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Gert Redlich's Vorwort zu den Büchern von "von Studnitz"

Die Aufarbeitung dieser Bücher begann im Frühjar 2018. Das erste mir vorliegende Taschenbuch datiert aus 1963 und das zweite Buch aus 1975.

Wenn man sich in seine nachfolgenden Tagebuchaufzeichnungen von 1943 bis 1945 (herausgegeben 1963) hinein versetzt, sind die (Rand-) Informationen aus seinem letzten Studitz Buch (von 1975) zwingend (vorher) erforderlich. - Sonst steht man öfter vor einem Rätsel, das erstmal nicht zu lösen ist. So ist in den Tagebüchern keine Rede davon, warum gerade der noch junge Herr H-G. von Studnitz nicht zur Wehrmacht oder zu irgendwelchen NS-Hilfsdiensten eingezogen wurde.

Auch wird in den Tagebüchern kein Wort
von der eigenen Familie und seiner Tochter Georgine erzählt. Die Namen kommen zwar öfter vor, doch man muß erahnen, daß es die Ehefrau und die Tochter sind.

Über die in der NS-Zeit üblichen
- uns aber überhaupt nicht mehr geläufigen - Abkürzungen, insbesondere die Kürzel im Diplomatischen Corps, hatte ich mich schon auf anderen Seiten ausgelassen.

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Die "Antibiographie" (ab hier von Hans-Georg von Studnitz)

Im Handbuch des 1. Deutschen Bundestages, Ende November 1953 liest man über die von den Abgeordneten eingereichten (sicherlich aufgehübschten zw. geschönten) Lebensläufe :

  • »Zu einer von vielen Abgeordneten der Bundestags-Verwaltung mitgeteilten Kritik, daß die Lebensläufe nicht so abgedruckt wurden, wie sie von den Abgeordneten für eine Publikation eingereicht worden waren, ist zu sagen, daß nur wenige Selbstbiographien sich zum unkorrigierten Abdruck eigneten. Um der Parität willen müssen die Lebensläufe möglichst >über einen Leisten geschlagen werden<. Das ist auch um der Objektivität willen erforderlich, die für unsere Arbeit das beherrschende Gesetz war.«

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  • Anmerkung : In 1953, also 8 Jahre nach Kriegsende, hatten viele - wieder zu hohen Posten gekommene und durchaus erheblich belastete - Alt-Nazis eine extreme "Vergesslichkeit" an den Tag gelegt und alle waren im NS-Staat völlig unbeteiligte Mitläufer oder Zuschauer, selbst der Herr Marine-Richter Dr. jur. Hans Karl Filbinger - als Ministerpräsident in Baden-Würtemberg. Sehr ähnlich ist mir in dem Buch von Eduard Rhein (HörZu Chefredakteur) natürlich auch aufgefallen, daß die Zeit von 1936 bis 1945 irgendwie "sehr kurz" war. Dort war einfach nichts passiert, das sich aufzuschreiben lohnte ??? - oder vielleicht doch ? Oder sollte es einfach nur vergessen werden ? Gleiches gilt für die vielen Bücher von Wernher von Braun und von Manfred von Ardenne und anderen bekanten Namen.

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Hans-Georg von Studnitz schreibt also über sich selbst :

Wäre ich in den ersten Deutschen Bundestag gewählt worden, die Redakteure der biographischen Notizen über die Abgeordneten hätten ihre Mühe mit mir gehabt. Mein Lebenslauf läßt sich nicht "über den" nach 1945 in Deutschland erwünschten "Leisten" schlagen.

Weder arm noch ein Arbeiter- und Bauernkind

Ich bin weder als armer Leute Kind noch in einem schwäbischen Pfarrhaus auf die Welt gekommen. Meine Eltern waren keine Arbeiter, meine Großeltern keine Handwerker, meine Urgroßeltern keine Bauern. Unter meinen Vorfahren gibt es keinen, der in der Paulskirche mit dabei war, 1848 in die Vereinigten Staaten hätte auswandern müssen oder von den Preußen füsiliert wurde.

