Sie sind hier : Startseite →  Historie und Geschichte→  Über die "Wahrheit"→  Bücher zum Lesen - erstaunlich→  von-Studnitz-Antibiographie→  Lebenserfahrungen v. Studnitz 27

H. von Studnitz schreibt über die Erfahrungen seines Lebens

Eine Ergänzung zum Thema : "Was ist Wahrheit ?" - 1974 hat Hans-Georg von Studnitz (geb. 1907) ein Buch über sein Leben geschrieben, aus dem ich hier wesentliche Absätze zitiere und referenziere. Es kommen eine Menge historischer Informationen vor, die heutzutage in 2018 wieder aktuell sind, zum Beispiel die ungelöste Katalonien Frage aus 1936.

.

1949 - Rückblick auf 1 Jahr - Teil 2 der Nürnberger Prozesse

Als »möblierter Herr« hatte ich in Nürnberg fast ein Jahr in einem jener kasernenähnlichen Mietshäuser verbracht, die zwischen den Kriegen vor den alten Ringmauern errichtet worden waren, um dem schnell wachsenden Kleinbürgertum der fränkischen Großstadt Wohnmöglichkeiten zu schaffen. Ein ungeheures Federbett, unter dem meine Wirtsleute die bombenreichen Kriegsnächte und die kalorienarmen Tage der Nachkriegsjahre überstanden hatten, füllte meine Kammer bis auf einen schmalen Platz, den Stuhl und gußeisernes Waschbecken einnahmen.

Für die nicht sehr ausgedehnten Stunden zwischen den Verhandlungen bei Gericht genügte diese Bleibe, die Wochenenden verlebte ich ohnehin auf den Landsitzen der Umgebung.

Wir könnten nach Stuttgart ziehen

Die Frage, wo ich mich dauernd niederlassen konnte, beantwortete sich, als mir der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Arnulf Klett die Zuzugserlaubnis für den Fall in Aussicht stellte, daß es mir gelingen sollte, in seiner stark vom Kriege mitgenommenen Stadt Unterkunft zu finden.

Klett hoffte, das Erbe Leipzigs nach Stuttgart zu ziehen, und sammelte Verlage und Intellektuelle. Mit Hilfe von Freunden, derer ich in Stuttgart viele besaß, gelang mir die "Ermietung" einer Teilwohnung, in die ich mit eigenen Möbeln einzog.

Hier stand mir ein größerer Raum zur Verfügung, in dem nicht geschlafen, sondern nur gewohnt wurde, ein für damalige Verhältnisse unerhörter Aufwand bzw. Luxus.

Über die "reichen Leute" von Stuttgart

Von allen deutschen Großstädten kam Stuttgart dank der Umsicht seines Bürgermeisters und dem schwäbischen Fleiß am schnellsten wieder auf die Beine. Die zwischen Weinbergen gelegenen, das zerstörte Zentrum kranzförmig umgebenden »prachtvollen Villen, in denen nichts passiert«, waren erhalten geblieben.

Schwäbischem Brauch entsprechend, lebten die reichen Leute weit unter ihren Verhältnissen. Fabrikanten begaben sich in Volkswagen in ihre Werke und holten ihre »Dreihunderter« erst aus der Garage, wenn die Dunkelheit sich senkte und sie in den schweren Wagen unerkannt in den nahen Schwarzwald entkommen konnten, in welchem es in Luftkurorten und Diabetikersanatorien hoch herging.

Möglichst nicht im Abendanzug

Wer sich im Abendanzug zeigte, galt als lasterhaft. Als ich einer Reportage über die wiedererwachende Geselligkeit in Süddeutschland Aufnahmen von einer Silvesterparty im Hause eines schwäbischen Gutsbesitzers beigab und diese in einer norddeutschen Illustrierten veröffentlichte, traf mich der volle Zorn des Gastgebers.

