Sie sind hier : Startseite →  Historie und Geschichte→  Über die "Wahrheit"→  Bücher zum Lesen - erstaunlich→  von-Studnitz-Tagebuch→  von-Studnitz-Tagebuch-05

Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen euphorischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

.

Seite 39 - Freitag, den 27. Februar 1943 - Mailand in Schutt und Asche

Im Mailänder Hotel »Principe di Savoia« fand ich mein bereits Bad eingelassen, eine Luftschutzmaßnahme, die in Berlin nicht durchzusetzen ist. Obschon der letzte (Luft-) Angriff auf Mailand vierzehn Tage zurücklag, war die Bevölkerung von Schrecken erfüllt.

Vor den Ruinen sahen dicht gedrängt die Menschen den Aufräumungsarbeiten zu. Sechzig Soldaten wurden verschüttet, als sie einen Stollen in einen Luftschutzkeller trieben, in dem sich noch Lebende befinden sollten.

Unter dem Domplatz legt man Schutzräume an. Überall standen Möbelwagen und Gespanne, die Hausrat aufs Land schafften. In vierzehn Tagen soll die Stadt fast die Hälfte ihrer Einwohnerzahl durch diesen Exodus verloren haben. Die Bauern der Lombardei verdienen Unsummen am Heraustransport der Möbel und der Vermietung von Speicherräumen. In manchen Gegenden hat die Feldbestellung aufgehört, weil die Bauern mit der Bombenangst der Mailänder mehr Geld machen als mit einer Jahresernte.

Infolge der Stadtflucht hat sich die Lebensmittellage in Mailand verbessert. Dafür sinkt die Produktion der Industrie. Viele Arbeiter verbringen zwei bis vier Stunden täglich auf der Bahn, um von ihren Ausweichquartieren an ihre Arbeitsstätten zu gelangen.

Im Vorortverkehr sind Viehwagen eingestellt. Mailänder Firmen, die auf das Land verzogenen Bombengeschädigten eine Trennungszulage bewilligt hatten, zahlen jetzt denen eine Prämie, die in der Stadt ausharren.
.

In Mailand gibts keine Brathähnchen mehr

Frühstück mit Knoche bei Giannino. Man gelangte durch die Küche in das Restaurant, vorbei an Aquarien, in denen sich auch heute noch köstliche Fische tummeln. Dagegen waren die Bratöfen für Hähnchen verwaist. Die dem Herd gegenüberliegenden Stammtische occupierten Feinschmecker, denen die Bombenangst die Bäuche nicht hat schrumpfen lassen.

Wir aßen vorzüglich und natürlich »schwarz«. Während wir den Kaffee einnahmen, flüsterte uns ein Kellner zu, die Kontrolle sei im Anzuge! Wir möchten doch aussagen, daß wir nur Spaghetti genossen hätten. Es erschienen drei Männer, von denen der erste den Hut auf dem Kopf behielt, während die anderen beiden barhäuptig hinter ihm schritten. Sie wiesen sich als geheime Lebensmittelpolizei aus. Das ganze war eine Komödie. Vor Antreten ihren Rundgangs hatte der Wirt die Hüter des Gesetzes mit Delikatessen gemästet. Sie blickten so satt und zufrieden drein wie das Publikum, das sie zu beaufsichtigen hatten.

Immerhin werden von Zeit zu Zeit Lokale geschlossen. So mußte Giannino am zweiten Tag vor Weihnachten zumachen, obwohl er 24 Stunden vorher 250 arme Kinder der Stadt umsonst gespeist hatte. Die Wirte haben gegen eine vorübergehende Schließung ihrer Lokale nichts einzuwenden, weil ihnen eine kurze Sperrung die beste Reklame verschafft.

Ein Lokal, das wegen Übertretung der Lebensmittelgesetze einige Tage gesperrt wird, hat nach seiner Wiedereröffnung an Gästen keinen Mangel. Dafür steht auf allen Speisekarten zu lesen: »Wer mehr ißt, als ihm zusteht, verrät den Soldaten an der Front.«

Ein Deutscher in Mailand »ausgebombt« und die Behörden

Bei Giannino trafen wir einen Deutschen, der in Mailand »ausgebombt« worden war. Der Mann stellte sich als das erste Opfer eines deutsch-italienischen Abkommens vor, das die Entschädigung in Italien lebender deutscher Bombengeschädigter der italienischen Regierung und die in Deutschland lebender italienischer Bombengeschädigter unseren Ämtern überläßt.

