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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen euphorischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Dienstag, den 12. Oktober 1943 - es geht ab nach Lissabon

Dreimal in der Woche gibt es zwischen Madrid und Lissabon eine Flugverbindung. Ebensooft verkehrt der »Lusitania-Express«, ein Schlafwagenzug, der die Strecke in vierzehn Stunden bewältigt. Für die Verkehrsverhältnisse in Spanien ist es bezeichnend, daß beide Schnellverbindungen auf die gleichen Wochentage fallen.

Viermal in der Woche ist man auf einen gewöhnlichen Zug angewiesen, der 27 Stunden benötigt. Ich reiste um 21 Uhr von Madrid ab und traf am folgenden Tag um Mitternacht dort ein. Allein auf den Grenzstationen Valencia de la Alcäntara und Marvao hatten wir vier Stunden Aufenthalt.

In Entroncamento verlor ich durch Umsteigen noch einmal zweieinhalb Stunden.

Am Tage meiner Ankunft in Lissabon hatten Manöver begonnen. Einmal in der Woche wird die Stadt verdunkelt. Auf Anordnung der Polizei sind sämtliche Fensterscheiben zum Schutz gegen den Luftdruck explodierender Bomben mit Papierstreifen beklebt worden, die man mit künstlerischer Liebe angeordnet hat. Die Chromteile von Autos wurden mit blauer Tarnfarbe bestrichen.

Witzbolde behaupten, das Kleben und Malen erfolge zum Benefizium einer englischen Firma, die ihre portugiesischen Lagerbestände an den Mann bringen müsse. Andere wollen wissen, daß sich die Regierung über die Zwecklosigkeit dieser Maßnahmen völlig im klaren sei, sie aber trotzdem angeordnet habe, um die Disziplin der Nation zu erproben. Ich wohne im »Avenida Palace Hotel«, einem altertümlichen Bau am Bahnhof, in dem es äußerst geräuschvoll zugeht.

Mittwoch, den 13. Obtober 1943 - Wir haben in Lissabon 240 Mitarbeiter

Die deutsche Gesandtschaft umfaßt 240 Mitglieder, verglichen mit 800 der Botschaft in Madrid, die in über die ganze Stadt verstreuten Gebäuden arbeiten. Hüne bewohnt ein Palais, in dem Freddy Horstmann die schönsten Jahre seiner Karriere verlebte.

Der Gesandte unterscheidet zwischen Menschen, denen er zutraut, daß sie ihm seinen Posten abjagen möchten, und solchen, von denen er dies nicht annimmt. Angesichts des Dranges so vieler Leute, aus der Berliner Zentrale ins neutrale Ausland versetzt zu werden, eine sehr berechtigte Differenzierung.

  • Anmerkung : Wer in Berlin "die richtigen" Beziehungen hatte, der wurde irgendwie (auf geheimnisvolle Weise) in eine der beiden deutschen Vertretungen (Konsulate) oder deutschen Botschaften der beiden "neutralen" Staaten auf der iberischen Halbinsel "deligiert".


Sein Personal, einschließlich des Landesleiters, hält Hüne in strenger Zucht. Den Portugiesen begegnet er mit Zuneigung, was auf Gegenseitigkeit beruht. Heute kam die Nachricht über das Azoren-Abkommen zwischen Portugal und den angelsächsischen Mächten. Hüne war bekümmert darüber, daß Salazar, mit dem er gut steht, ihm kein Wort davon gesagt hatte, und daß Berlin zuerst aus Madrid unterrichtet wurde, als von dort Jordana Dieckhoff die Neuigkeit mitteilte.

Auf einem Frühstück bei Odal Knigge erschienen ein Sohn des Großindustriellen Otto Wolff mit seiner jungen Frau und der Anwalt Krehl, Vermögensverwalter der beiden letzten Königinnen von Portugal. Den Abend verbrachte ich bei den Seligos, die ein reizendes kleines Haus bewohnen, das in Irene Seligos »Delphina« eine Rolle spielt.
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Donnerstag, den 14. Oktober 1943 - noch in Lissabon

Mittagessen bei Hünes mit Generalkonsul Eggerth, den ich kurz vor Kriegsausbruch in Jerusalem getroffen hatte. Nach dem Lunch sprachen wir ausführlich über die Azorensache. Nachmittags lud Klein in die Presseabteilung zu einem Tee, bei dem lokale Journalisten und der Direktor des Propagandaamtes erschienen.

