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Kriegskinder - was sind "Kriegskinder" für Menschen ?

von Gert Redlich in 2015 - Es geht hier um die Kinder, Jungs und Mädchen, Frauen und Männer, die die Zeiten des 2. Weltkrieges und vor allem das Ende leibhaftig miterlebt hatten und (für uns Kinder) unsichtbare psychische Schäden behalten haben. Teilweise sind es ganz herbe Dellen oder gar Löcher in der Psyche, teils scheinen sie harmlos, teils sind sie fast schon gefährlich.

Bei den Kindern war es ganz eklatant, weil die ja komplett in der suggestiven NS-Propaganda des 3. Reiches aufgewachsen waren und weil sie nichts Anderes kannten als : "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Bei den etwas älteren Jahrgängen, etwa ab Geburtsjahr 1915 bis 1920, war noch ein Rest Beurteilungs-vermögen übrig geblieben. Doch auch dort regierte ab 1936/38 die Angst, etwas Falsches zu denken und das dem Falschen zu sagen und dafür bittere Konsequenzen zu erwarten.
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Warum schreibe ich das alles auf ?

Das hier bin ich - 1950 - und ich bekomme von meiner Mutter Valeria das erste Eis zum Schlecken

Mein Name ist Gert Redlich und ich bin 1949 geboren. Meine beiden Elternteile sind Baujahr 1919 und waren 1939 bei Kriegsanbruch in den besten Jahren. Als ich so alt war - also zwischen 18 und 22, hörte ich sehr viele "Geschichten" aus diesen Kriegszeiten, sowohl vor 1938 wie auch nach 1945, fast immer, wenn bei uns zuhause Freunde der Eltern zu Gast waren und über alte Zeiten erzählt wurde.

Viele dieser Geschichten bekam ich zwar akustisch mit, doch mit 22 bis 25 Jahren bewertet man die Glaubwürdigkeit der (30 bis 35 Jahre älteren) Erzähler ganz anders und so waren es (für mich) teilweise Geschichten "aus dem Märchenland".

Wenn heute in 2014 unsere Soldaten aus Afganistan zurück kommen
und "angeblich" ein Trauma erlebt haben, regt sich bei den allermeisten wenig Sympathie oder gar Verständnis. Ich kann inzwischen verstehen, daß die Unbeteiligten "es gar nicht verstehen können".

In der Zeitzeugen-Historie unseres Vaters Gerhard Redlich habe ich einen Teil schon erzählt, wie Ende 1945/46 (und sogar bis 1955) die jungen Soldaten aus den entferntesten Ecken der Welt in das nahezu völlig zerstörte Hamburg oder Berlin zurück gebracht wurden und erstmal geschockt und fast gelähmt und apathisch bis teilnahmslos vor den gigantischen Trümmerwüsten gestanden hatten. Etwa 50 Jahre später tauchen private Bilder von jungen amerikanischen Soldaten aus dem Berlin von 1945 auf, die beim Anblick der Trümmer Tränen in den Augen hatten - soetwas sprengte sogar bei den verwöhnten Amerikanern jede Vorstellungskraft.
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1919 - Berlin
1920 - Helene Schandl mit Tochter Valeria
1936 - Valeria Schandl

Meine (unsere) Mutter Valeria Redlich -
ein Kriegskind

Unsere Mutter Valeria Redlich wurde 1919 in Berlin geboren. Die Eltern - die 28 Jahre alte Helene Therese Urban (Berlin März 1892 - 11.1972) und Eduard Schandl (Pilsen März 1880 - 03.1960) lebten bereits in einer kleinen Berliner Wohnung (unverheiratet) zusammen, ein absolutes Unding zu damaligen Zeiten. In der Großstadt fiel das nicht sofort auf. Sie heirateten noch schnell - kurz vor der Geburt der Tochter Valeria - und zogen dann nach Berlin Mitte in die Tieckstrasse Nr. 7 - in eine ganz normale etwas größere Arbeiterwohnung im 2. Stock.

