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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen eupho- rischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - und hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Einblicke in die Situation im besetzen "Wartheland"

In mancher Beziehung macht das Wartheland einen gepflegteren Eindruck als das »Alt«-Reich. Die Sauberkeit auf Bahnhöfen und Gaststätten sticht ins Auge. In Thorn erlebte ich in der Bahnhofstoilette, wie eine Klofrau die Benutzer ermahnte, näher ans Becken zu treten!

Die aus dem Reich ins Wartheland gebrachten Bombengeschädigten leben sich nur schwer ein. Der Osten ist ihnen zu primitiv. Aus kleineren Orten reisen sie vielfach mit der Begründung wieder ab, sie könnten es ohne Kino und elektrisches Licht nicht aushalten. Dementsprechend sind die Züge überlastet.

Kölner, Essener und Hamburger versuchen mit allen Mitteln, in ihre zerstörte Heimat zurückzugelangen, weil es dort Zusatzlebensmittelkarten gibt, die sie im Osten nicht erhalten.

Zusatzlebensmittelkarten werden in den luftbedrohten Gebieten ausgegeben, um die moralische und physische Widerstandskraft zu stärken. Die hier angesiedelten Balten haben sich besser eingelebt.

Montag, den 27. September 1943 - Hiobsnachrichten

Bei meiner Rückkehr fand ich im Amt Berge von Papier vor. Wenn man einige Tage lang nur auf das deutsche Radio angewiesen ist, nimmt man unwillkürlich an, es sei nichts passiert. Erst hier wird man gewahr, daß Churchill geredet, Roosevelt eine Botschaft erlassen und viele neue Hiobsnachrichten sich angesammelt haben.

Die militärische Lage verschlechterte sich rapide. Im Osten hat unser Rückzug die Dnjepr-Linie erreicht. Es wird schon vor Kiew gekämpft. Die Räumung des Kuban-Brückenkopfes hat begonnen. Das Donez-Becken befindet sich wieder im Besitz des Feindes.

Die Lage im Osten beunruhigt auch die Japaner. Basler gegenüber äußerten Botschaftsmitglieder, das Schlimmste an unserem Rückzug sei, daß wir einen Raum aufgeben müßten, den wir bei Friedensverhandlungen den Russen hätten anbieten können.

In Italien haben wir Salerno geräumt. Angesichts dieser Lage Sprachregelungen abfassen zu müssen, ist ein bitteres Geschäft.

Seite 139 - Dienstag, den 28. September 1943 - Der Blick nach Italien

Heute früh besuchte mich Roland Köster, Transocean-Korrespondent in Rom, der Italien erst vor drei Tagen verlassen hat und die Verfassung der Italiener mit der eines zwischen den Seilen hängenden, auf das Auszählen wartenden Boxers vergleicht.

Den Leuten sei alles egal. Als der Waffenstillstand verkündet wurde, seien unbeschreibliche Freudenkundgebungen erfolgt. Italienische Soldaten, die an diesem Tag auf der Bahn reisten, hätten ihre gesamte Munition in Freudenschüssen verfeuert. Der Faschismus sei tot und durch nichts wieder zu beleben. Er habe vergeblich versucht, Leute zu finden, die noch das Faschisten-Abzeichen trügen, um darüber nach Berlin berichten zu können!

Die Behandlung Italiens durch uns sei sehr hart. Gegenwärtig würde alles requiriert und nach Deutschland geschafft, was nicht niet- und nagelfest sei, so alle Bestände an Textilien und Lederwaren. In den Hotels von Venedig sei sogar die Bettwäsche beschlagnahmt worden, um weggeführt zu werden.

Die Deutschfeindlichkeit der Bevölkerung nehme rasch zu. Die Lebensmittellage verschlechtere sich, wenngleich man »schwarz« nach wie vor gut essen könne.

Über den japanischen Gesandten . . . .

Über den japanischen Gesandten erzählte Dieckhoff eine amüsante Geschichte. Als begeisterter Freund von Stierkämpfen ist dieser Diplomat Stammgast in allen Arenen, wobei er sich um seine Loge eine Claque von Enthusiasten schart, die jeweils einstimmen, wenn der Japaner ein Zeichen des Beifalls oder Tadels gibt.

