Sie sind hier : Startseite →  Historie und Geschichte→  Zeitzeugen 1 (Fernsehen)→  Die "Kriegskinder"

Kriegskinder - was sind "Kriegskinder" für Menschen ?

Das Ende - April 1945
Kinder im NS-Staat

von Gert Redlich in 2015 - Es geht hier weniger um "Kinder", als eher um die halb erwachsenen Jungen und Mädchen, aber vor allem um die damals jungen Frauen und jungen Männer, die die Zeiten des 2. Weltkrieges (das waren 6 lange Jahre) und dann die Katastrophe am Ende leibhaftig miterlebt hatten.

Und die - aus unserer Sicht, also den nach 1945 Geborenen, wir sind ja deren Kinder - viele "unsichtbare psychische Schäden" behalten hatten und haben. Teilweise sind es ganz herbe Dellen oder gar Löcher in der Psyche, teils scheinen sie harmlos, teils sind sie fast schon gefährlich. Und es betraf so gut wie alle Überlebenden dieser Jahrgänge.

Bei den jüngeren "Kriegskindern" von 1936 bis 1945 (Bild rechts) war es ganz eklatant, weil diese Generation ja komplett in der suggestiven NS-Propaganda des 3. Reiches aufgewachsen waren und weil sie nichts Anderes kannten als Tag und Nacht nur : "Ein Volk, ein Reich, ein Führer".

Bei den etwas älteren Jahrgängen, etwa die Geburtsjahre 1915 bis 1920, war vielfach noch ein Rest Beurteilungsvermögen übrig geblieben. Doch auch dort regierte ab 1936/37 die Angst, etwas "Falsches" zu denken und das vielleicht "der oder dem Falschen" zu sagen und dafür bitterste Konsequenzen zu erwarten.
.

Warum schreibe ich das alles auf ?

Das hier bin ich - 1950 - und ich bekomme von meiner Mutter Valeria das erste Eis zum Schlecken

Mein Name ist Gert Redlich und ich bin 1949 geboren. Meine beiden Elternteile sind Baujahr 1919 und waren 1939 bei Kriegsanbruch in den besten Jahren. Als ich so alt war - also zwischen 18 und 22, hörte ich sehr viele "Geschichten" (oder "Storys") aus diesen Vor- und Nach- Kriegszeiten, sowohl von vor 1938 wie auch nach 1945, fast immer, wenn bei uns zuhause Freunde der Eltern zu Gast waren und von und über "alte Zeiten" erzählt wurde.

Viele dieser "Geschichten" bekam ich zwar akustisch mit, doch mit 22 bis 25 Jahren bewertet man die Glaubwürdigkeit der (30 bis 40 Jahre älteren) Erzähler ganz "anders" und so waren es (für mich) teilweise Geschichten "aus dem Märchenland".

Wenn heute in 2014 unsere Soldaten aus Afganistan zurück kommen
und "angeblich" ein Trauma erlebt haben, regt sich bei den allermeisten wenig Sympathie oder gar Verständnis. Ich kann inzwischen verstehen, daß die Unbeteiligten "es gar nicht verstehen können", abgesehen von denen, die es nicht verstehen "wollen".
.

Ein Foto aber bereits 1953 mit neu aufgebauten Häusern

In der Zeitzeugen-Historie unseres Vaters Gerhard Redlich habe ich einen Teil schon erzählt, wie Ende 1945 (und sogar bis 1955) die jungen Soldaten aus den entferntesten Ecken der Welt in das nahezu völlig zerstörte Hamburg oder Berlin zurück "gebracht" wurden und erstmal zutiefst geschockt und fast gelähmt und apathisch bis teilnahmslos vor den gigantischen Trümmerwüsten gestanden hatten.

Etwa 50 Jahre später tauchen aus den USA private (und eigentlich verbotene) Bilder (historische Fotos) von jungen amerikanischen Soldaten aus dem Berlin von 1945 auf, die beim Anblick der Trümmer Tränen in den Augen hatten - soetwas - wie hier gesehen - sprengte sogar bei den verwöhnten Amerikanern jede Vorstellungskraft.
.

