Sie sind hier : Startseite →  Historie und Geschichte→  Über die "Wahrheit"→  Bücher zum Lesen - erstaunlich→  von-Studnitz-Tagebuch→  von-Studnitz-Tagebuch-27

Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen euphorischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

.

Dienstag, den 6. Februar 1945 - merkwürdige russische Kampfpause

Der Russe, der sein Gros an die Oder heranzieht, hat eine Kampfpause eingelegt. In den nächsten zwölf Tagen führt die Oder Treibeis, was die Forcierung (Überquerung) des Stromes erschwert. Mit der Wiederaufnahme der Offensive wird in zehn bis vierzehn Tagen gerechnet. Eine kostbare Galgenfrist? Am Lützowplatz wird eine Straßensperre aus Möbelwagen angelegt.

Mittwoch, den 7. Februar 1945 - Verkehrsbeschränkungen auf den Bahnen in Berlin

In einer internen Verfügung (No.3) des Amtes wird mitgeteilt: »Es ist möglich, daß schon in nächster Zeit der Verkehr auf den elektrisch und dampfbetriebenen Strecken der Stadt - Ring - und Vorort-Verkehrs sowie auf den U- und Straßenbahnen in der Weise weiter beschränkt werden muß, daß in einem geregelten Zulassungsverfahren nur noch solche Fahrgäste befördert werden, deren Fahrten als unbedingt kriegs- und lebenswichtig anerkannt werden. Die Reichsbahn und die BVG haben für diesen Fall Verkehrsbeschränkungen in drei Stufen in Aussicht genommen, und zwar

Verkehrsstufe 1: Drosselung des Verkehrs auf 50%
Verkehrsstufe 2: Drosselung des Verkehrs auf 25%
Verkehrsstufe 3: Drosselung des Verkehrs auf 10% des jetzigen Umfangs.

Bei Eintritt solcher Verkehrsdrosse-Iungen können die Verkehrsmittel nur noch von dem Besitzer eines besonderen Ausweises neben der Fahrkarte benutzt werden. - Zur Vorbereitung dieser Maßnahme hat der Reichsverteidigungskommissar für den Reichsverteidigungsbezirk Berlin eine besondere Erhebung über die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in der Reichshauptstadt angeordnet. Zur Durchführung der Erhebung ist die Beantwortung der anliegenden Fragebogen durch Referatsangehörige und durch ständige Mitarbeiter des Referats und die Rückgabe an das Referat P-gen. bis zum 6. 2. 45, 13 Uhr erforderlich.«
.

Freitag, den 9. Februar 1945 - Dr. Freisler ist tot

Erst jetzt wird bekannt, daß bei dem Tagesangriff am letzten Wochenende der Präsident des Volksgerichtshofs, Dr. Freisler, mit den meisten seiner Mitarbeiter umgekommen ist.

Freislers Tod hat in der Berliner Bevölkerung großes Aufsehen erregt und wird als Akt der Gerechtigkeit für die Widerlichkeiten seiner Prozeßführung gegen die Angeklagten des 20. Juli betrachtet.
.

Im Auslandspresseclub mit Kerzen auf die Russen warten

Im Auslandspresseklub in Dahlem hocken wir allabendlich bei abgeschaltetem Licht und Kerzenbeleuchtung, die eine schummrige Gemütlichkeit aufkommen und die Klubmitglieder vergessen läßt, daß die Russen nur fünfzig Kilometer vor der Stadt stehen und ihr Einzug das Ende der Berliner Tätigkeit der meisten ausländischen Journalisten bedeuten wird.

Manche von ihnen, wie Jäderlund, der über Katyn und Winnizza berichtet hat, sollen auf den russischen Listen stehen.

Im Keller des Presseklubs des Promi wurde ein fünfzig Zentner schwerer Blindgänger gefunden. Einem Loch, das er in die Hauswand gerissen hatte, schenkte man tagelang keine Beachtung.

Von den Diplomaten ist Vidal nach Salzburg gegangen, ein Teil seines Stabes in die Schweiz. Fast alle Gesandtschaften haben ihre Frauen und Kinder fortgeschickt. Heute morgen reisen die schwedischen Frauen und Kinder ab. Tovar ist in die Gegend von Neu-Ruppin ausgewichen.

Freitag, den 16. Februar 1945 - die Ostfront bricht ein

Von einer »Oderlinie« kann nicht mehr gesprochen werden, nachdem der Fluß zwischen Oppeln und Küstrin von der Heeresgruppe Konjew auf breiter Front überschritten worden ist. Die Spitzen stehen bereits vor Sagan. Sie haben Bunzlau, Grünberg und Sommerfeld besetzt und sind nur noch achtzig Kilometer von Dresden entfernt.