Erscheint ein Stier, der dem japanischen Gesandten mißfällt, so weigern sich die Toreros, den Kampf zu eröffnen, was zu einer Beschwerde der Veranstalter beim Dekan des Diplomatischen Korps führte.

Roland Köster berichtet aus Rom

Über die Verhältnisse bei der Botschaft berichtet Köster, zahlreiche Sekretärinnen wollten lieber in Rom bleiben, weil sie eine Zivilinternierung durch die Engländer der Rückkehr in das verbombte Deutschland vorzögen.

Köster, der Sohn eines deutschen Gesandten in Belgrad und einer Mutter, die sich als Malerin einen Namen machte, repräsentiert den in der deutschen Journalistik seltenen Typ des passionierten Reporters.

Nach Kriegsausbruch ging er zunächst nach den Haag, dann nach Stockholm und war zuletzt in Lissabon. Wir frischten Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in London auf und an die Umstände, unter denen Carlos Pückler und ich im Herbst 1938 auf Grund einer Intervention des Reichspressechefs England verlassen mußten.

Pückler und ich hatten in unserer Berichterstattung durchblicken lassen, daß Churchill der künftige Premierminister sein, Großbritannien sich am Kriege gegen Deutschland beteiligen und schwer zu besiegen sein würde!

Kriegspropaganda ohne Beweise

Zu den Capriolen unserer gegenwärtigen Italien-Politk gehört der Versuch, dem Kronprinzen Umberto eine Mitschuld am »Verrat« Badoglios und des Königs anzulasten. Obwohl nicht die geringsten Beweise für seine Mitverantwortung vorliegen, wird von oben auf die Beibringung von Beweismaterial insistiert.

Nach vierzehntägigem Suchen ist nun einiges in Rom produziert worden. Die Unterlagen sind jedoch dermaßen dürftig, daß Schmidt sich weigert, sie an die Presse zu geben. So wird Umberto bezichtigt, die Braut eines Carabinieris erschossen zu haben.

Als Gipfel der Verworfenheit gilt, daß die Tochter Badoglios Cocktails mit dem Kronprinzen getrunken hat. Das einzige, was dem Kronprinzen nachgesagt werden kann, ist, daß er sich niemals sonderlich für den Faschismus eingesetzt hat. Andererseits hat er sich auch nicht gerade antifaschistisch benommen.

Ich erinnere mich noch, daß der Duce mehrmals erklärt hat, zwischen ihm und dem Kronprinzen bestünden gute Beziehungen. Deutscherseits wurde Umberto vor nicht langer Zeit ein höherer Orden verliehen.

Mittwoch, den 29. September 1943 - es geht alles drunter und drüber

Wie Leo Fürstenberg erzählte, lud das OKW am 4. September die Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes zu einer Besprechung am 8. September ein, bei der die Frage der Zurückziehung der Reichskreditkassenscheine aus Frankreich geklärt werden sollte. Diese Einladung wurde ihm, als dem zuständigen Referenten, am 28. September zugestellt!

Die »DAZ« vom 29. September veröffentlicht aus der Feder eines Kriegsberichters einen Aufsatz »Das Rom der Verräter«. Es heißt darin, daß »auch im dritten Kriegsjahr trotz der Einführung der "Punktkarte" Schaufenster und Geschäfte in Rom nie leer werden von Dingen, die manches zu den Annehmlichkeiten des Lebens beitragen«.

Dann beschwert sich der Autor darüber, daß man am Hauptbahnhof von Rom noch Taxis bekommt, daß es noch Gepäckträger gibt und daß »Spaziergänger auf der mittäglichen Via Veneto bei Rosati nach wie vor ausgezeichnetes Fruchteis mit Schokolade-Bisquits verzehrten und sich in Maßanzügen letzten englischen Schnittes erhaben dünkten«.

Am Schluß wundert sich der Verfasser, daß sich in Rom eine Art »Deutschenscheu« bemerkbar mache. Der »Völkische Beobachter«, das führende Organ des Dritten Reiches, hält der Sowjetbotschafterin in Stockholm, Alexandra Kollontay, vor, daß sie in ihrer Jugend hübsch war, sich gut anzog und der freien Liebe huldigte.