Weder Soldat noch im Widerstand

Ich war weder Schriftsetzer noch Gewerkschaftssekretär, nicht Stadtverordneter, nicht Bürgermeister. Ich war nicht Soldat und habe in keiner Strafeinheit gedient. Ich bin nicht illegal tätig gewesen, war nicht im Widerstand und habe keine Freiheitsaktion begründet.

Ich wurde niemals aus politischen Gründen entlassen, amtsenthoben oder aus den Rheinlanden nach Ostpreußen versetzt. Ich wurde keinem Hochverrats- und keinem Landesverratsverfahren unterworfen, noch vor ein Standgericht gestellt. Schutzhaft und Zuchthaus blieben mir erspart. Ins Gefängnis und ins Konzentrationslager steckten mich die Engländer, was nicht rechnet.

Einmal habe ich dem Zeitgeist gehuldigt

Einmal in meinem Leben habe ich mich, dem Zeitgeist entsprechend, progressiv verhalten. Im März 1933 trat ich der NSDAP bei, ohne von ihr wieder ausgeschlossen zu werden.

Im übrigen habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich die Monarchie für die beste Staatsform halte. Die Autorität, in der ich erzogen wurde, war die des Königs von Preußen und des Kaiserlichen Hauses. Mir ist keine Institution begegnet, die mir größeren Respekt hätte abfordern können.

Vielleicht würde ich es vorgezogen haben, in einem weniger barbarischen Jahrhundert zu leben, hätte eine gesittete Epoche mich weiter getragen.

Friedrich der Große schreibt es so :

Was hierüber zu sagen wäre, überlasse ich Friedrich dem Großen. Er schrieb der Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen:

»Niemand ist Herr seines Geschicks, wir werden geboren und haben eine Rolle zu spielen, die uns oft genug nicht gefällt. An uns ist es dann, unsere Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.«

Otterkring/Chiemsee, - im Januar 1975 Studnitz

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Hier beginnen die Seiten mit den Lebenserfahrungen . . . .

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Hans-Georg von Studnitz schreibt über sein Elternhaus

Am Ausgang meines Lebens bin ich dankbar dafür, daß wir autoritär erzogen wurden, auf dumme Fragen ebensolche Antworten erhielten, unsere Eltern, Großeltern und Lehrer nicht nur lieben, sondern auch fürchten lernten. Niemand dachte daran, uns den Hof zu machen, weil wir jung waren.

Unwissenheit und Torheit galten noch nicht als Vorzüge. Vielmehr lag uns daran, beide abzustreifen, was dem einen früher, dem anderen später gelang oder am Ende mißglückte.

Die Vorstellung, daß uns Unrecht geschah, ergriff immer nur vorübergehend von uns Besitz. Für Menschen, die klagten, sie würden alles anders machen, könnten sie nur noch einmal von vorne beginnen, hatten wir kein Verständnis. Wir waren unserer Irrtümer viel zu sicher.

Leute, die sich ein anderes Elternhaus wünschten, eine andere Schule, einen anderen Beruf, eine andere Frau, langweilten uns. Wir träumten nicht von verpaßten, sondern von kommenden Gelegenheiten.

Noch standen wir trauernd an den Gräbern unseres Ehrgeizes. Auf den Gedanken, unsere schlechten Erfahrungen der Ordnung zuzuschreiben, in die wir geboren wurden, wären wir nie gekommen.

Ich wäre gern Reichskanzler geworden

Ich wäre gern Reichskanzler geworden und hätte den Minister des Auswärtigen nicht ausgeschlagen. Daß ich es nur bis zum Journalisten brachte, hat mich nicht bedrückt.

Hätte ich eines Trostes bedurft, so würde ich ihn mir bei Bismarck geholt haben :

  • Er sagte einmal, daß man aus jedem Journalisten einen Staatssekretär machen könne, nur umgekehrt ginge es nicht!


Weil es nichts gab, das zu begreifen mir schwergefallen wäre, öffneten sich mir früh die Zusammenhänge einer Welt, die ich zu keiner Stunde als ungerecht empfunden habe. Ein arbeitsloses Einkommen hätte ich mit vollen Zügen genossen. Daß es mir nicht zuteil wurde, warf mich nicht um. Neid hat mich nie geschüttelt, Habgier mich nicht gequält. Ich habe Reichtum nicht bewundert und Armut nicht bedauert. Die Welt bessern zu wollen war auch nicht mein Anliegen.

