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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen eupho- rischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - und hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Mittwoch, den 18. April 1944 - Londoner diplom. Korps interniert

Die britische Regierung hat das Londoner Diplomatische Korps von der Außenwelt so vollständig abgesperrt, daß man auf die Invasion tippt, was in Berlin erhebliche Nervosität auslöst.

Dabei ist hier ein früherer Zeitpunkt der Invasion durchaus erwünscht, seitdem der russische Vormarsch ein Tempo erreicht hat, mit dem niemand rechnete. Läßt die Invasion noch länger auf sich warten, so werden wir im Osten keinen Spielraum mehr haben und in die Versuchung geraten, den Fehler des zweiten Moltke zu wiederholen, der in der entscheidenden Phase der Marneschlacht im ersten Weltkrieg Korps abzog, um sie im Osten den Russen entgegenzuwerfen.

Chaos im deutschen Generalstab

Die Kriegslage in Südrußland gibt neue Rätsel auf. Manstein und Kleist erhielten die Schwerter und wurden dann abgesetzt.

Die Lage unserer Armeen auf der Krim erscheint hoffnungslos, nachdem die Russen bis vor die Tore von Sewastopol gelangt sind. An der Karpatenfront ist die Situation, ebenso wie im Norden und Osten, zur Zeit unverändert. Offenbar legen die Russen eine Pause ein, um Nachschub heranzuschaffen.

Die Engländer machen Druck auf Spanien

Politisch beschäftigen uns der Druck der Engländer auf die Neutralen und Friedensartikel in der spanischen Presse.

Gedankengänge im »Arriba«-Aufsatz deuten nicht nur auf Inspirationen Francos, sondern auch Sir Samuel Hoares, des britischen Botschafters in Madrid.

»Exchange« zufolge glückte zwei britischen Marineoffizieren in voller Uniform die Flucht aus einem deutschen Gefangenenlager nach England. Sie erklärten, in Deutschland liefen so viele Ausländer in abgerissenen fremden Uniformen herum, daß sie nicht aufgefallen seien, obwohl sie auf ihrer Flucht Restaurants und öffentliche Luftschutzräume aufsuchten.

Montag, den 24. April 1944 - verrückte Kuriositäten n Berlin

Heute erreicht uns folgende gedruckte Mitteilung des Schöneberger Bezirksbürgermeisters:

»Ihrem Antrag vom 19. 4. 1944 auf Erteilung eines Bezugsscheines für eine Bratpfanne kann ich zu meinem Bedauern nicht entsprechen. Die Sicherstellung des Wehrmachtsbedarfs und der volle Einsatz der deutschen Wirtschaft für den totalen Krieg fordern jetzt mehr denn je, daß jedermann sich in seinen Bedürfnissen und Lebensgewohnheiten weitgehendst einschränkt Ich bitte auch Sie, dieser Tatsache Rechnung zu tragen und auch berechtigte Wünsche bis auf weiteres zurückzustellen. Ein Einspruch gegen diese Entscheidung kann zur Zeit keine Aussicht auf Erfolg haben.«

Dienstag, den 25. April 1944 - es wird sehr ernst - Einstellung der Chrom Lieferungen durch die Türken

Die letzten Tage brachten drei wichtige Ereignisse: die Einstellung der Chromlieferungen durch die Türkei, die Ablehnung der russischen Friedensbedingungen durch Finnland, den Besuch des Duce beim Führer.

Die Einstellung der Chromlieferungen kam der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes völlig überraschend. Noch einen Tag vor der Erklärung Menemencioglus ließ der Vertreter von Clodius in der Direktionsbesprechung wissen, die Dinge ständen gut.

Die Türken erhielten von uns so wertvolle Industriegüter, daß die Einstellung von Chromlieferungen nicht befürchtet zu werden brauche. Die Türken haben Botschafter Papen erklärt, angesichts des englischen Ultimatums hätten sie zwischen der Fortsetzung der Chromlieferungen oder der Kündigung des englischen Bündnisses wählen müssen. Das Leitmotiv der türkischen Politik ist »everything short of war«.