Für diese Eigenschaften wird die Kollontay im »VB« »Kommissarin aller Prostituierten« genannt! Beide Artikel sind typisch für die Verständnislosigkeit gegenüber anderen Völkern.

Samstag, den 2. Oktober 1943 - Verwirrende Veröffentlichungen

Eine ungewöhnliche Form für die Anerkennung der Mussolini-Restauration hat Ungarn gewählt. Die ungarische Presse veröffentlicht unter dem 30. September ein amtliches Kommunique, in dem mitgeteilt wird, daß der deutsche Gesandte in Budapest, Herr von Jagow, dem ungarischen Außenminister Ghyczy eine Botschaft der Reichsregierung überbrachte, die die Anerkennung Mussolinis durch Deutschland bekanntgibt, und die ungarische Regierung auffordert, das gleiche zu tun.

In dem Kommunique heißt es, daß der deutsche Gesandte dieses Ersuchen auch im Namen des Duce erhebe mit Rücksicht darauf, daß dieser über keine unmittelbare Verbindung zur ungarischen Regierung verfüge.

Der ungarische Außenminister hat darauf in einem Schreiben nachstehenden Wortlauts geantwortet: »Herr Reichsaußenminister! Mit besonderem Dank habe ich Ew. Exzellenz Mitteilung erhalten, wonach Benito Mussolini eine Regierung gebildet hat. Das Bestehen dieser Regierung wird von der königlichen-ungarischen Regierung anerkannt.

Da ich nicht in der Lage bin, eine unmittelbare Verbindung mit dem Duce derzeit aufzunehmen, erlaube ich mir, Ew. Exzellenz ergebenst zu bitten, dieses dem Duce freundlichst bekanntgeben zu wollen und ihm gleichzeitig mitzuteilen, daß die ungarische Nation nie vergessen wird, was er für sie getan hat, und daß die ungarische Nation sich hierfür zu immerwährendem Dank verpflichtet fühlt. Empfangen Sie, Herr Reichsaußenminster, den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung. Ihr ergebener Ghyczy.«

Die Gesandtschaft in Budapest teilt mit, daß sie bei der Abfassung dieses Kommuniques weder beteiligt, noch über seinen Inhalt benachrichtigt wurde.

Die »Gazette de Lausanne« nennt die ungarische Stellungnahme »ein Meisterstück diplomatischer Geschicklichkeit«.

Dienstag, den 5. Oktober 1943 - die Anarchie der deutschen Befehlsstellen

Heute kam Urach aus Italien zurück und berichtete, die italienische Anarchie sei eine Kleinigkeit, verglichen mit der Anarchie der deutschen Befehlsstellen.

Die Kompetenzstreitigkeiten überstiegen alles bisher Dagewesene. Jede deutsche Stelle habe ihre eigenen Vertreter nach Italien entsandt, die gegeneinander einen wilden Krieg führten.

Die deutsche Beherrschung des Landes erfolge von Enklaven aus, zwischen denen zum Teil kein Verbindung bestehe. Von Rom nach Mailand könne man nicht einmal telephonieren. Bei Ancona operierten Banden von englischen und amerikanischen Kriegsgefangenen. Erstaunlicherweise habe sich die Lebensmittellage seit der Aufhebung des Rationierungssystems gebessert.

Offenbar äßen die Leute in Erwartung anglo-amerikanischer Lieferungen ihre letzen Vorräte auf. Die Preise am schwarzen Markt seien wesentlich gesunken.

Als Urach durch Bozen fuhr, bot sich ihm ein für die gegenwärtigen Zustände typisches Bild. Auf einem Gleis stand ein nach Deutschland bestimmter Zug mit englischen Kriegsgefangenen, der von italienischen faschistischen Miliz-Soldaten bewacht wurde. Auf dem Nebengleis hielt ein Zug mit gefangenen Badoglio-Italienern, der von Deutschen bewacht wurde.

Zwischen den beiden Zügen waren französische Kriegsgefangene mit Gleisarbeiten beschäftigt. Die englischen Kriegsgefangenen machten sich ein Vergnügen daraus, den gefangenen Badoglio-Italienern ihre vollen Konservenbüchsen zu zeigen.