Man rätselt darüber, ob Konjew seinen Vormarsch in nordwestlicher Richtung auf Berlin oder in westlicher Richtung auf Dresden fortsetzen wird. Im nördlichen Sektor der Oderfront versuchen die Russen, Stettin zu erreichen und Pommern abzuschneiden.

Die Flügel der Oderfront sind in voller Bewegung. Im Abschnitt Frankfurt-Küstrin, an dem Schukow einen Aufmarsch größten Stils vorbereitet, herrscht trügerische Ruhe.

Nachdem die Stadt Schneidemühl gefallen und der Widerstand in Posen als erloschen gelten darf, werden beträchtliche russische Kräfte für die mittlere Oderfront frei. Die Zerschlagung der feindlichen Brückenköpfe auf dem westlichen Oderufer ist mißlungen.
.

Der Frontalangriff auf Berlin kann jeden Tag beginnen.

Dessen ungeachtet wird von einer deutschen Gegenoffensive gesprochen, die gegen die russischen Flanken geführt werden soll.

Auf dem Bahnhof in Eberswalde werde ich Zeuge, wie Truppen ausgeladen werden. Die dortige Gegend ist mit Panzerfallen, Straßensperren, Minenfeldern und Geschützstellungen gespickt. Den Schutz der Befestigungen hat man waffenlosen alten Volkssturmmännern anvertraut.

Auf dem Steinschen Gut Lichterfelde haben die französischen und russischen Gefangenen Befehl bekommen, sich abmarschbereit zu halten. In den Dörfern der Mark rüsten die Bauern zum Treck. Leo Fürstenberg und seine Familie wollen in Lichterfelde bleiben. Die Steins, seine Verwandten, die aus Ostpreußen kommend, eine Odyssee hinter sich haben, wollen nicht wieder auf die Landstraße. Sie sagen, ein Treck sei der reinste Mord.
.

Kindersoldaten mit bösen Kinderaugen und altklugen, verhungerten Gesichtern

Zwischen Bernau und Eberswalde benutzen Leo und ich einen Tankzug mit Treibstoff für die Front und Vorfahrtsrecht, so daß wir in verhältnismäßig kurzer Zeit an unser Ziel gelangen. Auf dem Rückweg haben wir die Wahl zwischen fünf Güterzügen, die zur Abfahrt nach Berlin bereitstehen. Die Schwierigkeit besteht darin, in Erfahrung zu bringen, welcher von diesen Zügen zuerst abgelassen wird. Mit einem Teppich und einem Spiegel beladen, wird mir das mehrmalige Umsteigen sehr zuwider.

Endlich finden wir mit drei Soldaten im Bremshäuschen eines Viehwagens Platz. Der Zug geht aber nur bis zum Rangierbahnhof Rüdenitz, von wo wir nach Bernau mit den schweren Sachen fünf Kilometer - dazu bei Fliegeralarm - tippeln müssen.

In Eberswalde steht ein Güterzug mit einem Regiment Kindersoldaten, zwölf- bis sechzehnjährige Buben, die in viel zu weiten Luftwaffenuniformen stecken und uns aus bösen Tieraugen in den altklugen, verhungerten Gesichtern anblicken. Sie wurden von bärbeißigen Unteroffizieren beaufsichtigt.

Auf dem Nebengleis hält ein Zug mit weiblichen Flakhelfern, hübschen Mädchen in Uniform mit offenen Gesichtern, breitem Lächeln und schönem starkem Haar. Im Gegensatz zu den Buben sind sie gut ernährt. Um so schlimmer ist ihr rüder Ton, ein Gemisch aus Geschrei und Zoten. Da die Güterzüge über keine Latrine verfügen, verrichten Buben und Mädchen ihre Notdurft auf dem Bahnkörper. Zwischen den Güterwagen türmen sich Kot, Konservendosen, Papier und Abfälle.

Montag, den 19. Februar 1945 - auch die Nachrichtenbelieferung bricht ein

Samstag war die Rede von einem englischen Durchbruch bei Kleve. Es wird immer schwieriger, etwas zu erfahren, nachdem die Nachrichtenbelieferung des Auswärtigen Amtes nur noch tropfenweise erfolgt. »DNB-weiß« - das Deutsche Nachrichten Büro kommt so gut wie gar nicht mehr. Dabei ist es das einzige brauchbare Nachrichtenmaterial, das die amtliche Nachrichtenagentur liefert.

