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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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Der 20. Juli 1944

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Mit Peter Yorck von Wartenburg auf einer Hochzeit

Über die Entwicklung, die zum 20. Juli 1944 führte, war ich weder unterrichtet noch überrascht. Mit dem Grafen Peter Yorck von Wartenburg, einem der Hauptverschworenen, war ich an diesem Tage nach Weimar gerufen worden, um als Trauzeuge an der Vermählung unseres gemeinsamen Freundes, des Grafen August Sylvius Pückler, mit Ursula Modeste Brand teilzunehmen.

Während des Brautdiners, das am 19. Juli im Hotel »Elefant« stattfand, wurde Peter Yorck ans Telefon gebeten und, wie er uns wissen ließ, in einer dienstlichen Sache nach Berlin zurückgerufen. Als wir am anderen Tage nach der kirchlichen Trauung beim Hochzeitsessen saßen, meldete der Rundfunk das Attentat.

Meine Gedanken zu einer Mitwirkung an der Verschwörung

Ich hätte mich der Mitwirkung an der Verschwörung aus drei Gründen versagt.

Einmal hielt ich innenpolitisch die Stunde für verpaßt, nachdem die Generalität die Diffamierung des Generalobersten Freiherrn v. Fritsch, des Oberbefehlshabers des Heeres, im März 1938 ohne Widerstand hingenommen hatte.

Zum anderen wußte ich, daß der Nationalsozialismus im Offizierskorps tiefe Spuren hinterlassen und die Geschlossenheit seiner Anschauungen zersetzt hatte, so daß ein einheitliches Handeln im Zuge eines von der Armee ausgelösten Staatsstreiches nicht erwartet werden durfte.

Die Reaktion des Majors Otto Ernst Remer, die zum Mißlingen des Komplotts in Berlin wesentlich beitrug, entsprach durchaus der Einstellung vieler jüngerer Offiziere.

Endlich konnte ich mir auf Grund meiner genauen Kenntnis der Absichten unserer Kriegsgegner nicht vorstellen, daß die Alliierten die gewaltsame Beseitigung Hitlers und des NS-Regimes mit anderen Bedingungen honoriert hätten, als sie uns nach dem April 1945 auferlegt wurden.

Und eigentlich war ich auch Opportunist

Auf der anderen Seite war ich überzeugt, daß die deutsche Nation die Zerstörung des Reiches überdauern würde und darum beizeiten Treibanker ausgeworfen werden mußten.

In der von Ribbentrop begründeten und vom Gesandten Schmidt herausgegebenen Zeitschrift »Berlin - Rom - Tokio« ließ ich einen Aufsatz erscheinen, der Signalwirkung ausüben sollte.

In ihm skizzierte ich den Zustand Europas für den Fall einer deutschen Niederlage (Vgl. Heft 4, Jahrg. 6, Juli 1944: »Der dritte Weltkrieg«.)

Im folgenden und letzten Heft der Zeitschrift, die dann aus kriegswirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde, spann ich diesen Gedanken weiter.

Ich wurde dennoch nicht verhaftet

Beide Veröffentlichungen, die, von Schmidt gebilligt, Ribbentrop nicht vorgelegen hatten, erregten großes Aufsehen. Der britische Rundfunk kommentierte :

»Obwohl der Artikelschreiber so tut, als wolle er die Möglichkeit eines dritten Weltkrieges analysieren, läuft sein Artikel in Wirklichkeit auf das Eingeständnis der Niederlage Deutschlands hinaus und auf einen Appell an die Alliierten um günstige Friedensbedingungen.«

Ein in England erscheinendes Emigrantenorgan schrieb: »Dieser Artikel, den in Deutschland selbst vermutlich nur sehr wenige Personen zu lesen bekommen haben, stellt sich ganz unzweideutig auf den Standpunkt, daß der Krieg für Deutschland und Japan verloren ist, und gibt den Alliierten wohlgemeinte Ratschläge, wie sie einen Frieden zimmern sollen, der Aussicht habe von Bestand zu sein.«

Obschon meine Ausführungen der offiziellen Sprachregelung entgegenstanden, die auch im Hochsommer 1944 noch auf den »totalen Sieg« ausgerichtet blieb, wurde ich nicht gemaßregelt.

Der Todeskampf des Großdeutschen Reiches nach 1943

Nachdem der Todeskampf des Großdeutschen Reiches begonnen hatte und Berlin in tiefe Agonie verfiel, wurde ich im März 1945 mit einer Verfügung bekannt gemacht, die mich dem Führungsstab des Auswärtigen Amtes zuteilte, dem aufgegeben war, bis zuletzt in der Wilhelmstraße auszuharren.

Während eine Abteilung nach der anderen nach Mittel-, Süd- und Westdeutschland ausgelagert wurde, bildeten wir ein Himmelfahrtskommando.

März 1945 - Wir durften "zum Abschied" nochmal Nachhause

Als einzige Vergünstigung wurde uns ein Familienurlaub eingeräumt, der auf drei Tage beschränkt war und uns den Abschied von unseren Angehörigen ermöglichen sollte. Den Zeitpunkt konnten wir im Einvernehmen mit unseren Vorgesetzten selber wählen.