Die frühe Jugend verlief eigentlich unspektakulär
, außer daß bei dem Schneidermeister Papa Schandl das Geld immer sehr sehr knapp war. Dennoch konnte (ziemlich weit) draußen in Berlin Karow ein kleines, fast billiges Gartengrundstück (für 100 Goldmark) erworben werden, auf dem dann alles an Obst und Gemüse angepflanzt wurde, das es sonst nur für "rares" Haushalts-Geld zu kaufen gab.

Papa Schandl wußte damals bereits um den Wert einer Ausbildung - auch für Mädchen bzw. "Fräuleins"
, denn seine über alles geliebte Frau Helene hatte keine Ausbildung und war somit nur Mutter und Hausfrau. Die junge Mama Helene wußte sich (zwangsläufig) schon früh sehr patent zu helfen, auch wenn es in den Anfängen viel zu oft nur erbärmliche Rüben und altes Brot zu essen gab. Unsere "Oma Helene" hat meinen Bruder und mich von früh an "gedrillt" oder geimpft, niemals Brot wegzuwerfen, auch wenn es schon etwas hart war.
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Unsere Mutter Valeria war nicht nur eine sehr hübsche junge Frau, sie hatte dazu Talente und Fähigkeiten, die die Eltern bewegten, sie trotz fortwährender akuter Geldknappheit auf die (zu bezahlende) höhere Handelsschule zu schicken. Heute würde man soetwas mit "sich vom Munde absparen" bezeichnen.
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Erste Höhere Handelsschule und Erste Handelsschule für Mädchen der Industrie- und Handelskammer zu Berlin - Berlin S.W. 19, Niederwallstraße 12 - die Schreibmaschinenklasse
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Schreibmaschinensaal
Die Turnhalle
Die Aula
Das Chefzimmer


Damals um 1937 kostete eine weiterführende Schule
(wie diese höhere Handelsschule und wie auch die Lehrlingsausbildung oder gar die Universität) noch das Geld der Eltern. Und wenn die Eltern kein Geld hatten, mußten die Kinder eben nach der Volksschule als ungelernte Arbeiter in die Fabrik - das wars dann - fertig.
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März 1934-Einsegnung

Richtige Schulbücher - ein Traum . . . .

"Selbstverständlich" hatten die Schandls auch kein Geld für Schulbücher, doch die hatte unser Onkel Hermann Raffelsieper für seine Tocher Hildegard gekauft - die wohnten nebenan zwei Straßen weiter - und die durfte Valeria "mit-" benutzen - was für ein Privileg.

Mit dem Einzug der Nazis in den Reichstag 1933 und der Wahl von Hitler zum Kanzler schien sich das Leben "vordergründig" zu normalisieren. Schneidermeister Schandl verdiente jetzt regelmäßig Geld und die 14jährige Tochter Valeria hatte schon bald viele Freundinnen aus der Schule, mit denen sie intensiven Kontakt pflegte.
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"Sonderbares" und "Merkwürdiges" fing an .... ganz langsam.

1936 - Die Klasse beim Schulausflug zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin

In der Berliner Tieckstrasse und den Nebenstrassen lebten eine Menge jüdischer Ärzte und Angestellte und auch Anwälte und eine Mittelschicht quer durch fast alle Berufe. Laut unserer Mutter war es nie der Rede wert, wer welcher Religion angehörte und wer - seinem Stammbaum nach - dorthin zugeordnet wurde.

Doch mit 17 Jahren so um 1936/37 wurde es merkwürdig komisch, als die erste Freundin sich ganz traurig unter Tränen verabschiedete - sie würden umgesiedelt - und daß dann nie wieder ein Lebenszeichen aus dem neuen Domizil kam.
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zwei Freundinnen

Na, ja, vielleicht sollte es so sein. Als dann die zweite und dann die dritte Freundin mitsamt der Eltern über Nacht "verschwand" und die Wohnungen offen leer standen, wurde Valeria hellhörig und fragte bei den Nachbarn und ihrer Mutter nach. Warum haben die nicht mal Tschüss gesagt ? Sie war(en) doch meine Freundin(nen).