Er berief einen Familienrat, auf dem er erklärte: »Ein Leben hindurch habe ich mich bemüht, meinen Leuten im Dorf klarzumachen, daß ich kein Geld habe. Und dann kommt so ein Flüchtling aus dem Osten, bildet mich im Smoking ab und bringt mich für immer um meinen Ruf als armer Mann!«

Das Kernstück schwäbischer Solidität - das Verhältnis zum Geld

Bald traf ich Leute, die jeden als Hochstapler einstuften, der von seinen Zinsen lebte, da ein anständiger Mensch nur von seinen Zinseszinsen leben durfte. Selbst mittellos geworden, berührte mich dieses ungebrochene Verhältnis zum Gelde als Kernstück schwäbischer Solidität keineswegs unangenehm.

Frankfurt zum Beispiel war anders

Im Vergleich etwa zu Frankfurt erschien mir Stuttgart als Paradies. In der Schule hatte man uns die Kurfürsten von Hessen verachten gelehrt, weil sie ihre Landeskinder an den König von England als Soldaten verkauften.

Als ich Frankfurt nach dem Kriege näher kennenlernte, beurteilte ich die früheren Landesherren milder. Der Geist der Freien Reichsstadt und des Frankfurt der deutschen Kaiserkrönungen hatte einem Konkubinat mit der Besatzungsmacht Platz gemacht. Während Bayern die Amerikaner integrierte, amerikanisierten sich die hessischen Großstädte auf eine Weise, die der Würde der Bevölkerung Schaden zufügte.

In Stuttgart gab es lauter bekannte Namen

In Stuttgart begegnete ich vielen geistvollen Menschen. Dorothee von Bülow, die Witwe meines gefallenen Freundes Carlos Pückler, führte in Rübgarten, in dem sie einen dörflichen Baronialpalast bewohnte, ein offenes Haus, in dem von Carlo Schmid bis zum Fürsten von Hohenzollern alles ein- und ausging, das in Württemberg Rang und Namen hatte.

Ihr zeitweiliger zweiter Gatte, Friedrich Sieburg, hatte sich in Gärtringen eingerichtet, wo er sich in Anlehnung an den Besitz seiner dritten Frau, Winnie Kiefer, ein rosagestrichenes »Petit Trianon« erbaute und mit seiner Bibliothek und Andenken an Napoleon I. füllte.

Ernst Jünger bezog im Stauffenbergschen Wilflingen das dem Schloß gegenübergelegene Rentamt, in dem er sich autolos seinen Schriften und Käfersammlungen widmete. Ihm danke ich das Wort, daß man im Alter auf dem Lande so viel würdiger lebe.

Neben den Stauffenbergs gewannen "wir" (Anmerkung : vermutlich Frau und Tocher) viele Freunde auf dem Lande. In Stuttgart nahm uns der weitverzweigte Dörtenbachclan auf, in dem die Tradition eines alten Bankhauses sich mit industrieller Regsamkeit und Sinn für die Res publica verschwisterte.

Und zu dieser Zeit wurde immer noch gehungert

Über »Christ und Welt«, das mein Freund Ernst Hepp ins Leben gerufen hatte und das von Klaus Mehnert, Giselher Wirsing und Wolfgang Höpker redigiert wurde, kam ich mit Eugen Gerstenmaier in Verbindung, der damals das Evangelische Hilfswerk leitete.

Dieser in vieler Beziehung ungewöhnliche Mann, der als junger Theologe dem Kreisauer Kreis des Grafen Moltke nahegestanden und wie durch ein Wunder nach dem 20. Juli 1944 der Exekution entgangen war, praktizierte ein Christentum der Tat.

Er organisierte im Ausland Nahrungsmittel und Textilien und verteilte sie an die Hungernden und Frierenden in Westdeutschland. Tausende dankten ihm die Erhaltung ihres Lebens.

In Stuttgart hatten sich unter die Fittiche des Hilfswerkes viele Stellungsuchende geborgen. Sofern ihnen Gerstenmaier nicht Arbeit verschaffen konnte, beköstigte er sie doch in der Kantine des Hilfswerks, in der so mancher schneidige Atheist bei Haferflocken und Backpflaumen seine Kirche wiederentdeckte und mit gesenkten Augen Tischgebete nachsprach, die, wenn nicht aus vollem Herzen, so doch aus leerem Magen kamen.

