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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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Wieder zurück in Berlin - Glück im Unglück - 1940-1941

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Ab Juni 1940 in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes

Das Glück, das sich während des zweiten Jahrzehnts meines Werdeganges an meine Fersen geheftet hatte, blieb mir im Kriege treu. Ich überstand ihn in einer Stellung, die eine interessante Tätigkeit mit mancherlei Erleichterungen verband. Daß fast meine gesamte Habe im Berliner Flammenmeer des 23. November 1943 unterging, wog demgegenüber gering.

Vom Juni 1940 bis Kriegsende gehörte ich als wissenschaftlicher "Hilfsarbeiter" der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin in der Wilhelmstraße an, in der mir mehrere Referate unterstanden.
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Ich war das Sprachrohr des AA für unsere Missionen

Ich verfaßte eine tägliche Sprachregelung an die deutschen auswärtigen Missionen. Ich baute einen Artikeldienst - »Europäische Korrespondenten« - auf, der die Presse in dem uns befreundeten Ausland mit Aufsätzen in mehreren Idiomen belieferte.

Ich gab die »Deutsche Diplomatische Korrespondenz« heraus und betreute die Zeitschrift »Berlin - Rom - Tokio«, beide Sprachrohre des Auswärtigen Amtes. Ich gehörte dem Indien-Ausschuß an und wurde mit Sonderaufgaben wie der Formulierung schwieriger Texte betraut.

Ich war mit einem Dienstpaß ausgestattet und konnte mich in allen Ländern bewegen, die während des Krieges Deutschen offen standen. Auch ein eigener Wagen stand mir zur Verfügung.

Fast unbeschränkter Zugang zu fast allem Material, das auf den Tisch des Auswärtigen Amtes kam

Entscheidender war, daß ich kraft meiner Stellung den Krieg mit wachen Augen erlebte . . . .


. . . . und dem Gang der Ereignisse unbeeinflußt von Propaganda folgen konnte. Dienstlich hatte ich Zugang zu fast allem Material, das auf den Tisch des Auswärtigen Amtes kam.

Die Presse aus den Feindstaaten und dem neutralen Ausland, Situationsberichte der Nachrichten- dienste, Rundfunk- und Telefonabhörprotokolle gehörten dazu ebenso wie die Exposes der Botschafter und viele geheime Reichssachen.

Über außenpolitische Vorgänge war die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes umfassender unterrichtet als irgendeine andere oberste Reichsbehörde.
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Alle haben im Krieg gelogen, was nur ging . . .

Wenn etwa Präsident Roosevelt eine Rede hielt, so konnten wir wenige Stunden später alle in Washington ausgegebenen Fassungen miteinander vergleichen und unsere Schlüsse daraus ziehen.

  • Anmerkung : An anderen Stellen anderer Autoren (Die Wahrheit von Perl Harbor) hatte ich erstaunt gelesen, daß "die Amerikaner" in der psycholgischen Kriegführung wahre Meister waren. Insbesondere was das Belügen der eigenen Landsleute und Verbündeten anging. Hier steht es nochmal explizit, von manchen Reden das Präsidenten Roosvelt wurden mehrere abweichende Varianten "unters Volk gebracht".

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Der jüngste Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt

Der Aufbau dieses lückenlosen Informationsapparates war das Werk des Gesandten Dr. Paul Schmidt - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Chefdolmetscher des Auswärtigen Amtes.

Schmidt hatte eine Karriere gemacht, die selbst bei den Aufstiegsmöglichkeiten im Dritten Reich märchenhaft genannt werden konnte. Er war 1936 von Ribbentrop entdeckt und von ihm nach seiner Berufung zum Reichsaußenminister 1939 an die Spitze der Presseabteilung im Außenministerium gestellt worden.

Jahrgang 1911, wurde er mit achtundzwanzig Jahren der jüngste Ministerialdirektor und Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt. Bald stellte sich heraus, daß er auch eine der stärksten politischen Potenzen in der Wilhelmstraße war.

Der Gesandte Dr. Paul Schmidt - ein brillianter Glücksfall

Gelernter Volkswirtschaftler und Psychologe, hatte die Natur Schmidt mit einem messerscharfen Verstand ausgerüstet. Die Fähigkeit zu logischem Denken verband er mit einer bedeutenden Formulierungsgabe und außergewöhnlichem Organisationstalent.