Damit öffnete sich eine letzte Chance, sich aus Berlin abzusetzen, bevor die von Osten unaufhaltsam heranrückende Front den Perimeter der deutschen Hauptstadt erreichte und die Wilhelmstraße zum Kampffeld wurde.

In einer der letzten eiskalten Märznächte

In einer der letzten eiskalten Märznächte bot sich mir die Gelegenheit, zu meinem Familienurlaub aufzubrechen. Mein Amtskollege Heribert v. Strempel, der als Vorkommando einer Dienststelle nach Thüringen entsandt wurde, vertraute mir einen seiner beiden Fiatwagen für die gemeinsame Reise dorthin an.

Es handelte sich um einen offenen Topolino-Zweisitzer, der sich in einer desolaten Verfassung befand. Kaum waren wir unterwegs, als ich feststellte, daß drei von fünf Gängen blockiert waren. Noch im Vorort Dahlem platzte mir ein Vorderreifen. Während des Radwechsels gab es Vollalarm, und wir nahmen Deckung in einem Vorgarten.

Endlich gelangten wir auf die von Bombentrichtern aufgewühlte Autobahn. Bei Morgengrauen erreichten wir die Magdeburger Elbbrücke, die mißtrauische Wachen uns nur mit Mühe passieren ließen.

Die Sonne ging auf - und gleich kamen die Tiefflieger

Kaum hatten wir dieses Hindernis überwunden, als an einem wolkenlosen Himmel die Sonne aufging und die Landschaft mit dem strahlenden Licht des jungen Frühlings überzog. Im gleichen Augenblick erschienen auch schon feindliche Tiefflieger, die uns den ganzen Tag zu schaffen machten, uns immer wieder unter Feuer nahmen und zu längeren Pausen in Gehölzen zwangen. Als wir gegen Abend durchfroren und todmüde auf dem Schloß Klosterzella unseres Freundes Helmut v. Fries um Quartier baten, waren wir am Ende unserer Kräfte.

Nach dem Auto ging es mit der Bahn weiter

Am anderen Morgen setzte ich die Reise mit der Bahn fort, um über Kassel und Altenbeken die Station Horn/Bad Meinberg im Lippischen zu erreichen, dort wußte ich meine Familie auf dem Besitz meines Schwagers Mengersen in Reelkirchen geborgen.

Mit dem herrlichen Wetter blieben mir die Tiefflieger treu. Eben hatten wir den schützenden Tunnel von Altenbeken verlassen, als Jagdbomber den Zug angriffen und durch Treffer in die Lok zum Stehen brachten.

Ich stand auf dem Trittbrett meines Wagens, um die Flugzeuge besser beobachten zu können, als ein Granatsplitter eine Schaffnerin an meiner Seite traf. Sie stürzte auf den Bahnkörper. Während ich ihr nachsprang, um ihr Hilfe zu leisten, erwischten mich Streifschüsse am Ohr und unterhalb des Schulterblattes.

Es gab zwei Tote, unter ihnen die Schaffnerin, und mehrere Verwundete. Ich blutete stark, konnte aber trotz des Blutverlustes auf einer Draisine die Reise forsetzen. Die Blessur verschaffte mir eine kurze Urlaubsverlängerung.

Das Ende des 3. Reiches durch die Amerikaner

Als sie ablief, marschierten die Amerikaner in Paderborn ein, das nur 40km von uns entfernt war. Am anderen Tage ließ ich mich von den Amerikanern überrollen. Meine Tätigkeit im Auswärtigen Amt fand ihr Ende, ohne daß ich den Abschied eingereicht hätte oder entlassen worden wäre.

Meine Galgenfrist bis zum 23. Dezember 1945

Den Papieren über die Konferenz von Jalta hatte ich den ungefähren Verlauf der Demarkationslinie zwischen den westlichen und östlichen Verbündeten entnehmen können. Was ich vor Einsetzen der schweren Luftangriffe auf Berlin in Sicherheit brachte, evakuierte ich nicht nach Schlesien, was nahegelegen hätte, sondern nach Lippe, weil dort mein damaliger Schwager Mengersen angesessen war.

Obwohl an der einen Teil der amerikanischen Heeressäulen aufnehmenden Reichsstraße Nr. 1 gelegen, blieb sein Schloß Reelkirchen von den Kampfhandlungen verschont. Unsere Freude, davongekommen zu sein, sollte jedoch nicht lange währen. Wenige Wochen nach dem Einmarsch erschien ein mit der Liaison zur britischen Rheinarmee betrauter amerikanischer Offizier und vertrieb uns aus unserem Refugium.

Mit Ausnahme persönlicher Gebrauchsgegenstände mußten wir alles aus Berlin Geborgene im Stich lassen. Kaum hatten wir uns bei einem unserer Nachbarn, dem Grafen Wolff-Metternich in Vinsebeck, etabliert, als die Besatzungsbehörden auch das Metternichsche Schloß beschlagnahmten und seinen Besitzer in Gefangenschaft führten.