"Kind" frag nicht, der Führer weiß schon, was er tut
. Und unsere Oma Helene war mit Sicherheit kein "Führer"-Fan. - Aha, da passierte also etwas sehr Merkwürdiges, erzählte mir meine Mutter fast 40 Jahre später, das sie damals nicht verstand. Und fragen durfte und sollte sie niemanden, "Kind - um Gottes Willen - halt den Mund !".
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Vier Freundinnen mit der "falschen" Herkunft (oder Religion)

Sie hatte die Bilder ihrer Freundinnen aufgehoben, die Freundschaft begann ja schon in der Volksschule und dauerte 4 oder 5 Jahre. Ich kann die Bilder nur nach den Aufzeichnungen auf der Rückseite zuordnen, denn unsere Mutter ist im Frühjahr 1989 an Krebs verstorben.
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Die Freundinnen
Sie alle
kamen nie
wieder zurück

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Die junge Dame ganz rechts außen - ich kenne nicht mal ihren Namen - hat es dann am 9. Juni 1937 drauf geschrieben, als wenn sie es geahnt hatte, sie alle und ihre Familien kamen nie wieder zurück.
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Dieses kleine traurige vorausschauende Gedicht kam von ihr :

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Viele Wege gehen durch den Wald,
wer nicht Bescheid weiß, verirrt sich bald,
viele Wege auch durchs Leben geh'n,
muß immer den Ort auserseh'n,
wenn mancher auch Dich locken möchte,
Dein Herz Dir sagt, das ist der rechte.

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Von nun an hatte man den ganzen Tag "zwei Gesichter"

1940 - von Freude keine Rede mehr

Unsere Mutter Valeria konnte sich nicht mehr erinnern, ob die Reichskristallnacht vor oder nach der Deportation ihrer Freundinnen und deren Eltern statt fand. Am Ende war der Metzger weg, dann der Zahnarzt, der praktisch Arzt, der Apotheker, der Goldschmied und auch einige Lehrer fehlten auf einmal. Von den allermeisten wußte fast niemand, daß die jüdischen Ursprungs gewesen sein sollten. Und auf Anordnung der Eltern sollte man darüber auf gar keinen Fall mit irgend jemandem reden, das würde Vater Schandl (er kam ja aus Pilsen aus der Tschechoslowakei) große Probleme bereiten.

Sie sollte das (Gesehene und Gehörte) alles für sich behalten. Doch die Aufmerksamkeit war angefacht. Was tat sich noch alles an Merkwürdigkeiten ?

So ab Mitte 1938 gab es ganz langsam keine Butter mehr zu kaufen, in ganz Berlin. Und elegante dünne Frauenstrümpfe waren extrem rar geworden. An Parfum oder Schminke oder Lippenstift oder Seidenschals und andere Wohlstandsgüter wurde sowieso nicht mehr gedacht. Schneidermeister Papa Schandl hatte Probleme, guten Stoff für seine Anzüge - also für die Anzüge seiner Kunden - einzukaufen. Anfang Winter 1938 wurden auch noch ganz normale Wolldecken rar, es gab auf einmal keine mehr.

Dennoch - so richtig unangenehm oder gefährlich wurde es nicht, nur überall ein wenig sonderbar - Tendenz steigend.
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Irgendwie war etwas "im Busch"

Kriegsweihnachten 1941 - Papa hatte seiner Tochter ein tolles elegantes Kostüm geschneidert

Inzwischen hatte die sehr hübsche 20jährige Valeria eine Anstellung bei der Zentrale der großen - aber dem Ministerium untergeordneten - Berliner Filmfirma UFA im Sekretariat der Kino-Verwaltung bekommen. Sie hatte bei der Steno-Prüfung alle Wettbewerberinnen ausgestochen, sie war die Schnellste. Und dort bei der großen UFA gab es eine ganze Menge attraktiver junger Männer.