Die Türken hoffen, um den Krieg herumzukommen, wenn sie den Engländern in der Chromfrage nachgeben. Da an andere Staaten (Spanien, Portugal, Schweden) seitens der Engländer ähnliche Forderungen gestellt wurden, dürfte der türkische Umfall Weiterungen nach sich ziehen.

Wir haben mit einer scharfen Note reagiert. Man spricht von Papens Abberufung. Der finnisch-russische Notenwechsel fällt durch die Milde der russischen Formulierungen auf. Die Finnen haben sich ganz richtig verhalten und der russischen Mentalität, die auf längeres Feilschen und Verhandeln eingerichtet ist, Rechnung getragen.

Der Duce-Besuch scheint trotz italienischer Klagen über Südtirol positiv verlaufen zu sein. In Südtirol ist ein Teil der durch das deutsch-italienische Abkommen ausgesiedelten Optanten in die alte Heimat zurückgekehrt und hat sich mit den dort Gebliebenen zu einer Front verbunden, die die Rückkehr Südtirols ins Reich anstrebt.

Wüster berichtet, die Südtiroler wollten auf keinen Fall Italiener bleiben. Wenn Berlin sie dazu zwinge, so würden sie sich gewaltsam zur Wehr setzen. Die Gauleiter Rainer und Hofer tragen dieser Einstellung Rechnung, während sich die deutsche Botschaft bei der Republik von Salo reserviert verhält.

Montag, den 8. Mai 1944 - Luftangriffe mit neuen Sprengkörpern

Am Samstag, dem 29. April, am Sonntag, dem 7. Mai, und heute erfolgten trotz schlechten Wetters schwere Tagesangriffe, die sich gegen die Innenstadt und das Regierungsviertel richteten.

Die Filiale des Auswärtigen Amtes, Am Karlsbad 8, ist zerstört. Auf den Bunker vor dem Hotel »Kaiserhof« fiel eine Bombe. Zwischen den Bahnhof Tiergarten und den Großen Stern wurde ein Bombenteppich gelegt. Auch Moabit hat wieder schwer gelitten. Die Amerikaner verwenden nun Sprengkörper mit größerer Tiefenwirkung.
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Deutschland bekommt kein Wolfram mehr

Der politische Druck gegen die Neutralen hält an. Nach den Türken sind die Spanier umgefallen. Sie liefern kaum noch Wolfram.

Donnerstag, den 11. Mai 1944 - Hoffnung kommt auf, der Fühling kommt

Die barbarische Kälte der letzten Wochen ist dem Frühling gewichen. Zwischen den Ruinen sprießt junges Grün, der schwer angeschlagene Tiergarten erstrahlt in frischem Glanz. Die Natur deckt die Missetaten der Menschen mit einem grünen Mantel. Die von Geschoßsplittern zerfetzten Bäume treiben Knospen.

Auf der Pressekonferenz im Promi wird mitgeteilt, daß in den nächsten Tagen Angehörige einer in Aufstellung befindlichen englischen SS-Formation mit britischen Hoheitsabzeichen im Straßenbild Berlins erscheinen würden!

Mittwoch, den 17. Mai 1944 - Gestern war wieder Invasionsalarm.

Aus »sicherer Quelle« wurde verbreitet, der Feind sei an sechs Stellen gelandet. Es handelte sich aber nur um nächtliche Spätruppunternehmen, bei denen jeweils sechs bis zehn Mann an Land gesetzt wurden.

Die militärischen Stellen erwarten größere Landungen erst zum Wochenende. Dann haben wir Neumond und Flutverhältnisse, die so günstig erst in vier Wochen wiederkehren.

Der Invasion wird nach wie vor mit Zuversicht entgegengesehen. Man erhofft sich aus ihrer Abwehr eine Wende des Krieges zu unseren Gunsten.

