Ein Kameramann schreibt über seinen Berufs-Traum
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Der „Luftpirat" Mathias Rust
„Ich gratuliere Euch, ab jetzt wird der Rote Platz „German Airport" heißen." So begrüßte mich am Morgen des 29. Mai 1987 ein amerikanischer Fernsehkollege auf dem Weg zum ARD-Studio.
Mit einem verlegenen Lacher quittierte ich den Morgengruß, obwohl ich den Sinn des vermeintlichen Witzes nicht verstanden hatte. Unsere Studiosekretärin erwähnte den Anruf eines deutschen Zeitungskollegen, der mit Lehmann wegen eines „Kreml-Fliegers" sprechen wollte, aber er würde sich später nochmal melden.
Per Telefon störte ich Lehmann beim Frühstück, er wohnte ein Haus weiter und war kurz darauf im Büro. Nachdem er Hinz und Kunz abtelefoniert hatte, besprach er mit mir den Sachverhalt und unsere Schritte.
Gestern Abend sei ein junger deutscher Sportflieger auf dem Roten Platz gelandet und samt Maschine festgesetzt worden. Gegen 11.00 Uhr würde er Näheres in der Deutschen Botschaft erfahren, dort gebe es eine Pressekonferenz.
Mich beauftragte er, für einen kommenden Tagesschau-Bericht diverse Bilder vom Roten Platz zu drehen und dort oder vor den umliegenden Touristenhotels nach möglichen Augenzeugen zu suchen und die zu befragen.
Ich hatte das Glück, einen deutschen Touristen zu erwischen.
Hier das Wichtige aus meinem Interview: „Sie sind also um kurz vor zwölf Uhr auf den Roten Platz gekommen?"
„Wir sind kurz vor zwölf Uhr auf den Roten Platz gekommen. Ja, und da stand das Flugzeug völlig für sich alleine. Und uns wurde von einem der Polizisten, die wir gefragt haben, gesagt, es würde ein Film gedreht. Es war eine der größten Überraschungen, die ich mir bisher habe vorstellen können, hier in Moskau. Ich bin das erste Mal da und wir kommen auf den Roten Platz und da steht ein Flugzeug mit deutschen Hoheitskennzeichen und wir haben also überlegt, was damit wohl los sein könnte. Ein Film über Richthofen konnte es ja vermutlich nicht sein, weil es nicht rot lackiert war. Wir sind dann allerdings nicht näher rangegangen. Das Ganze war abgesperrt und wir haben nicht den Versuch gemacht, die Absperrungen zu überwinden."
„Haben Sie viele Polizeikräfte in der Nähe der Maschine gesehen? Wurden Sie daran gehindert, sich das Flugzeug näher zu betrachten?" „Viel Polizei war nicht da. Es waren drei oder vier Polizisten da, und ich glaube, wenn wir gefragt hätten, wären wir vielleicht sogar näher rangekommen. Aber wir hatten den Wachwechsel um zwölf Uhr, um Mitternacht, miterleben wollen und deswegen mussten wir uns beeilen, um den nicht zu verpassen." „Vielen Dank."
Außer der deutschen gab es auch eine sowjetische Pressekonferenz. Nach Abschluss scherzte der Regierungssprecher: „Der Sportflieger könnte auch die Vorhut für den erwarteten Staatsbesuch des deutschen Präsidenten gewesen sein."
Offiziell wurde der Vorfall bagatellisiert und so konnte Lutz Lehmann in seinem Aufsager für die Tagesschau von einem Fliegerstreich sprechen, wie wir ihn aus dem Heinz Rühmann-Film „Quax, der Bruchpilot" kennen.
Hinter den Kulissen wurde nicht gelacht. Es rollten Köpfe. Verteidigungsminister Alexander Koldunov musste seinen Hut nehmen. Mit ihm wurden noch sechs weitere Generäle in die Frühpension verabschiedet. Sicher waren sie keine Gorbatschow-Anhänger. Trotzdem hätten sie ihm Dank geschuldet. Bei „Väterchen" Stalin hätte es statt der Frühpension den Genickschuss gegeben.
Hier der detaillierte Sachverhalt (die Legende lebt weiter) :
Am 28. Mai 1987, es war zufällig auch noch der Feiertag der sowjetischen Grenztruppen, startete in Helsinki der neunzehnjährige Sportpilot Mathias Rust "unerlaubt" zu einem Sichtflug nach Moskau. Nach fünfeinhalb Stunden erreichte er den Roten Platz und überflog ihn mehrmals. Seine Landung erfolgte auf der vor dem Roten Platz liegenden „Großen Moskwa-Brücke". Von dortkonnte er auf den Busparkplatz unterhalb des Spasski-Turms rollen.
Seine immer wieder beschriebene Landung auf dem Roten Platz zählt damit zu den undementierbaren Legenden. Kaum ausgerollt, war die Maschine von russischen Passanten umgeben, die den jugendlichen Piloten nach woher, wohin, warum befragten. Erst nach zehn Minuten wurde er abgeführt. Sein jetzt bewachtes Flugzeug, eine geliehene Cessna, wurde erst in den frühen Morgenstunden abtransportiert.
Nachmittags baten mich die amerikanischen Kollegen vom Moskauer NBC-Studio um technische Hilfe. Sie hätten eine Videokassette aus einer Amateurkamera, die sie nicht abspielen könnten. In der Tat, es handelte sich um eine PAL-Aufzeichnung, das von uns verwendete Farbsystem. Die Amerikaner arbeiteten in Moskau im Gegensatz zu uns mit Secam.
In Anwesenheit zweier NBC-Leute begann ich mit der kollegialen Überspielung und Normwandlung: läppische Amateurbilder des Roten Platzes mit Touristen. Doch die Kamera folgte dem Flug eines Taubenschwarms und erfasste eine Cessna, das Rust-Flugzeug.
Mir stockte der Atem. Danach stoppte ich die Bandmaschinen und holte Lutz Lehmann aus seinem Büro in den Schneideraum. Wie wir, waren die Amis ausgeschwärmt, um Augenzeugen zu finden. Ein Polit-Tourist aus der Gruppe „Ärzte gegen den Atomtod" hatte zufällig den „Kreml-Flieger" gefilmt und nach seiner Landung angesprochen. Ein Juwel für aktuelle Berichterstatter.
Lehmann versuchte zu tauschen: Überspielung gegen Tagesschau- Senderechte. Die US-Kollegen sagten nein. Doch ihre Kassette lag in unserer nun abgestellten VHS-Maschine.
