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Meine erste Fotokamera

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Es kam der Winter 1948 - ich war 12 Jahre alt

Mein Weihnachtswunsch wurde der Pappkasten „Ich baue mir eine Fotobox". Es war die einzige Kamera, die man in derSowjetischen Besatzungszone kaufen konnte.

Eine fingerdicke Schneedecke lag auf den Ruinen und Trümmerbergen der Innenstadt. Auch am 24. Dezember 1948. Es gab einen kleinen Weihnachtsmarkt mit Rostbratwurst auf Fleischmarken der Dekade vier.

Die wenigen Kaufleute, deren Schaufenster den Bombenkrieg überlebt hatten, zeigten viel Tannenschmuck und wenig Ware. Mit Bruder Dieter auf dem Heimweg über den Thomaskirchhof, vorbei am Bachdenkmal, traf es mich wie ein Blitzschlag. Im Schaufenster von Foto Knoll stand ein Filmprojektor. Format: 9,5mm, Marke „Alef", Baujahr 1930, für ungeheuerliche hundert Ostmark.

In einer geblümten Keksdose war ein Dutzend Filmkassetten. „Ein komplettes Heimkino" war auf dem Preisschild zu lesen. Mit leuchtenden Augen erzählte ich meinen Eltern in unserer Notwohnung von meiner Entdeckung. So, als wären mir bei Foto Knoll der Weihnachtsmann und das Christkind persönlich begegnet.

Zwanzig Uhr - die Weihnachtsbescherung. Unter dem kleinen Bäumchen mit tropfenden Stearin-Kerzen stand für mich das materialisierte Glück: der „Alef"-Filmprojektor. Wenn wir den späteren Erzählungen meiner Mutter Glauben schenken, soll ich vor Freude immerfort einen Meter dreiundfünfzig hochgesprungen sein, denn sie zeigte dabei mit der Hand ihre Scheitelhöhe an. Wahrscheinlich war es aber doch etwas niedriger.
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Doch wie kam alles?

Vater, arm wie eine Kirchenmaus, hatte seine Taschenuhr, Golddouble mit Läutwerk, ins private Leihhaus Maschkewitz gebracht, „Foto Knoll" rausgeklingelt und das Heimkino gekauft. Geblendet vom Glanz des Projektors übersah ich eine 9x12 -Plattenkamera mit doppeltem Bodenauszug und Steinheil-Anastigmat 1:4,5 im Compurverschluss. Meine erste Kamera.

Oh, was für ein Glücksweihnachten! Neben der Fotokamera lag eine Schachtel mit zwölf unbelichteten Filmplatten, sonst nur auf dem Schwarzmarkt zu haben.

und vor jeder Aufnahme die schwierige Entscheidung: Lohnt es sich, für dieses Motiv eine der wertvollen Fotoplatten zu opfern? Oder wäre es besser, das Stativ anderswo aufzustellen? So lernt man Fotografieren.

Das feine Schnurren des Compurverschlusses der Weihnachtskamera begleitete mich in den kommenden Fotojahren. Vaters Uhr kam nicht wieder ins Haus. Letztendlich fehlte das Geld zum Auslösen. Sie wurde versteigert. Erst zehn Jahre später, Weihnachten 1958, inzwischen war ich wohlbestallter 1. Kameraassistent des DEFA-Studios für Spielfilm, konnte ich Vater mit einer zweiäugigen „Weltaflex" wenigstens materiell danken.

Außer mir, dem inzwischen Fündundachtzigjährigen, sind alle Protagonisten dieser Geschichte schon vor vielen Jahren verstorben.
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Und ich habe sie heute noch .....

Doch die Geräte haben in meiner persönlichen Sammlung überdauert. Der Compurverschluss ist so wenig verharzt wie mein Herz und so gedenke ich immer der lieben Eltern und meiner ersten Kamera.
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Die Währungsreform der Ostzone im Juni 1948

Im Juni 1948 wurde auch die Ostzone, die "DDR" wurde erst im Oktober 1949 gegründet, zu einer Währungsreform gezwungen. Sie wäre sonst in den für die Westzonen ungültigen Reichsmarkscheinen "ertrunken".

Für die neuen Scheine der Deutschen Notenbank gab es nach wie vor nichts zu kaufen, denn die Läden waren leer. Ausgenommen der Schwarzhandel. Dort wurde immer noch, allerdings zu Wucherpreisen, alles angeboten, was das Herz begehrte.

Es lag nahe, dass der Staat den Gewinn solcher Schwarzmarktpreise selbst erzielen wollte. Das Zentralkomitee der Staatspartei SED hatte eine neue Firma gegründet: die "HO" für "Handelsorganisation". Für sie wurden sofort die besten Verkaufsflächen der Innenstadt beschlagnahmt.

Anfang 1949 eröffneten die ersten Filialen. In Leipzig war es das ehemalige Kaufhaus „Althoff". Eine Bockwurst, mit Fleischmarken für 60 Pfennig, kostete hier fünf Mark. Zum selben Preis das Stück Buttercremetorte.

Anzüge waren ab vierhundert Mark, Schuhe ab einhundertfünfzig Mark zu haben. Fahrräder gab es ab vierhundert. Mein Traum, eine Spiegelreflexkamera aus Dresden, hätte tausendzweihundert Mark gekostet.

Zur Erinnerung: Arbeiter erhielten vierzig Mark pro Woche. Dicht von Menschen umlagert, das Kronjuwel des HO-Angebots: ein fabrikneuer PKW „IFA F8", ein DKW-Modell. Da es für ein Auto nicht reichte, konnte Vater uns nach der ersten Jahresprämie nur zu Buttercremetorte und Eisbecher einladen.
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Es gab auch Unterhaltung - billige Unterhaltung

Billige Unterhaltung war in den Herbsttagen auf dem Rummel der Leipziger Kleinmesse zu haben. Kinderkarussell zwanzig Pfennig, das Riesenrad vierzig Pfennig und die Geisterbahn fünfzig Pfennig.

Bis zu einer Stunde mussten die Hungrigen für eine große Schale Süßschaum anstehen. Preis: eine Mark. Kaum gegessen, spürte man im gefüllten Magen ein wohliges Sättigungsgefühl, das kaum zwanzig Minuten anhielt. Danach Leere und beißender Geschmack nach Chemie.

Hinter der Bude leere Kanister mit der Aufschrift „AGFA Wolfen". Die markenfreie Süßspeise war Abfallprodukt der Filmherstellung. Davon abgesehen waren alle Besucher überrascht, wieviel Schau- und Fahrgeschäfte den mörderischen Krieg überstanden hatten.

Die Schlussveranstaltung war mit einem großen Brillant- und Höhenfeuerwerk angekündigt. Zu Ende des Spektakels wurde das Gelände rundherum in roten bengalischen Feuerschein getaucht. Ich musste mich abwenden. Es war für mich die wieder brennende Stadt vom 4. Dezember 1943.
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Wir durften endlich umziehen - durch Erpressung

Nach der Drohung: „Mein Mann ist bei der russischen Wismut" hatte Mutter beim Wohnungsamt erreicht, dass wir aus dem Notquartier in eine Vierzimmerwohnung der Härtelstraße 7 zogen. Für Mutter eine große Freude: Zwei Häuser weiter hatte sie ihre Kinder zur Welt gebracht.
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Mein Hund Lux

Meiner hieß Lux - ein Mischling

„Schau ich in die tiefste Ferne meiner Kinderzeit hinab, steigt mit Vater und mit Mutter auch ein Hund aus seinem Grab. Fröhlich kommt er hergesprungen, frischen Muts den Staub der Gruft, wie so oft den Staub der Straße, von sich schüttelnd in die Luft." Friedrich Hebbel

Meiner hieß Lux. Etwa zwölf dürfte ich gewesen sein, als er in mein Leben kam. Bekannte hatten ihn gebracht. Irgendwo war er überflüssig geworden. Schnell wurden wir enge Freunde. Nach der Rasse befragt, wurde er von mir schön geredet.

