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1945 - Die Amis kommen

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Heute kommen aber viele Soldaten!

In den ersten Apriltagen rief meine Mutter mich ans Küchenfenster der Rückseite des Weissen Rössls. Dort rollten drei oder vier amerikanische Panzer, begleitet von Infanteristen, ganz langsam über die Viehweiden auf unser Haus zu. Das kurzsichtige Trudchen sagte „Heute kommen aber viele Soldaten!"

Ich rief: „ Die Amerikaner kommen!" - Vor ihnen flüchteten ohne Waffen mit erhobenen Händen einige deutsche Soldaten, die in einer Scheune übernachtet hatten. Sie wurden von den Amerikanern ignoriert. Später wurden sie als Kriegsgefangene vorläufig ins unterhalb des Bauersberges gelegene Spritzenhaus gesperrt.

Nun standen im und unterhalb des Dorfes zahlreiche Panzer mit dem weißen Stern am Turm. Jeeps und LKW mit dergleichen Kennzeichnung fuhren hin und her. Meine sechzehnjährige Schwester, als einzig englischsprechende Person im Dorf, musste den Aufruf übersetzen, dass Radioapparate, Fotokameras, Ferngläser und Waffen unter Androhung der Todesstrafe umgehend im Bürgermeisteramt abzuliefern seien. Bürgermeister Wölfl und Ortsbauernführer Adler waren erstmals ohne Parteiabzeichen zu sehen. Unter den Kastanienbäumen auf dem Kiesboden des Rössl-Biergartens bauten die Amis ein Küchenzelt mit Benzinherden auf.

Schon am ersten Abend servierte man den amerikanischen Soldaten ein Dreigänge-Menü: Suppe, Hauptgang mit Fleisch und zum Nachtisch Schokoladentorte.
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Armselige Kriegsverlierer mit dem Hunger in den Augen

Ein Soldat sah den Hunger in den Augen und teilte mit mir. Ich kapierte, wie arm unser großmäuliges Großdeutschland in Wirklichkeit war. Bei den durchreisenden deutschen Soldaten gab es Graupensuppe.

Der Umgang mit den Amis war von Anfang an freundlich. Sie scherzten mit Frauen und Mädchen und manch alter Bauer stand am Panzer und machte mit Händen und Füßen Konversation, um auch mal eine Lucky Strike zu rauchen.

Wir Kinder schnorrten Bonbons und die uns zuerst unbekannten Kaugummis. Mein kleiner Bruder und ich posierten mit Gls vor Panzern und Jeeps mit dem von den Amis gewünschten Hitler-Gruß als Nazi-Boys für ihre Erinnerungsfotos. Die Belohnung: Cadbury-Schokolade.

In Mutters Küche ließen sich die Soldaten ihre Ausgehhosen bügeln, denn in ihrer dienstfreien Zeit schlenderten sie, statt des Stahlhelms einen gleich lackierten Papp-Helm auf dem Kopf, durch das Dorf.

Einmal gab die deutsche Artillerie einige Schüsse in Richtung Arnsgrün. Soldaten und Zivilisten flüchteten in den Waschküchenkeller des Rössls. Ein US-Soldat ließ Frauen und Kindern den Vortritt. Das bezahlte er mit dem Leben. An einem Baumwipfel explodierte ein deutsches Geschoss. Der Soldat war sofort tot. Ein Granatsplitter hatte in Kopfhöhe seinen Papp-Helm durchschlagen. Tagelang lag der Tote hinter dem Haus, nur von einer Zeltplane bedeckt. Als er abgeholt wurde, fehlten Ehering und Armbanduhr. Die Amerikaner vernahmen auch Dorfbewohner - ohne Resultat.

Einen Tag und eine Nacht hatten wir Angst vor Repressalien. Zeltplane und Papp-Helm lagen noch wochenlang hinter dem Haus. Die Zeltplane diente dem Kunze-Bauern dann viele Jahre am Heuwagen. Ich hatte sie auf seinen Wunsch nach Kriegsende den Bauersberg hochgeschleift und ihm für zwei Mark verkauft. Den Papp-Helm mit dem Todesloch habe ich Monate hinter einem Busch versteckt und immer wieder mit Schaudern angesehen.
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Arnsgrün war auf einmal Hauptkampflinie

Unser ehemaliges Schlafzimmer im ersten Stock wurde die Feuerleitstelle der Amerikaner. Ein Scherenfernrohr und viele Telefone zeugten davon. Nur wenige Male am Tag wurden Salven, meist aus Granatwerfern, selten von Panzern, in Richtung Adorf abgegeben. Kaum zu glauben, Arnsgrün war Hauptkampflinie.

