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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen eupho- rischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - und hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Freitag, den 18. Februar 1944 - Waldspaziergang mit Karajan

Besuch bei Dippes in Wilkendorf(15km östlich von Berlin), bei denen ich Oyarzäbals und die Karajans vorfinde. Vor dem Abendessen langer Waldspaziergang mit Karajan, der sich bitter über Furtwängler beklagt, der alles tun soll, um Karajans Aufstieg zu unterbinden, ihm die Philharmonie gesperrt hat und ihn in Wien nicht dirigieren lassen will. Furtwänglers Eifersucht soll durch einen Zeitungsartikel über »Das Wunder Karajan« geweckt worden sein.

Seite 199 - Samstag - 19. Februar 1944 - durch die Nacht geradelt

Zur Nacht bei Leo Fürstenberg in Lichterfelde. Wie gewöhnlich klappt die Verbindung von Eberswalde dorthin nicht. Mit Bildern, Leuchtern und Paketen beladen, verschaffe ich mir in Eberswalde ein Stahlroß und radle durch die eiskalte Nacht und den dunklen Wald die sechs Kilometer nach Lichterfelde. Was tut man nicht alles, um ein paar irdische Güter an einen bombensicheren Ort zu schaffen.

Montag, den 21. Februar 1944 - die Nacht mit dem bissigen Hund

Mit Helga Nehring und einem Ehepaar de Notaristefani zum Wochenende in Münchehofe (Unterspreewald), dort haben die Strempels eine Jagd mit dazugehörendem Haus gepachtet. Tief im Forst versteckt, bietet diese Klause ebenso wie das benachbarte Sommerhäuschen von Tino Soldati, in dem ich untergebracht bin, ein ideales Refugium vor den Luftangriffen.

Die Fahrerei von Berlin über Königswusterhausen dorthin ist denkbar mühsam und nur mit Hilfe des in die gleiche Gegend »ausgewichenen« bulgarischen Presseattaches Bobeff zu bewerkstelligen, der einen Holzgaswagen besitzt.

Die Gräfin de Notaristefani ist eine böhmische Industriellentochter, ihr aus Tarent gebürtiger Mann ein italienischer Kavallerieoffizier, dem es nach dem Abfall Badoglios gelang, in die Heimat seiner Frau zu entkommen.

Abends erschien Aga Fürstenberg, Max Schaumburg und Pepe Carcer zum Bridge. Als ich spät in der Nacht meine zu Fuß fünf Minuten entfernt liegende Bleibe aufsuche und im Dunkeln in das für mich zurechtgemachte Zimmer stolpere, trete ich auf ein weiches Fell, das ich für einen Bettvorleger halte, bis mich ein wütendes Knurren belehrte, daß ich auf den ungarischen Schäferhund des Kunstmalers Scholz getreten bin, von dem Tino das Haus gemietet hat.

Seite an Seite mit dieser nicht aus meinem Schlafzimmer weichenden, äußerst bissigen Bestie verbringe ich eine unruhige Nacht, bis mich am Morgen Tinos spanischer Diener Enrique aus meiner Lage befreit.

Dienstag, den 29. Februar 1944 - ein Besuch n Pommern

Zwei Tage in Pommern bei Gerda Blumenthal in Puddiger, bei der ich Herrn Schimmelpfennig, einem älteren Dendrologen aus Kassel begegne, dem der Kragen eine Hand weit vom Halse steht und der einen völlig verhungerten Eindruck macht.

Offensichtlich gehört er zu jenem unglücklichen Teil des deutschen Volkes, der von Normalrationen leben muß. Einem anderen Gast, Fräulein Müller, das als Wohnungsreferentin beim Reichsminister Speer tätig ist, steht der Mund nicht still über ihre Erfahrungen beim Besorgen von Villen für die Mitglieder der hohen Partei- und Staatshierarchie.