Ich beförderte ihn zum Zwergjagdhund. Natürlich war er ein Mischling. Seine Figur ähnelte der eines Weimaraners, sein Fell kurzhaarig und mittelbraun, hätte auch einem Rassedackel gut zu Gesicht gestanden. Um als Jagdhund durchzugehen, fehlte ihm Entscheidendes: die Größe. Vom Boden gemessen brachte er es gerade mal auf vierzig Zentimeter, deshalb Zwergjagdhund.
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Ein treuer geduldiger Freund

Fast jeden Tag forderte er mich auf, mit ihm lange Spaziergänge zu unternehmen. Meist durch den nahen weiträumigen Rosental-Park. Doch egal, wohin es ging, er wollte mit.

Oft klapperte ich nur die damals noch zahlreichen Leipziger Fotogeschäfte ab, geduldig hockte er sich vor die jeweiligen Schaufenster. Er wusste, mein Gucken dauert an.

Wenn ich nach Schulschluss die Wohnungstür öffnete, hatte er schon Halsband und Hundeleine im Maul, um sie mir anzureichen. Dem konnte ich schwer widerstehen.

Häufig verschob ich, wenn auch nur für zwanzig Minuten, mein Mittagessen und gewährte ihm eine Runde ums Viereck. Wenn wir in den Schulferien Vater im Erzgebirge besuchten, warer in seinem Element.

Auf ellenlangen Wanderungen durch Wälder und Felder sauste er mitunter hunderte Meter voran, dann zu uns zurück, um wieder voraus zu schießen. Kaum zurück im Quartier, legte er sich erschöpft auf die Hundedecke. Er hatte die dreifache Kilometermenge zurückgelegt, die unser Spaziergang betrug.

Viele Jahre hat er mich begleitet und wenn ich ihm von den Konflikten mit meinen Eltern oder Lehrern erzählte, war er nicht nur an sondern auch auf meiner Seite. Auch mit Katze Minou, der er meist aus dem Wege ging, hat er sich nachts arrangiert.
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Im ungeheizten Schlafzimmer steckten wir alle drei unter einer Decke. Minou lag in meinem Arm, er wärmte meine Füße. Besonders im Winter war es unangenehm, im Nachthemd mit übergeworfenem Wintermantel in Pantoffeln die Haustür zu öffnen, um Lux die Morgentoilette zu ermöglichen. Meist genügten fünf Minuten, manchmal ließ er mich auch länger frieren.
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Die Geschichte mit dem Weihnachtsbraten

An einem Weihnachtsmorgen präsentierte er einen großen Weihnachtsbraten. Den hatte (oder hätte) er vorm Haus im Schnee gefunden. Ich fror, also zurück ins Schlafzimmer. Lux bestand auf Mitnahme seiner Beute, die ich für eine Prüfung, ob für den Fressnapf geeignet, erst mal auf dem Kleiderschrank ablegte.

Also Decke über den Kopf und weiterschlafen, bis ich vom Türklingeln und aufgeregtem Gerede im Korridor geweckt wurde. Die Nachbarin klagte, sie hätte ihren Kochtopf mit dem Weihnachtsbraten statt auf dem Fenstersims vor dem Haus ohne Braten wiedergefunden. Sie war ratlos.

Ihr Mann, ein unversöhnlicher Spießer, würde ohne Weihnachtsbraten an die Decke gehen! Ich holte vom Kleiderschrank das Fleischstück mit der Erklärung: „Das habe ich vorhin dem Lux aus dem Maul genommen." Die Freude der Nachbarin überraschte uns und meine Mutter rief „Den Braten können sie doch ohnedies nicht mehr essen!"

Ihre Antwort: „Richtig, ich würde keinen Bissen herunterkriegen. Über diesen Festtagsbraten soll sich nur mein Mann freuen." So geschah es.

Mein Vater, für jede Eulenspiegelei zu haben, hatte nachmittags den Nachbarn auf einen Feiertagsschnaps eingeladen. Als er ihn nach dem Mittagessen befragte, kriegten mein Bruder und ich einen nicht zu stoppenden Lachanfall und wurden des Zimmers verwiesen.

Die Geschichte des Weihnachtsbratens, der auf der Straße lag, aus dem Maul von Lux auf den Kleiderschrank kam und ihm danach serviert wurde, hat der Nachbar nie erfahren.

Die Vorgeschichte wurde uns erst klar, als Katze Minou mit einer leichten Platzwunde maunzend vor unserer Wohnungstür stand. Ihr Fehlen war uns im Weihnachtstrubel gar nicht aufgefallen. Minou war durch ein zum Lüften geöffnetes Fenster auf dem Gebäudesims zur Nachbarwohnung gelaufen, hatte den Kochtopfdeckel geöffnet und war dann mit Braten und Kochtopf auf die Straße gesegelt. Und das aus dem dritten Stock!
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Auch als ich dann in Berlin war, liebte mich mein Hund

Gerade siebzehn geworden, ging ich zur Ausbildung nach Berlin. Lux wurde Mutters Kind. An manchen Wochenenden, Feier- oder Urlaubstagen holte Mutter mich vom Bahnhof ab. Schon auf der Treppe zu den Bahnsteigen wimmerte Lux und zog an der Leine, beim Einlaufen des Berliner D-Zuges war er nicht mehr zu halten und preschte laut bellend auf der Suche nach mir durch alle Reisenden.

Vor mir sprang er bis in Brusthöhe permanent auf und ab, wobei er mich bepieselte. Es war seine Freude über das Wiedersehen. Bis zur nächsten Abreise konnte ich keinen Schritt ohne Lux gehen. Er war immer bei Fuß.

Selten wurde ich so geliebt. Jahre später, auf Weihnachtsbesuch bei den Eltern, musste ich hören, dass Lux kaum noch frisst und apathisch am Ofen liegt. Im Wohnzimmer kroch er von seiner Hundedecke zu mir.

Unter meinen ihn streichelnden Händen, als hätte er nur noch auf diesen Abschied gewartet, starb Lux. Der Trauerschmerz war groß. Auch bei Mutter.

Nach und nach waren ihre fünf Kinder ausgezogen. Lux war geblieben. Der Volksmund sagt: „Das letzte Kind hat Fell." Mit Lux war ihr letztes Kind gestorben. Schluchzend und tränenüberströmt streichelte sie über sein Körperchen und nahm sehr lange Abschied.

Vater kommentierte seinen Söhnen gegenüber, dass er keinen Zweifel hege, von Mutter geliebt zu werden. Doch dass er bei seinem Ableben von Trudchens Seite kaum solchen Abschiedsschmerz erwarten könne.

Vater starb zehn Jahre nach Lux am Schneeberger Lungenkrebs. Man möge mir verzeihen, dass ich an seinem offenen Grab Mutters Trauer beobachtete und ihre Tränen wahrnahm. Ich konnte Vaters Worte nicht vergessen. Er hatte die Lage damals richtig beurteilt: Mutters sichtbarer Schmerz war bei Lux um einiges größer gewesen.
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Statt Fotograf Maschinenschlosser

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Ich wollte Kameramann werden - mein Lebensziel

Mit dem fixierten Lebensziel, Kameramann zu werden, steuerte ich im Sommer 1950 meiner Schulentlassung entgegen. Das Zeugnis spiegelte deutlich mein Desinteresse an schulischer Belehrung. Meine Gedanken waren immer bei Foto und Film.

Als der Klassenlehrer mir das unvorzeigbare Papier überreichte, konnte er es sich nicht verkneifen, mich mit den Worten zu verabschieden: „Trotzdem alles Gute für Dein weiteres Leben'."

