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Tagesaktuelle Gedanken - Aufzeichnungen von 1943 bis 1945

Dieses Kriegs-Tagebuch gibt uns einen sehr nachdenklichen Eindruck von dem, das in den oberen Sphären der Politik und der Diplomatie gedacht wurde und bekannt war. In ganz vielen euphorischen Fernseh-Büchern, die bei uns vorliegen, wird das Fernsehen ab 1936 in den Mittelpunkt des Weltinteresses gestellt - hier kommt es überhaupt nicht vor. Auch das Magnetophon kommt hier nicht vor. Alleine vom Radio wird öfter gesprochen. In den damaligen diplomatischen und höchsten politischen Kreisen hatten ganz andere Tagesthemen Vorrang. Und das kann man hier sehr authentisch nachlesen. Im übrigen ist es sehr ähnlich zu den wöchentlichen Berichten des Dr. Wagenführ in seinen Fernseh Informationen.

Diese Aufzeichnungen hier sind aber 1963 - also 20 Jahre danach - getextet worden und wir wissen nicht, ob einzelne Absätze nicht doch etwas aufgehübscht wurden. Auch wurde das Buch 1963 für die alte (Kriegs-) Generation geschrieben, die das alles noch erlebt hatte.

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Mittwoch, den 13. Juli 1943 - Die Amerikaner landen in Sizilien

Die Ereignisse an der Ostfront werden von denen auf Sizilien überschattet. Unsere Abwehr, die den Hauptstoß in Sardinien erwartete, ist abermals überrascht worden. Auch tappt man im dunkeln, ob der Angriff gegen Sizilien die Invasion bedeutet, oder nur ein Ablenkungsmanöver, dem der Hauptschlag an anderer Stelle folgt.

Hinsichtlich der Abwehraussichten war man zunächst optimistisch. Heute ist das Bild nicht so gut. Die afrikanischen Erfahrungen wiederholen sich. Auf sich gestellt, laufen die Italiener (weg bzw. davon), jedoch Schulter an Schulter mit den Deutschen - kämpfen sie.

In Rom gibt man den Krieg für Italien verloren. Es heißt, daß der Duce krank sei und sich in der Generalität um Badoglio-Cavallero eine Fronde gebildet habe, die mit unzufriedenen Faschisten, wie Grandi, in Fühlung stehe.

Diesen Leuten wird die Absicht unterstellt, den Kronprinzen auf den Thron zu heben und einen Ausgleichsfrieden zu suchen. Alles deutet darauf hin, daß Italien noch viel schwächer ist, als man hier (also in Berlin) anzunehmen geneigt war. Unbegreiflich bleibt, warum der Feind nicht gleichzeitig in Mittelitalien, im Golf von Genua und an der adriatischen Küste zu landen versucht.

Gelänge ihm die Errichtung mehrerer Fronten, so wäre die Halbinsel nicht zu halten. Unsere militärische Führung steht der Situation in Italien mit so gemischten Gefühlen gegenüber, wie seinerzeit der in Libyen und in Tunis. Man greift zu halben Mitteln.

Ein fauler Kompromiss verärgert die Griechen

Um eine Division für Italien frei zu bekommen, haben wir den Bulgaren erlaubt, in Saloniki einzumarschieren und Thrazien zu verteidigen.

Sissi Hurter berichtet aus Athen, daß die Griechen über diese Maßnahme empört sind und das Auftauchen bulgarischer Truppen in Saloniki, das uns eine Division sparen soll, mit der Aufstellung vier einheimischer Partisanendivisionen beantwortet werden wird.

Zu Sizilien bleibt nachzutragen, daß jedesmal, wenn folgenschwere Ereignisse eintreten, die Übermittlung von Nachrichten ungebührlich verzögert wird, Berlin ist die Zentrale der Kriegsführung.

Nichtsdestoweniger halten sich die Leiter der Reichsbehörden fast nie hier auf, sondern im Hauptquartier, im äußersten Osten (in der Wolfsschanze in Ostpreussen) oder im äußersten Süden des Reiches (in Hitlers Berghof), Hunderte von Kilometern von Berlin entfernt.

Alle hier einlaufenden Nachrichten müssen durch Fernschreiber oder Telephon dorthin durchgegeben werden, worüber kostbare Zeit verloren geht. Infolge der Überbelegung der Leitungen verstreichen oft Stunden, ehe eine Nachricht weitergegeben werden kann.