An meiner Wiege standen Eltern und Großeltern, die wenig miteinander gemein hatten. In der adligen Familie meines Vaters ging es bürgerlich einfach zu. Die bürgerliche Familie meiner Mutter hielt auf einen fürstlichen Lebensstil.

Die Familie der Studnitze aus dem Jahr 1242

Die Familie der Studnitze, die sich auf das Jahr 1242 zurückführen lassen, als Lukardis v. Studnitz dem Kloster Schulpforta Ländereien vermachte, waren außerhalb Preußens wenig bekannt. Mein Großvater Max v. Schinckel trug einen der glänzendsten Namen des Kaiserreiches.

Meine Jugendjahre glichen einem Wechselbad. In Potsdam wuchsen wir in der Strenge eines Offizierhaushalts auf, in der hamburgischen Heimat meiner Mutter begegneten wir den Allüren königlicher Kaufleute.

Mein Großvater Paul Studnitz

Mein Großvater Paul Studnitz, Besitzer eines Gutes an der Lausitzer Neiße, dessen sandiger Boden außer einem reizenden Schlößchen und einem anmutigen Park nichts trug, heiratete Elvira Kräusel, die Tochter eines Berliner Emporkömmlings, der mit der Abfuhr von Müll auf die Charlottenburger Wiesen sein Geld gemacht hatte. Während der Taufe hielt mich der Urgroßvater in seinen Armen, die ein bißchen nach dem Stoff (dem Müll) dufteten, dem er sein Vermögen verdankte.

Paul Studnitz beschenkte mich mit einer silbernen Klöterbüchse, die 1943 von britischen Bombern zerstört wurde. Einige Jahre vor seinem Tode übersiedelte mein Großvater vom Land in den Berliner Westen, wo er, umgeben von Zinnsoldaten, Briefmarken, Korken und Bindfäden, das Leben eines Sonderlings führte.

Mein Vater Vater Thassilo von Studnitz

Als mein Vater Thassilo von Studnitz sich als Leutnant bei Großvater Paul Studnitz meldete, warnte er ihn nachdrücklich, Schulden zu machen. Sollte es dazu kommen, so würde er ihm noch einmal 100 Goldmark vorschießen, damit sich mein Vater eine Passage nach Amerika oder eine Pistole kaufen könne, um die Reise ins Jenseits anzutreten.

Nach seinem Tode verzog meine Großmutter nach Potsdam, wo sie auf einer Etage eine warme Gemütlichkeit entfaltete. Wir durften sie einmal in der Woche besuchen und dort alles tun, das uns zu Hause verboten war.

Neben dem »Soldatenzimmer«, das die militärischen Sammlungen des Großvaters aufgenommen hatte, liebten wir Frieda, das aus Königswusterhausen stammende Alleinmädchen der Großmutter. Aus dem elterlichen Bauernhof versorgte sie den Haushalt mit Mettwurst, geräuchertem Aal, Soleiern, sauren Gurken und Harzer Rollern, die wir auf Tellern mit dem blauen Meißener Zwiebelmuster verspeisten. Beim Servieren gab Friedas Dekollte einen Busen von so generösen Formen frei, daß wir darüber die Gänsebrust auf Großmutters Tafel vergaßen.

Vater Thassilo und Mutter Anna Maria

Mein Vater hatte meine Mutter kennengelernt, als er während eines Manövers in ihrem Elternhaus einquartiert wurde. Er war ein stiller, vornehmer Mann, dem die Großmutter ihre schönen Züge geliehen hatte. In seinen Mußestunden widmete er sich der Niederschrift einer Familiengeschichte, für die er umfangreiche Erhebungen anstellte. Das von ihm gesammelte Archiv ging 1945 in Schlesien verloren.

Meine Mutter war die zweite von drei Töchtern des Hamburger Bankiers Max Schinckel, der als Geschäftsinhaber der Norddeutschen Bank und der Diskontogesellschaft, als Vorsitzender und Mitglied des Aufsichtsrates der großen Hamburger Reedereien, der chemischen und der Stahlindustrie zu den bedeutendsten Wirtschaftsführern des Kaiserreiches gehörte.