In Mutters Küchenofen prasselte das offene Feuer für das Mittagessen. Auf ihre Frage „Heute gab es doch Zeugnisse!" öffnete ich nicht nur den Schulranzen, sondern auch die Ofentür, um dieses Schandmal loszuwerden. Mutter war entsetzt und meinte, dieses wichtige Papier sollte Dich doch durchs ganze Leben begleiten. Ich erwiderte: „Wenn das zuträfe, wäre es am besten, wenn ich aus dem Fenster springe."

Ich ignorierte das Zeugnis und träumte weiter von meinen geliebten Foto- und Filmkameras. Zu dieser Zeit existierten keine Filmschulen, der Bedarf an Filmleuten war viel zu gering. Ein Dutzend namentlich bekannter Kameramänner - die meisten hatten schon bei „UFA", „Tobis" und „Terra" für Dr. Goebbels gefilmt - fotografierten für das DEFA-Studio für Spielfilme Propaganda- und Unterhaltungsfilme für die DDR-Kinos.

Leider war ich kein Mädchen, also nix mit Kameramann

Darüber hinaus waren höchstens vierzig Kameraleute für die Kinowochenschauen und Dokumentarfilme der DDR beschäftigt. Im Vergleich: Für siebzehn Millionen Einwohner beschäftigte die DDR achtzigtausend Lehrer. Es gab zwar keine Kameramannschulen, aber jeder wusste, dass es eine fotografische Tätigkeit war.

Die gleichen Filmstreifen, die der Fotograf in seine Kleinbildkamera legte, liefen auch in den Filmkameras. Allerdings nicht ein Bild pro Druck auf den Auslöser, sondern mit der affenartigen Geschwindigkeit von vierundzwanzig Bildern pro Sekunde. Für mich stand also fest, ich werde Lehrling eines Fotografen, nach der dreijährigen Lehre würde ich schon Wege finden.

Bei einem Fotografen hatte ich schon nachgefragt. Trotz meiner gebeichteten Zensuren wurde mir wegen meines Interesses und meiner abgefragten Vorkenntnisse eine Zusage erteilt. Lehrverträge bedurften der Genehmigung eines Berufsberaters im Arbeitsamt. Auf meine Anfrage, ob ich Fotograf werden könne, erfolgte die Gegenfrage, ob ich ein Mädchen wäre? Das wiederum musste ich verneinen. Ich wurde belehrt, dass für die Erfüllung des ersten Fünfjahresplans der DDR alle nicht körperlichen Tätigkeiten zu Mädchenberufen erklärt wurden.

Dazu zählten: Optiker, Laboranten, Friseure, Feinmechaniker und leider auch die Fotografen. Für Jungen bestehe absolute Ausbildungssperre. Nur im Falle folgender Behinderung gäbe es Ausnahmen: Rückgratverkrümmung, Epilepsie, Schäden aus einer Kinderlähmung oder der Verlust eines Ohres oder Auges. Da musste ich glücklicherweise passen.
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Es blieb übrig : Maschinenschlosser

Für Knaben wurden folgende Lehrstellen angeboten: Maurer, Gießer, Heizer, Straßenbauer, Bergmann, Dreher und Maschinenschlosser. Für meine toleranten Eltern war meine Absicht, letztendlich nach Berlin zum Film zu gehen, sehr abwegig.

So, als würde ein Sohn des heutigen Digitalzeitalters den Wunsch äußern, als Travestiekünstler am Broadway aufzutreten. Fotograf hätten sie gestattet, eine Maschinenschlosserlehre wurde begrüßt.

Vater unterschrieb für mich den empfohlenen Lehrvertrag. Mein Arbeitgeber wurde die „SAG AMO", vormals „Gebrüder Wetzel". Ein sowjetischer Staatsbetrieb mit russischem Direktor und Chefingenieur im Industrievorort Leipzig-Plagwitz.

Am 1. September 1950 um sechs Uhr morgens stand ich mit einer Schruppfeile in der Hand am Schraubstock. Ich war dreizehn Jahre alt. Erst am 13. Septemberkonnte ich meinen 14. Geburtstag feiern.
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Für mich begann ein Scheiss-Leben

Der Beginn des Erwachsenenlebens war fürchterlich. Vier Uhr morgens wurde ich von Mutter geweckt, erhielt nach einer Katzenwäsche eine Tasse Tee mit Süßstoff nebst einer Brotbüchse. Hatte ich Pech, waren es Honigbrote, an guten Tagen fand ich sie mit Margarine und Ei belegt in der Pausenbüchse. Mein Tagesbeginn: Gang zur ersten Straßenbahn, umstieg in die zweite Bahnlinie und Lauf zur Fabrik.

Wechsel in die Schlosserkleidung. Um sechs Uhr heulten die Fabriksirenen des Industrieviertels. Wir Lehrlinge mussten mit ausgebreiteter Werkzeugtasche am Schraubstock stehen.

Kontakte zu meinen Mitlehrlingen konnte ich nicht aufbauen. Weil ich hochdeutsch sprach (also nicht sächsisch), wurde mir unterstellt, dass ich mich für etwas Besseres halten würde. Was nicht zutraf.

Ich lebte auch meine Tagträume

Aber richtig war, dass ich in meinen Tagträumen statt am Schraubstock im Filmstudio hinter der Kamera stand. Ich war ein fundierter Traumtänzer, der alles über Filmgeschichte wusste, über Pudowkin, Fritz Lang, Dziga Wertov und Chaplin gelesen hatte und deren Filme kannte.

Meine Kollegen hatten recht: in der Lehrwerkstatt einer Maschinenfabrik, die Schwergetriebe für die Sowjetunion baute, war ich fehl am Platz. Die Ausbildung war hervorragend. In diesem ersten Lehrjahr lernte ich feilen, schleifen, drehen, bohren, Gewinde schneiden, autogen- und elektroschweißen. Zum Nachweis des Gelernten musste der Lehrling für jeden Ausbildungsgang ein entsprechendes Werkstück anfertigen, das gemessen, bewertet und aufbewahrt wurde.

Ein sehr kluger Rat meines Vaters

Vater hatte mir auf den Weg gegeben: „ Was Du auch machen musst, mach's richtig!"

Zu aller und vor allem meiner Überraschung waren meine Arbeitsergebnisse die besten, was Maßhaltigkeit und Gesamteindruck anbelangte. Auf einer Urkunde, die auch ein Bild von Stalin zierte, wurde mir bescheinigt, der beste Maschinenschlosserlehrling des Betriebes zu sein, immerhin hatte ich fünfunddreißig Konkurrenten.
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Ich wollte nicht Schlosser sondern Kameramann werden

Der Betrieb war begeistert, wollte meine dreijährige Ausbildung auf zwei reduzieren, sodass ich schon im Herbst 1952 gut bezahlter Schlossergeselle gewesen wäre.

Meine Antwort war skandalös: ich verweigerte das nächste Lehrjahr. Der Sowjetbetrieb drohte mir, Vater wurde einbestellt, aber auch er konnte mich nicht umstimmen, ich blieb eisern dabei, kein Schlosser, sondern Kameramann werden zu wollen.

Die Eltern versuchten es mit Zuckerbrot. Bei Fortsetzung der Lehre bekäme ich ein nagelneues Fahrrad aus dem HO-Kaufhaus. Auch dieses Angebot wurde von mir abgelehnt.
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Unterwegs in Ruinen

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Also jetzt Bauhilfsarbeiter für die Enttrümmerung Leipzigs

Der erzürnte Vater musste meinen nächsten Arbeitsvertrag unterschreiben: Als Bauhilfsarbeiter war ich für die Enttrümmerung Leipzigs gerade noch gut genug. Boshaft wurde ich als Trümmerfrau bezeichnet, Ziegel bergen und den alten Mörtel abschlagen war Frauenarbeit.

In meiner Arbeitskolonne war ich in der Tat das einzig männliche Wesen. Wie die Trümmerfrauen erhielt ich sechsundsiebzig Pfennig pro Arbeitsstunde, vorausgesetzt, ich erfüllte die Norm. Pro Stunde mussten hundert Ziegelsteine abgeputzt und gestapelt werden.

