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H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

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Meine Episode in Holland 1940

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1945 wurde das Vergangene nochmal alles aufgerollt

Als mich die Engländer im Dezember 1945 festnahmen, war ihnen die Idee nicht auszutreiben, daß ich meine großen Auslandsreisen im Auftrage des Admirals Canaris unternommen hätte, der als Chef der Abwehr und Opfer des 20. Juli 1944 nach dem Kriege in den Mittelpunkt einer Legendenbildung rückte.

Ich machte keinen Hehl daraus, daß ich Canaris meine Eindrücke mitgeteilt haben würde, hätte er oder einer seiner Beauftragten mich dazu aufgefordert. Tatsache ist, daß ich den Admiral nicht gekannt habe und mit seiner Organisation keinerlei Verbindung unterhielt.

Den Engländern erschien dies unbegreiflich, weil sich ihr eigener Intelligence Service weitgehend auf Privatleute stützte, die ihren eigenen Geschäften nachgingen, es aber als eine selbstverständliche Pflicht ansahen, den Geheimdienst über alles für die britische Politik Wissenswerte zu unterrichten.

Ein Buch aus 1948 enthält meinen Namen

Gleichwohl kam um 1948 ein Buch heraus, das die Behauptung geheimdienstlicher Tätigkeit deutscher Auslands]ournalisten wieder aufwärmte1.

In ihm nannte der Verfasser, hinter dessen Pseudonym sich ein in Amras bei Innsbruck lebender Österreicher verbarg, Heinz Barth, Martin Bethke, Max Clauss, Fritz von Globig, Roland Krug von Nidda, Carl Heinz Petersen, Carlos Graf Pückler, Dieter von der Schulenburg, Kurt von Stutterheim, P. W. Vermehren und mich »Meisterspione« und Mitglieder der »Fünften Kolonne«.

Wir seien "um so willigere Werkzeuge des Nazi-Regimes"

Er schrieb:
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»Auf ein besonderes Merkmal dieser deutschen Auslandskorrespondenten sei hingewiesen: sie waren meistens keine alten Parteigenossen, sondern stammten vielfach aus sehr konservativen Kreisen. Sie wurden aber um so willigere Werkzeuge des Nazi-Regimes, als es galt, Positionen zu sichern und sich vor dem Verlust ihrer Stellung zu retten. Soweit sie ehemalige Nicht-Nationalsozialisten waren, taugten sie um so besser für eine gut getarnte Spionage.«
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Die Vorkriegstätigkeit der Korrespondenten anders sehen

Die Literatur über Vorgeschichte und Geschichte des Dritten Reiches ist durchsetzt von derlei Darstellungen, die Wahrheit und Dichtung durcheinandermengen.

Was Orb über die Vorkriegstätigkeit deutscher Auslandskorrespondenten zu wissen glaubte, gehört in das Reich der Phantasie.

Nach Kriegsausbruch änderte sich das Bild

Zahlreiche Journalisten wurden nun kriegsdienstverpflichtet, sei es als PK-Berichter (PK = Propagandakompanie) für die Front, sei es als Mitarbeiter von Dienststellen in Berlin, die sich mit geistiger Kriegführung befaßten.

So holte sich die unter dem Gesandten Günther Altenburg neugebildete Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes Presseleute wie Krug von Nidda, Carlos Pückler, Friedrich Sieburg, Giselher Wirsing und mich.

Sieburg und Krug wurden nach der Okkupation Frankreichs der Pariser Deutschen Botschaft zugeteilt, Pückler fiel in Polen.

Ich wurde im Januar 1940 bis Ende Mai noch einmal für eine journalistische Aufgabe vom Auswärtigen Amt freigestellt - als Korrespondent der Scherl- Zeitungen in den Niederlanden -, um dann endgültig in die Presseabteilung des Ministeriums kriegsdienstverpflichtet zu werden.

