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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen eupho- rischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - und hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Freitag, den 23. Februar 1945 - Serviert wird Eintopf und Tee.

Für die hier ausharrenden Vertreter fremder Mächte veranstaltet der RAM seit neuestem Diplomatennachmittage. Der erste ist für Mittwoch, den 28. Februar angesetzt.

Eingeladen werden sollen Diplomaten sowie in- und ausländische Journalisten. Serviert wird Eintopf und Tee. Diese Einrichtung kommt zwölf Jahre zu spät.

Wäre sie früher getroffen worden, so hätte der RAM den Kontakt mit den fremden Missionen herstellen können, der ihm alle die Jahre hindurch fehlte.

Die einzige gesellschaftliche Berührung, die es zwischen Vertretern ausländischer Mächte und dem Amt noch gibt, sind Mittagessen, die der Staatssekretär zweimal im Monat im »Adlon« gibt. Leider werden Damen nicht zugelassen und immer die gleichen politisch bedeutungslosen und gesellschaftlich langweiligen Referenten aus der Politischen Abteilung und dem Protokoll des Amtes zu diesen Veranstaltungen abgeordnet.

Mittwoch, den 28. Februar 1945 - 13 mal hintereinander Fliegeralarm

Gestern hatten wir in der dreizehnten aufeinanderfolgenden Nacht Alarm. Um drei Uhr früh kam eine zweite Luftwarnung.

Vorgestern gab es einen großen Tagesangriff. Die innere Stadt, die großen Bahnhöfe im Osten, das Ministerpalais und der Torso des Hauses 74, in dem ich arbeite, erhielten Treffer.

Im »Esplanade« wurde die gerade wieder in Betrieb genommene Küche zerstört. Trotzdem schloß das Restaurant nur 24 Stunden. Bei den Nachtangriffen erscheinen viel mehr Moskitos als früher.

In der Nacht vom 24. zum 25. Februar fielen in die Umgebung meiner Wohnung in der Kielganstraße fünfzehn Bomben und versetzten die Wohnung wieder in den gleichen Zustand wie vor der Restaurierung.

Eben verputzte Risse und Sprünge platzen wieder auf. Durch die Decke des Wohnzimmers tritt Regenwasser ein. In der Nacht zum 27. Februar erschütterte eine Stunde nach der Entwarnung eine gewaltige Explosion das Haus.

Die letzten Fensterscheiben zersprangen. Ein Zeitzünder war nur fünfzig Meter vor unserer Haustür in der Derfflinger Straße hochgegangen.

Jetzt müssen sogar Mitarbeiter des AA Schutt schippen

Neuerdings werden alle männlichen Angehörigen des Auswärtigen Amtes einmal in der Woche zum Schippen kommandiert. Ich mußte zusammen mit Strempel, Doernberg, Bergmann, Weber und Geffcken antreten, um aus der Wilhelmstraße Schutt in eiserne Loren zu laden und sie in einen Hof des Amtes zu fahren, in welchem andere Beamte damit beschäftigt waren, die Seitenwände eines Luftschutzkellers zu verstärken.

Während wir fußhoch im Straßenkot wateten, sahen uns Hunderte russischer Gefangener, die ebenfalls mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren, höhnisch zu. Für die paar Leute, die wie ich im Auswärtigen Amt noch etwas zu tun haben, bedeutet die Schipperei den Verlust kostbarer Arbeitszeit.

Dabei lungern in Berlin Tausende von Kriegsgefangenen und Ostarbeitern herum, die wegen Zerstörung vieler Werke ohne Arbeit sind. Sinnvoller wäre es, wenn das Amt endlich einen Bunker für seine Gefolgschaft bauen würde.
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Ausnahmen für das Propagandaministerium

Das Promi hat sich in der Ruine der Dreifaltigkeitskirche, in der einmal Schleiermachers Kanzel stand, einen Schutzraum geschaffen. Ein unversehrt gebliebenes Kreuz soll mit eingemauert worden sein. Der Zutritt zu diesem Kirchenbunker bleibt jedoch auf Angestellte des Promi beschränkt.

