last des verlorenen Krieges lag schwer über dem Land. Armeen von Arbeitslosen belagerten jede frei werdende Stellung. In einigen Teilen Deutschlands herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Kriegsanleihen und Inflation hatten meines Großvaters Vermögen reduziert. Es war fraglich, wie lange er mir würde helfen können. So verzichtete ich auf das Abitur und nahm an.

Es aber doch noch ein paar harte Vorbedingungen

Als Bedingung war mir die Absolvierung einer halbjährigen Lehre auferlegt worden. Ich leistete sie in einer Filiale der Norddeutschen Bank im Hamburger Freihafen ab.

Dort roch es nach Kaffee und Jute. Die Sirenen der Barkassen und das Kreischen der Kräne begleiteten meine Tätigkeit, die mich von der ersten Stunde an langweilte. Aber ich biß auf die Zähne und dachte nur an das Ziel, das Südamerika hieß.

In Hamburg wütete der Spartakus, die Straßen zum Freihafen lagen oft stundenlang unter Gewehr-Feuer. Zwischen Sandsäcken, spanischen Reitern, MG-Nestern und Polizeikontrollen strebten wir unseren Arbeitsplätzen zu, nicht selten Deckung nehmend hinter Güterwagen und Stapeln mit tropischen Hölzern.

Die Krönung dieser phantastischen Lehrzeit war die Silvesternacht 1923. Während die Glocken das neue Jahr einläuteten, bereiteten wir den Kassenbestand der Filiale auf die Währungsumstellung vor. Billionen Mark an Papiergeld glitten durch meine Hände, die Vergänglichkeit aller menschlichen Mühe senkte sich tief in mein Bewußtsein.

Das Abenteuer beginnt

Meine Auslandserfahrungen begannen mit 16 Jahren. - Niemals in meinem Leben vertraute ich mich bedenkenloser einem Abenteuer an als der Ausreise nach der Westküste Südamerikas.

Ich war sechzehn Jahre alt und ließ eine Zukunft hinter mir, die der Umsturz vereitelt hatte. Ich wäre in ein Garderegiment eingetreten oder Offizier der kaiserlichen Marine geworden, die mich stärker anzog als die Armee.

Vielleicht hätte ich meiner Neigung für die bildenden Künste entsprochen und mich als Architekt niedergelassen. Geschichte, Germanistik und Philosophie hatte ich studieren und aufs Land heiraten wollen.

Der Ausgang des Krieges setzte diesen Träumereien ein Ende. Die neue Wirklichkeit in Deutschland erschien mir wenig attraktiv, die mir unbekannte in Amerika um so mehr. Jetzt lag die große Welt vor mir, und sie glühte in den schönsten Farben.


Im April 1924 gings los - nach Südamerika - ein 13. als Ausreisetag

Für die Überfahrt war mir die »Odenwald« bestimmt worden, ein Frachter, der nur zwölf Passagieren Unterkunft bot. Die Ausreise fand am 13. April 1924 statt, einem Datum, das den Aberglauben der Besatzung weckte und für vieles verantwortlich gemacht wurde, das sich auf dieser Fahrt ereignete.

In Antwerpen brach das Ankerspill, das zu flicken eine Woche beanspruchte. In der Biskaya zerschlug ein Nordwest alles an Bord, das nicht niet- und nagelfest war. In Supe setzte uns ein Seebeben fast auf den Strand. Mich selbst schützte ein guter Engel.

In Guayaquil geriet ich an einen Barbier, der noch nie in seinem Leben einen Blonden unter der Schere gehabt hatte und mir umsonst die Haare schnitt.

In Callao versäumte ich das Auslaufen und konnte das Schiff nur mit einem Schnellboot auf hoher See einholen.

In Tocopilla ging die Dünung so hoch, daß ich beim Übersetzen auf einen Schlepper ins Meer fiel und zwischen den Schiffswänden zerquetscht worden wäre, hätte mich nicht ein Matrose gepackt und ins Trockene gezogen.

Zum ersten Mal in meinem Leben in einem Puff

In Antwerpen bestand ich ein ungewöhnliches Erlebnis. In der Schiffsmesse, wo unter dem Vorsitz eines ebenso dicken wie gutmütigen Kapitäns getafelt wurde, vertrieben wir uns die Zeit mit schlüpfrigen Witzen. Ein junger Hamburger, der mir im Alter um zwei Jahre voraus war, und ich hielten wacker mit, obwohl noch keiner von uns einer Frau nähergetreten war. Wir glaubten es unserem Status als Weltreisende schuldig zu sein, uns wie Lebemänner aufzuführen.

Das sollten wir büßen. Eines Abends forderte der unsere Prahlereien durchschauende Kapitän uns auf, ihn und den Schiffsarzt auf einem Landgang zu begleiten. Bald saßen wir in einer fürchterlichen Kneipe, in der leichtgeschürzte Nymphen Absinth und Pfefferminzlikör ausschenkten.