Mai 1940 - Zeuge eines der aufregendsten Handstreiche der Militärgeschichte

Bei meinem Eintreffen im Haag, an einem eisklirrenden Januartag, ahnte ich nicht, daß ich dort wenige Monate später -am 10. Mai 1940 - Zeuge eines der aufregendsten Handstreiche der Militärgeschichte werden sollte.

Mein Auftrag war die Beobachtung der englischen Szene, über die sich zu unterrichten die holländische Hauptstadt vielerlei Möglichkeiten bot. Ich mietete mich in einer Pension ein, die ich wegen einer defekten Gasleitung unter dem Fußboden meines Zimmers bald wieder verlassen mußte.

Die Wirtin war um keinen Preis zu bewegen, das Übel reparieren zu lassen, das Zimmer andererseits nicht komfortabel genug, um eine Leuchtgasvergiftung in Kauf zu nehmen. Als der mir befreundete Graf Max d'Ansembourg mir sein in Scheveningen gelegenes Haus anbot, griff ich zu und war nun so untergebracht, daß ich zusammen mit meiner Frau den Ereignissen in Ruhe entgegensehen konnte.

  • Anmerkung : Hier wieder eine der sehr raren persönlichen Informationen, daß seine 2. Frau ihn jetzt nach Holland begleitet hatte.

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Erstmal passierte gar nichts

Sie ließen zunächst auf sich warten. Zwar waren die Zeitungen voll von Invasionsgerüchten, die sich verstärkten, als Hitler Dänemark und Norwegen besetzte. Abwechselnd wurde über eine bevorstehende Landung der Engländer oder einen Einmarsch der Deutschen berichtet.

Ebenso nahmen Reportagen über den Ausbau der »Festung Holland« einen breiten Raum ein. Hinter ihr wollten sich die Holländer gegen jede Verletzung ihres Territoriums wehren.

Den Engländern, so las man, drohe der Untergang im Feuer der Küstengeschütze. Die Deutschen wollte man, sobald sie die Deiche überquert hatten, durch das Öffnen der Schleusen ertränken. Am Ende kamen die Engländer gar nicht und die Deutschen an Stellen, an denen die Holländer sie nicht erwarteten.

Der niederländische Adel bewohnte großartige Schlösser

Der Argwohn gegen die »Moffers« verhinderte jedoch nicht, daß sich mir zahlreiche Häuser öffneten. Der niederländische Adel bewohnte großartige Schlösser, auf denen eine kultivierte Gastlichkeit gepflegt wurde, und schöne Palais im Haag, in denen ich manchen Abend verbringen durfte.

In einem der feinsten Paläste der Hauptstadt residierte der deutsche Gesandte, Graf Zech, ein sächsischer Grandseigneur, der sich den Zeitläuften hilflos ausgeliefert sah. Einige Wochen vor meiner Ankunft hatte er seinen Botschaftsrat Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz verloren, als dieser sich mit seinem Diener nach England absetzte, was Zech sowenig verwand wie der deutsche Botschafter in Warschau, v. Moltke, den Prozeß, den das Regime einem seiner Botschaftsräte wegen Verbindung mit sowjetischen Agenten machte.

Über die Loyalität des (deutschen) Berufsbeamtentums

Wieweit der NS-Staat die Loyalität des Berufsbeamtentums beanspruchen durfte, war schon bald nach 1933 umstritten. Die einen stellten ihren Beamteneid über alles, die anderen beriefen sich auf einen Gewissenskonflikt bei Entscheidungen, die an die Grundlagen von Pflicht und Ehre rührten.

Was Putlitz anging, so erfuhr er an sich die alte Regel, nach der die Engländer das Einverständnis mit ihrer Sache schätzen, den Überläufer aber nicht schützen.