Die Krim und Sewastopol sind geräumt

Über die Räumung der Krim und Sewastopols ist außer im Heeresbericht kaum etwas bekanntgeworden. Heute nacht wieder dreißig Störflugzeuge über der Stadt. Sie nahen so schnell, daß man noch auf dem Weg zum Luftschutzkeller von Leuchtkugeln oder Minen überrascht werden kann.

Dienstag, den 23. Mai 1944 - Die Invasion ist ausgeblieben.

Als nächstes »kritisches Datum« gilt der 20. Juni. Dagegen hat sich die Luftoffensive verschärft. Berlin erlebt täglich Alarme. Letzten Sonntag wurden im märkisch-mecklenburgischen Raum erstmalig Züge, weidendes Vieh, Heuschober und Spaziergänger von feindlichen Jägern im Tiefflug anggriffen.

Auf der Reise von Eberswalde nach Berlin fahren wir auf dem Verschiebebahnhof Bernau an brennenden Kartoffelwagen vorbei. Der militärische Wert der Angriffe ist minimal, die Belästigung für die Zivilbevölkerung um so ärger.

Dienstag, den 6. Juni 1944 - Die Invasion geht los

Entgegen den Prognosen hat die Invasion heute nacht ihren Anfang genommen. Um halb acht Uhr früh unterrichtet mich der Chef vom Dienst über die erste Nachricht aus deutscher Quelle.

Erst später folgen alliierte Meldungen. Die Reden Churchills, des Königs, der Emigrantenchefs, der Aufruf Eisenhowers lassen keinen Zweifel darüber, daß der Tag »D« angebrochen ist.

Heute vormittag zeigen sich beide Parteien über die ersten Kampfergebnisse befriedigt. Die Mehrzahl der ersten Landungstruppen soll vernichtet sein.

Aber die Invasionsflotte liegt im Schutze von Kriegsschiffen eingenebelt vor der Küste. Zur Stunde überblickt man noch nicht, ob es sich bei dem Unternehmen um einen ersten Tastversuch oder schon um die Hauptaktion handelt.

Die für den Invasionsfall angekündigte Reisesperre ist bisher nicht verhängt worden. Dagegen hat die Post alle Ferngespräche eingestellt. Während die Reichsbahn sich den größten Belastungen gewachsen gezeigt hat, ist der Post jeder Vorwand willkommen, ihre Dienste einzuschränken.

Um zerstörte Bahnhöfe wieder in Betrieb zu setzen, benötigt man 24 bis 48 Stunden, zum Flicken einer Telephonleitung Wochen, obschon Zehntausende von Anschlüssen nicht wiederhergestellt werden brauchen, weil die dazugehörigen Wohnungen nicht mehr existieren.

Mittwoch, den 7. Juni 1944 - Invasion - 2.Tag

Das Invasionsbild am zweiten Tag sieht weniger günstig aus. Der Feind, der über eine phantastische Luftüberlegenheit verfügt, hat in der vergangenen Nacht erhebliche Verstärkungen an Land bringen können, sich festgesetzt und soll den Atlantikwall in 35 Kilometer Tiefe und 20 Kilometer Breite durchstoßen haben.

Wie seinerzeit bei Anzio und Nettuno, besteht die Gefahr einer Ausweitung des Brückenkopfes.

Auch aus Italien liegen schlechte Nachrichten vor. Alexander hat sich in Rom nicht aufgehalten und bleibt uns auf den Fersen.

Seite 215 - Dienstag; den 20. Juni 1944

Die Invasion läuft nun zwei Wochen, ohne daß es gelungen wäre, den Feind ins Meer zu werfen. Die Halbinsel Cotentin ist von den Amerikanern abgeschnitten, unsere Landverbindung nach Cherbourg abgerissen. Dem großen Hafen droht das Schicksal von Singapur, Sewastopol und anderen Seefestungen, die von Land aus eingenommen wurden, während von See aus kaum ein Schuß gegen sie fiel. Man schätzt hier, daß der Feind 25 Divisionen oder ein Drittel seiner Invasionsstreitkräfte gelandet hat.