Nachdem wir das Zeug hinuntergekippt hatten, meinte der Kapitän, der Augenblick für einen Spaß sei gekommen. Unter den Saaltöchtern wählte er zwei walkürenhafte Geschöpfe aus und begann mit ihnen in einem Kauderwelsch von Deutsch, Flämisch und Französisch ein Preisgespräch.

Geführt von den beiden Damen, verließen wir das Lokal, überquerten einen Hinterhof und erklommen über eine Außentreppe den ersten Stock des Gemäuers. Dort öffnete sich die Tür zu einem Liebesgemach, dessen Wände Öldrucke schmückten, wie man sie in Forsthäusern findet. Nur bildeten sie keine schindelgedeckten Gebirgshäuser ab, keine sich drehenden Wassermühlen, kein röhrendes Wild, sondern Paare, die in verwegenen Stellungen die "Ars amandi" (lateinisch „Liebeskunst“) praktizierten. Auf Kommando des Kapitäns entledigten sich die beiden Schönen ihrer Hüllen und stürzten sich aufeinander.

Nach einiger Zeit machte der Schiffsführer dem Gerangel durch Händeklatschen ein Ende. Kaum hatten die Fleischgebirge voneinander gelassen, als der Seebär sie auch schon aufforderte, sich unserer zu bemächtigen. Von den Töchtern Lots umarmt, schrien wir aus Leibeskräften um Hilfe. Der Alte schüttelte sich vor Lachen, der Schiffsarzt konstatierte anerkennend eine »Sauhatz«, bis endlich ein Machtwort unseres Cicerone uns vor der Vergewaltigung bewahrte. Den Venuspriesterinnen entkommen, mußten wir versprechen, nie mehr aufzuschneiden, wenn in der Messe Dinge berührt wurden, von denen nur ausgewachsene Mannsbilder etwas verstanden.

Die Seereise dauerte 72 Tage - bis zur »Almirante Latorre«

72 Tage nachdem wir die Elbe verlassen hatten, warfen wir in der Bucht von Valparaiso im Windschatten des Schlachtschiffes »Almirante Latorre« Anker.

Dieser Dreadnought (ein  „Fürchtenichts“ Kriegsschiff) war vor dem Ersten Weltkrieg von Chile in Großbritannien bestellt, nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten für die Royal Navy beschlagnahmt und in der Schlacht am Skagerrak eingesetzt worden. 1919 an Chile abgeliefert, übernahm das Ungetüm dort die Rolle eines weißen Elefanten. Sein Unterhalt verschlang solche Summen, daß der Panzerkreuzer an die Boje gelegt werden mußte.

Nur im Winter vertauschte er seinen Liegeplatz auf der Nordwinden ausgesetzten Reede von Valparaiso mit dem geschützten Hafen von Coquimbo. Um dem Volk die Untätigkeit des Riesen zu verheimlichen und seine Gefechtsbereitschaft vorzutäuschen, wurde in dem einzigen nicht stillgelegten Kessel der »Latorre« ein Feuer aus Brennstoffen unterhalten, die einen starken Rauch entwickelten. So hing der Qualm aus dem Schlot des toten Schlachtschiffes den ganzen Sommer über der Hafenlandschaft.

Auch Brasilien und Argentinien verfügten damals über solche Spielzeuge. Sie liefen nur aus, wenn ein Putsch die Regierung gestürzt hatte. Auf See warteten die Admirale ab, welche Seite die Oberhand gewann, um dann für den Sieger Partei zu ergreifen und im Triumph an ihre Anlegeplätze zurückzukehren.
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Der »Kontinent des siebenten Schöpfungstages«

In seinen »Südamerikanische Meditationen« nannte Hermann Keyserlingk Lateinamerika den »Kontinent des siebenten Schöpfungstages«. Als ich im Frühsommer 1924 zum erstenmal meinen Fuß auf seine Erde setzte, hätte ich mir daraus keinen Vers machen können.

Sowenig wie später Argentinien, übte Chile auf mich eine exotische Wirkung aus. Wenn Afrika jenseits der Pyrenäen beginnt, so hat das indianische Amerika seine tiefsten Wurzeln jenseits der Kordilleren. Bolivien und Peru tragen unverkennbar indianische Züge.

In Chile dagegen schienen die Nachkommen von Spaniern, Deutschen, Schweizern, Engländern und Skandinaviern den Ton anzugeben. Unter dem Lack ihrer dem Lande aufgepfropften Kultur existierte jedoch ein starkes indianisches Element. Es stellte den »roto«, einen verproletarisierten Menschenschlag, in dem Charme und Heimtücke dicht beieinander wohnten.