Für Lehmann und die NBC-Leute wurde die Nummer zu groß. Über Telefon und Fernschreiber verhandelte weiter die ARD-Tagesschau in Hamburg mit der Geschäftsleitung der NBC in New York. Nach einer Stunde peinlichen Wartens die Entscheidung: Unmittelbar nach der Erstausstrahlung der NBC dürfen wir als Inhaber der Senderechte für Deutschland ebenfalls auf den Sender gehen. Was für ein Sieg! Ich überspielte für die Amis und die ARD. Dann gab ich ihnen die Kassette zurück. Doch ihre kollegiale Sympathie hatte ich für immer verloren.
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Protestsänger Wyssotzky - sein achter Todestag
Im Juli 1987 war meine Anwesenheit auf dem Wagankowoer Friedhof notwendig. Halb Moskau war auf den Beinen, um des Todestages eines sowjetischen Superstars, Wladimir Wyssotzky, zu gedenken.
Der 1938 Geborene war 1980 im Alter von zweiundvierzig Jahren verstorben. Nach seinem Studium an der Schauspielschule des Moskauer Künstlertheaters folgten kleine Theaterrollen und Filmauftritte.
Nachdem er zum festen Ensemble des renommierten Moskauer Taganka-Theaters gehörte, begann er im Alter von dreißig Jahren Lieder zu schreiben. Chansons, die in Form und Inhalt nicht den vorgegebenen Normen des Sozialistischen Realismus entsprachen. Wyssotzky sang im Stil westlicher Protestsänger über das reale Leben in der Sowjetunion und die existierenden Missstände.
Nur wenige seiner Lieder erschienen als Schallplatten der sowjetischen „Melodija"-Gesellschaft und wurden den Verkäufern aus den Händen gerissen. Doch wo man ging und stand, ob in der Metro oder von Bänken im Gorki-Parkbiszu den Jugendtreffs am Puschkin-Denkmal, überall war Wyssotzky zu hören.
Millionenfach wurden seine Songs von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder gespielt und in der ganzen Sowjetunion verbreitet. Sein Name war unter den Sowjetbürgern bekannter und populärer als im Westen der von Elvis Presley.
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Berühmt trotz seiner Exzesse wie im Westen
Sein Leben und seine Auftritte wurden von Alkohol und Drogenexzessen begleitet. Auch darin konnte er es mit westlichen Pop-Größen aufnehmen. Als er 1980 verstarb und im Hamlet-Kostüm seiner letzten Theaterrolle beerdigt wurde, uferte dieses Ereignis zu einer Massendemonstration aus.
Es wurde die größte Trauerfeier Moskaus seit Stalins Tod. Trotz des Einsatzes von siebenhundert Polizisten gerieten die Menschenmassen außer Kontrolle und die Offiziellen waren froh, dass keiner der Trauernden zu Tode kam.
Jetzt, acht Jahre später, befürchtete man Ähnliches und so wurden mit zahlreichen Fahrzeugen und Hunderten von Milizionären die Menschenmassen ab der Metrostation kanalisiert. Ab Friedhofseingang wurde nur Gruppe für Gruppe eingelassen und später unter Polizeibegleitung aus dem Friedhof geführt.
Als das Deplee begann, stand ich mit meiner Kamera rechts hinter dem Grabstein. Normale Bürgergruppen hatten kaum Zeit, ihre Blumen oder Briefe abzulegen; schon wurden sie weitergetrieben. Alle zwanzig Minuten Pause, um das Abgelegte zu ordnen. Danach erschienen Einzelpersonen, die an der Grabstätte stehen durften, um Blumengestecke zu bringen und eine Gedenkminute einzulegen. Dann Fortsetzung des Defilees.
Beiden Prominentenstops fragte ich meinen Assistenten Genia immer, „Kto on, kto ona?"-„Wer ist er, wer ist sie?", um zu erfahren, dass es sich um berühmte Schriftsteller, Regisseure oder Solotänzerinnen des Bolschoi-Theaters handelte.
„Und der Name?" „Marina Vlady-Versois"
Nach einer längeren Pause kam eine schwarz gekleidete, tief verschleierte Frau. In den Armen hielt sie einen Rosenstrauß, minutenlang kniete sie vor dem Blumenmeer, um danach langsam gestütztauf einen Polizeioffizier die Grabstätte zu verlassen. Meine Frage an Genia: „Wer war sie?" „Seine 3. Frau. Mit ihr war Wysssotzkyzehn Jahre verheiratet, sie ist ein bekannter europäischer Filmstar." „Und der Name?" „Marina Vlady-Versois".
Nach diesen Worten war ich plötzlich wieder achtzehn Jahre alt und saß im Leipziger Kino „Schauburg". Auf der Leinwand erschien ein Engel oder nur ein Gesicht, das meiner Vorstellung vom Engel meiner Tag- und Nachtträume entsprach.
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Mein Engel auf der Leinwand - vor über 30 Jahren
Blaue fragende Augen im Antlitz einer Kindfrau, umrahmt von einer langen blonden Haarmähne. Der Engel, damals sechzehn Jahre alt, war die französische Schauspielerin Marina Vlady-Versois in ihrem Film „Erste Liebe".
Je öfters ich mir den Film in den nächsten Tagen angesehen hatte, umso größer wurde meine Sehnsucht, einem solchen Mädchen zu begegnen. Dieses Leinwanderlebnis veränderte mein Leben. Ab diesem Zeitpunkt putzte ich jeden Tag meine Zähne und Schuhe, wusch Hals und Füße und wechselte ohne Mutters Mahnung die Unter-und Oberhosen. Für die Begegnung mit einem solchen Traum von Mädchen wollte ich künftig gerüstet sein.
Gut drei Jahrzehnte waren seit meiner Leinwand-Verliebtheit vergangen. Auf der Heimfahrt vom Friedhofsspektakel war ich dem Schicksal dankbar, dass ich in meiner jungen Frau Vera nicht die erste Liebe, aber das große Lebensglück gefunden hatte.
Gerd Ruge kommt nach Moskau
Der „Kreml-Flieger" Rust war das letzte große Moskau-Ereignis, das in die Korrespondentenzeit von Lutz Lehmann und Peter Bauer fiel. Im Juni 1987 waren deren Verträge ausgelaufen. Mein Auslands vertrag endete erst ein Jahr später, im Mai 1988.
Als neue Korrespondenten für Moskau hatte die ARD Gerd Ruge und Frau Dr. Krone-Schmalz vorgesehen. Seit Wochen feierte die Presse vor allem diese pro-feminine Entscheidung mit dem Tenor: Endlich übernimmt eine Frau diesen wichtigen Auslandsposten. Ihr zur Seite steht der welterfahrene Gerd Ruge. Soweit die Journaille.
