Sie sind hier : Startseite →  Historie und Geschichte→  Zeitzeugen 1 (Kino+Fernsehen)→  Akio Morita (SONY)→  MADE IN JAPAN - 01

Die Lebensbiografie von Akio Morita, dem SONY Gründer

Wenn Sie über eine Suchmaschine hier gelandet sind, gehen Sie bitte auf die einführende Seite zurück, um sich einen Überblick über die Inhalte von "MADE IN JAPAN" zu verschaffen. - Es lohnt sich.

.

Made in Japan - Eine Weltkarriere - Akio Morita

mit Edwin M. Reingold und Mitsuko Shimomura - Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingo Angres.

INHALTSVERZEICHNIS

.

  • 1. Kapitel KRIEG:
    ÜBERLEBEN UND HOFFEN 9
  • 2. Kapitel FRIEDEN:
    EIN NEUES LEBEN BEGINNT...... 67
  • 3. Kapitel AUF DEM WELTMARKT:
    MEINE LERNKURVE............131
  • 4. Kapitel UNTERNEHMENSFUHRUNG:
    EINE REINE FAMILIENANGELEGENHEIT 219
  • 5. Kapitel AMERIKANISCHE METHODEN UND JAPANISCHER STIL:
    DER UNTERSCHIED............287
  • 6. Kapitel WETTBEWERB:
    MOTOR DER JAPANISCHEN UNTERNEHMEN 341
  • 7. Kapitel TECHNOLOGIE:
    EIN ÜBERLEBENSTRAINING......381
  • 8. Kapitel JAPAN UND DIE WELT:
    ENTFREMDUNG UND VERBRÜDERUNG..........427
  • 9. Kapitel WELTHANDEL:
    ABWENDEN DER KRISE .........471
  • REGISTER 525

.

DANKSAGUNG

Es war vor 40 Jahren, am Nachmittag des 7. Mai 1946, im zweiten Stock eines ausgebrannten Kaufhauses, in der Innenstadt von Tokio, die noch ganz in Schutt und Asche lag: etwa 20 Männer waren zusammengekommen, um die Tokyo Telecommunications Engineering Company zu gründen, jenes Unternehmen, das heute den Namen Sony trägt. Der eigentliche Gründer, Masaru Ibuka, war damals achtunddreißig Jahre alt, ich selbst erst fünfundzwanzig.

Ohne meine langjährige Verbundenheit mit Masaru Ibuka wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Die Bekanntschaft mit Ibuka rechne ich zu den folgenreichsten Zufällen in meinem Leben; die Zusammenarbeit mit ihm war und ist bis heute eine Quelle ungetrübten Vergnügens. -

Etwa eine Woche nach dem vierzigjährigen Firmenjubiläum feierten meine Frau Yoshiko und ich unseren 35. Hochzeitstag. Sie ist mein Partner und übernimmt stets auch die wichtige Rolle, mir als >Sonderbotschafter< zur Seite zu stehen. Gemeinsam mit unseren Söhnen Hideo und Masao und unserer Tochter Naoko unterstützte sie mich voller Hingabe und Verständnis, so daß ich mich ganz auf meine Aufgabe konzentrieren konnte. -

Dank gebührt vor allem meinen Eltern, meinen Lehrern und Beratern sowie meinen unzähligen Freunden und Kollegen - seien sie nun Sony-Mitarbeiter oder Außenstehende -, die dazu beitrugen, daß ich in einer Umgebung arbeiten konnte, die kreativem Arbeiten förderlich war. -

Besonderen Dank schulde ich Edwin Reingold und Mitsuko Shimomura, die mit endloser Geduld und nicht nachlassender Begeisterung meinen Überlegungen und weitausholenden Geschichten folgten. Die endgültige Fassung dieses Buches ist allein ihnen zu verdanken. - Ebenso danken möchte ich meinen Assistentinnen, den Damen Megumi Yoshii und Lidia Maruyama, für ihre wertvolle Mithilfe beim Aufbereiten des diesem Buch zugrunde liegenden Materials.

KAPITEL 1

.

KRIEG: ÜBERLEBEN UND HOFFEN - die Atombombe

Die Meldung vom Abwurf einer Atombombe über Hiroshima überraschte mich und meine Marinekameraden beim Mittagessen. Obwohl keine Einzelheiten mitgeteilt wurden - so wurde nicht einmal der Typ der abgeworfenen Bombe erwähnt -, wußte ich sofort, um welche Bombe es sich handelte und erkannte die Bedeutung, die sie für Japan und für mich selbst haben würde; denn ich war Technischer Offizier und hatte erst kurz zuvor einen akademischen Grad in Physik erworben. Noch nie zuvor schien die Zukunft so unsicher - Japan hatte noch keinen Krieg verloren -, und nur ein sehr junger Mensch konnte dem Kommenden noch mit Optimismus entgegensehen. Ich jedoch vertraute selbst in diesem Augenblick auf mich und die Zukunft.

1944/1945 - Ich wußte, der Krieg war verloren

Seit vielen Monaten wußte ich, daß der Krieg, dessen Fortsetzung ich für sinnlos hielt, für Japan verloren war und daß die militärische Führung entschlossen war, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen. Ich war vierundzwanzig Jahre alt, hatte mein Studium an der Kaiserlichen Universität Osaka abgeschlossen und arbeitete damals in einer interdisziplinären aus Naturwissenschaftlern und Technikern bestehenden Arbeitsgruppe an der Entwicklung thermischer Zielsuchverfahren und Nachtzielgeräte. Die Militärbehörden hofften, mit japanischer Technologie eine Wende des Kriegsglücks erzwingen zu können. Aber trotz Fleiß und gewissenhafter Arbeit wußten wir bereits, daß unseren Projekten kein Erfolg mehr beschieden sein würde. Uns fehlte es an Ressourcen und an Zeit. Nach Hiroshima mußte nun aber jedem klar sein, daß die Uhr abgelaufen war.

Japan - ein rigoroser Überwachungsstaat

Im Gegensatz zur Zivilbevölkerung, die von Polizei und Militär rigoros überwacht und unter Kontrolle gehalten wurde, hatte ich Zugang zu den militärischen Einrichtungen der Marine und konnte Kurzwellensender abhören, wenngleich dies selbst für einen Marineoffizier außerhalb der Dienststunden aus technischen Gründen nicht möglich war. Ich kannte aber bereits vor dem 6. August 1945 die vernichtende Stärke der Vereinigten Staaten und sah ein, daß der Krieg praktisch verloren war. Auf den Atombombenabwurf war ich nicht gefaßt. Die Bombe überrumpelte alle.