Pro Person, versteht sich. Meine erste Baustelle, der Abriss der Ruine des Neuen Theaters am inzwischen nach Karl Marx benannten Augustusplatz. Die VEB Bauunion fand, dass der schmächtige Fünfzehnjährige bei den Frauen besser aufgehoben wäre als in der Männerbrigade, wo mit Brechstange und dem großen Vorschlaghammer gearbeitet wurde.

Nach einem halben Jahr unter Frauen, die mich in der Mittagspause öfters durch die Frage, ob ich schon mal mit einer Frau, Du weißt schon was..., gehabt hätte, in Verlegenheit brachten, wurde ich wegen meiner Vorbildung aus der Maschinenschlosserlehre Schweißerhelfer.
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Als Autogenbrenner von Baustelle zu Baustelle

Nun zog ich mit einem achtzehnjährigen Kollegen als Autogenbrenner von Baustelle zu Baustelle. Auf unserem zweirädrigen Karren stand, wie eine große Mülltonne, ein Acetylen-Entwickler. Tauchten wir seinen mit Karbid gefüllten Korb langsam ins Wasser, wurde dosiert brennbares Gas erzeugt. Natürlich musste er sorgfältig verschlossen werden. Ein Tachometerzeigte uns durch ein rotes Feld an, dass wir bei Oberdosierung in die Luft fliegen würden.

Im Schneidbrenner mischten wir das Gas mit dem Sauerstoff unserer Stahlflasche; es entstand eine zischende blau leuchtende Flamme, mit der wir Stahl- und Eisenteile zerschneiden konnten.

Jeder Fortschritt der Trümmerbeseitigung wurde durch freigelegte Rohre, Schienen oder Eisenträger behindert. Meist konnten dann weder Brechstange noch Baggerschaufel helfen. Ein Fahrradbote beorderte uns zu der in Schwierigkeit gekommenen Baustelle. Kaum am Ort, zogen wir den Gas- und Sauerstoffschlauch zu den Störenfrieden und zerlegten in einem Funkenregen solche Metallteile in handliche Stücke.
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Und dann als Fernmeldearbeiter zur Deutschen Reichsbahn

Mit dem Schneidbrenner zu arbeiten war für mich eine lustvolle Tätigkeit, trotzdem wechselte ich nach knapp einem Jahr als Fernmeldearbeiter zur Deutschen Reichsbahn. Statt sechsundsiebzig Pfennig zahlte die Bahn mit allen möglichen Zulagen eine Mark und achtzig pro Arbeitsstunde.

Meine Aufgabe: Isolatoren putzen. Weltweit waren alle Eisenbahnstrecken von Telegrafenmasten gesäumt. Bis zu dreißig blanke Kupferdrähte liefen über Keramikisolatoren von Mast zu Mast.

Eisenbahnen brauchten ein eigenes Kommunikationsnetz. Über Telegrafen oder Telefon wurden Züge an Stellwerken oder Bahnhöfen an- oder abgemeldet, Strecken frei gegeben oder gesperrt.

Die steinkohlenarme DDR musste ihre Dampfloks mit Braunkohle befeuern. Statt weißem pusteten die Loks braunen Rauch aus ihren Schornsteinen. Der feine stromleitende Kohlestaub setzte sich auf die Isolatoren und Kurzschlüsse legten die Leitungen lahm. Mit Steigeisen an den Füßen erkletterten wir die Holzmasten, lösten Stück für Stück die Leitungen von den Isolatoren, die wir mit Wasser und Sand aus den Töpfen an unseren Haltegürteln putzten.

An warmen Sonnentagen hingen wir mit nacktem Oberkörper an den Masten. Wurden im Stellwerk Kurbeln gedreht, um Telefonate anzukündigen, fluchten wir über Stromschläge.
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Auch hier mußte eine Norm erfüllt werden

Auch wir als Telegrafenarbeiter mussten tagtäglich die Norm erfüllen, um den vereinbarten Lohn zu erhalten.

Um die unrealistischen Ziele ihrer Staatspläne zu erfüllen, wurde unter dem Oberbegriff „Norm" von der Staatspartei in Zusammenarbeit mit der willfährigen Einheitsgewerkschaft ein perfektes Ausbeutungssystem entwickelt, das für jeden Arbeitnehmer vorschrieb, welche Leistungen von ihm für den kümmerlichen Lohn zu erbringen waren.

Bei den Trümmerfrauen gab es die Norm der hundert geputzten Steine pro Stunde, bei uns, den Telegrafen arbeitern, war die Vorgabe, drei Minuten Putzzeit pro Isolator einschließlich Vor- und Nacharbeit.

Dazu zählten auch die Mastbesteigungen. Ich war jung genug, um das Beste aus dieser Tätigkeitzu machen. Von Mast zu Mast schoben wir unsere große Werkzeugkiste vor uns her. Die rollte auf einem Gestell mit Eisenbahnrädern, die auf einer Schiene liefen.

Ein langes Rohrgestänge diente dem jeweiligen Fahrer als Halt. Er lief der Bequemlichkeit halber nicht im Schotter sondern auf der zweiten Schiene. Zu festgelegten Zeiten kletterte einer auf den Mast, klemmte sein Telefon an bekannte Drähte und fragte im Stellwerk nach den nächsten Zügen, damit wir rechtzeitig das Gleis räumen konnten.

Im Winter, bei Schneefall, hockten wir bei Tag und Nacht im Stellwerk, um eingefrorene Weichen oder Signale gangbar zu machen. Stimmungsvoll leuchteten in der Ferne die unzähligen vielfarbigen Signallichter des Leipziger Hauptbahnhofs durch die Nacht.
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Meine erste Filmkamera

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Meine Filmträume wurden Tag- oder Nachtträume

Nachdem mir meine lieben Eltern durch das großzügige Weihnachtsgeschenk begrenztes Fotografieren ermöglicht hatten, wurde ich fotografisch glücklich, aber verlor mich weiter in Filmträume.

Doch der Besitz einer eigenen Filmkamera war für einen armen Sechzehnjährigen dieser Zeit bestenfalls Stoff für Tag- oder Nachtträume. Eine solche Reihen-Fotografiermaschine kostete gebraucht sechshundert Mark. Die einzige im HO-Fotogeschäft neu erwerbbare, die 16mm-Spiegelreflex-Kamera „AK 16", sogar einige tausend Mark.

Aber, „Gottes Wege sind unerforschlich". Ein älterer Fotohändler schenkte mir - weil es für diesen Typ in der DDR keine Filme gab - eine Filmkamera. Die „Baby-Cine-Moto"-Kamera für 9,5mm breiten Film.

Mir war bekannt, dass der Bildabstand dieses Formates dem des 16mm-Systems entsprach. Filmleute nennen das Schrittlänge. Meine Schlosserfertigkeiten und die Hilfen eines nachbarschaftlichen Mechanikers reichten aus, diese Kamera für 16mm-Filme tauglich zu machen.
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Drehen konnte ich damit nur selten. Das Filmmaterial war zu teuer. Mutig wagte ich mich - als Kurzfilm - an Andersens „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Dieser Erstling ist leider bei meiner Flucht aus der DDR verloren gegangen. Aus 16mm-Schnittresten konnte ich eine Filmfolge rekonstruieren.
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Meine kleine neunjährige Freundin Silvia

Die Bilder zeigen meine kleine neunjährige Freundin Silvia. Als Adoptiv-Kind der Freundin meiner Mutter hatte sie vor einigen Jahren meine Zuneigung gesucht und gefunden.

Bald liebte ich, der acht Jahre Ältere, das Mädchen wie eine kleine sympathische Schwester. Wegen ihres Wunsches - der Nähe zu mir - begleitete sie mich zu meiner Verwunderung auf mehrstündigen Gängen von Fotoladen zu Fotoladen und hörte geduldig meinen Monologen zu.