Diner bei Ricardo Espirito Santo, einem Freund von Freddy Horstmann und Inhaber der bedeutendsten Privatbank Portugals, die unten am Hafen in einem schönen alten Palast untergebracht ist. Wir speisten mit den vier bildhübschen Töchtern des Bankiers von chinesischem Porzellan und herrlichem altem portugiesischem Silber und sprachen dann lange über Politik.

Freitag, den 15. Oktober 1943 - Flug nach Madrid

Mittags bei Major Fell, dem Scherl-Korrespondenten. Cocktail mit Clauss im Palace-Hotel. Die Bar war gefüllt mit Engländern, meist Frauen und Kinder, die, von Amerika kommend, nach England zurückkehren und in Estorii auf Flugzeuge warten. Die Abflugzeiten sind geheim, so daß die Reisenden erst kurz vorher benachrichtigt werden.

Abendessen beim Pressebeirat Klein. Anschließend im Casino, das einen trostlosen Eindruck macht. Vormittags elf Uhr gehts ab nach Madrid. Auf dem Flugfeld erzählt mir der deutsche Flugleiter, Graf Beroldingen, er habe Befehl aus Berlin, eine in Lissabon seit dem Abfall Italiens stehende italienische Verkehrsmaschine nach Berlin zu überführen und die italienische Besatzung als Passagiere mitzunehmen. Er sei ratlos, wie er diesen Auftrag durchführen solle.

Im Flugzeug war der Graf von Maura, ferner ein Schweizer Kurier und Kriegsgefangenenpost, die Vorrang vor Passagieren hat.

Madrid - Samstag, den 16. Oktober 1943 - Besuch auf dem Land

Mittags bei Lazar, dann in die Calle Velazquez zu Mayaldes. Aufbruch nach Toledo und Pepes Finca »El Castaiiar«. Ein merkwürdiges Gefühl, nach so vielen Jahren auf der Straße Madrid-Toledo durch alle jene umkämpften Dörfer zu fahren, in denen ich während des Bürgerkrieges so viele Monate als Journalist den Ereignissen an der Front folgte. Torrejon de Velasco, Illescas und viele andere berühmte Namen tauchen auf.

Die Physiognomie der Landschaft die gleiche wie damals. Melancholische Weite, gelb verbrannte Erde, lehmfarbene Bauerhütten, über denen sich Kathedralen in die strenge Bläue des kastilischen Himmels erheben. In Toledo betrachten wir in der Kirche San Antonio Grecos »Begräbnis des Grafen Orgaz«, in der Kathedrale Grecos und Goyas.

Pepe Mayalde ist in Toledo eine stadtbekannte Figur. Aus Winkeln und Gäßchen stürzen Leute herbei, um ihn zu sehen und Wünsche vorzutragen. Bettler küssen den Saum seines Rockes.

Als wir gegen 18 Uhr auf der Finca eintreffen, wird mit spanischer Ausführlichkeit erörtert, ob wir erst Tee trinken, erst dinieren oder erst einen Cocktail nehmen, in Castanar bleiben oder gar in Toledo speisen sollen. Oder ob es am Ende besser sei, überhaupt nicht zu essen und einen Spaziergang zu machen! Schließlich werden Rebhühner und Tee serviert.

Die Finca trägt ein ganzes Gebirge, in dem es noch echte Räuber und viele kleine Wildschweine geben soll. Von dem vor vierzig Jahren erbauten Schloß geht der Blick über Gärten mit Steineichen und Oliven. Mayaldes Kinder schlafen in Zimmern, so groß wie Tanzsäle, von deren Wänden alte Meister blicken.

Das Gesinde des Gutes versammelt sich, um den Herrn zu begrüßen. Sein Auto umstehend, rührt es sich nicht von der Stelle während der Stunden, die wir im Schloß zubringen. Über viele Schultern hängen Gewehre. Solche patriarchalischen Zustände findet man hier überall auf dem Lande, wo das Verhältnis zwischen Herr und Diener nichts von seinem Sinn verloren, die Bauern freilich auch nicht gehindert hat, ihre Grafen umzubringen, als sich im Bürgerkrieg die Gelegenheit dazu bot.