Meine (unsere) Mutter Valeria Redlich - ist solch ein Kriegskind

1919 - Berlin
Berlin Plan 1941
1920 - Helene Schandl mit Tochter Valeria
1936 - Valeria Schandl

Unsere Mutter Valeria Redlich wurde 1919 in Berlin geboren. Die Eltern - die 28 Jahre alte Helene Therese Urban (Berlin März 1892 - 11.1972 ) und Eduard Schandl (Pilsen März 1880 - Berlin Buch 03.1960) lebten bereits in einer kleinen Berliner Wohnung (unverheiratet !) zusammen, ein absolutes Unding zu damaligen Zeiten. (Vergleiche mit der Story der beiden ZDF Trilogien "Ku'damm 56" und "Ku'damm 59" sind durchaus angebracht.)

In der Großstadt Berlin fiel das zu jener Zeit nicht sofort auf. Sie heirateten noch schnell - also kurz vor der Geburt der Tochter Valeria - und zogen dann nach Berlin-Mitte (N4) in die Tieckstrasse Nr. 7 - in eine ganz normale damals noch bezahlbare etwas größere Arbeiterwohnung im 2. Stock.

Die frühe Jugend verlief eigentlich unspektakulär
, außer daß bei dem selbständigen Schneidermeister - Papa Eduard Schandl - das Geld immer sehr sehr knapp war.

Dennoch konnte Papa Schandl (ziemlich weit) draußen in Berlin- Karow in der Nähe des S-Bahnhofes ein kleines, fast billiges Gartengrundstück (für 100 Goldmark!!) erwerben, auf dem dann alles an Obst und Gemüse angepflanzt wurde, das es sonst nur für "rares" Haushalts-Geld zu kaufen gab.

Papa Schandl wußte damals bereits um den Wert einer Ausbildung - auch für Mädchen bzw. "Fräuleins"
, denn seine über alles geliebte und auch besonders hübsche Frau Helene hatte keine Ausbildung und war somit nur Mutter und Hausfrau.

Die junge Mama Helene wußte sich (zwangsläufig) schon früh sehr patent zu helfen, auch wenn es in den Anfängen nach 1919 viel zu oft nur erbärmliche Rüben und altes Brot zu essen gab. Unsere "Oma Helene" hat meinen Bruder und mich von früh an "gedrillt" oder geimpft, niemals Brot wegzuwerfen, auch wenn es schon etwas hart war.
.
Unsere Mutter Valeria war ebenfalls nicht nur eine sehr hübsche junge Frau, sie hatte dazu Talente und Fähigkeiten, die die Eltern bewegten, sie trotz fortwährender akuter Geldknappheit auf die (damals zu bezahlende) höhere Handelsschule zu schicken. Heute würde man soetwas mit "sich vom Munde absparen" bezeichnen.
.

Aus dem Lebenslauf von Valeria Schandl :

Geboren am 20.11.1919 in Berlin besuchte ich von 1926 bis 1934 die Volksschule in Berlin Mitte. Anschließend ging ich 6 Monate in die Berufsschule für Kontoristinnen in Berlin. Vom 1.10.1934 bis 19.9.1936 besuchte ich die Städtische Handelsschule Berlin und erhielt als Abschluß das Zeugnis der Mittleren Reife.
.

Erste Höhere Handelsschule und Erste Handelsschule für Mädchen der Industrie- und Handelskammer zu Berlin - Berlin S.W. 19, Niederwallstraße 12 - die Schreibmaschinenklasse
.

Schreibmaschinensaal
Die Turnhalle
Die Aula
Das Chefzimmer


Damals um 1934/35 kostete eine weiterführende Schule
(wie diese höhere Handelsschule und wie auch sonst die Lehrlingsausbildung oder gar die Universität) noch das Geld der Eltern. Und wenn die Eltern kein Geld hatten, mußten die Kinder eben - nach der Volksschule - als ungelernte Arbeiter in die Fabrik - das wars dann - fertig.
.

März 1934-Einsegnung

Richtige Schulbücher - ein Traum . . . .