Die Wirkung "der Bombe" war weltweit noch unbekannt

An jenem schwülheißen Sommertag war uns die grauenhafte Wirkung der Bombe noch unbekannt. Die Meldung, die uns am Mittagstisch erreichte, besagte lediglich, bei der abgeworfenen Bombe habe es sich um »eine neuartige, strahlend hell aufblitzende Waffe« gehandelt - eine Beschreibung, die uns die Gewißheit gab, daß es ein atomarer Sprengkörper gewesen sein mußte. Allerdings hielten die japanischen Militärbehörden detaillierte Meldungen über Hiroshima sehr lange zurück; viele Offiziere wollten einfach nicht glauben, daß die Amerikaner >die Bombe< besaßen. Unsere theoretischen Forschungen waren noch nicht weit genug vorangekommen, um die Zerstörungskraft einer Bombe dieser Art ermessen zu können oder eine Vorstellung von der entsetzlichen Zahl der Todesopfer zu haben. Wir wußten nicht, welche grauenhaften Verheerungen der Einsatz einer Atomwaffe zur Folge haben würde; immerhin, ich hatte die fürchterlichen Verwüstungen nach einem konventionellen Bombenangriff mit eigenen Augen gesehen.

Der Feuersturm über Tokio in der Nacht vom 9. März 1945

In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 hatten zahllose Wellen von B29-Bombern in Tokio mit Brandbomben einen Feuersturm entfesselt, dem in wenigen Stunden hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen waren. Unmittelbar danach hatte ich dienstlich in der verwüsteten Stadt zu tun.

Auch in Nagoya, meiner Heimatstadt, hatte ich die furchtbaren Folgen eines Bombenangriffs kennengelernt. Im Jahre 1945 glichen alle größeren Industriestädte Japans - mit Ausnahme Kiotos - streckenweise verkohlten Trümmerwüsten; die Wohnstätten von Millionen Japanern hatten sich in Schutthaufen und rußgeschwärzte Ruinen verwandelt. Daß eine Atombombe noch Schlimmeres anrichten sollte, war beinahe unvorstellbar.

Immer noch keine Ahnung von der Wirkung einer Atombombe

Die Bombe war am 6. August 1945 um 8.15 Uhr abgeworfen worden; aber wir erfuhren dies erst zur Mittagsstunde des folgenden Tages - am 7.August. Meine Reaktion auf die Meldung war die des Wissenschaftlers. Wenngleich Reis im Japan der Kriegsjahre als Luxusartikel galt, verlor ich jedes Interesse an der Mahlzeit, sah meine Kameraden an und meinte: »Eigentlich können wir unsere Forschungsarbeit sofort einstellen. Wenn die Amerikaner die Atombombe haben, liegen wir auf jedem Gebiet so weit zurück, daß wir sie nicht mehr einholen können.« Mein Vorgesetzter stritt heftig mit mir.

Erstmal ein Gefühl für die Kluft zwischen Amerika und Japan

Die Möglichkeiten der Atomkraft waren mir nicht gänzlich unbekannt, aber ich dachte, die Entwicklung einer Atombombe würde mindestens zwanzig Jahre in Anspruch nehmen. Die Erkenntnis, daß die Amerikaner bereits eine einsatzfähige Bombe besaßen, war schockierend.

Höchstwahrscheinlich, so sagte ich, könnten wir keine Waffe entwickeln, die ihrer Zerstörungskraft gleichkommt und anscheinend könnten wir auch nichts anderes bauen, eine neue Angriffsoder Abwehrwaffe etwa, um der Bombe etwas entgegenzusetzen. Die Hiroshima-Meldung war für mich unfaßbar. Die technologische Kluft zwischen Amerika und Japan war enorm.

Obwohl uns der Unterschied zwischen amerikanischer und japanischer Technologie bekannt war, hielten wir die unsere doch für sehr gut, was durchaus zutraf; dennoch versuchten wir möglichst viel fremdes Gedankengut zu nutzen. Einmal gelang uns die Bergung der Bordapparaturen aus einem abgeschossenen B29-Bomber: Wir stellten dabei fest, daß die Geräte nicht viel besser als die unsrigen waren.

Eine sehr ernüchternde Erkenntnis - so wenig zu wissen

Die Meldung des Atombombenangriffs auf Hiroshima brachte mich zu der ernüchternden Erkenntnis, daß das amerikanische Industriepotential möglicherweise größer als von uns eingeschätzt, nein, schlechthin überwältigend sein müsse. Eigentlich hätte ich auf diese Erkenntnis vorbereitet sein sollen.

Ich hatte nämlich als Oberschüler einen Film über die Anlage des River-Rouge-Industriekomplexes der Ford Motor Company in Dearborn, Michigan, gesehen. Die Konzeption dieses gigantischen Unternehmens hatte mich sehr beeindruckt. Man sah Seeschiffe, die Eisenerze aus weit entfernten Lagerstätten zum Ford-Stahlwerk River Rouge heranschafften, wo es verhüttet wurde. Aus dem Roheisen wurde Stahl in unterschiedlichen Güten und Formen hergestellt. Autoteile wurden aus diesem Stahl gegossen oder gepreßt und an anderer Stelle des gleichen Werkskomplexes montiert. In Japan waren damals diese Methoden integrierter Fertigung noch unbekannt.

Später kehrte sich die Entwicklung um (ein Vorgriff)

Wie das Schicksal so spielt: Jahre später hatte ich Gelegenheit, den River-Rouge-Komplex zu besichtigen. Japan erholte sich rasch von den Kriegsfolgen und schuf sich ein neues Industriepotential. Nach dem Fordschen Vorbild, wie wir es aus der Vorkriegszeit kannten, wurden inzwischen neue, leistungsfähige Großbetriebe mit hohem Integrationsgrad an Hochsee-Gewässern errichtet.

Verblüfft und enttäuscht sah ich bei Ford noch dieselben Szenen, wie sie mir vom Film her seit fast zwanzig Jahren im Gedächtnis haften geblieben waren. Dieselben Maschinen, Anlagen und Aggregate, die ich im Film gesehen hatte, waren offenbar noch immer in Betrieb. Das machte mich gespannt auf die Zukunft dieses amerikanischen Industrieunternehmens und seiner herausragenden, von aller Welt beneideten Position.

Aug. 1945 - die Zukunft Japans würde sich drastisch verändern

Aber im August 1945 hatte ich zunächst den verwirrenden Eindruck, daß sich die Zukunft Japans und mein eigener Werdegang drastisch verändern würden. Über meine Zukunft hatte ich mir schon längere Zeit den Kopf zerbrochen. Noch während des Studiums überredete mich ein Offizier zum Eintritt in die Marine, um nicht Tausende von Meilen von zu Hause entfernt in irgendeiner sinnlosen Seeschlacht mein Leben opfern zu müssen.