Der Mann erzählte, daß er drei Monate lang auf die Schätzungskommission gewartet habe. Eigentlich sei er verpflichtet gewesen, bis zum Eintreffen der Kommission seine Wohnung in dem Zustand zu belassen, den die Bomben angerichtet hatten. Als die Kommission endlich auftauchte, hielt sie sich nur drei Minuten auf.

Seitdem sind sechs Wochen vergangen, ohne daß er etwas gehört hat. Wo gezahlt wird, reicht die Entschädigung nicht aus, um Wäsche für ein einziges Bett zu kaufen. Das Abkommen gilt auch für die Angehörigen der deutschen diplomatischen und konsularischen Niederlassungen in Italien.

Eine 22.000 Mann starke deutsche Flakdivision vor Mailand

Im Raum Mailand-Turin-Genua steht eine 22.000 Mann starke deutsche Flakdivision. Den Divisionär, Oberst Kuderna, lernte ich in seinem Hauptquartier in Legnano kennen. Er erzählte, daß die Mailänder sich nach dem Eintreffen der deutschen Flugabwehr völlig sicher glaubten.

Um so heftiger war ihre Enttäuschung, als die Engländer wieder kamen und die Ergebnisse der deutschen Abwehr hinter den hochgespannten Erwartungen zurückblieben. Der Respekt vor der deutschen Flak schlug sogleich ins Gegenteil um.

In einem vor Mailand gelegenen Dorf, in dem ein deutscher Scheinwerfertrupp postiert war, gingen die Bauern zu Tätlichkeiten über, in der Annahme, die Scheinwerfer lockten die englischen Flugzeuge an. Schließlich mußten Carabinieri eingesetzt werden, um die Flak vor der aufgebrachten Bevölkerung zu schützen.

Ihre veränderte Haltung äußerte sich auch darin, daß entlaufene Russen, die als Hiwis zur deutschen Flakdivision gehören, von Einheimischen verborgen werden. Kuderna, ein Österreicher, bezeichnete die Schwierigkeiten der militärischen Zusammenarbeit mit den Italienern als außerordentlich.

Nur allmählich gelinge es, die örtlichen italienischen Befehlshaber einzuspannen. Häufig werden die Feldkabel seiner Truppe durchschnitten und gestohlen. Da keine neuen zu beschaffen sind, muß die Division, um operationsfähig zu bleiben, die Kabel am schwarzen Markt zurückkaufen.

Die "entgegenkommenden" Mailänder Schönen

Das persönliche Verhältnis zwischen Landsern und Lombarden ist gut. Die Mailänder Schönen gelten für entgegenkommender als die Sizilianerinnen, denen Kudernas Truppe »Geländegängigkeit« abspricht. Mit den öffentlichen Häusern Mailands wurden Abkommen getroffen. Der Divisionsarzt bezeichnet die Kontrolle der Bordelle durch die italienischen Behörden als vorbildlich und lobt die konzernähnliche Struktur des Freudenhausgeschäftes, die die Auswechslung der Mädchen alle vierzehn Tage gestatte.

Mailand - Montag, den 1. März 1943 - in der Scala

Besuch bei Guido Vanzetti, einem jungen Industriellen, den wir aus Berlin kennen. Seine Wohnung im zweiten Stock eines im schrecklichsten Jugendstil errichteten Hauses ist eine Sehenswürdigkeit.

Zum ersten Mal sehe ich eine elektrische Maschine zum Vorwärmen des Bettes. Gymnasium und Küche erinnern an die Installation auf Ozeandampfern. Die kostbare Einrichtung geriet durch den Luftdruck eines in der Nähe niedergehenden Volltreffers aus allen Fugen.

Abends in der Scala »Rheingold«, von Hoesslin dirigiert und von Strohm inszeniert. Die über der Bühne an Drähten schwebenden Rheintöchter ruderten wie die Wahnsinnigen, so daß man jeden Augenblick einen Zusammenstoß befürchtete. Wie mir Strohm erzählte, war diese Gefahr tatsächlich groß. Eine Kollision der Rheintöchter hätte eine Katastrophe bedeutet, da dann alle Drähte und Kulissen durcheinander gekommen wären. Jede Rheintochter hing an zwei Seilen, die von vier Mann bewegt wurden.