Wieder zurück in Berlin

Frühstück mit Luis Luti im Hotel »Adlon«, on welchem dem argentinischen Geschäftsträger und seiner Frau ein ungeheiztes einbettiges Gemach angewiesen worden ist. Crucita Luti serviert auf einem Celluloidgeschirr ein ländliches Picknick aus Kartoffelsalat und kaltem Fleisch.

Dazu gibt es Wasser und einen Thermoskaffee, ein erstaunliches Mahl, wenn man sich vorstellt, daß Luti der diplomatische Repräsentant des größten Staates von Südamerika und das »Adlon« das vornehmste Hotel im Großdeutschen Reich ist!

Luti zeigt sich über die Entwicklung in Argentinien erregt, über die er nur Unvollständiges gehört hat. Er und seine Frau leben in Grünheide und kommen nur tagsüber in die Stadt. Die Mitglieder seiner Botschaft sind überall verstreut, mit diesem Zustande zufrieden und weigern sich, auf ein Landschloß zu gehen, das ihnen das Auswärtige Amt zur Verfügung stellen würde. Die Söhne der argentinischen Diplomaten besuchen die Berliner Universität.

Mittwoch, den 1. März 1944 - finnischen Friedensgerüchte

Politisch stehen die finnischen Friedensgerüchte im Vordergrund. Gestern abend berichtete die »Prawda« über eine Fühlungnahme zwischen Finnen und Russen in Stockholm.

Offensichtlich ist dieser erste Gedankenaustausch ohne finnische Rückfrage bei uns erfolgt. Der deutsche Gesandte hat vor acht Tagen den Finnen bedeutet, daß wir den Abschluß eines Separatfriedens als Verrat ansehen würden. Obwohl die finnische Krise seit drei Wochen die Weltpresse beschäftigt, haben war keine Stellung bezogen. Auch heute wurde jeder Kommentar untersagt, womit alle Möglichkeiten, die Entwicklung publizistisch zu beeinflussen, blockiert werden.

Die türkische Frage brennt ebenfalls

Auch in der türkischen Frage wäre eine Stellungnahme dringend erwünscht. Botschafter von Papen verlangt, daß wir den Türken Argumente zuspielen für ihre Weigerung, an der Seite Englands in den Krieg zu treten.

Wie immer zeichnet sich seine Berichterstattung durch Offenheit und Mut aus. Kein Botschafter wagt eine ähnliche Sprache.

Ribbentrop ist über Papens, von den »Gesinnungstelegrammen« anderer Missionschefs sich abhebenden Stil um so verärgerter, als er seinen Eindruck auf den Führer nicht verfehlt.

Obschon man nicht behaupten kann, daß Hitler Papen folgt, schätzt er es doch, ihn anzuhören. Auf Besuch in Deutschland, wird Papen, meist noch bevor er Ribbentrop gesehen hat, ins Führerhauptquartier befohlen. Ribbentrop, der überall Rivalen wittert, wird durch diese Zusammenkünfte aufs äußerste irritiert.

In mancher Hinsicht erinnert Papens Verhältnis zu Hitler an das Talleyrands zu Napoleon, mit dem Unterschied freilich, daß viele Deutsche Papen wegen der gleichen Haltung hassen, die sie bei Talleyrand so sehr bewundern.

Donnerstag, den 9. März 1944 - Die Amis kommen mit Flugzeugen

Am Samstag, den 4. März erscheinen zum ersten Mal amerikanische Flugzeuge in der Nähe Berlins. Das amerikanische Kommunique spricht von einer »Offensivstreife« über der Reichshauptstadt.

Am Montag, dem 6. März, findet der erste von Amerikanern durchgeführte Tagesangriff auf Vororte im Südosten und Südwesten und auf Königswusterhausen statt. Nach einer Pause am Dienstag erfolgt Mittwoch ein größerer Tagesangriff gegen Außenbezirke.

Amerikaner-Alarm wird meist gegen 13 Uhr gegeben. - Im Unterschied zu den englischen Nachtangriffen, die selten länger als 45 Minuten dauern, dehnen sich die amerikanischen Tagesangriffe auf zwei bis drei Stunden aus. Während die Engländer vorzugsweise in dunklen Nächten und bei schlechtem Wetter angreifen, ziehen die Amerikaner Klarsicht vor.