Nach Hiroshima und Nagasaki leuchtete mir mehr denn je ein, daß Japan für die Zukunft möglichst viele Talente erhalten bleiben müßten. Ich scheue mich nicht zu sagen, daß ich bereits als junger Mann das Gefühl hatte, in ebendieser Zukunft eine Rolle spielen zu müssen. Art und Umfang dieser Rolle kannte ich allerdings noch nicht.

Ebensowenig war mir damals bewußt, daß ich später einmal Stunden, Wochen, Monate und buchstäblich Millionen von Reisekilometern der Aufgabe widmen würde, an der Annäherung zwischen Japan und den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Völkern mitzuwirken.

Meine Familie - die Familie Morita aus Kosugaya

Ich bin der älteste Sohn und in fünfzehnter Generation Erbe einer der renommiertesten japanischen Sake-Brauereien. Sake, ein Reiswein, ist nicht nur das Nationalgetränk, er gilt in der Bevölkerung gleichzeitig als kulturelles Symbol Japans. Auch zu vielen religiösen Riten gehört dieser Wein - bei der traditionellen Hochzeitszeremonie zum Beispiel teilt sich das Paar eine Schale Sake.

Die Familie Morita aus Kosugaya, einem Dorf nahe der Industriestadt Nagoya, stellt seit dreihundert Jahren Sake unter dem Markennamen >Nenohimatsu< her. Das Wort, das Glück und langes Leben bedeutet, entstammt einem Gedichttitel aus dem Manyoshu, jener berühmten japanischen » Zehntausendblätter«- Sammlung, die im achten Jahrhundert abgeschlossen wurde.

>Nenohimatsu< erinnert an den alten Brauch, am ersten Tag "des Jahres der Ratte" aufs Land hinauszugehen, einen Kiefernsämling auszugraben und zu Hause in den Garten zu pflanzen. Die Kiefer symbolisiert Glück und langes Leben, und mit dem Verpflanzen des Sämlings erbat man Gesundheit und Wohlergehen für das ganze Jahr.

Außer Sake auch noch Soja-Sauce und Miso-Paste

Die Firma Morita produzierte aber auch Soja Sauce und Miso-Paste, unerläßliche Bestandteile japanischer Kost. Man braucht Miso für Suppen und zum Würzen anderer Nahrungsmittel. Da die Geschäfte der Familie Morita eine zentrale Stellung im Leben der Gemeinschaft hatten, übernahm sie auch im bürgerlichen Leben jederzeit eine Führungsrolle.

Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater

Mein Vater war ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, aber als er das berühmte alte Unternehmen übernahm, befand es sich in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Mein Großvater und Urgroßvater waren Ästheten, die ihr Leben den schönen Künsten und dem Kunsthandwerk Japans und Chinas verschrieben hatten.

Beide opferten für ihre kommunalen Aufgaben ebensoviel Zeit und Geld wie als Mäzene von Künstlern, Handwerkern und Kunsthändlern. Feine Keramik und edles Porzellan für die Teezeremonie, schöne Möbel, Malereien und andere Gegenstände, die zu den gesellschaftlichen Ritualen der japanischen Oberschicht gehören, werden seit jeher hoch geschätzt - und entsprechend gut bezahlt.

Den besten der traditionellen japanischen Kultur verpflichteten Handwerkern und Künstlern - Malern, Töpfern, Schwerterschmieden, Webern, Designern, Kalligraphen und anderen - verleiht Japan seit vielen Jahren den Titel > Lebender Kulturschatz<. Unter den Liebhabern schöner Dinge herrscht ständig große Nachfrage nach den Arbeiten dieser herausragenden Handwerker.

Leider hatten die Familienoberhäupter der Moritas ein paar Generationen lang ihren Geschmack und ihre Sammlerleidenschaft so kultiviert, daß unter ihren künstlerischen Neigungen das Geschäft litt. Sie ließen im Unternehmen die Zügel schleifen oder legten die Leitung in fremde Hände.

Wenn der Chef doch nicht der Chef ist . . . .

Diese angestellten Geschäftsführer sahen in der Leitung des Familienunternehmens jedoch nicht mehr als bloßen Broterwerb. Gingen die Geschäfte nicht gut, so war das zwar bedauerlich, aber ohne entscheidenden Einfluß auf ihr persönliches Geschick.

Vielleicht taten sie gar ihr Bestes, aber letztlich verloren sie im Fall des Firmenzusammenbruchs bestenfalls den Arbeitsplatz. Sie trugen nicht die Last der Verantwortung von Generationen; waren nicht für die Wahrung der Kontinuität und Prosperität des Unternehmens und das finanzielle Wohl der Familie Morita verantwortlich.

Als das Geschäft dann meinem Vater als ältestem Sohn des Hauses übertragen wurde, war es daher seine erste Aufgabe, das Unternehmen in die Gewinnzone zurückzuführen und das Familienvermögen der Moritas zu sanieren. Um dieses Ziel zu erreichen, hätte er sich auf keinen Geschäftsführer verlassen können. Einfach war dies nicht.

Als unsere Firma vor dem Konkurs stand .....

Als ihm die Geschäftsführung übertragen wurde, studierte Kyuzaemon Morita, mein Vater, noch Betriebswirtschaftslehre an der Keio-Universität in Tokio. Die Firma stand vor dem Konkurs. Wenngleich mein Vater gegen seinen Willen das Studium abbrechen mußte, faßte er die neue Aufgabe als Bewährungsprobe auf; es ging nicht mehr um Problemstellungen aus dem Lehrbuch oder um Fallstudien, sondern um die Zukunft der Familie Morita. Er kehrte nach Hause zurück und brachte die Firma aus eigener Kraft wieder auf die Beine.

Um die Schulden des Unternehmens tilgen und die heruntergekommene Fabrik wieder in Ordnung bringen zu können, verkaufte mein Vater viele Kunstgegenstände, die mein Großvater und Urgroßvater erworben hatten. Im Laufe der Jahre war der Wert der Objekte beträchtlich gestiegen, so daß die früheren Geldanlagen in die Kunst glücklicherweise - wenngleich kaufmännisch nicht gerade vernünftig - späte Früchte trugen; die Rettung des Unternehmens wäre ohne diese Verkäufe wohl nicht gelungen.

Zu den veräußerten Objekten gehörten drei besonders wertvolle Stücke - eine chinesische Schriftrolle, ein chinesischer Bronzespiegel und ein antiker japanischer Jadeschmuck aus der Yayoi-Zeit zwischen 250 vor und 250 nach Christus.*

* In Yayoi, heute ein Stadtteil Tokios, wurden 1884 Tongeschirre und Kunst- und Gebrauchsgegenstände gefunden, die als charakteristische Merkmale einer besonderen japanischen Kulturstufe angesehen werden. (Anmerkung des Übersetzers)

Mein Vater, ein ernster, traditionsverbundener Mann, der sehr wohl wußte, wieviel diese erlesenen Stücke seinem Vater bedeutet hatten, gelobte, die Objekte zurückzukaufen, sobald die Vermögenslage der Familie es zuließ. Nach mehreren Jahren konnte er sein Versprechen einlösen.
.