Papiermangel soll der Grund sein. Obwohl zwei Wochen seit dem letzten Luftangriff verstrichen sind, arbeitet DNB noch immer nicht voll. Ebenso stockt die Belieferung mit Zeitungen.

Das Chaos weitet sich rasch aus.

Stapf ist seit vierzehn Tagen verschwunden. Er wollte nach Kassel fahren und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Kein Mensch weiß, ob der Leiter der »Mundus« und Vorgesetzte von zweihundert der Presseabteilung unterstehenden ausländischen Redakteuren und Mitarbeitern tot, beim Volkssturm oder von den Russen gefangen genommen worden ist.

Selbst für ein Reichsministerium, wie das Auswärtige Amt, gibt es keine Möglichkeit mehr, Erkundigungen einzuziehen.

Am 16. Februar brachten die Zeitungen eine . . . .

Bekanntmachung über die Einsetzung von Standgerichten.

»Wer versucht, sich seinen Pflichten gegenüber der Aligemeinheit zu entziehen, insbesondere wer dies aus Feigheit oder Eigennutz tut, muß sofort mit der notwendigen Härte zur Rechenschaft gezogen werden, damit nicht aus dem Versagen eines einzelnen dem Reich Schaden erwächst.«

Eine sehr dehnbare Formel. Die Urteile der Standgerichte bedürfen der Bestätigung durch den Reichsverteidigungskommissar. Sollte dieser nicht erreichbar und die »sofortige Vollstreckung unumgänglich« sein, so übt der Anklagevertreter diese Befugnis aus.

Der Staatsanwalt ist also gleichzeitig Richter und Inhaber des Gnadenrechts, ein einzigartiger Vorgang in der Rechtsgeschichte der zivilisierten Völker!

Auf den Anschlagflächen der U-Bahnhöfe wird plakatiert, daß der 1920 geborene fahnenflüchtige Leutnant Karl Ludwig erschossen wurde, als er sich der Kontrolle einer Wehrmachtstreife widersetzte. Weiter heißt es, daß jeder Soldat, der in der Stunde der Gefahr das Vaterland im Stich läßt, sein Leben verwirkt. Die Warnung richtet sich an Tausende von Deserteuren.

Überall sieht man Soldaten ohne Waffen, aber in feldmarschmäßiger Ausrüstung herumlaufen. Keiner weiß, wo sie herkommen und wohin sie gehen. Was man über Disziplinlosigkeit und Übergriffe deutscher Soldaten aus der frontnahen Etappe hört, spottet jeder Beschreibung.

Die Zeichen der Auflösung mehren sich von Tag zu Tag.

Gleichzeitig bringt die Presse Notizen über »Millionen-Spenden« eingeschlossener Garnisonen für das WHW (Winter Hilfs Werk). So hat angeblich der Kommandeur einer Kosakendivision dem Reichspropagandaminister eine Million Reichsmark für einen gemeinnützigen Zweck übergeben.

Eine Kosakendivision besteht aus 10.000 Mann. Man kann sich schwer vorstellen, daß jeder Kosak RM 100,- von seinem Wehrsold erübrigt, um sie den wohltätigen Einrichtungen einer Volksgemeinschaft zuzuführen, der er nicht angehört und deren Sprache er nicht spricht!

Das Diplomatische Korps hat Berlin fast vollständig geräumt.

Evakuierungen im Einverständnis - dafür Scheingesandtschaften

Während das Auswärtige Amt dementiert, daß die Reichsregierang Berlin verläßt und auch keine Anstalten mehr getroffen werden, um Akten wegzubringen - Ministerialdirektor Schröder erklärte vor einigen Tagen, die Auslagerung einiger »Vorgänge« bedeute nicht, daß Schriftstücke grundsätzlich evakuiert würden (!) -, ermuntert das Protokoll die Diplomaten, inoffiziell abzureisen und weist ihnen neue Quartiere zu.

So wurden im »Österreichischen Hof« in Salzburg Räume für die irische und portugiesische Gesandtschaft von Mandschukuo und die spanische Botschaft beschlagnahmt.

Die schwedische Gesandtschaft hat das dem Fürsten Lippe gehörende Schloß Alt-Döbern wegen näherrückender Front geräumt und bezieht das Bismarcksche Schloß Schönhausen an der Elbe.

Die Schweizer Gesandtschaft evakuierte im Einverständnis mit dem Protokoll ihre Schutzmachtabteilung nach Saulgau. In Wudicke konnten wir uns überzeugen, daß die Schweizer ihre Papiere auf Lastwagen verladen.