"Selbstverständlich" hatten die Schandls auch kein Geld für richtige Schulbücher. Doch die hatte unser Onkel Hermann Raffelsieper für seine Tocher Hildegard gekauft - die wohnten nebenan, zwei Straßen weiter - und die durfte Valeria "mit-" benutzen - was für ein Privileg.

Mit dem Einzug der Nazis in den Reichstag 1933 und der Wahl von Adolf Hitler zum Kanzler und Führer schien sich das bis dahin sehr magere - aber glückliche - Leben der jungen Familie "vordergründig" zu normalisieren. Schneidermeister Schandl (immer noch Tscheche) verdiente jetzt regelmäßig Geld und die 14jährige Tochter Valeria hatte schon bald viele Freundinnen aus der Schule, mit denen sie intensiven Kontakt pflegte.
.

"Sonderbares" und "Merkwürdiges" fing an .... ganz langsam.

1936 - Die Klasse beim Schulausflug zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin

In der Berliner Tieckstrasse und den Nebenstrassen lebten eine Menge jüdischer Ärzte und Angestellte und auch Anwälte und eine Mittelschicht quer durch fast alle Berufe. Laut unserer Mutter war es nie der Rede wert, wer welcher Religion angehörte und wer - seinem Stammbaum nach - dorthin zugeordnet wurde.

Doch mit 17 Jahren so um 1936/37 wurde es merkwürdig komisch, als die erste Freundin sich ganz traurig unter Tränen verabschiedete - sie würden umgesiedelt - und daß dann nie wieder ein Lebenszeichen aus dem neuen Domizil kam.
.

zwei Freundinnen

Na, ja, vielleicht sollte es so sein. Als dann die zweite und dann die dritte Freundin mitsamt der Eltern über Nacht "verschwand" und die Wohnungen offen leer standen, wurde Valeria hellhörig und fragte bei den Nachbarn und ihrer Mutter nach. Warum haben die nicht mal Tschüss gesagt ? Sie war(en) doch meine Freundin(nen).

"Kind" frag nicht, der Führer weiß schon, was er tut
. Und unsere Oma Helene war mit Sicherheit kein "Führer"-Fan. - Aha, da passierte also etwas sehr Merkwürdiges, erzählte mir meine Mutter fast 40 Jahre später, das sie damals nicht verstand. Und fragen durfte und sollte sie niemanden, "Kind - um Gottes Willen - halt den Mund !".
.

Vier Freundinnen mit der "falschen" Herkunft (oder Religion)

Sie hatte die Bilder ihrer Freundinnen aufgehoben, die Freundschaft begann ja schon in der Volksschule und dauerte 4 oder 5 Jahre. Ich kann die Bilder nur nach den Aufzeichnungen auf der Rückseite zuordnen, denn unsere Mutter ist im Frühjahr 1989 an Krebs verstorben.
.

Die Freundinnen
Sie alle
kamen nie
wieder zurück

.

Die junge Dame ganz rechts außen - ich kenne nicht mal ihren Namen - hat es dann am 9. Juni 1937 drauf geschrieben, als wenn sie es geahnt hatte, sie alle und ihre Familien kamen nie wieder zurück.
.

Dieses kleine traurige vorausschauende Gedicht kam von ihr :

.


Viele Wege gehen durch den Wald,
wer nicht Bescheid weiß, verirrt sich bald,
viele Wege auch durchs Leben geh'n,
muß immer den Ort auserseh'n,
wenn mancher auch Dich locken möchte,
Dein Herz Dir sagt, das ist der rechte.

.

Die ersten beruflichen Anfänge bis zur UFA

In Ihrem Lebenslauf schreibt "Fräulein" Valeria Schandl weiter :

  • "Meine erste Tätigkeit belief sich 1936 auf ein paar Wochen bei der Radio-Firma Alex v. Prohaska, Berlin Gleimstraße 20 (Prenzlauer Berg) als Kontoristin und Stenotypistin. Danach beschäftigte mich die Firma Grass & Worff (Grawor), Berlin SW68 als Stenotypistin und Kontoristin.