Mit der Durchgabe ist sie noch lange nicht beim RAM oder beim Führer. Sie muß erst auf »Führertype« niedergeschrieben und den Verbindungsstäben überbracht werden, die sie höheren Orts vorlegen.

In Ostpreußen muß Raykowski, der Verbindungsmann der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, eine halbe Stunde mit dem Auto zurücklegen, ehe er mit eiligen Nachrichten beim Minister eintreffen kann.

Wenn die zentrale Heeresführung in Berlin wäre .....

In Berlin würden alle diese Schwierigkeiten in Wegfall kommen. Der an mittelalterliche Hoffeldlager erinnernde Brauch der dauernden Abwesenheit der führenden Leute von der Hauptstadt ist auch in anderer Beziehung problematisch.

In Fuschl klagt das Gefolge des RAM über das einschläfernde, bleierne Klima der Salzburger Berge, das die Entschlußfreudigkeit lähmt. Die ständige Abwesenheit des RAM von Berlin erschwert seinen Kontakt mit den hier akkreditierten ausländischen Diplomaten. Selbst der italienische und der japanische Botschafter sehen den Leiter der Auswärtigen Politik fast nie.

Zum Vergleich eine Story aus Singapur

Ich lese Gallaghers »Retreat in the East« über den Fall von Singapur. Bei der Verteidigung der Halbinsel Malaya wurden alte Rolls-Royce-Panzerwagen eingesetzt, die schon während des ersten Weltkrieges in Palästina Dienst taten und ständig Motorendefekte hatten.

Die Besatzungen bauten in solchen Fällen die Geschütze aus, um wenigstens schießen zu können. Während des ersten nächtlichen japanischen Luftangriffs blieb die Stadt voll erleuchtet, weil der Mann, der den Schlüssel zur Abschaltanlage verwahrte, nicht aufzufinden war. Die Polizei hielt den Angriff für einen Probealarm.
Nach dem Einsturz eines zweistöckigen Hauses äußerte eine stoische Engländerin: »Wenn es sich nur um einen Probealarm handelt, dann wird jedenfalls dieser mit echten Bomben durchgeführt.«

Wenn die Verteidigung Singapurs - der stärksten britischen Festung - trotz der in Europa vorliegenden Erfahrungen von zwei Kriegsjahren so vernachlässigt wurde, kann man sich vorstellen, wie die Verteidigung des britischen Mutterlandes im Sommer 1940 ausgesehen hätte. (von Studnitz hatte in anderen Kapiteln angemerkt, daß man nach Dünkirchen sofort auf die Englische Insel hätte nachsetzen sollen - die Engländer hätten sich damals gar nicht wehren können.)
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Seite 98 - Freitag, den 23. Juli 1943 - Luftangriff auf Rom

Seit Katyn (die Russenhatten 19.000 polnische Offiziere erschossen)ist unserer Propaganda kein größerer Dienst erwiesen worden, als durch den törichten alliierten Luftangriff auf Rom. Kardinäle und Bischöfe in der ganzen Welt drücken ihren Abscheu aus. Allein die deutschen Kirchenfürsten schweigen.

Einblick in das Leben der Adligen in Berlin

Michi Lanza erzählt gestern abend, daß die Engländer den Wechselkurs des Pfundes zur Lira auf 1 zu 400 festgesetzt haben, worüber die Italiener äußerst befriedigt sind! Auf dem gleichen Essen - in der am Lützowufer gelegenen Wohnung Ridomis - erschien Udo Laroche, der Mann Annemarie Boners und der Herzog von Mecklenburg, ein morganatischer Abkomme der russischen Linie des Strelitzer Hauses, eine der farbigsten Erscheinungen am gesellschaftlichen Himmel Berlins.

Der Herzog, vermählt mit einer verwitweten Gräfin Tolstoy, zog nach dem Verlust seines Schlosses Remplin durch eine Feuersbrunst nach Berlin, wo er in einer geräumigen Grunewaldvilla eine fürstliche Hofhaltung etablierte.