Gleichzeitig legt man den ausländischen Vertretungen nahe, Scheingesandtschaften in Berlin zu belassen. So berichtete der irische Trabertrainer Charlie Mills, den ich mit Strempel in Staffeide besuchte, er habe im Einverständnis mit dem Protokoll die Funktion eines irischen »Geschäftsträgers« in Berlin übernommen.

In Schönhausen merkt man wenig vom Krieg.

Im Ort Schönhausen, in dem wir gestern frühstückten, merkt man wenig vom Krieg. Das Schloß, Geburtshaus Bismarcks, ein etwas baufälliges Gebäude, mit schiefen Decken und Wänden, ist vollgestopft mit Gerümpel, das aus Pietät nicht angerührt werden darf.

Der schwedische Gesandte Richert freut sich, diese geschichtliche Stätte als Exil zugewiesen zu erhalten.

Die Kriegslage wird durch den Fall von Sagan und durch Operationen bei Forst, Guben und Kottbus gekennzeichnet.

Zerstörte Illusionen - Vorige Woche wurde Dresden total zerbomt

In militärischen Kreisen wird behauptet, es sei die Absicht der Führung, in diesem Raum eine Entscheidungsschlacht zu schlagen, die der Front im Osten ein neues Gesicht gibt.

Nach den Enttäuschungen der letzten Jahre wagt niemand, an eine solche Wendung zu glauben.

In die vergangene Woche fällt die Zerstörung Dresdens aus der Luft.

Obwohl die Menschen sich an das Entsetzliche gewöhnt haben, hat die Vernichtung Dresdens so niederschmetternd gewirkt, wie kaum ein Ereignis in der letzten Zeit. Da die Stadt bisher nicht angegriffen worden war, hatte man mit ihrer Schonung gerechnet, eine Illusion, die auf das grausamste enttäuscht wurde.

Mittwoch, den 21. Februar 1945 - Zivilisten werden erschossen

Abendessen mit Guido Schmidt, dem früheren österreichischen Außenminister und jetzigen Generaldirektor der Transportinteressen im Hermann-Göring-Konzern.

Er war erfüllt von einer schrecklichen Begebenheit. Vorgestern wurden in Fürstenberg (Oder) 28 seiner besten Flußschiffer standrechtlich erschossen, weil sie sich geweigert hatten, ihre Kähne durch ein unter russischem Artilleriefeuer liegendes Stromgebiet nach Berlin zu bringen.

Wenn man die Oderschiffer wie die Donauschiffer militarisiert hätte, so hätten sie sich dem Befehl nicht widersetzt. Als Privatleute wähnten die biederen jahrein, jahraus mit Frau und Kindern auf ihren Kähnen lebenden, den Weltereignissen entrückten Schiffsleute, der Anordnung nicht Folge leisten zu brauchen.

Ein bezeichnender Vorfall für die sich mehr und mehr ausbreitende Schreckensherrschaft.

Ein anderer Exzeß in Frankfurt/Oder

Über einen anderen Exzeß berichtet C. C. Pfuel. Mit Genehmigung der Gauleitung von Frankfurt und des Provinzial-Konservators von Brandenburg hatte er einige seiner kostbaren Möbel von Jahnsfelde an die Oder geschafft, an der sie über den Wasserweg dem russischen Zugriff entzogen werden sollten.

Der Ortsgruppenleiter in Jahnsfelde, im Zivilberuf Pferdeknecht, versuchte den Transport mit der Begründung zu unterbinden, er habe mehr zu sagen als der Gauleiter. Als die Möbel trotzdem verladen wurden, veranlaßte er den Kreisleiter des Oderhafens einzuschreiten und bedrohte seinen Brotherrn mit Standgericht!

Repressalien gegen Kriegsgefangene

Seit den Angriffen auf Dresden ist die Rede von Repressalien gegen Kriegsgefangene. Die Idee soll von Goebbels ausgehen und beim Führer ernsthaft erörtert werden. Der RAM und das OKW sind dagegen.

Sie fürchten für das Leben über einer Million deutscher Kriegsgefangener in englischen und amerikanischen Händen und die Entfesselung weiterer Scheußlichkeiten, wie des Gaskrieges.

  • Anmerkung : Die oberste Heeresleitung wußte also ziemlich genau, wieviele deutsche Soldaten bereits in Gefangenschaft waren. Von den deutschen Gefangenen in Russland redete keiner mehr.


