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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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1937 - Das Gespräch mit Lord Linlithgow

Im Gespräch mit Lord Linlithgow, einem baumlangen Fünfziger, dessen schlichter Straßenanzug vom Pomp seiner Umgebung absticht, bestätigt sich die alte journalistische Erfahrung, daß, wer etwas erfahren will, etwas mitteilen muß.

In Wardha war ich der einzige Europäer gewesen. Ich hatte mit Gandhi und den anderen Großen des Kongresses gesprochen. Jetzt kann ich dem Vizekönig Eindrücke schildern, die ihm zu vermitteln niemand außer mir in der Lage ist.

Da es sich um die Audienz bei einem Souverän handelt, den ich nicht zitieren darf, äußert sich der Generalgouverneur ohne jede Zurückhaltung. Lord Linlithgow gibt mir den letzten Lagebericht der indischen Regierung. Es ist seine »working copy«, voller Bleistiftnotizen von seiner Hand.

Er fordert mich auf, von seiner Privatbibliothek Gebrauch zu machen. Über indische Probleme spricht der Generalgouverneur mit der Nachsicht eines Pädagogen, der über ein schwieriges Kind urteilt. Seine Stärke liegt in seinem Taktgefühl und in dem weitherzigen Bemühen, dem Gegner gerecht zu werden.

Die Zusage Gandhis, sich mit der Kongreßpartei an den Provinzialregierungen zu beteiligen und damit ein Stück der neuen indischen Verfassung in Kraft zu setzen, geht auf das ausgleichende Wirken dieses Mannes zurück, der seine Entsendung nach Indien nicht zuletzt seinen Kenntnissen in der Landwirtschaft verdankt.

Sie ermöglichen ihm eine Einfühlung in die ökonomischen Verhältnisse eines Landes, in dem Agrarfragen an erster Stelle rangieren.
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Der Vizekönig - ein absoluter Monarch

Der Vizekönig ist ein absoluter Monarch. In den Empfehlungen einer britischen Parlamentskonimission zur indischen Verfassungsreform wird die Verantwortung des Generalgouverneurs als die eines Mannes umschrieben, der in allen die indische Verwaltung betreffenden Fragen, gleichgültig, an welcher Stelle oder unter welcher Zuständigkeit sie auch auftauchen mögen, die alleinige und letzte Entscheidung hat.

Während ich mich verabschiede, geht eine Bewegung durch die Hofchargen. »H. E.«, wie die jungen Offiziere den Vizekönig nennen, schreitet die Treppe hinunter, um eine Ausfahrt zu machen. Er besteigt eine Rolls-Royce-Limousine, deren Schlag die indische Kaiserkrone schmückt. Es ist einer von drei in Simla zugelassenen Kraftwagen. Die beiden anderen stehen dem Gouverneur des Punjab und dem Oberbefehlshaber der angloindischen Armee zur Verfügung.

Am anderen Tage verzeichnet das »Court Circular«, daß der Generalgouverneur Herrn v. Studnitz empfangen hat. Damit bin ich in Indien ein Mann, dem sich keine Tür verschließen wird.

350 Millionen Inder mit nur 60.000 Soldaten regieren

In Wardha war ich dem Manne begegnet, der die Seele des 350-Millionen-Volkes gewann. In Simla lernte ich den Statthalter kennen, der, gestützt auf nur 60.000 britische Soldaten, in dem eroberten Reich für Gesetz und Ordnung sorgte.

1937 gab es weder Vorahnungen noch Visionen

1937 besaßen weder Gandhi noch Linlithgow eine Vorstellung davon, daß der britischen Herrschaft in Indien nur noch elf Jahre verbleiben sollten, noch ahnen sie, daß der Mahatma, der Heros der Hindus, von einem Hindu ermordet und der vizekönigliche Thron von einem Nachfolger Linlithgows, dem Earl Mountbatten of Burma, freiwillig geräumt werden wird.