Ganz kurz etwas über die Schinckels

In Hamburg lernte Max Schinckel die zwanzigjährige Olga Berckemeyer kennen, eine Schönheit, nach der sich der alte Kaiser in Baden-Baden hatte erkundigen lassen. Durch die Verbindung mit ihr verschwägerte sich Max Schinckel dem hamburgischen Patriziat, zu deren ältesten Familien die Berckemeyers gehörten.

1914 war ich 7 Jahre alt - der erste von 5 Söhnen

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war ich sieben Jahre alt. Zu jung, um die Erscheinung des Kaiserreiches zu begreifen, alt genug, um mich an seinem Glanz zu wärmen.

Seine Strahlen erreichten uns jeden Morgen, wenn Übungsschwadronen der Gardekavallerie an unserer Wohnung am Neuen Garten in Potsdam vorüberzogen, die Leibhusaren und Gardes du Corps in Richtung auf das Bornstedter Feld, die roten und gelben Ulanen nach Glienicke.

Mit Kindermädchen und Gouvernanten versammelten wir uns gegen acht Uhr früh auf dem Balkon und warteten auf den großen Augenblick. Dem Trompeterkorps der Husaren ritt ein aus den afrikanischen Kolonien stammender Kesselpauker voraus. Wenn der Mohr die Schlegel hob und die auf Schimmeln berittene Regimentsmusik die Hörner ansetzte, um Preußens Gloria in die Morgenluft zu schmettern, stand uns das Herz still.

Unsere Betreuerinnen wischten sich die Augen, die Brüste der Amme entließen Milch in das Mieder, und wir zitterten vor Begeisterung. Eine Viertelstunde später wiederholten die Gardes du Corps, das »Erste Regiment der Christenheit«, den Aufzug womöglich noch prunkvoller.

Montiert auf Rappen, auf dem Küraß den preußischen Gardestern, glichen die Reiter unter den adlergekrönten silbernen Helmen Helden der trojanischen Sage.

Ein Schauspiel von solcher Pracht habe ich nur noch auf den Londoner Horse Guards erlebt, wenn das »trooping of the colour« zu Ehren der britischen Königin abgehalten wurde.

Jugendliche Begeisterung über die Parade des Gardekorps

Einmal im Jahr nahmen die Majestäten im Potsdamer Lustgarten die Parade des Gardekorps ab. Aus der Wohnung des Hoffotografen Höffert gegenüber dem Stadtschloß durften wir beobachten, wie der Kaiser mit Marschallstab und wehendem Federbusch, umgeben von den Prinzen seines Hauses, dem Vorbeimarsch zusah, darunter der Batterie meines Vaters. Freude am Leben war das Element dieses Tages. Der Armee haftete noch nichts von dem tödlichen Ernst an, mit dem die Feldgrauen aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten und in den Zweiten zogen.

Potsdam begründete meine Verbundenheit mit dem Militär, dem angehört zu haben in unserer Familie eine Selbstverständlichkeit war. Nicht nur Pflicht, sondern auch Neigung ließ viele meiner Vorfahren den Soldatenstand als Beruf wählen. Mein Vater und sein einziger Bruder waren aktive Offiziere. Mein Vater fiel im Ersten, der Onkel im Zweiten Weltkrieg.

Von meinen vier Brüdern blieben drei (??) 1939-1943 vor dem Feind. (Das stimmte so aber nicht, denn angeblich ist einer der Brüder (Ulrich) von einem Nashorn getötet worden.) Eine ganze Generation meiner Vettern und Neffen fand den Tod auf dem Schlachtfeld. Soldatentum war für uns keine Spielerei, sondern eine Aufgabe, ohne deren Wahrnehmung keine Nation zu bestehen vermag. Jahrgang 1907, war es mir nicht vergönnt zu dienen.

Für die Teilnahme am Ersten Weltkrieg war ich zu jung. Im Zweiten wurde ich mit Rücksicht auf den Tod meiner Brüder und eine uk-Stellung durch das Auswärtige Amt nicht eingezogen.