Nach der Geschäftsordnung des WDR war Gerd Ruge Studioleiter, Frau Krone Schmalz zweite Korrespondentin. Als neue Studio-Kollegin war mir Gaby Krone mehr als recht. Wir kannten uns seit ihrem WDR-Volontariat und ihrer späteren Reportertätigkeit in der Tagesschau.
Gerd Ruge - eine neue Art von Chef
Erfreut und neugierig war ich auf die Zusammenarbeit mit der Auslandsreporter- Legende Gerd Ruge. In den Zeitungen galt er als profunder Kenner der Sowjetunion. Er war von 1956 bis 1959 als erster deutscher Radio-Reporter in der schwierigen nachstalinistischen Zeit in Moskau.
Danach trieb es ihn in die weite Welt hinaus. Gerühmt wurden auch seine profunden Sprachkenntnisse, neben russisch natürlich auch englisch und französisch.
„Der uneitle Gerd Ruge konnte nicht nur mit den Großen dieser Welt umgehen. In seiner speziellen menschlichen Art interessierte ihn vor allem das Leben der kleinen Leute in den Ländern seiner Berichterstattung. Vorbild ganzer Journalistengenerationen, Gerd Ruge die Reporter-Legende."
So in etwa wurde über ihn berichtet. Als ich ihn als neuen Studioleiter begrüßte, gab er sich überjovial. „Sowas wie Studioleiter gibt es bei mir nicht. Hallo Manfred, ich bin der Gerd."
Dr. Gabriele Krone-Schmalz
Zuerst habe ich für Gaby Krone gearbeitet. Bevor sie ihr Visum für die Sowjetunion hatte - sowas brauchte seine Zeit - fing ich in Moskau an, für ihren ersten Russland-Film zu drehen. Der Titel: „Neu in Moskau." Um mit ihr vorab Einzelheiten zu besprechen, war ich extra nach Köln geflogen.
Gaby kam mit ihrem Mann Lothar Schmalz, der wegen des Umzugs in die russische Hauptstadt seinen Job als Bauingenieur beim Kölner Regierungspräsidenten aufgegeben hatte. Auch er war mir kein Unbekannter.
Als Segelfluglehrer hatte Gaby ihn kennengelernt, mich hatte er freundlicherweise vor Zeiten zu einem Rundflug um Kölns Butzweilerhof eingeladen. Beide waren abenteuerlich genug veranlagt, mit dem Auto zu kommen. Zuerst mit der Fähre nach Finnland, um dort die russische Grenze zu passieren.
Um ihre Einfahrt nach Moskau zu filmen, trafen wir uns am Trotz-Denkmal der Leningrader Chaussee, dreiundzwanzig Kilometer vom Stadtkern entfernt. Überdimensionale spanische Reiter-Attrappen markierten hier die Stelle, an der die deutsche Wehrmacht ihren Marsch auf Moskau im Dezember1941 beenden musste.
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Am 24. Juli 1987 kamen sie beide in Moskau an.
Mein Assistent Genia begrüßte am 24. Juli 1987 das aus Leningrad angereiste Paar mit einem Blumenstrauß, danach Drehbeginn. In den nächsten Tagen die notwendigen Berichtsbilder. Gaby lernt die Stadt kennen. Über ihren Mann Lothar hatten deutsche Zeitungen geschrieben, dass er wegen der Liebe zu seiner Frau statt als Bauingenieur in Köln nun Hausmann in Moskau sei. Das musste schleunigst korrigiert werden. Ich filmte ihn als Hobbymaler mit seiner Staffelei vor einer Klosterkirche in Kolomenskoje.
Udo Lindenberg
Am 19. August 1987 gastierte Udo Lindenberg im Gorki-Park. Für die Moskauer ein großes Ereignis. Die Freilichtbühne „Siljoni Theater" - Grünes Theater - hoffnungslos überfüllt. Vergeblich versuchte die Miliz, Leute von den Bäumen zu holen.
Vor zwei Jahren, am 1. August 1985, waren hier schon einmal die Zuschauer ausgeflippt, als er mit der beliebten Alla Pugatschowa das Lied „ Wozu sind Kriege da" sang. Im Anschluss hatte ich Lindenberg um LPs seines neuen Albums gebeten, die russischen Studio-Mitarbeiter hatten mich deshalb genervt.
Für den nächsten Nachmittag war ich mit ihm im Hotel Rossija verabredet. Es blieb nicht beim Überreichen einiger Schallplatten. Er lud mich zum Tee ein und fragte, wie denn die Russen so wären. Ein sympathischer Mann ohne Star-Allüren. Jetzt, 1987, haperte es an der Dreh-Erlaubnis.
Doch Lindenbergs Manager erinnerte sich an meinen Namen und sagte: „ Konzertausschnitte für den WDR kein Problem." Im „Grünen Theater" wurde von den Lindenberg-Leuten inmitten der Publikumsplätze für meine Kamera ein Praktikabel aufgebaut und eine Tonleitung gelegt. Zu Konzertbeginn erschien Ruge und wollte die Kamera in der ersten Reihe haben. „Gerd, das ist unmöglich, aber wenn Du mit Zuschauern sprechen willst, natürlich in den Pausen, haben wir für alle Fälle eine Handkamera dabei." Unmittelbar vor Konzert-Ende hat uns Ruge noch einmal besucht mit der Anweisung, hier auf ihn zu warten. Er würde mit Lindenberg zu einem Interview wiederkommen. Von Viertelstunde zu Viertelstunde leerte sich der Zuschauerraum. Scheinwerfer um Scheinwerfer erlosch, die Lindenberg-Leute holten ihr Praktikabel ab.
Über eine Stunde war vergangen, inzwischen schrieben wir 23.30 Uhr, und die Parkverwaltung kündige an, die Tore zu schließen. Also mussten wir zurück ins Studio fahren. Am nächsten Morgen wollte ich Ruge zu Rede stellen. Eine Verabredung zum Interview mit Lindenberg, so erklärte er, hätte es nie geben. Unser beider Verwunderung hielt sich in Grenzen. Natürlich hatten wir bemerkt, dass Gerd Ruge am Vorabend von dem in Russland so beliebten Wässerchen ein Glas zu viel getrunken hatte.
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Über das Moskau-Studio im Jahre 1987
Für die zunehmende journalistische Bedeutung der Sowjetunion als ein Land im Umbruch war das ARD-Studio Moskau räumlich und personell schlecht ausgestattet. Ohne Schuld des WDR. Die sowjetischen Behörden verweigerten seit Jahren mehr Raum, mehr deutsches Personal und mehr Ortskräfte.