Eine überragende Persönlichkeit, zeigte er im Umgang mit Ribbentrop, Goebbels und anderen Größen die Unabhängigkeit der Anschauungen und die Festigkeit des Charakters, die so vielen leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes zum Unglück der deutschen Politik abgingen.

Er bewahrte sie auch während der Nürnberger Prozesse, wo er keinen Hehl aus der Gesinnung machte, die ihn in den Dienst des Dritten Reiches geführt hatte. Aus der Haft entlassen, entfaltete sich Schmidts Talent für die Schriftstellerei.

Als Paul Carell veröffentlichte er Standardwerke über die Feldzüge in Nordafrika, in der Sowjetunion und über die Invasion, die Millionenauflagen erreichten und in alle Sprachen übersetzt wurden.

Mit Ausnahme von Rudolf Diels bin ich in Deutschland keinem so intelligenten politischen Menschen begegnet. Nachdem ich mich mein halbes Leben mit Vorgesetzten herumplagen mußte, die bestenfalls Mittelmaß hatten, bedeutete die Zusammenarbeit mit Schmidt einen Glücksfall.

Der "Presse-Schmidt" hatte Erfolg

Als Schmidt die Presseabteilung übernahm, zählte sie sieben Beamte und hieß im Amtsjargon »Dome des Invalides«.

Bei Kriegsende beschäftigte die Presseabteilung 200 Mitarbeiter, unter denen sich hervorragende Spezialisten befanden - wie die Fernostkenner Hilmar Bassler und Albrecht Fürst von Urach, der Arabist Wilhelm Georg Steffens, die Amerika-Experten Heribert v. Strem-pel und Richard Sallett, der Büdfachmann Bernhard Woischnik u. a.

Der Gesandte Gustav Braun von Stumm

Stellvertreter Schmidts waren Günter Lohse und der Gesandte Gustav Braun von Stumm, Sproß einer saarländischen Industriellenfamilie, der über ein großes Vermögen verfügte.

Erst Gatte der Baronesse Irma Lüttwitz, dann der Marchesa Giuseppina Antinori, zwei der schönsten Frauen im Vorkriegseuropa, war Braun von Stumm eines der letzten Originale im Auswärtigen Amt. In Tirol hatte er ein Schloß aus dem einzigen Grund erworben, weil es Stumm hieß.

Unterlief seinem Diener Wilhelm beim Servieren ein Fehler, so mußte er aus Wildleder gefertigte Eselsohren aufsetzen. Seine Untergebenen in der Presseabteilung redete er grundsätzlich mit Spitznamen an, die er für sie erfunden hatte und die sich ihm so eingeprägt hatten, daß er die wirklichen Namen gar nicht mehr wußte.

Kuriositäten von Gustav Braun von Stumm

Im dritten Stock eines Mietshauses am Lützow-Platz wohnend, suchte Braun v. Stumm niemals den Luftschutzkeller auf, sondern benutzte die Dauer des Alarms, um beim Schein einer Notbeleuchtung im Bett Akten zu lesen.

Wurde schließlich entwarnt, so fragte er unwirsch: »Was, schon zu Ende?« Vor 1933 stand seiner politischen Karriere die Marotte im Wege, deutsche Minderheiten zu entdecken, wo immer er sich gerade befand.

Als Kenner verstreuten Volkstums übertraf ihn auch im Dritten Reich niemand. Persönlich bedürfnislos, hatte Braun v. Stumm nur eine kostspielige Leidenschaft, die Numismatik (er war Münzsammler).

Dr. Paul Schmidts »brain trust«

Zu Schmidts »brain trust« gehörten die Journalisten Walter Petwaidic und Rudolf Fischer, die eine glänzende "Feder" (Synonym für Formulierungskunst im Journalismus) mit Einsichten verbanden, die im Amt nicht gerade häufig waren.

Hans Josef Lazar von der Botschaft in Madrid

Unter den Attaches, auf die sich die Arbeit der Presseabteilung im Ausland stützte, war der Pressebeirat an der Deutschen Botschaft in Madrid, Hans Josef Lazar, die brillanteste Erscheinung. Triestiner von Geburt, äußerlich einem Pascha gleichend, wie sie der Fürst Pückler in seinen orientalischen Reisebeschreibungen zeichnete, war Lazar nach dem Anschluß aus dem österreichischen Pressedienst übernommen worden.