Seite 143 - Über das 10jährige Schriftleitergesetz

Das Schriftleitergesetz jährt sich heute zum zehnten Male, Dietrich hat dazu folgenden Aufruf erlassen:

»Am heutigen Tage erinnern sich die deutschen Journalisten an die vor zehn Jahren erfolgte Verkündung des Schriftleitergesetzes.

Ich möchte diesen Jahrestag nicht vorübergehen lassen, ohne zum Ausdruck zu bringen, daß der in diesem Gesetz unternommene Schritt einer klaren Scheidung zwischen journalistischer und wirtschaftlicher Funktion der deutschen Presse sich als ein sowohl für den Journalismus wie für das deutsche Volk segensreicher erwiesen hat.

Vor zehn Jahren hat die deutsche Presse, die in der vorangegangenen Zeit sich nicht des besten Rufes erfreute, einen Weg begonnen, der sie zu publizistischen Erfolgen von geschichtlichem Ausmaß und zu Leistungen führte, die dem journalistischen Berufsstand in wachsendem Maße die Anerkennung von Volk und Führung sichern.

Die große geistige Bewährungsprobe, die die deutsche Presse in den gegenwärtigen Jahren des Krieges zu bestehen hat, wird dem Journalismus vollends jenen Platz im Ansehen der Nation zuweisen, auf den er sich seit Bestehen des Schriftleitergesetzes angesichts seiner seitdem so verantwortungsreichen politischen Führungsaufgabe Anspruch erwerben kann.

Die vergangenen zehn Jahre umschließen ein hohes Maß aufrechten kämpferischen Einsatzes, verantwortungsvoller publizistischer Arbeit, unermüdlichen geistigen Führungswirkens des deutschen Journalismus im Stolz auf das, was wir bereits geleistet haben. Indem wir die deutsche Presse wieder zu einer geistigen Kraftquelle der Nation machten, blicken wir auf die Gegenwart und die Zukunft.

Indem wir dem deutschen Volk in seinem härtesten Ringen festen geistigen Halt bieten und eine fanatische Entschlossenheit ausstrahlen, werden wir die Aufgaben zur Vollendung führen, an die wir am 4. Oktober 1933 zum ersten Mal herantraten.

Wir werden nicht nur Zeitung, sondern auch Geschichte machen. Wir handeln nicht als Angestellte, sondern als Beauftragte unseres Volkes, als Mitgestalter seiner Zukunft. Mit solchen Gedanken danke ich dem deutschen Journalismus dafür, daß er im Verlaufe der letzten zehn Jahre die Buchstaben des Schriftleitergesetzes mit Leben erfüllte, und ich gebe meiner Gewißheit Ausdruck, daß diesem Einsatz des deutschen Journalismus die Anerkennung in Gegenwart und Zukunft nicht versagt sein wird.«

Seite 144 - Luftterror über Hannover, Hagen, Kassel und Frankfurt

Der Luftterror lebt wieder auf. In den letzten acht Tagen wurden Hannover, Hagen, Kassel und Frankfurt bombardiert.

Der Feind geht immer listenreicher vor. Vor dem Angriff auf Kassel stießen englische Flugzeuge nach Hannover und warfen über dem Stadtgebiet hundert »Weihnachtsbäume« ab, um die Abwehr glauben zu machen, daß Hannover der Schwerpunkt des Angriffs sei. Dann flogen sie, ohne eine Bombe abgeworfen zu haben, nach Kassel und schmissen alles herunter, was sie an Bord hatten.
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Madrid - Donnerstag, den 7. Oktober 1943 - ab nach Spanien

Gestern morgen um 8.30 Uhr verließ ich den Flugplatz Tempelhof mit Bestimmung Spanien. Auf dem Flughafen traf ich Rütger Essen, der die schwedische Gesandtin in Lissabon, Baronin Beck-Frijs, an die gleiche Maschine brachte, so hatte ich eine angenehme Reisegesellschaft.

Der Gatte der Baronin Beck-Frijs ist außer in Lissabon auch in London akkreditiert, wo er die schwedische Regierung bei der norwegischen Exilregierung vertritt.