Spanien 1943 und Francos Pressezensur

Lunch bei Tertsch mit Victor Laserna und spanischen Journalisten, die sich über die Pressezensur ereiferten. Die spanische Presse wird womöglich unter noch erschwerenderen Umständen gemacht als die Zeitungen in Deutschland und Italien.

Selbst unpolitische Witze sind verpönt; Witze über Männer, weil sie als Familienväter, Witze über Frauen, weil sie als Mütter respektiert werden müssen. Witze über Kinder, weil sie den größten Schatz der Nation darstellen. Dabei haben die Spanier im Unterschied zu den Italienern viel Selbsthumor. Bei Tertsch traf ich Spitzi, der jetzt in Spanien industrielle Interessen wahrnimmt, ein neues Kapitel seiner wechselvollen Karriere, die ihn über die Dienststelle Ribbentrop und die Botschaft in London in die Berliner Coca-Cola-Vertretung und in eine Dolmetscherstelle bei der Wehrmacht führte.

Italien erklärt Deutschland den Krieg - hinter den Kulissen

Inzwischen hat Badoglio uns den Krieg erklärt. Ein dritter Sekretär der italienischen Botschaft, der erst kürzlich von Lissabon nach Madrid versetzt worden war, meldete sich bei Dieckhoff, der ihn zunächst nicht empfing, weil er sich den Grund des Besuches nicht erklären konnte.

Der Italiener ließ sich jedoch nicht abweisen, so daß der Botschafter ihm schließlich einen Termin gab. Kaum hatte der Emissär das Zimmer des deutschen Missionschef betreten, als er aus seiner Tasche einen Brief zog.

Schon den ersten Zeilen entnahm Dieckhoff die Kriegserklärung. Er faltete den Brief wieder zusammen, gab ihn dem Italiener zurück und wies ihm die Tür. Der Abgesandte wurde dann von Stille, Dieckhoffs Vorzimmermann, auf die Straße geleitet, um zu verhindern, daß er den Brief nicht doch noch irgendwo plazierte.

Am Abend dieses Tages brachte die Presse eine Notiz der italienischen Botschaft, in der es hieß, dem Botschafter Dieckhoff sei die italienische Kriegserklärung ausgehändigt worden. Dieckhoff stellte bei Jordana den Tatbestand richtig und erreichte ein Dementi in der spanischen Presse.

Der Episode war ein gescheiterter Versuch Dieckhoffs vorausgegangen, den hiesigen italienischen Botschafter, Marchese Palucci, für Mussolini zu gewinnen. Obwohl Palucci mehrere Jahre Mussolini als Sekretär nahegestanden hatte, entschied er sich für den König.

Da dem Vertreter des Reiches daran lag, daß die italienische Botschaft in Madrid auf der Seite der Achse blieb, tat er ein weiteres und erwirkte über Berlin einen telephonischen Anruf Mussolinis bei Palucci. Der ahnungslose Diplomat wurde zu diesem Zweck in die deutsche Botschaft gebeten, in der das Telephonat mit dem Duce einen ungestörten und zugleich kontrollierten Verlauf nehmen konnte, ohne freilich zu dem erhofften Ergebnis zu führen.

Dienstag, den 19. Okiober 1943 - von Madrid nach paris

Samstag abend reiste ich im Nachtzug von Madrid nach San Sebastian, um auf dem Weg nach Paris dort einen Tag zu überschlagen und Wiedersehen mit einer Stadt zu feiern, in der ich während des Bürgerkrieges viele Wochen verbracht hatte.

Beim Übertritt nach Frankreich wurden meine Papiere in Hendaye von einem deutschen Bahnhofsoffizier inspiziert, der mich zu einem illegalen Devisengeschäft zu ermuntern versuchte. Nachdem ich auf diesen Handel nicht einging, wollte mich dieser Vertreter der Reichs-Hoheit in einen Parfum-Schmuggel einweihen, den er von Frankreich nach Spanien organisiert hatte! In Hendaye wurden für den nächsten Tag 2.000 Kosaken erwartet, die den Grenzschutz übernehmen sollen.