Mit russischer Großzügigkeit übte die mit zahlreichen, zum Teil hochbegabten Kindern gesegnete Herzogsfamilie hier bis tief in die Kriegsjahre eine freigebige Gastlichkeit. Den Ziergarten der Villa hatte der Herzog in einen »jardm ä diner« verwandelt, in einen mit Hühnern, Enten, Gänsen und Puten besetzten Geflügelhof, der einem großen Rittergut wohl angestanden hätte.

An der Mittagstafel, zu der häufig Botschafter, Generäle und Fürstlichkeiten, darunter Pater Sachsen, der im Mai (1943) in der Havel unter rätselhaften Umständen ertrunkene Erbe der sächsischen Königskrone erschienen, nahmen alle Kinder einschließlich englischer Gouvernante und französischem Hofmeister teil.

Zu den amüsantesten Mitgliedern der Tischrunde gehört »Gregory Darling«, der jetzt zehnjährige jüngste Sohn des Hauses, ein Wunderknabe, der in Jazzmusik dilettiert und keine der großen Berliner Kunstauktionen ausläßt, in der er ohne Begleitung Erwachsener im Auftrage seines Vaters oder für sich selbst alte Uhren und chinesisches Porzellan ersteigert.

Auf abendlichen Empfängen pflegte der Herzogin ein uralter russischer Diener mit einem silbernen Tablett zu folgen, um seiner Herrin auf Wink ein Glas roten Sektes zu servieren.

Fast alle erkennen viele Deutsche Fehler

Mit russischen Zuständen von Kindesbeinen an vertraut, äußert sich der Herzog gelegentlich voll Entsetzen über die von uns in den okkupierten Gebieten gemachten Fehler. Daß die mit der »Ostpolitik« betrauten Reichsstellen die Anwesenheit des Herzogs, der ihnen manchen guten Ratschlag geben könnte, ignorieren, versteht sich von selbst.

Montag, den 26. Juli 1943 - Mussolini tritt zurück

Der Rücktritt Mussolinis wurde heute morgen um zehn Uhr bekannt, nachdem wir aus Buckow zurückkamen, dort hatten wir Freddy Horstmanns Geburtstag begangen.

Hans Flotow, der zehn Minuten eher aus Buckow eintraf als ich, telephonierte mir die Neuigkeit durch. Meine Sekretärin fand das Ereignis so nebensächlich, daß sie es nicht für notwendig hielt, mich zu benachrichtigen. Wie unpolitisch sind doch die Deutschen!

Als Marietti unsere Aufwartung, Frau Grunz, fragte, ob sie schon vom Rücktritt Mussolinis wüßte, antwortete sie: »Wir hörten etwas über das Radio. Wir glaubten schon, Churchill sei zurückgetreten, aber dann war es nur Mussolini.«

Im Amt herrscht Ratlosigkeit. Eine Ausnahme macht Schmidt, der, wie immer in solchen Augenblicken, die Nerven behält. Eine Sprachregelung von oben ist nicht zu bekommen. Der Führer soll auf Rückfrage geantwortet haben, die Sache sei nun einmal so, und man könne nichts daran ändern.

Kriegsrat im Führerhauptquartier

Gegenwärtig tagt im Führerhauptquartier ein Kriegsrat, auf dem schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden müssen. Heute abend wird Farinacci im Hauptquartier erwartet, dem es als einzigem prominenten Faschisten gelang, zu entkommen.

Der Duce befindet sich in Schutzhaft. Das italienische Volk beeilt sich, den Duce zu kreuzigen. Die »Neugestaltung der Nation« durch den Faschismus während zweier Jahrzehnte gehört der Vergangenheit an.

Auch hier verleugnet man nicht, daß ein politisches Erdbeben stattgefunden hat. Die beiden Führer, die beiden Staats-Systeme waren zu eng miteinander verbunden. Der Boden des nationalsozialistischen Staates droht durch die Vorgänge in Italien ins Wanken zu geraten.

Militärisch kommt es darauf an, unsere Truppen aus dem italienischen Schlamassel zu ziehen. Man kann ein Land nicht verteidigen, dessen Volk den Frieden will. Möglicherweise wird zwischen uns und Italien die gleiche Lage entstehen, wie 1940 zwischen England und Frankreich. Wenn Italien sich ergibt, werden viele Rücksichten fallen. Wir bekämen die Hände frei und könnten endlich Frieden mit Frankreich schließen, Kroatien in unsere Obhut nehmen und die Italiener aus dem Balkan komplimentieren, wo ihre Anwesenheit eine Belastung für uns darstellt. Die Kohlentransporte nach Italien könnten eingestellt werden.