Das adlige Leben in der Familie mit 4 Brüdern

Meine Eltern lebten ein bequemes, nicht allzu aufwendiges Leben. Das Regiment stellte ihnen einen Burschen, der unsere Pferde versorgte und für Allotria in der mädchenreichen Küche einstand.

Als mein Vater 1918 fiel, war ich elf, der jüngste meiner vier Brüder ein Jahr alt. Unsere Temperamente prallten oft aufeinander. Wir zankten uns gehörig und führten mit Bleisoldaten Krieg gegeneinander. Der Verlierer hatte einen regelrechten Friedensvertrag zu unterzeichnen, der an Grausamkeit Versailles nicht nachstand. Er mußte seine Lieblingsspielsachen abtreten oder viele Wochen hindurch auf seinen Anteil am Himbeersaft verzichten, der unseren abendlichen Mondaminpudding versüßte. Nach außen hin zeigten wir Geschlossenheit. Brachte einer von uns einen Freund mit, so wurde er als Eindringling empfunden. Gelegentlich erschien Onkel Bogislav, der Bruder meines Vaters, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Leben in Potsdam nach 1918

Die S-Bahn hatte die Entfernung zwischen Potsdam und Berlin verkürzt. Mit den alten Dampfzügen betrug sie gute fünfviertel Stunden, was für die Potsdamer Teilnehmer Berliner Hoffestlichkeiten eine Qual bedeutet hatte. Der in Glienicke residierende Prinz Friedrich Leopold, der reichste der Hohenzollern, stand sie stehend durch. Seine auf Stege gearbeiteten, straff sitzenden Hosen erlaubten ihm nicht, sich zu setzen. Den
größten Nutzen aus der Elektrifizierung der Berlin-Potsdamer Eisenbahn zogen die Nachtbummler. Die Potsdamer Geschäftswelt paßte sich den neuen Umständen schnell an.

Der Hof hatte zu bestehen aufgehört, die Hoflieferanten überlebten. In der Hofkonditorei Rabien am Nauener Tor gab es die üppigsten Torten. Liepe sorgte für feine Kost, Hellwig für feines Briefpapier, Heidkamp rahmte wie eh und je die neuesten Porträts aus dem Kaiserhaus, Gadebusch belieferte nun die Reichswehr mit Rennpreisen, Serviettenringen, Zigaretten-Etuis und Schnapsbechern.

Das schöne, von den Königen Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. geschaffene Stadtbild hatte noch nicht gelitten. Die Holländische Kolonie, die Palladio entlehnten Fassaden der Bürgerhäuser, das »Dem Vergnügen der Einwohner« gewidmete Theater, die Nikolaikirche, Rathaus, Palast Barberini, Stadttore und Waisenhaus fügten sich zu einer Einheit von barocker Harmonie. Vom Turm der Hof- und Garnisonskirche ermahnte alle Viertelstunde ein Glockenspiel die Einwohner der Soldatenstadt, »Treu und Redlichkeit« zu üben.

Erinnerung an die Stätten meiner Kindheit

Dem Potsdamer Klima fehlte die Spritzigkeit der Berliner Luft. Der Sommer brütete dumpf über den die Stadt einschließenden Havelarmen, auf denen Lastkähne ankerten und Hunderte von Segeln in der lauen Luft standen. Am schönsten war Potsdam im Frühling, wenn die königlichen Gärten erwachten, in Sanssouci die Tulpenbäume blühten, vor dem Marmorpalais Stiefmütterchen gesetzt wurden, die Holzverschalungen verschwanden, die in den Parks die marmornen Genien vor dem Frost geschützt hatten, und die Bootsfähren ihren Betrieb aufnahmen.

Mochten über Berlin rote Fahnen wehen, Preußens Potsdamer Herz war nicht verletzt worden. Es hörte erst zu schlagen auf, als der »Tag von Potsdam« mit der Begegnung von Hindenburg, Hitler und dem Kronprinzen das Ende der preußischen Geschiehte einleitete.

Im »Potsdamer Abkommen« wurde die durch Flieger und Artillerie tödlich getroffene Königsstadt noch einmal erschlagen. Geschändet geistert ihr erhabener Name durch die Gegenwart.