    Da mir die Firma zu klein war, ging ich zum 1.10.1937 zur "Universum Film AG". Berlin. In der Tochtergesell- schaft der UFA, in der UFA-Handelsgesellschaft Berlin SW 19 Krausenstrasse Nr. 38/39 fand ich einen schönen und guten Arbeitsplatz - in den ersten 3 Jahren als Stenotypistin und in den letzten Jahren bis April 1945 (Kriegsende) als Korrespondentin und Sachbearbeiterin für die gesamte reichsdeutsche Kinobranche."

.

Von nun an hatte man den ganzen Tag "zwei Gesichter"

1940 - von Freude keine Rede mehr

Unsere Mutter Valeria konnte sich nicht mehr erinnern, ob die Reichskristallnacht vor oder nach der Deportation ihrer Freundinnen und deren Eltern statt fand. Am Ende war der Metzger weg, dann der Zahnarzt, der praktisch Arzt, der Apotheker, der Goldschmied und auch einige Lehrer fehlten auf einmal.

Von den allermeisten wußte fast niemand, daß die jüdischen Ursprungs gewesen sein sollten. Und auf Anordnung der Eltern sollte man darüber auf gar keinen Fall mit irgend jemandem reden, das würde dem Vater, Papa Schandl (er kam ja aus Pilsen aus der Tschechoslowakei - späteres Protektorat Böhmen) große Probleme bereiten.

Sie sollte das (Gesehene und Gehörte) alles für sich behalten. Doch die Aufmerksamkeit war angefacht. Was tat sich noch alles an Merkwürdigkeiten ?

So ab Mitte 1938 gab es ganz langsam keine Butter mehr zu kaufen, in ganz Berlin! Gut, Butter war eh ein teures Privileg für Sonntags gewesen. Und auch elegante dünne Frauenstrümpfe - Nylons - (für Mutters hübsche und schlanke Beine) waren extrem rar geworden. An Parfum oder Schminke oder Lippenstift oder Seidenschals und andere Wohlstandsgüter wurde sowieso nicht mehr gedacht.

Schneidermeister Papa Schandl hatte Probleme, guten Stoff für seine Anzüge - also für die Anzüge seiner Kunden - einzukaufen. Anfang Winter 1938 wurden auch noch ganz normale Wolldecken rar, es gab auf einmal keine mehr.

Dennoch - so richtig unangenehm oder gefährlich wurde es nicht, nur überall ein wenig "sonderbar" - Tendenz steigend.
.

Irgendwie war etwas "im Busch"

Etwa 3km von der Tieckstr entfernt - das Vertriebs-Büro der UFA
Kriegsweihnachten 1941 - Papa hatte seiner über alles geliebten Tochter aus alten Stoff-Resten ein tolles elegantes Kostüm geschneidert

Inzwischen hatte die sehr hübsche 18jährige Valeria eine Anstellung in der Vertriebs-Zentrale der großen - aber dem Göbbels-Ministerium (dem "Promi") untergeordnet - Berliner Film- und Kino- Firma UFA Handel im Sekretariat der Kino-Verwaltung in der Krausenstrasse bekommen.

Sie hatte bei der Stenographie-Prüfung alle Wettbewerberinnen ausgestochen, sie war die Schnellste. Und dort bei der großen UFA gab es anfänglich (vor Kriegsausbruch) noch eine ganze Menge attraktiver junger Männer.

Anscheinend war - wie heute bei uns immer noch, von zurückgezogen und fleißig bis hin zu gestylten Sunnyboys und Lebemännern - es war eben alles vertreten. Vor allem die Kino- Verkäufer klopften Sprüche über Sprüche und hatten bereits am 20. des Monats kein Geld mehr und mußten die soliden Kollegen anpumpen. Es ging auch 1939 (scheinbar) immer noch "aufwärts" und in Deutschland wurden ohne Ende Kinos gebaut - und das Geschäft der UFA-Handel florierte.
.

Von Sieg zu Sieg geeilt ....