Auf die Straße gesetzt, kamen wir in einem kleinen Bauernhof in Reelkirchen unter. Hier wurde ich am 23. Dezember 1945 von britischer Militärpolizei verhaftet.

Die Amerikaner gingen, die Engländer kamen

Den Anlaß für meine Festnahme durfte ich mir selbst zuschreiben. Die Amerikaner hatten das Haus meines Schwagers an den britischen »Intelligence Service« abgetreten. Mit ihm machten sich dort Leute seßhaft, deren merkwürdiges Gebaren selbst die ruhige Bevölkerung der dem Schloß benachbarten Dörfer Reelkirchen und Herrentrup in Aufregung versetzte.

In der Nacht nach ihrem Einzug entfernten die Geheimdienstler sämtliche Porträts, auf denen Frauen abgebildet waren, und versenkten einen Teil von ihnen im Burggraben. Indizien deuteten daraufhin, daß der Besitz meines Schwagers Schauplatz von Vergnügungen wurde, die seine Beschlagnahme nicht rechtfertigten. So wurde ich bei den britischen Militärbehörden vorstellig, um die Rückgabe unseres Eigentums zu erwirken.

Das Eigentor bzw. der Stich ins Wespennest

Damit stach ich in ein Wespennest und lenkte die Aufmerksamkeit auf meine Person, die den Besatzern bis dahin nicht aufgefallen war. Als sich herausstellte, daß ich mit dem politischen Publizisten identisch war und überdies während des Krieges eine nicht unwichtige Tätigkeit im Auswärtigen Amt ausgeübt hatte, war es um mich geschehen.

Heiligabend im Gefängnis

Ich wanderte ins Kittchen, in dem ich über sieben Monate festgehalten wurde. Reelkirchen wurde erst freigegeben, nachdem ich, aus der Haft entlassen, den Kampf mit den Besatzungsstellen wiederaufnehmen konnte. Mit Hilfe von Anthony Marecco, der in der britischen Kontrollkommission in Berlin Rechtsfragen bearbeitete, gelang es 1948, den »Intelligence Service« wieder auszuquartieren.

Am Heiligen Abend 1945 wurde mir von den Engländern im Strafgefängnis von Detmold Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken, daß man im Umgang mit dem das Land besetzt haltenden Feind Zurückhaltung üben soll.

Die Hoffnung auf britische Fairneß ging schief

Ich hätte mich dieser Regel gewiß befleißigt, würden in mir nicht die positiven Eindrücke nachgewirkt haben, die ich im Laufe so vieler Jahre in Großbritannien und britisch beherrschten Ländern empfing.

Auch jetzt noch baute ich auf britische Fairneß und führte meine Festnahme auf ein Mißverständnis zurück, das sich vielleicht schon am anderen Tage aufklären würde. Als das Tageslicht des Weihnachtsmorgens durch das vergitterte Zellenfenster auf meine Pritsche fiel, lag eine Nacht hinter mir, die mit der Heiligen Nacht wenig gemein hatte.

Eine neue Seite deutschen Wesens - Selbstmitleid

Meine Zellengenossen, zwei Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront, kamen aus den Klagen über ihr Schicksal nicht heraus. Sie konnten es nicht fassen, daß kein brennender Baum die Finsternis unseres Verlieses wärmte, und gedachten tränenreich ihrer Nächsten. Der eine erklärte, seine Frau würde sich umbringen, wüßte sie, daß er Weihnachten auf einem Strohsack verbringen müsse.

In dieser Nacht offenbarte sich mir eine neue, mir bis dahin unbekannt gewesene Seite deutschen Wesens; der Hang zum Selbstmitleid. Unter den Internierten, mit denen ich nun Monate verbrachte, sollte ich ihm immer wieder begegnen. Das Selbstmitleid äußerte sich in Sätzen wie: »Mit mir können sie es ja machen«, und in sentimentalen Ausschweifungen, die der durch die Gefangenschaft vorenthaltenen Familienidylle galten.

Es war mitunter grotesk zu erleben, wie Männer, denen man den Haustyrannen an der Nasenspitze ansah, in Erinnerungen an Zärtlichkeiten schwelgten, deren Ehefrau und Kinder vermutlich niemals teilhaftig geworden waren, solange sich der Ernährer in Freiheit und in ihrer Mitte befand.

Eine konträre Realität

Brutale Burschen widmeten sich nun mit stiller Emsigkeit Laubsägearbeiten, mit denen sie die »Lieben daheim« bei ihrer Rückkehr zu erfreuen hofften. Bilderrahmen mit den eingebrannten Kosenamen der Ehehälfte wurden am laufenden Band produziert.

Auch mit Indiskretionen über die Bettleistungen der »Mutti« wurde im Kameradenkreise nicht gespart. Das verklärende Licht, mit dem die Gefangenen ihr Familienleben umgaben, erhellte die Trostlosigkeit ihres Daseins. Rauhe Kumpel posierten als balzende Fasanenhähne, Rabenväter wollten für innige Kinderfreunde gelten.