Anscheinend war - wie heute bei uns immer noch, von zurückgezogen und fleißig bis hin zu gestylten Sunnyboys und Lebemännern - es war eben alles vertreten. Vor allem die Verkäufer klopften Sprüche über Sprüche und hatten bereits am 20. des Monats kein Geld mehr und mußten die soliden Kollegen anpumpen. Es ging (scheinbar) immer noch "aufwärts" und in Deutschland wurden Kinos gebaut ohne Ende und das Geschäft der UFA florierte.
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Von Sieg zu Sieg eilen ....

Bis zum Kriegsausbruch am 1. Sept. 1939 - da kam der erste Einschnitt. Ein Teil der Männer, zuerst die jungen, dann die etwas älteren und dann die noch etwas älteren, wurde zur Armee eingezogen. Es verlief alles wieder mal problemlos, die Deutschen siegten sich von Sieg zu Sieg.

Daß in den ersten 4 Wochen des siegreichen Polenfeldzuges bereits ca. 20.000 deutsche Soldaten starben (also bereits jetzt schon am Anfang dieses Krieges gefallen waren, denn die Polen wehrten sich mit allem, das nur irgendwie kriegstauglich war), wurde sehr lange geheim gehalten und in den kontrollierten deutschen Zeitungen nicht publiziert. (Putin und der geleugnete Ukraine Krieg in 2015 und die dortigen tausenden von russischen Gefallenen lassen grüßen.)

Wenn sich heute ein deutscher Soldat am großen Zeh verletzt, wird darüber in fast jeder Tages-Zeitung nahezu ganzseitig (natürlich im DIN A3 Format samt Großaufnahme) berichtet, wie schlimm diese Verletzung und vor allem dieser Krieg am Hindukusch sei, in dem ja unsere Freiheit verteidigt würde.
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Doch irgendetwas hatte nicht geklappt - in Berlin fielen Bomben

Unser Vater hatte es die ganze Zeit im Krieg mit dabei, als kleinen Hoffnungsanker in der Uniform
im Sommer 1944 mit den Eltern draußen in der Gartenlaube

Bereits im Juni 1940 passierte etwas völlig Unvorstellbares. In der Hauptstadt des siegreichen Deutschland fielen Bomben aus dem Himmel. Im August 1940 sollen dann nochmals Bomben auf Berlin gefallen sein. Die Tieckstrasse 7 lag ja genau in Berlin Mitte und auf einmal wurden merkwürdige Gänge von Haus zu Haus gegraben und Eisenplatten vor die Kellerfenster geschraubt.

So langsam ging die Angst um und Reichsminister Herrmann Göring wollte nun doch nicht Müller heißen, wenn nur ein einziges feindliches Flugzeug über das Reichsgebiet fliegen würde. Doch die Angriffe wurde häufiger und die Ungewissheit nagte Tag und Nacht an den Nerven, wann "sie" - die Engländer - denn nun wieder kommen würden. Und unsere Mutter samt Oma und Opa mußten immer öfter - am Tage und auch Mitten in der Nacht - in den Keller.

Im Januar 1943 ging es dann richtig los
- mit der Hölle, mit dem täglichen Luftalarm- Sirenengeheul und großen lang andauernden Bombenangriffen und dem "runter in den Keller", und wieder "raus aus dem Keller".

Das Haus Tieckstrasse 7 hatte 5 oder 6 Stockwerke
- wie fast alle Wohnhäuser in dem ganzen Block - und wenn solch ein Haus getroffen wurde und zusammen brach, waren die im Keller befindlichen Bewohner stundenlang eingeschlossen. Es entwickelte sich fast immer panische Hysterie. Unser Mutter versuchte, mir zu erklären, was sich da unten in den Luftschutzkellern und in den Gedanken der Wartenden abspielte.