Neben der materiellen Not gab es auch die geistige Not

Gerstenmaier erkannte frühzeitig, daß es galt, neben der materiellen die geistige Not zu lindern in einem Volk, das jede Orientierung verloren hatte. So lieh er der Gründung von »Christ und Welt« Hilfe und beteiligte sich an dem Versuch, die »Hamburger Allgemeine Zeitung« zu sanieren, die, 1946 erstmalig erschienen, 1949 in Schwierigkeiten geriet.

Die Druckauflage war von 170.000 auf 119.000 zurückgegangen, die verkaufte Auflage lag bei 50.000, die zudem auf Absatz in der Provinz angewiesen war, für die neun Heimatbeilagen herausgebracht wurden.

Für eine Zeitung brauchte man eine Lizenz des Militärs

Als Lizenzträger fungierten Konsul Paulus, der Elektrokaufmann Hassler, der CDU-Politiker und Vizepräsident der Hamburger Bürgerschaft Franz Beyrich, von Beruf Volkspfleger, und der Verleger Walter Kroger, der in Blankenese die »Norddeutschen Nachrichten« herausgab und eine Druckerei besaß, in der die HAZ jedoch nicht hergestellt wurde. Statt dessen druckte sie bei ihrer schärfsten Konkurrenz, im Hause Girardet, dem Verlagsort der »Hamburger Freien Presse«.

Von den vier Lizenzträgern gehörten zwei dem katholischen Flügel der CDU an, dessen politische Bedeutung in dem vorwiegend protestantischen Hamburg überhaupt nicht ins Gewidit fiel. Ihr Einfluß hatte der HAZ den Ruf eines Kirchenblattes eingetragen.

Als Verlagsleiter und Chefredakteur in einer Person stand dem Blatt Herr v. Lötzen vor. In der ersteren Funktion löste ihn Hepp ab, während ich die redaktionelle Leitung übernahm.

Die falsche Investition zur falschen Zeit

Aus den Gewinnen vor der Währungsreform waren kaum Investitionen gemacht worden. Jetzt sollte der Übergang von dreimal wöchentlich zum täglichen Erscheinen vollzogen werden. Zu diesem Zweck wurden aus Norwegen gebraudite Setzmaschinen beschafft.

Beim Auspacken in Hamburg stellte sich heraus, daß sie für kyrillische Schrift eingerichtet waren und umgebaut werden mußten. In Betrieb genommen, fielen Aggregate immer wieder aus, was zu stundenlangen Verzögerungen bei der Auslieferung des Blattes führte.

Für mich stand fest, daß eine derart fehlstrukturierte Zeitung mit redaktionellen Mitteln allein niemals gerettet werden konnte.

Ich ließ mich auf das Wagnis ein . . . .

aus Freundschaft zu Gerstenmaier und Hepp, im Vertrauen auf eine vom Hamburger Senat in Aussicht gestellte Ausfallbürgschaft und nicht zuletzt, weil mich die Aufgabe fesselte.

Den Gedanken, das »Hamburger Abendblatt« nachzuahmen, mit dem Axel Springer in Hamburg einen modern aufgemachten Generalanzeiger durchgesetzt hatte, lehnte ich ab.

Einmal konnte der Hamburger Markt kein zweites »Abendblatt« aufnehmen, zum anderen eigneten sich die von mir vorgefundenen redaktionellen Kräfte in der Mehrzahl nicht für den Abendblattstil.

Für mich konnte es sich nur darum handeln, der HAZ den Platz zu gewinnen, den sie ursprünglich hatte einnehmen sollen, den eines parteipolitisch unabhängigen Intelligenzblattes, das sich an die konservativen und liberalen Kräfte des Hamburger Bürgertums und an die Kaufmannschaft wandte.

Vom vermeintlichen Erfolg überrascht

Die von mir vorgezeichnete Linie fand überraschend schnell Anklang. Im Laufe weniger Monate wurde die HAZ zu dem am meisten beachteten Blatt in Norddeutschland. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht in der in- und ausländischen Presse zitiert wurden.