Der Staatssekretär im Foreign Office, Vansittard, auf den Putlitz gebaut hatte, schob ihn nach Britisch-Westindien ab, nachdem sich herausstellte, daß seinem Beispiel keine anderen deutschen Diplomaten folgten. Im Laufe des Krieges vertauschte er Jamaika mit New York und wurde nach Kriegsende der holsteinischen Landesregierung zugeteilt, die er nach kurzer Tätigkeit wieder verließ, um in die "Zone" zu gehen.

  • Anmerkung : Zone ? Wie die Berliner und die Hamburger, so auch die Eltern von Gert Redlich, nannten die sowjetisch besetzte Ostzone nur die "Zone", von "DDR" war 1970 - hier wie da - aus Prinzip nie die Rede. Selbst wohlwollende Gemüter konnten da nicht mal ansatzweise etwas Demokratisches erkennen.

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Putlitz, eine tragische Gestalt

Dort machte Putlitz, Abkömmling einer der ältesten märkischen Familien, Großgrundbesitzer, Gardekavallerist, Oxfordstudent und Diplomat, seinen Frieden mit einem Regime, das Leute seiner Herkunft zu liquidieren pflegte.

Eine tragische Gestalt, die sich in die Wirren einer Zeit verstrickte, die heil zu überstehen Natur und Erziehung Putlitz nicht ausgerüstet hatten.

Im Haag gabs noch englische Pressemedien frei zu kaufen

Das Studium der im Haag erhältlichen englischen Presse nahm einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Was mich immer wieder überraschte, war die Siegeszuversicht der Engländer. Ohne daß ein Schlagabtausch mit Deutschland erfolgt war, wurden die Niederlage des Reiches als selbstverständlich vorausgesetzt und Pläne zu seiner Aufteilung erörtert. Ich empfand diese Haltung als arrogant und beschloß, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.

Da wollte ich doch die englische Arroganz etwas aufmischen

In einem Aufsatz »Die Welt, wenn England besiegt ist« sagte ich die Auflösung des britischen Weltreiches durch den Krieg voraus (Vgl. »Die Woche« vom 31. Januar 1940).

Nicht alles, das ich damals andeutete, trat nach 1945 ein. In den entscheidenden Punkten irrte ich mich jedoch nicht. Der Artikel erregte erhebliches Aufsehen und wurde weitgehend zitiert (Vgl. Stephen King Hall in »Newsletter« vom. 23. Februar 1940; «Tan«, Istanbul, vom 13. März 1940).

Er führte zu einer Anfrage im Unterhaus und erfüllte den Zweck, den ich erreichen wollte. Nach Dünkirchen flaute die Diskussion ab. Pläne für die Zerstückelung Deutschlands tauchten erst 1943 nach Stalingrad wieder auf.
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Mai 1940 - Frühling in Holland

Der Frühling zog ein, und die Tulpenfelder standen in voller Pracht. Am 8. Mai 1940 gab Graf Zech ein Diner, auf dem ich die mir aus Wien bekannte Gattin eines ungarischen Magnaten zu Tisch führte, deren Sohn als Verlobter der schönen Flämin Lilian Baels galt, die dann Leopold III., den König der Belgier, heiraten und Prinzessin von Rethy werden sollte.

Es war ein stimmungsvoller Abend. Eine weiche Luft strömte durch die geöffneten Fenster, brachte die Kerzen zum Flackern und verhieß die Ankunft des Sommers.

Wir (Anmerkung : jetzt also mit seiner Ehefrau) freuten uns, auf einer Insel des Friedens zu weilen, und bauten darauf, daß der Sitzkrieg im Westen sich von selbst erledigen und die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen dem Reich und den Westmächten gestatten würde. Noch war nichts Unwiderrufliches geschehen.

Die Holländer schossen auf englische und !! deutsche Flieger

Am folgenden Tag kehrten wir mit Anbruch der Dämmerung von einem Ausflug nach Scheveningen zurück. Längs der Harlemer Chaussee stießen wir auf Kolonnen von Trappen, die die warme Witterung offensichtlich zu einer Übung genutzt hatten. Daß Alarmbereitschaft angeordnet worden war, kam uns nicht in den Sinn, und wir legten uns sorglos zur Ruhe.