Bis zum Kriegsausbruch am 1. Sept. 1939 schien alles leidlich "normal" - dann kam der erste Einschnitt. Ein Teil der Männer, zuerst die jungen, dann die etwas älteren und dann die noch etwas älteren, wurde zuerst (freiwillig) zum Arbeitsdienst gezwungen und direkt im Anschluß (und ganz bestimmt auch wieder freiwillig) zur Wehrmacht eingezogen. Es verlief alles wieder mal problemlos, die Deutschen siegten sich von Sieg zu Sieg.

Daß in den ersten 4 Wochen des siegreichen Polenfeldzuges bereits ca. 20.000 deutsche Soldaten starben (also bereits jetzt schon - am Anfang dieses Krieges - gefallen waren, denn die Polen wehrten sich mit allem, das nur irgendwie kriegstauglich war), wurde sehr lange geheim gehalten und in den kontrollierten deutschen Zeitungen nicht publiziert. (Putin und der geleugnete Ukraine Krieg in 2015 und die dortigen Tausenden von russischen Gefallenen lassen grüßen.)

Wenn sich heute ein bundesdeutscher Soldat am Hindukusch am großen Zeh verletzt, wird darüber in fast jeder Tages-Zeitung nahezu ganzseitig (natürlich mindestens im DIN A3 Format samt Foto des Zehs - besser noch im DIN A2 Großformat - samt Großaufnahme von Fuß, Schuh und Zeh) berichtet, wie schlimm diese Verletzung ist und vor allem wie schlimm dieser Krieg in den Bergen am Hindukusch sei, in denen ja unsere bundesdeutsche Freiheit (oder besser gesagt - unser Wohlstand) verteidigt würde.
.

Doch irgendetwas hatte nicht geklappt - in Berlin fielen Bomben

Unser Vater hatte es die ganze Zeit im Krieg mit dabei, als kleinen Hoffnungsanker in der Uniform
im Sommer 1944 mit den Eltern draußen in der Gartenlaube

Bereits im Juni 1940 passierte etwas völlig Unvorstellbares. In der Hauptstadt des siegreichen Deutschland fielen vier oder sechs einsame Bomben aus dem Himmel. Im August 1940 sollen dann nochmals ein paar Bomben auf Berlin gefallen sein. Die Tieckstrasse 7 lag ja genau in Berlin Mitte und auf einmal wurden merkwürdige Gänge von Haus zu Haus gegraben und überall Eisenplatten vor die Kellerfenster geschraubt.

So langsam ging die Angst um und Reichsminister Herrmann Göring wollte nun doch nicht Müller heißen, wenn nur ein einziges feindliches Flugzeug über das Reichs- gebiet fliegen würde. Doch die Angriffe wurde häufiger und die Ungewissheit nagte Tag und Nacht an den Nerven, wann "sie" - die Engländer - denn nun wieder kommen würden. Und unsere Mutter samt Oma und Opa mußten immer öfter - am Tage und auch Mitten in der Nacht - in den Keller.

Im Januar 1943 ging es dann richtig los
- mit der Hölle, mit dem täglichen Luftalarm- Sirenengeheul und großen lang andauernden Bombenangriffen und dem "runter in den Keller", und wieder "raus aus dem Keller".

Das Haus Tieckstrasse 7 hatte 5 oder 6 Stockwerke
- wie fast alle Wohnhäuser in dem ganzen Block - und wenn solch ein Haus getroffen wurde und zusammen brach, waren die im Keller befindlichen Bewohner stundenlang eingeschlossen. Es entwickelte sich fast immer panische Hysterie. Unser Mutter versuchte, mir zu erklären, was sich da unten in den Luftschutz- kellern und in den Gedanken der Wartenden abspielte.

Wenn also oben drüber oder in einem der Nachbarhäuser eine richtige dicke Bombe (Landmine) rein krachte, erzitterte der ganze Keller minutenlang, aus allen Ritzen rieselte der Staub runter, das Licht flackerte und dann für einige Sekunden lang oder für immer ausging, dann kam oft die Panik. Ich konnte es dennoch nicht verstehen oder nachfühlen, offensichtlich muß man soetwas selbst erlebt haben.