Silvia wurde auch mein erstes Foto-Modell. Als ich 1954 nach Berlin ging, wurden wir getrennt. 1957, auf Hochzeitsreise in Leipzig, stellte ich der inzwischen Zwölfjährigen meine junge Frau vor. Die spürte sofort deren Ablehnung.

Allein mit Silvia, fragte sie mich, warum ich nicht gewartet hätte, bis sie erwachsen genug gewesen wäre. Sie hatte Grund für diesen Tadel. Der siebenjährigen Silvia hatte ich bei einem Zoobesuch anno dazumal die spätere Ehe versprochen. Als Zeugen dafür hätte sie mehrere Schimpansen beibringen können. Jetzt war es zu spät.

Viele Kindheitsjahre musste sie meine Belehrungen ertragen. Offensichtlich gefiel ihr das Rollenspiel Schülerin und Lehrer. Sie studierte Pädagogik und wurde eine erfolgreiche Lehrerin und Leiterin einer Waldorfschule. Und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie irgendwo in Süddeutschland noch heute.
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Bei den Jungen Pionieren

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Die ersten Erfahrungen mit den alten Männern

Außerhalb des Arbeitsalltags wurde mein Leben weiterhin von Fotografie und Film bestimmt. Zufällig lernte ich eine Gruppe von Schmalfilmern kennen.

In der DDR waren alle nicht staatlichen Treffen verboten. Ob Briefmarkensammler, Kaninchenzüchter oder Fotofreunde, alle mussten sich staatlicher Aufsicht unterwerfen. An einem Haus in der Elsterstraße entdeckte ich ein Schild: „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Sektion Schmalfilm. Geöffnet: dienstags 19.00 - 21.00 Uhr."

Über meine Teilnahme an den Gruppenabenden waren die Filmamateure nicht erfreut. Anfangs wurde ich, der sechzehnjährige FDJ-ler, für einen Stasispitzel gehalten; mit meinem Eintreffen verstummten die Gespräche.

Verständlich, die Gruppe bestand aus Männern zwischen vierzig und siebzig Jahren, die keinerlei Interesse zeigten, an der demokratischen Erneuerung Deutschlands mitzuwirken. Vor dem Krieg waren sie Geschäftsleute, Rechtsanwälte, Chefärzte oder Hoteliers gewesen.

Aus dieser ihrer großen Zeit besaßen sie teure Filmkameras, Projektoren und Regale voller Schmalfilme in Schwarzweiß oder gar in Farbe. Arbeiter oder kleine Angestellte waren in der Vorkriegszeit nicht in der Lage, teure Filmgeräte und teure Filme zu bezahlen.
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An den Heimabenden führten sie ihre früher gedrehten kleinbürgerlichen Familien- und Urlaubsfilme vor, tauschten oder zeigten stolz ihre Kameras und Projektoren.
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Die Arbeitsgemeinschaft Fotografie und Film

Als die FDJ in Leipzig ein Haus der Jungen Pioniere eröffnete - dafür wurde in der Leibnizstraße eine Villa beschlagnahmt - gehörte zum Freizeitangebot für die sechs- bis vierzehnjährigen Jungpioniere auch eine Arbeitsgemeinschaft Fotografie und Film.

Die FDJ-Leitung orientierte sich am Motto „Was drauf steht muss auch drin sein" und erwartete von der Sektion Schmalfilm ein gerütteltes Maß an demokratischem Erneuerungswillen. Nicht ahnend, dass in dieser Büchse der Pandora nur reaktionäre Vorkriegskräfte ihr Unwesen trieben.

Ungeöffnet wurde der FDJ-Brief, sie baten darin um fachliche Unterstützung, mir übergeben mit den Worten: „Hier ist FDJ-Post für Dich angekommen". Schon am nächsten Tag saß ich dem Pionierhausleiter, einem SED-Funktionär, gegenüber, für den ich ein Glücksfall war.

Da ich von den „demokratisch erneuerten Schmalfilmern" kam und eine Fotomappe vorweisen konnte, war ich fachlich bestens geeignet. Dazu kam meine Vergangenheit als Jungpionier und die Mitgliedschaft in der FDJ. Und dazu das Alter von sechzehn Jahren.

Also bestens geeignet, eine Schülergruppe anzuleiten. Sofort ernannte er mich zum stellvertretenden Pionierleiter. Auch für mich ein Glücksfall. Im Pionierhaus warteten eine Fotoausrüstung, ein Labor und als wichtigstes, eine richtige 16mm-Filmkamera nebst Projektor auf mich.
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Ich sollte eine Planstelle bekommen

Vorerst, so wurde mir gesagt, solle ich mich nebenberuflich um die Film-Foto-Gruppe kümmern. Doch die Planungen des Pionierhauses sähen vor, für mich eine Planstelle als Pionierleiter zu schaffen. An zwei Nachmittagen pro Woche, die Reichsbahn musste mich dafür freistellen, übte ich mit elf- bis vierzehnjährigen Jungpionieren filmen und fotografieren.

Meine Gruppe bestand aus vier interessierten Mädchen und drei engagierten Jungen. Einer davon, Manfred Köhler, folgte meinem Lebensweg, studierte Fotografie und wurde Kameramann der DDR-Kinowochenschau „Der Augenzeuge" und des DEFA-Dokumentarfilms.

Nach der Wende wurde er Filmproduzent in Berlin. Meine Freude, ihn zufällig wiederzusehen, war groß. Leider verstarb er vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall.
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Eine „Weltax" mit einem Zeiss Tessar Objektiv

Privat fotografierte ich immer noch mit meiner großformatigen Plattenkamera. Es war an der Zeit, kleinformatiger zu werden. Im HO-Kaufhaus in der Petersstraße wurde ich fündig.

Die Neue hörte auf den Namen „Weltax", war eine Rollfilmkamera für das Format 4,5 mal 6cm und in ihrem Tempor-Zentralverschluss blitzte stolz als Objektiv das Adlerauge Zeiss Tessar.

Nur für diese Kamera hatte ich als Arbeiter bei der Reichsbahn geschuftet, nächtelang Schneewachen im Weichengewirr des Leipziger Hauptbahnhofs auf mich genommen und noch am Weihnachtsabend bis zum Umfallen Westpakete ausgeladen. Endlich, Anfang Juni 1953, hatte ich das Geld beisammen und konnte stolz zum ersten Mal eine Reporterkamera auf der Brust tragen. Meine „ Weltax" und mich sollte sobald niemand trennen, meinte ich.
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17. Juni 1953 Volksaufstand

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Verhaftet

Am 23. Juni 1954, vor dem Laden „Photo Bezee" in der Mädler-Passage, fassen mich zwei Männer, die durch ihre Schlapphüte und Ledermäntel keines Ausweises bedurften, hart an den Armen.

„Sie sind verhaftet. Her mit dem Fotoapparat und mitkommen!"

Nach wenigen Schritten wurde ich in der Tiefgarage eines Messehauses in einen nachtblauen Regierungs-BMW gestoßen. Auf dem Weg zum Polizeipräsidium Wächterstraße wurde mir mit den Worten „ Wenn Du Zicken machst, gibt es eine blaue Bohne in den Arsch" ein Revolver gezeigt.

Im Laufschritt ging es über Treppen und verwinkelte Gänge des alten Präsidiumbaus. Ein Uniformierter mit umgehängter Maschinenpistole kommandierte „Gesicht zur Wand". Für die nächsten Stunden starrte ich auf ein Plakat mit roter Fahne und der Aufforderung, den ersten Fünffahrplan zu erfüllen. Ein Abrisskalender zeigte noch den 17. Juni. An diesem Tag war für die Volkspolizei unerwartet die Zeit stehen geblieben.
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Wie der Volks-Aufstand von Russen niedergewalzt wurde

Von Anfang an hatte ich die Demonstranten des Volksaufstandes, dessen Beginn aus dem Fenster der elterlichen Wohnung in der Härtelstraße zu sehen war, mit meiner „Weltax" begleitet. Wir zogen über Ring und Karl-Marx-Platz zum Hauptbahnhof. Dort forderten Stimmen aus der inzwischen unübersehbaren Menschenmenge die Besetzung des Funkhauses in der Springerstraße. Aber dort war schon alles verbarrikadiert und Gewehrläufe ragten aus sandsackgeschützten Fenstern.