Außer uns drei Deutschen, zwei Korrespondenten und einem Kameramann, durften wir als Ortskräfte zwei Sekretärinnen, einen russischen Kameramann und drei Fahrer beschäftigen, die, von uns ausgebildet, gleichzeitig Assistenten und Videotechniker waren. Dazu kam die außerordentlich tüchtige Cutterin Vera Roganowa. Seit mehr als acht Jahren bei uns tätig, hatte sie schon für Klaus Bednarz und Harald Brand gearbeitet.
Auch einer der Tontechniker, Tolja Popikow, brachte es auf neun WDR-Dienstjahre. Vera Romboy arbeitete freiberuflich als Vertretung der öfters kränkelnden oder in Urlaub befindlichen Ortskräfte. Außerdem war sie als Verwalterin der Studiokasse auch für Löhne und Spesen der Ortskräfte zuständig.
Als Kameramann war ich normalerweise kein Gesprächspartner für auftraggebende Redaktionen. Anders in Moskau. Waren beide Korrespondenten abwesend, war ich als einziger Deutscher deren Ansprechpartner. Dann riefen unsere Dolmetscherinnen sofort: „Manfred, die Tagesschau, Manfred, der WDR, Manfred, der Südwestfunk!"
Doch die Zeichen standen auf Perestroika und so wurde in Sachen Personal 1987 großzügiger verfahren. Zum ersten Mal genehmigte das Außenministerium die Akkreditierung einer deutschen Cutterin. Darüber hinaus wurde der Beschäftigung weiterer russischer Ortskräfte zugestimmt, zum Beispiel eines russischen Redakteurs und einer Disponentin. Auch bestand die Hoffnung einer räumlichen Erweiterung.
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Der Rust-Prozess - die Bilder gekauft vom "STERN"
Aktuell war wieder eine Beschäftigung mit dem „ Kreml-Flieger" angesagt. Am 2. September 1987 begann vor dem obersten Moskauer Gericht der Prozess gegen den neunzehnjährigen Mathias Rust. Für Fernsehkorrespondeten eine schwierige Aufgabe. Es gab außer Archivaufnahmen keine aktuellen Bilder oder kompetente Gesprächspartner. Die Familie des „Kreml-Fliegers", Vater, Mutter und Bruder, war zwar in Moskau, doch rund um die Uhr bewacht.
Nicht, wie man annehmen könnte, von KGB, sondern von Journalisten der Illustrierten STERN. Gegen ein fünfstelliges Honorar hatte der Stern die Exklusivrechte an der Rust-Story gekauft. Die Familie durfte weder gefilmt noch fotografiert werden. Interviews waren selbstverständlich verboten.
Mir und den vielen in- und ausländischen Bildjournalisten blieb zu Prozessbeginn nichts anderes zu fotografieren als das Gerichtsgebäude und uns selbst, die so zahlreich angereisten Foto- und Filmreporter. Einige Wortjournalisten, darunter Gerd Ruge, durften ohne Foto-, Film- oder Tongeräte am Prozess teilnehmen.
Das Urteil - Vier Jahre Arbeitslager
Schon am dritten Tag die Urteilsverkündung: Mathias Rust wird zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt. Vor der Treppe zum Gerichtsportal standen die internationalen Kameramänner neben ihren Korrespondenten, die mit gezückten Mikrofonen auf eine Erklärung des Gerichtssprechers oder des Rust-Anwaltes warteten. Nur ich stand einsam und allein.
Meinen Reporterkollegen Gerd Ruge hatte ich zum letzten Mal gesehen, als er nach der Urteilsverkündung das Gerichtsgebäude verließ und im Gespräch mit einem Kollegen in Richtung Metro verschwand. Nu Nitschewo! Endlich öffnete sich die Gerichtstür für eine als Sensation empfundene Situation.
Trotz des Exklusiv-Vertrages mit dem Stern stand vor den Mikrofonen die Mutter des „Kreml-Fliegers", eine hochgebildete Frau und erklärte auf Englisch - als erster hatte sie der USA-Korrespondent angesprochen - wie Mathias das Urteil aufgenommen hatte. Dann für den nächsten Reporter in dessen Landessprache Französisch. Ihr Schlusssatz: „Mehr will ich dazu nicht sagen." Als sie gehen wollte, schrie ich, hinter meiner Kamera stehend, immerfort: „Tagesschau Hamburg, Tagesschau Hamburg, bitte noch einmal auf Deutsch." Gott sei Dank hatte sie mich noch gehört und für die Tagesschau ihr Statement abgegeben.
Wo ist Gerd Ruge? - ein sichtlich "unsendbarer Kommentar"
Am späten Nachmittag, wieder im Studio, erwarteten mich in Panik die zwei russischen Sekretärinnen. Fortlaufend hätte die Tagesschau angerufen: „Wo ist Gerd Ruge?" Schon wieder Telefonklingeln. „Manfred, Hamburg." Auf die Frage, wo Ruge sei, log ich: „Zur Pressekonferenz in der Botschaft."
Die Frage: „Habt Ihr die Erklärung der Mutter von Mathias Rust?" konnte ich bejahen. „Sehr gut", sagte Hamburg, „Der Ruge soll sich sofort melden." Jede halbe Stunde ein Nachhaken: „Ruge soll sich melden!" Per Fernschreiben hatte Hamburg schon gewünschte Beitragslängen vorgegeben: eine Minute Bilder vom Prozess-Ende mit Erklärung der Rust-Mutter, danach eine Minute Studiokommentar Ruge mit Urteilseinschätzung.
Mit jeder vergangenen Stunde sank die Wahrscheinlichkeit, die 20.00 Uhr-Ausgabe der Tagesschau bedienen zu können. Zwanzig Uhr Hamburg war, durch den Zeitunterschied, 22.00 Uhr Moskau. Spätestens 20.45 Uhr musste unser Fahrer das Studio verlassen, um rechtzeitig Ostankino zu erreichen.
Dort, am Stadtrand von Moskau, überspielte das Sowjet-TV unsere Filme über einen Satelliten nach Deutschland. Ohne Nachricht von Ruge wurde es allmählich 19.00 Uhr, uns lief die Zeit davon. Ich nahm meine Kassetten und ging zu Vera Roganowa an den Schnittplatz. Wir montierten sendefertig den eine Minute langen Vorbericht, den wollte Hamburg selbst betexten, danach sollte der Ruge-Kommentar folgen.