Unsere Familie und ich gehörten von Anfang an zu den Privilegierten

Als ich, der Sohn von Kyuzaemon und Shuko Morita, zur Welt kam, blühte das Geschäft bereits wieder, so daß ich im Elternhause keinerlei Entbehrungen kennenlernte. Im Gegenteil, ich gehörte von Anfang an zu den Privilegierten. Wir waren eine reiche Familie, unser (nach japanischen Maßstäben) weitläufiges Haus lag in der Shirakabecho, einer der vornehmsten Wohnstraßen Nagoyas.

Wie bei den Toyotas - der Gründerfamilie der Firma Toyota - von gegenüber und bei allen anderen Nachbarn gab es auch auf unserem Grundstück einen Tennisplatz.

Wir waren auf ein großes Haus angewiesen, denn seinerzeit lebten sehr viele von uns unter demselben Ziegeldach: meine Brüder Kazuaki und Masaaki, zwei beziehungsweise sechs Jahre jünger als ich, und meine um drei Jahre jüngere Schwester Kikuko.

Meine Eltern und ich wohnten selbstverständlich ebenfalls dort, dazu eine früh verwitwete kinderlose Tante, der jüngere Bruder meines Vaters, der in Frankreich vier Jahre lang Malerei studiert hatte, sowie die Eltern meines Vaters. Neben sechs Bediensteten wrohnten noch drei oder vier junge Leute aus unserem Heimatdorf bei uns. Sie machten sich im Hause nützlich, weil meine Familie ihnen den Schulbesuch ermöglichte.

Lachen, Scherzen und Essen war immer dabei

Mir ist, als wäre zu Hause immer etwas los gewesen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Menschen dort zusammenlebten. Dennoch ließ sich die Privatsphäre wahren; für gewöhnlich aß die engere Familie für sich allein.

Bei besonderen Anlässen, einem Geburtstag etwa, wurden jedoch sämtliche Schiebetüren geöffnet, und alle - Hausangehörige und Freunde zusammengenommen, zwischen zwanzig und dreißig Personen - feierten gemeinsam. Zu jeder Geburtstagsfeier gehörte eine Lotterie, bei der jeder einen Preis gewann.

Es wurde immer viel gelacht, gescherzt und gegessen. Die Führung eines dermaßen großen Haushalts und die Schlichtung der vielen Zankereien und Streitigkeiten, die zwischen uns Kindern, dem jungen Hauspersonal und den bei uns einquartierten Schülern zwangsläufig aufkamen, war eine Aufgabe, die meine Mutter, eine kluge, äußerst geduldige Frau, den ganzen Tag über in Atem hielt.

Endlich kam der Erbe auf die Welt - ich war das.

Meine Mutter hatte bereits mit siebzehn geheiratet. Eine Zeitlang befürchteten meine Eltern, kinderlos bleiben zu müssen. Einen Sohn und Erben zu haben, war damals wie heute in Japan gleich wichtig. Daher waren meine Eltern sehr erleichtert, als ich nach siebenjähriger Ehe endlich das Licht der Welt erblickte.

Meine Mutter war eine stille, feinsinnige und sanfte Frau, die ihre häusliche Verantwortung sehr ernst nahm. Sie hatte fortwährend zu tun, mußte darauf achten, daß alle Hausarbeiten erledigt wurden, und dafür sorgen, daß die vielen Menschen im Hause harmonisch oder doch wenigstens gesittet miteinander umgingen.

Sie war eine für japanische Verhältnisse sehr selbstsichere Hausfrau mit festen Vorstellungen (insbesondere, was meine Erziehung betraf), wenngleich sie zu keiner Zeit dem Bild der heutigen >Strebermütter< entsprach, die keine Mittel scheuen, ihre Kinder auf die von ihnen ausgesuchten Schulen und Universitäten zu schicken.

Ich meine, sie verstand einfach alles; mit ihr konnte man problemlos reden, jedenfalls einfacher als mit meinem Vater, bei dem Rettung, Wiederaufbau und Pflege des Unternehmens Vorrang hatten. Bei ihr holte ich mir daher öfter als bei meinem Vater Rat und Hilfe.

Unsere Mutter entwickelte sich zu einer ungewöhnlichen Frau

Viele Traditionen unserer Familie wurden von meiner Mutter geändert. Für eine Frau jener Zeit war Selbstsicherheit etwas sehr Ungewöhnliches. Obgleich auf Grund ihrer Herkunft aus einer Samurai-Familie durchaus traditionsbewußt - sie trug stets einen Kimono -, war sie allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Natürlich gab es unter uns Kindern eine Menge Streit und Raufereien; aber als ich mich später, kaum halbwüchsig, auf meine eigenen Interessen zurückzog, wandte ich mich mehr und mehr an sie, wenn ich Rat und Hilfe brauchte.

Ich bekam ein eigenes Zimmer und einen Schreibtisch

Da sie für das Haus allein verantwortlich war, stellte sie mir ein eigenes Zimmer mitsamt Schreibtisch zur Verfügung. Als ich mit meinen Experimenten begann, kam ein zweiter Schreibtisch hinzu, denn eine Werkbank war unerläßlich.

Sie kaufte sogar ein Bett für mich, so daß ich nicht mehr wie fast alle anderen unter einer Decke auf Reisstrohmatten schlafen mußte. Ich wurde also bereits als Kind mit dem modernen Leben vertraut gemacht. Meine Eltern wollten es so, da sie mich auf meine Rolle als Erbe des Familienunternehmens und nächstes Oberhaupt der Moritas - der fünfzehnte Morita, der den Namen Kyuzaemon annehmen würde - bewußt vorbereiteten.

Der alte japanische Brauch der Namensänderung

Bei uns zu Hause ist es alter Brauch, daß der Sohn, sobald er Familienoberhaupt wird, seinen Rufnamen ablegt und den traditionellen Vornamen, Kyuzaemon, annimmt.

In unserer Familie hießen die ältesten Söhne seit fünfzehn Generationen abwechselnd Tsunesuke oder Hikotaro. Mein Vater hieß Hikotaro Morita, bis er Familienoberhaupt und vierzehnter Kyuzaemon wurde.

Großvater hieß Tsunesuke Morita, ehe er den alten Vornamen ablegte. Als er sich dann zur Ruhe setzte und Geschäft und Vornamen meinem Vater vererbte, nannte er sich Nobuhide Morita.