»Perevitare una confusione en caso dell alarme« durften wir unsere Garderobe nicht abgeben. Im Rahmen der Luftschutzvorkehrungen hatte man den ersten Rang durch Balken abgestützt. Wie Strohm berichtete, stoßen die Proben zum Nibelungenring auf die größten Schwierigkeiten, da Choristen und Bühnenarbeiter aus Angst vor Fliegeralarmen sich weigern, die Abendstunden in der Scala zu verbringen. Die Vorstellungen beginnen vor 17 Uhr und enden um 19 Uhr. Dann stürzt alles nach Hause.

Der Nebel bot Schutz vor den Fliegern

Nur an nebligen Abenden, von den Mailändern als »Santa Niebla« gepriesen, lassen sich die Proben in Ruhe durchführen. Der Nebel bedeutet für die Mailänder dasselbe, wie für die Römer der Papst.

In Rom sagt man, die beste Flak sei der Heilige Vater! Halem, unser Generalkonsul, der in der Via Necci 12 eine hübsche Wohnung hat, lud mich zum Wochenende nach Stresa ein. Ich fuhr hinaus mit Generaldirektor Dr. Schmitz von der Ruhrstahl-AG und dem Mailänder Vertreter dieses Konzerns, Wiesemann. Schmitz erwähnte, beim Einsatz ausländischer Arbeiter in der Ruhrindustrie habe man die besten Erfahrungen mit den Russen, die schlechtesten mit den Italienern gemacht.

Die russische Frau leiste Hervorragendes. Schmitz lobte Sauckel, der sich als erster für eine bessere Behandlung der Russen einsetzte.

Die Arbeitsfront schwanke dagegen zwischen den Extremen des Verleihens von Führerpaketen und Totschießen. 96 Prozent aller russischen Arbeiterinnen seien Jungfrauen. Viele heirateten im Werk Russen, was neue Probleme schaffe. Die Schließung dieser Ehen gehe ohne jede Zeremonie vor sich.

Zurück in Berlin - Mittwoch, den 3. März 1943

Durch den Luftangriff in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1943 ist Berlin übel zugerichtet worden. In unserer Gegend brannten in der Bachstraße und im Sigismundhof viele Häuser.

Minni Stengel, die in der Kaiserallee wohnt, hat alles verloren. Marietti und viele Diplomaten fuhren nach der Entwarnung hin, um ihr beim Bergen zu helfen. Sie versammelten sich im Hause von Casardis, das durch den Brand benachbarter Baracken gefährdet war. Livrierte italienische Diener wurden mit Gießkannen aufs Dach geschickt, um die Ziegel mit Wasser zu kühlen. Was der Brand Minni ließ, wurde später geplündert, obschon darauf Todesstrafe steht.

Der Prager Platz ist eingeäschert, darunter die Wohnung der Eltern des in Paris ermordeten Ernst vom Rath. Einige Tage vorher hatten Raths auch ihren zweiten Sohn verloren.

Bei Richthofens ging ein Blindgänger in den Garten. Ein anderer Blindgänger landete in der italienischen Botschaft. Ein dritter liegt in der Tiergartenstraße, in der der Verkehr umgeleitet werden mußte.

Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße blieb unbeschädigt, Dagegen brannte das Büro unseres Artikeldienstes am Karlsbad 7 nieder. Die Linden haben schwer gelitten. Die Passage zur Friedrichstraße ist eine Ruine.

In der Bevölkerung heißt es, das Bombardement sei absichtlich auf den »Tag der Luftwaffe« gelegt worden. Der amtliche Bericht nennt 480 Tote, darunter sechs jugendliche Flakhelfer. Es war der schwerste Luftangriff, den Berlin bisher erlebte.

Wir schicken unsere kleine Tochter aufs Land.

  • Anmerkung : Das ist das erste Mal, daß von Studnitz einen Einblick in die Famile gibt.