Wenn also oben drüber oder in einem der Nachbarhäuser eine richtige dicke Bombe rein krachte, der ganze Keller minutenlang erzitterte, aus allen Ritzen der Staub runter rieselte, das Licht flackerte und für einige Sekunden lang oder für immer ausging. Ich konnte es dennoch nicht verstehen oder nachfühlen, offensichtlich muß man soetwas selbst erlebt haben.

Selbst im fast größten Wiesbadener Arkaden Kino bei James Bond 007 (im Jahr 2014) mit der 6 x 1.200 Watt THX Anlage (mit 8 Stück 48cm Tieftöner vorne unter der Bühne) fehlt die reale Angst, nicht mehr rechzeitig raus zu kommen, es ist ja alles nur fiktive Angst-Mache, also ein virtuelles Spaß-Erlebnis und ein "Gaudi" mit gutem Ausgang.
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Verbote, Verbote, Verbote und Verdunklung

Einen Arm für den Führer

Ihre verbliebenen (arischen) Freundinnen und ihre jungen weiblichen Verwandten fingen an, sich plötzlich - und oft unverhofft - zu verloben und wie verrrückt irgend einen "Freund" zu heiraten. Auch die 23-jährige Valeria heiratete im Herbst 1943 ihren UFA- Kollegen Gerhard Redlich während seines Fronturlaubes (einen Kollegen, den sie aber bereits etwas länger kannte). Ihr ebenfalls sehr sympatischer UFA Kollege und vorheriger Freund Gerd kam bereits Anfang 1942 mit nur einem Arm von der Front zurück - als blutjunger Krüppel - zurück zum UFA Innendienst. Und wieder war bei einem jungen Mann ein Traum geplatzt.

Auf der Rückseite der beiden Fotos schreibt er dennoch verträumt :

  • 1943 - Es sollte wohl nicht sein - Dein Gerd
  • 1944 - Dez - Nimm mich so, wie ich bin - in ganzer Liebe - Dein Gerd


Ob er wußte, daß Valeria seit Herbst 1943 bereits verheiratet war ?

Ab Mitte /Ende 1943 (also nach dem Dessaster von Stalingrad) wurde es ernst, die Allermeisten nicht ganz Verblendeten hatten es realistisch erkannt. Mit dem Ende von Stalingrad im März 1943 hatte sich der Siegeswind fürchterlich in einen Gegenwind, ja einen fürchterlichen Sturm, gedreht.

Aber um Gottes willen nur den Mund halten, sich nur nichts anmerken lassen, auch wenn Papa Schandl Nachts mit Hilfe der BBC die echten "Frontbegradigungen" mit den deutschen Führerhauptquartier- Meldungen verglich. An den Wochen-Enden ging es ab Ende 1943 immer ganz weit raus aus dem Zentrum - nach Berlin Karow (in Berlin Nord-Ost hinter Pankow kurz vor Buch) - in die zugige kalte Gartenlaube, das war inzwischen "sicherer".
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Diese Postkarte rechts war bereits gefährlich "grenzwertig"

9.9.1942 - Liebe Mama und lieber Papa, recht herliche Grüße aus Hamburg möchte ich Euch senden - nebst Gerd und Eltern. Die Häuser stehen alle noch und gesund sind wir auch ..... Eure Valeria

Inzwischen war fast alles verboten, Wasser oder Elektrizität zu "verschwenden", Radio aus der ganzen Welt zu hören, Juden die Hand zu geben, über Politik zu diskutieren (Feind hört mit), sich mit Kolleginnen (die Männer waren jetzt fast alle an der Front) nach der Arbeit über die Arbeit zu unterhalten und was noch alles. Auch das Sprechen über die Wahrheit oder gar das Schreiben darüber war höchst gefährlich. (siehe die Postkarte rechts)

Die allermeisten Kolleginnen waren bereits durch die anhaltende Schlaflosigkeit wegen der extrem vielen Fliegeralarme genervt und überreizt und damit natürlich anfällig für das "falsche" Wort.