20.00 Uhr - unserer verlorener WDR-Sohn tauchte auf. Allgemeine Erleichterung. Noch waren wir in der Zeit. Aufgeregt wollte ich den Stand der Dinge übermitteln. Sofort wurde ich angeblafft: „Dieser Rust ist ein Niemand, es gibt Wichtigeres in der Welt."
Es blieb mir nicht verborgen, dass er diesmal nicht nur ein, sondern mehrere Gläser des in Russland so beliebten Wässerchens intus hatte. Wir übergaben ihm das Fernschreiben. Schweren Schrittes ging er in sein Büro. Ich befürchtete, um einzuschlafen. Ruge hin, Ruge her, meine Schnittkassette würde pünktlich zur Überspielung in Ostankino vorliegen.
Überraschung! Zwanzig Minuten nach seinem Wiederauftauchen setzte er sich derangiert vor die Kamera. Es gelang mir noch, Haare und Krawatte zu richten, bevor er startete. Ohne Vorbereitung, ohne Manuskript, analysierte er Tat und Täter, Anklage, Gericht und Urteil. Was für ein brillanter Kopf.
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Intrigen innerhalb der ARD-Sender und der Tagesschau
Wie schade, leider unsendbar. Seit Jahren nuschelte Ruge wegen seiner Zahnlosigkeit und war schwer zu verstehen. Doch sein momentaner Zustand hatte das Ganze noch verschlimmert. Sein optischer Eindruck war für einen ARD-Korrespondenten inakzeptabel. Die zwei Kassetten waren rechtzeitig weg zur Überspielung. Ruge hatte ohne weitere Gespräche mit Hamburg unsere Studioräume verlassen.
Also avisierte ich der Tagesschau unsere Überspielungen mit der Anmerkung: „Den Kommentar von Gerd Ruge halte ich für unsendbar, Sie werden in Bild und Ton merken, dass er am heutigen Tag sehr sehr krank war."
Am nächsten Morgen erreichen mich erste Anrufe aus Köln verbunden mit der Frage, was wir denn in Moskau gefeiert hätten, um den Gerd Ruge so down zu machen. Ein anderer Anrufer fragte, wie ein solcher Ruge in die Tagesschau käme. Meine Antwort: „Durch die Hamburger Redaktion." Trotz meiner Warnung und Einschätzung war der Ruge-Kommentar über den Sender gegangen.
Später habe ich erfahren: Es war keine Fehlbeurteilung, sondern absichtlicher Vorsatz. Ruge war zu dieser Zeit bei der Tagesschau „in Verschiss". Er, „der große Zampano", hatte sich bei Intendanten und dem ARD-Vorsitzenden mehrmals über die Hamburger beschwert, dass von ihm angebotene Russland-Berichte nicht angenommen worden waren. Diesen Ruge hatten sie daraufhin „unzensiert" vorgeführt.
Viel Material über den Rust-Fall - vom sowjetischen Fernsehen
Für den Tag nach der Urteilsverkündung hatte Ruge beim WDR den Termin für eine Sondersendung erhalten, in der er den Zuschauern noch einmal den Rust-Fall von Landung über Festnahme bis zum Arbeitslager-Urteil erläutern konnte. Das war mit sehr viel Arbeit verbunden, zumal Rüge jede Menge Material vom sowjetischen Fernsehen gekauft hatte, das exklusiv den gesamten Prozess im Gericht aufzeichnen durfte.
Als Sekretariats-Assistentin hatte Gerd Ruge Vera Romboy engagiert, weil unsere russischen Damen mit den Abläufen einer Sondersendung keinerlei Erfahrungen hatten. In ihrer Arbeit, Diktate von Gerd Ruge und Fernschreibkorrespondenz mit Köln, habe ich sie einige Male gestört, denn ich war besorgt um den Gesundheitszustand unseres Studioleiters. In der vergangenen Nacht hatte er sich erholt. Vera war voller Lob über die qualifizierte Zusammenarbeit.
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WDR-Intendant Friedrich Nowottny
Der Berichterstattungsalltag hatte uns wieder. Am 10.9.1987 eine Buchmesse, am 14.9. folgte eine Chemie-Ausstellung. 19.9. „Djen Goroda" - Tag der Stadt - natürlich Moskau. Danach, am 22.9., das Richtfest für die neue Deutsche Botschaft. Und dann hatten wir noch ein Wohltätigkeitskonzert im „Rossija".
Ins Haus stand für den 5. Oktober ein festlicher Empfang des Westdeutschen Rundfunks im Hotel Berlin. Anlass: die Verabschiedung der Moskau- Korrespondenten Lutz Lehmann, Peter Bauer und die Vorstellung der neuen Amtsinhaber Gerd Ruge und Gaby Krone-Schmalz.
Ein großer Zirkus mit allen für den WDR in Moskau wichtigen in- und ausländischen Gästen. Gastgeber: der WDR-Intendant Friedrich Nowottny. Mit der Vorbereitung beauftragte Gerd Ruge - sie hatte schon zweimal ähnliche Empfänge organisiert - Vera Romboy.
Vera legte den umfangreichen Kostenvoranschlag - er beinhaltete Getränke, Büffet und ein Orchester - ihrem Auftraggeber zur Genehmigung vor. Als Vera erwähnte, dass von Seiten des WDR noch zehn Prozent Trinkgeld dazu kämen, wurde diese Position von Ruge abgelehnt. „In der Sowjetunion gibt es kein Trinkgeld. Es werden auskömmliche Gehälter gezahlt." Vera war verwundert, das vom „großherzigen Anwalt der kleinen Leute" zu hören.
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Nowottny erkannte - die Hambuger hatten dich ausgetrickst
Es war Zufall, dass ich nach Türklingeln unserem Intendanten die Studiotür öffnete. Meine Begrüßungsworte erwiderte er mit
„Gut, dass wir uns gleich sehen. Wo können wir uns mal kurz sprechen? Also, Romboy, dass Du den Gerd Ruge so vorgeführt hast, nehme ich dir persönlich übel."
Ich stammelte: „Aber Herr Nowottny, die Hamburger haben das entschieden." „Keine Entschuldigung. Von einem, der mit Engelkes und Pleitgen für die Tagesschau gearbeitet hat, hätte ich erwartet, dass ihm die Rivalitäten mit den Hamburgern bekannt waren. Die Ruge-Kassette hätte nicht in deren Hände gehört."