Zwischen den fremden Soldaten in unserer Wohnung tollten mein Bruder und ich ungehindert umher, während Mutter in der Küche aus angelieferten Kartoffeln und Palm fett für unsere Hausbesetzer die von ihnen so geliebten Pommes Frites zubereitete.

Ein Amerikaner deutete mehrmals auf uns Kinder und sagte: „Stalin-Soldaten". Er wusste, dass später die Russen kommen würden. Wir nicht.

Und auf einmal waren die Amis weg

Aber mit Einbruch der Dunkelheit mussten wir - Deutsche durften nicht mit Amerikanern unter einem Dach schlafen - in Begleitung eines Beschützers mit geschultertem Gewehr zur Übernachtung in die Scheune des Bauern Kunze gehen.

Einmal bildete sich in der Nacht infolge leichten Nebels ein Kreis in Regenbogenfarben um den Mond. Abergläubische Dörfler erklärten das zum Himmelszeichen eines doch noch siegreichen Kriegsendes. Am nächsten Morgen schwor unsere Röß'l-Wirtin Frau Hartenstein, dass sich der Regenbogenkreis um Mitternacht in ein Kreuz verwandelt hätte. Eines Morgens, es soll am 6. Mai gewesen sein, waren die Amis weg. Obwohl wir in der Nacht Motorengeräusche gehört hatten, wurden wir vom Abzug überrascht.

Zurück blieben ein Haufen graugrüner Konservenbüchsen mit schwarzer Beschriftung und Kettenspuren der Panzer auf den Dorf wiesen. Die beschlagnahmten Radios standen zum großen Teil zur Rückgabe im Bürgermeisteramt. Ohne dass ein Mensch oder Haus zu Schaden kam, war für die Arnsgrüner der Zweite Weltkrieg zu Ende.
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Arnsgrün und wir wurden Niemandsland

Wir wurden Niemandsland. In den Wäldern nach Bad Elster lagen noch Waffen aller Kaliber und Panzerfäuste, die die flüchtige deutsche Wehrmacht zurückgelassen hatte. Ein Weg unterhalb des Waldbades war vollgestopft mit Wehrmachtsfahrzeugen vom VW-Kübel bis zum Panzerspähwagen. Alle unversehrt, aber mit leerem Tank.

Wieselflink bauten Bauern und Handwerker Motoren und andere Teile aus. Mit meiner Mutter suchte ich zwischen Jugelsburg und Adorf an einzelnen Soldatengräbern und in einem Kriegsgefangenenlager nach meinem sechzehnjährigen Bruder, der als Heimatverteidiger nach Adorf einberufen war. Einmal wurde die Mittagsstille durch ein Flugzeuggeräusch unterbrochen.

Ein Doppeldecker der Amerikaner landete auf einer Wiese hinter dem Gasthof Wolfl. Der Pilot zeigte den Dorfbewohnern eine Landkarte und fragte nach seinem Landeort. Außerdem wollte er wissen, ob hier schon Russen wären. Nach Verteilung von Zigaretten verschwand er wieder in den Wolken.
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Statt Amis die Russen

Ende Juni 1945 wurde erzählt: „Die Russen kommen", verbunden mildern Gerücht „Wer eine rote Fahne raushängt, wird nicht geplündert". Flugs trennten die Adorfer die auf rotes Fahnentuch aufgenähten Hakenkreuzspiegel ab und flaggten rot.

Ich kann mich erinnern, dass viele dieser Flaggen einen deutlich roten Kreis in ihrer Mitte zeigten. Das Fahnentuch unter dem Hakenkreuz war nicht verblichen. In Arnsgrün hatte nur einer rot geflaggt: der Bewohnereines kleinen Hauses am Ende des Bauersberges. Erzeigte eine golden mit Hammer und Sichel bestickte rote Fahne. Ein Altkommunist, der so seine Freude über die Sowjetsoldaten ausdrücken wollte.

