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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen eupho- rischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - und hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Samstag, den 16. September 1944 - inzwischen Reiseerlaubnis erforderlich

Die Benutzung der Eisenbahn ist neuerdings nur noch mit besonderer Genehmigung möglich. So benötigt Marietti für die Reise von Horn-Bad Meinberg in Lippe nach Berlin und Wien eine vom Amtsmann in Blomberg (Lippe) ausgestellte Berechtigungsbescheinigung. Als Reisegrund riet man ihr anzugeben; Regelung vermögensrechtlicher Angelegenheiten.

Montag, den 18. September 1944 -

Toggenburg hat seinen Posten als Vertreter des »Hamburger Fremdenblattes« und anderer deutscher Zeitungen in Stockholm aufgeben müssen, weil seine Frau Amerikanerin ist. Damit fällt einer unserer besten Auslandskorrespondenten und Englandkenner der Verfolgung von Aristokraten und Mitgliedern »ausländisch versippter Familien« zum Opfer. Das Promi erlaubt Toggenburg nicht einmal, seine Familie aus Schweden zu holen. Aus ähnlichen Erwägungen hat man von mir die Entlassung von Dr. Ambroz, eines Vertreters der vom Auswärtigen Amt unterhaltenen »Europäischen Korrespondenzen« in Agram, verlangt. Ich denke nicht daran, diesem Ansinnen zu entsprechen.

Ausweichquartiere gesucht, im Osten wie im Westen

Wochenende in Hohenfinow (das liegt 20km nordöstlich von Bernau) beim portugiesischen Gesandten Tovar, der das Herrn von Bethmann gehörende dortige Schloß als Ausweichquartier bezogen hat. Graf Tovar war drei Monate auf Urlaub in Portugal.

Bei seiner Rückkehr hatte er das Pech, auf dem Flughafen Stuttgart-Echterdingen in dem Augenblick zu landen, als die Stadt von amerikanischen Bombern angegriffen wurde. Laut Tovar ist Salazar äußerst pessimistisch und der Auffassung, das Schlimmste lasse sich nun nicht mehr verhindern.

Vor zwei Jahren habe er im Auftrag Salazars in Berlin wegen eines Vermittlungsfriedens sondiert und sei nur auf Ablehnung gestoßen. Diese verpaßte Gelegenheit kehre nicht wieder, selbst wenn hier der Wunsch dazu bestände. Wie Vidal, zeigte sich Tovar besorgt um das Schicksal seiner Gesandtschaft im Fall einer russischen Einnahme Berlins.

Da Portugal so wenig wie Spanien Beziehungen zu Rußland unterhält, möchte er sich ein Ausweichquartier in der angloamerikanischen Okkupationszone sichern. Vidal hat mit Steengracht über diese Frage schon gesprochen, was Tovar aus Taktgründen zu vermeiden wünscht.

Die Mehrzahl seiner ausländischen Kollegen habe Instruktionen, einen Exodus der Reichsregierung aus Berlin nicht mitzumachen, wobei er offenbar die Schweizer, Schweden und Dänen im Auge hat. Falls die Reichsregierung nach Süddeutschland geht, wollen die Missionen dieser Länder in Berlin bleiben, was eine Situation ohne Präzedenz schaffen würde.

Die Japaner, die den Engländern und Amerikanern nicht in die Hände fallen möchten, sollen um die Überlassung eines Ausweichquartiers in Ostdeutschland ersucht haben. Sie fühlen sich bei den Russen sicherer!

Warum wir vom AA die Lage so rosig darstellen ?

Tovar witzelte über die leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes, die ihm äußerst liebenswürdig entgegenkämen und ihm die Lage so rosig darstellen, daß er sie nicht mehr ernst zu nehmen vermöchte.

Als seine schwerste Zeit bezeichnete der portugiesische Gesandte die Wochen nach der Begegnung des Führers mit Franco in Hendaye. Damals habe Portugal ein gemeinsames Vorgehen Deutschlands und Spaniens zur Wegnahme Gibraltars und der Schließung des östlichen Mittelmeerausganges für sicher angesehen. Er deutete geheimnisvolle Maßnahmen an, die die Portugiesen in diesem Falle ergriffen hätten, um ihre Neutralität zu wahren.