Am Nachmittag waren wir wieder so weit versöhnt, dass ich ihm und Gaby Krone-Schmalz den Künstlermarkt Ismailowo zeigen durfte. Nowottny und ich kannten uns. Ein Jahrzehnt, bevor er das „Hochamt" des Intendanten ausübte, hatten wir in den Niederlanden den Staatsbesuch Heinemanns gefilmt. Friedrich Nowottny war als Journalist einer der besten Köpfe des WDR. Leute wie Ruge hätten einer größeren Leiter bedurft, um ihm das Wasser zu reichen.
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Ruge bestimmt, es gibt neue Mitarbeier
Mitten in den Dreharbeiten für einen Film zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution teilte mir Ruge mit, dass sich nachmittags zwei neue Fahrer vorstellen würden. Er halte es für gut, wenn ich dabei wäre.
„Interessant Gerd, aber wozu brauchen wir die?"„Richtig, jetzt musst Du es ja erfahren. Ich werde Popikow und Woronin entlassen." Meine Empörung war grenzenlos. Es ging um meine Mitarbeiter, die ich mühevoll zu vollwertigen Ton- und Videotechnikern ausgebildet hatte. Tolja Popikow, damals achtundvierzig Jahre alt, war seit über acht Jahren im Studio. Bei meinen Sibirien- und Beringstraßen-Filmen war er Tonmann und Assistent.
Nie hatte er sich etwas zu Schulden kommen lassen. Als Begründung sagte Rüge: „Ich will für meine nächsten fünf Jahre junge Leute um mich haben, die man motivieren kann. Keine alten Männer, die durch die jahrelange Arbeit bei uns ausländer korrumpiert sind." „Aber Gerd, es sind Familienväter, Tolja hat eine krebskranke Frau zuhause. Ich bin froh, dass wir sie endlich ausgebildet haben."
Er erwiderte: „Das bisschen Tonmachen bringe ich jedem in drei Tagen bei. Die Entlassenen erwarten keine Probleme. In der Sowjetunion gibt es keine Arbeitslosigkeit." Soweit Gerd Ruge, der „Menschenfreund".
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Dicke graue Wolken am Horizont des ARD Studios Moskau
Als er bei der Vorstellung der beiden jungen Leute als erste Frage „ Do you speak english " an sie richtete, habe ich demonstrativ den Raum verlassen. Das zu erkunden war für ihn wichtig. Er stellte sie jedem, der mit ihm ohne Dolmetscherin Russisch sprechen wollte.
Als Studioleiter durfte er laut Köln ohne Begründung Ortskräfte entlassen und einstellen. Für die von ihm Rausgeschmissenen konnte ich beim WDR lediglich eine Abfindung durchboxen. Die Ausbildung der neu Eingestellten durfte ich ablehnen. Zur Vorbeugung von Schäden an unseren wertvollen Kameras, Aufnahmegeräten und Mischpulten schickte Köln zur Einweisung der Neuankömmlinge einen Ton- und Videotechniker, der mithilfe eines Dolmetschers beiden eine Grundausbildung verpasste.
Meine Erwartung, nach dem Wechsel mit zwei Journalisten zu arbeiten, die harmonisch miteinander die Aufgaben teilen, hatte sich auch nicht erfüllt. Als Ruge über mich erfahren hatte, dass ich unterwegs für einen Film von Gaby Krone war, sagte er zu mir am nächsten Tag: „Weitere Aufnahmen musst Du mit mir absprechen. Das wird mein Film."
Also fragte ich Gaby, wer denn nun mein Auftraggeber sei. Sie erwiderte stocksauer: „Gerd Ruge. Er hat mein Thema an sich gerissen und als einzigen Grund genannt: Er als Studio-Leiter entscheidet, wer welchen Film macht."
Von dem „Beginn einer wunderbaren Freundschaft" (Letzter Satz aus dem Film Casablanca) zwischen meinen beiden Korrespondenten konnte danach nicht mehr die Rede sein. Das galt spätestens ab diesem Zeitpunkt auch für mich.
Schade, lieber hätte ich zu seinen Claqueuren gehört, um mich zu rühmen, für eine solche „einmalige Journalistenlegende" gearbeitet zu haben.
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Letzte Drehs in Moskau in 1987
Vor Jahresschluss von 1987 galt es für uns alle, ein großes Thema abzuarbeiten: Den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, der zum ersten Mal unter dem Thema „ Demokratie, Glasnost und Perestroika" gefeiert wurde. Wer hätte gedacht, dass nur zwei Jahre später in Deutschland die Mauer fallen und 1990 die Wedervereinigung stattfinden würde.
Als Kohl in den 19achtziger Jahren die Sowjetregierung um Verständnis für den Traum der Deutschen von einer Wiedervereinigung gebeten hatte, erwiderte ihm Gromyko in einer Rede vor dem Obersten Sowjet: „Der Traum von einer Wiedervereinigung der Deutschen ist für alle Zeiten unter dem Feuer der russischen Batterien im Mai 1945 beendet worden."
Mit Franz-Josef Strauß zum Friedhof nach Lublino
Mit einem großen Auftritt des Bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß in Moskau endete für mich das Berichterstattungsjahr 1987. Vom 28.12. -30.12. begleitete ich Strauß zu Außenminister Schewardnadse, Generalsekretär Gorbatschow und beim Spaziergang über den Roten Platz.
Auch ins Danilow-Kloster und zur üblichen Kranzniederlegung im Alexandergarten unterhalb der Kreml-Mauer. Danach fuhr Strauß protokollgemäß zum Friedhof der deutschen Kriegsgefangenen nach Lublino. Als nicht mehr fotografiert oder gefilmt wurde, sah ich Tränen in seinen Augen, während er an Grabsteinen die kurze Lebenszeit der verstorbenen Wehrmachtssoldaten las.
1942 war er als Flak-Offizier bis vor Stalingrad gekommen. Damals siebenundzwanzig Jahre alt, wusste er um Tod und Leid seiner Kameraden. Dass er überlebte, verdankte er, wie er uns erzählte, seinen erfrorenen Füßen.
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Die Vorbereitung auf dem Weg zurück nach Deutschland
Wieder Silvester. Feuerwerk durch Batterien der sowjetischen Armee. Eine stand vis-ä-vis unseres Hauses, zehn weitere in den verschiedenen Stadtteilen. Von unserem Balkon im fünfzehnten Stockwerk des Hauses Leninskij-Prospekt 148 hatten wir alle Abschussplätze im Blick.
Mit Freunden leerten wir unsere Sektgläser zum letzten Mal während einer Silvesternacht in dem von uns geliebten Moskau. Für 1988 waren wir voller Zuversicht. Uns erwartete in Deutschland ein schönes Haus in der Nähe von Köln, das wir für unseren Neustart während unserer Moskauzeit gekauft hatten.