Im Sommer fuhren blutjunge Soldaten der Roten Armee mit flachen Panje-Wagen und struppigen kleinen Pferden an unserem Weißen Rössl vorbei, überall um Schnaps und Kartoffeln bettelnd. Vor ihnen mussten Hühner und Kaninchen im Keller versteckt werden. Einige Male erreichten Leiterwagen, darauf Menschen in blauweiß-gestreifter Kleidung, das Dorf. Sie führten kleine Flaggen mit sich, die sie als Franzosen, Holländer oder Luxemburger auswiesen.

Sie zeigten Befehlsschreiben der Besatzungsmächte, die unsere Bauern verpflichteten, Gespanndienste bis zur nächsten Ortschaft zu leisten. Es waren befreite KZ-Häftlinge aus der Tschechoslowakei auf dem Weg in ihre Heimatländer.

Die Russen machten es wie vorher die Deutschen

Im ersten Befehl des russischen Stadtkommandanten von Adorf wurden alle Männerzwischen sechzehn und sechzig aufgefordert, zu Wiederaufbauarbeiten an Straßen und Brücken Vogtlands bei der russischen Kommandantur anzutreten. Die wenigen, die dem Befehl Folge leisteten, wurden als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion verschleppt. Später schrieb ein Arnsgrüner Bekannter meiner Mutter, sein Sohn wäre in einem Leningrader Lager und es würde ihm gut gehen.

Bruder Wolfgang war nur kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dann hatte man ihm die Hosenbeine abgeschnitten und mit einem Schlag auf den Hintern verabschiedet mit den Worten: „Wir machen keinen Krieg mit Kindern!".

Die Lebenserfahrung meiner Mutter hatte verhindert, dass mein Bruder dem Aufruf der Russen gehorchte. Vor Jahren hatte ihr eine sogenannte Ostarbeiterin anvertraut, dass die Deutschen mit einem ähnlichen Aufruf, also die Heimat wieder aufzubauen, sie als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verbannt hatten.

Die russische Besatzungsmacht befahl die Installierung einer neuen Stadtverwaltung ohne Nazis. Bevorzugt wurden ehemals Verfolgte mit diesen Aufgaben betraut. Wichtig für uns: Es gab wieder ein Sozialamt für Flüchtlinge, das Lebensmittelmarken und Kleiderspenden vergab.

Und dann landete ich einen Flop, als Neunjähriger

Neue Gesichter in bekannten Räumen. Bis Kriegsende wurden wir im selben Büro von der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" NSV betreut. Bevor wir deren Zimmer betraten um einen Bezugsschein für einen Kochtopf oder Kinderschuhe zu erbitten, wurde ich damals von Mutter immer angewiesen, keinesfalls den Nazigruß zu vergessen.

Natürlich wusste ich, der Neunjährige, von Kriegs- und Nazi-Ende. Doch gelernt ist gelernt! Beim ersten Besuch im alten Büro, die kommunistische Behörde hieß jetzt „Volkssolidarität", passierte es: Kaum im Zimmer, streckte ich den Arm vor, knallte die Hacken zusammen und mein markantes „Heil Hitler" erfüllte den Raum.

Kaum gebrüllt, wusste ich um meine Fehlleistung und erschrak. Mutter erstarrte wie die biblische Salzsäule. Statt Rausschmiss sagte der Alte, ein ehemaliger KZ-Häftling: „Nicht so schlimm, mein Junge. Das ist mir nach der Befreiung auch einmal passiert. Die neue Zeit müssen wir alle erst noch erlernen."
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Und wieder ein neues Asyl in Mühlhausen bei Bad Elster

Im September mussten wir Flüchtlinge auf Anordnung der Russen wegen der nahen Grenze zur Tschechei Arnsgrün verlassen. In Mühlhausen bei Bad Elster hatte die Besatzungsmacht das Wohnzimmer des Bauern Ballauf beschlagnahmt, um uns einzuquartieren. Es ist nachzuvollziehen, dass wir von den Bauersleuten nicht geliebt wurden.

Weihnachten 1945, wieder ohne Geschenke, und zum ersten Mal kein Baum. Für die Flüchtlinge wurde im Festsaal des Radiumbades Brambach eine Weihnachtsfeier veranstaltet. Von meiner Neulehrerin ausgesucht, weil ich als Einziger Hochdeutsch sprach, stand ich voller Lampenfieber mit hochrotem Kopf auf der Bühne, angestarrt von Hunderten entwurzelter Menschen und rezitierte: „Ein Tünnlein aus dem Walde, und sei es noch so klein, mit seinen grünen Zweigen soll unsre Freude sein. Es stand in Schnee und Eise in klarer Wintersluft, nun bringt's in unsre Stuben, den frischen Waldesduft."