Das Silber geht in die Bank, die Garderobe wird nochmals geteilt und ausgelagert. Mehr kann man im Augenblick nicht tun. Vielleicht gelingt es, einen Teil der Möbel wegzuschaffen. Man muß sich so einrichten, daß ein Verlust der Wohnung nicht zur Frage der Fortexistenz wird. Schon heute zeigt es sich bei unseren betroffenen Freunden, daß die ersten Tage nach dem Verlust der Habe nicht die schlimmsten sind. Das allgemeine Mitgefühl und die Erinnerung an die dramatischen Augenblicke helfen zunächst über vieles hinweg. Aber das ändert sich bald. Jeden Tag ereignen sich neue Tragödien. Mitleid und Nächstenhilfe lassen sich nicht Wochen und Monate hindurch strapazieren. Und dann sitzt man da ohne Dach über dem Kopf, ohne Kleidung und muß zusehen, wie man weiterkommt.
.

Seite 43 - Donnerstag, den 4. März 1943 - Blick nach Rom

Gestern unterrichtete uns Schmidt über die Ergebnisse von Ribbentrops römischem Besuch. Er ermahnte, daß selbst in der Villa Madama, dem offiziellen Gästehaus der italienischen Regierung, die deutschen Besucher nur ein winziges Quantum ranziger Butter erhalten hätten. Das zeugt für das psychologische Geschick der Italiener. Ein Stückchen nicht mehr frischer Butter ist ein probates Mittel, um deutschen Unterhändlern die Schwierigkeiten der italienischen Lage zu demonstrieren. Der Deutsche ist so an Butter gewöhnt, daß ihm Menge und Güte dieses Brotaufstrichs zum Maßstab für die Beurteilung bestimmter Situationen werden. Görings berühmtes Wort »Kanonen statt Butter« war auf diese Buttermentalität gemünzt.

Dienstag, den 9. März 1943 - ein Blick nach Turin

Gestern abend kam Franzi Schmidt-Zabierow zum Essen. Er ist Teilhaber einer Textilfirma, die Fabriken im Protektorat, in Österreich und Italien hat. Sein Werk in Turin wurde vor zwei Monaten durch einen Fliegerangriff zerstört.

Der italienische Verwaltungsrat seiner dortigen Gesellschaft rät ihm ab, das Werk wieder aufzubauen, weil »ja doch in einigen Monaten die Engländer kämen«. Der amtliche italienische Taxator, der den Schaden abschätzen sollte, hat für diese Tätigkeit ein Voraushonorar von 100.000 Lire verlangt, das ihm wohl oder übel gezahlt werden mußte.
.

Donnerstag, den 11. März 1943 - Leben in Berlin

Der Kunsthistoriker Forster erzählt, daß er wegen der Luftgefahr bei abendlichen Ausgängen seine Miniaturensammlung im Mantel bei sich trägt.

Der Herzog von Sotomayor ist bei Franco als Repräsentant des spanischen Thronprätendenten akkreditiert worden. Unsere Politik nimmt an der spanischen Restaurationsfrage ein allenfalls negatives Interesse, Die Italiener sind darüber entsetzt.

Lanza "frug" mich neulich, ob wir wollten, daß die spanische Monarchie allein unter britischer Patenschaft wiederhergestellt werde. Unsere ostentative Gleichgültigkeit treibe den Thronprätendenten in englische Hände. Wenn die Spanier entschlossen seien, zur Monarchie zurückzukehren, so sei es besser, daß wir uns einschalten.

Bismarck erzählte mir, daß er den spanischen Prätendenten jahrelang in Rom beim Golf getroffen habe. Weisungsgemäß habe er jedoch keinen engeren Kontakt mit ihm aufnehmen dürfen. Inzwischen ist Don Juan nach Lausanne übersiedelt, wo sich die britische Diplomatie seiner annimmt. Dabei zählt der spanische Militärattache in Berlin, Graf Rocamora, zu den engsten Vertrauten des Prinzen. Seine Frau fährt alle paar Wochen in die Schweiz, um bei der Infantin Ehrendienst zu leisten.
.