Selbst im fast größten Wiesbadener Arkaden Kino bei James Bond 007 vorne unter der Bühne) fehlt die reale wirkliche (im Jahr 2014) mit der 6 x 1.200 Watt THX Anlage (mit 8 Stück 48cm TieftönernAngst, nicht mehr rechzeitig raus zu kommen. Es ist ja alles nur fiktive Angst-Mache, also ein virtuelles Spaß-Erlebnis und ein "Gaudi" - mit (gewöhnlich) gutem Ausgang.
.

Verbote, Verbote, Verbote und Verdunklung

Einen Arm für den Führer

Ihre verbliebenen (arischen) Freundinnen und ihre jungen weiblichen Verwandten fingen an, sich plötzlich - und oft unverhofft - zu verloben und wie verrrückt irgend einen "Freund" zu heiraten. Auch die 23-jährige Valeria heiratete im Herbst 1943 ihren UFA- Kollegen Gerhard Redlich während seines Fronturlaubes (einen Kollegen, den sie aber bereits etwas länger kannte). Ihr ebenfalls sehr sympatischer UFA Kollege und vorheriger Freund Gerd kam bereits Anfang 1942 mit nur einem Arm von der Front zurück - als blutjunger Krüppel - zurück zum UFA Innendienst. Und wieder war bei einem jungen Mann ein Traum geplatzt.

Auf der Rückseite der beiden Fotos schreibt er dennoch verträumt :

  • 1943 - Es sollte wohl nicht sein - Dein Gerd
  • 1944 - Dez - Nimm mich so, wie ich bin - in ganzer Liebe - Dein Gerd


Ob er wußte, daß Valeria seit Herbst 1943 bereits verheiratet war ?

Ab Mitte /Ende 1943 (also nach dem Desaster von Stalingrad) wurde es ernst, die Allermeisten nicht ganz Verblendeten hatten es realistisch erkannt. Mit dem Ende von Stalingrad im Januar 1943 hatte sich der Siegeswind fürchterlich in einen Gegenwind, ja einen fürchterlichen feindlichen Sturm, gedreht.

Aber um Gottes willen nur den Mund halten, sich nur nichts anmerken lassen, auch wenn Papa Schandl Nachts mit Hilfe der BBC die echten "Frontbegradigungen" mit den deutschen Führerhauptquartier- Meldungen verglich. An den Wochenenden ging es ab Ende 1943 immer ganz weit raus aus dem Zentrum - nach Berlin Karow (in Berlin Nord-Ost hinter Pankow kurz vor Buch) - in die ungemütliche zugige kalte Gartenlaube, aber das war inzwischen "sicherer".
.

Diese Postkarte rechts war bereits gefährlich "grenzwertig"

9.9.1942 - Liebe Mama und lieber Papa, recht herliche Grüße aus Hamburg möchte ich Euch senden - nebst Gerd und Eltern. Die Häuser stehen alle noch und gesund sind wir auch ..... Eure Valeria

Inzwischen war fast alles verboten, insbesondere Wasser oder Elektrizität zu "verschwenden", Radio aus der ganzen Welt zu hören, Juden die Hand zu geben, über Politik zu diskutieren (Feind hört mit), sich mit Kolleginnen (die Männer waren jetzt fast alle an der Front) nach der Arbeit über die Arbeit zu unterhalten und was noch alles. Auch das Sprechen über die Wahrheit oder gar das Schreiben darüber war höchst gefährlich. (siehe die Postkarte rechts)

Die allermeisten Kolleginnen waren bereits durch die anhaltende Schlaflosigkeit leicht agressiv, wegen der extrem vielen Fliegeralarme genervt und überreizt und damit natürlich anfällig für das sogenannte "falsche" Wort.

Die Männer waren in den entferntesten Ecken der Welt
, sofern sie überhaupt noch lebten. Valerias Ehemann - unser Vater Gerhard Redlich - war ganz ganz oben in Finnland am Ende der Welt. Der Ehemann der Cousine Hildegard - Walter Zolldan - war als Hauptmann an der Ostfront kurz vor Moskau und irgendwann in 1942 wurde er plötzlich vermißt - für immer. Die Tochter Annegret ware bereits 1 Jahr alt und hat den Vater nie gesehen.