Mit besonderem Vergnügen faßten wir heiße Eisen an. Wir traten für die Aufhebung des frühen Ladenschlusses ein, was uns Widerspruch, aber auch viele Glückwünsche brachte, darunter vom Ersten Bürgermeister Brauer, der lange genug in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, um zu wissen, daß Deutschland nur durch mehr Arbeit wieder hochkommen konnte.

Wir fochten gegen den Partikularismus bei den Sendern, die im geteilten und durch Besatzungszonen zerrissenen Deutschland das Hochdeutsch zugunsten von Beiträgen in regionaler Mundart vernachlässigten. Im Hamburger Manstein-Prozeß standen wir hinter dem Angeklagten. Als der britische Landeskommissar für Hamburg, Dr. Dunlop, das Trockendock »Elbe 17« sprengen lassen wollte, verwiesen wir ihn auf Nürnberg, wo deutsche Angeklagte von alliierten Richtern immer wieder an die von ihnen nicht genutzte Möglichkeit der Befehlsverweigerung erinnert worden waren.

Ohne eine begeistert mitziehende Redaktion wären diese Erfolge nicht möglich gewesen. Im stellvertretenden Chefredakteur Heinz Köhler, im Chef vom Dienst Georg Nawrocki, in den Ressortleitern Dr. Wilhelm Packenius (Wirtschaft), Dr. Adolf Frise (Feuilleton) und Eberhard v. Wiese (Lokales) fand ich erstklassige Mitarbeiter.

Doch die Finanzen reichten nicht - es kam zum Konkurs

Sie alle waren zum Durchhalten bereit. Im Frühjahr 1950 kam es dann doch zum Konkurs. Die Sanierungsspritze reichte nicht aus, die Ausfallbürgschaft wurde nicht gegeben, der Verlag stand am Ende seiner finanziellen Kraft.

Die Rettung der Zeitung scheiterte an Widerständen hinter den Kulissen, die weder durch Entschließungen der Belegschaft noch durch Hilferufe des Betriebsrates an den Bundeskanzler und den DGB überwunden werden konnten.

Mit wehenden Fahnen gingen wir unter. In Anzeigen, die Hamburger Blätter gratis einrückten, boten 30 Redaktionsmitglieder und das gesamte technische Personal ihre Dienste öffentlich aus, ein in der Zeitungsgeschichte beispielloser Vorgang. Das Wrack (unsere Restbestände) schleppte der Verlag Girardet ab.

Drei Jahre später ging es nochmal von vorne los

Meine Rolle als Chefredakteur einer großen Hamburger Tageszeitung war jedoch nicht zu Ende. Drei Jahre später trugen mir die Verleger der »Hamburger Freien Presse«, die sich nach der Übernahme des Titels »Hamburger Allgemeine Zeitung« zum »Hamburger Anzeiger« gemausert hatte, den Bonner Korrespondentenposten dieses Blattes an.

Wir übersiedelten von Stuttgart nach Mehlem, wo wir in den Rheinauen eine Dreizimmerwohnung bezogen. Im Sommer lud uns der Strom zu ausgedehnten Schiffsfahrten und zu langen Spaziergängen an seinen Ufern ein.

Im Winter besuchte er uns im Keller, aus dem wir in größter Hast unseren Kohlenvorrat auf den Boden schaffen mußten.

Das Bonner Provisorium

Bonn war damals noch ein Provisorium mit vielen sympathischen Zügen. Das Kanzleramt domizilierte im Zoologischen Museum, das Außenministerium verteilte sich wie die meisten Bundesbehörden in eine Unzahl über die ganze Stadt verstreuter Häuser.

Die Klosettarchitektur hatte das Rheintal noch nicht verwüstet. Eine Ausnahme bildete der Mehlemer Deichmann-Park, in welchem die amerikanische Hochkommission ein kolossales Gebäude errichtet hatte.

Auch in Bonner Baracken - die Presse

Die Presse folgte dem Beispiel der SPD und richtete sich in Baracken ein. Bonn bewahrte seinen Charakter wie Godesberg, dort traf man sich auf Empfängen in der Redoute, spielte im Stadtgarten Tennis, im »Adler« und bei »Maternus« speiste.