Die Internierung baute Aggressionen nicht nur auf, sondern auch ab. Sie machte die Leute härter und zugleich weicher. Aus äußerster Disziplin entlassen, verloren sich viele in das uferlose Jammern, das so viele Jugendliche heute umtreibt.

Der Fall Ohnesorge, der eine Orgie studentischen Selbstmitleides auslöste, legte beredtes Zeugnis von dieser Zeitkrankheit ab, die 1945 zum erstenmal breit in Erscheinung trat.

Die Alternative, zuammen mit Raubmördern und Zuchthäuslern

Nachdem das Geflenne meiner Zellengenossen am anderen Morgen nicht aufhörte, ließ ich mir den Direktor der Anstalt kommen und bat um Verlegung. Er machte mich darauf aufmerksam, daß ihm nur dieser eine Raum für »politische« Gefangene zur Verfügung stehe und er mir, sofern ich auf meinem Wunsch beharre, nur eine Bleibe mit Kriminellen zuweisen könne.

Meine neuen Knastkameraden gaben sich als zwei polnische Raubmörder zu erkennen. Der dritte im Bunde war ein westfälischer Zuchthäusler, der wegen Totschlags einsaß, mehrmals ausgebrochen und erst kürzlich wieder eingefangen worden war. Mit diesem Verbrechertrio verbrachte ich zwei überaus unterhaltsame Wochen.

Die Polen wurden über eine internationale Organisation regelmäßig mit Lebensmittelpaketen versorgt, die sie brüderlich mit dem Totschläger und mir teilten.

Sinnieren über die Theorie eines Ausbruchs

Infolge der Sprachschwierigkeiten schloß sich der Zuchthäusler stärker an mich an. Als ich ihn fragte, wie man eigentlich aus so einem Loch herauskomme, schüttelte er sich vor Lachen. Er habe mich doch für einen gebildeten Menschen gehalten und könne sich nicht vorstellen, daß ein Intellektueller so dumme Fragen stelle.

Auszubrechen sei die einfachste Sache der Welt. Als ich ihn verständnislos anglotzte, nahm er die Gebärde eines Dorfschulmeisters an, der eben eingeschulten Kindern die Anfänge des Abc beibringen soll. Er führte mich an unser Waschbecken, und ich mußte ihm beschreiben, daß die Kanne Wasser enthalte und daß es ein Handtuch gebe, mit dem man sich abtrocknen dürfe.

Jetzt meinte er gütig, ob mir immer noch kein Licht aufgehe. Ich mußte verneinen und nahm nun seine väterlich vorgetragene Erklärung entgegen, daß Wasser und ein kräftiges Leinentuch das Handwerkszeug liefern, um eine Flucht aus Gefängnismauern zu bewerkstelligen. Man weiche das Handtuch ein, wringe es gründlich aus, schlinge es um zwei Stäbe der Fenstervergitterung, knüpfe die Handtuchenden um einen Knebel und drehe.

Kein Eisenstab halte diesem Druck stand. Eine Öffnung entstehe, die sich ausweiten lasse, indem man die Prozedur an zwei benachbarten Stäben wiederhole. Das Gitter sei nun so ausgebogen, daß sich ein nicht zu beleibter Häftling durchzwängen könne. Die Abseilung erfolge mit Hilfe des Bettlakens. Das letzte Hindernis, die drei bis vier Meter hohe Gefängnismauer, bewältige der Ausbrecher mittels eines Kontergewichts. Hierzu bedürfe es eines schweren Steines, den man in jedem Gefängnishof finde, eines Bindfadens und eines Besenstiels, den man aus der Zelle mitgehen lasse.

Den an das Ende des Stiels gebundenen Stein werfe man über die Mauer, balanciere den Stiel auf der Krone und ziehe sich am Bettuch, das man am anderen Ende des Stieles befestige, empor und in die Freiheit.

Theorie und Praxis des Ausbrechers

Meine Bewunderung über so viel »do it yourself« entlockte meinem Instrukteur zusätzlich Wissenswertes. Er gab zu, daß die Flucht aus dem Gefängnis schwieriger sei als aus einem Zuchthaus, wo alles seine festgefahrene »Ordnung« habe, die Aufseher leichter zu überlisten und die Mitgefangenen kooperationswilliger seien.

Jederzeit bereit, sich scheinfesseln zu lassen, um nicht der Fluchthilfe verdächtigt zu werden, dürfe man sich auf sie mehr verlassen als auf Untersuchungsgefangene, deren Hintergrund man nicht kenne.

Zu den schönsten Erinnerungen meines Gewährsmannes gehörte ein Ausbruch, bei dem er selbst die Freiheit gewann, der ihm folgende Ganove wegen Leibesfülle im Fenster der Zelle hängenblieb und der dritte nicht mit von der Partie sein wollende Knastkamerad scheingefesselt auf der Pritsche aushielt, bis am anderen Morgen der Wärter erschien und ihn losband.