Das resultierte in einem bestimmt 10 Jahre langen Heulen, Weinen, Hoffen und Bangen. - Er kam nie wieder. Für die Männer an der Font wurden von der Heeresleitung verrufene Front-Bordelle eingrichtet - und was war mit den ebensolchen Bedürfnissen der vielen einsamen Frauen Zuhause im "Großdeutschen Reich" ?
.

1945 - Als die Russen nach Berlin kamen . . . .

Papa Eduard hatte 1944 seinem Liebling Valeria ein wunderschönes Kostüm geschneidert

Bis dahin kam "das Grauen" nur von oben, doch jetzt kamen die "Tiere", hungrig auf hübsche deutsche Frauen (und auch auf weniger hübsche) - wie gierige Wölfe. So hatte es die Nazi- Propaganda "zur Rettung des Endsieges" an die Wände gemalt - und es stimmte wirklich.

Als nämlich das angeblich so streng geheime "Unternehmen Barabarossa" 1941 startete, hatten die Russen (aufgrund einer Vorahnung oder von Verrat) fast 5 Millionen Männer, beileibe nicht alles ausgebildete Soldaten, hinter der rusisch polnischen Grenze vorsorglich positioniert. Die Deutschen hatten etwa 3 Millionen gut ausgebildete Soldaten dorthin zum Einmarsch geschickt. Von den jungen Russen blieben dort 1941 nicht viele übrig - und die anderen überlebenden Russen hatten das Gemetzel nicht vergessen.

Unsere Mutter hatte sich zwar im Berliner Vorort Karow im Keller des Gartenhäuschens verkrochen, doch die Russen haben sie gefunden und ihrem Vater Papa Schandel die Kalaschnikow an den Kopf gehalten. Und sie kamen über Monate in Scharen, beinahe täglich, bis ein russischer Offizier im Nachbarhaus einen rusischen Soldaten inflagranti erwischte und sofort erschoß. Dann trat "Ruhe" ein.

Das alles habe ich erst erfahren, als unsere Mutter 1988/89 mit Krebs (bereits im Endstadíum austerapiert) im Krankenhaus lag und so langsam anfing, die lange unterdrückten Erlebnisse aus ihrem Leben zu erzählen. Am Ende hatte sie 1945 zwei unerwünschte Schwangerschaften (sogenante Russen-Bastarde, so nannte man das damals) abgetrieben und das sogar überlebt, und ohne äußerlich erkennbare (unsichtbare) Wunden - mit gerade mal 26 Jahren.
.

"Soetwas" vergißt man nicht, nie, sein ganzes Leben lang nicht.

Und es ist immer da - also gegenwärtig, wenn Sie alleine ist, wenn sie später mit ihrem Ehemann zusammen im Bett lag und "die Liebe" nicht funktionieren wollte. Ihr Ehemann, unser Vater kam nämlich erst zum Herbst 1945 aus Finnland zurück, so lange gab es keine Post, kein Lebenszeichen und hier in Berlin nur Russen rings herum. Soetwas nennt man : "das Grauen" kennenlernen.
.

Im Dez. 1947 wurde mein Bruder geboren

Mein Bruder und ich (links) in Berlin mit Oma und Opa
sehr selten - Weihnachten 1951 - ich sitze auf Mutters Schoß

. . . . und im Juni 1949 kam ich zur Welt. Wir wurden in eine scheinbar neue heile Welt hinein geboren. Und bei Oma und Opa in Berlin Karow in der Gartenlaube war die Welt noch (oder wieder) in Ordnung - jedenfalls scheinbar. Von dem erlebten Grauen in den Köpfen und in den Herzen unserer Eltern (und natürlich auch unserer Großeltern) ahnten wir Kinder doch nichts (auch Jahre später als Heranwachsende nicht). Sie erzählten uns wenig davon und ... es war ja nichts zu sehen.

Meinem Bruder und mir ist über viele Jahre auch nicht aufgefallen, daß wir seltenst bei unsere Mutter auf dem Schoß sitzen und kuscheln, streicheln, schmusen oder schunkeln "durften".