Montag und Mittwoch blaute ein wolkenloser Himmel. Werfen die Engländer schnell und ziellos - ihre Spezialität sind Bombenteppiche - so lassen sich die Amerikaner viel Zeit und machen zwei bis drei Anflüge, bevor sie die Bomben ausklinken.

Eben - es ist 12.40 Uhr - gibt es wieder Vorwarnung.
Wir verbringen zwei Stunden im Bunker. Getroffen wurde der Osten der Stadt.

Im »Adlon«-Bunker

Der Aufenthalt im »Adlon«-Bunker ist alles andere als angenehm, die Luft schlecht, das Gedränge groß. Da die Alarme in die Mittagszeit fallen und nach der Entwarnung der Speisesaal des Hotels geschlossen bleibt, geht man meist »ungegessen« ins Büro zurück.

Sonntag, den 12. März 1944 - Die Ereignisse in Ungarn

Die abgelaufene Woche stand unter dem Eindruck der Ereignisse in Ungarn. Nachfolger von Kallay ist nicht Imredy, sondern der hiesige ungarische Gesandte Sztojay, ein abgebraucht wirkender alter Herr, geworden.

Er war sechzehn Jahre Militärattache und Gesandter in Berlin, ist Feldmarschall-Leutnant der k.u.k. Armee, kroatischen Ursprungs und ein intimer Freund Horthys. Daß er uns gut bedient, darf man hoffen. Aber wird er der innenpolitischen Lage Ungarns Herr werden? Die dem neuen Gesandten Veesenmeyer, einem Fachmann im Bilden von Satellitenregierungen, erteilten Vollmachten gehen weiter als diejenigen Bests in Dänemark oder Abetz' in Frankreich. So wird er dem Militärbefehlshaber in Ungarn gleichgesetzt.

Sein Vorgänger, Jagow, der seiner Aufgabe kaum gewachsen war, kehrt ins Auswärtige Amt zurück. Zu Jagows Entlastung kann angeführt werden, daß er sich in die diplomatische Karriere nicht gedrängt hat und seine Berufung zum deutschen Gesandten in Budapest als Strafe betrachtete.

Ungarn für eine tätige Teilnahme am Kriege zu gewinnen, bildet ein schwieriges Unternehmen, obschon die Russen an seinen Grenzen stehen. Der Landhunger der Bevölkerung ist ungestillt.

Die Hocharistokratie, die zur Zeit der k.u.k. Monarchie begabte Politiker hervorbrachte, ist politisch nicht mehr aktiv. Nach 1918 gaben die Abkömmlinge der großen Familien zu erkennen, daß sie die politische Bühne Ungarns für zu unwichtig ansehen, um sich auf ihr zu betätigen.

Ausnahmen, wie Bethlen, Teleki, Csaky oder der hinter den Kulissen agierende Erzherzog Albrecht, bestätigen die Regel. So blieb der Staat der Gentry, dem landgesessenen Mittelstand Ungarns, überlassen, einer politisch ebenso eifrigen wie unbegabten Schicht.

Seit Hitler Europa beherrscht, waren die Ungarn stets zugegen, wenn auf Kosten der Tschechen, Südslawen und Rumänen Land verteilt wurde.

Unter Kallay setzte sich bei ihnen die naive Auffassung fest, auch im Falle einer deutschen Niederlage die ihnen von Hitler zugeteilten Gebiete behalten zu können. Die Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen wird der Animosität gegen alle Deutschen weiteren Auftrieb geben.

Eine New Yorker Zeitung schreibt, Hitler feiere seine letzten Siege und vergnüge sich nun damit, seine Verbündeten zu erobern, nachdem ihm die Eroberung seiner Feinde mißlungen sei.

