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Es gab "ihn" noch nicht zu kaufen, aber bewerben durfte man ihn schon - den "Fernseh 30".

Wir schreiben den 13.Sept.1929 und es ist wieder Funkausstellung. Die Rundfunk-Firmen haben eine neue Perspektive gefunden, das Fernsehen. Fernsehen verspricht Produktion und Umsatz und Gewinn. Die großen Erwartungen mit dem Radio haben sich bislang nicht überall erfüllt und die Firmen sind kluger Weise auf der Suche nach Neuem. Der Machtwechsel im Januar 1933 ist noch nicht abzusehen und die Politik schießt eine Kapriole nach der anderen. Doch die Firmen müssen irgend etwas erfolgreich produzieren. Eine Firma engagiert sich ganz besonders, die FESE.

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13.Sept.1929

Die Fernseh A.-G. stellt erstmalig in diesem Jahre einen Fernsehapparat aus, der in Verbindung mit einem Rundfunkempfänger zur Aufnahme von aktuellen Fernsehübertragungen benutzt werden kann. Mit Hilfe solcher Fernsehübertragungen können wir im eigenen Heim sehen, was sich im Augenblick Hunderte von Kilometern von uns entfernt zuträgt.

Überlegen Sie sich einmal einen Augenblick, was das für jedermann bedeutet. Wir sind schon so an das „drahtlos" gewöhnt, daß wir es als Bestandteil zum täglichen Leben ansehen, und doch hat uns neben der Übertragung des Tones immer noch etwas gefehlt, nämlich die Übertragung des Bildes. Da wir ohne Verbindungsmöglichkeiten mit unseren Mitmenschen nicht leben können, gehört es einfach zum Fortschritt der menschlichen Rasse, daß wir neben Telefon und Rundfunk, welche zweifellos schon große Hilfen für die Übermittelung menschlicher Intelligenz und menschlicher Verständigung bedeuten, auch noch das Fernsehen als letzten Schlußstein hinzufügen.

Die ersten Fernsehübertragungen, welche die Reichspost voraussichtlich schon anschließend an die diesjährige Funkausstellung senden wird, werden sich zunächst auf den kinematografischen Film beschränken, bei dem  Schauspieler und Schauspielerinnen zunächst in einer Art Probe spielen; es werden aber anschließend und zwar schon sehr bald, je nach den erzielten Fortschritten auch kleine Theaterstücke und als letztes die Übertragungen aktueller Ereignisse folgen.

Die von uns auf der Ausstellung gezeigten Fernsehempfängermodelle sind von den zunächst auf den Markt kommenden handelsüblichen äußerlich etwas verschieden, jedoch werden die ausgestellten Modelle, was die Bildgüte betrifft, den Serienapparaten etwa gleichkommen.

Sowohl die ausgestellten Fernsehempfänger, wie auch die später herauskommenden Apparate können an die Lichtleitung (Anmerkung: 220V Wechselstrom oder Gleichstrom) angeschlossen werden. Der für den Apparat zu verwendende Rundfunkempfänger muß eine Endröhre mit genügend großer Leistung besitzen, falls diese nicht vorhanden ist, muß in einen kleineren Empfänger eine solche eingesetzt werden.

Auf diese Weise können Sie neben der bis jetzt üblichen Tonübertragung, beispielsweise eines Theaterstückes, im Fernsehempfänger gleichzeitig die Handlung verfolgen.

Der Laie, dem der Rundfunkempfänger etwas Selbstverständliches geworden ist und der nicht an die Schwierigkeiten denkt, die auch erst nach Jahren zu einer einwandfreien Tonübertragung geführt haben, wird auch das Fernsehen als eine selbstverständliche Errungenschaft der Technik aufnehmen und sich kaum darüber klar werden, wieviel schwieriger eine Bild- als eine Tonübertragung ist. Es mag daher nur daran erinnert werden, daß Forscher wie Baird, Mihaly, Carolus und andere schon jahrelang am Fernsehproblem gearbeitet haben.

Das Prinzip der Fernsehübertragung ist kurz folgendes:

Ein Lichtzeiger tastet innerhalb von ca. 1/10 sek das zu übertragende Bild ab. Die reflektierten Lichtimpulse fallen auf eine Fotozelle, werden in elektrische Stromstöße umgesetzt, verstärkt und mit einem normalen Rundfunksender ausgestrahlt. Auf der Empfängerseite werden die ankommenden Stromimpulse wiederum verstärkt und mit ihnen eine Neon-Glimmlampe ausgesteuert, die dann durch eine ähnliche Abtastvorrichtung, wie auf der Sendeseite, betrachtet wird.