Die Wunderwaffe verwirrt ein wenig, mehr nicht - alles Andere ist nur noch kurios

Inzwischen ist die Wunderwaffe eingesetzt worden. Obwohl sie einige Verwirrung anrichtet, glaube ich nicht an ihre kriegs- oder auch nur invasionsentscheidende Wirkung. Aber sie dient der Hebung der einheimischen Kampfmoral. Vor allem in Berlin wird der Einsatz der neuen Waffe eifrig besprochen.

Über den Fall von Rom hält man sich angesichts der Invasion nicht weiter auf. Gestern haben wir auch Perugia aufgegeben.

Im Amt zirkuliert ein Rundschreiben der Hausverwaltung, dem zufolge in Dahlem drei beschlagnahmte Etagen freistehen und auf Bezieher warten. Die Abteilungen werden aufgefordert, diese Räume zu belegen.

Ich fürchte, unsere Bürokraten werden sich dies nicht zweimal sagen lassen. Welch eine Gelegenheit zur Einrichtung weiterer, überflüssiger, neuer Dienststellen!

Im fünften Kriegsjahr kann es sich eine Behörde leisten, monatelang Quartiere in einer Stadt unbenutzt zu lassen, in der vierzig Prozent aller Wohnräume zerstört sind.

Mittwoch, den 21. Juni 1944 - Vergeltung für die Wunderwaffe

Die Befürchtung vieler Berliner, daß die Vergeltung auf den Einsatz der »Wunderwaffe« nicht lange auf sich warten lassen würde, hat sich bestätigt. Heute vormittag wurden wir durch einen schweren Tagesangriff heimgesucht.

Die feindlichen Verbände kamen in zwei Gruppen. Einer flog über die Nordsee nach Mecklenburg ein, bog bei Stettin nach Süden ab, folgte dem Oberlauf der Oder und griff Berlin von Osten an.

Die zweite Gruppe erschien im Raum Braunschweig-Hannover, stieß nach Brandenburg-Schwerin vor, steuerte den Spreewald an und näherte sich Berlin von Südosten. Zehn Minuten nach neun Uhr wurde Alarm gegeben, Viertel nach elf Uhr entwarnt.

Das Stadtzentrum sieht wüst aus. Der Himmel ist vom Rauch der Brände so verdunkelt, daß wir am hellichten Tag elektrisches Licht brennen und Automobile ihre Scheinwerfer einschalten müssen.

Die Reichskanzlei ist im Wilhelmstraßentrakt erneut schwer getroffen worden. Das Auswärtige Amt hat drei Treffer erhalten. Mein Zimmer blieb verschont, obwohl es sich nur zehn Meter von einer Einschlagstelle befindet. Aus den Schuttmassen ragt es wie eine Zigarrenkiste hervor.

Alle Scheiben sind wieder geplatzt, Schutt, Scherben und Ziegelstaub bedecken den Boden. Ein großer Spiegel stürzte von der Wand, ohne zu zerbrechen. Die Räume der Presseabteilung haben am stärksten gelitten.

Dienstag, den 27. Juni 1944 - der RAM aus Finnland zurück

Der RAM kehrte heute von einem kurzen Besuch in Finnland zurück. Ein deutsch-finnisches Kommunique teilt mit, daß die finnische Regierung Waffenhilfe von Deutschland erbeten habe und daß diesem Ersuchen deutscherseits entsprochen werde. Die finnische Regierungsumbildung ist offenbar vertagt.

Der Besuch des RAM gilt als diplomatischer Erfolg. Wie lange er vorhält, hängt vom weiteren Verlauf der militärischen Ereignisse ab.

Die ungeheure Materialüberlegenheit des Feindes

Die neue russische Offensive verzeichnet erhebliche Anfangserfolge. Witebsk ist eingeschlossen. Im Westen steht Cherbourg vor dem Fall. Der ungeheuren Materialüberlegenheit des Feindes haben wir nichts als »die Härte des deutschen Soldaten« entgegenzusetzen.

Mit Cherbourg gewinnt der Feind einen Hafen für Hochseeschiffe, der für die Fortführung der Invasion unerläßlich ist. Er kann nun mit dem Ausladen schweren Materials beginnen.

