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Ein Rückblick auf 50 Jahre Fernsehen

Das Datum dieses "Reprints" ist natürlich falsch, es war 1929 und nicht 1928.
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Fernsehen in Berlin geglückt.

Gestern die ersten erfolgreichen Versuche. - Wie das Programm aussehen wird.

Manchem Rundfunkteilnehmer wird es ausgefallen sein, daß gestern im Lautsprecher außerhalb der offiziellen Sendezeiten ein lärmendes Knattern, das in der Tonlage hin und her schwankte und einem Wechselstrom- geräusch glich, zu hören war.

Diese geheimnisvollen Zeichen bedeuten die ersten praktischen Versuche des Fernsehens nach dem System Mihaly, die die Reichspost in aller Stille vor genommen hat. Die langwierigen Laboratoriumsversuche sind jetzt zu einem gewissen Abschluß gekommen und für die Durchführung im Rundfunkbetrieb reif geworden; die letzte Etappe in der Entwicklung ist erreicht.

Die beweglichen Bilder sind an den verschiedensten Stellen der Stadt empfangen worden, und durchweg sind sie einwandfrei, klar und unverzerrt zum Vorschein gekommen.

Man hat sogar in England jenes charakteristische Geräusch aufgenommen und dasselbe sofort als Fernsehsendungen festgestellt. Jeder, der also im Besitz eines Fernsehapparates ist, kann ohne weiteres die Versuchssendungen des Witzlebener Senders in seinem eigenen Heim sichtbar machen; verschiedene Amateure haben bereits ihre Beobachtungen an provisorischen Geräten mitgeteilt.

Damit steht Deutschland an erster Stelle auf dem Gebiete des Fernsehens. In anderen europäischen Ländern sind die Versuche gescheitert, sogar in England, das sich infolgedessen mit feststehenden Bildern begnügt. Man ist sich bei den augenblicklichen Versuchen auch schon über die Durchführung des Sendeprogramms im klaren.

Da die Rundfunkteilnehmer tagsüber im allgemeinen kaum die Zeit dazu aufbringen können, sich Tagesereignisse anzusehen, werden Rundfunkreporter in aller Welt wichtige Begebenheiten filmen und an ihre Sendestation weitertelegraphieren, die dann in einer Abendstunde den Ablauf der Tagesereignisse in gedrängter Reihenfolge dem Hörer übermitteln wird.

Die direkten Übertragungen haben, wie man vom Hörrundfunk her weiß, den Nachteil, da? es neben spannenden Momenten stets "tote Punkte" gibt, die der Sprecher nur mühsam auszufüllen vermag. Der Film gibt die Möglichkeit, langweilige und uninteressante Stellen auszusehneiden und nur Aktuelles und tatsächlich Sehenswertes zur Vorführung zu bringen.

Gleichzeitig ist auch das Problem der Heimkinos gelöst. Jeder Unterhaltungsfilm kann bereits zur Premiere im Studio des Senderaumes abrollen, um dann von Millionen zu Hause im Klubsessel angesehen zu werden.

Auch das Fernsehen aus der gewöhnlichen Telephonleitung ist nunmehr möglich geworden, und so kann man z. B. in München die Opern, die bekanntlich den Fernsprechteilnehmern übermittelt werden, auch durch Telephon sichtbar machen. Welche kulturellen Umwälzungen, Umstellungen im gesamten Gesellschafts- und Wirtschaftsleben  die Einführung des Fernsehens zur Folge haben wird, laßt sich heute noch gar nicht übersehen.

Fritz Winckel im Jahr 1929

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Der begleitende Text aus dem Jahr 1979 / 1929:

FERNSEH - INFORMATIONEN Nr. 5 / März 1979 VOR 50 JAHREN / Dr. Eugen Nesper

"UND WENN SCHON - ES WIRD FERNGESEHEN"
Das umstehende "Extrablatt" meldet natürlich keinen Programmbeginn, sondern geglückte technische Versuche. Der bekannte Fachpublizist Dr. Eugen Nesper beschreibt seine Erlebnisse in der Nacht vom 8.zum 9. März 1929, als die ersten bewegten, noch silhouetten-haften Fernsehbilder in Berlin drahtlos verbreitet wurden (in "Fernsehen" 1954, Heft 4/5,Seite 199 ff):

"Ich wurde am Abend des 8, März 1929, kurz nach 23 Uhr,durch einen Anruf von Fritz Banneitz überrascht: ich möchte mich fertig machen, denn er würde mich in etwa zehn Minuten im Auto von meiner Wohnung abholen, da "es" soweit sei !"