Ich bekam den Namen AKIO

Auf mich wartete also der Rufname Tsunesuke, den mein Vater jedoch für zu altmodisch hielt. Er wandte sich daher an einen ehrwürdigen japanischen Gelehrten, der sich mit chinesischer Überlieferung und Literatur befaßte, der ihm beim Finden eines Namens behilflich sein sollte.

Dieser, ein berühmter Wissenschaftler und zugleich Freund meines Großvaters, empfahl >Akio<. Das Schriftsymbol des Namens, >aki< ausgesprochen, entspricht dem chinesischen Zeichen für aufgeschlossen, aufgeklärt, vorurteilsfrei<.

Die Bedeutungen meines Rufnamens

Dasselbe Schriftzeichen gehörte auch zum Namen meines Großvaters. Chinesische Zeichen haben gewöhnlich nicht nur eine Bedeutung, manche gar haben Dutzende verschiedener Bedeutungen.

Mein Rufname läßt sich daher im Sinne von >aufgeklärt, ungewöhnlich< auffassen. In Verbindung mit Morita - >ertragreiches Reisfeld< - schien der Name auf eine optimistische, vielversprechende Persönlichkeit hinzuweisen. Meinen Eltern gefiel der Name so sehr, daß auch in den Rufnamen meiner Brüder - Masaaki und Kazuaki - dasselbe Symbol erscheint.

Selbst die Regierungszeit eines Kaisers erhält einen Namen

In Japan erhält die Regierungszeit eines jeden Kaisers einen amtlichen Namen, und der offizielle Kalender beginnt dann mit dem Jahr eins dieser Ära. Als Kronprinz Hirohito nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1926 Kaiser wurde, wandte sich die Herrscherfamilie an den oben erwähnten Wissenschaftler, um für die neue Ära einen erfolgverheißenden Namen auszusuchen.

Er entschied sich für >Showa< - aufgeklärter Friede<. Das Schriftzeichen, das auch für meinen Vornamen steht, wird in diesem Falle jedoch wie >sho< ausgesprochen. (Dieses Jahr, 1986, heißt bei uns offiziell Showa 61 oder einundsechzigstes Jahr der gegenwärtigen kaiserlichen Regierungszeit namens Showa.)

Aus AKIO sollte nun doch Kyuzaemon werden

Meine Familie gab mir zu verstehen, es sei nun wohl an der Zeit, den Namen Kyuzaemon zu übernehmen. Man kann zum Familiengericht gehen und seinen Namen ändern lassen, sofern man sich auf die Familiengeschichte und frühere Namensträger berufen kann.

Ich glaube, in meinem Falle wäre eine Namensänderung jedoch unklug, denn fast überall in der Welt kennt man mich als Akio. Allerdings unterzeichne ich gelegentlich mit der Abkürzung AKM, aus der man Akio Kyuzaemon Morita herauslesen kann.

Das Kfz-Kennzeichen, das ich mir für meinen in Amerika zugelassenen Lincoln Continental geben ließ, lautet AKM-15. Wenn mein ältester Sohn Hideo eines Tages Familienoberhaupt wird, liegt es ganz allein bei ihm, ob er Kyuzaemon werden will oder nicht. Meine Frau und ich sähen es natürlich gern, wenn er den Namen übernähme. Aber nun greife ich doch wohl ein wenig zu weit voraus.

Ein Blick zurück auf die Familientradition und meine Ahnen

Von frühester Kindheit an wurde ich mit der Familientradition und meinen Ahnen vertraut gemacht. Meine Familie war mit kultivierten, kunstliebenden Männern wie Großvater und Urgroßvater reich gesegnet.

Zugleich stellte sie seit dem Tokugawa-Shogunat im siebzehnten Jahrhundert in unserem Heimatdorf die kommunalpolitischen Führer und Amtsträger. Diese Männer gehörten zur Elite; ihnen wurde seinerzeit das Vorrecht zugestanden, einen Beinamen zu führen und ein Schwert zu tragen. Jedesmal, wenn mich meine Eltern zu Besuch nach Kosugaya mitnahmen, und wenn es nur für einen Tag war, rissen sich die Leute dort förmlich um mich und steigerten so mein Selbstwertgefühl ganz erheblich.

Meine Ahnen holten sich einen Franzosen ins Land

Meines Vaters Urgroßvater, der elfte Kyuzaemon, wußte bereits während der Meiji-Ära, also noch vor der letzten Jahrhundertwende, Neuerungen und neue Ideen zu schätzen. So holte er einen Franzosen nach Japan, um sich von ihm bei Weinanbau und -herstellung beraten zu lassen. Er hatte bereits einen Namen gefunden und wollte neben Sake unbedingt Wein westlicher Prägung produzieren.

Japan war damals dabei, sich nach mehr als zweihundertfünfzigjähriger selbstauferlegter Isolierung der Welt wieder zu öffnen. Alles Neue war Mode, und Kaiser Meiji rief die Japaner auf, vom Westen zu lernen, insbesondere was Lebensstil und Technologie betraf. In Tokio wurden festliche Bälle veranstaltet. Man wetteiferte um die europäischste Kleidung, Haartracht und Küche; der Kaiserpalast machte keine Ausnahme.

Das mit dem Wein aus Japan hatte einen Grund

Dem Versuch, Wein anzubauen, lagen andere Überlegungen zugrunde. Die Regierung des Kaisers Meiji erwartete eine Reisverknappung, und Reis ist nun einmal die Grundlage des Sake.

Wenn man, wo immer möglich, Weingärten anlegte und Sake durch das europäische Traditionsgetränk ersetzte, ließe sich mit den von manchen prophezeiten Reisernteausfällen leichter fertig werden. Die Historiker neigen außerdem zu der Auffassung, daß die Regierung Beschäftigung für die vielen Samurai-Krieger suchte, die von ihr zuvor brotlos gemacht worden waren.

Um 1880 gehörte uns sehr viel Ackerland, so daß das Projekt mit Unterstützung durch die Meiji-Regierung in Angriff genommen werden konnte. Nach gründlicher Bodenvorbereitung wurden die aus Frankreich importierten Rebstöcke unter fachmännischer Aufsicht gepflanzt. Mein Vorfahr stellte eine Traubenpresse auf und errichtete einen Kellereibetrieb; die nötigen Arbeiter wurden in der näheren Umgebung angeworben. Nach vier Jahren schon konnte man eine kleinere Menge Wein gewinnen; daran knüpfte man die Hoffnung auf eine blühende Geschäftsentwicklung.

Doch das mit dem Wein kam anders.

Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden die französischen Weinbaugebiete von verheerenden Plagen heimgesucht. War es zunächst nur Mehltau, so tat die Reblaus später ein übriges. Offenbar waren die aus Frankreich importierten Weinstöcke bereits befallen gewesen, so daß das Projekt trotz sorgfältigster Vorbereitung zum Scheitern verurteilt war.