Mein Quartier ist im »Ritz«

In Paris hatte Sieburg für mich im »Ritz« Quartier gemacht, dessen eine Hälfte für Gäste des Militärbefehlshabers im Generalrang reserviert worden ist, während die andere dem französischen Publikum offensteht. Im Speisesaal wimmelte es von deutschen Generälen, von Gesandten aus dem Auswärtigen Amt, die in der Archiv-Kommission tätig sind, und von Kriegsbummlern, die man in Frankreich überall antrifft.

Von der Hotelhalle aus konnte ich beobachten, wie alle Augenblicke irgendein deutscher General einer Wehrmachtslimousine entstieg, mit Paketen anscheinend so kostbaren Inhalts beladen, daß sie weder der Ordonnanz noch dem Liftboy zur Beförderung aufs Zimmer anvertraut werden konnten. Das französische Hotelpersonal sieht solchen Szenen mit spöttischer Liebenswürdigkeit zu.

Die Möbel aus der russischen Botschaft "entnommen"

Die Botschaft wird von Schleier geführt, der aus dem Käsehandel kommen soll. Der Presseabteilung steht Schwendemann vor. Er steuert das gesamte französische Informationswesen, angefangen von den Tageszeitungen bis zu Magazinen und Kinderzeitschriften.

Die Presseabteilung, in einem Gebäude neben der Botschaft in der Rue de Lille untergebracht, hat sich mit prachtvollen Möbeln aus der russischen Botschaft und dem französischen Außenministerium eingerichtet. Wer für diese Eingriffe in fremdes Eigentum verantwortlich ist, läßt sich nicht ermitteln.

Donnerstag, den 21. Oktober 1943 - Paris im fünften Kriegjahr

Der Pariser Geschmack feiert selbst im fünften Kriegjahr sein Triumphe. Vom Luxusgegenstand bis zum einfachsten Gebrauchsartikel gibt es hier nichts, was nicht hübsch wäre, im Unterschied zu den Läden bei uns, in denen man kaum noch etwas findet, das nicht häßlich ist.

Dabei sind viele Artikel aus Ersatzstoffen gefertigt. Schuhe mit Holzsohlen und Damentaschen aus Stoff sind so elegant gearbeitet, daß niemand nach echten Sachen fragt, die auf dem schwarzen Markt auch erhältlich wären. Selbst aus der Not machen die Franzosen noch eine Mode.

Man trägt in Ermangelung von Wollfilzen Turbane, mit denen sich in Berlin keine Frau sehen lassen könnte, ohne angepöbelt zu werden. In Ermangelung von Autos und Pferdedroschken bewegt sich die elegante Welt zu Rade.

Einen Nachmittag besuchte ich mit Sophie Barcelot eine Modenschau bei Jean Picquet, wobei dort jeden Nachmittag Vorführungen stattfinden, die so stark frequentiert werden, daß man kaum einen Platz erhält. Gezeigt werden Kostüme, Morgenröcke, Nachmittags- und Abendkleider. Entzückende junge Mädchen verkaufen Clips, Ohrringe und Broschen, die die Mannequins bei der Vorführung getragen haben.

Die Preise sind sehr hoch. Ein Abendkleid kostet 25.000 Franken, ein Kostüm 15.000 Franken, ein Nachmittagskleid 9.000 Franken. Für Modellhüte werden 3.000 Franken verlangt, eine hübsche Tasche kann man nicht unter 2.500 Franken erstehen, worauf noch die Luxussteuer hinzukommt. Die Leute leben hier so, als wenn es nie einen Krieg gegeben hätte, und als wenn Frankreich diesen Krieg nie verloren hätte!

Dennoch nirgendwo Deutschfeindlichkeit

Die Maniküre im »Ritz« erzählt mir, daß man Kaffee auf dem schwarzen Markt nicht mehr erhält, weil die Schleichhändler ihn für die Amerikaner aufheben. Deutschfeindlichkeit habe ich nirgendwo feststellen können und von den berüchtigten Attentaten nichts gemerkt.