Und tatsächlich hielt bald darauf vor meiner Haustür ein ziemlich klappriges Taxi, in dessen Inneren ich Danneitz, im Schlafrock und mit Filzpantinen an den Füssen, sowie zwei Telehor - Fernsehempfänger mit reichlichem Zubehör entdeckte. Mihaly hatte ihn eine halbe Stunde vorher noch aus dem Bett geholt und ihm, zur Belebung seiner Herztätigkeit, reichlich Slivowitz eingeflöst, zugleich mit der Bitte, sich sofort an möglichst verschiedene Stellen in Groß - Berlin den Fernsehempfang anzusehen.

Auf meine Frage, wer denn sende, erhielt ich die lakonische Antwort : "Na, Witzleben!" - Darauf ich: "Aber die haben doch noch Programmsendung!" - Banneitz: "Wenn schon, dann werden eben diese Nacht Fernsehbilder gesendet!"

Ich bin nicht eigentlich schreckhaft, muss aber gestehen, dass mir doch eine Art Gänsehaut den Rückeh ablief bei der Vorstellung, welchen Krach das wohl am 9 März geben würde. Nachdem nun aber an den im "rollenden Einsatz" ablaufenden Ereignissen nichts mehr zu ändern war, überkam auch mich glückliche Freude, daß die Widerstände - in dieser Nacht wenigstens - überwunden waren und daß ich den ersten drahtlosen Fernsehempfang miterleben durfte.

Inzwischen ratterte das Taxi in die Gegend von Frohnau. Hier, wie an den anderen von uns später noch aufgesuchten Stellen „wurde einer der Telehor-Empfänger rasch klar gemacht und angeschlossen,und dann sahen wir.

Der Wahrheit die Ehre: Ja, wir sahen nicht allzuviel, denn abgesehen davon, daß der Frequenzabstand der Mittelwellensender nur 10kHz und somit die Modulations-Bandbreite höchstens 5kHz betragen durfte und nur bestenfalls 9oo Bildpunkte zur Verfügung standen, erschienen die Bilder in rötlichem Flimmerlicht. Ich flüsterte : "Bilder", aber es waren nur auf Glasstreifen gezeichnete Buchstaben und Zeichnungen, allerdings darunter auch Porträts, sowie Gegenstände mit guten Konturen, wie eine sich öffnende und schliessende Zange, die in den Strahlengang gehalten wurden und dergleichen. Mihaly hatte schon damals den Wert von Bewegungsvorgängen für die Fernsehübertragung erkannt und bevorzugte sie daher gegenüber feststehenden Bildern. Da wir nun aber wussten, was gezeigt wurde, bereitete uns die Identifizierung keine Schwierigkeiten, und wir gelangten zur Überzeugung, dass sie den im Kurzschlussbetrieb erzeugten kaum merklich nachstanden.

An einigen anderen Empfangsstellen, wie zum Beispiel in Rummelsburg, waren hingegen die Wiedergaben erheblich schlechter, da sie offenbar von Störspannungen beeinträchtigt wurden. Alles in allem war der Versuch als geglückt anzusehen, und dunkel ist mir noch in Erinnerung, daß die anschliessende Nacht-Sitzung bei Mihäly in der Hildegardstrasse 3 sich ziemlich lange hinzog. Die erste drahtlose Fernsehübertragung war in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1929 gestartet worden!

Über das Ungewitter von atomarem Charakter, das von der Deutschen Reichspost am 9. März über uns hereinbrach, will ich lieber schweigen. Es wäre wohl kaum etwas geschehen, wenn nicht einige Rundfunkhörer bei der "Funkstunde1" und der Post über den plötzlichen Ausfall der akustischen Sendungen in der vergangenen Nacht sich beschwert hätten. Aber der Sturm beruhigte sich bald und wir hatten den Eindruck, dass die Herren Kruckow und Feyerabend von der Reichspost unserem Versuch weitgehendes Verständnis entgegenbrachten.
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