Unter den Botschaftern v. Stohrer, v. Moltke und Dieckhoff war er der eigentliche politische Kopf der deutschen Vertretung in Spanien. Sein Verhältnis zur spanischen Presse, deren Chefredakteure er täglich sah, war so eng, daß sich ihm das umgekehrte Problem wie anderen Pressediplomaten stellte.

Während diese außerordentliche Anstrengungen unternehmen mußten, um deutschfreundliche Kommentare unterzubringen, sorgte Lazar gelegentlich für einen deutschfeindlichen Artikel - um die Glaubwürdigkeit der von ihm hinter den Kulissen dirigierten Blätter zu erhalten.

Lazar hörte in Madrid das Gras wachsen

War er einmal abwesend, so konnte man sicher sein, daß etwas Unerwartetes passierte - wie der Sturz Serrano Sufiers als Außenminister. An der Seite seiner klugen Frau, die er bald nach dem Kriege verlor, machte Lazar ein großes Haus.

Seine Aktivität ging niemand mehr auf die Nerven als dem britischen Botschafter Sir Samuel Hoare. Nach dem Kriege setzten die Engländer auf Lazars Ergreifung eine hohe Belohnung aus.

Der Gesuchte verschwand in einem Krankenhaus, angeblich um sich den Blinddarm herausnehmen, in Wirklichkeit um sich die Haare schneiden zu lassen.

Durch eine Tonsur bis zur Unkenntlichkeit entstellt, schlug er den Engländern ein Schnippchen und verbarg sich in einem Kloster. Jahre später starb er in Brasilien. Schmidt widerstand allen Aufforderungen, Lazar, dessen levantinisches Aussehen den rassischen Idealen des Dritten Reiches nicht sehr nahekamen, durch ein blondes Kalb zu ersetzen. Er hätte nicht nur die Presseabteilung ihres besten Pferdes, sondern auch die Madrider Botschafter einer Krücke beraubt, ohne die sie sich nicht bewegen konnten.

Schmidts Führungsstil und sein Talent - und die Eifersucht der anderen

Schmidts Führungsstil, sein Talent, qualifizierte Mitarbeiter heranzuziehen, und die Leistungsfähigkeit des von ihm errichteten Informationsapparates erregten die Eifersucht von Goebbels, der die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes am liebsten in das Propagandaministerium integriert hätte.

Andere Rivalen Ribbentrops waren der Reichsführer SS Heinrich Himmler, der danach strebte, den Auswärtigen Dienst der SS einzugliedern, ferner Alfred Rosenberg, der nach Beginn des Ostfeldzuges dem Auswärtigen Amt die Ostpolitik streitig machte, und endlich Rudolf Heß, der bis zu seinem Englandflug in die Westpolitik hineinfunkte.

Auch die Chefs geheimer Nachrichtendienste wie Admiral Walter Wilhelm Canaris und Walter Schellenberg übten bisweilen Einfluß auf außenpolitische Vorgänge aus, die sich der Kontrolle durch das Auswärtige Amt entzogen.

Positionskämpfe und Kompetenzzwiste

Positionskämpfe und Kompetenzzwiste waren die Folge. Gleichwohl wurde im Auswärtigen Amt, in dem Presseabteilung, Informationsabteilung und Rundfunkabteilung koexistierten, nützliche Arbeit geleistet.

Dies war um so erstaunlicher, als mit der Berufung Ribbentrops zum Außenminister die Homogenität des Beamtenkörpers der Vergangenheit angehörte. Neue, von der Partei empfohlene oder von Ribbentrop persönlich gewonnene Mitarbeiter hielten in den Auswärtigen Dienst ihren Einzug.

So entstanden zwei sich belauernde Lager: die sich um den Staatssekretär Freiherrn Ernst v. Weizsäcker scharenden Karrierebeamten und die Protektionskinder des NS-Regimes.

Die einen waren Professionals, denen es nicht an Wissen und Erfahrung, häufig aber an Mut fehlte, die anderen waren Amateure, die mangelnde Kenntnisse durch forsches Auftreten ersetzten.