Kyuzaemon mußte seine Weinstöcke 1885 vernichten. Um für seine Schulden aufkommen zu können, mußte das Land verkauft werden; der Käufer pflanzte sogleich Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht.

1899 waren wir sogar auf einer Pariser Messe

Andere traditionelle Morita-Produkte wie Soja-Sauce und Sake dagegen gelangten 1899 sogar auf eine Pariser Messe; die zuerkannte Goldmedaille war für eine japanische Firma zu jener Zeit eine eindrucksvolle Sache. Jedenfalls hatte dieser mein Vorfahr das Verlangen, etwas Neues auszuprobieren und besaß genügend Mut und Kraft, um nach dem Scheitern eines Einzelprojektes nicht aufzugeben.

Ein anderer Kyuzaemon, der sich ins Biergeschäft zu stürzen gedachte, engagierte einen chinesischen Braumeister, der sein Handwerk in England erlernt hatte.

Außerdem gründete er ein Bäckereiunternehmen, das sehr prosperierte. Die Firma, sie heißt heute Pasco, hat inzwischen sogar Auslandsniederlassungen.

Meine Erbanlagen sahen recht gut aus

Zähigkeit, Beharrlichkeit und Optimismus sind Charakterzüge, die ich erbte. Ich glaube, daß mein Vater diese Merkmale in mir wiedererkannt hat.

Meines Vaters Urgroßvater starb 1894; 1918 wurde ihm in Anerkennung seiner Verdienste um die Gemeinschaft in Kosugaya ein Bronzedenkmal errichtet. Er hatte auf eigene Kosten Straßen gebaut, kommunale Einrichtungen gefördert und sich auf vielen anderen Gebieten gemeinnützig betätigt, so daß ihm von Kaiser Meiji anläßlich eines Besuchs in der Nähe unseres kleinen Dorfes eine Auszeichnung verliehen wurde.

Die Statue wurde im Zuge der Kriegsanstrengungen später leider eingeschmolzen, aber man hatte zuvor einen Abguß hergestellt und eine Porzellanbüste gefertigt, die noch heute in einem Hain bei Kosu-gaya vor einem Schrein ihren Platz hat.

Der 26. Januar 1921 - das war der Tag meiner Geburt

Obgleich Kosugaya der Mittelpunkt unserer Familiengeschichte zu sein scheint, ließen meine Eltern das friedliche Dorf hinter sich und siedelten sich in Nagoya, dem Verwaltungssitz des Regierungsbezirks Aichi, an. Dort wurde ich am 26. Januar 1921 geboren.

Der Umzug in die geschäftige Industriestadt erfolgte im Zuge des väterlichen Vorhabens, das Morita-Unternehmen zu modernisieren und der alten Firma einen neuen Geist einzuhauchen. Ein modernes Unternehmen läßt sich in der Stadt besser führen als in einer reizvollen ländlichen Umgebung. Statt im kleinen Dorf meiner Ahnen wuchs ich daher in der Großstadt auf; trotzdem fühlen wir uns in Kosugaya nach wie vor fest verwurzelt.

Eine Stiftung soll die Historie unseres Dorfes bewahren

Jüngst entdeckten wir dort in einem alten Speicher eine Menge Unterlagen, Dokumente und Berichte über unser Heimatdorf. Wir fanden das Material so interessant, daß ich eine Stiftung ins Leben rief, um die Fülle dieser historischen Dokumente zu erhalten und Studienzwecken zur Verfügung zu stellen.

Das sehr detaillierte Material liefert aus einem höchst alltäglichen Blickwinkel bedeutende Aufschlüsse über das japanische Landleben vor dreihundert Jahren. Wir haben die Unterlagen katalogisiert und den wichtigeren Bibliotheken und Universitäten Japans zur Verfügung gestellt.

Die alten Speicher selbst wurden mit einer Glaskonstruktion überbaut, desgleichen ein dreigeschossiges Gebäude, in dem die anreisenden Wissenschaftler nun die Dokumente studieren können, die wir an ihrem angestammten Platz im Speicher beließen. Ich spiele oft mit dem Gedanken noch viele fruchtbare Jahre mit dem Studium der Geschichte und der Aufarbeitung jener historischen Dokumente zu verbringen, wenn ich mich einmal aus dem Geschäft zurückziehen werde.

Die Last des Erstgeborenen - das war ich

Wenngleich die Erziehungsgrundsätze meines Vaters liberal waren, so trug ich letztenendes doch die Last des Erstgeborenen, und mein Vater war fest entschlossen, mit der Erziehung zum Geschäftsmann so früh wie möglich zu beginnen.

Er war von den Zeitläuften geprägt, und da er seine akademische Ausbildung im Interesse des Familienvermögens hatte abbrechen müssen, blieb er stets ein sehr praktisch denkender und konservativer Geschäftsmann (fast zu konservativ, wie mir damals schien), wenn Entscheidungen über risikoreiche Investitionen zu treffen waren oder etwas getan werden mußte, das von der Norm abwich.

Er schien seine Entschlüsse zu lange hinauszuschieben und machte sich jederzeit über irgend etwas Sorgen. Manchmal dachte ich, er machte sich Sorgen, weil es nichts gab, weswegen er sich hätte sorgen müssen.

Ich stritt oft mit ihm über manche meiner Obliegenheiten, und ich glaube, diese kleinen Wortgefechte gefielen ihm sehr, weil er sah, daß ich dabei aus mir herausging, den Verstand arbeiten ließ und meine Argumente logisch vorzutragen suchte.

Selbst meinen Zorn wußte er in erzieherischem Sinne zu nutzen. Als ich älter wurde, stritt ich oft mit ihm über seinen Konservatismus, wenngleich dieser sehr familiendienlich war. Im Gegensatz zu seinem in geschäftlichen Dingen ernsthaften und vorsichtigen, zurückhaltenden Wesen war er uns Kindern ein warmherziger und großzügiger Vater. Er opferte uns seine ganze Freizeit. Ich denke oft und gern daran zurück, wie uns der Vater schwimmen, fischen und wandern lehrte.

Mit 10 oder 11 war ich schon der Sohn vom Chef

Allerdings war in seinen Augen Geschäft Geschäft, und viel Spaß war damit nicht verbunden. Mit zehn oder elf Jahren nahm er mich bereits ins Büro und in die Sake-Brauerei mit und zeigte mir, wie das Geschäft geführt wurde. Bei endlos langen, langweiligen Vorstandssitzungen mußte ich neben meinem Vater sitzen und zuhören.