Montag, den 13. März 1944 - Karajan-Konzert in der Staatsoper

Das Innere des zerbombten, angeblich nach Originalentwürfen von Knobelsdorff wiederhergestellten Hauses gleicht einer Sarotti-Bonbonniere. Die Farben sind zu zuckrig, die Vergoldungen zeitentsprechend billig, die Reinheit der Rokokoausstattung durch moderne Hinzufügungen gestört, der Kronleuchter im Zuschauerraum ein riesiger Fremdkörper, das elektrische Licht in den Appliken zu grell. Ein Beispiel für die Schwierigkeiten zeitechter Restaurierungen.

Donnerstag, den 16. März 1944 - für die Russen noch 120 km

Die Russen stehen 120 Kilometer vor den Grenzen der Slowakei und 150 Kilometer vor der ungarischen Grenze.

In der Ukraine kämpfen wir um die letzten Quadratkilometer. Nachdem Cherson gefallen ist, nähert sich die Schlacht Nikolajew. Der Bug wurde von den Russen überschritten. Im Norden, wo an den Narwabrückenköpfen gekämpft wird, sieht es etwas besser aus.

Die täglichen »vertraulichen« Berichte, die wir vom OKW erhalten, werden immer inhaltsloser. Würde man sie unter Fortlassung der sich verändernden Ortsnamen aneinanderreihen, so könnte man annehmen, wir ständen noch bei Stalingrad.

Immer wieder heißt es, daß Einbruchstellen bereinigt oder der Feind in Gegenstößen zurückgeworfen, seine Angriffe im »zusammengefaßten Feuer« unserer Waffen abgewiesen wurden. Von Stalingrad nach Tarnopol haben die Russen in einem Jahr eine Strecke zurückgelegt wie von Tarnapol bis Paris.

Von oben hört man nichts, außer, daß im Führerhauptquartier Optimismus herrscht, daß man »eiserne Nerven« und viele Trümpfe in der Hand hat, daß die militärische Lage im Osten kein Problem darstellt und daß dreißig Divisionen genügen, um wieder offensiv werden zu können. Ein Fall, der gleich nach der Abwehr der Invasion im Westen eintreten soll!

Der Luftkrieg gegen Berlin hat etwas nachgelassen.

Braunschweig, Leipzig und Stuttgart haben dagegen erneut schwer gelitten. Über Braunschweig erschienen die Amerikaner erstmals mit starkem Jagdschutz. Die Sprachregelung lautet, daß wir nicht daran denken, jedem amerikanischen Trick zu folgen, und daß sehr wohl der Moment eintreten könne, bei dem auf das Aufsteigen von Jagdflugzeugen unsererseits verzichtet werde.

Wir ließen uns nicht vorschreiben, wann und wo wir unsere Jäger verwenden. Englische Kommentatoren melden, der Luftkrieg werde wahrscheinlich in sechzig Tagen abgeschlossen sein. Dies wäre Ende Mai und werde mit dem angenommenen Datum der Invasion zusammenfallen.

In Italien ist die militärische Lage stationär. Die Russen, die das neue Italien anerkannt haben, geben sich mit Badoglio die gleiche Mühe wie mit de Gaulle, darauf bauend, daß beide von den Angelsachsen gedemütigt würden.

Sonntag, den 20. März 1944 - Russischer Vormarsch

Die Russen haben den Dnjestr erreicht. Ihr letztes Kommunique spricht von 13.859 deutschen Gefangenen und 36.800 deutschen Toten, die auf dem Schlachtfeld gezählt wurden.

Obwohl die Ereignisse an der Ostfront sich mit dramatischer Schnelle vollziehen, dauert der hiesige Optimismus an. Dabei kämpfen wir schon mit den Karpaten im Rücken.

Freitagabend zum Wochenende bei den Putlitzen in Groß Langerwisch, von wo ich Samstag nachmittag durch ein Telephonat von Schmidt nach Berlin zurückgerufen werde und Alarmbereitschaft vorfinde. Grund ist die Krise in Ungarn. Zwölf Stunden lang wußte man nicht, ob die Verhandlungen mit Horthy ein gütliches Ende nehmen würden, und erst die nächsten 24 Stunden werden zeigen, ob sich der Umschwung in Ungarn, von uns als »Intensivierung der deutsch-ungarischen militärischen Zusammenarbeit« dargestellt, reibungslos vollzieht.