Nicht ohne Genugtuung bemerkte Tovar, daß Gott einigen Völkern Kraft, anderen Verstand geschenkt habe, und daß es dem schwachen Portugal gelungen sei, durch eine 800jährige Geschichte seine Unabhängigkeit und seinen Kolonialbesitz zu behaupten.

Schließlich wollte er wissen, wie es möglich sei, daß der RAM niemals in Berlin weile und jedem Kontakt mit den Missionschefs und dem Diplomatischen Korps aus dem Wege gehe.

Ein Essen mit den Japanern am 11. Sept. 1944

Am 11. September absolvierten wir ein oftmals verschobenes Diner bei Oshima. Die Japaner waren schon angeheitert, als wir um 19.30 Uhr in ihrer halbzerstörten Botschaft in der Tiergartenstraße eintrafen.

Oshima empfing uns im zweiten Stock. Da er kurz vorher beim Führer war, stellte er Schmidt, Braun-Stumm, Strempel, Basler und mir weniger intensive Fragen, als wir befürchtet hatten.

Um so eifriger wurde dem Alkohol zugesprochen. Der berühmte Kirsch, dem Oshima huldigte, wurde in immer neuen Flaschen aufgetragen. Kaum saßen wir bei Tisch, als Vollalarm kam.

Nach dem Essen - es gab Indische Hühnersuppe, Forellenfilets, Hasenrücken, Erbsen und einen Eisauflauf - gerieten der Botschafter und seine Räte in eine sehr ausgelassene Stimmung.

Oshima entnahm einem Schrank Kommersbücher und trug aus ihnen deutsche Trink- und Liebeslieder vor. Da die Japaner die Vokale anders als wir betonen, hörten sich »Draußen vor dem Tore . . .«, »Heidelberg, du Feine . . .« und andere Weisen wie der Singsang malayischer Ruderer auf einer ostasiatischen Reede an.

Um ein Uhr nachts empfahl ich mich "auf französisch", gefolgt von Strempel, der den gleichen Einfall hatte. Leider war Oshima unser formloses Verschwinden nicht entgangen. Er beschwerte sich im Amt, und wir erhielten einen nicht unverdienten Rüffel.

Der japanische Botschafter ist ein überzeugter Freund Deutschlands, sein zweiter Mann, der Gesandte Sakuma, beurteilt deutsche Verhältnisse aus größerer Distanz.

Den Empfang beim Führer hatte Oshima nachgesucht, um die guten Dienste der Japaner für die Einleitung von deutsch-russischen Verhandlungen anzubieten. Es wurde ihm eine vollkommene Abfuhr zuteil. Allerdings ließ man ihn am Tage darauf wissen, wenn rassische Absichten in dieser Richtung beständen, hätten wir Interesse, sie zu erfahren.

Kein Gespräch mit den Russen von aus aus

Da Hitler jedoch einen Wunsch der Russen nach einem Verhandlungsfrieden als einen Beweis ihrer Schwäche auslegen und damit keinen Anlaß sehen würde, Verhandlungen einzuleiten, wird ein Gespräch mit Moskau wohl nie zustande kommen.

Unser Versuch, die finnische Insel Hogland zu nehmen, ist gescheitert. Die Militärs hatten sich für die Wegnahme der Insel aus strategischen Gründen eingesetzt. Mit diesem Fiasko erhält Mannerheim (Anmerkung : General und Chef in Finnland) den Vorwand, die Fronten zu wechseln. Der Ton der finnischen Presse, der gestern noch betont freundlich war, hat sich in Erbitterung gewandelt. Wir werden eines hinterlistigen militärischen Spiels beschuldigt.