Selbst nachts in der Metro, in der verschlafene Blitzmädchen und Soldaten sitzen, scheinen Spätheimkehrer in deutscher Uniform keinen Gefahren ausgesetzt. Dabei sieht man mehr Wehrmacht in Paris als vor zwei Jahren.

Für jeden von Unruh für die Ostfront in Paris requirierten Deutschen kommen zwei neue. Die vielen Blitzmädchen in ihren unglücklich geschnittenen Uniformen, unberührt von Puder und Lippenstift und mit Frisuren a la Scholz-Klinck, erwecken eher Mitleid als Mordgelüste. Doch hat ihre Gegenwart ein Nachlassen der vielen Freundschaften zwischen deutschen Soldaten und Französinnen bewirkt.
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Am Abend mit Helene im »Lido«

Tee bei Helene Biron, die im Palais ihres Onkels, des Marquis de Jeaucourt, in der Rue de Varennes im Faubourg St. Germain eine Suite bewohnt. Treffe dort Beaumonts, Kalle Arco, Elisabeth Ruspoli, Ruvier und Megre, zwei Freunde von Lally Horstmann sowie Sophie Barcelot. Am Abend mit Helene im »Lido«, das heruntergekommen ist und seine hübschen Tänzerinnen in zweitklassigen Kostümen und vor schäbigen Dekorationen auftreten läßt. Auf dem Heimweg kassiert ein Fiaker für eine Fahrt von zehn Minuten 350 Franken!

Essen mit Erich Richter in einem baskischen Restaurant, das sich in einen Klub verwandelt hat, um Lebensmittel vom schwarzen Markt servieren zu können. Rotspanische Kellnerinnen tragen ein gutes Essen auf, das für drei Personen 2.500 Franken kostet. In Horchers »Maxim«, dem zur Zeit teuersten Lokal von Paris, trifft man fast ausschließlich Deutsche. Im Hotel »Ritz«, ebenfalls unter deutscher Regie, kann man für 130 Franken ein Menü bekommen, für das man im »Maxim« 1.000 Franken ausgeben muß.

Sonntag, den 24. Oktober 1943 - Rückfahrt nach Reelkirchen

Donnerstag abend Souper mit Klee und Tankmar Münchhausen im »Ritz«. Anschließend auf den Bahnhof nach Deutschland.

Die Strecke führt über Aachen, Köln, Duisburg, Essen, Düsseldorf und Dortmund, die einem riesigen Städtefriedhof gleichen. Hamm ist die erste nicht zerstörte Stadt.

Als ich mit Marietti, die mich in Bielefeld abholte, in der Straßenbahn von Detmold nach Meinberg sitze, gibt es Luftalarm, so daß wir den Weg zu Fuß fortsetzen müssen. Anderthalb Stunden lang brausen Hunderte von Flugzeugen über uns weg. Dann steigt in Richtung Kassel ein blutroter Feuerschein auf.

Über unseren Häuptern entwickelt sich eine Luftschlacht, bei der fünf brennende Bomber zur Erde stürzen. Wie eilen in ein Bauernhaus, um nicht von den Trümmern erschlagen zu werden. Im Dorfe Tintrup bei Reelkirchen, in dem Phosphorbrandbomben eine Scheune in Brand gesetzt haben, wirft ein Flieger in das offene Feuer eine Sprengbombe, die ein Bauernhaus abdeckt.

Das alles im nächsten Umkreis von Reelkirchen und dem Hause, wohin ich Marietti und Georgine wegen der Luftgefahr aus Berlin evakuiert habe. Das ist die Sicherheit auf dem Lande!

Freitag, den 29. Oktober 1943 - Friedensgedanken in Frankreich

Gespräche mit dem französischen Botschafter Scapini und dem italienischen Geschäftsträger Rogeri. Seit ich Scapini vor zwei Monaten sah, haben sich seine politischen Ansichten versteift. Vor zwei Monaten hielt er einen deutsch-französischen Frieden auf der Basis möglich, daß die französischen Küsten von uns besetzt bleiben und verteidigt werden, und Deutschland das Elsaß behält und Frankreich nur Lothringen zurückgibt.