Noch am frühen Vormittag hatten wir überraschte Volkspolizisten entwaffnet und unter Gejohle in Unterhosen laufen lassen, rote Fahnen und Stalinbilder abgerissen. Jetzt, am Mittag, schien der Staat DDR erledigt. Vor dem alten Rathaus brannte ein Propaganda-Kiosk und aus dem Haus der Nationalen Front schleppten Plünderer Möbel und Filmprojektoren weg.

Gegen Nachmittag, in der Beethovenstraße, ich fotografierte das Erstürmen des Untersuchungsgefängnisses, donnerten russische Panzer von der Karl-Liebknecht-Straße über den Peterssteinweg.

Die begleitenden Rotarmisten schossen vorerst nur in die Luft. Doch der Traum vom vereinten Deutschland ohne Kommunisten war ausgeträumt.
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Knapp siebzig Jahre sind inzwischen vergangen

Knapp siebzig Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich an der Wand des Polizeipräsidiums stehen und hören musste, wie ein Mann mit Schlägen gefoltert wurde, der abstritt, ein Parteibüro verwüstet zu haben. Mit mir wurde kurzer Prozess gemacht.

Die Polizei hatte Fotos, auf denen ich, die Baskenmütze auf dem Kopf und die „ Weltax" vor dem Bauch, leicht zu identifizieren war. Also, in Handschellen ab zur Hausdurchsuchung. Dort hingen Negativfilme zum Trocknen und Filme, die auf die Entwicklung warteten. Alles beschlagnahmt.

Gerettet hat mich ein alter Polizeifotograf, der im Präsidium die belastenden Filme ohne Entwicklung ins Fixierbad steckte und damit zu Blankfilm machte. Die bei mir ansonsten gefundenen Fotos waren harmlos und wer ständig fotografiert, ist logischerweise kein Demonstrant.

Als der Morgen graute, wurde ich, nicht ohne Drohung, vorläufig freigelassen. Schnell verließ ich den Raum, da donnerte VP-Kommissar Wolf: „Halt, nimm Deinen Fotoapparat mit."Mein Passierschein wurde vom Doppelposten geprüft und man entließ mich in die Wächterstraße.

Das erste Morgenlicht war am Himmel zu sehen. Meine „ Weltax" und ich waren frei.
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Das Verhörprotokoll aus meiner „Gauck-Akte"

Nach der Wende wurde in meiner „Gauck-Akte" auch das Verhörprotokoll gefunden. Die Volkspolizeikommissare Wolf und Cornelius beschuldigten mich, für amerikanische Bildagenturen und den westdeutschen Klassenfeind fotografiert zu haben. Geschickt habe ich alles bagatellisiert.

Bei Beginn der Demonstration hätte ich angenommen, die Demonstranten wären von Partei und Arbeiterklasse auf die Straße geschickt worden, sonst hätte ich doch als Mitglied der FD] keinesfalls zum Fotoapparat gegriffen.

Für meine Fehleinschätzung würde ich mich schämen, außerdem gelobte ich Besserung. Meine Jugend hat sicher dazu beigetragen, dass die Vernehmer der Staatsanwaltschaft empfahlen, das Verfahren gegen mich einzustellen. Ich war noch einmal davongekommen. Aktivisten dieses Volksaufstandes wurden später in Moskau erschossen, viele Demonstranten in der DDR zu fünfundzwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt.
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Hoffnung und Glauben an eine Wiedervereinigung

Durch den niedergeschlagenen Volksaufstand des 17. Juni 1953 veränderten sich Leben und Denken der Menschen in der Ostzone. Vor diesem Schicksalstag hoffte die Mehrheit, dass früher oder später eine Wiedervereinigung kommen würde. Natürlich mit westdeutschen Lebensverhältnissen.

An allen Ecken und Enden dieser "DDR" war sichtbar, dass die Staatspartei SED mit ihrer Politik und Planwirtschaft gescheitert war. In allen Schichten stieg die Unzufriedenheit und allerorts tröstete man sich mit den Worten: „Die können sich nicht mehr lange halten, bald rücken die Russen ab und die deutsche Einheit kommt."

Alle Hoffenden wurden eines Besseren belehrt. Als am 17. Juni 1953 in Ostberlin und in allen großen Städten der DDR die Sowjetpanzer rollten, war nach russischer Marschmusik über die Lautsprecher der Stadtfunkanlagen folgender Aufruf zu hören:

„Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten wird der Ausnahmezustand verhängt, das Zusammentreffen von mehr als vier Personen ist verboten. Nach Einbruch der Dunkelheit herrscht Ausgehverbot." Dadurch wurde ein für alle Mal sichtbar, Ostdeutschland wird für immer kommunistisch bleiben.

Wer nicht abhaut, sondern bleibt, ............

Wer nicht abhaut, sondern bleibt, muss sich arrangieren. Das war nicht allzu schwer. Den SED-Bonzen war der Schrecken in die Knochen gefahren: ohne die Russen hätten sie ihre schöne DDR-Herrschaft verloren. Sie wurden zunehmend vorsichtiger.

In den Zeitungen wurden Fehler zugegeben, Normerhöhungen zurückgenommen, Preise gesenkt und Repressalien gegen die Reste der Privatwirtschaft eingestellt. Die Schaufenster füllten sich mit in der DDR hergestellten Waren, die vorher immer nach Russland gingen.

In Leipzig, Magdeburg und Rostock waren plötzlich hochwertige Dinge zu kaufen. Dazu gehörten unter anderem Motorräder, ein Dutzend verschiedener Rundfunkgeräte vom Kofferradio über den Zwölfröhren-Super bis zum Tonbandgerät.

Für mich am wichtigsten: volle Schaufenster in den Fotogeschäften. Plötzlich konnte man über zwanzig verschiedene Fotokameras, Objektive und Filmmaterialien erwerben. Das HO-Fotogeschäft in der Hainstraße hatte Wanderkinos mit dem „TK35" und 16mm-Tonftlmprojektoren im Angebot.

Als ich durch einen freundlichen Verkäufer die in Dresden hergestellte Kamera „AK16" anfassen durfte, zitterten mir die Hände.
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Ich werde Fotolaborant

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Mein Leben hatte sich verändert

Seit kurzem war ich Fotoprofi als Laborant des fotografisch-technischen Ateliers Ernst Schneider. Der hatte kurz nach dem Krieg einen erfolgreichen Einfall. Mehr als sechs Millionen Deutsche hatten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, meist war den Hinterbliebenen für ihre Trauer nur ein mehr oder minder schlichtes Foto, häufig nur ein Passbild, erhalten geblieben.

Fotoateliers der großen Städte offerierten die Vergrößerungsmöglichkeiten solcher Aufnahmen. Doch in kleinen Städten oder gar Dörfern war das unbekannt. Schneiders Vertreter liefen von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus und präsentierten in großen Mappen die Arbeitsergebnisse ihres Auftraggebers. Aus Passbildern waren DIN A4-große Porträts geworden, die in Passepartouts oder gerahmt zu haben waren.
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Damit konnte man sogar Geld verdienen - in der Ostzone

Kosten: je nach Ausführung sechzig bis einhundert Mark. Die meisten Angesprochenen erteilten einen Auftrag. Das Besondere an den Schneider-Bildern war ihre Qualität. Die immer notwendigen Korrekturen wurden üblicherweise von einem Foto-Retuscheur erledigt. Nicht bei Schneider. Als Freiberufler beschäftigte er Lehrer von Kunsthochschulen, Gebrauchsgrafiker und unterbeschäftigte Kunstmaler, die gern etwas Geld zu ihren schmalen Gehältern dazu verdienten.