Nach 1945 habe ich die Stätten meiner Kindheit nicht mehr wiedergesehen. Einmal im Jahr wandere ich von Moorlake durch den Glienicker Park zu der gleichnamigen Brücke und werfe über den Jungfernsee einen Blick auf das Ufer des Neuen Gartens, der ein Teil meiner engeren Heimat war und nicht mehr zu Deutschland gehören darf.

Meine ersten "Lehrjahre" im Potsdamer Realgymnasium

Die ersten Lehrjahre wurde ich mit Dieter Mirbach, dem späteren Botschafter in Delhi, mit Fritz Grohe, der als Bordflieger beim Untergang der »Bismarck« den Tod fand, und mit Düring, von dem ich nie wieder gehört habe, privat unterrichtet. Als ich eingeschult wurde, stieß ich auf eine Klasse, die längst zusammengewachsen war und mich als Fremdkörper betrachtete. Da meine Mutter darauf bestand, mich als Kieler Matrosen zu verkleiden, wirkte ich auf meine neuen Kameraden wie ein Zebra auf eine Maultierherde. Das bedeutete die Hölle, die ich erst in der Quarta verlassen konnte, nachdem ich zu meiner eigenen Überraschung zum Klassensprecher gewählt wurde und mich damit durchgesetzt hatte.

Das Potsdamer Realgymnasium wurde von erfahrenen Pädagogen geleitet, die als preußische Staatsdiener fühlten und den Umsturz ignorierten. In der Aula sahen drei riesige Wandgemälde auf uns herab, das Kaiserpaar und die von Adlern umflogene Burg Hohenzollern darstellend.

Mit den Kronprinzensöhnen in meiner Klasse

Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, diese Bilder nach 1918 zu entfernen. Als die Kronprinzensöhne Wilhelm und Louis Ferdinand zu uns stießen, rechnete sich die Schule dies zu hoher Ehre an. Der jüngere Louis Ferdinand brillierte durch ungewöhnliche Leistungen und wurde sofort Primus. Der ältere Wilhelm besetzte den zweiten Platz, gewann aber den ersten im Herzen der Kameraden und Lehrer, bei denen er sich größter Beliebtheit erfreute.

Die Stellung der beiden Kaiserenkel war keineswegs einfach. Die eben erst gestürzte Dynastie stand (nach wie vor) in hohem Ansehen, ihre Wiedereinsetzung lag im Bereich des politisch Möglichen. Der Zerfall des Hauses durch Mesalliancen hatte noch nicht eingesetzt. Der Kronprinz befand sich auf der holländischen Insel Wieringen im Exil, die Kronprinzessin Cecilie, eine geborene Herzogin von Mecklenburg und Tochter einer russischen Großfürstin, hielt seine Stellung (in Berlin).

Die innenpolitischen Angriffe gegen den entthronten Kaiser, das von der Königin Wilhelmine der Niederlande abgelehnte Begehren, ihn den Alliierten als Kriegsverbrecher auszuliefern, weckten mein Interesse für eine historische Figur, unter deren Regnum ich geboren und mein Vater sein Leben (1918 in Frankreich gefallen) gegeben hatte.

Die Welt der Hohenzollern war noch halbwegs intakt

Zwar waren die Ehen der Kaisersöhne Eitel Friedrich, August Wilhelm und Joachim zerbrochen, das Prinzenpaar Oskar führte jedoch ein vorbildliches Familienleben, nicht anders als die mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig vermählte einzige Kaisertochter.

Die Sportwelt feierte die glänzende Erscheinung des Prinzen Friedrich Sigis-mund, der mit seiner schaumburgischen Gemahlin zu den besten Springreitern der Epoche gehörte.

Der Geiger Prinz Joachim Albrecht bewegte sich in den Künstlerkreisen Berlins. So war die Welt der Hohenzollern noch halbwegs intakt und ein im Leben der Nation nicht zu übersehender Faktor, den erst Hitler in Frage stellen sollte.

Mein Besuch bei Wilhelm II im Jahr 1938 und 1940

1938 erhielt ich eine Einladung nach Haus Doorn, um dem exilierten Monarchen meine Eindrücke aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu schildern. Wilhelm II. begrüßte mich in der Berliner Mundart, die er privat zu kultivieren liebte. Mit gezielten Fragen nach meinen persönlichen Verhältnissen wies er sich als Routinier in der Kunst der Fürsten aus, menschlicher Eitelkeit zu schmeicheln.