Ein paar Details der beiden "Flügel" (oder "Lager")

Der Weizsäcker-Flügel wurde vertreten durch den Leiter der Rechtsabteilung Unterstaatssekretär Friedrich Wilhelm Gauß, durch den Chef des Protokolls Freiherrn Sandro v. Dörnberg, durch den Leiter des Sprachendienstes Gesandten Dr. Paul Schmidt, ferner durch die Unterstaatssekretäre Dr. Ernst Wörmann und Andor Henke, die Botschafter Rudolf Rahn, Karl Ritter und Emil v. Rinteln und die Gesandten Erich Kordt und Dr. Günther Altenburg.

Das Regime repräsentierten die Staatssekretäre Dr. Wilhelm Keppler und Ernst Wilhelm Bohle, der als Gauleiter zugleich der AO (der Organisation der Auslandsdeutschen) vorstand, der Leiter der Deutschlandabteilung Unterstaatssekretär Martin Luther, der Chef der Presseabteilung Gesandter Dr. Paul Schmidt, der Verbindungsmann zum Führer Botschafter Walter Hewel, der Sonderführer Likus und der Baron Gustav Adolf Steengracht von Moyland, der dann Weizsäcker als Staatssekretär ablöste.

Sie alle gehörten zeitweise
zu den engeren Mitarbeitern und Vertrauensleuten Ribbentrops und folgten ihm ganz oder vorübergehend in sein ostpreußisches Feldquartier, das der Reichsaußenminister in dem Lehndorffschen Schloß Steinort aufgeschlagen hatte.

Kein Korpsgeist, dafür viele Opportunisten im AA

Zwischen beiden Lagern gab es viele Querverbindungen. Ein Korpsgeist, wie er im Auswärtigen Dienst der Kaiserzeit herrschte und in die Weimarer Republik zu einem guten Teil übernommen wurde, stellte sich jedoch nicht ein.

Freilich waren sich alte Beamte und neue Mitarbeiter, ob sie dem Kriegsverlauf nun voll Optimismus oder skeptisch folgten, darin einig, daß der Krieg erst einmal gewonnen werden mußte und daß es die Pflicht jedes einzelnen war, zu seinem Teil dazu beizutragen.

Das galt auch für die Kritiker des Regimes, unter denen es Opportunisten gab, die sich sowohl für den Sieg wie für die Niederlage einzurichten suchten.

Wenn der Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozeß etwas enthüllte, so war es die Gebrochenheit dieser Haltung, die im Auswärtigen Dienst stärker hervortrat als in der Wehrmacht und Verwaltung.

Einige Erfahrungen auf Dienstreisen in 1941

Gelegentlich begleitete ich Dr. Paul Schmidt auf Dienstreisen, so nach Rom, Madrid und Paris. Am 1. März 1941 wohnten wir in Wien dem Beitritt Bulgariens zum Dreierpakt bei, am 25. März 1941 am gleichen Ort dem Anschluß Jugoslawiens an dieses Bündnis.

Beide Male fand die Zeremonie in Anwesenheit Hitlers im Goldenen Saal des vom Prinzen Eugen hoch über der Stadt erbauten Belvedere-Schlosses statt.

Wie Napoleon in Memel gab Hitler sich als Herr des Kontinents. Er ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ein greiser Lakai in der kaiserlichen Livree der Habsburger den Zeremonienstab fallen ließ, der mit einem peitschenähnlichen Knall auf das Parkett schlug.

Ein Attentat wähnend, stürzte alles nach vorn, um Hitler zu decken, der sich dem Getümmel lächelnd entwand, seinen bulgarischen Gast am Arm nahm und zur Unterzeichnung der Urkunden schritt.

April 1941 - Kriegserklärung an Jugoslawien und Griechenland

Bei der Aufnahme Jugoslawiens ging es gedrückter zu. Mit versteinerter Miene folgte Ministerpräsident Zwetkowitsch den Ausführungen Ribbentrops. Er ahnte, daß seine Tage gezählt waren.

Keine zwei Wochen später - am 6. April 1941 - wurden wir in den Bundesratssaal des Auswärtigen Amtes gerufen, um aus dem Munde Ribbentrops die Kriegserklärung an Jugoslawien und Griechenland zu vernehmen.

22. Juni 1941 -das "Unternehmen Barbarossa" beginnt

An den gleichen Ort wurden wir in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 beschieden, als der Minister die internationale Presse über den Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion unterrichtete.