Nochmal nach Georgien - und ein gespanntes Verhältnis
Meine erfreuliche Alternative zu Gerd Ruge war die Zusammenarbeit mit Gaby Krone - voller Titel Dr. Gabriele Krone-Schmalz - einer jungen Frau, die im Gegensatz zu Gerd Ruge fundierte aktive und passive Russischkenntnisse vorweisen konnte.
Was ihr an Sowjetunion-Erfahrung fehlte, konnte sie durch Russland-Wissen wettmachen. Thema ihrer Dissertation: Vom Kiewer Reich zum Kalten Krieg. Mit Gaby drehte ich meinen letzten größeren Russland-Film. „Kraftakte - Frauenalltag in der Sowjetunion" war der spätere Sendetitel. Außer im Dunstkreis Moskaus drehten wir auch in Georgien.
Dort regierte eine Frau als erste Parteisekretärin, was bei uns dem Rang des Ministerpräsidenten eines Bundeslandes entsprach. Zu ihr fand Gaby schnell guten Kontakt und so durften wir sie während einiger Arbeitsreisen in dieser großen Sowjetrepublik begleiten.
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Das Ehepaar Krone-Schmalz nur im Doppelpack zu haben
Wie bei vielen Dienstfahrten war Gabys Ehemann Lothar Schmalz als treuer Begleiter dabei. Es freute mich, beide in ihrer Zweisamkeit glücklich zu sehen. Aber Lothars Anwesenheit führte auch zu Konfliktsituationen. Dass er als leidenschaftlicher Schmalfilmamateur für sein Heimkino mitfilmte, konnte ich lachend tolerieren.
Mit seinen Vorschlägen, wo ich meine Kamera hinstellen sollte, überschritt er jedoch deutlich professionelle Grenzen, was ich mit Gaby Krone klären musste. Mit kindlichem Augenaufschlag erwiderte sie: „Aber Manfred, Lothar meint es doch nur gut." Danach habe ich begriffen, die beiden sind nur im Doppelpack zu haben.
Der langsame Abschied aus Moskau
Schon im März konnte ich meinen Nachfolger, den Tagesschau-Kollegen Hans Gersonde begrüßen und einarbeiten. Unsere neue deutsche Cutterin Brigitte Willisch konnte sich in meiner Begleitung mit den Tücken des inzwischen zweiten elektronischen Schnittplatzes vertraut machen.
Den anschließenden Vier-Wochen-Urlaub in Deutschland nutzten wir, um unser Wesselinger Haus durch Einbauten für unseren Einzug vorzubereiten. Meine letzten Moskau-Bilder für die ARD drehte ich im April bei der Wahl zur „Miss Moskau", einem Rock-Konzert im Gorki-Park und einer Modenschau. „Perestroika" lässt grüßen.
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Zurück nach Deutschland
Unseren umfangreichen Hausrat hatte die Spedition Klingenberg verpackt. Mithilfe einiger Wodka-Flaschen als Beschleunigungsmittel hatte ich alles durch den russischen Zoll gelotst.
Es gab aber Probleme mit unseren Katzen. Bei ihrem ersten Flug in die Sowjetunion hatte Vera ihre Katzenkinder ohne Gehörschutz vor der Verladung in den Gepäckraum unter den Triebwerken gesehen. Diesmal sollten sie alle vier mit in den Passagierraum. Lufthansa verweigerte, doch die russische Aeroflotsagte: „Kein Problem".
Unserem Freund, dem Stationsleiter Moskau, ging das gegen seine Lufthansa-Ehre. Er erreichte bei Lufthansa Köln, dass wir an einem "unterbebuchten" Tag mit den Miezen in der ersten Klasse fliegen durften.
Am Rückflugtag standen wir mit vier einsehbaren Katzentaschen auf dem Moskauer Flughafen Sheremetjewo und warteten auf das Einsteigezeichen. Vier junge uniformierte Zöllnerinnen stoppten. Liebevoll wurden Namen, Alter und „Staatsangehörigkeit" der Katzen erfragt. „Alles Deutsche, bis auf den roten Kater Kusja, der ist Moskauer."
Naiv fragten sie: „Und der darf ausreisen?" Nun galt alle Aufmerksamkeit dem Roten. Seine aus dem Taschengitter herausgestreckte Pfote wurde gestreichelt und ein Zollmädchen ließ sich hinreißen zu sagen: „Ach Kusja, Du bist ein Glückspilz. Darfst ins Ausland. Und wir müssen hierbleiben." Es war immer noch die Zeit der vergitterten Sowjetunion.
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Drei Stunden Nachtflug nach Frankfurt
Die Tür zum Cockpit stand zu den Erste-Klasse-Passagieren offen. Was für vertrauensvolle Zeiten. Später weckte uns eine Stewardess mit einer Katze im Arm. Der schwarze Kater Robby hatte seine Tasche öffnen können und die Piloten besucht. Schwarze Katzen können auch Glücksbringer sein. Kapitän und Co-Pilot ließen sich mit ihm in der Flugzeugkanzel ablichten.
Wieder in Deutschland, wartete auf mich viel Arbeit. Unsere 564 Packstücke aus zwei Möbelwagen mussten im Haus platziert werden. Die Souterrain-Wohnung beanspruchte ich für mich. Endlich Platz für eine würdige Ausstellung unserer immer umfangreicher gewordenen filmhistorischen Sammlung, bestehend aus großen professionellen Filmkameras, Scheinwerfern, Plakaten und Drehbüchern.
Großen Raum beanspruchten auch die über hundert Filmkopien. Highlight dieses „Filmmuseum Romboy" wurde ein Hauskino für zwanzig Personen vor einer drei Meter breiten Leinwand. Im separaten Vorführraum stehen zwei Kinoprojektoren Philips „FP6", die früher die Programme eines Düsseldorfer Vierhundert-Personen-Kinos abgespielt hatten.
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Ich baute mein Kino selbst auf - aus Kostengründen
Schon aus Kostengründen gingen alle Arbeiten vom Montieren der Kinositze über den Aufbau der Maschinen bis zu den umfangreichen Verkabelungen durch meine Hände. In der Tat hatte ich gepolsterte Klappsitze geschenkt bekommen. Nach Umbau eines amerikanischen Soldatenkinos ruhten sie verlassen und vergessen im Lagerhaus einer Spedition, die froh war, sie los zu werden. Auf „Besatzungskosten" erhielt ich sie frei Haus geliefert.
Für alle meine häuslichen Arbeiten stand mir Freizeit ohne Ende zur Verfügung. Monate musste ich auf Weisung des WDR „abfeiern". Mein hoch dotierter Moskau-Vertrag untersagte die Bezahlung von Überstunden.