Die Achse ist zerbrochen

Mit der Berufung Badoglios ist die Achse zerbrochen. Die Wirkung auf die kleineren Mitläufer wird nicht ausbleiben. Die Bestellung von Szent Mikloszy zum stellvertretenden ungarischen Außenminister ist ein erstes Symptom. Im Osten kommt unsere Offensive nicht weiter.

Der schwere Angriff auf Hamburg in der vorletzten Nacht und die Angriffe auf Rostock, Lübeck und fünfzehn andere Orte in Holstein tragen den Luftkrieg in das Innere Deutschlands.

In der Sowjetunion hat sich ein »Komitee Freies Deutschland« aus Kriegsgefangenen und deutschen Kommunisten gebildet. Seine Gründung hat in London und Washington größeres Ärgernis erregt als hier. Man fürchtet dort, daß die Russen nach dem Krieg ihre eigene Politik auf dem Kontinent treiben und Deutschland als Rammbock gegen England und Amerika benutzen wollen.

Seite 101 - Dienstag, den 27. Juli 1943 - den Umsturz positiv sehen

Lanza, den ich als den besten politischen Kopf in der hiesigen italienischen Botschaft schätze, zeigt sich sehr besorgt, daß bei den führenden deutschen Stellen über die Ereignisse in Italien ein falscher Eindruck entstehen könne. Es handele sich nicht um eine Krise des italienischen Kampfwillens, sondern der faschistischen Diktatur.

Das Regime und die Person Mussolinis seien bis zur Untragbarkeit unpopulär geworden. Volk und Armee hätten sich einfach geweigert, für die Regierung und ihr System weiterzukämpfen, eine Entwicklung, die er seit langem habe kommen sehen. Das italienische Volk sei nun einmal anders als das deutsche.

Selbst ein totalitäres Regime sei nicht gefeit gegen Umstürze, die wie immer, so auch diesmal, durch die Unzufriedenheit des Volkes in Verbindung mit Verabredungen einflußreicher Kreise ausgelöst worden seien. Der König habe nur entsprechend seiner Pflicht als Souverän gehandelt und den Zeitpunkt gewählt, wo der Sturz des Regimes unter verhältnismäßig geringen Erschütterungen und ohne Blutvergießen durchgeführt werden konnte.

Lanza glaubt nicht, daß der Sturz des Duce die Rückkehr zu vorfaschistischen Zuständen bedeute. Der Faschismus habe auch Elemente enthalten, die sich zum Segen des italienischen Volkes ausgewirkt hätten. Veränderungen würden nur allmählich eintreten. So habe man die faschistische Miliz dem Heer unterstellt, statt sie aufzulösen. Es sei das Bestreben der neuen Regierung, über das Vergangene Vergessenheit zu breiten und die Auswüchse des gewesenen Regimes lautlos zu beseitigen.

Kluge Ratschläge - aber an wen ?

Der größte Fehler, den Deutschland begehen könne, wäre, Badoglio zu mißtrauen. Der Marschall würde keine kriegswichtige Entscheidung treffen, ohne sich mit den deutschen Stellen ins Benehmen zu setzen.

Schon in den nächsten Tagen dürfte ein Sonderbotschafter Badoglios im deutschen Hauptquartier eintreffen. Vielleicht werde sich eine Absendung auch verzögern, bis Guariglia, der neue Außenminister und bisherige Botschafter in Ankara, in Rom eingetroffen sei.

Alfieri werde kaum als Botschafter nach Berlin zurückkehren. Er habe wissen lassen, daß er bis zu Ankunft Guariglias in Rom zu bleiben gedenke. Lanza befürchte, daß Deutschland aus einem falsch verstandenen Treuekomplex die gegenwärtige Entwicklung in Italien stören und die Stellung Badoglios gefährden werde. Mussolini sei ein toter Mann. Jedes deutsche Eintreten für ihn und den Faschismus würde im italienischen Volk Animosität gegen Deutschland erzeugen, die Zersetzung der Kriegsmoral fördern und die alliierte Propaganda bestätigen, derzufolge das italienische Volk für Hitler kämpfe.