Gegen drei Uhr früh erwachten wir von heftigem Flakfeuer. Auch das brauchte nichts zu bedeuten. Fast jede Nacht überflogen deutsche und englische Flugzeuge die Niederlande und wurden von der Flugabwehr an die Respektierung des holländischen Luftraumes erinnert.

Doch diesmal war es keine "Übung"

Als die Schießerei sich verstärkte, erhob ich mich und trat auf den Balkon unseres Schlafzimmers. Ein unbeschreiblicher Anblick bot sich. - Im Osten schob sich die erste Scheibe der aufgehenden Sonne über den geröteten Horizont. Den fahlen Morgenhimmel betupften Schrapnellwölkchen, zwischen denen Hunderte von Fallschirmen hingen, die aus den Luken großer Transporter erdwärts schwebten.

In den Donner der Flugmotoren, in das Bellen der Flak und das Rattern der Maschinengewehre mischten sich die Schreie von Wasservögeln, die, durch den Lärm der Invasion von ihren Nistplätzen gescheucht, über dem Buschwald zur Küste flatterten.

Der 10. Mai 1940, einer der Schicksalstage des Zweiten Weltkrieges, hielt seinen Einzug in die Geschichte.
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Alles ganz normal, bis wir holländische Gefangene wurden

Die Morgennachrichten im Radio nahmen uns die letzten Zweifel über das Geschehen. Die Holländer ließen sich jedoch durch den Untergang ihrer Welt nicht aus der Ruhe bringen. Alles war wie sonst.

Um sieben Uhr erschien der Milchmann, gefolgt vom Zeitungsträger und vom ambulanten Gemüsehändler. Kein Polizist zeigte sich. Um neun Uhr machten wir uns auf den Weg zur deutschen Gesandtschaft, um zu erfahren, wie wir uns verhalten sollten.

Unangefochten passierten wir mehrere Straßensperren, hinter denen niederländisches Militär Positionen bezogen hatte, wie man sie vom Spielen mit Bleisoldaten kennt. Einige Soldaten nahmen, das Gewehr im Anschlag, hinter Sandsäcken Aufstellung, andere knieten hinter einem MG, mehrere lagen, das Auge am Visier, auf dem Bauch.

Ein Offizier saß hoch zu Roß, das Glas auf einen Gegner gerichtet, der unsichtbar blieb. In der Ferne fielen Schüsse. Endlich erkannte uns eine Streife als Deutsche und brachte uns auf eine Wache.
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Mein Diplomaten-Kennzeichen rettete die Situation

Dort geschah etwas Unerwartetes. Der meine PKW-Zulassung prüfende Polizeioffizier nahm Haltung an und salutierte. Dann erkundigte er sich mit größter Höflichkeit, wie ich in den Besitz meines Kraftwagen- Erkennungszeichens gelangt sei.

Wahrheitsgemäß gab ich an, das Auto einige Wochen vorher bei einem Fordhändler in Amsterdam erstanden zu haben, der sich um alles Weitere gekümmert habe. Jetzt stellte sich heraus, daß das hollandische Kraftfahrzeugamt mir versehentlich eine Nummer aus einer Reihe zugeteilt hatte, die für Staatsminister und Botschafter reserviert war.

Ich setzte eine hochmütige Miene auf und gab zu verstehen, daß ich nur erhalten hatte, was mir zukam. Den Irrtum aufzuklären sah ich als Verhafteter keinen Anlaß. So wurde ich mit meiner Frau nicht in das für deutsche Zivilpersonen bestimmte Sammellager verbracht, sondern in das »Hotel des Indes«, im Herzen der Residenz, das für die Angehörigen der deutschen Gesandtschaft requiriert worden war.