Montag, den 17. April 1944 - Ostern auf dem Land

Ostern in Reelkirchen (Lippe). Reisen nach dem Westen sind zu Abenteuern geworden. Einen Tag nach meiner Ankunft wird der Zug Bielefeld-Lemgo, den ich am Karfreitag benutzt hatte, von Tieffliegern angegriffen. Es gibt zwanzig Tote. Als ich Dienstag nach Ostern zurückfahre, schießt es ab morgens neun Uhr in der ganzen Gegend. Während ich in Bielefeld auf den Zug warte, wird zweimal Luftwarnung gegeben.

Wieder in Berlin und dann weiter

Abends in Berlin ist wieder Voralarm und der Zoo-Bahnhof mit Hunderten von Leuten gefüllt, die dort auf ihren Koffern nächtigen, um bei Eintreten des Alarms schnell in den Tiergartenbunker gelangen zu können. Szenen wie im Zwischendeck eines Auswandererschiffes.

Anderentags reise ich nach Krummhübel, um den slowakischen Propagandaminister und Pressechef Tido Gaspar zu begrüßen. Wir fahren achteinhalb Stunden mit einem Holzgasbus über die Autobahn bis Bunzlau und dann über Hirschberg nach Krummhübel.

Alle fünfzig Kilometer müssen wir halten, Holzgas ablassen, Brennstoff nachstopfen und die Röhrenanlage spülen. Bei längeren Fahrten wird der Holzgasaustritt in das Wageninnere recht lästig.

Der Fahrer hat gesetzlich Anspruch auf einen Liter Vollmilch täglich, den er jedoch nie erhält. Meine Mitreisenden sind Kaesbach (Transocean), Petweidic (Transconti), Schindel und der Diener Rudolf vom APC (Auslandspresseclub). Schmidt kommt mit einem Volkswagen nach.

Das Ausweichquartier des auswärtigen Amtes

Krummhübel im Riesengebirge ist landschaftlich hübsch, die Pensionen und Hotels primitiv, die Bevölkerung fremdenfeindlich, zum mindesten gegen das Auswärtige Amt, in dem sie ihren bösen Geist sieht. Da das Amt alle Herbergen beschlagnahmt hat, ohne sie zu benutzen, verdienen sich die Leute in der Saison kein Geld.

Andererseits setzt das Ministerium für ausländische Diplomaten Häuser instand, die von den Eigentümern an Fremde vermietet werden dürfen, wenn sie sich verpflichten, sie bei Bedarf dem Amt innerhalb von drei Tagen zur Verfügung zu stellen.

Das Riesengebirge ist eine typische KdF-Landschaft (Kraft durch Freude), sehr geeignet für die Ansprüche weniger verwöhnter Touristen.

Das Amt hat 500 Personen nach Krummhübel evakuiert. Der Ort zieht sich von der Talsohle bis zur Schneekoppe hinauf. Für den Verkehr zwischen den weit verstreuten Unterkünften stehen neben einer motorisierten Fahrbereitschaft 22 zweispännige Pferdefuhrwerke zur Verfügung.

Die wie Chinesen aussehenden Kutscher sind Aserbeidschanen, die kein Deutsch können und von Pferden keine Ahnung haben. Da die Verständigung mit ihnen schwierig ist, werden jeweils drei Gespanne unter Führung eines deutschen Polizeiwachtmeisters in Bewegung gesetzt, der seine aserbeidschanische Gefolgschaft mit Befehlen, wie »Marsch« und »Halt« dirigiert.