Nach fehlerfreien vier Strophen erntete ich langanhaltenden Beifall. Nie wieder in meinem Leben konnte ich für eine so kleine Leistung so viel großes Lob einheimsen.
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Eine Kernfrage - was wohl aus Vater geworden ist

In Mühlhausen wurde es Frühjahr. Ich hörte, dass die Kinos wieder spielten. Mein Weg durch Wald und Feld nach Bad Elster betrug sicher drei Kilometer. Mein erster Film im Rundbau des Kurkinos war:,Reitet für Deutschland' mit Willy Birgel. Man spielte mangels Kopien weiter die alten Titel. Selbstverständlich ohne die früher obligate Nazi-Wochenschau.

Unser Nachkriegsleben wurde permanent von der Frage überschattet, was wohl aus Vater geworden ist. Ob erden Krieg überlebt hat?
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1946 - Zurück in Leipzig

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Unsere großmütterliche „Hundertmark-Wohnung"

Alle Warnungen in den Wind schlagend, war Mutter mit uns im Frühjahr 1946 zurück nach Leipzig gefahren. Ein mühseliger Weg. Auf ihrem Rückzug hatte die Wehrmacht den Mittelteil der Elstertalbrücke gesprengt. Vor der Brücke hieß es im freien Feld aussteigen, um zu Fuß und ohne richtige Wege das Tal zu überwinden. Dreißig Minuten waren notwendig. Am Brückenende stand der Zug für die Weiterfahrt. Die Dampfpfeife seiner Lokomotive rief: .Beeilt euch, sonst bin ich weg!'

Ohne weiteren Verzug erreichten wir Leipzig. In der kriegszerstörten Stadt hatte sich für die Familien Romboy ein einmaliger Glücksfall ergeben. Die Untermieter der großmütterlichen „Hundertmark-Wohnung" in der Hindenburgstraße, jetzt hieß sie nach Friedrich Ebert, waren in den Westen abgehauen.

Bevor das Wohnungsamt Wind bekam, mussten durch unseren Einzug vollendete Tatsachen geschaffen werden. Über eine von Mutter mit Kindern besetzte Wohnung war es keiner Behörde möglich, neu zu verfügen. Großmutter Doris räumte nach einigen Wochen ihren Platz; sie hatte sich in ein Damenstift in der Kommandant-Prendel-Allee eingekauft.
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Für uns Kinder ein Abenteuerspielplatz

Für Bruder Dieter und mich zeigte sich die Stadt als ein einmaliger Abenteuerspielplatz. Nach der Schule durchstöberten wir die Keller der Brandruinen nach Brauchbarem und benutzten einen günstig liegenden Eisenträger als Wippe. Gegen Nachbarskinder gewannen wir gefährliche Kletterpartien auf hohe Ruinenreste. Das Spiel hieß „Mutprobe". Das hatten wir bei der Hitlerjugend gelernt.

Hungerjahre

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Die neue Dreiklassengesellschaft - nach dem Krieg

Wie schön wäre die neue Friedenszeit gewesen, wäre sie nicht zur Hungerszeit geworden. Nicht immer hatte Mutter eine Scheibe trocken Brot parat, wenn wir uns um halb acht auf den Schulweg machten. Mit knurrendem Magen warteten wir auf die große Pause.

Danach erhielten wir ein großes weißes süßes Brötchen. In späterer Zeit standen wir mittags Schlange vor der Turnhalle zur sogenannten Schulspeisung. Internationale Hilfsorganisationen spendeten eine Kelle Suppe für die Ausgehungerten.

In der Nachkriegszeit zeigte sich eine Dreiklassengesellschaft.

  • Oberschicht waren die Bauern - ohne Hunger konnten sie gegen ein Säckchen Kartoffeln, eine Tüte Weizen oder fünf Eier alle Schätze der Nachkriegswelt eintauschen.
  • Zur Mittelschicht gehörten die, deren Eigentum nicht durch Bomben vernichtet worden war. Sie konnten mit Tauschware auf die Dörfer fahren.
  • Zur Unterschicht wurden die Frauen und Kinder der Ausgebombten und Flüchtlinge. Ohne Tauschware und ohne Ernährer - die waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft - mussten sie sich mit den Hungerrationen der Lebensmittelkarten begnügen.