Dort erhielten wir ein Doppelzimmer mit breiten Messingbetten und einem in Marmor ausgekleideten Bad. Abgesehen vom Blick aus dem Fenster, das mit Rolladen verschlossen wurde, fehlte uns nichts.
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Ich war aber gar kein Diplomat - hatte aber Glück

Unsere Situation wurde erst ungemütlich, als sich herausstellte, daß wir an diesem Ort die einzigen Gefangenen ohne diplomatischen Status waren.

Der uns aus Vorkriegstagen bekannte Beamte des holländischen Außenministeriums, der die Aufsicht über das Hotel führte, drückte jedoch beide Augen zu und beließ uns in unserem luxuriösen Asyl.

Zeitvertreib mit Kartenspielen und Schach - und Schiessereien

Unterbrochen von Mahlzeiten, die von Kellnern im Frack serviert wurden, flossen die Tage dahin. Wir vertrieben uns die Zeit mit Kartenspielen und Schach und zerbrachen uns den Kopf, was die pausenlosen Schießereien in der unmittelbaren Umgebung des Hotels bedeuten mochten.

Daß es sich nicht um Scharmützel zwischen Deutschen und Niederländern handeln konnte, erschien gewiß. Nach unserer Befreiung am 15. Mai stellte sich heraus, daß es die Holländer selbst waren, die sich im Zentrum vom Haag Gefechte geliefert hatten.

Gerüchteküche = Hexenküche

Die deutsche Invasion setzte eine Hexenküche von Gerüchten in Gang. So hieß es, deutsche Fallschirmjäger seien als Nonnen verkleidet über dem Regierungssitz abgesprungen. Ein bejahrter Hof Würdenträger, der einen Brief in den Postkasten werfen wollte, wurde als deutscher Spion erschossen und anderes mehr.

In jedem zweiten Passanten sahen die Holländer ein deutsches Invasionsgespenst, das sie zu teils panikartigen Reaktionen verleitete. Meine Befürchtung, daß mein vor dem Hotel abgestellter neuer Wagen bei diesem Kleinkrieg in Flammen aufgehen würde, erfüllte sich jedoch nicht. Ich fand das Auto unbeschädigt zwischen ausgehobenen Schützengräben wieder.

Es dauerte nur 5 Tage bis die SS kam - der größte Sieg in der Geschichte

Nach fünf Tagen wurde der Haag von einer SS-Division unter Sepp Dietrich besetzt. Der Gesandte Zech hielt eine Rede, in der er das Ereignis als den »größten Sieg der Geschichte« feierte, was seiner Meinung sowenig entsprach wie den Umständen.

Seit zwei Jahrhunderten keinen fremden Soldaten gesehen

Die Holländer reagierten auf den Einmarsch wie ein Volk, das seit zwei Jahrhunderten keinen fremden Soldaten auf seinem Boden gesehen hatte. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Die Mädchen konnten sich nicht satt sehen an einer Truppe, die in ihren getigerten Kampfanzügen Sendboten von einem anderen Stern ähnlicher sah als herkömmlichem Militär. Verbrüderungsszenen waren keine Seltenheit.

Das Gefühl, von der eigenen Obrigkeit im Stich gelassen worden zu sein, griff um sich. In den Tagen nach dem Einmarsch waren die deutschen Feldkommandanturen die einzigen öffentlichen Lokale, an deren Wänden die Bilder der königlichen Familie ihren Platz noch behaupteten.

Die anderen mit ihren Königen und Königinnen

Der Held der Stunde war auch in den Augen der Niederländer König Leopold der Belgier, der bei seiner Armee ausharrte und mit ihr in Gefangenschaft ging, eine Haltung, die zu seinem späteren Sturz beitrug.