Erfolgte Arbeit an Samstagen, Sonn- und Feiertagen sollte durch freie Tage ausgeglichen werden. Über Stundenzettel, von mir monatlich abzugeben, kontrollierte und verwaltete Köln meine Arbeitszeiten. Als einziger Moskau-Kameramann war ich immer vertretungslos im Dienst. Und als Folge häuften sich die nicht genommenen Freizeiten. In fünf Jahren kam da allerhand zusammen.
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Dienstbeginn erst wieder Anfang des Jahres 1989 im WDR Köln
Nicht ich, der WDR verfügte als Konto-Ausgleich zu meinen Gunsten monatelanges Abfeiern in Köln. Verbunden mit meinem Tarif Urlaub musste ich erst zu Beginn des Jahres 1989 meinen Dienst im WDR Köln antreten.
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Wiedersehen mit der DDR (nach wie vor "die Ostzone")
Unsere vier Wochen Tarifurlaub nutzten Vera und ich zu einem DDR-Besuch.
Seit unserem letzten Aufenthalt in meiner Heimatstadt Leipzig waren inzwischen sechs Jahre vergangen. Schon die Einreise war gespenstisch und noch feindseliger als die in die Sowjetunion.
Mit steinernen Gesichtern erteilten Grenzpolizisten und Zöllner Anweisungen im militärischen Befehlston. „Ihre Papiere! Hier stehen bleiben! Weiterfahrt zur ersten Schranke! Kofferraum auf, alles ausladen! Alles einpacken! Rücksitzbank ausbauen! Weiterfahren zu Schranke 2! Kofferraum auf! Die Warenliste!" - „Haben Sie Waffen, Munition, Rauschgift, Taschenrechner?" „Nein, nein, nein!"
- Anmerkung von Gert Redlich : Hier beschreibt einer der ehemaligen Bewohner der Ostzone exakt gleich wie es mir bei meinen Fahrten über die Interzonenautobahn nach Westberlin ergangen ist und warum ich auch 35 Jahre nach der Wende immer noch einen Rochus auf diese gehässigen und bösartigen OSSI Grenzer und Vopos habe - immer noch !. Auch den sächsischen Dialekt dieser Genzer kann ich immer noch im nachträglich gelernten Original bühnenreif nachäffen.
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Weiter zum Zwangsumtausch
Für jeden genehmigten Aufenthaltstag mussten im Voraus pro Person 25 DM Westgeld in wertlose Ost-Mark umgetauscht werden. Wieso wertlos?
- Anmerkung von Gert Redlich : Im Prinzip konnte man dieses Ost-Geld gerade mal in den nächsten Papierkorb werfen, wenn überhaupt einer zu finden war und man sich dabei nicht erwischen lassen durfte. Dann kostete es wieder Strafe, natürlich auch in West-Geld - und ohne Quittung ! - eben Ossi Methoden.
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Im Prinzip geht alles nur mit West-Geld
Akzeptable Hotels und Restaurants verlangten von West-Besuchern West-Geld. Hochwertige Lebensmittel wie Kaffee, Südfrüchte, Salami oder Parma-Schinken wurden nur in den Intershops gegen West-Geld angeboten.
Viele DDR-Tankstellen führten kein Super-Benzin. Doch in den größeren Städten war es immer möglich, was gewünscht, in den Tankzu füllen. Nur gegen West-Geld.
Wir wohnten als Gäste im ehemaligen Wohnhaus meiner Eltern im Stockwerk zwei. „Wollen Sie nochmal in Ihre alte Wohnung über uns? Kein Problem, die ist unbewohnt." „ Wieso? Bei solcher Wohnungsnot?"
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„Sehen Sie selbst."
In fast jedem Raum standen Plastikwannen oder Eimer. An vielen Stellen löste sich der Deckenputz. Warum? „Seit Jahren ist das Dach undicht und es gibt keine Handwerker. Also haben wir den Oberbürgermeister um einen Bezugsschein für zwei Rollen Dachpappe angeschrieben. Er hat noch nicht einmal geantwortet.
"Alle Stadtspaziergänge - deprimierend. In den Seitenstraßen verfallende große Häuser der Vorkriegszeit, unbewohnt. Kaufhäuser, in den fünfziger Jahren restauriert, mit verschmutzten Wänden und Einrichtungen zeigten mehr Verkäuferinnen als Waren. Drei der vier Rolltreppen waren gesperrt.
Filme kaufen im Fotogeschäft? „Tut uns leid, erstwieder im nächsten Quartal." Um unser vieles Ost-Geld, das wir weder mitnehmen noch Rücktauschen durften, etwas zu vermindern, hatten wir im Geschäft „Modernes Antiquariat" etwa dreißig Bücher gekauft.
Alles drittklassige DDR-Ausgaben aus der Zeit nach 1950. Trotz vorgelegter Rechnung wurde uns an der Grenze die Mitnahme verweigert. „Alles, was derzeit nicht verlegt wird, gilt als Antiquität. Es sei denn, Sie weisen nach, diese Ausgaben sind aktuell im Handel."
Das Abladen am Kontrollpunkt wurde verboten. Zurück ins nahe Eisenach zu Mülltonnen am Straßenrand. Als wir die befüllen wollten, protestierte eine Bewohnerin und war empört über die Zöllner. In den darauffolgenden Jahren erhielten wir von ihr unsere Bücher Stück für Stück im Postpaket. „Lieber Onkel, liebe Tante, zur Silberhochzeit, zum Osterfest, als Weihnachtsgeschenksende ich Euch zwei schöne Bücher."
Nach geglücktem Grenzübertritt sagte meine Frau: „Solange die hier an der Macht sind, werde ich dieses Land nicht mehr betreten!"
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Und dann kam die Wende - aber wo sind "sie" geblieben
Wer hätte damals, im Spätherbst 1988, gedacht, dass schon ein Jahr später die eigenen Bewohner dieser DDR diese Bande von Gernegroßen, Lügnern und Hochstaplern davonjagen würden?
- Anmerkung von Gert Redlich : Ich stelle mir seit der Wende immer wieder die gleich Frage, wo sind sie geblieben. In den vielen Büchern über die Wahrheit, die ich aus den Zeiten nach 1945 gelesen und hier publiziert habe, wurde auch gesucht - wo die alten Erz-Nazis geblieben waren. Die konnten doch nicht alle in Südamerika verblieben sein. Also wo sind diese Ossis gebleiben, die uns so gehässig schikaniert hatten ?
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