Lanza gab der Hoffnung Ausdruck, daß möglichst bald zwischen Badoglio und dem Führer eine Begegnung erfolgte. Deutscherseits müsse eingesehen werden, daß die Italiener ein Recht darauf hätte, reinen Wein eingeschenkt zu erhalten. Bei Badoglio handele es sich um einen Mann, der jeder illusionistisch oder propagandistisch gefärbten Lagebetrachtung unzugänglich sei.

Deutsche und italienische Standpunkt himmelweit auseinander

In der Vergangenheit seien der deutsche und italienische Standpunkt himmelweit auseinandergegangen. Die Deutschen hätten nur nach Osten geblickt und die Italiener nur nach dem Mittelmeer. Jeder der beiden Partner habe geglaubt, nur in seinem Raum könne die Entscheidung des Krieges erzwungen werden.

Man müsse sich endlich einigen, wo man die Entscheidung suchen wolle. Wenn Deutschland nicht in der Lage sei, Italien zu verteidigen, könne es nicht erwarten, daß Italien sich »bis zum letzten schlage«.

Mussolini sei gestürzt worden, weil das italienische Volk den Eindruck gewann, daß er sein Land nutzlos opfere und seine Stimme im deutschen Kriegsrat kein Gewicht habe. Wenn Deutschland und Italien der militärischen Situation nüchtern ins Auge blickten und bereit wären, nach der einen oder anderen Seite hin politische Konsequenzen zu ziehen, könne das Schlimmste abgewendet werden.

Der Inhalt dieser Unterhaltung scheint mir für die Grundstimmung uns freundschaftlich gesinnter Italiener bezeichnend. Ich hatte nicht den Eindruck, daß Lanza nur Instruktionen aus Rom weitergab.

Er beklagte sich im Gegenteil darüber, daß die Botschaft ohne Sprachregelung sei und infolge der gleichzeitigen Abwesenheit des Botschafters Alfieri, des Militärattaches General Marras und seines Stellvertreters, Oberstleutnant Graf Cavallero, kaum Kontakt mit hiesigen Stellen aufnehmen könne.

Für die weitere Behandlung der italienischen Frage gewähren die Gedankengänge Lanzas wertvolle Anhaltspunkte. Sie spiegeln die Befürchtung so vieler Italiener wider, daß wir sie über unsere Kriegsaussichten irregeführt haben. Mit diesem Mißtrauen müssen wir auch in Zukunft rechnen. Badoglio wird darauf bedacht sein, nicht den Verdacht entstehen zu lassen, von den Deutschen »hereingelegt« zu werden.

Mittwoch, den 28. Juli 1943 - Der Duce wurde gezwungen

Daß die Jahrzehnte dauernde faschistische Ära, die so viele Krisen überstand, durch eine einzige Abstimmung zertrümmert werden konnte, erscheint vielen hier kaum faßlich. Sie vermögen nicht zu begreifen, daß der Faschismus durch einen parlamentarischen Akt liquidiert wurde.

Denn etwas anderes stellt der Mehrheitsbeschluß des faschistischen Großrates, den Duce zur Abdankung zu zwingen, nicht dar. Mussolini scheint vollkommen die Nerven verloren zu haben. Ein Brief von ihm an Badoglio ist bekannt geworden, in dem er sich für militärischen Schutz bedankt und dem König seine Treue versichert. Ein kläglicher Abgang für einen so großen Mann.

Die Weltpresse, selbst die dem Faschismus feindlich eingestellte, widmet Mussolini objektiv gehaltene Nachrufe. Allein die deutsche Presse hat Weisung, sich auszuschweigen.

Morgen ist Mussolinis 60. Geburtstag. Auch aus diesem Anlaß wird keine Zeile über ihn erscheinen. Der Mann, der dem deutschen Volk seit 1933 als der größte lebende Staatsmann neben Adolf Hitler vorgestellt wurde, verschwindet sang- und klanglos aus der deutschen Publizistik!

Das italienische Volk erwartet Frieden.

Badoglios Lage ist mehr als schwierig. Das italienische Volk erwartet von ihm den Frieden. Wie soll er ihn schaffen? Wenn er mit den Engländern verhandelt und einen Waffenstillstand erhält, so muß er sein Land den Alliierten als Aufmarschbasis zur Verfügung stellen.