Die Abtastung FERNSEH 30 erfolgt mit einer sogenannten Nipkowschen Scheibe, auf deren Fläche sich spiralig angeordnet Löcher befinden, sodaß bei Rotation dieser Scheibe ein Loch aus dem Bild einen Streifen herausschneidet und durch eine ganze Umdrehung der Scheibe das ganze Bild übertragen wird. Auf der Empfängerseite wird die Leuchterscheinung der Glimmlampe dann durch eine genau gleiche Lochscheibe betrachtet. Bei dieser Betrachtung werden durch die Schnelligkeit, mit der sich die Löcher über die Neonlampe bewegen, Wirkungen auf das Auge erzeugt, die dank dem Beharrungsvermögen des Auges ein harmonisches Ganzes erzeugen.

Außer einem leichten Flimmern ist für den Zuschauer die Mechanik des Vorganges nicht wahrnehmbar, der Erfolg dieses Prozesses hängt sehr davon ab, daß man eine bestimmte Abhängigkeit der rotierenden Scheibe der Sendestation zu der der Empfangsstation hat.

Es muß nämlich verlangt werden, daß in demselben Zeitraum, in dem das Bild abgetastet wird, auch die Empfängerscheibe die Glimmlampe einmal abgetastet hat, damit auf der Empfängerscheibe das Bild wieder richtig zusammengefügt wird. Dazu ist es notwendig, daß sowohl Sende- als auch Empfangsscheibe mit derselben Geschwindigkeit rotieren (d. h. synchron laufen). Diese Synchronisierung hat große Schwierigkeiten bereitet.

Wie es funktioniert :

Von den verschiedenen Systemen, die ersonnen worden sind, soll hier dasjenige beschrieben werden, welches in unserem Empfänger angewandt wird. Auf der Sendeseite ist der Bildausschnitt etwas kleiner als der Abstand zweier Scheibenlöcher, sodaß jedesmal, nachdem ein Loch über das Bild herübergewandert ist, das nächste noch nicht ganz herangekommen ist, d. h. für einen Moment Dunkelheit herrscht. Diese Dunkelheiten wiederholen sich periodisch mit der Rotation der Sendescheibe und werden auf der Empfängerseäte zur Steuerung von Magneten verwandt, die hier die Umdrehungsgeschwindigkeit der Scheibe automatisch regulieren. Um ein Fernsehen zu ermöglichen, müssen ähnlich wie beim Kino beispielsweise 10 bis 20 Bilder pro sek übertragen werden; die vorliegenden Übertragungen werden mit 12 l/2 Bildern/sek erfolgen.

Befinden sich auf der Lochscheibe 30 quadratische Löcher und hat das Bild das Format 3x4 cm, so muß man also innerhalb 5sek 30x40, d.h. 1.200 Bildelemente übertragen. Das entspräche einer Frequenz von 7.500 pro sek.

Weiterhin muß man bedenken, daß, wenn das Bild größere weiße oder schwarze Flächen enthält, nur etwa 50 Frequenzen/sek übertragen zu werden brauchen, mit anderen Worten: Der Empfänger muß das ganze Frequenzband von 50 bis 7.500 verzerrungsfrei übertragen.

Zum Vergleich sei erwähnt, daß man bei gewöhnlichen Rundfunktonempfängern mit einem Band von 200 bis 4.000 Hz zufrieden ist. Würde man mit der Bilderzahl pro sek oder mit der Zahl der Bildelemente noch höher gehen, so besteht die Gefahr, daß man bei Übertragung auf einen Rundfunksender benachbarte Sender stört, sodaß hierdurch vorläufig der Güte des ferngesandten Bildes eine gewisse Grenze gesetzt ist. Allerdings wird man später bei Übertragung auf kurzen Wellen diese Schwierigkeiten besser umgehen können.

Unsere Type „Fernseh 30"

Unsere Type „Fernseh 30" hat in ihrer heutigen Form einen gewissen Abschluß erreicht; die demnächst herauskommenden Serienapparate werden sich an die Konstruktion der obigen Type anlehnen, jedoch bereits weitere Verbesserungen aufweisen. Eine Gewähr dafür, daß die Type, die wir auf den Markt bringen werden, allen Anforderungen genügen wird, bieten die Namen der Firmen Robert Bosch A.G., Loewe-Radio G.m.b.H., Zeiss Ikon A.G. und Baird Ltd., die an der Fernseh A.G. beteiligt sind. Wir können Ihnen schon jetzt die Versicherung geben, daß wir Ihnen zu dem Zeitpunkt; an dem die Post mit regelmäßigen Fernsehübertragungen beginnt, einen brauchbaren Fernsehempfänger liefern werden.

FERNSEH AKT.-GES. BERLIN-ZEHLENDORF GOERZ-ALLEE
Robert Bosch A.G., Loewe Radio G.m.b.H, Zeiss Ikon A.G., Baird Ltd.

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