Ein englisches »Interrogation-Camp« in Iserlohn

Vor der Abschiebung in ein Massenlager, wo sie oft auf Jahre verschwanden, unterwarfen die Engländer interessante Gefangene einem »Screening«, das in besonders dafür eingerichteten kleinen Lagern abgehalten wurde. Das gefürchtetste in der britischen Zone war Bad Nenndorf, über das Schauergeschichten umliefen.

Ich wurde nach Iserlohn geschafft, dort hatte man das Villenanwesen eines Fabrikanten in ein »Interrogation-Camp« verwandelt. Die Salons dienten als Vernehmungsräume, der Kohlenkeller als Karzer, im Garten aufgestellte Baracken als Unterkünfte für die Gefangenen, die von einer Kompanie Hochländer bewacht wurden. Zu viert, zu sechst, zu acht und zu zehnt teilten wir uns in eisige, mit Stacheldraht verbarrikadierte Buden.

Wer austreten wollte, mußte die Wache alarmieren und sich an das andere Ende des Lagers eskortieren lassen, wo die sanitären Anlagen untergebracht waren. Nachts behalfen wir uns mit Konservendosen, die wir frühmorgens im Schutze der Dunkelheit auf dem Weg zu der Waschhalle in den Garten entleerten. Warmes Wasser gab es nicht.

Merkwürdige Sitten der Oberklasse

Unter 40 Gefangenen, die sich meist aus den oberen Ständen rekrutierten, war ich der einzige, der sich täglich von oben bis unten mit kaltem Wasser wusch. Die übrigen rasierten sich nur. Etwa die Hälfte brachte einmal in der Woche den Oberkörper mit Wasser in Berührung. Unterhalb des Gürtels säuberte sich niemand.

Dem Sexforscher Kinsey zufolge finden Angehörige der Oberklasse nichts dabei, sich auf den Mund zu küssen, ekeln sich aber, mit jemand aus einem Glas trinken zu müssen. Die unteren Schichten haben nichts gegen die gemeinsame Benutzung von Trink- und Eßgeschirr, berühren die Lippen eines anderen aber nur widerwillig. In Iserlohn erfuhr ich, daß zumindest in der Gefangenschaft die Waschgewohnheiten der oberen und unteren Schichten sich gleichen!

Das tägliche Leeregefühl im Magen

Die Verpflegung war für damalige Verhältnisse nicht schlecht, aber mit nur 800 bis 1000 Kalorien keineswegs ausreichend. Während der Magen das Leeregefühl schnell überwand, stieg das Bedürfnis, Wasser zu lassen.

Der Schlaf wurde leichter, die Träume gewannen an Intensität. Manchen Kameraden schwollen die Beine wie bei Elefantiasiskranken so an, daß sie nicht mehr in die Schuhe kamen. Als wir mit dem Entladen eines Kohlentransporters beschäftigt wurden, fiel einigen vor Schwäche die Schaufel aus der Hand. Die Zeit vertrieben wir uns mit Schach spielen, das uns der Kölner Rechtsanwalt Dr. Erich Bornheim mit Figuren beibrachte, die wir aus Toilettenpapier geformt hatten.

Die Tage in diesem Lager

Ehemalige deutsche Abwehrleute stellten das Hauptkontingent des Vernehmungslagers. Aber es gab auch hohe Offiziere und Regierungspräsidenten. Unter den gefangenen Werwölfen befand sich ein fünfzehnjähriger Hitlerjunge, der mitgeholfen haben sollte, den der Zusammenarbeit mit dem Feinde verdächtigten Bürgermeister von Aachen umgelegt zu haben. Beim Durchschwimmen des winterlichen Rheins war er von den Alliierten gefaßt worden.

Eines Tages wurde ich in eine Unterkunft verlegt, in der acht junge polnische Juden einsaßen. Sie hatten den Krieg als Rüstungsarbeiter in SS-Betrieben überlebt und sich dann nach Westen abgesetzt, was das Mißtrauen des »Intelligence Service« weckte, der in ihnen sowjetische Agenten vermutete. Sie sprachen untereinander Jiddisch, das ich zum großen Teil verstehen konnte; sie behandelten mich mit großer Höflichkeit. Für andere Abwechslung sorgte ein einbeiniger Riese, der ein märkisches Dorf bis auf den letzten Mann verteidigt hatte und den »nom de guerre« Gomez führte. Er verweigerte die Aussage, bevor ihm nicht zu rauchen gegeben würde, schlug beim Appell einen britischen Sergeanten nieder und spielte den Verrückten. Nach ein paar Tagen wurde er abgeschoben.

Dunkelhaft als Einschüchterungsmethode

Zu den Einschüchterungsmethoden gehörte Dunkelhaft, die auch über mich verhängt wurde. Man nahm mir Hosenträger und Schnürsenkel ab und sperrte mich drei Tage und drei Nächte mit einem Stück Brot und einem Aluminiumnapf Wasser in ein stockdunkles, feuchtes Kellerverlies.