Der Regierungstroß fühlte sich im Exil, die Atmosphäre glich der von Vichy, dort hatte sich damals die französische Regierung unter Petain während des Krieges etabliert.

Nach Bonn ging es wieder zurück nach Hamburg

Nach einem knappen Jahr in Bonn holten mich die Verleger des »Hamburger Anzeigers« als Chefredakteur nach Hamburg. Unter neuen Vorzeichen wiederholte sich das alte Spiel.

Das Haus Girardet hatte erst mit der »Hamburger Freien Presse«, dann mit dem »Hamburger Anzeiger« Springers »Hamburger Abendblatt« den Platz streitig zu machen gehofft und war mit diesem Vorhaben gescheitert.

Am Ende ihres Lateins angelangt, besannen sich die Verleger auf meine Konzeption für die »Hamburger Allgemeine Zeitung« und trugen mir an, den »Hamburger Anzeiger« nach diesem Vorbild umzugestalten und das Blatt auf den Weg zu bringen, der von der HAZ mit so viel Aussicht auf Erfolg eingeschlagen worden war.

Die Zeiten hatten sich geändert - es gab dort jetzt "Die Welt"

Die Chancen, in Hamburg ein Intelligenzblatt hochzuziehen, waren jedoch nicht mehr die gleichen. Springer hatte von den Engländern »Die Welt« übernommen und ihr in Hans Zehrer einen Chefredakteur von Format gegeben. Eine Hamburger Ausgabe dieses überregionalen Blattes sprach die gebildeten Leser der Hansestadt an.

Im Hause Broscheck stand man im Begriff, das einstmals renommierte »Hamburger Fremdenblatt« wieder herauszubringen, ein Versuch, der freilich mißlang. Das Terrain, das ich pflügen sollte, hatten andere schon beackert.

Gleichwohl ließen sich die ersten Monate der Umstellung vielversprechend an. Wir schrieben profilierte politische Kommentare, machten ein anspruchsvolles Feuilleton und sorgten für einen spannenden Lokalteil. Wir warben für den Wiederaufbau einer deutschen Passagierschiffahrt und gaben uns die größte Mühe, an neue Leserschichten heranzukommen.

Ich gewann viele "neue Federn" (Anmerkung : das sind begabte Journalisten), darunter solche, die mir überlegen waren. Von der Eitelkeit mancher Chefredakteure, die in den Spalten ihrer Zeitung niemanden dulden, der ihnen an Stil und Diktion voraus ist, war ich frei.

Bernhard Lescrenier, ein versierter Nachrichtenmann

Als unseren Bonner Korrespondenten verpflichtete ich Bernhard Lescrenier, einen versierten Nachrichtenmann, vermutlich den besten in der Bundesrepublik. Während die meisten Bonner Korrespondenten von Material aus zweiter Hand oder von Gerüchten lebten, machte Lescrenier allmorgendlich seine »Runde«.

Er erschien in vielen Ministerbüros und endete beim Bundeskanzler, dem er im Palais Schaumburg auf dem Gang zwischen seinem Arbeitszimmer und der Toilette auflauerte.

Adenauer hatte für seinen rheinischen Landsmann, der ihm als Nachrichtenzuträger wichtig war, einiges übrig und ließ ihn selten mit leeren Händen gehen. Formulieren konnte Lescrenier nicht, aber schließlich hatten wir eine Redaktion, die sein Material in lesbare Form brachte.

Das Haus Girardet flopte nochmals - für Hamburg endgültig

Im übrigen galt es - wie vordem bei der HAZ - eine Durststrecke zu durchstehen, bevor wir den »Hamburger Anzeiger« von den roten Zahlen lösen konnten. Dem Verleger Hans Krümmer und seinem Verlagsdirektor Ehlers, der nicht in einem Zeitungsbetrieb aufgewachsen war, fehlte es jedoch an Stehvermögen.

Sie konnten den Blick nicht von dem kometenhaften Aufstieg des »Hamburger Abendblatts« wenden, das über eine Technik und einen Vertrieb verfügte, mit dem Girardet sich keinesfalls messen durfte.