Ein Leben wie im Traum

Das Leben in Simla hat etwas Unwirkliches. Den hohen Beamten stellt die Regierung während des Sommers Landsitze zur Verfügung, die mit ihren blumenreichen Gärten, ihren kretonnebespannten Sesseln, ihren Eßzimmern in Chippendale Kopien eines englischen »Country-home« sind.

Zu jedem Haushalt gehören Kulis in Livreen mit den silbergestickten Monogrammen ihrer Herren. Rikschakulis, die in der autolosen Residenz die härteste Arbeit leisten, wenig verdienen und jung sterben. In der dünnen Luft des Hochgebirges traben sie von früh bis spät. Gegen Abend legen sich die feuchtwarmen, aus den Urwäldern steigenden Nebel auf ihre überanstrengten Lungen.

Eine nächtliche Rikschakarawane kreuzt meinen Weg. An der Deichselspitze glüht ein schwaches Positionslicht. Die Gefährte schließen dicht aufeinander. In einem von Zugtieren nicht erreichten Gleichschritt halten die Kulis ein mörderisches Tempo. Ihr keuchender Atem und das Aufklatschen ihrer nackten Fußsohlen auf dem Asphalt begleiten die Fahrt.

Alles weicht dem britischen Herrenvolk zur Seite

Durch die Deodarzedern und Rhododendren bricht der Mond. In seinem fahlen Licht heben sich die gepuderten Gesichter pelzumhüllter blonder Frauen, die im Schoß der Rikscha ruhen, wie Totenmasken ab.

Ein Diadem leuchtet auf, Ohrringe blitzen. Hemdbrüste mit schwarzen Schleifen, die vogelartigen Profile im »dinner Jackett« starr aufgerichteter britischer Gentlemen heben sich aus dem Dunkel. In der Stille der Bergnacht geht noch größere Unnahbarkeit von ihnen aus als bei Tage.

Ohne daß von den Signalglocken an den Deichseln der Rikschas Gebrauch gemacht werden muß, weicht vor den allabendlichen Prozessionen des britischen Herrenvolkes alles zur Seite.

Auf dem höchsten Gebirgsstock der Erde bleibt seine Überlegenheit so unantastbar wie in den tropischen Niederungen des riesigen Reiches.

Kein Regisseur, kein Dichter könnte ein Bild von ähnlicher Eindringlichkeit entwerfen wie diese auf den nächtlichen Wegen Simlas schemenhaft gleitenden Kolonnen, in denen die Würdenträger der britischen Krone zu Empfängen und Banketten eilen, mit denen die Unterworfenen nichts gemein haben.

Tagsüber wird in Simla geritten

Am Tage sitzt Simla zu Pferde. Wenn die Ämter schließen, warten Reitknechte mit Ponys vor den Portalen, übergeben ihren Herren die Zügel und nehmen Regenschirm, Staubmantel und Aktenkoffer in Empfang.

In Flanellanzug und langen Hosen schwingt sich der Regierungsrat in den Sattel und reitet heim, der Groom mit den ihm aufgepackten Sachen trippelt zu Fuß hinterher. Man reitet zum Tennis und zum Hockey.

Frauen reiten, Kinder reiten, entzückende kleine Mädchen, wie Gains-borough sie gemalt hat. Märchenkinder, mit Korkenzieherlöckchen, Schäferhüten und kugelrunden blauen Augen.

Sie drehen sich graziös im Sattel und rufen dem das Pferdchen umspringenden Spaniel in gutturalem Englisch ein ermunterndes Wort zu.

Ein möchtegern Duplikat des Londoner Lebens

Das gesellschaftliche Leben in Simla ist dem in London nachgebildet. Friseusen, Schuster und Photographen hängen Diplome aus, die bescheinigen, daß Ihre Exzellenz die Marquise von Linlithgow zu ihren Kunden zählt.