Passbilder und blasse Vergrößerungen dienten diesen „Künstlern" meist nur zur Orientierung. Die Ergebnisse waren Zeichnungen und Aquarelle der Abgebildeten. Gegen Aufpreis konnten auch Farbbilder geliefert werden. Da die meisten der Fotografierten Uniformen trugen, dienten Uniformkataloge als Farbvorlagen.

Meine Aufgabe war die Reproduktion und Vergrößerung

Meine Aufgabe war, die Reproduktion und Vergrößerung der angelieferten Fotos herzustellen. Auf eine große Glasplatte 24 x 30 cm klebte ich eng an aneinander die vielen kleinen Bildchen der im Krieg Verstorbenen, um sie mit der Großformatkamera 1:1 abzulichten.

Wehrmachtssoldaten, U-Boot-Fahrer, SS- und Panzerleute, Rotkreuz-Schwestern, Piloten und Blitzmädel - ihre Bilder gingen durch meine Hände. Mein Wissen, dass sie Opfer des Krieges waren, der beinahe auch mein Leben beendet hätte, hat mich jedes Mal von neuem berührt,

öfters kam mein Chef, ein quirliger alter Herr, ins Labor, um mir noch einige Vergrößerungstricks beizubringen, aber meist nutzte er die Zeit für Erzählungen aus seiner Berliner Zeit in den zwanziger und dreißiger Jahren. Damals hatte er in der Reichshauptstadt als Fotograf und Grafiker gearbeitet. Hoch interessiert hörte ich ihm gern zu, bis die Chefin an die Tür klopfte: „Ernst, komm zurück ins Büro. Du hältst den Jungen nur von der Arbeit ab."

Mir erschien ein Engel - Bärbel

Einmal klopfte er an der Dunkelkammertür, um mir seine Enkelin vorzustellen. Auf die war er sehr stolz, was ich verstand, als ich sie das erste Mal sehen durfte.

Vor mir stand eine bildhübsche Fünfzehnjährige, umgeben von der besonderen Aura, wie sie nur bei ganz jungen Mädchen zu finden ist. Wie es der Zufall wollte, fiel noch ein Sonnenstrahl auf ihr Haar. Ich glaubte, mir wäre ein Engel erschienen. Mich umgab keine Aura.

Mit rotem Kopf stand ich, unfähig ein Wort hervorzubringen, dieser lächelnden Evastochter gegenüber. Es bedurfte der Aufforderung des Chefs: „Nun gebt euch wenigstens die Hand", um mich aus meiner Starre zu lösen. Weiteren seelischen Belastungen konnte ich mich durch die Flucht in die Dunkelkammer entziehen.

Mich hatte ein Blitz getroffen und das Wort „Bärbel" in den Kopf gebrannt. In den folgenden Monaten habe ich unter dem Vorwand, es ginge um ein Geschenk für ihre Großeltern, sie dazu gebracht, vor meiner Kamera für ein Porträt zu sitzen.

Wenige Wochen danach ging ich nach Berlin, ihr Bild im Kopf und in der Tasche. Als Siebzehnjähriger traute ich mich nicht, per Brief um ein „halbes Kind" zu werben. Kaum war sie sechzehn und Lehrling bei Foto Sander, versuchte ich dort, bewaffnet mit einem Fliederstrauß, Kontakt aufzunehmen. Die Wiederbegegnung löste bei ihr nur ungläubiges Erstaunen aus.

Die Zeit verging, doch trotz anderer Mädchengeschichten trug ich weiterhin Bärbels Bild in Kopf und Tasche mit mir herum. Bei einem meiner seltenen Besuche in Leipzig habe ich sie später wiedergesehen.

Mit Kinderwagen fuhr sie ihr Neugeborenes auf dem Leipziger Augustusplatz spazieren. Der Bann unserer Erstbegegnung war gebrochen. Ich konnte sie ohne Herzklopfen als alte Bekannte „ Wie geht's, wie steht's" begrüßen. Doch wenn ich ihr Bild, den fünfzehnjährigen vermeintlichen Engel, aus meinem Kopf abrufe, zweifle ich an der Gleichwertigkeit von Mädchen und Jungen und möchte wie Schiller sagen:

„ Ehret die Frauen! Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben."
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Mein Lebensinhalt wurde das Fotografieren

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Auf dem Weg nach Berlin

Dabei gab es 1953 viel Wichtigeres als die Anziehungskraft eines hübschen Mädchens. Kaum drei Monate auf der neuen Arbeitsstelle, ereignete sich Ungewöhnliches: Aus dem Labor rief mich die Chefin ans Telefon: „Die FDJ will dich sprechen." Mein Pionierhausleiter ordnete an, dass ich sofort zur Leibnizstraße kommen müsse.

„Hier sind Genossen aus Berlin, die dich sprechen wollen." Zum Erstaunen aller schnappte ich meine Aktentasche und lief los. Die Straßenbahnfahrt dauerte Ewigkeiten. Mir wurde flau im Magen. Was hatte ich nur angestellt? Vor dem Eingang stand wieder ein dunkelblauer Regierungs-BMW mit Berliner Kennzeichen.

In so einem hatte man mich am 17. Juni zur Vernehmung gefahren. Das roch nach Stasi. Mein Eintritt ins Büro wurde grußlos mit dem Satz begleitet: „ Da isser ja endlich. Also fragt ihn."

Anders als erwartet, wurde ich sehr freundlich von zwei Berliner Parteifunktionären begrüßt, die mich fragten, ob ich Lust hätte, Kameramann zu werden.
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Ein Traum wird wahr

Ich musste erst einmal schweigen, weil ich still für mich betete. „Lieber Gott im Himmel, mach', dass das kein Traum ist."

Mir wurde folgender Sachverhalt mitgeteilt: Die Regierung der DDR hätte die Gründung einer Filmhochschule beschlossen, an der auch sozialistisch denkende Kameraleute ausgebildet werden sollten.

Natürlich würde es noch vier bis fünf Jahre dauern, bis die ersten Hochschüler ihr Examen bestanden hätten. Für die Zwischenzeit hätte der Genosse Anton Ackermann eine Filmschule geplant. Als Leiter der Hauptabteilung Film im Kulturministerium der DDR war Ackermann Chef aller Filmaktivitäten.

Um die richtigen jungen sozialistischen Kader an diese Internatsschule für Kamera und Schnitt zu bekommen, würden keine Ausschreibungen stattfinden. Er und sein Kollege wären in der ganzen Republik unterwegs, um in den Filmgruppen volkseigener Betriebe, der Parteiorganisationen, des Kulturbundes und der Pionierhäuser nach geeigneten Kräften zu suchen.

Sie fänden, dass ich geeignet wäre; bliebe nur die Frage, ob ich auch wolle. Bei meinem Ja hätte ich beide am liebsten umarmt. Dann wäre ja alles klar. Als nächstes kriegst Du Post aus Berlin.
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Und ganz wichtig - die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse

Alle Sondierungsgespräche hatten schon in meiner Abwesenheit stattgefunden. Denn bevor ich im Pionierhaus tätig werden durfte, waren mehrseitige Fragebögen auszufüllen. Wegen meines Alters entfielen die Antworten nach der Mitgliedschaft in NS-Organisationen.
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Aber eine gefährliche Klippe war zu überwinden: Der Nachweis meiner Klassenzugehörigkeit. Hier die Frage: „Beruf des Vaters vor 1945" (muss auch ausgefüllt werden, wenn der Betreffende gefallen, vermisst oder verstorben ist).