So wurde die mit mir abgesprochene Linie wieder aufgegeben. Hinter meinem Rücken erhielt Adolf Frise, der sich auch als Herausgeber von Musils »Mann ohne Eigenschaften« einen Namen gemacht hatte, die Kündigung.

Damit setzte der Verlag ein Signal, aus dem ich die Konsequenzen zog und meinen Hut nahm. Wenige Monate später wurde der »Hamburger Anzeiger« nach einem weiteren Versuch, das »Hamburger Abendblatt« zu kopieren, eingestellt. Damit erlosch die Tätigkeit des Hauses Girardet auf dem Hamburger Zeitungsmarkt.

1950 - die Konferenz der Alliierten in Berlin und die Meinungen

1950 trat in Berlin eine Konferenz der Alliierten zusammen, die die Deutschen mit neuen Hoffnungen erfüllte. Eine Illustrierte befragte 17 deutsche Chefredakteure über die Aussichten dieses Treffens. Als nahezu einziger beurteilte ich die Aussichten skeptisch.

Ich glaubte nicht an eine Veränderung des Status quo, wie er sich nach 1945 eingespielt hatte. Einer meiner gescheitesten Kollegen sah aus der Berliner Konferenz bereits die Einheit Deutschlands hervorgehen, ein anderer sagte freie Wahlen in der Zone (auch Ostzone bzw. DDR genannt)voraus, ein dritter erwartete noch im gleichen Winter im Erzgebirge Ski laufen zu können.

Die Umfrage erhellte einmal mehr, wie sehr Diktatur, Krieg und Besatzung das außenpolitische Fingerspitzengefühl im deutschen Journalismus abgestumpft hatten.

Ich will eine eigene Zeitung herausgeben - die »Außenpolitik«

Um dieser Erscheinung zu begegnen, hatte ich früh den Plan einer (eigenen neuen) Zeitschrift gefaßt, die sich nach dem Vorbild von »Foreign Affairs« mit außenpolitischen Fragen befassen sollte.

Bereits am 15. März 1949 reichte ich der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart ein entsprechendes Expose ein. Obschon keine Zeit zu verlieren war, zogen sich die Verhandlungen über ein ganzes Jahr hin.

Eine Reihe von Persönlichkeiten, die ich als Herausgeber vorgesehen hatte, sagten mit der Begründung ab, sich nicht binden zu wollen, was für den damals herrschenden Kleinmut bezeichnend war.

Indiskretionen führten dazu, daß ein Düsseldorfer Verleger mit einem ähnlichen Projekt hervortrat. Endlich konnten wir uns auf den 1. März 1950 als Stichtag für den Abschluß der Arbeiten an dem ersten Monatsheft einigen.

Mit der Redaktion wurde Herbert v. Borch betraut, der später durch Wilhelm Wolfgang Schütz und dann durch Heinrich Bechtold abgelöst wurde. Die Zeitschrift erfüllte etwa ein Jahrzehnt die ihr von mir zugedachte Aufgabe.

Carl Burckhardt in Versailles und "ein Buch über Hitler"

Um diese Zeit bat mich ein großer süddeutscher Verlag, ihm einen Autor für eine grundlegende Hitler-Biographie zu benennen. Nach einigem Nachdenken verfiel ich auf Carl Burckhardt, der sich als Verfasser eines umfangreichen Werkes über Richelieu auch als Historiker einen berühmten Namen gemacht hatte, das Dritte Reich aus eigener Anschauung kannte und als Hochkommissar des Völkerbundes für den Freistaat Danzig mit Hitler persönlich in Berührung gekommen war.

Als ein Mann von hohem moralischem Ansehen, der Sicherheit des Urteils mit Abstand zu deutschen Vorgängen verband, erschien mir Burckhardt für diese Aufgabe geeigneter als irgend jemand anders.

Er wirkte damals als Botschafter der Schweiz in Paris und empfing mich in seiner Versailler Residenz. Ich stellte ihm die Bedeutung einer Aussage vor, die der zu erwartenden literarischen Flut über Hitler und seine Zeit auf Jahrzehnte die Richtung weisen konnte.