Über spanische Verhältnisse zeigte sich der Kaiser so unterrichtet, daß ich ihm nicht viel Neues bieten konnte. In der Halle des Schlosses steckte er mit Fähnchen auf einer riesigen Generalstabskarte die täglichen Veränderungen an den Fronten des Bürgerkrieges ab.

Während des Tees, dem seine zweite Gemahlin Hermine und sein Enkel Prinz Louis Ferdinand beiwohnten, irritierte mich des Kaisers Gewohnheit, seinen Teller bis zum Rande mit Kuchenstücken zu füllen und in einer kleinen Kristallschale Apfelmus mit Wasser zu verrühren, das er schlürfend zu sich nahm.

1940, nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande, wurde ich wieder nach Doorn geladen. Der Kaiser hatte nun eine Ehrenwache der deutschen Wehrmacht. Während des Mittagessens erzählte er, König Georg VI. von England, sein Neffe, habe ihm am 10. Mai 1940, dem Tage der deutschen Westoffensive, Asyl in Großbritannien angeboten, das er sogleich ablehnte.

Über die Erfolge der Wehrmacht zeigte sich der Kaiser sichtlich bewegt. Darauf angesprochen, wie er sich Hitlers, eines ehemaligen Gefreiten, militärische Begabung erkläre, soll er geantwortet haben: »Ich habe immer viel von meinem Unteroffizierkorps gehalten!« Eine Anekdote, die ich nicht zu verifizieren vermochte.

Intimes Denken über den frührern Kaiser

Die Begegnungen mit dem früheren Herrscher verdeutlichten mir, warum Wilhelm II. einem Zeitalter seinen Namen aufprägen konnte. Vielseitig gebildet, ein gewandter Linguist und glänzender Redner, ging vom Kaiser eine nachhaltige Wirkung aus. Er war alles andere als ein Serenissimus.

Zu seinem Unglück hinderte ihn seine schnelle Auffassungsgabe mitunter, Probleme zu vertiefen. So gelangte er nicht selten zu Urteilen, die oberflächlich waren. Seine Abneigung gegen Langeweile verschaffte Ohrenbläsern, die ihn amüsierten, eine ungebührliche Chance.

Der Kaiser reflektierte viele Tugenden und Fehler seiner Untertanen. Nach ihm war es nur noch Ludwig Erhard beschieden, in seiner Person das meiste von dem auszudrücken, das die Deutschen auszeichnet und belastet.

Zu den Schwächen Wilhelms II gehörte der Mangel an Takt, der durch die Verbindung seines Großvaters mit Augusta von Sachsen-Weimar und seines Vaters mit Victoria von Coburg-Hannover in die Hohenzollernfamilie gekommen war.

Mit anderen als den deutschen Gegebenheiten und einem die Macht des Monarchen stärker einschränkenden politischen System wäre Wilhelm II vermutlich als ein bedeutender Fürst in die Geschichte eingegangen. So wurde er ein Opfer von Verhältnissen, denen er sich mehr anpaßte, als daß er sie gestaltete. Die Deutschen werden dem letzten Kaiser niemals gerecht werden, weil sie dann bei sich selbst beginnen müßten.

Der Kronprinz, ein Charmeur ohnegleichen

Dem Kronprinzen bin ich gelegentlich auf Gesellschaften begegnet. Vom Vater hatte er die leuchtenden blauen Augen geerbt, die sich wie Mündungsfeuer auf Personen richteten, die ihm vorgestellt wurden. Diesen Augen widerstand so leicht niemand, am wenigsten weibliche Wesen.

Ein Charmeur ohnegleichen, hatte der Kronprinz nie zeigen können, ob mehr in ihm steckte. Ein Jahrzehnt hindurch war er der eleganteste Offizier der Armee und sein Verhältnis zum Vater nicht immer das beste. Eine Kronprinzentragödie wie im
franzisko-josefinischen Österreich oder im Preußen Friedrich Wilhelms I. gab es jedoch nicht.