Jetzt verlangt Scapini einen deutsch-französischen Frieden ohne Annektionen, die für das französische Volk untragbar seien und die Atmosphäre zwischen Deutschland und Frankreich vergiften würden.

Ein Gedanke Scapinis geht dahin, daß man die Alliierten der Schlagworte berauben müsse, in deren Zeichen sie Krieg führen. Das Schlagwort vom »Befreiungskrieg« könnte Deutschland beseitigen, indem es durch Wiederherstellung des Status quo ante die »Befreiung« überflüssig mache.

Der »Krieg für die Demokratie« erledige sich dann von selbst. Scapini schlägt vor, daß Frankreich um Frieden nachsuchen und Deutschland ihn gewähren soll. Er erinnert daran, daß Frankreich bereits im Herbst 1940 und im August 1941 einen Ausgleich mit Deutschland gewünscht habe.

Die Kriegsgefangenenfürsorge für Franzosen

Der Botschafter kam dann auf die Kriegsgefangenenfürsorge zu sprechen und beklagte sich über die Unmöglichkeit, in Deutschland eine »zuständige« Persönlichkeit zu finden, mit der er diese Frage behandeln könne.

Die psychologischen Fehler in der Behandlung der Kriegsgefangenen seien nach wie vor unbeschreiblich. Kürzlich habe man einen französischen Kriegsgefangenen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich nach seiner Freilassung von seinem Arbeitgeber, einer Bäuerin und ihrer Tochter, mit einem Kuß auf die Backe verabschiedet habe.

Nichtsdestoweniger haßten die französischen Kriegsgefangenen Deutschland nicht. Als die russischen Erfolge begannen, habe er in den Lagern eine Besserung der Stimmung feststellen können, weil die Leute hofften, nunmehr bald in Freiheit gesetzt zu werden. Jetzt, da die russischen Fortschritte größer als angenommen seien, wollten die französischen Kriegsgefangenen immer wieder wissen, ob Deutschland auch die notwendigen Maßnahmen getroffen habe, um die Russen an einer Überrumpelung Europas zu hindern. Sie seien weit davon entfernt, sich über die russischen Erfolge zu freuen.

Die italienischen Botschaftsmitglieder waren interniert

Rogeri, der fließend Deutsch spricht, schilderte die Lage der in Garmisch internierten italienischen Botschaftsmitglieder. Als er sie Ende September besucht habe, seien die meisten menschliche Wracks gewesen.

Lanza, Ridorni und die übrigen zwanzig hätten in der Einsamkeit von Garmisch den gleichen Entschluß gefaßt wie 45 Millionen Italiener und sich weder für Badoglio noch für Mussolini entschieden, weil sie jede Form von Regierung über seien. Gleiches gelte für Italien selbst, wo die Leute auf die Bäume flüchten, sobald sich irgendeine Regierung an sie wende.

Die geistige Anarchie sei vollkommen. In Mailand und anderen italienischen Städten hätten die Listen für Neueintragungen in die faschistische Partei wieder geschlossen werden müssen, weil sich niemand melde. Rogeri trägt die furchtbare Lage seines Vaterlandes mit viel Haltung. Im Grunde weiß er so wenig wie sein Chef Anfuso, an wen er glauben soll.

Rogeri berichtet, die einzigen Mitglieder der italienischen Königsfamilie, die sich noch bei ihrem Vater Viktor Emanuel III. befänden, seien der Kronprinz und der Herzog von Bergamo. Von Alfieri nimmt er an, daß er in die Schweiz geflüchtet ist, während Ciano auf Wunsch Mussolinis von Bayern an einen Ort Oberitaliens gebracht worden ist, an dem er "sein Schicksal erwarte".
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Donnerstag, den 4. November 1943 - Konferenz von Moskau

Zum Ergebnis der Moskauer Konferenz ist zu sagen, daß es den Russen darauf ankam, von ihren westlichen Verbündeten eine Zusage für die zweite Front an einer Stelle außerhalb ihrer eigenen Interessensphäre zu erhalten, also nicht auf dem Balkan.

Wenn die Angelsachsen bisher damit rechnen konnten, daß der Kampf zwischen Deutschland und Rußland noch eine Zeitlang hin und her wogen würde, so müssen sie jetzt befürchten, daß die Russen nicht nur Deutschland, sondern auch andere Teile Europas übernehmen werden.