Zweimal am Tage erschien ein Sergeant, um mich zu fragen, ob ich jetzt aussagen wolle. Als ich endlich aus meiner Gruft hervorgeholt wurde, empfand ich die Gefangenschaft über der Erde, das Tageslicht, die Anwesenheit der Kameraden, die kärglichen Mahlzeiten fast als Wohltat.

Ich war anscheinend doch etwas Besonderes

Inzwischen war mein Fall zu einer »cause celebre« geworden und ich zu einem Schaustück, das bei Besichtigungen vor die Front gerufen wurde. Ich verdankte diese Hervorhebung einmal der Tatsache, daß ich als einziger der 40 Untersuchungsgefangenen fließend Englisch beherrschte, zum anderen meinen Archiven, Korrespondenzen und Photoalben, die der »Intelligence Service« nach meiner Verhaftung beschlagnahmte und mit Akribie sichtete.

Aus diesen Unterlagen ging hervor, daß ich über weitverzweigte internationale Verbindungen verfügte, die das Regime nicht angetastet hatte. Es erschien den Engländern rätselhaft, daß ich mich während der ganzen Dauer des Dritten Reiches ungeniert hatte bewegen können, ohne für einen Geheimdienst zu arbeiten, mich in der Widerstandsbewegung zu betätigen oder zu emigrieren.

Ich paßte einfach nicht in die Schablone, die man sich von deutschen Zuständen zurechtlegte. Als ich endlich aus Iserlohn in das Massenlager Hemer überführt wurde, waren meine Akten keineswegs geschlossen. Auch in den folgenden Jahren verursachte ich den britischen Militärbehörden mancherlei Kopfzerbrechen wie jeder Deutsche, der seinen Verstand nicht verloren hatte und sich nicht bereitfand, den Besatzungsmächten im Gewände des Büßers und Berufsbesiegten zu nahen.

Das »Civilian Internment Camp« No. 7 in Hemer

Das »Civilian Internment Camp« No. 7 in Hemer war neben Recklinghausen das größte Konzentrationslager in der britischen Zone.

In einer früheren Pionierkaserne lebten 3.000 Häftlinge in Stuben, die acht bis vierzehn Mann aufnahmen. Auf einer Vordruckkarte durfte ich meine Familie benachrichtigen, daß ich mich »in britischer Hand« und noch am Leben befand.

Dieser Mitteilung konnte ich 5 eigene Worte hinzufügen. Im Unterschied zu Iserlohn wurden in Hemer Pakete zugelassen bis zu einem Gewicht von monatlich 20 Kilogramm. Sie unterlagen der Inspektion durch die Lagerverwaltung, die einen Teil des Inhaltes als »Kameradenspende« für Internierte entnahm, die keine Verbindung zu ihren Angehörigen hatten.

Diese Maßnahme erwies sich als notwendig, da die Mehrzahl der Gefangenen nicht daran dachte, freiwillig etwas abzugeben. Viele öffneten ihre Pakete erst nach Verlöschen der Lichter, um nur ja den Stubengenossen keinen Einblick zu gewähren; sie packten die Sendung dann unter der Bettdecke aus und schlangen die Eßsachen sogleich in sich hinein. Die Folge waren fürchterliche Magen- und Darmbeschwerden. Im ganzen Lager gab es nur einen einzigen Gefangenen, der seine Pakete ungeöffnet den Kameraden überließ. Er nannte sich Taras Bulba, ein Pseudonym, hinter dem sich ein von den Russen gesuchter ukrainischer Nationalistenführer verbarg.

Mai 1946 - Die Verpflegung in Hemer war schlimm

Qualitativ fiel die Verpflegung in Hemer gegenüber der in Iserlohn ausgegebenen ab. Im Mai 1946, dem Zeitpunkt meiner Einlieferung, wurden täglich 250 Gramm Brot, viermal wöchentlich 20 Gramm Fett und dreimal wöchentlich Wurst oder Kunsthonig ausgegeben, dazu ein viertel Liter Ersatzkaffee. Das Mittagessen bestand aus einem dreiviertel Liter flüssiger Nahrung, Stielmus, Kohlrüben, Grütze, Graupen oder eingedickten Nudeln, gelegentlich auch etwas Fleisch. Abends war man auf Selbstverpflegung angewiesen.

Die Deutschen durften sich teilweise selbst verwalten

Unter britischer Aufsicht wurde das Lager von den Deutschen selbst verwaltet. Innerhalb des Stacheldrahtes zeigten sich die Engländer kaum. Morgens um 7.00 Uhr und abends um 18.00 Uhr traten wir zum Zählappell an, den ein englischer Unteroffizier vornahm. Unpünktlichkeit, Unsauberkeit, Diebstahl, Fluchtversuch, Besitz verbotener Gegenstände wurden mit Arrest oder Herabsetzung der Rationen bestraft. Die deutsche Selbstverwaltung bestand aus dem Lagerführer, seinem Stellvertreter, Abteilungs-, Block- und Flurleitern sowie Stubenältesten, die für Ordnung sorgten, ohne Bußen verhängen zu können.