Aber er lehrte mich den Umgang mit Mitarbeitern, und noch auf der Grundschule erfuhr ich so manches über die Abwicklung geschäftlicher Besprechungen. Da Vater der Chef war, konnte er sich seine verantwortlichen Mitarbeiter zur Berichterstattung oder zu Konferenzen ins Haus bestellen. Jedesmal bestand er darauf, daß ich zuhörte. Nach einer Weile fand ich sogar Gefallen daran.

Und immer hieß es: »Du bist von Anfang an der Chef. Du bist der älteste Sohn des Hauses. Vergiß das nicht!« Ich durfte nicht vergessen, daß ich eines Tages Nachfolger meines Vaters als oberster Unternehmensleiter und Haushaltsvorstand sein würde.

Ich lernte auch Lebensgrundsätze

Ich halte es für sehr bedeutsam, daß ich gleichzeitig ständig ermahnt wurde: »Glaub nur nicht, daß du andere herumkommandieren kannst, nur weil du oben sitzt.

Aber bleibe bei einmal gefaßten Entschlüssen und Anordnungen und übernimm die volle Verantwortung dafür.« Mir wurde beigebracht, daß es sinnlos sei, Untergebene zu schelten und ihnen für auftretende Schwierigkeiten die Schuld zu geben - die Suche nach Sündenböcken also.

Der nach japanischer Auffassung richtige Weg, so lehrte man mich zu Hause, besteht darin, gemeinsame Beweggründe zu nutzen und zum Vorteil beider Seiten etwas zu vollbringen.

Jedermann strebt nach Erfolg. Daß aber auch Geduld, Einsicht und Verständnis dazugehören - das lernte ich später. Man kann sich keine eigensüchtigen Maßnahmen leisten, ebensowenig Niedertracht im Umgang mit Menschen.

Diese Auffassung habe ich beibehalten; mit ihrer Hilfe konnte ich eine Management-Philosophie entwickeln, die mir in der Vergangenheit sehr dienlich war und mir und meinem Unternehmen auch in Zukunft dienen wird.

Unsere Familie war fromm - im buddhistischen Glauben

Meine Familie folgte auch Verhaltensmustern, die unserem buddhistischen Glauben entsprangen. Die Familie war fromm; die religiösen Übungen fanden gewöhnlich im Hause statt. Uns Kindern wurde ein Sutren-Buch in die Hand gedrückt. Wir sollten versuchen, die komplizierten Schriftzeichen mit den Erwachsenen zu lesen.

Damit will ich nicht sagen, daß ich gläubig bin, diese Bräuche und Traditionen waren jedoch meiner Familie sehr wichtig, und wir halten nach wie vor daran fest. Auch als wir schon aus dem Haus waren, verbeugten wir uns bei jedem Besuch zunächst vor dem Familienaltar, ehe wir die Eltern begrüßten. Anders haben wir es nie gehalten.

Die Schulferien in Vaters Firma

Meine Ferien als Mittelschüler verbrachte ich im Geschäft. Mein Vater nahm mich zu Besprechungen mit ins Büro. Ich saß die Zeit ab, mußte bisweilen aber auch länger bleiben, wenn jemand zum Rapport bestellt war.

In diese Zeit fiel auch die Inventur, die wir > Bestandskontrolle < nannten und auf die gute, alte, akkurate Art vornahmen: Wir gingen, vom Chef überwacht, in den Betrieb und begannen zu zählen und abzuhaken.

Lernen, wie man Sake "probiert"

Im Winter mußte der Sake probiert werden, der im Faß einem komplizierten Reife- und Ausbauprozeß durchmacht. Bei diesen Proben war ich oft dabei. Man zeigte mir, wie man den Reifeprozeß überwacht und kontrolliert; anschließend galt es, die Geschmacksnote zu beurteilen. Man rollte einen kleinen Schluck auf der Zunge und spie ihn sofort wieder aus. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen habe ich an Alkohol nie Geschmack gefunden.
.

Unser Vater - alles für die Familie

Zwar war mein Vater streng konservativ, doch konnte er auch sehr großzügig sein. Ihm war sehr daran gelegen, daß seine Familie alles bekam, was nötig und erwünscht war. Außerdem interessierte er sich jederzeit für neue ausländische Technologien und Produkte.

Unser Taxiunternehmen mit einem Ford und der Kühlschrank

Als die Familie noch in Kosugaya wohnte, importierte er einen Ford-Tourenwagen und gründete ein Taxiunternehmen. Als ersten Fahrer stellte er den Mann ein, der bis dahin die Rikscha gezogen hatte. Zu jener Zeit war dieses zweirädrige Gefährt als Personenbeförderungsmittel in Japan noch gang und gäbe.

Wenn ich an unsere ersten Jahre in Nagoya denke, fallen mir immer unsere Sonntagsausflüge ein. Vater kutschierte einen offenen Ford - Modell T oder A - gemächlich über die holprigen, staubigen Straßen, während Mutter auf dem Rücksitz zum Schutz vor der grellen Sonne einen Sonnenschirm würdevoll in die Höhe hielt. Später dann ließ sich Vater im "Buick" zur Arbeit chauffieren. Bei uns zu Hause gab es eine General-Electric-Waschmaschine und einen Westinghouse-Kühlschrank.
.

Als mein Onkel Keizo aus Paris zurückkam

Obwohl die Familie bis zu einem gewissen Grade westlich orientiert war, ging der erste wirklich einschneidende fremde Einfluß auf mich von meinem Onkel Keizo aus, der nach einem etwa vierjährigen Aufenthalt in Paris zurückkehrte und den ersten wahren Westwind ins Haus brachte.

Zwar brauchte ich auch vor seiner Rückkehr niemals einen Kimono zu tragen, und mein Vater ging seiner Arbeit in westlicher Kleidung nach, wenngleich er sich zu Hause dann umzukleiden pflegte. Selbst den Großvater sah man oft im Anzug; er war vom Westen sehr angetan - amerikanische Filme schätzte er sehr, und ich kann mich entsinnen, daß er mich als ganz kleinen Jungen schon in >King Kong< mitnahm.
.

Onkel Keizi hatte eine 9,5mm-Pathe- Film-Kamera

Aber Onkel Keizo wußte auf Grund persönlicher Erfahrungen aus erster Hand über die Außenwelt zu berichten; seine Erzählungen schlugen uns alle in ihren Bann.

Er brachte unzählige Bilder mit nach Hause - Pariser Szenen, von eigener Hand gemalt, dazu Fotos französischer Städte und Landschaften. Auch seine Reisen nach London und New York hatte er fotografisch dokumentiert.

Nebenher hatte er mit seiner 9,5mm-Pathe-Kamera fleißig gefilmt. Onkel Keizo war in Paris stolzer Besitzer eines Renault gewesen, den er, wie Fotos bewiesen, selbst zu lenken pflegte.