In solchen Augenblicken eine Entscheidung zu treffen, die zugleich politisch richtig und volkstümlich ist, braucht es Fortune. Leopold handelte nicht anders als der König Christian X. von Dänemark und blieb im Lande. Die Königin Wilhelmine der Niederlande folgte dem Beispiel des Königs Haakon VII. von Norwegen und ging ins Exil. Was dem dänischen Souverän hoch angerechnet wurde, nahm man dem belgischen übel.

Jetzt waren die Deutschen "Feinde"

Die Staatsräson taugt nicht immer als Maßstab: Was die Ehre dem Monarchen zu tun gebietet, unterliegt sehr unterschiedlichen Bewertungen. Von der ersten Stunde an feindselig gegen die Deutschen verhielt sich nur der niederländische Adel. Als ich mich aufmachte, um mich nach dem Befinden meiner Gastgeber vor dem 10. Mai zu erkundigen, ihnen meine Hilfe anzubieten und sie notfalls vor deutscher Einquartierung und Beschlagnahme ihrer Häuser zu bewahren, wurde ich nirgendwo empfangen.

Man ließ mich wissen, daß man für die Dauer des Krieges keine Deutschen mehr zu sehen und keine Vergünstigungen von ihnen anzunehmen gedenke.

Ich wurde Aufseher für zwei Zeitungen

Am Tage nach dem Einmarsch fuhr ich nach Rotterdam, wo die Kriegsfurie mit einem Luftangriff, der sich als Versehen herausstellte, über die Stadt gefahren war und große Teile in Trümmer gelegt hatte.

Bilder des Grauens, wie sie drei Jahre später zum deutschen Alltag gehörten, empfingen mich. Im Haag trat die Gesandtschaft ihre Funktionen an ein Reichskommissariat ab, das mir sogleich die Aufsicht über die beiden größten holländischen Tageszeitungen, das »Allgemeen Handelsblad« in Amsterdam und den »Telegraaf« in Rotterdam übertrug.

Als gestandener Journalist konnte ich mit den Kollegen reden

Ich hatte dafür zu sorgen, daß keine der Wehrmacht abträglichen Meldungen gebracht wurden. Ich rief die völlig verschüchterten Redaktionen zusammen und besprach mit ihnen kollegial die Lage. Die jüdischen Redakteure, die zu entlassen mir aufgetragen worden war, versetzte ich mit gleichen Bezügen aus dem politischen Ressort ins Feuilleton.

Der Chefredakteur des »Handelsblad«, Herr v. Balluseck, bestätigte mir diese Regelung am 21. Mai, und unsere Zusammenarbeit ließ sich gut an. Ich fuhr alle zwei Tage nach Amsterdam und Rotterdam und tauschte mit den Redaktionen Informationen aus.

So schnell wie es kam, war es wieder zuende

Die Idylle währte jedoch nicht lange. Eines Tages fragten mich die beiden Chefredakteure, ob sie ihren Lesern in einer kurzen Notiz mitteilen dürften, daß sie unter deutscher Zensur erschienen. Hier lag ein klarer Fall von Sorge um die Erhaltung der journalistischen Glaubwürdigkeit vor.

Ich stimmte sofort zu und führte damit meine Abberufung aus einer Tätigkeit herbei, die mir trotz kurzer Dauer ans Herz gewachsen war.

In Berlin tobte man und sandte einen Ersatzmann auf den Weg, von dem man sicher war, daß ihm kollegiales Verständnis für die Nöte der holländischen Journalisten abging.

Unter dem 27. Mai 1940 schrieb mir Herr v. Balluseck: »Meinerseits gebe ich Ihnen gern die Versicherung, daß die Weise, in der Sie mir entgegengekommen sind, mir die Arbeit, welche ich unter schweren Umständen fortsetzen mußte, sehr erleichtert hat. Ich kann nur die Hoffnung aussprechen, daß meine Beziehungen zu Ihrem eventuellen Nachfolger in der gleichen freundschaftlichen Art weitergeführt werden können.«

Damit war meine Episode in Rotterdam zuende.

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