Bildete die Verpflegungslage den Hauptgesprächsgegenstand der Gefangenen, so stellte die Notwendigkeit ihrer Beschäftigung englische und deutsche Lagerleitung vor Probleme, die schwer zu lösen waren. Ein großer Teil der Internierten befand sich seit über einem Jahr im Lager und mußte mit einer längeren Aufenthaltsdauer rechnen. Der Entlassungsprozeß durchlief viele und zeitraubende Stadien, die der Geduld der Gefangenen das Äußerste abforderten.

Die Beschäftigung im Lager

Der beliebteste Arbeitsplatz war die Küche. Andere Internierte fanden im Lazarett, in der Wäscherei, den Schneider-, Tischler-, Schlosser- und Glaserwerkstätten Beschäftigung. Es gab zahlreiche Lehrkurse, auf denen Internierte sich fortbilden und Scheine erwerben konnten, die draußen anerkannt wurden.

Lagergymnasium und Handelsschule erfreuten sich regen Zuspruchs. Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften sammelten Akademiker. In einem 500 Hörer fassenden Versammlungssaal fanden allabendlich Vorträge statt.

Ich sprach dort über »Demokratie und Parlamentarismus in Großbritannien«, über »Deutschland und die Juden«, berichtete über meine Reisen und stellte Fragen zur Diskussion wie »Sind die Deutschen unbeliebt?«

Die Ausarbeitung solcher Themen erforderte viel Mühe. In der Lagerbibliothek fand sich kaum geeignete Literatur. Jeder Vortrag mußte in englischer Sprache dem Kommandanten vorgelegt werden. Die Internierten erwiesen sich als äußerst kritisches Publikum. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich in freier Rede zu üben.

Neben viel Anerkennung erhielt ich auch Drohbriefe von Hörern, die mit meinen Ansichten nicht einverstanden waren. Einige füllten sich die Taschen mit Steinen, bevor sie den Versammlungsraum betraten. Hatte ich das Podium betreten, so gebrach es ihnen an Mut, nach mir zu werfen.

Es fehlte im Lager an Allem

Obwohl wir uns redlich mühten, geistige Bewegung unter die Gefangenen zu bringen, blieben der kulturellen Arbeit enge Grenzen gesetzt. Alle Initiativen kamen aus dem Lager selbst, von außen blieb jede Förderung unserer Anstrengungen aus.

Es fehlte an deutschen und ausländischen Zeitungen, an guten Büchern, an Rundfunk- und Projektionsgeräten, an Filmen und Musikinstrumenten, an Ausstattungen für Liebhaberbühnen. Wir bekamen Holz für die Schnitzschule, aber keine Farben für die Malerateliers.

Wir wurden mit Granitquadern versorgt, um die Lagerstraßen zu pflastern, und vereinnahmten 15.000 Kohlpflanzen als Spende für die Gärtnerei. Ein Konversationslexikon oder englische Grammatiken erreichten uns nicht.

Politische Diskussionen, wie sie in Kriegsgefangenenlagern in Großbritannien und in den USA oder in einem Jugend-Schulungslager der amerikanischen Zone stattfanden, wurden in Hemer nicht zugelassen.

Sie wären um so mehr am Platz gewesen, als Angehörige aller Bevölkerungsschichten dort festgehalten wurden, Hitlerjugend, Volkssturmleute, Parteifunktionäre, SS-Männer, Offiziere und Beamte. Zur Kategorie der sogenannten Kriegsverbrecher zählten nur wenige.

Meine Entlassung im Okt. 1946 - ein Resüme

Nach meiner Entlassung zog ich über die Stimmung im Lager Bilanz und notierte (unter dem 28.10.1946), daß etwa 40% der Gefangenen in dumpfe Apathie verfallen waren.

»Sie hadern mit dem Schicksal in jeder Form und werden nach ihrer Entlassung für ihre Familien eine menschliche Belastung darstellen.«

25% zogen nach meinen Eindrücken aus der Internierung den Schluß, daß sie auf das falsche Pferd gesetzt hatten.

»Sie sind einzig und allein bestrebt, Anschluß an die heute herrschende politische Richtung zu gewinnen, um aus der Partnerschaft mit dieser möglichst die gleichen Vorteile zu ziehen wie aus der Partnerschaft mit dem Nationalsozialismus. Diese Elemente haben in den Lagern nicht nur alle Pfründen inne, sondern geben sich vielfach auch zu Denunzianten- und Spitzeldiensten her, in der Hoffnung auf diese Weise ihre Entlassung zu beschleunigen.«

Schlecht für die Engländer - sie hatten das Gegenteil erreicht

Weitere 30% der Inhaftierten machten keinen Hehl daraus, daß die Haft sie in ihrer Gesinnung eher bestärkte. Für sie blieb Hitler das Idol, dem die von ihm über Deutschland heraufbeschworene Katastrophe keinen Abbruch tat. Sie vertrauten darauf, daß es ohne die alten Kämpfer im neuen Deutschland nicht gehen und ihre Stunde spätestens schlagen werde, wenn Westmächte und Sowjetunion sich offen entzweiten.