Mittwoch, den 17. März 1943 - Informationen über Europas Aristokraten

Der Herzog von Alba hielt anläßlich seiner Aufnahme in die spanische Akademie eine Rede, in der er ausführte: »Die Verheerungen des Sozialismus, der Vorstufe des Kommunismus, haben wir durchlitten. So wenig wir in der Geschichte das Vorhandensein des Klassenkampfes leugnen können, so dürfen wir doch feststellen, daß ejne stabile Zivilisation nur bestand, solange die Aristokraten regierten. Dank ihrer besseren Vorbereitung vermochten sie ihre Pflichten während langer Zeitperioden zu erfüllen: Rom, Venedig, England und wir in der Epoche unserer Größe haben dies gezeigt.«

Es ist erfreulich, daß dies einmal ausgesprochen wird. Die europäische Aristokratie neigt dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Während die anderen Stände auf ihre Leistungen pochen und größeren Anteil an der Beherrschung des Staates verlangen, begnügen sich die Aristokraten heute mit der Rolle von Zuschauern. Noch halten sie einige Positionen: in der Landwirtschaft, in der Armee und in der Diplomatie. Das augenfällige Bestreben, sich klein zu machen, ist nicht nur auf Degeneration und Müdigkeit zurückzuführen. Es wurzelt auch in der irrigen Überzeugung, daß die Existenz des Aristokraten so am besten gesichert werden kann. Die bessere Vorbereitung des Adels auf das Regierungsgeschäft hat die Geschichte immer wieder bestätigt.

Das napoleonische Frankreich wurde nicht weniger gefürchtet als das nationalsozialistische Deutschland. Trotzdem bedeutete die Niederlage Napoleons nicht die Niederlage Frankreichs. Hierzu trugen zwei Umstände bei, das Solidaritätsgefühl der europäischen Dynastien und das Standesbewußtsein des die Unterhändler stellenden europäischen Adels. Talleyrand ging zwar in der Rolle des Besiegten nach Wien, aber er konnte dort mit seinesgleichen verhandeln.

Gleiche Abkunft ergänzte die Geistesverwandtschaft der Staatsmänner auf das glücklichste. Metternich, Talleyrand, Hardenberg, Nesselrode und Castlereagh hatten vieles gemeinsam. Es verband sie eine ähnliche Erziehung, Frauen und Pferde, Kunst und Jagd, feine Küche und gutes Theater. Sie beherrschten das Französische wie ihre Muttersprache und benötigten keine Dolmetscher. Ihre politischen Gegensätze vertieften sich nicht ins Persönliche.

Hass regiert heute die Welt

Heute hassen sich die Führer der im Kriege befindlichen Staaten wie kaum zuvor in der Geschichte. Die Verbalinjurien, mit denen sie sich in ihren Reden bedenken, zeugen davon.

Als Halifax und Eden vor diesem Kriege nach Berlin kamen, tat sich der soziale Abgrund zwischen den englischen Aristokraten und den nationalsozialistischen Volkstribunen in seiner ganzen Weite auf. Hitler fand Eden schon äußerlich unsympathisch. Noch heute bezeichnet er ihn als einen »parfümierten Lackel«.

Ähnlich erging es Göring mit Halifax. Aber selbst Führer und Duce, Staatsmänner mit gleichem proletarischem Hintergrund, fanden nur schwer zueinander. Die Ähnlichkeit der von ihnen vertretenen politischen Ideologien, der verwandte Schnitt ihrer Parteiuniformen reichten nicht aus, um die Brücken zu schlagen, die Staatsmänner wie andere Menschen überqueren müssen, wenn sie zueinander gelangen wollen.

Nichtsdestoweniger ist es symptomatisch, daß die unter die Herrschaft der Achse geratenen Chefs kleinerer europäischer Staaten sich in ihrem äußeren Habitus dem Vorbild Berlins und Roms anzugleichen versuchen. Erscheinen sie in der Mimikry, einer nach faschistischem Vorbild geschneiderten Uniform, so heben sich ihre Verhandlungschancen! So ließ sich der verstorbene ungarische Außenminister Graf Csaky eigens für eine Reise nach Berlin eine Diplomatenuniform nach deutschem Muster anmessen. Nach seinem Tode wurde sie in Budapest sogleich wieder abgeschafft.

Früher wurde eine Verordnung, die Angehörigen der Diplomatie die Ehe mit Ausländerinnen untersagte, kaum praktiziert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden gute Herkunft, gewandtes Auftreten, Beherrschung von Sprachen als Voraussetzung für die Ausübung des diplomatischen Berufs angesehen. Heute ist es umgekehrt. Leute, die persönliche Beziehungen zu Ausländern haben, machen sich verdächtig.