Das Auswärtige Amt darf ihn nicht mitbenutzen!

In diesem Zusammenhang ist folgender Erlaß interessant, den »Der Reichsverteidigungskommissar für den Reichsverteidigungsbezirk Berlin« an »sämtliche Behörden und Dienst-Stellen des Reichsverteidigungsbezirks Berlin« richtet und der folgenden Wortlaut hat:

  • »Betr. Aufsuchen der Luftschutzbunker durch Gefolgschaftsmitglieder der Behörden vor Auslösung des Fliegeralarms. Wiederholte Kontrollen des Polizeipräsidenten von Berlin in Luftschutzbunkern haben ergeben, daß sich unter den Personen, die bereits vor Ertönen des Fliegeralarms Luftschutzbunker aufsuchen, eine erhebliche Anzahl von Beamten und Angestellten der in der Nähe ansässigen Behörden und Dienststellen befindet.
  • Die schaffende Bevölkerung, die keine Gelegenheit hat, ihren Arbeitsplatz vorzeitig zu verlassen und einen Luftschutzbunker aufzusuchen, steht diesem unwürdigen Verhalten verständmslos gegenüber. Der Arbeitsplatz wird erst dann verlassen, wenn Fliegeralarm ertönt. Das gesamte öffentliche Leben nimmt auch bei Öffentlicher Luftwarnung seinen Fortgang. Ich bitte deshalb, Ihre Gefolgschaftsmitglieder darauf hinzuweisen, daß ich in Zukunft jeden, der vorzeitig einen Luftschutzbunker aufsucht, oder sich abwartend vor einem Bunker aufhält, zur Verantwortung ziehen werde.
  • Heil Hitler! In Vertretung Dr. Penne«

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Brennende Akten sollen geborgen werden

Während wir schippten, tauchte ein zweiter Trupp von Ministerialbeamten, unter ihnen Hammerschmidt und Mirbach, auf. Sie steckten wie wir in Overalls und trugen als Kopfbedeckung italienische Beutekäppis. Es handelte sich um den »Sicherungstrupp« des Auswärtigen Amtes, der nach der Kronenstraße marschierte, um dort bei der Bergung von brennenden Akten zu helfen.

In der Führerproklamation zum 25. Jahrestag der Verkündung des Parteiprogramms finden sich folgende Sätze:
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  • ». . . Sie haben uns so viel an Schönem, Erhebendem und Heiligem zerstört, daß wir nur der einzigen Aufgabe leben dürfen, einen Staat zu schaffen, der wieder aufbaut, was durch sie vernichtet wurde . . .

    ... Sie haben uns so Schreckliches gelehrt, daß es keinen größeren Schrecken mehr gibt. Was die Heimat erduldet, ist entsetzlich, was die Front zu leisten hat, übermenschlich ...

    . . . Wem immer es schlecht geht, der weiß und muß es wissen, daß viele Deutsche noch viel mehr verloren haben als er selbst. Das Leben, das uns geblieben ist, kann nur einem einzigen Gebote dienen, nämlich wiedergutzumachen, was diese internationalen jüdischen Verbrecher . . .«

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Die militärische Lage im Westen

Die militärische Lage im Westen ist zur Zeit kritischer als im Osten. Köln steht vor dem Fall. Die amerikanischen Heeresberichte sprechen von einem Durchbruch.

Montag, den 5. März 1945 - wieder ein Luftangriff morgens um 3.15

Moskitoangriff in der sechzehnten aufeinanderfolgenden Nacht. Die Flugzeuge kamen um 3.15 Uhr morgens. Ich befand mich in Ort Kerzendorf, 28 Kilometer von Berlin, in dem man die Angriffe so erlebt, als wenn man in der Stadt wäre.