Die Episode ist typisch für das hiesige Unvermögen, die politischen Folgen von Handstreichen und Abenteuern vorauszusehen. Wenn Finnland uns den Krieg erklärt, was jetzt befürchtet werden muß, so wird auch Schweden die diplomatischen Beziehungen zu uns abbrechen. Damit ist unsere Position in Skandinavien verloren.

Für unsere Stellung in Norwegen und Dänemark war die Fassade freundschaftlicher Beziehungen zu Schweden unerläßlich. Bei solchen Anlässen beklagt man hier gern das Unglück, das uns verfolgt. Auch die Artikel von Goebbels sprechen immer wieder von den »Launen der Kriegsgöttin«. Der deutsche Hang, andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen, hat sich selten so verhängnisvoll ausgewirkt wie jetzt.

Wieder eine neue Dolchstoßlegende

Im Volk wird mit Geschick eine neue Dolchstoßlegende verbreitet. Wurden nach dem letzten Krieg die Sozialdemokraten bezichtigt, die Schuld am Zusammenbruch zu tragen, so heißt es jetzt, die Generäle hätten versagt und ohne den 20. Juli wären wir nicht dahin gekommen, wo wir stehen. Dieser Unsinn wird bereitwillig geglaubt.

Auf dem Land, auf dem die Leute noch weniger Informationsmöglichkeiten haben, als in der Stadt, hört man allenthalben von den hohen Offizieren, die an allem schuld seien, von dem Eitergeschwür, das am 20. Juli aufbrach, von der inneren Gesundung, die seitdem eingesetzt habe.

Daß die Heerführer politisch ohne Einfluß sind, daß sie keinen militärischen Schritt tun dürfen, der ihnen nicht von Hitler vorgeschrieben wird, wissen die wenigsten. Man ist glücklich, Sündenböcke gefunden zu haben.

Rückblick auf den 20. Juli 1944

Daß der 20. Juli 1944 vieles verändert hat, daß er als Markstein in der Geschichte des Nationalsozialismus und Deutschlands gelten muß, wird mit jedem Tag deutlicher.

Technisch war der Staatsstreich aus vielen Gründen zum Scheitern verurteilt. Entscheidend war nicht, daß der Führer das Attentat überstand. Mehr Rückhalt in den eigenen Reihen hätte den Verschwörern trotzdem Erfolg gebracht.

Das Unternehmen konnte nicht gelingen, weil die Heterogenität des Offizierskorps ein einheitliches Handeln nicht zuließ. Der Mechanismus des für die Durchführung der Verschwörung unerläßlichen Befehlsapparates zerbrach schon in den ersten Stunden.

Zweifel und Unentschlossenheit der in das Komplott verwickelten höheren Offiziere, Mangel an Begeisterung, wenn nicht Ablehnung bei den unteren Chargen ließ alles ins Stocken geraten. Die Szenen der Bendlerstraße waren für die Haltung der Oberkommandos so symptomatisch wie das Verhalten des Major Remer für die Generation der unter dem Nationalsozialismus aufgewachsenen Majore, Hauptleute und Leutnants.

Die Existenz der SS bedeutete das geringste Hindernis für das Gelingen des Komplotts, wie die Beteiligung einer Reihe von SS-Führern und SS-Dienststellen zeigte.

Der Staatsstreich ist an der Armee selbst gescheitert, an der gleichen Armee, die, ohne sich zu rühren, die Schmach der konstruierten Fälle der Generäle Fritsch und Blomberg hinnahm, die es seit Jahren geschehen läßt, daß ihre Marschälle selbst in militärischen Fragen von der politischen Führung wie Lakaien behandelt werden.

Waren sich Stauffenberg und die anderen intellektuellen Urheber über den geistigen Standort der Truppe, die sie mitreißen wollten, überhaupt im klaren?

Es ist bezeichnend, daß, von Ausnahmen abgesehen, die Aktivisten der Verschwörung Adlige waren, die, vertrauend auf die Wehrmacht, noch einmal den Versuch wagten, den Papen, im Vertrauen auf Hindenburg, die Reichswehr und die bürgerlichen Parteien 1932 unternommen hatte. Die Grafen in Uniform sind 1944 dem gleichen Irrtum erlegen, wie 1932 die »Regierung der Barone«. Beider Hoffnung, eine größere Gefolgschaft gegen Hitler auf die Beine bringen zu können, trog. Damals war es dafür zu spät, heute zu früh.