Mittwoch, den 5. Juli 1944 - es wird zusehends schlechter

Die militärische Lage verschlechtert sich zusehends. Man wagt kaum noch, die Heeresberichte zu lesen. Über den Charakter der Katastrophe, die unsere Heeresgruppe Nord erfaßt hat, ist nichts Genaues in Erfahrung zu bringen.

Busch soll durch Model, Rundstedt durch Kluge abgelöst werden, als wenn in dieser Lage Umbesetzungen hoher Kommandostellen noch irgend etwas fruchten könnten.

Die Schlacht um Wilna und Dünaburg hat begonnen. Die ersten Phasen der Schlacht um Warschau zeichnen sich ab. Wie wollen wir jetzt noch den Finnen helfen? Wie soll Finnland verteidigt werden, wenn die Russen das Baltikum abschneiden?

In Italien wird eine Stadt nach der anderen aufgegeben, zum Teil aus »kunsthistorischen« Gesichtspunkten, wie es im Heeresbericht heißt!

Samstag, den 15. Juli 1944 - Großoffensive im Westen

Im Westen hat eine neue Großoffensive der Engländer und Amerikaner eingesetzt. Für gestern, den französischen Nationalfeiertag, wurde eine zweite Landung erwartet. Weil sie ausblieb, glauben unentwegte Optimisten folgern zu dürfen, die Normandie würde mehr Kräfte des Gegners binden als erwartet.

Die Verhängung der totalen Reisesperre für das übrige Reich deuten auf Schwierigkeiten, die sich für den Nachschub an die Ostfront ergeben. Die Lage ist heute so, daß die Nord-Süd-Verbindungen von den Russen durchschnitten sind und Nachschub nur noch über die West-Ost-Strecken herangeführt werden kann.

In Ostpreußen werden erste Vorkehrungen für die Evakuierung der Zivilbevölkerung getroffen. Wenn sich auch die Russen der Reichsgrenze weiter nähern, wird es drakonischer Maßnahmen bedürfen, um die Wiederholung der Vorgänge zu verhindern, die sich im Sommer 1940 in Frankreich abspielten, als der Flüchtlingsstrom zeitweise die militärischen Bewegungen der Franzosen lahmlegte und die Verteidigung des Landes auf das äußerste erschwerte.

Wieder die Frage nach einem politischen Ausweg . . . .

Naturgemäß taucht die Frage wieder auf, ob es aus der militärisch so verfahrenen Lage einen politischen Ausweg gibt.

Im Westen sehe ich keinen, was mir vor wenigen Tage auch der hiesige irische Geschäftsträger bestätigte. Auf der anderen Seite bezweifle ich, ob Hitler überhaupt mit den Russen verhandeln möchte. Man darf nicht übersehen, daß seine politische Konzeption in einer Zusammenarbeit mit England bestand, während er den Bolschewismus niederwerfen und in Rußland neuen »Lebensraum« erschließen wollte. An diesem Ziel hält er meiner Auffassung nach auch heute noch fest.

Die militärischen Ereignisse, die zu einer Verständigung mit Rußland drängen, beirren ihn offenbar nicht. Auch wird man die Frage stellen müssen, inwieweit wir gegenwärtig von den Russen für verhandlungsfähig angesehen werden. Solange sich die militärische Lage nicht gefestigt hat, entbehren Verhandlungen für die Russen jeden Reizes.

Wieder zurück in Berlin

Da sich der Rundfunk äußerst knapp ausdrückte, hatten wir weder vom Umfang der Verschwörung eine Vorstellung, noch kam uns in den Sinn, daß Peter Yorck darin verwickelt sein könnte. Erst heute vormittag in Berlin gewinne ich einen Überblick über die Ereignisse. Der allgemeine Wirrwarr ist unbeschreiblich.

Stündlich sickern - zum Teil sich widersprechende - Nachrichten durch. Bis auf Goebbels scheinen alle den Kopf verloren zu haben.

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