Nach dem Berufseintrag (des Vaters) ist anzugeben, ob die Tätigkeit selbständig oder angestellt ausgeführt wurde. Für wen oder was Vater heute arbeitete, war nicht von Interesse. Jeder Bewerber auf eine begehrte Stelle wusste, bei dieser Frage geht es ans Eingemachte.

Die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse. Die war wichtiger als gute Zeugnisse. Als Sohn eines selbständigen Unternehmers waren die Chancen, genommen zu werden, fast null. Fürs Pionierhaus hatte ich im Fragebogen gelogen und die Tätigkeit mit "Bergarbeiter und jetzt Wismut AG" beantwortet. Damit kam ich durch.
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Um genommen zu werden, brauchte man Punkte

Meine Bewerbungsunterlagen fürs Pionierhaus haben die Berliner mitgenommen. Ich sah sie später abgeheftet in meiner Kaderakte der DEFA wieder.

Noch zu erwähnen:

Für die Mitgliedschaft in fortschrittlichen Organisationen gab es in den Kaderabteilungen eine bestimmte Anzahl von Pluspunkten. Im Hinblick auf meine Zukunft war ich Mitglied der FDJ, im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, dem Gewerkschaftsverband FDGB sowie der vormilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik. Das gab Punkte!

Die bescheidenen Mitgliedsbeiträge wurden im Betrieb bezahlt. Wer wollte, durfte unbehelligt Karteileiche sein, auch ich. Spätestens hier wäre die Frage nach meiner damaligen Weltanschauung angezeigt.
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Eigentlich wichtige Fragen wuirden nicht gestellt

Als Kind liebte ich den Führer und seinen Schäferhund, unsere siegreichen Männer von Luftwaffe, Kriegsmarine und Heer.

Bis Kriegsende sammelte ich keine Fußballbilder, sondern bemühte mich um die Komplettierung der Serie „Deutsche Ritterkreuzträger". Die sahen besser aus als die Fußballer in ihren schäbigen Trikots.

Als Kind musste ich nach 1945 überall hören, dass die Leute in den braunen Uniformen eine Verbrecherbande waren, denen wir es zu verdanken hätten, dass wir mittellos ausgebombt wären und Vater in Gefangenschaft.

Darüber hinaus war ich kindlich enttäuscht, dass die Nazis die Weltmeisterschaft, den Endsieg, versemmelt hatten und dass bei uns jetzt fremde Mannschaften das Sagen hatten.

In der Folgezeit, als Bürger der sowjetischen Besatzungszone, wurde ich nie ernsthaft "gefragt", ob ich Mitglied der kommunistischen Jungpioniere oder der FDJ werden wollte. Das kam automatisch in der Schule.

Und dann kamen die Entäuschungen - eine nach der anderen

Als selbstverständlich trug ich das blaue Halstuch und später das blaue Hemd der FDJ. Mit Vergnügen war ich bei vielen Freizeitaktivitäten dieser Organisationen dabei. Größtes Erlebnis meiner FDJ-Zeit war die Teilnahme an den Dritten Weltfestspielen in Berlin.

Im August 1951 wurde meine Gruppe im offenen LKW nach Berlin gekarrt und im Dachboden einer Schule für die Nächte mit Strohsäcken versorgt. Die Gemeinschaftsverpflegung war mäßig. Die arme DDR musste 26.000 Gäste versorgen.

Für mich war der Spaß vorbei, als ich in meiner Mettwurst eine lange Fischgräte fand. Schnell wuchs den Betreuungsfunktionären die Organisation über den Kopf und wir genossen Freizeit ohne Ende.
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Berlin war anders, vor allem Westberlin

Freund Peter, Bruder Dieter und ich eroberten mit Hilfe der für die FDJler kostenlosen S- und U-Bahnen Berlin. Vor 1961 war Berlin, was sein Straßennetz und die Verkehrsmittel angeht, ungeteilt.

Ohne Rücksicht auf die Vier-Sektoren-Trennung fuhren die Bahnen ihre Vorkriegsstrecken und passierten wechselnd Stationen der Ost- und Westsektoren. Gerade erst in Friedrichstraße (Ost) eingestiegen, war man am Bahnhof Zoologischer Garten schon im Westen. Was viele nicht wussten, zwei Drittel der Stadt gehörten zu Westberlin.

In manchen Stadtteilen genügte es, die Straßenseite zu wechseln, um in den Westen zu kommen. Kontrollen gab es nur in den großen Bahnhöfen der Ostseite; dort wurden vor allem Personen mit umfangreichem Gepäck kontrolliert und falls Fluchtabsicht erkennbar war, festgenommen und zurück in die DDR verbracht.

An den Straßengrenzen liefen Doppelposten der Volkspolizei in größeren Abständen Streife. Leute ohne Gepäck wurden kaum am Wechsel der Straßenseite gehindert. Wenn, was selten vorkam, Vopos Verdächtige auf die Westseite verfolgten, zogen Westberliner Schupos ihre Pistolen, schossen notfalls in die Luft und die Volkspolizei brachte sich auf ihrer Straßenseite wieder in Sicherheit.

Trotz des ausdrücklichen Verbots nutzten tausende Festspielteilnehmer die Möglichkeit, Westberlin zu besuchen. Wir, die wir auch von den Veranstaltungen kamen, mit Blauhemd und kurzer Hose, drückten uns dort an den vollen Schaufenstern die Nasen platt. Der Westen war stolz, seine Überlegenheit zu zeigen und gab sich gastfreundlich.
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Tolle und nicht so tolle Erlebnisse

Zehn Tage lang wurden Kinokarten verschenkt und Fresstüten ausgegeben. Wohlfahrtsorganisationen hatten Küchenzelte und Gulaschkanonen aufgestellt, mitunter wurde sogar Coca Cola verschenkt. Ich war einige Male im Amerikahaus. Dort gab es die beste Verpflegung. Im Hauskino lief ein Film über Abraham Lincoln.

Dazu erhielten die Gäste Popcornbecher und Erdnusstütchen. Mein erster Besuch im Westkino war enttäuschend. In der Nachmittagsvorstellung sah ich „Zorro, der Geisterreiter". Für mich primitiver Wildwestquatsch. Dann schon lieber einen sowjetischen Propagandafilm wie „Lenin im Oktober".

Trotz meiner Westbesuche habe ich alle Ostpflichten erfüllt und mit anderen Leipzigern Blumen für die gefallenen Sowjetsoldaten am Treptower Ehrenmal niedergelegt. Umgeben von Stalinbildern marschierte ich bei der Schlusskundgebung an den DDR-Fürsten vorbei. Pieck, Ulbricht und Grotewohl winkten freundlich. Zwischen ihnen stand im Blauhemd unser Erich Honecker, damals Chef der FDJ.
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Der Unterschied war zu offensichtlich

Zu keiner Zeit war ich auf dem Weg, Jungkommunist zu werden. Täglich wurde ich in (unseren) Zeitungen, Radiosendungen, Filmen und Versammlungen mit der Großmäuligkeit und Verlogenheit der SED-Regierung konfrontiert, die trotz leerer Kassen und Geschäfte die Überlegenheit ihres Systems verkündete.

Westliche Nationen, besonders die USA, würden ständig Sabotageakte in der DDR ausführen. Kein Zug konnte entgleisen, keine Fabrik brennen, ohne dass die Westimperialisten und ihre Helfershelfer dahintersteckten.

Heute kaum noch zu glauben: Als die Sowjetzone einer schlechten Kartoffelernte entgegensah, habe ich 1948 in Leipzig eine Ausstellung besucht, die beweisen sollte, dass die USA nachts über der Zone Millionen Kartoffelkäfer abgeworfen hätten. Gezeigt wurden kiloweise tote Käfer in Metallbehältern, die an gelben Fallschirmen hingen und wo immerauch Platz war mit „Made in USA" beschriftet waren. Soviel zum meiner sich bildenden Weltanschauung.

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