Kämpft er weiter, so bleibt Italien ebenfalls Kriegsschauplatz. Die gestrige Churchill-Rede läßt Badoglio kaum eine Möglichkeit, den Kampf abzubrechen. Offenbar halten sich die Engländer für so stark, daß sie auf den Marschall keine Rücksicht zu nehmen brauchen.

Es gäbe vier militärische Möglichkeiten

Militärisch haben wir vier Möglichkeiten. Die erste würde darin bestehen, unsere Reserven nach Italien zu werfen, um Sizilien vom Feinde zu säubern.

Die zweite wäre die Einrichtung einer Apennin-Front, die dritte die Rücknahme unserer Front an den Po. Endlich könne die Front an den Fuß der Alpen verlegt werden.

Hamburg und Hannover schwer getroffen

Vorgestern und gestern nacht ist Hamburg wieder schwer bombardiert worden. 24 Stunden vorher wurde Hannover am hellichten Tag angegriffen. Heute vormittag befanden sich 120 viermotorige amerikanische Bomber auf dem Flug nach Berlin.

Sie bogen später nach Magdeburg ab, wo ihr Ziel die Fieseler-Storch-Werke waren. In der Luft und auf dem Wasser sind wir dem Feind ausgeliefert. Im Osten geht es nicht vorwärts. Nirgendwo eine Hoffnung auf eine militärische Entscheidung zu unseren Gunsten.

Im Volk beginnt man, die Frage nach der Befähigung der Führung zu stellen. Die Aufsätze von Dr. Goebbels vermögen denkende Menschen über den Ernst der Lage nicht mehr zu täuschen.

Am Ende des letzten Weltkrieges im Alter von elf Jahren bedrückte mich die Scham über den Zusammenbruch so, daß ich den Tod meines Vaters auf dem Schlachtfeld als gnädige Fügung empfand, weil ich sonst Rechenschaft von ihm hätte verlangen müssen.

Damals 1918 und Heute 1943, der Weg in die Katastrophe

Damals nach 1918 verachteten wir Gymnasiasten die Erwachsenen, die sich bei jeder Diskussion über die Ursachen der Niederlage damit herausredeten, sie seien nicht imstande gewesen, etwas zu unternehmen.

Heute (19439 gehöre ich zu den Erwachsenen. Im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte, mit einer Aufgabe betraut, die für die Kriegsführung weit wichtiger ist als die meines Vaters, der als Hauptmann im Felde stand, muß ich zuschauen, wie unser Volk einer neuen Katastrophe entgegentreibt und alle jene Fehler wiederholt werden, die wir im ersten Weltkrieg gemacht haben.

Wieviel glücklicher wäre man als Soldat, der von der Notwendigkeit, zu denken, enthoben ist. Allen, die die Flucht aus der politischen Mitverantwortung in das Soldatenleben angetreten haben, bleibt der Blick in die Abgründe erspart, die sich mir täglich öffnen.

Ich könnte ja immer weggehen, ins Ausland

Im Besitz meines Dienstpasses könnte ich jeden Tag die Grenze ins Ausland überschreiten und emigrieren. Drei- bis viermal im Jahr habe ich ohnehin draußen dienstlich zu tun. Ich habe überall Freunde, die meiner Familie und mir Asyl gewähren, und Beziehungen, die mir weiterhelfen würden. An Geld würde es mir vermutlich nicht mangeln.

Aber schon bei dem Gedanken, mich »abzusetzen«, wird mir übel. Solange die Truppe kämpft und der Staat, dessen Bürger ich bin, nicht zu bestehen aufgehört hat, werde ich meine Pflicht tun.

Auch habe ich zulange im Ausland gelebt, um nicht zu wissen, welches bittere Brot politische Emigranten essen müssen. Von den Engländern sagt man, daß sie den Verrat lieben, aber den Verräter verachten.

Man könnte hinzufügen, daß der Verräter an einer schlechten Sache noch geringer angesehen wird als der an einer guten, weil er weniger Mut benötigt.

In Lissabon oder in Stockholm ergreift mich jedes Mal eine Art Schuldgefühl gegenüber allen, denen solche Ausflüge in die Welt des Friedens nicht vergönnt sind. Die Bomben fehlen mir dann fast.

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