Die Maschinen fliegen fast immer dort ein. Vormittags zwischen halb zehn und zehn Uhr Tagesalarm. Eine ausgezeichnete Einrichtung ist der Polizeifunk, der auf den Wellen Rennes, Belgrad, Stockholm und Paris PTT sendet.

Im Unterschied zu dem Horizontsender Mio, der den Standort der feindlichen Flugzeuge nur verschlüsselt mitteilt, gibt der Polizeifunk die von den Angreifern durchflogenen Zonen namentlich an.

Der Polizeifunk verzeichnet sogar Flugzeugpositionen über dem Standgebiet. So kann man dem Angriff folgen und sich entsprechend einrichten.

Alle Fronten brechen ein

Im Mittelabschnitt der Ostfront herrscht noch immer trügerische Ruhe. Den Pommernkessel haben die Russen durch einen Vorstoß nach Köslin und Schlawe geteilt.

Im Westen hat der amerikanische Durchbruch der Siegfriedlinie eine Katastrophe ausgelöst. Innerhalb weniger Tage dürfte der Feind im Besitz des ganzen westlichen Rheinufers sein. Er hat Mönchengladbach und Krefeld überrannt und steht vor Düsseldorf.

Bestandteil der neuen Straßengarderobe

Unter den Linden war gestern ein mit Ochsen bespannter Wagen der Schultheiß-Brauerei zu sehen. Viele Zivilisten haben sich mit Schulterriemen ausgerüstet, an denen Aktentaschen und kleinere Koffer getragen werden. Brotbeutel und Futtersäcke gehören zum Bestandteil der Straßengarderobe in diesen Tagen.

Nacht für Nacht »Abschied« feiern und saufen

Die Kroaten feiern in der Dahlemer Villa der Frau von Pannwitz seit vier Monaten Nacht für Nacht »Abschied«. Einem Gelage folgt jeweils eine ergiebige Trinkerei, bei der die schärfsten Schnäpse geboten werden. Um Mitternacht tritt ein kroatischer Sängerchor auf, der Volkslieder vorträgt.

Wenn die Luftgefahr vorbei ist, erscheinen die Kanoniere einer zum Schutz der Gesandtschaft eingesetzten kroatischen Flakbatterie und spielen Jazz. Bei diesen Festereien wird häufig mit Revolvern geschossen. Der Portier der kroatischen Gesandtschaft verlor auf diese Weise drei Finger.

Teilnehmer der Abschiedsfeiern sind neben dem Gesandtschaftspersonal Deutsche aus allen Gesellschaftsschichten, Bühnen- und Filmstars, Vertreter des Regimes und fremde Diplomaten.

Nicht selten müssen berauschte Würdenträger aus dem Saal getragen werden. Der kroatische Gesandte, Dr. Kosak, begründet diese Geselligkeit mit der Notwendigkeit, sich »Informationen« zu verschaffen.

Dienstag, den 6. März 1945 - Hauenschild, Kommandant von Berlin

An der Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße neben der Konditorei Kranzler gibt es eine öffentliche Anschlagsfläche für Zimmersuchende und Leute, die etwas zu tauschen haben, Sprachlehrer, Masseusen usw.

Seit kurzem »inseriert« hier auch der neue Kommandant von Berlin, Generalleutnant von Hauenschild. Unter Berufung auf den Befehl des Führers vom 17. Februar 1945 gibt er die Vollstreckung eines Todesurteils gegen einen desertierten Offizier und drei Soldaten bekannt, die sich falscher Papiere bedient hatten.

Die Proklamation schließt: »Diese Urteile sind auch im Namen derjenigen Frauen gesprochen, deren Männer, Brüder und Söhne ihre Heimat anständig verteidigen.«

Die elektrischen Birnen im Amt sind zu entfernen

Heute nachmittag wurden wir bei Antritt des Luftschutzdienstes im Auswärtigen Amt von Wenmakers mit Vorfällen bekanntgemacht, die sich am 26. Februar zutrugen.