Mein Gesprächspartner Wolfgang Hasselbach (Baujahr 1924 und Dipl. Physiker - später Chefentwickler für Audio bei BRAUN in Frankfurt) erzählte von seinem Einsatz auf dem Balkan, als dort 1945 die Russen mit Macht kamen und sie mit dem Maschinengewehr in die anstürmenden Mengen der Soldaten schossen - und schossen und schossen und schossen - und dennoch immer neue Menschen-Mengen aus den Wäldern strömten.

Er würde heute noch von den Leichenbergen träumen, erzählte er mir in 2010. Er habe das nie vergessen können. Und dann seien sie selbst gerannt, als die letzte Munition - also ganze Kisten von MG-Gurten - verschossen war und immer noch weitere Mengen von Russen aus dem Wald über die teils einen Meter hohen Berge von Leichen stiegen und immer dichter heran kamen. - Wolfgang Hasselbach war da gerade mal 20 Jahre alt.
.

Ab 2007 habe ich "viele" Zeitzeugen gefragt und befragt . . .

Im Gespräch mit Zeitzeugen

Es waren alles "alte Leute", also genau solche Kriegskinder und sie hatten alle von traumatischen Erlebnissen erzählt. Sicher ist da überall inzwischen etwas Verklärung der Erinnerung dabei, doch noch kann ich mit Hilfe der Vergleiche der Erzählungen einiges rausfiltern und normalisieren. Auch kann ich inzwischen (wir haben Mai 2015) meine Fragen wesentlich gezielter stellen als vor 8 Jahren.

Als dann in 2014 der Sohn des verstorbenen bekannten Schauspielers und Moderators Hans Joachim Kuhlenkampf auch sehr zögernd von seinem Vater und dessen Traumata erzählte, kam mir das bereits sehr bekannt vor.

Wenn bei Kuhlenkampfs in geselliger Runde das Thema Krieg auf den Tisch kam, verschwand Vater Kuhlenkampf kommentarlos und schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein und kam den ganzen Abend nicht mehr raus. Erst ganz ganz spät hatte er seinem Sohn erzählt, daß er sich zwischen den aufgerichteten bereits gefrorenen Körpern seiner toten Kameraden sein mikriges Essen gewärmt hatte, weit hinten in Russland, bei -55 Grad Kälte. Ein Erlebnis, daß er bis zu seinem Tod nie vergessen konnte.
.

Frühjahr 2015 - Das war jetzt ein kleiner Einblick, die Berichte und Erzählungen meiner Zeitzeugen besser zu verstehen.

Es soll auch dazu dienen, die heute 70, 80 und 90jährigen Messies und Sammler aller Art etwas toleranter zu verstehen. Manche konnten und können gar nicht mehr anders ihre Kriegs-Erlebnisse verarbeiten.

Und so stürzten Sie sich nach Kriegsende mit Akribie in irgend ein Hobby, um diese bösen Gedanken und Erlebnisse zu verdrängen, - um es jedenfalls zu versuchen.

Immer mehr der befragten älteren Herren haben erzählt, daß sie nicht mal der eigenen Ehefrau von den von den Vorgesetzten befohlenen Greueln im Krieg erzählt hätten bzw. hatten erzählen können, und die Frauen seien bereits seit Jahren verstorben.

Besonders auffallend ist in den letzten 10 Jahren (wir schreiben 2010), daß man sehr sehr Ähnliches von den Vietnam Veteranen wie auch von den IRAK Veteranen hört. Die amerikanische Armee hätte mit weit über 100.000 traumatisierten Soldaten zu tun und das sei nur die Oberfläche.

2015 - Und jetzt kommt nach dem Irak Debakel noch Afgahnistan und Syrien dazu. Und im Kurdengebiet brennt es lichterloh und ganz Afrika schmokelt vor sich hin und die hunderttausende jungen Schwarzen wollen alle nach Lampedusa . . . . . und dann ins "gelobte Land" - in Paradies - natürlich nach "Germanski".
.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2018 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.