Die Baronin mußte in Barcelona ihre Reise unterbrechen, weil das Flugzeug angeblich überfüllt und sie in Berlin nur unter Vorbehalt zur Beförderung für den Abschnitt Barcelona-Madrid angenommen worden war. Mein Versuch, bei der Lufthansa zu intervenieren, scheiterte. Später stellte ich fest, daß nur vier Passagiere den Flug fortsetzten und alle leeren Sitze mit Luftfracht, vorwiegend Propagandamaterial, belegt worden waren. Ein Vorfall, typisch für das Mißgeschick unserer Auslandspropaganda.

Keine Broschüre wird den Schaden wiedergutmachen können, der uns durch die schlechte Laune der Baronin Beck-Frijs über die mehrtägige Zwangsunterbrechung ihrer Reise entstanden ist. Für den Schlafwagenzug am gleichen Abend hätte die Gesandtin nämlich drei Wochen im voraus buchen, für den Tageszug am nächsten Morgen die ganze Nacht auf dem Perron (alter Begriff für Bahnsteig) anstehen müssen.
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Ab Lyon erhielt die Maschine Jagdschutz.

Zu dem kriegerischen Gehabe der deutschen Flieger auf dem Flugfeld von Lyon stand die Sorglosigkeit einer Gruppe französischer Filmkünstler, die am Rande der Piste Aufnahmen drehten, in merkwürdigem Kontrast.

In Lyon wurde uns ein Pappkarton mit unserem »Mittagessen«, bestehend aus einem Stück ungenießbaren Maisbrots, einem wurmstichigen Apfel, Roten Beeten und drei grünen Salatblättern, gereicht. Nach der Landung in Madrid Barajas fuhr ich in das mit den schönsten Antiquitäten vollgestopfte Haus Lazars.

Ich wohne im »Ritz«, das wie vor dem Bürgerkrieg den Tummelplatz reicher Leute bildet, die sich um vier Uhr nachmittags rasieren, um 23 Uhr zu Nacht essen und die Zwischenzeit schwatzend in Hotelhallen, Bars und Kaffeehäusern verbringen.

Madrid - Freitag, den 8. Oktober 1943 - ein Rundgang

Gestern abend gaben Lazars ein Diner, zu dem Mayaldes, Montarcos, Seefrieds, Betta Werthern und das Ehepaar Yebes geladen waren.

Yebes ist einer der Söhne von Romanones und ein Onkel von Casilda Mayalde. Heute mit Casilda im Prado. Wir begannen bei den Grecos, gingen dann zu den Velazquez' und endeten bei den Goyas. Im Souterrain warfen wir einen Blick in die Galerie des Herzogs von Alba, die bis zum Wiedererstehen seines im Bürgerkrieg abgebrannten Palastes im Prado Aufnahme gefunden hat.

Infolge neuer Schenkungen sind die Sammlungen des Prado noch reichhaltiger als vor dem Bürgerkrieg. Bei den Velasquez' beeindruckte mich die Blondheit der spanischen Habsburger. Mit Ausnahme von Philipp II waren sie alle groß und hatten helle offene Gesichter. Selbst die Kinderbildnisse strahlen fürstliche Würde aus. Goyas Könige - Carlos IV. und Ferdinand VII. - erscheinen dagegen als Abbilder von Dummheit und Degeneration.

Daß der Hof diese respektlosen Porträts duldete, zeugt für den Liberialismus der Epoche. Ein Maler, der die Großen unserer Zeit so konterfeien würde, hätte vermutlich im Konzentrationslager Gelegenheit, über seine Meisterschaft nachzudenken.

Mittags aß ich mit Gloria Fürstenberg in einer andalusischen Taverne. Sie war schön und elegant wie immer, aber abgemagert und voller Sorgen.
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Madrid - Samstag, den 9. Oktober 1943 - hoffnungslos unbegabt

Abends besuchte ich Dieckhoff. Der Botschafter ist zu Einsichten gelangt, wie man sie bei den politisch so hoffnungslos unbegabten Deutschen selten findet. In Madrid steht er etwas im Schatten seines Vorgängers Moltke, der sich in den nur drei Monaten seines Wirkens einen legendären Ruf erwarb, zu dem sein berühmter Name und seine imposante Erscheinung nicht wenig beitrugen. Weil Moltke zahlreiche Kinder hatte, hielten ihn die Spanier für einen Katholiken. Tatsächlich war Moltke evangelisch, während der Katholik Dieckhoff in Madrid für einen Protestanten gilt.