Ein Laientheater gastiert, in dem junge Offiziere und Beamte des »Indian Civil Service« sich mit ihren Damen die Rollen teilen. Leutnants, die zwei Tagesreisen von Simla in Garnison stehen, erhalten Urlaub, um zehn Abende auf der Liebhaberbühne der Sommerhauptstadt einen Verführer oder einen Kammerdiener darzustellen.

Im »United Service Club« speist man ausgezeichnet, pflegt man auf roten Saffiansofas der Ruhe oder geht Zeitungen durch. Aus den Stallungen bietet sich den Rössern des Clubs die gleiche Rundsicht auf das Himalaja-Massiv wie dem Vizekönig vom Observatory Hill. Bei Davico trifft man sich zum Tee, im Cecil Hotel einmal wöchentlich zum Tanz.

Wie das mit der Besetzung von Indien alles anfing

Mit Ausnahme der Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten, die sich an den Küsten festsetzten, kamen die Eroberer Indiens von Norden.

Der North-Western Frontier Province wandten die Engländer darum eine erhöhte politische und militärische Aufmerksamkeit zu. Im Süden stieß dieses Territorium an Belutschistan und den Punjab, von dem es 1901 getrennt und zu einer eigenen Verwaltungseinheit gemacht wurde.

In der 36.000 Quadratmeilen umfassenden Provinz lebten die sich zum Islam bekennenden Pathanen, ein kriegerisches Bergvolk, das, in der Nachbarschaft der großen Pässe siedelnd, sich vom Karawanenraub nährte und zu Raubzügen in die indische Tiefebene vorstieß.

Die Engländer erkannten bald, daß der Indus als Grenze gegen diese Einfälle nicht hinreichend Schutz bot. So annektierten sie 1849 die nördlich des Flusses gelegenen Landschaften und zogen die »Durand-Boundary-Line«, die zwischen Afghanistan und Waziristan ein Niemandsland offenließ, das britischer Oberhoheit unterstand, ohne von den Engländern verwaltet zu werden.

Die Hoffnung, die Stämme würden sich mit der ihnen eingeräumten Bewegungsfreiheit begnügen, erfüllte sich nicht. Sie erhoben sich 1919 wieder und zwangen die Briten, tiefer in das »Tribal Territory« einzudringen, wo sie befestigte Lager anlegten, die sich mit der Zeit zu ständigen Garnisonen entwickelten. Sichere Verbindungen zwischen diesen Stützpunkten bildeten die Voraussetzung für die Befriedung der Stämme, die über Afghanistan mit Waffen und Munition, meist russischer Provenienz, versorgt wurden.

Ein gekaufter brüchiger Frieden

Kontakte mit den Stämmen besorgte ein Netz von »political agents«, mit dem die Engländer das Gebiet überzogen hatten. Meist handelte es sich um ehemalige Offiziere mit langjähriger Landeserfahrung und Kenntnis der Eingeborenensprachen. Ihnen oblag auch die Zahlung von Subsidien, mit denen die Engländer die Stämme bei Laune zu halten suchten.

Der Friede blieb jedoch trügerisch. Es kam immer wieder zu Übergriffen, die das Prestige der »paramount power« trafen. Im Frühjahr 1937 war auf dem Marsch von Dera Ismail nach Wana ein britischer Konvoi überfallen worden, wobei sieben Offiziere den Tod fanden. Es folgten Morde in britischen Familien und die Entführung einer jungen Engländerin.

Der Fakir von Ipi soll der Kopf Überfälle sein

Der »Intelligence Service« ermittelte hinter diesen Aktionen die Hand des Fakirs von Ipi, eines ehemaligen Wandermullahs, der den Behörden durch einen Prozeß in Bannu bekanntgeworden war, bei dem es um die gewaltsame Bekehrung eines Mädchens zum Islam ging. Der Fakir hatte für die Angeklagten Partei ergriffen und den Tori-Khel-Stamm aufgewiegelt. Seitdem war er unauffindbar.