Sie dürfen daher keine Zeit mehr verlieren, wenn sie in der Kernzone des Kontinents Fuß fassen wollen. Italien hat nur die Bedeutung einer Nebenfront.

Mit einer Invasion Westeuropas werden wir im Frühjahr 1944 rechnen müssen. Die Erwähnung Österreichs im Moskauer Kommunique läßt darauf schließen, daß Österreich die östlichste Position ist, die den Angelsachsen in Europa eingeräumt wurde.

Der angekündigte Abschluß eines zwanzigjährigen Allianzvertrages zwischen Moskau und der Benesch-Regierung bedeutet, daß die Tschechoslowakei zur russischen Sphäre gehören wird.

Die Aufteilung der europäischen "Sphären"

Obwohl die Trennung Europas in Einflußzonen auf der Moskauer Konferenz bestritten wird, darf man doch annehmen, daß dort so etwas wie eine Demarkationslinie abgesteckt worden ist, die dem Lauf der Elbe folgt.

Für uns ergeben sich folgende Möglichkeiten:

  • 1. Wir werfen die Russen zurück und schrecken die Westmächte von einer Invasion Westeuropas ab.
  • 2. Die Russen rücken weiter vor, und die Angelsachsen landen in Westeuropa.
  • a) Es gelingt uns, die Invasion abzuwehren und die Angelsachsen ins Meer zu treiben. Dann ergibt sich vielleicht die Chance, mit den Russen zu einem Separatfrieden zu kommen.
  • b) Die Invasion hat Erfolg. Wir geraten in die Zange zwischen den Armeen der Westmächte und der Russen. Nachdem wir auch im Süden kämpfen müssen, hätten wir einen Dreifrontenkrieg.

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Seite 161 - Montag, den 15. November 1943 - noch mehr Luftalarme

Wochenende im Schloß Lichterfelde bei Leo und Ebba Fürstenberg. Nach einer Radeltour von sechs Kilometern durch eine herrliche Mondnacht treffe ich in dem Augenblick ein, als Luftalarm gegeben wird. Zehn Minuten später fallen zwei Bomben in nächster Nähe.

In Berlin Lichterfelde haben wir einen Teil unserer Sachen sichergestellt. Andere sind in Reelkirchen und in Kerzendorf, der Rest in Berlin. Alle diese Quartiere, obschon weit auseinanderliegend, sind von Bomben getroffen worden oder waren durch Bombenwürfe in ihrer nächsten Nachbarschaft bedroht. Nur das Haus meiner Mutter in Potsdam ist bisher unversehrt geblieben.

Die Luftalarme beginnen jetzt in der Regel zwischen 19.30 und 20 Uhr und dauern meist eine Stunde. Geschossen wird wenig. Die frühe Stunde der Angriffe ist angenehm, da man hinterher in Ruhe essen und sich in dem Gefühl ZU Bett legen kann, für den Rest der Nacht nicht mehr gestört zu werden.

Letzten Donnerstag gab Werner Blumenthal ein Essen für Generaloberst Loerzer und General Dahlmann mit ihren Damen. Beide gehören zu den engeren Mitarbeitern Görings und ähneln ihm in der Art, sich zu bewegen und zu sprechen. Loerzer hat die gleichen Augen wie sein Chef und trug ein Flugzeugführerabzeichen in Brillanten.
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Mittwoch, den 17. November 1943 - Bericht vom Balkan

Die Russen sind bei Schitomir vorgestoßen mit der offensichtlichen Absicht, unsere südliche Heeresgruppe abzuschneiden. Nach dem Schicksal der Krim-Armee, die aus acht rumänischen und drei deutschen Divisionen bestehen soll, wagt man kaum zu fragen.
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Bei Schitomir wird hart gekämpft, um den Keil der bis dorthin vorgestoßenen Heressäule des Generals Watutin einzuengen. Nach russischen Berichten ist dieser Keil dreißig Kilometer breit.

Marschall Antonescu hat dem Führer mitgeteilt, seine Stellung in Rumänien nicht halten zu können, wenn seine Truppen auf der Krim verlorengehen.

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