Madrid - Sonntag, den 10. Oktober 1943 - zwischen den Stühlen

Drinks mit Agathe Ratibor, Hexe Podewils und dem Herzog von Tetuan, einem alten Bekannten aus dem Bürgerkrieg. Abendessen mit Lazars und Seefrieds in der Stadt. Später trafen wir Gloria, Agathe und Frederico in einer »boite«, die jedoch um ein Uhr geschlossen wurde.

Gloria und Agathe werden von der deutschen Botschaft boykottiert, weil sie die Frist ihrer deutschen Auslandsgenehmigung überschritten haben.

Gloria hatte zudem das Pech, daß eine englische Illustrierte sie mit dem Filmkünstler Leslie Howard bei einem Frühstück in Madrid abbildete. Kurz darauf wurde das Flugzeug, in dem Leslie Howard von Lissabon nach England reiste, über der Biskaya von deutschen Jägern angegriffen. Während die Deutschen Gloria bezichtigten, mit dem Feind zu verkehren, nehmen ihr die Engländer übel, daß das Flugzeug mit dem Filmstar abgeschossen wurde. So leicht kann man sich in Madrid zwischen zwei Stühle setzen.

Sonderbare Familienverhältnisse bei "X"

Einen Nachmittag nahm Gloria mich auf einen Cocktail zu den X. (??), die sich seit dem Bürgerkrieg auf ein sechzehn Räume umfassendes Stockwerk in ihrem großen Palast zurückgezogen haben. Das durch einen großen Altersunterschied getrennte Ehepaar wohnt zwar unter einem Dach, hat sich aber so eingerichtet, daß jeder Teil seinen eigenen Interessen nachgehen kann.

So bewohnt die Marquise in der gemeinsamen Wohnung eine von dieser abgetrennte, nur durch eine Geheimtür erreichbare Garconniere, die sie unbemerkt betreten oder verlassen kann. Während meines Dortseins wurden auf der Etage gleichzeitig drei verschiedene Gesellschaften abgehalten.

Sobald neue Besucher gemeldet wurden, gab die Hausfrau Anweisung, sie, je nach ihrer politischen Schattierung, in diesen oder jenen Salon zu führen. Die Gäste in dem einen Salon hatten keine Ahnung, wer in dem anderen empfangen wurde.

Aus einem der Salons gelangte man in das Schlafzimmer des Hausherrn, der mit einem Hexenschuß zu Bett lag, aber um sich fünfzehn Leute versammelt hatte, die ihn zu unterhalten trachteten. Als wir den Raum betraten, war der Leidende durch die Teilnahme seiner Standesgenossen bereits so erschöpft, daß nach einem falangistischen Nationalrat geschickt wurde, dem die Aufgabe zufiel, den Kranken mit Witzen gegen das Franco-Regime aufzuheitern.

Der ältliche Marquis hatte seine Frau geheiratet, um ein Verhältnis mit ihrer Mutter aufrechterhalten zu können, die er bei einem Spaziergang in der Nähe seines Schlosses kennengelernt hatte.

Lissabon - Montag, den 11. Oktober 1943

Gestern früh fuhr ich mit Herr von Grote nach dem Escorial, zu welchem Dieckhoff im Sommerhaus seiner Vorgänger Stohrer und Moltke die Herzogin von Durcal, die Fürstin Isabel Metternich und uns zum Lunch eingeladen hatte.

Nach dem Mittagessen fuhren wir zur »Silla de Philipe II«, einem Aussichtspunkt, von dem der König den Bau seines Klosterschlosses verfolgt haben soll. Der Blick geht von dort über die Sierra de Guadarrama und die kastilische Ebene bis nach Madrid.

Die Landschaft in Ruhe zu genießen, war leider nicht möglich. Wir fanden fünfzehn Wagen der japanischen Botschaft vor, deren Insassen mit Kameras, Flaschen und Picknickkörben die Berghänge herauf- und herunterkletterten. Als sie Dieckhoffs ansichtig wurden, eilten sie alle herbei, um die Hand des deutschen Botschafter zu schütteln.

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