Als ich im August 1937 in Simla eintraf, hatte die bewaffnete Auseinandersetzung mit den Anhängern des Fakirs 167 Tote und 440 Verwundete gekostet. 35.000 Soldaten und 20.000 Troßleute befanden sich im Einsatz.

Mein Wunsch, an den Schauplatz des Geschehens zu eilen, stieß bei den Militärbehörden auf taube Ohren, bis meine Audienz beim Vizekönig die Lage änderte.

Ich durfte die britischen Streitkräfte "besuchen"

Der Generalstabschef der »Anglo-Indian Army«, Oberst Molesworth, lud mich ein, mich zwei Wochen lang in Waziristan als Gast der britischen Streitkräfte umzusehen.

Die feine englische Art des Umgangs mit Journalisten beherrschte er in Perfektion, attachierte mir einen Begleitoffizier, verwahrte sich gegen jede Form von Zensur und bat mich nur um eine Kleinigkeit. Ich möchte seinem Stabsquartier gestatten, meine Filme für mich zu entwickeln. Indische Ateliers würden keine Gewähr für eine zufriedenstellende Laborarbeit bieten. Ich willigte ein und fuhr gut dabei. Von 500 Aufnahmen behielt die Armee nur vier zurück - mit der Begründung, sie könnten ihrem Ansehen schaden!

Ein Einblick in das Offiziersleben am Ende der Welt

Von Peshawar brechen wir nach Kohat auf, einer Garnison, die während der heißen Sommermonate von weißen Frauen und Kindern mit Höhenkurorten im Himalaja oder Europa vertauscht wird.

Am Schwimmbad des Ghymkanaclubs begrüßt uns der 52-jährige Standortälteste Oberst Caddel in der Badehose. Dann schießt er mit einem Kopfsprung in das Bassin und empfängt nach dem Auftauchen aus der Hand seiner Ordonnanz seinen Tropenhelm und einen Whisky, der mit einem Korktablett auf das Wasser gesetzt wird.

Der Colonel hat 23 indische Dienstjahre auf dem Buckel. Nach dem Abendessen, zu dem seine Offiziere Galauniform und ich Smoking anziehen, gibt er sich seiner Lieblingsbeschäftigung hin und studiert in englischen Zeitschriften den Grundstücksmarkt.

Wie viele hier draußen träumt er von dem grünen englischen Land, wo er ein »Cottage« erwerben und seinen Lebensabend mit der Zucht von Blumen und Hunden verbringen will.

Der Unterschied zwischen Beamten und Offizieren

Der englische Offizier in Indien ist nicht auf Rosen gebettet, sein Salär beträgt nur ein Drittel von den Bezügen, die ein im Rang gleichgestellter Beamter des »Civil Service« erhält.

Haus und Dienstboten, Pferde und Sport kosten einen Haufen Geld, zu schweigen von den Kindern, die nach Erreichung des zehnten Lebensjahres auf Schulen in England geschickt werden. Spanische Reiter sichern die Unterkünfte der Truppe, Patrouillen machen bei Tag und Nacht die Runde.

Die Stabsmesse zieren Jagdtrophäen und Silberpokale, die bei sportlichen Wettkämpfen gewonnen wurden. Bei Tisch sitzen die Ränge durcheinander. Wer sich an der Unterhaltung nicht beteiligen will, läßt sich vor seinem Teller ein Lesepult aufstellen und blättert während der Mahlzeit in Magazinen.

Mit Ausnahme eines Currygerichtes ist die Speisefolge englisch. Der Dienst beginnt in den frühen Morgenstunden und endet gegen zehn Uhr vormittags. Im Sommer nächtigen viele Offiziere im Freien, auf Ruhebetten, die, von einem Ventilator angefächelt, von Hunden bewacht, auf den Veranden der Bungalows aufgestellt werden. Am Spätnachmittag wird Tennis und Golf oder Polo gespielt.