Am Abend dieses Tages, an dem ein Angriff stattgefunden hatte, soll der Teil des Auswärtigen Amtes, der an den Garten der Reichskanzlei grenzt, nicht vollständig verdunkelt gewesen sein.

Der Führer, dem dies gemeldet wurde, erteilte einer SS-Wache Befehl, die brennenden Lampen durch Gewehrschüsse zu löschen. Am folgenden Abend wiederholte sich der gleiche Vorfall, worauf der Führer zum RAM bemerkte, dem Auswärtigen Amt scheine wenig an seinem Leben zu liegen.

Der RAM ordnete daraufhin an, daß in sämtlichen Zimmern, die dem Garten der Reichskanzlei zugewandt liegen, die elektrischen Birnen entfernt werden. Trotzdem brannte in einigen Zimmern abends wieder Licht. Der RAM hat eine strenge Untersuchung angeordnet. Die Luftschutzvorschriften wurden außerordentlich verschärft.

Wenmakers, der den Luftschutz unter sich hat, schien über das Ergebnis völlig gebrochen. Während die Luftschutzgemeinschaft die Gardinenpredigt geknickt aufnahm, wies ich auf die Notwendigkeit hin, die Luftschutzvorschriften den veränderten Umständen anzupassen.

So wird der Luftschutz unter anderem dadurch erschwert, daß eine Reihe von Räumen aus Geheimhaltungsgründen verschlossen bleiben. Die Türen vom Haus 74 zum Haus 73 und der Ausgang des Hauses 74 auf die Wilhelmstraße lassen sich ebenfalls nicht öffnen, was die Kontrolle der Fassaden behindert.

Mittwoch, den 7. März 1945 - Generaloberst Guderian

Am Dienstag, dem 6. März, trat Generaloberst Guderian in Gegenwart des Reichspressechefs Dr. Dietrich im Promi vor Vertretern der deutschen und ausländischen Presse auf.

Guderian wies auf die Greuel in den von den Russen besetzten deutschen Ostgebieten hin und stellte zwei deutsche Offiziere vor, die sich durch die russischen Linien durchgeschlagen haben und Augenzeugenberichte abgaben.

Der Generaloberst zitierte dann einen Armeebefehl des Sowjetmarschalls Schukow, in dem es heißt: »Jetzt gilt es, dem faschistischen Tier in seiner eigenen Höhle den Garaus zu machen.«

Am Schluß seiner Ausführungen erklärte Guderian: »Ich habe selbst in der Sowjetunion gekämpft, aber nie etwas von Teufelsöfen, Gaskammern und ähnlichen Erzeugnissen einer kranken Phantasie bemerkt. Die Absicht ist unverkennbar, mit solchen offenbaren Lügen die Haßgefühle der primitiven Sowjetsoldaten aufzustacheln.«

Lügen und Vertuschen funktioniert nicht mehr

Der Eindruck dieser Ausführungen war kein guter. Die Welt kennt jetzt Photographien, Filme und Augenzeugenberichte über das Todeslager von Maidanek, das Todeslager Auschwitz und ähnliche Institutionen in den besetzt gewesenen Gebieten.

Das deutsche Volk weiß von diesen Dingen allerdings nichts. Immerhin sollte man annehmen, daß Guderian über sie unterrichtet ist. Um so eigenartiger berührt es, daß er die Angelegenheit in dieser Form aufgreift. Auch fragt man sich, wie es möglich ist, daß der Chef des Generalstabes in einem militärisch so ernsten Augenblick Zeit findet, an einer Propagandaveranstaltung teilzunehmen.

Grosse, Kronika und Finlay berichteten, daß einer der beiden Offiziere fehlerhaft Deutsch gesprochen habe, was seine Glaubwürdigkeit nicht erhöhte.