Donnerstag, den 18. März 1943 - Der Krieg im Osten

Merkwürdigerweise nimmt kein Mensch Notiz davon, daß sich die Front im Osten stabilisiert hat. Die Wiedereinnahme von Charkow wird kaum registriert; die Leute tun so, als sei dies nicht der Erwähnung wert, oder als hätten sie dies nicht anders erwartet. Sobald sich die Front beruhigt, wird der Osten wieder zu einem vagen Begriff im Sinn des Goetheschen Wortes »wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen«.

Die Spruchbänder in den Zeitungen sind wieder verschwunden. Noch ein paar Wochen, und wenige werden sich erinnern, daß Deutschland in diesem Winter eine militärische Katastrophe ohne Beispiel (Stalingrad) erlebte. Solange es vorwärtsgeht, neigt der Deutsche zu uferlosem Optimismus. Kommt ein Rückschlag, wird er ebenso schnell zum Pessimisten. Ist die Gefahr vorüber, so stellt sich auch schon die Neigung zum Gehenlassen ein.

Ein schwedisches Blatt schrieb dieser Tage, Goebbels höre das Wort von der Volksstimmung nicht gern, er wünsche es durch Haltung zu ersetzen. Das Unglück der Deutschen ist, daß es ihnen immer an Haltung gebricht, im Frieden wie im Krieg, im Glück wie im Unglück, in der Liebe wie im Haß.

Freitag, den 19. März 1943 - Vier Tage im Warthegau

(Anmerkung : Der besetzte Reichsgau Warthegau oder das Warteland liegt südlich von Danzig an der schlesischen Grenze.)

Die Landschaft ist nicht schön, aber fruchtbar, das Gesicht der Städte deutsch-wilhelminisch, die öffentlichen Gebäude, aus glasierten roten und gelben Ziegeln erbaut, erinnern an Altona und Kiel. Viele der den Polen weggenommenen Güter sind an Balten gegeben worden, die aber nicht als Besitzer eingewiesen werden. Sie wirtschaften als Treuhänder und wissen nicht für wie lange. Die Bevölkerung ist polnisch, arbeitswillig und ohne Recht. Die Kirchen sind geschlossen. In vielen Landkreisen finden weder Eheschließungen noch Taufen statt.

Die deutschen Behörden üben ein Regime der Willkür aus, der Deutsche kaum weniger ausgesetzt sind als Polen. So wurde ich Zeuge einer Luftschutzübung, zu der der Ortskommissar von Pakosch die Gutsarbeiter von Luisenau und Adolfinenhof befohlen hatte. Die einen ganzen Nachmittag von der Arbeit ferngehaltenen Leute warteten eine volle Stunde, bis der Herr Ortskommissar endlich im Auto erschien.

An seiner Seite befand sich in prächtiger Uniform der Distriktluftschutz- kommissar, ein ehemaliger Schornsteinfeger. Gemeinsam brüllten die beiden die polnischen Landarbeiter eine Stunde lang auf Deutsch an. Da keiner der Angesprochenen des Deutschen mächtig war, verstand niemand ein Wort.

Ein Pole wurde als Spezialist für Oberschenkelbrüche eingeteilt. Ein anderer erhielt die Aufgabe, herunterfallende Mauerreste abzufangen. Beide begriffen nicht, was sie sollten. Wir rechneten aus, daß durch diese »Übung« 156 Arbeitsstunden verloren gegangen waren. Und das im Zeichen des totalen Krieges.

Dabei ist im ganzen Warthegau seit Kriegsbeginn noch keine Bombe gefallen. Aber die Vorstellung, daß englische oder russische Flieger Gutshöfe bombardieren könnten, regt den Amtskommissar dermaßen auf, daß er die ganze Gegend terrorisiert.

Im Wartheland traf ich Lex Taube, der das 1.800 Morgen große Gut Wielitz treuhänderisch verwaltet. Er tut gegenwärtig als "IC" (was ist das ??) bei der Division an der Girondemündung Dienst und muß die Führung des Gutes seiner Frau überlassen.
.