Die Gestapo hatte das Volk im Griff

Von einer Bewegung gegen Hitler, die weite Volkskreise ergriffen hat, kann keine Rede sein. Daß die Zahl der mit dem Regime Unzufriedenen von Jahr zu Jahr steigt, daß sie mit dem Kriege gewaltig zunahm, mit den Siegen der ersten Jahre sich wieder verminderte und durch die Niederlage der letzten Jahre erneut starken Auftrieb erfahren hat, steht außer Zweifel.

Daß die Gebildeten ihren Besorgnissen häufiger Ausdruck geben als die Massen und wegen unvorsichtiger Redeführung viele von ihnen die Hand der Gestapo zu spüren bekommen haben, ist sicher.

Von einer organisierten Bewegung, wie sie sich in einigen besetzten Ländern gegen Hitlers Herrschaft gebildet hat, läßt sich jedoch nicht sprechen. Im Gegenteil zeigt es sich immer wieder, daß zwischen Einzelpersonen oder Gruppen, die ihrem Unmut Lauf gelassen haben und dafür büßen müssen, kein Zusammenhang besteht.

Analyse und Gedanken zur Nachkriegszeit

Den Kreis der am 20. Juli 1944 Beteiligten ausgenommen, gab es in all diesen Jahren kein Zentrum des Widerstandes, das für Hitlers Regime eine Gefahr bedeutet hätte.

Daß die Gestapo - wie bei der Darstellung über die Aktivität der Roten Kapelle - gelegentlich einen anderen Eindruck zu erwecken sucht, beweist nichts. Jede Geheimpolizei weist ihre Existenzberechtigung nach, mdem sie mit potentiellen Gefahren hausieren geht.

Vielleicht wird der Tag kommen, an dem sich Leute, die sich für einen Sieg Hitlers ebenso eingerichtet haben wie für seine Niederlage, nachträglich als heimliche Rebellen gegen das Regime auszuweisen suchen, an dem Zeitgenossen das nächtliche Abhören eines Feindsenders im Schutze eines Federbettes als Widerstand gegen das Dritte Reich aufputzen.

An schamlosem Opportunismus lassen sich die Deutschen so leicht von niemand übertreffen. Schon jetzt kann einem vor Konjunkturrittern grauen, die, ohne in all diesen Jahren einen Finger gerührt zu haben, Stauffenbergs Opfer mit ihrer Gevatterschaft beschmutzen werden.

Die Dritte Frage - was hätte es wirklich gebracht ?

Eine dritte Frage ist in den Wochen, die dem 20. Juli folgen, immer wieder aufgeworfen worden.

Welchen Frieden hätte uns die Beseitigung des Regimes verschafft?

Viele Spekulationen sind darüber im Gange. Wäre es gelungen, im Westen und Osten separate Bedingungen auszuhandeln? Einige glauben, die Westmächte hätten sich in einem solchen Fall sofort mit uns zu einem Kreuzzug gegen den Bolschewismus und die vordringenden russischen Armeen vereinigt. Andere meinen, Stalin hätte uns alles verziehen und mit uns gemeinsam die Amerikaner aus Westeuropa hinausgeworfen.

Der Wahrscheinlichkeitswert solcher Kombinationen ist gering. Die Engländer und Amerikaner sind viel zu versessen in die Vorstellung, daß Hitler das Werkzeug der »Junker und Generale« ist, um einer Junker- und Generalsregierung mit Einschluß einiger Gewerkschaftler tragbare Bedingungen zu gewähren.

Trotts Fühler in dieser Richtung sollen überaus enttäuschend gewesen sein. Den Russen, die sich die Ausdehnung ihrer Reichsgrenzen nach Mitteleuropa als Kriegsziel gesteckt haben, ist noch weniger Einsicht und schon gar nicht Milde zuzutrauen.