Die Männer waren in den entferntesten Ecken der Welt
, sofern sie überhaupt noch lebten. Valerias Ehemann - unser Vater - war ganz ganz oben in Finnland am Ende der Welt. Der Ehemann der Cousine Hildegard - Walter Zolldan - war als Hauptmann an der Ostfront kurz vor Moskau und irgendwann in 1942 wurde er plötzlich vermißt - für immer.

Das resultierte in einem bestimmt 10 Jahre langen Heulen, Weinen, Hoffen und Bangen. Er kam nie wieder. Für die Männer an der Font wurden von der Heeresleitung verrufene Front-Bordelle eingrichtet - und was war mit den ebensolchen Bedürfnissen der Frauen Zuhause im Großdeutschen Reich ?
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1945 - Als die Russen nach Berlin kamen . . . .

Papa Eduard hatte 1944 seinem Liebling Valeria ein wunderschönes Kostüm geschneidert

Bis dahin kam "das Grauen" nur von oben, doch jetzt kamen die "Tiere", hungrig auf hübsche deutsche Frauen (und auch auf weniger hübsche) - wie gierige Wölfe. So hatte es die NAZI Propaganda "zur Rettung des Endsieges" an die Wände gemalt - und es stimmte wirklich.

Unsere Mutter hatte sich zwar im Berliner Vorort Karow im Keller verkrochen, doch die Russen haben sie gefunden und ihrem Vater Opa Schandel die Kalaschnikow an den Kopf gehalten. Und sie kamen in Scharen.

Das alles habe ich erst erfahren, als unsere Mutter 1988/89 mit Krebs (bereits austerapiert) im Krankenhaus lag und so langsam anfing, Erlebnisse aus ihrem Leben zu erzählen. Am Ende hatte sie 1945 und 1946 zwei unerwünschte Kinder (sogenante Russen-Bastarde, so nannte man das damals) abgetrieben und das sogar überlebt, ohne äußerlich erkennbare Wunden - mit gerade mal 26 Jahren.
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"Soetwas" vergißt man nicht, nie, sein ganzes Leben lang nicht.

Und es ist immer da - also gegenwärtig, wenn Sie alleine ist, wenn sie später mit ihrem Ehemann zusammen im Bett lag und "die Liebe" nicht funktionieren wollte. Ihr Ehemann, unser Vater kam nämlich erst zum Ende 1946 aus Finnland zurück, so lange gab es keine Post, kein Lebenszeichen und hier in Berlin nur Russen rings herum. Soetwas nennt man : "das Grauen" kennenlernen.
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Im Dez. 1947 wurde mein Bruder geboren

Mein Bruder und ich (links) in Berlin mit Oma und Opa
sehr selten - Weihnachten 1951 - ich sitze auf Mutters Schoß

. . . . und im Juni 1949 kam ich zur Welt. Wir wurden in eine scheinbar neue heile Welt hinein geboren. Und bei Oma und Opa in Berlin Karow in der Gartenlaube war die Welt noch (oder wieder) in Ordnung - jedenfalls scheinbar. Von dem erlebten Grauen in den Köpfen und in den Herzen unserer Eltern (und natürlich auch unserer Großeltern) ahnten wir Kinder doch nichts (auch Jahre später als Heranwachsende nicht). Sie erzählten uns wenig davon und ... es war ja nichts zu sehen.

Meinem Bruder und mir ist über viele Jahre auch nicht aufgefallen, daß wir seltenst bei unsere Mutter auf dem Schoß sitzen und kuscheln, streicheln, schmusen oder schunkeln "durften".