Dies alles machte auf mich, wenngleich damals gerade erst acht Jahre alt, einen solchen Eindruck, daß ich alle Fremdwörter lernte, die mir zu Ohren kamen: Place de la Concorde, Montmartre, Coney Island. O ja, was er über Coney Island zu erzählen wußte, faszinierte mich dermaßen, daß ich viele Jahre später bei meinem ersten Amerikabesuch den ersten Sonntag dazu nutzte, nach Coney Island hinauszufahren und mir den Park anzusehen. Es war wunderbar; ich fuhr Achterbahn und versuchte mich im Fallschirmspringen.

Eine frühe Erkenntnis meines Vaters - Reisen bildet

Mein Vater folgte dem Beispiel des Großvaters. Kein Geld in dieser Welt, so pflegte er zu sagen, kann bilden, solange der Betreffende nicht von sich aus hart arbeiten will. Aber Geld kann zu Bildung durch Reisen verhelfen. Und gerade diese Bildung hatte mein Onkel genossen. Er richtete sich nach seiner Rückkehr im Hause sofort ein Atelier ein und blieb bis zu meiner Heirat bei uns.

Mein Großvater hatte ihm seine vierjährigen Auslandsstudien finanziert. Jahre später bekam ich von meinem Vater Geld und bereiste in den Ferien mit einem Schulkameraden viele Regionen Japans.

Verwandte in Korea

Wir hatten Verwandte in Korea, das 1904 besetzt und 1910 von Japan annektiert worden war. Ich kam bis in die ferne Mandschurei; ich fuhr sogar mit dem ersten vollständig klimatisierten, stromlinienverkleideten Zug, dem sogenannten >Asien-Expreß<. Ich glaube, das muß 1939 oder 1940 gewesen sein. Mein nächstes Reiseziel waren die Vereinigten Staaten, aber des Kriegsausbruchs wegen mußte ich die Reise um mehr als zehn Jahre verschieben.

Meine Mutter kaufte klassische Grammophonplatten

Wir waren eine ungewöhnlich moderne Familie. Meine Mutter, der es die klassische Musik des Westens angetan hatte, kaufte zahlreiche Grammophonplatten für unser altes Victrola-Gerät. Ihr Vater ging oft mit ihr ins Konzert.

Ich glaube, daß mein Interesse an Elektronik und Tonwiedergabe auf sie zurückzuführen ist. Wir hockten zu Hause regelmäßig vor dem Trichter und hörten die kratzenden und knackenden Aufnahmen der großen europäischen Meister immer und immer wieder. Mit der damaligen mechanischen Aufnahmetechnik war orchestrale Musik nur schlecht wiederzugeben; Vokal- und Instrumentalsoli klangen am besten.

Wenn ich mich recht entsinne, schwärmte meine Mutter für Enrico Caruso und den Geiger Efrem Zimbalist. Wenn berühmte Künstler in Nagoya gastierten, hörten wir sie uns regelmäßig an. So habe ich den großen russischen Bassisten Fjodor Schaljapin und den seinerzeit noch sehr jungen deutschen Pianisten Wilhelm Kempff gehört.

Auch in Japan : Victor-Red-Seal-Klassikerplatten

Ein Händler am Platze importierte damals Victor-Red-Seal-Klassikerplatten, und jedesmal, wenn eine neue Sendung einging, überließ er sämtliche Titel meiner Mutter zunächst zum probeweisen Anhören. Ich kann mich noch erinnern, daß ich schon als kleines Kind wie wild die Kurbel drehte. Als ich dann die unteren Klassen der Oberschule besuchte, importierte Japan amerikanische Grammophongeräte. Selbstverständlich wurde eins gekauft.

Mein Vater meinte, wer die Musik liebe, der solle auch das bestmögliche Klangerlebnis haben. Wie er uns später erzählte, befürchtete er zudem, daß die blechernen Geräusche aus dem Trichter des alten Victrola-Geräts unseren Ohren nicht bekämen und unserem Musikverständnis schadeten.

Musik und Wohlklang sollten wir schätzen lernen

Wenngleich er unser Musikverständnis weder vom Künstlerischen noch vom Technischen her begriff, war ihm sehr daran gelegen, daß seine Familie in den Genuß der bestmöglichen Wiedergabe kam.

Er glaubte nämlich, daß man nur auf diese Weise gute Musik und Wohlklang schätzenlernen könne. Daher war er einer der ersten Japaner - zumindest in unserer Stadt -, die eines der neuen Grammophongeräte für teures Geld kauften. Der Apparat, ein Victor, kostete sagenhafte 600 Yen. Ein japanisches Auto war seinerzeit bereits für 1500 Yen zu haben.

Der phantastische Klang des elektrischen Grammophons

Den - natürlich nur im Vergleich mit dem alten mechanischen Gerät - phantastischen Klang des elektrischen Grammophons glaube ich heute noch im Ohr zu haben; er war ganz anders als gewohnt. Ich war regelrecht fassungslos.

Die erste Platte nach der Anschaffung des neuen Geräts war Ravels >Bolero <. Der > Bolero < gefiel mir, da sein Pathos mich mitriß - und dazu dann dieses neue, viel realistischere Klangerlebnis. Es war umwerfend. Wenn ich mir unsere alten Platten -Mozart, Bach, Beethoven, Brahms - wieder und wieder anhörte, wunderte und begeisterte es mich jedesmal, daß eine Erfindung wie die Elektronenröhre den altbekannten knackenden und kratzenden Scheiben einen dermaßen wundervollen Klang zu entlocken vermochte.

Diese Erkenntnis und die daraus entstehenden Fragen ließen mich nicht mehr los.

Unsere Mutter unterstütze mein Radiobasteln

Als ich erfuhr, daß einer meiner Verwandten, Ingenieur von Beruf, sich einen elektrischen Plattenspieler zusammengebastelt hatte, wollte ich das Gerät natürlich sehen. Ich ging zu ihm und ließ es mir vorführen. Die miteinander verdrahteten Bauteile lagen auf einer Strohmatte auf dem Fußboden seines Hauses, ein Gehäuse fehlte.

Daß ein Amateur ein solches Gerät bauen konnte, stimmte mich zuversichtlich. Radiobasteln entwickelte sich seinerzeit übrigens zu einem verbreiteten Hobby; in manchen Zeitungen und Zeitschriften fand man gar schon Diagramme, Bestückungslisten und Bauanleitungen für den interessierten Leser. Das war etwas für mich.

Mutter gab mir Geld, so daß ich mir Bücher über Elektronik kaufen und japanische und ausländische Magazine mit den letzten Informationen über die Klangwiedergabe- und Rundfunktechnik abonnieren konnte.

es geht weiter

 

 

 

 

 

.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2019 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.