Daß jede Abkürzung des Krieges uns Menschen und materielle Werte retten würde, die wir für den Wiederaufbau benötigen, bedarf nicht des Hinweises.

Offen bleibt, ob das Volk in seiner Masse den Nachfolgern Hitlers dafür danken würde. Noch immer gibt es genug Menschen, die glauben, der Sieg stehe vor der Tür und man dürfe, jetzt, da es um »die letzten hundert Meter« gehe, nicht die Puste verlieren.

So fürchte ich, daß uns der Abstieg ins dunkelste Tal der "Historia Germaniae" nicht erspart bleiben wird.

Mein Artikel »Der dritte Weltkrieg«

Mein Artikel »Der dritte Weltkrieg« schlägt noch immer Wellen. Vidal behauptet, man nenne ihn das politische Testament von Ribbentrop. Dabei hat er weder Ribbentrop noch Schmidt vorgelegen, und ich bin sicher, daß ihn der RAM auch jetzt noch nicht gelesen hat.

Alle ausländischen Missionen scheinen darüber ausführliche Berichte gemacht zu haben. Mühlen vom OKW berichtete, daß die Engländer Auszüge aus diesem Aufsatz als Flugblätter abwerfen, um zu beweisen, daß wir nach meinem Eingeständnis den Krieg verloren haben.

Auf der anderen Seite brandmarkt eine Stellungnahme des Amerika-Rundfunks Mittelwelle »die kühle Unverschämtheit dieses echten Nazi-Artikels«!

In Ungarn wird etwas gekocht ..... und die Amis stehen am Rhein

In Ungarn hören die Reibungen zwischen der Regierung und den deutschen Stellen nicht auf. Geheime Versuche, aus dem Kriege auszusteigen, und das Beispiel Rumäniens, Bulgariens und Finnlands nachzuahmen, werden fortgesetzt.

In der Slowakei besteht Tiso auf einem Ausweichquartier in Deutschland, was nicht für seine Zuversicht spricht.

Im Westen ist der feindliche Druck im Raum von Aachen und an der Burgundischen Pforte am stärksten. Die feindliche Luftlandung in Holland dient der Sicherung der Rhein-, Maas- und Scheidebrücken und wiederholt das Unternehmen, das wir im Mai 1940 in den Niederlanden durchführten.

Wenn es dem Feind gelingt, über Köln-Aachen dem Industriegebiet in den Rücken zu kommen und von Mülhausen das Rheintal hinauf nach Frankfurt zu marschieren, hat er den Krieg in Westdeutschland gewonnen.

Offenbar sollen sich die Engländer fächerförmig über Norddeutschland ausbreiten, während die Amerikaner von der Mainlinie herunter nach Bayern und Sachsen stoßen werden.

Sonntag, den 10. September - Tagesangriff auf Wien

Am Sonntag dem 10. September, fand ein starker Tagesangriff auf die Wiener Innenstadt statt, den Marietti aus der im vierten Stock gelegenen Wohnung ihrer Mutter in der Kirchengasse betrachten konnte. Viele schöne alte Bauten wurden getroffen, darunter Palais Kaunitz am Ballhausplatz, in dem Metternich amtierte, Berchthold den ersten Weltkrieg erklärte und Dollfuß ermordet wurde.

Im Keller eines Wohnhauses in der Bankgasse kamen Konstantin Liechtensteins junge Frau, die Schwiegertochter von Maritza, und ihre Mutter um. Die Wiener sind sprachlos.

Die Diplomaten werden "verlegt"

Die französische Regierung Petain-Laval ist in das Schloß Sigmaringen überführt worden, das die Hohenzollern räumen mußten. Struve übersiedelt dorthin, um Doriot zu betreuen.

Baden-Baden, das zunächst als Ausweichquartier für die Franzosen vorgesehen worden war, ist infolge der näher rückenden Front aufgegeben worden.