Seite 51 - Samstag, den 20. März 1943 - Diplomaten unter sich

Als Folge des schweren Luftangriffs vom 1. März hat eine allgemeine Flucht der hiesigen Diplomaten auf in der Nähe Berlins gelegene Landsitze eingesetzt. Tino Soldati von der Schweizer Botschaft hat das Kavalierhaus in Löwenbruch, einem Knesebeckschen Gut gemietet. Der spanische Botschafter Vidal und die Oyarzabäls sind in der Nähe von Nauen bei Frau von Dippe, einer geborenen Engländerin, und bei Herrn von Pfuel-Jahnsfelde untergekommen. Die Rumänen mit Valeanu, Popescu und Georgescu haben sich bei Elly Dohna in Buckow eingemietet. Die Italiener gehen nach Baruth zum Fürsten Solms, die Bulgaren weichen nach Wendisch-Wilmersdorf zu den Kunheims, die Ungarn in das Kladower Landhaus der Schaumburgs aus.

Die Knappheit an Ausweichquartieren und Wohnungen führt zu wilden Kämpfen der Diplomaten untereinander. Ein italienischer Interessent führte sich besonders übel auf. Als die Edelstams nach Oslo gingen, versuchte er, ihr einer Frau Ahlemann abgemietetes Landhaus in Dahlem zu bekommen. Frau Ahlemann hatte ihr Haus jedoch bereits an den rumänischen Attache Popescu vergeben. Daraufhin beschwerte sich der Italiener bei verschiedenen Reichsstellen. Er behauptete, die Bevorzugung eines Rumänen durch Frau Ahlemann sei eine Beleidigung der italienischen Armee, der er angehöre. Die Sache artete in einen Skandal aus, als die Hauseigentümerin eines Tages in Polizeigewahrsam kam, wo es erst der Vermittlung des SS-Generals Wolff gelang, sie zu befreien.

Ein ähnlicher Vorfall spielte sich zwischen den Italienern und Japanern ab. Der die Wohnung von Frau Prill-Schlöhmann bewohnende italienische Attache Benazzo wurde nach Rom versetzt. Um seine Wohnung stritten sich zwei italienische Diplomaten und ein japanischer Botschaftsrat, bis die Botschafter Alfieri und Oshima eingriffen. Die Unfairneß, die die Diplomaten beim Wohnungskampf an den Tag legen, harmoniert nicht gerade mit den Umgangsformen, auf die das Diplomatische Corps sonst Wert legt.

Die Horstmann Enteignung

Gestern abend kam Sieburg herüber. Er ist überglücklich, in den Schoß der »Frankfurter Zeitung« zurückgekehrt zu sein, in der er zu mehr Informationen Zugang hat als im Auswärtigen Amt oder bei der Pariser Botschaft. Vor allem lobte er die Berichte von Dewall - Ankara, Benckiser - Budapest und Scharp - Berlin. Man habe das Gefühl, wieder unter wohlwollenden Menschen zu weilen, was er um so angenehmer empfinde, nachdem er im Amt so viele Intriganten kennengelernt habe. Sieburg verglich seine Zeitung mit einer Goldschmiedewerkstatt. Jedes Manuskript werde dreimal gelesen, bevor es in Druck gehe. An stilistisehen Wendungen werde stundenlang herumgebosselt. Die Redaktion tue alles, um das Qualitätsniveau zu halten.

Die gegenwärtige Auflage betrage 300.000 Stück, von denen nur 10.000 in Frankfurt abgesetzt werden. Frankfurt habe mit der »Frankfurter Zeitung« so wenig zu tun wie mit den Frankfurter Würstchen.

Der Gauleiter Sprenger und die Stadt seien jedoch stolz darauf, daß die Zeitung nach Frankfurt benannt sei. Das Prestige des Blattes sei ungeheuer und noch immer im Wachsen begriffen.

Die Verhandlungen über die Zusammenlegung von »Frankfurter Generalanzeiger« und »Neueste Zeitung« ständen vor dem Abschluß. Es habe sich von vornherein darum gehandelt, die Geschwister Horstmann um ihre Anteile zu bringen. Ihre Beteiligung sei nicht mehr vorgesehen. Da die zur Auszahlung gelangenden Erlöse der Anteile nicht mehr angelegt werden können, bedeute dies für Horstmann die Enteignung.
.

  • Anmerkung : Also dort oben wußte man ganz genau, was mit den vermögenden Juden abging und wie man an deren Vermögen rankommen konnte.

.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2019 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.