Der eine oder andere dieser Unentwegten machte sich freilich Gedanken darüber, was für ein Bewenden es mit einem System habe, das seine Träger nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende ihrer Laufbahn ins Gefängnis bringe.

Im ersten Stadium der Internierung waren viele der Belehrung zugänglich. Mit der Dauer der Haft verminderte sich ihre Aufgeschlossenheit. Das Bewußtsein, Märtyrer einer großen Sache geworden zu sein, setzte sich fest. Eine beschränkte Freiheit unter der Diktatur hatten sie gegen totale Freiheitsberaubung durch den Kriegsgegner eingetauscht.

Sie nahm ihnen die Möglichkeit, mit der Welt von gestern zu brechen und sich mit der neuen Welt auseinanderzusetzen. War die Freiheit wiedergewonnen, so sah sie oft anders aus, als der Internierte sich dies vorgestellt hatte. Nicht wenige empfanden es nachträglich als dankenswert, daß sich der Postverkehr auf ein Mindestmaß beschränkt hatte. Wie viele trübe Gedanken blieben den Gefangenen auf diese Weise erspart, wie viele unnötige Ratschläge brauchten die Familien daheim nicht entgegenzunehmen! Die männerlosen Frauen, das stellten viele Entlassene mit Verwunderung fest, hatten vieles besser gemeistert, als sie ihnen zutrauten.

Insgesamt sieben Monate währende Haft

Wenn mit meiner Festhaltung in einer sieben Monate währenden Haft der Zweck verfolgt worden war, mich mundtot zu machen, so wurde er nicht erreicht.

Die Belastungsproben, denen man mich in Iserlohn und Hemer unterwarf, stärkten mein Selbstbewußtsein. Schon vor meiner Internierung hatte ich versucht, den Engländern ins Gewissen zu reden.

Ein deutliches Schreiben bezüglich erneuter Rechtsunsicherheit

Unter dem 18.12.1945 nahm ich in einem Brief an die »British Broadcasting Company« zu einer Sendung am Vortage Stellung und schrieb:

  • »Wir bemerken noch keinen Unterschied zwischen dem System, das durch den Sieg der Alliierten in Deutschland beseitigt wurde, und dem, das dieser Sieg jetzt aufrichtet.«


Ich bemängelte, daß die

  • »Rechtsunsicherheit die gleiche geblieben ist, nach wie vor das Denunziantentum blüht und behördlich gefördert wird, Verhaftungen ohne erkennbaren Grund stattfinden, Inhaftierte monatelang ohne Verhör und die Möglichkeit einer Rechtfertigung festgehalten werden, Anklagen erfolgen wegen Delikten, die zur Zeit ihrer Begehung nicht strafbar waren, die politischen Schauprozesse mit ihrem die Nation erniedrigenden Charakter anhalten, die Presse noch geringwertiger geworden ist als unter dem Nationalsozialismus und ausländische Zeitungen Deutschen verboten bleiben.«

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Und jetzt gings los, immer mehr Briefe . . .

Wieder in Freiheit, setzte ich diese Korrespondenz fort:

In Memoranden an die Militärregierung (8.8. und 28.10.1946) kommentierte ich politische Tagesfragen. Ich schrieb an Victor Gollancz (10.3.1947) und richtete Leserbriefe an »Die Welt«, die damals das Organ der britischen Besatzungsmacht war (3.4.1947), an »The New York Herald Tribüne« (15.4.1947 und 27.4.1947), an den »Manchester Guardian« (17.6.1947).

Ich korrespondierte mit den englischen Publizisten Gordon (30.4.1947) und Stephen King Hall (13.10.1948), mit englischen Parlamentariern wie Duncan Sandys, dem Schwiegersohn Churchills, (1.10.1948) und ausländischen Staatsmännern, die mir aus der Vorkriegszeit bekannt waren wie Pandit Nehm (17.10.1948).

In diesen Briefen wandte ich mich gegen Demontagen, gegen die Zerstörung von Helgoland durch Übungswürfe der RAF, gegen die Auswirkungen des Potsdamer Abkommens, gegen die Versuche, Preußen mit Hitler zu identifizieren, gegen den Morgenthauplan, gegen die Irrtümer der »re-education«, gegen Rechtsverdrehungen, unter denen die Alliierten von den Deutschen Kollaboration verlangten und in ihren eigenen Ländern Kollaborateure hinrichteten.

Viele dieser Briefe blieben ohne Echo.

Einige regten die Adressaten zum Nachdenken an. Mein Brief an »The Times« vom 18.3.1947 (siehe Dokumentation) erfuhr weitgehende Publizität. In ihm stellte ich am Vorabend der Moskauer Konferenz die deutsche Situation dar und warnte die Alliierten vor Beschlüssen, die den Zustand deutscher Rechtlosigkeit verewigen würden. Es war das erste Mal nach dem Kriege, daß das führende englische Blatt Ausführungen eines Deutschen Raum gewährte.
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