Die Spanier, denen man Sigmaringen als Ausweichquartier versprochen hatte, hängen nun wieder in der Luft.

Ein "Bericht" über das Sigmaringer Exilmilieu

Über das Sigmaringer Exilmilieu erhalte ich folgenden Bericht: »Gestern sind wir von Sigmaringen zurückgekommen, wobei wir zwei völlig unwirkliche Tage erlebt haben, in einem Schloß, voll von Märchengestalten. Es war erstaunlich, was da in einem Haus zusammenlebt. So riesig wie das Haus ist, so ist es doch nicht groß genug, um sich nicht alle andauernd begegnen zu lassen!

Nur um Philippe Petain, seine Frau und seinen Arzt schwebt eisige Gletscherluft. Laval zwinkert bereits wieder lustig mit einem Auge auf die ihm ab und zu von Abetz hingehaltenen Bonbons. Der Marquis ist eleganter denn je, voller Haltung, er findet alles charmant, das Schloß, die Gegend, das Regieren aus dem Exil.

Er hat zwei Damen mitgebracht, die ihm das Leben versüßen. Sonst sind viel zu wenig Frauen dort. Es soll eine Theatergruppe hinkommen. Madame X. wird viel zu tun haben. Sie rennt mit einem Baby auf dem Arm in den Straßen des Ortes herum, die braven Sigmaringer staunen! Unzertrennlich von ihr ist ein schöner Fliegerhauptmann, von dem das Kind stammen soll.

An jeder Ecke steht ein französischer Minister >en sommeii< oder >en action< in der Sonne, zögernd und nicht recht wissend, womit er die nächste halbe Stunde totschlagen soll. Langsam fährt mit wenig Benzin der Marschall in einem Riesenauto durch den Ort, in die Wälder, begleitet von einem fürstlich-hohenzollernschen Leibjäger und Polizei. In einem sind sich alle einig, daß Madame Z. unerträglich ist. Mal ist ihr der Plafond zu hoch, mal zu tief. Der Schreibtisch ihres Mannes ist kleiner als der eines Kollegen. Das Essen paßt ihr nicht.

Madame Y. hat ein besseres Zimmer als sie, obwohl sie nur die Geliebte des Marquis ist. Sie war eben noch nie in einem Chateau!

Abends im dunklen Schloß

Abends geht man durch das dunkle Schloß. In den verschiedenen Hallen wird an zehn Tafeln gegessen. Abetz beehrt jeden Abend eine andere Tafel durch sein Erscheinen. Immer an den Tafeln, an denen gerade moralische Baisse herrscht, findet er sich ein, um die Tischgenossen zu erheitern.

So waren wir bei den Ministern >en sommeil<, die sich verdüstert gaben. Das größte Gezwitscher über die schönen Berge, die Anmut der Donau und die herrlichen Appartements ließen sie gleichgültig. Einer sagte: >I1 me faut une femme, ou une manicure au moins<.

Als ich vorschlug, das Thema zu wechseln, bemerkte man, das ginge absolut nicht, denn das wäre ihre Stimmung. Zum Schluß redete einer ganz allein, während die anderen ein recht gutes, von hohenzollernschen Leibjägern serviertes Essen schweigend herunterwürgten.

Beim Ausmarsch in die Salons passierten wir die übrigen Tafeln, an denen phantomgleich die wohlbekannten Gesichter sich aneinanderreihten: Philippe Petain schlich über den Gang, begleitet von seinem Arzt und von Renthefink vom Auswärtigen Amt. Eine merkwürdige Szene.

Hoffmann dirigiert das Ganze, Frau Hoffmann sorgt für alle - sehr gut anscheinend. Alles lief reibungslos, weil man sich in einem Schloß befindet, in dem man an Gäste aller Art gewöhnt und das Personal gut dressiert ist. Es wird unterstützt durch französische Kammerdiener, Zofen und Chauffeure. Dazu die vielen Flüchtlinge. Merkwürdig, daß die Presse sich dieses Idylls noch nicht angenommen hat.«

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