Mein Gastgeber Don Gustavo

Mein Gastgeber Don Gustavo Berckemeyer hatte im Lauf der Jahre Aussehen und Gebaren eines spanischen Hidalgo angenommen. Er war ein stolzer, unnahbarer Mann, der wenig sprach und die Beamten in seiner Bank und die Hirten auf seinem Fundo lautlos befehligte. Allein seine reizende Frau, eine in Chile geborene Schwäbin, die ihm vier bildhübsche Kinder geschenkt hatte, fand den Zugang zu seinem Herzen.

Sonntags pflegten wir um vier Uhr früh in einem alten Fordwagen aufzubrechen, um nach Überwindung der Küstenkordillere auf vom Regen ausgewaschenen Lehmwegen »El Carpintero« zu erreichen, ein Weidegut unweit von Casablanca, das Berckemeyer mit eisernem Willen und erheblichen Mitteln zu einem Musterbetrieb entwickelte.

Während der mehrstündigen Fahrt fiel kein einziges Wort. Wie die Spanier, war Don Gustavo gegen die Schönheiten der Natur unempfindlich geworden. Von den prachtvollen Sonnenaufgängen nahm er sowenig Notiz wie von dem Panorama der großen Hafenstadt, das sich unter den Serpentinen der Landstraße ausbreitete.

Viehzucht fast wie in Europa

Die Viehzucht war durch ständige Blutauffrischung aus Europa auf einen hohen Stand gebracht worden. »Latifunderos« konnten die in dritter und vierter Generation dort lebenden Deutschen jedoch sowenig genannt werden wie die in Mittelchile Getreide, Hackfrüchte und Wein anbauenden Spanier.

Das Areal von Großgrundbesitzern umschloß Alpen, Urwälder, verkarstete und wasserarme Böden, die geringe Erträge abwarfen. An die Aufteilung dieser Besitze dachte damals niemand. Die auf dem Lande lebende Bevölkerung war es zufrieden, wenn ihr der Patron die Sorge um das tägliche Brot abnahm.

Die Mentalität der Chilenen verstehen lernen

Der Chilene ist kein Ackerbauer. Was er anpflanzt, will er selbst verzehren. Um so größer ist seine Leidenschaft für Mineralien, für Buntmetalle und Halbedelsteine, die er in der Sierra zu finden hofft.

Die von dem Christdemokraten Frei eingeleitete und von dem Sozialisten Allende fortgeführte Landreform hat Chile an den Rand einer Ernährungskatastrophe geführt, weil sie von Voraussetzungen ausging, die dort nicht gegeben sind.

Als ich das Land Mitte der sechziger Jahre wieder aufsuchte, traf ich in den Herrenhäusern der enteigneten Güter jugendliche Funktionäre, die den Tag beim Wein oder am Steuer eines schnellen Wagens hinbrachten, während die von ihnen mehr schlecht als recht angeleiteten Landarbeiter für ihren Lohn viel mehr leisten mußten als unter ihrem früheren Herrn.

Keiner von ihnen befand sich im Genuß des Besitztitels einer Parzelle des Gutes. Der Fundo war gar nicht aufgeteilt, sondern in eine Kolchose verwandelt worden, auf der Löhne gegen Ernte-Erträge verrechnet wurden. Blieben diese hinter den Erwartungen zurück, so verschuldete sich der Landarbeiter, der sein Geld nur als Erntevorschuß erhalten hatte. Die Aufteilung der Böden scheiterte in vielen Fällen an der künstlichen Bewäserung, die sich nicht dezentralisieren ließ.

Es gab auch bleibende negative Erfahrungen

Meinen ersten Weihnachtsurlaub benutzte ich, um auf der »Orcoma« eine Reise nach der Robinson-Insel Juan Fernandez zu machen. Unter den Passagieren traf ich den früheren Zaren Ferdinand von Bulgarien, einen begeisterten Ornithologen, der die Vogelwelt auf Juan Fernandez studieren wollte. In der Weihnachtszeit zog ich mir durch eine Fischvergiftung ein Fieber zu, das mich erst verließ, nachdem ich den Yunque, die höchste Erhebung der Insel, in vierstündigem Aufstieg bewältigt hatte.

Nach meiner Rückkehr fand ich in der Bank eine schlimme Bescherung vor. Die mir unterstehende Portokasse war von meiner Urlaubsvertretung geplündert worden. Da ich mir den Bestand an Freimarken nicht hatte quittieren lassen, mußte ich für den Schaden einstehen, was ich ohne Hilfe aus Hamburg nicht konnte. Mein Ehrgeiz, auf eigenen Füßen zu stehen, wurde empfindlich getroffen.