Dieser Gewährsmann von der Ostfront wollte in einem Bauernhaus drei alte Frauen angetroffen haben, die ihm, ohne dazu aufgefordert zu sein, die Tür in ein Zimmer öffneten, wo ein vierzehnjähriges Mädchen im Bett lag.

Beim Anblick des Offiziers, den sie für einen Russen hielt, schlug das Mädchen die Bettdecke zurück. Diese »story« wird auch in den Zeitungen wiedergegeben. Auf der gleichen Pressekonferenz wurde eine Frau vorgeführt, die einen Knicks machte und schilderte, daß sie mehrere Male vergewaltigt wurde, ihr Kind getötet und dann einen Selbstmordversuch verübt habe.

Als die Zeugin endete, sagte ein skandinavischer Journalist zu seinem Kollegen: »Paß auf, die zieht sich noch aus und zeigt uns ihre Würgemale.«

Unsere antibolschewistische Propaganda wird auf diese Weise nicht glaubwürdiger. Selbst der RAM gab gestern auf dem Diplomatenempfang zu, daß die Propaganda versagt habe. Eine Überschrift im »12-Uhr-Blatt« lautete: »Gefangene Amerikaner fragen: Bolschewismus, what's that?«
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Seite 300 - Donnerstag; den 8. März 1945 - ein Diplomaten-Nachmittag

Mittwoch nachmittag hielt der RAM einen weiteren Diplomaten-Nachmittag ab. Diesmal war die zweite Garnitur geladen.

Botschaftsräte, Presseattaches sowie deutsche und ausländische Journalisten. Vom Amt waren Doernberg, Ruhe, Hewel, Schmidt, Henke, Rühle, Ritter, Gauss, Sonnleitner, Steengracht und Leithe-Jaspar zugegen, alle in grauer Uniform, bis auf Henke und Ruhe, die in schwarz erschienen waren.

Der RAM hielt sich an jedem der drei mit fünfzehn Gästen besetzten Kaffeetische dreißig Minuten auf. Diener in schlecht sitzenden Livreen servierten. Bezeichnenderweise tragen Lakaien und Diplomaten im Auswärtigen Amt jetzt die gleiche Uniform, Sie unterscheiden sich nur durch die Knöpfe, die bei den Beamten gold, bei den Dienern silbern sind.

Erklärungsversuche des RAM (von Ribbentrop)

Der RAM erging sich in längeren Monologen über die bolschewistische Gefahr. Unser Versuch, mit der Sowjetunion zu einem Ausgleich zu gelangen, sei ehrlich gemeint gewesen.

Er selbst habe dem Führer geraten, mit den Russen einen Versuch zu machen, nachdem Anzeichen vorlagen, daß der russische Bolschewismus in eine evolutionäre Entwicklung getreten sei. Er habe sich nach Moskau aufgemacht, ohne zu wissen, was er einhandeln würde.

Eine Stunde nach der um 17 Uhr auf dem Moskauer Flughafen erfolgten Landung hätten die Verhandlungen begonnen und seien um Mitternacht mit der Unterzeichnung eines Nichtangriffspaktes abgeschlossen worden. Anschließend habe er mit Molotow und Schulenburg bei Stalin gegessen.

Dabei habe Stalin sein Glas erhoben und ausgerufen: »Auf das Wohl Adolf Hitlers, den ich immer so sehr verehrt habe.« Während der Verhandlungen seien sie auch auf weltanschauliche Fragen zu sprechen gekommen. Stalin habe gesagt: »Bisher haben wir uns mit Kübeln von Jauche begossen, doch dies muß jetzt anders werden.«

Der RAM erklärte, es sei alles gutgegangen, denn man habe ein sehr großzügiges und für beide Teile günstiges Arrangement getroffen. Dann hätten die Russen in Rumänien die Forderung auf Abtretung Bessarabiens gestellt.