Blühende Rabatten rund um die Kasernen herum

Dutzende von Gärtnern pflegen die Anlagen und sorgen für blühende Rabatten um die Kasernen. Die Engländer finden das selbstverständlich, die Inder nicht unbedingt.

Gandhi hat geschrieben: »Die Briten leben in unserem Land einen Standard vor, der in keiner Weise unseren Verhältnissen entspricht.«

Der Lebensstil in den größeren Garnisonen wird auf die Feldlager, in denen die Truppe in Zelten kampiert, übertragen. In Razmak und Bannu, in Coronation-Camp, Ghariom, Bahadar-Camp, wohin ich auch komme, das gleiche Bild.

Abendtafeln, an denen Offiziere im Gesellschaftsanzug von Silber speisen, die mit dunkelroten Rosen geschmückt sind und an denen vor jedem Platz eine Menükarte liegt, deren Kopf das in Kupfer gestochene, farbig ausgeführte Emblem des Regiments ziert. Wir stoßen mit geschliffenen Gläsern an, in denen der »hock« schimmert, wie man den Rheinwein hier nennt.

Als es durch die Tuchwand des Feldkasinos zwitschert, verzieht niemand eine Miene. Scharfschützen, die sich an das Lager herangepirscht haben und uns unter Feuer nehmen. Keiner geht in Deckung. Ein junger Leutnant meint lachend, das seien wohl dieselben Burschen, die nachmittags am Pool versucht hätten, ihm eins auf den Pelz zu brennen!

Merkwürdiger Kampf gegen den Schmuggel sowjetischer Waffen

In Asman-Mansa-Camp treffe ich den Korpsbefehlshaber General Sir lohn Coolridge, der mich auf eine Inspektion nimmt. Gefolgt von Straßenpanzern, fahren wir zwei Stunden durch die Berglandschaft, ohne daß ein Schuß fällt, mißtrauisch gemustert von Khassadars, die gegen einen Monatssold von 30 Mark pro Kopf im Auftrage der Engländer die Straße sichern.

In Shahabuddin besuchen wir eine Gewehrfabrik, aus der sich die Aufständischen mit Waffen versorgen. Die Briten dulden diese Produktion, deren Ausstoß sie kontrollieren können und deren Schließung zu einer Steigerung des Schmuggels von hochwertigen sowjetischen Gewehren führen würde.

Ein Rundflug über Berge und Schluchten und den unsichtbaren Feind

In Miramshah steige ich mit »Wing Commander« Ankers auf, um das Operationsgebiet von oben zu betrachten. Das Metall des offenen Zweisitzers ist so heiß, daß ich mich nicht hinauslehnen kann.

Aus der Vogelperspektive wirken die Berge noch wilder mit ihren senkrecht hinabstürzenden Wänden und den in rödichem Staub wie flüssiges Eisen schimmernden Schluchten. Kein Dorf wird ohne vorherige Warnung bombardiert. Der Erfolg ist minimal.

Bundesgenossen der »Royal Air Force« sind die Fliegen, die in Myriaden über die Waziris herfallen und sie wieder ins Freie treiben, sobald sie sich in den Höhlen des Gebirges zu verkriechen suchen. Der Feind bleibt die meiste Zeit unsichtbar.

Von seiner Anwesenheit zeugen durchschnittene Leitungen, umgehauene Telefonmasten und gesprengte Brücken, deren Pfeiler nachts von den Waziris angebohrt und mit Wasser gefüllt werden, das bei den niedrigen Temperaturen in den frühen Morgenstunden gefriert und die Konstruktionen zerreißt.

Die Anglo-Indian Army, eines der Wunder Indiens

Wie die indischen Bahnen gehört die »Anglo-Indian Army« zu den britischen Wundern in diesem Land. Sie wird vorwiegend aus den »fighting races« rekrutiert, zu denen Rajputs und Mahrattas, Sikhs und Pathanen rechnen. Daneben gibt es Gurkha-Regimenter, deren Mannschaften in Nepal angeworben werden. 60.000 Engländer bilden den Kern der Streitkräfte.