Im Ort einmal pro Woche zum baden

Das brauchbarste Objekt im Ort ist ein kleines für Schmidt organisiertes Holzhaus, in dem es sich aushalten läßt. Von höheren Beamten residieren in Krummhübel Staatssekretär Keppler und Generalkonsul Wüster, der als Platzkommandant fungiert, sowie eine Reihe älterer Generalkonsuln und Geheimräte. Schulenburg, der mit seinem Stab ebenfalls nach Krummhübel verlegt wurde, wohnt so primitiv, daß er einmal die Woche zu Missia Wassiltschikoff baden gehen muß.

Da die Kellner in Krummhübel Tschechen sind und in den Holzsägen Serben und Badoglioten beschäftigt werden, ist der Spionage Tür und Tor geöffnet. Luftschutzmöglichkeiten existieren nicht, doch soll ein altes Silberbergwerk als Schutzraum hergerichtet werden. Die Telephonverbindungen nach Berlin haben sich gebessert.

Als Ausweichquartier eignet sich Krummhübel nicht, weil der Ort durch Flieger leicht ausgemacht und zerstört werden kann und infolge des raschen Vordringens der Russen auch geographisch nicht mehr günstig liegt.

Der slowakische Staatsbesuch wird unter den üblichen Trink- und Eßgelagen abgewickelt. Tido Gaspar, der seine Laufbahn als Marinezahlmeister in der k. u. k Marine begann und aus dieser Zeit Tegethoffs Barttracht bewahrt, ist der größte Dichter der Slowaken und eine unterhaltende Persönlichkeit. Als Schriftsprache verdankt ihm das Slowakische seinen Rang.

Gerhart Hauptmann wohnt in der Gegend

Wir besuchen Gerhart Hauptmann, von dem ich gelegentlich als »Gutsherrn von Agnetendorf« hatte sprechen hören und den ich in einem Landhaus Tolstoischen Stils vorzufinden erwartete. Statt dessen erblickten wir eine vor vierzig Jahren errichtete Kommerzienratsburg, wie man sie im Berliner Grunewald zu Dutzenden findet.

Landschaftlich sehr schön gelegen, verstellen Tannen und hohe Bäume dem Haus die Sicht auf die gegenüberliegenden Berge. Im Garten tummeln sich falsche und echte Findlinge und italienische Tonvasen. Man wandelt unter Laubengalerien aus Birkenholz.

Trotz seiner 84 Jahre zeigt sich Hauptmann frisch, von großer geistiger Klarheit, liebenswürdig und ohne jede Pose. Sein Äußeres ist so goethisch gehalten, wie das von Tido Gaspar Tegethoffsch!

Kurioserweise tragen beide Dichter die gleichen Anzüge aus engkariertem Homespun, Gaspar mit einer Fliege geschmückt, während Hauptmann aus hochgeschlossener Weste einen karierten ungeknoleten Schlips sehen läßt. Goethisch gibt sich auch Dr. Behl, Hauptmanns Freund und Mitarbeiter.

Des Dichters zweite Gemahlin, eine drahtige alte Dame mit schlohweißem Bürstenhaar und Fledermausgesicht, mischt sich ständig in die Unterhaltung der beiden Olympier. Sie behandelt Hauptmann wie ein exotisches Lebewesen. Die Räume des Dichterfürsten sind mit nach musealer Art angeordneten Erinnerungsgegenständen angefüllt. Doch gibt es einige schöne moderne Bilder, darunter Moissi von Leo König gemalt und ein neueres Hauptmann-Porträt von Padua.

Frau Hauptmann erzählt, daß mit König wegen eines weiteren Bildes von Hauptmann verhandelt wird, das, wie sie sich geziert ausdrückt, als das »Altersbildnis des Meisters« bekannt werden soll. Des Dichters Diener, von Frau Hauptmann mit »Herr Stief« angeredet, serviert Mokka. Hauptmann zeigt uns seine Sammlung griechischer Münzen, spricht über literarische Probleme, rühmt Turgenjew und bemerkt von Übersetzungen, daß es sich mit ihnen verhalte, wie mit den Frauen. Sie seien entweder treu oder schön!

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