Im Berlin der Weimarer Republik blieb der Kronprinz eine populäre Figur. Wenn er im offenen Zweisitzer, eine Schöne an seiner Seite, über den Kurfürstendamm fuhr, war er so recht ein Prinz nach dem Herzen der Berliner, die für die Bonvivants unter den Hohenzollern immer ein Faible hatten.

Neben dem Potsdamer Cecilienhof bewohnte der Kronprinz das schlesische Schloß Öls. Dem dortigen Adel, der auf Formen hielt, paßten die freien Manieren des einstigen Thronerben nicht immer. Manches, was die Berliner dem kaiserlichen Prinzen nachsahen, erregte in Schlesien Anstoß.

Über die Frauen, die Betten, die Pferde, das Spiel und die Jagd

Den gesteigerten Hang zur Weiblichkeit teilte der Kronprinz mit vielen seinesgleichen. In den Dynastien und im Adel führen politische Entmachtung, Mangel an Aufgaben und Beschäf-tigungslosigkeit nicht selten zu einem Ausleben von Passionen für Frauen und Pferde, Spiel und Jagd.

So sagte man nach dem Sturz der Habsburger dem österreichischen Adel nach, daß er Trost auf der Pirsch suche, den ungarischen Magnaten, daß sie Vergessen im Bett fänden, und den böhmischen Granden, daß sie die Flucht in gastronomische Freuden angetreten hätten.

Es ist sicher kein Zufall, daß so viele der in die Zeitwende gestellten Reichserben ihren Thron in Frauenarmen verloren. Gewiß war die Baronesse Mary Vetsera nicht die einzige Ursache für das Scheitern des Kronprinzen Rudolf, Lilian Baels nicht der Hauptgrund für die Leopold III. von Belgien aufgezwungene Abdankung und Mrs. Wally Simpson nicht allein der Anlaß für die Thronentsagung Eduards VIII. von Großbritannien.

Aber sie trugen zu dem Dilemma bei, in das diese Fürsten sich verstrickten. Im Zeitalter der gleichmachenden Demokratie hat die Monarchie nur eine Überlebenschance, wenn ihre Träger königliche Personen bleiben.

Die Erfahrung lehrt, daß es keine erbarmungsloseren Kritiker fürstlicher Mesalliancen gibt als sozialistische Regierungen. Sie wünschen sich zwar volksverbundene Souveräne, aber sie bestehen darauf, daß die Nähe zum Volk das königliche Bettgemach nicht erreicht.

Über die repektvolle die Distanz zu den Prinzen

Mit dem Prinzen Louis Ferdinand, der nach dem Tode des Kronprinzen Chef des vormals regierenden preußischen Königshauses wurde, bin ich über die Jahre in Kontakt geblieben. Ich habe ihm die Wege in Indien ebnen können, das er auf seiner Hochzeitsreise um die Welt besuchte.

Als Public-Relations-Direktor der Lufthansa habe ich das Prinzenpaar Louis Ferdinand begleitet, als es auf dem New Yorker Quadrille-Ball seine Tochter Kyra der amerikanischen Gesellschaft vorstellte.

Auf der Burg Hohenzollern, die der Prinz unter großen persönlichen Opfern zu einem Museum preußischer Geschichte ausgestaltete, war ich des öfteren sein Gast. Der gemeinsame Schulbesuch mit den beiden Kronprinzensöhnen vermittelte mir früh eine Erkenntnis, die manchen Zeitgenossen zu ihrem Unglück niemals zuteil wird: daß die Menschen untereinander sowenig gleich sind wie andere Lebewesen; daß es unter ihnen nicht nur Rangstufen auf Grund verschiedener Begabung und Leistung, sondern auch infolge von Herkunft und Milieu gibt.

Weder meinen Schulkameraden noch mir wäre es eingefallen, in den Kaiserenkeln junge Leute wie wir selbst zu sehen. Gewiß waren wir Freunde. Aber die Distanz zu den Prinzen war weiter gespannt als zu anderen Mitschülern. Sie zu verringern, hätte unserem Selbstbewußtsein sowenig entsprochen wie unserem Respekt vor dem Kaiserhaus.

In der Monarchie steht der Seinsmensch über dem Leistungsmenschen. Darin liegt die Überlegenheit und der ethische Gehalt dieser Staatsform.

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