Auch dürften dann die letzten Neutralen ihre Beziehungen zu uns abbrechen. Strempel hat eine entsprechende Aufzeichnung verfaßt.
.

Donnerstag, den 22. Februar 1945 - Dauerfeuer der Russen

Die Oderlinie zwischen Frankfurt und Küstrin liegt seit zwei Tagen unter russischem Artilleriefeuer, das als Vorbereitung eines großen Angriffs angesehen wird.

Von unserem Gegenstoß im Raum Dresden-Kottbus wird nicht mehr gesprochen. Unsere Gegenoffensive in Pommern ist steckengeblieben.

Die Russen melden, daß deutsche Gegenangriffe an der ganzen Front stattgefunden haben, ohne eine zusammenhängende Offensive erkennen zu lassen.

Einige Leute wollen wissen, daß die in den Ardennen eingesetzte Armee in den nächsten Tagen nach Litzmannstadt überführt wird, um die russische Front in Schlesien von ihren Nachschublinien abzuschneiden.

Es heißt, daß diese Truppen mit neuen Waffen ausgerüstet sind. Das Gelingen von Gegenstößen ist letztlich eine Nachschubfrage. Es mangelt jedoch an allen Ecken und Enden.

Stehen schwere Waffen zur Verfügung, so fehlen die Zugmaschinen, gibt es beide, so ist das Benzin ausgegangen, hat man Treibstoff, so sucht man Munition, ist Munition vorhanden, so stehen keine Transportmittel bereit.

Für das Mißlingen der Pommern-Offensive hat man die Reichsbahn als Sündenbock ausersehen. Dorpmüller soll gehen und durch Speer ersetzt werden. Dabei gehören Dorpmüller und Backe zu den wenigen tüchtigen Fachleuten, die sich heute in leitendenden Stellungen befinden.

Der schwarze Benzinmarkt in Berlin floriert

Während die Truppe nicht genügend Kraftstoff hat, floriert der schwarze Benzinmarkt in Berlin. Noch immer gondeln Tausende von Privatautos herum.

Für den Liter schwarzes Benzin werden RM 40,- gezahlt oder zwanzig Zigaretten. Zwanzig Liter Benzin kosten ein Pfund Kaffee oder ein Kilo Butter.

Autoreifen sind auf dem schwarzen Markt für zwei bis dreitausend RM erhältlich. Ein kleiner Anhänger wurde für 20.000 RM angeboten. Unter 15.000 bis 20.000 RM sind selbst alte Wagen nicht zu haben.

Auch mit falschen Nummernschildern, Diplomatenplaketten usw. wird gehandelt. Ein vollständiger Satz falsche Papiere, bestehend aus Reisepaß, Wehrpaß, Arbeitsbuch und Z-Karte für den Volkssturm, kostet 80.000 RM.

Kürzlich wurde ein Soldat festgenommen, der einen Kasten mit falschen Dienststempeln bei sich führte. Sie waren besser geschnitten als die amtlichen Originale und wurden von der den Mann verhaftenden SS-Dienststelle gleich in Eigengebrauch genommen. Auch für Judensterne werden schon größere Beträge geboten.

Voll-Alarm und "neue" Lebensmittel

In den letzten beiden Nächten hatten wir je zweimal Alarm. Gestern nachmittag gab es zweimal Vollalarm, als sechs Aufklärer über der Stadt erschienen, um photographische Aufnahmen zu machen. Aufklärer gelten als Vorboten größerer Angriffe und steigern die Nervosität der Bevölkerung.

Die letzte Neuerung auf dem Gebiet der Ernährung ist »Trockenmarmelade aus Roggenmehl«. In Gaststätten ist die Hälfte der servierten Speisen aus Surrogaten (vornehme Umschreibung von Ersatzstoffen) zusammengesetzt. Am gräßlichsten schmecken die Nachahmungen von Puddings, Torten, Eierschaum, Fruchtsoßen, Grieß, Erbsensuppe und Eierkuchen, die aus Kartoffelstärke hergestellt und dann gefärbt werden. Daß man aus Kohle Butter, aus Teer Margarine gewinnt und die Italiener aus Milch Stoffe weben, ist nichts Neues.

Vor zwei Jahren zeigte »Punch« einen Mann, der einer Gesellschaft mit den Worten vorgestellt wird: »Ladies and gentlemen may I introduce to you Professor Schickedanz. He is a very famous scientist. He claims to be able to make butter out of cream.« - (Er behauptet, er gewinne Butter aus Sahne.)

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2019 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.