In Waziristan tun 1937 die »Argyll and Sutherland Highlanders«, das »Royal-Norfolk«-Regiment und das »Northampton-shire«-Regiment Dienst.

Jeweils drei indischen Bataillonen wird ein britisches zugeteilt. Alle tragen die gleiche Uniform: Khakihemd, »Shorts«, Kniestrümpfe, Tropenhelm oder Tarbusch. In der Armee überbrücken die Engländer die rassischen und religiösen Gegensätze, die Indien zerreißen.

Jedes Glaubensbekenntnis ist durch Militärgeistliche vertreten, die die Truppe begleiten und bei Ausbruch von Streitigkeiten von den britischen Offizieren als Schlichter eingesetzt werden. In der Regel treiben sie die Kampfhähne durch kräftige Maulschellen auseinander.

Die Armee ist die Heimat des indischen Soldaten

Gegenüber der Bevölkerung zeigt der indische Soldat großes Selbstbewußtsein. Die Armee ist seine Heimat. Gerät er in Not, erkrankt seine Frau, brennt sein Haus ab, so gewährt ihm die Armee ein Darlehen, das er pünktlich zurückzahlt.

Indische Mannschaften und britische Offiziere stehen in einem vorbildlichen Verhältnis zueinander. Nichts fürchtet der indische Soldat mehr, als daß ihm auf dem Umwege politischer Konzessionen an die Kongreßpartei der britische Offizier genommen werden könnte.

Keiner der Waziris hat den Fakir gesehen

Niemand hat den Fakir gesehen. Die Armee verlangt die Entwaffnung seiner Gefolgsleute, die zivile Administration ist dagegen, weil sie die Waziris dann wehrlos den afghanischen Stämmen ausliefern würde. Unter den indischen Nationalisten fehlt es nicht an Leuten, die im Fakir einen Vorkämpfer der Befreiung Indiens sehen wollen.

Nehru selbst hat mir gegenüber zugegeben, daß er und viele seiner Freunde mit den Waziris, die mit den Hindus nichts gemein haben, sympathisierten. Das Gerücht, daß sie von der Kongreßpartei finanziell unterstützt werden, will nicht verstummen.

Als ich Mr. Johnston, den Residenten in Razmak, frage, was die Engländer mit dem Fakir tun würden, gerate er lebend in ihre Hand, antwortet er: »Wir würden ihn nach Südindien verbannen - mit der Pension eines britischen Generalmajors!«

Man könnte einen Offiziersaustausch vornehmen

Ich beneide die jungen britischen Offiziere, die hier ein freies und ungebundenes Leben mit einer interessanten militärischen Aufgabe verbinden, und denke an meine Brüder und ihre Kameraden, die ihre Jugend in der engen Welt ostdeutscher Garnisonen vertun.

Das bringt mich auf den Gedanken, dem Oberkommando der »Anglo-Indian Army« einen Offiziersaustausch vorzuschlagen, bei dem drei indische Offiziere auf die Reitschule Hannover der Wehrmacht abkommandiert werden könnten, während die »Anglo-Indian Army« drei junge deutsche Offiziere aufnehmen würde.

Meine Anregung fällt in Delhi und in Berlin auf fruchtbaren Boden. Die Verhandlungen kommen in Gang, als Anschluß und Tschechenkrise ihnen 1938 ein Ende machen.
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Nachträglich ein Geschenk aus Deutschland

Aus Deutschland übersende ich dem Offiziersklub in Razmak einen kolorierten Stich, der ein Manöver der preußischen Garde-Artillerie zur Zeit Friedrichs des Großen zeigt. Er erhält seinen Platz im Kasino - 1939 - acht Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

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