Burckhardt erwärmte sich nur schwer. Er wies darauf hin, Hitler »kaum« gekannt zu haben, und gab dann eine so eindringliche Schilderung seiner Begegnungen mit ihm, daß ich in meinem Anliegen nur noch bestärkt wurde.

Er versprach, sich die Sache zu überlegen, um mir einige Tage später schriftlich abzusagen. Eine große Chance war verpaßt. Erst 1973 trat Joachim Fest mit einem Werk über Hitler hervor, wie es mir aus der Feder Burckhardts vorgeschwebt hatte.

alle Möglichkeiten einer journalistischen Laufbahn ausgeschöpft

Ich hatte alle Möglichkeiten einer journalistischen Laufbahn ausgeschöpft. Ich war als Redakteur und Reporter, als Korrespondent und Kommentator, als Chefredakteur und Herausgeber tätig gewesen, hatte im In- und Ausland gearbeitet und als »free lance« mein Brot verdient.

Mit Ausnahme des Sports in allen Ressorts bewandert, gehörte meine Neigung dem Meinungsjournalismus, der meiner Freude an kritischen Betrachtungen und politischem Engagement eine ideale Plattform bot.

Die Möglichkeiten des Journalismus nicht überschätzen

Mit den in der deutschen Publizistik so beliebten »Sowohl-als-auch«- Stellungnahmen habe ich nie viel anfangen können. Ich hütete mich jedoch, die Möglichkeiten des Journalismus zu überschätzen.

Zeitungsleute neigen dazu, die allgemeine Entwicklung an den Auslassungen zu messen, die ihre Kollegen darüber verbreiten. Sie übersehen zu oft, daß öffentliche und veröffentlichte Meinung nicht ein und dasselbe sind, die Exekutive nicht bei den Journalisten, sondern bei den Politikern liegt, die ganz anders reagieren.

  • Anmerkung : Das war sicher eine der Erfahrungen aus den 2 Jahren im Auswärtigen Amt, damals dort die schlechten Nachrichten geschickt zu formulieren.

.

Anmerkung aus Friedrich Sieburg: »Schwarz-Weiß-Magie«

Friedrich Sieburg hat einmal geschrieben, der Mann, der die Zeitung schreibe, habe die Macht, alles zu sagen, und daher nichts zu sagen. Er gestalte die öffentliche Meinung, die ihm zum Dank dafür mißtraue!

So erklärt es sich, daß Hitler gegen die Presse an die Macht gelangte, Churchill, obschon von der Presse unterstützt, sie verlor, Truman gegen die Presse die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewann, Chruschtschow fiel, ohne daß die Presse dies voraussagte, Heath sein Mandat verlor, obwohl ihm die Medien bessere Chancen als Wilson einräumten, allein Nixon wurde von der Presse gestürzt.

Über die Erwartungshaltung der Leser

Der Leser erwartet von seiner Zeitung einen Standpunkt und besteht doch auf seiner Freiheit, ihn zu ignorieren. Zeitungen, die sich vor einem Engagement scheuen, trifft das Los von Frauen, die sich nicht hingeben. Sie werden vergessen und verfallen dem Siechtum.

MeinungsJournalismus habe ich immer als Herausforderung verstanden, als den Spaß, gegen den Stachel zu locken.

Mein Vergnügen am Widerspruch

So trat ich als erster für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen ein. (Vgl. »Christ und Welt«, Nr. 49, vom Dezember 1958. Vgl. »Zeitbühne«, Heft 3, 3. Jahrg., März 1974.)

Ein Ungewitter ohnegleichen brach über mich herein. (Anmerkung : Und es gab damals weder Fax noch E-Mails) - Industrie, Automobilclubs und Presse fielen über mich her. 15 Jahre später griff ein Bundesverkehrsminister (Lauritzen) unter dem Druck der Unfallstatistik meine Forderung auf - und mußte gehen! Ich sekundierte ihm und weckte die gleichen schlafenden Hunde! Meinem Vergnügen am Widerspruch tat dies keinen Abbruch!

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2019 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.