Mein Wechsel in die Wechselabteilung der Bank

Das Fernweh, das mich nach Chile gezogen hatte, erstickte in Bergen von mir zu bearbeitender Bankpapiere. Ich war froh, als ich meinen Platz in der Buchhaltung mit einer Beschäftigung in der Wechselabteilung vertauschen durfte, in der die Finanzierung von »Gondolas« zu meinen Obliegenheiten gehörte. Es handelte sich um Autobusse, die, von Privatunternehmern betrieben, Valparaiso mit seinen Vororten verbanden.

Auf amerikanische Brockway-Chassis wurden chilenische Karosserien montiert, die, überdacht, nach den Seiten hin offen waren. Um die Gondola lief ein Trittbrett, das vielen Gästen gestattete, das Gefährt gleichzeitig zu besteigen. Die Gondolas verkehrten nach keinem festen Fahrplan und jagten sich in wilden Rennen das Publikum ab. Sie trugen beziehungsreiche Namen wie »Palomita« oder »Chiquitita« und bauten nicht selten schwere Unfälle. Viele der von den Eignern auf unsere Bank gezogenen Wechsel gingen zu Protest.

Ein Einblick in die Deutsche Kolonie in Valparaiso

Die deutsche Kolonie in Valparaiso lebte in hierarchischer Ordnung. Die Spitzengruppe bildeten die Chefs der in Chile ansässigen deutschen Banken, Handelshäuser und Schiffsagenturen. Die Moyer, Vorwerk, Grisar und Gildemeister saßen mit Don Gustavo im Deutschen Club.

Dem Deutschen Verein gehörten die kleineren Geschäftsleute, die leitenden Angestellten, Apotheker, Lehrer und Ärzte an, unter ihnen viele Deutsch-Chilenen.

Der deutsche Konsul hatte sich zwischen alle Stühle gesetzt. Bei einer Veranstaltung der Kolonie bestand er darauf, die Farben der Weimarer Republik zu zeigen, was ihn die Zuneigung seiner Landsleute kostete. Während Rennverein und Golfclub von den Engländern beherrscht wurden, unterhielten die Deutschen in Chorillos einen Tennis- und Hockeyclub. Beziehungen zu anderen Ausländern waren häufiger als zu den Chilenen.

Höhepunkte im Leben der deutschen Kolonie bildeten Kreuzerbesuche, die Erinnerungen an das Erscheinen des Speeschen Geschwaders 1914, an die Seeschlachten von Coronel und bei den Falklandinseln weckten.

An grotesken Begebnissen mangelte es nicht.

Unter Führung meines Kollegen Erich Richter hatten sich jüngere Deutsche zu einer Wandervogelgruppe zusammengeschlossen. Zu Fuß erkundeten wir die karge Landschaft, übernachteten in Zelten und wärmten uns nach Bädern unter rauschenden Wasserfällen in der sengenden, von den Weiten des Pazifischen Ozeans reflektierten Sonne. Zur Klampfe sangen wir deutsche Landsknechtlieder. Wer unseren Weg durch die Einöden der Kordillere kreuzte, hielt uns für verrückt, was unser Vergnügen erhöhte.

An grotesken Begebnissen mangelte es nicht. Eines Morgens verspätete sich ein frisch aus Deutschland eingetroffener junger Bankangestellter zum Dienst. Er war nächtens von einem Einbrecher aller seiner Hosen beraubt worden. In Bremen pedantisch erzogen, pflegte er in seinem Kleiderschrank Jacken und Hosen getrennt aufzuhängen. Der Dieb, der sich überrascht wähnte, ließ die Jacken an ihrem Platz und machte sich mit den Hosen davon. Carlos Bertram-Nothnagel, dessen Bruder später den Norddeutschen Lloyd leiten sollte, ertrug die Halbierung seiner Garderobe mit Fassung. Aber sie bestärkte ihn in seinem Vorurteil gegen Südamerika, dem er bald wieder den Rücken kehrte.

Nach der der Auto-Fahrt ein Tag im Sattel

Auf dem Fundo vertauschten wir das Auto mit dem Pferd und verbrachten den Tag im Sattel. Die gutmutigen Gauchogäule machten mir wenig zu schaffen. Nur einmal vertraute mir Don Gustavo seinen Vollblüter an, der sofort mit mir durchging.

In rasendem Tempo galoppierten wir über eine mit Kakteen und Dornenbüschen bestandene Steppe, auf der ich mit knapper Not dem Schicksal Absaloms entging. Don Gustavo strafte mich mit stummer Verachtung, die sich noch steigerte, als ich mir kurz darauf beim Einüben einer Pistole durch die linke Hand schoß.

In Mittelchile war Don Gustavo einer der wenigen deutschen Großgrundbesitzer. Die meisten deutschen Güter befanden sich im Süden des Landes. Dort waren Betriebe entstanden, die Modellen in Mecklenburg und Friesland wenig nachstanden.

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