Mein Gesprächspartner Wolfgang Hasselbach (Baujahr 1924 und Dipl. Physiker - später Chefentwickler für Audio bei BRAUN in Frankfurt) erzählte von seinem Einsatz auf dem Balkan, als dort 1945 die Russen mit Macht kamen und sie mit dem Maschinengewehr in die anstürmenden Mengen der Soldaten schossen - und schossen und schossen und schossen - und dennoch immer neue Menschen-Mengen aus den Wäldern strömten.

Er würde heute noch von den Leichenbergen träumen, erzählte er mir in 2010. Er habe das nie vergessen können. Und dann seien sie selbst gerannt, als die letzte Munition - also ganze Kisten von MG-Gurten - verschossen war und immer noch weitere Mengen von Russen aus dem Wald über die teils einen Meter hohen Berge von Leichen stiegen und immer dichter heran kamen. - Wolfgang Hasselbach war da gerade mal 20 Jahre alt.
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Ab 2007 habe ich "viele" Zeitzeugen gefragt und befragt . . .

Im Gespräch mit Zeitzeugen

Es waren alles "alte Leute", also genau solche Kriegskinder und sie hatten alle von traumatischen Erlebnissen erzählt. Sicher ist da überall inzwischen etwas Verklärung der Erinnerung dabei, doch noch kann ich mit Hilfe der Vergleiche der Erzählungen einiges rausfiltern und normalisieren. Auch kann ich inzwischen (wir haben Mai 2015) meine Fragen wesentlich gezielter stellen als vor 8 Jahren.

Als dann in 2014 der Sohn des verstorbenen bekannten Schauspielers und Moderators Hans Joachim Kuhlenkampf auch sehr zögernd von seinem Vater und dessen Traumata erzählte, kam mir das bereits sehr bekannt vor.

Wenn bei Kuhlenkampfs in geselliger Runde das Thema Krieg auf den Tisch kam, verschwand Vater Kuhlenkampf kommentarlos und schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein und kam den ganzen Abend nicht mehr raus. Erst ganz ganz spät hatte er seinem Sohn erzählt, daß er sich zwischen den aufgerichteten bereits gefrorenen Körpern seiner toten Kameraden sein mikriges Essen gewärmt hatte, weit hinten in Russland, bei -55 Grad Kälte. Ein Erlebnis, daß er bis zu seinem Tod nie vergessen konnte.
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Frühjahr 2015 - Das war jetzt ein kleiner Einblick, die Berichte und Erzählungen meiner Zeitzeugen besser zu verstehen.

Es soll auch dazu dienen, die heute 70, 80 und 90jährigen Messies und Sammler aller Art etwas toleranter zu verstehen. Manche konnten und können gar nicht mehr anders ihre Kriegs-Erlebnisse verarbeiten.

Und so stürzten Sie sich nach Kriegsende mit Akribie in irgend ein Hobby, um diese bösen Gedanken und Erlebnisse zu verdrängen, - um es jedenfalls zu versuchen. Immer mehr der befragten älteren Herren haben erzählt, daß sie nicht mal der eigenen Ehefrau von den Greueln im Krieg erzählt hätten bzw. hatten erzählen können, und die Frau sei bereits seit Jahren verstorben.

Besonders auffallend ist in den letzten 10 Jahren (wir schreiben 2010), daß man sehr sehr Ähnliches von den Vietnam Veteranen wie auch von den IRAK Veteranen hört. Die amerikanische Armee hätte mit weit über 100.000 traumatisierten Soldaten zu tun und das sei nur die Oberfläche.

2015 - Und jetzt kommt nach dem Irak Debakel noch Afgahnistan und Syrien dazu. Und im Kurdengebiet brennt es lichterloh und ganz Afrika schmokelt vor sich hin und die hunderttausende jungen Schwarzen wollen alle nach Lampedusa . . . . . und dann ins "gelobte Land" nach Germanski.
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