Mit der Kapitulation der Stalingrad-Armee Ende Januar 1943 trat der Krieg in seine entscheidende Phase. (Vgl. Studnitz: »Als Berlin brannte - Diarium der Jahre 1943-1945«. Kohlhammer, Stuttgart 1963.)
Berlin wurde immer häufiger das Ziel schwerer Luftangriffe, die die Reichshauptstadt - ein Viertel nach dem anderen - in Trümmer legten.
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Ab 1943 - Der Dienst in den Ministerien

Der Dienst in den Ministerien paßte sich diesen Umständen mit erstaunlicher Elastizität an. Beamte und Angestellte wurden zum Luftschutz eingeteilt. Wenigstens einmal im Monat kam die Reihe an mich. Ich bezog einen Beobachtungsposten auf dem Dachboden, um die im Keller installierte Luftsdiutzzentrale zu wrarnen, wenn Brandbomben einschlugen.

Der Rhythmus der Angriffe wechselte mit der Jahreszeit. Während der letzten Kriegsmonate erfolgten oft drei Angriffe am Tage und ein bis zwei Angriffe nachts. Die Amerikaner bombardierten Fabrikanlagen, die Engländer hatten es auf die Wohnviertel abgesehen. Manche Stadtteile wurden zunächst ausgespart, was zu den unsinnigsten Gerüchten führte.

Am Ende erwischte es zwar alle - aber es ging weiter

Die Haltung der Bevölkerung war vorbildlich und entsprach besten preußischen Traditionen. Niemals sind mir die Berliner stärker ans Herz gewachsen als in den Jahren 1943 bis 1945, in denen der Luftkrieg ihre Heim- und Arbeitsstätten zerschlug und Zehntausende von Todesopfern forderte.

Selbst das gesellschaftliche Leben kam nicht zum Erliegen. Es gruppierte sich um die diplomatischen Vertretungen der Länder, die ihre Beziehungen zum Dritten Reich nicht abgebrochen hatten, in erster Linie um die Botschaften Italiens, Japans, Spaniens, die Gesandtschaften der Schweiz, Portugals, Schwedens und um die in Berlin verbliebenen Vertretungen südamerikanischer Staaten.

Ihre Angehörigen erhielten achtfache Lebensmittelrationen und Benzinkarten und versorgten sich zusätzlich mit Lebensmitteln und Spirituosen aus ihren Heimatländern.

  • Anmerkung : Das war geheime Reichssache, daß die Diplomaten bei der knappen Versorgung so sehr bevorzugt wurden, quasi wie später wieder in Ost-Berlin nochmal genauso.

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So langsam ging es abwärts mit dem diplomatischen Korps

Der Kreis der Deutschen, der mit dem diplomatischen Korps verkehrte, schrumpfte mit der Dauer des Krieges. Er beschränkte sich schließlich auf wenige Vertreter des Regimes und den Rest der Berliner Gesellschaft, der ungeachtet der Bomben an der Spree aushielt und nach bestem Vermögen, wenn auch in bescheidenem Rahmen die Gastfreundschaft der Diplomaten zu erwidern suchte.

Der Gesandte a. D. Freddy Horstmann

An erster Stelle stand das Haus, das der mit einer Tochter des Bankiers v. Schwabach verheiratete Gesandte a. D. Freddy Horstmann in seiner Parterrewohnung am Steinplatz führte. Es gab keinen Diplomaten von Rang, der sich nicht nach seinen Antrittsbesuchen in der Wilhelmstraße bei Horstmann gemeldet hätte.

Allen Beschwörungen seiner Freunde zum Trotz weigerte sich Horstmann, Berlin zu verlassen. Er war schon 1933 zur Disposition gestellt worden, hatte sich politisch nie betätigt, wollte sich von seinen Kunstsammlungen nicht trennen und vertraute seinem Geschick auch im Umgang mit den Russen. Er sollte sich bitter täuschen.

Bald nach der Besetzung Berlins verhafteten ihn die Sowjets und ließen ihn im KZ Oranienburg verhungern, nachdem der alte Herr sich durch die Hergabe seines Stadtpelzes gegen einen Laib Brot noch eine kurze Lebensfrist eingehandelt hatte. Als auch die Gebäude der Botschaften sich mehr und mehr in Ruinen verwandelten, verlagerte sich ihre Geselligkeit in die Ausweichquartiere, die viele Diplomaten auf Landsitzen in der Umgebung Berlins bezogen hatten.

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