Der Wiener Schiedsspruch

Es folgte der Wiener Schiedsspruch, bei dem Deutschland Rumänien eine Garantie gab. Am Abend des Wiener Schiedsspruches habe er an Stalin ein erklärendes Telegramm gerichtet.

Die Antwort sei äußerst kühl gewesen. Man habe den Eindruck gewonnen, daß die Russen uns etwas übelnehmen. Im November darauf wäre Molotow nach Berlin gekommen. Der Besuch sei äußerlich gut verlaufen, aber die politische Kluft habe sich erweitert.

Die Russen hätten die Preisgabe Finnlands, Rumäniens, Bulgariens und der Dardanellen verlangt. Diesem Begehren habe der Führer nicht entsprechen können. In der Folge hätten die Russen ihren Aufmarsch begonnen, dem wir mit unseren Maßnahmen zuvorkamen.

Diese Darstellung deckt sich in vielen Punkten mit der Gafencus, der in seinem berühmt gewordenen Buch die Auffassung vertritt, daß der Wiener Schiedsspruch die junge deutsch-russische Freundschaft erschütterte.

Zur aktuellen militärischen Lage

Zur militärischen Lage sagte Ribbentrop: »Wir haben militärisch im Osten Pech gehabt, und zwar deswegen, weil uns die Demokratien in den Rücken gefallen sind.« Jetzt käme es auf den kleinen Mann an der Oder an. Wenn er nicht durchhielte, würde eine Welten wende eintreten. Die Russen würden nach Deutschland Frankreich und England überrennen und die ganze Welt bolschewisieren. Davon sei er fest überzeugt.

Die Neutralen hätten für diese Situation kein Verständnis und hielten solche Hypothesen für einen Ausbruch deutscher Phantasie.

Über die Schweden bemerkte der RAM, sie seien so verblendet, daß sie den Russen noch Beifall klatschen würden, wenn sie Bomben auf Stockholm würfen.

Zum Schluß kam der RAM auf die Lage im Balkan zu sprechen. Der Führer habe Filoff und den anderen bulgarischen Regenten den Rat gegeben, lieber zu kämpfen, als dem russischen Druck nachzugeben.

Wenn sie nachgäben, würden sie von den Russen aufgehängt werden. Er selbst habe Beckerle beauftragt, Filoff zu raten, die Warnung des Führers ernst zu nehmen. Filoff habe mit Tränen in den Augen geantwortet: »Sagen Sie ihrem Chef, wir wissen, daß er recht hat. Aber wir können es nicht ändern. Gehängt werden wir auf jeden Fall.«
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Verblendet : Unsere Haltung würde schließlich siegen.

Der RAM gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß wir diesen Krieg gewinnen werden. Unsere Haltung würde schließlich siegen. Der Empfang endete gegen 18.15 Uhr.

Während der Ausführungen des RAM betrachtete ich die Gesichter der Zuhörenden, in denen sich subalterne Ergebenheit mit Ungläubigkeit und kühlem Interesse mischte.

Das Ribbentrop als Residenz zugewiesene frühere Reichspräsidenten-Palais ist verhältnismäßig unversehrt. Die heutige Innenausstattung hat Frau von Ribbentrop besorgt, die das Palais nach ihrem Einzug umbauen ließ, ein Unternehmen, das jahrelang dauerte und sehr viel Geld verschlang.

Der Dekor a la Drittes Reich prunkt mit marmornen Fensterumrahmungen, Marmor-Reliefs über den Türen und schwerfälligem Neo-Biedermeier. Von dem schönen modernen Silber, das der Berliner Goldschmied Emil Lettre für die Ribbentrops anfertigte, war nichts zu sehen. Selbst die großen Repräsentationsräume wirken hausbacken. Die Möbel sind so aufgestellt, daß jederzeit Kaffeekränzchen abgehalten werden können. In seiner Unpersönlichkeit erinnert das Interieur an Hotelhallen und Gesellschaftsräume auf Ozeanschiffen.

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