Eine Schule in der Lessingstraße war Russenkaserne. Montags wurde Brot angeliefert und Laib für Laib über eine Soldatenkette vom LKW ins Haus verfrachtet. Mitunter ließ eine Rotarmistin ,aus Versehen' ein Brot fallen, zertrat es und stieß die Brocken in Richtung der wartenden Kinder. Ihr war verboten, „kleinen Faschisten" Lebensmittel zu geben.
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Der Winter 1946/47 - einer der kältesten und längsten

In den unzerstörten Gründerzeithäusern der Waldstraße wohnten die Familien der Besatzungsoffiziere. Mein kleiner Bruder Dieter und ich haben manchmal an ihren Wohnungstüren geklingelt. Fußtritte für die Hitlerbastarde nahmen wir in Kauf.

Doch öfters haben mitleidige Russinnen belegte Brote oder gar Kuchenstücke gegeben. Nie haben wir Mutter oder Vater von den Bettelgängen erzählt. Es hätte ihr Ehrgefühl verletzt.

Hochgewachsen wirkte ich besonders abgemagert. Während des Besuchs einer Hilfsorganisation für Kinder wurde ich, nur mit der Unterhose bekleidet, im Arztraum der Schule von allen Seiten fotografiert. Danach erhielt Mutter für mein Überleben zusätzliche Lebensmittelmarken. Zum Winteranfang wurde ich zum Auffüttern für vier Wochen in ein Kinderheim nach Heringsdorf verschickt.

Der Winter 1946/47 war einer der kältesten und längsten seit Jahrzehnten. Weil ohne Heizmaterial, wurden Leipzigs Schulen geschlossen. In der eiskalten Wohnung schlüpften wir mit Mutter den ganzen Tag unter ein Federbett, um uns gegenseitig zu wärmen. Wie so viele Ausgehungerte, wären auch wir beinahe erfroren. Als unser Retter erwies sich der inzwischen achtzehnjährige Bruder Siegfried, Tierpfleger im zoologischen Garten.

Fleisch gabs nur aus dem Löwengehege

Um ihren Ruf als Kulturvolk besorgt, kümmerte sich die Besatzungsmacht um den Erhalt der Zootiere. Leipzigs Zoo war weltberühmt wegen seiner Löwenzucht.

Nach den letzten Besuchern, achtzehn Uhr, wurden sie gefüttert. Wolfgang und Tierpfleger Siegfried, der alle Schlüssel zu den Gehegen hatte, kletterten über eine Mauer und kämpften, mit Stangen und großen Holzgabeln ausgerüstet, gegen hungrige Löwen und Tiger, die erbittert ihr bisschen Futter verteidigten. Viele Male wagten sie solche Zoobesuche. Die Fleisch-oder Knochenstücke, die aus dem Rucksack kullerten, erfüllten den Raum mit beißendem Raubtiergeruch. Der Drang zu überleben war stärker als angesagte Empfindlichkeiten. Wie herrlich füllte die Bouillon-Brühe anschließend den leeren Magen, besonders, wenn auch die Affen ihr Brot mit uns geteilt hatten. Als Nachtisch spendierten hin und wieder die Bären Äpfel oder Birnen.

Unser Vater lebt

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Es gab auch Positives. Eine Rotkreuzschwester der Wehrmacht schrieb an Mutter eine Postkarte: „Ihr Mann, Obergefreiter Hans Romboy, hat das Kriegsende überlebt. Er, ich und vier Kameraden wurden Anfang Mai amerikanische Kriegsgefangene. Für einige Tage wurden wir in den Tresorraum einer Sparkasse bei Ulm eingesperrt. In der zutreffenden Annahme, dass ich als erste freikäme, gab er mir seine Anschrift. Sein weiterer Verbleib ist mir unbekannt." Die Hoffnung auf seine Heimkehr erfreute uns.

Frühling 1947 - nur noch hungern aber ohne zu frieren

Der Frühling 1947 verdrängte den Jahrhundertwinter. Endlich nur hungern ohne dabei auch noch zu frieren! Am Rande des nahen König-Albert-Parks hatten die russischen Besatzer eine Industriellenvilla beschlagnahmt und mit „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion" beschildert.

Dort konnte man in Bildbänden die schönen Städte Moskau und Leningrad bewundern und alles aus dem Leben des größten Helden aller Zeiten, Marschall Josef Wissarionowitsch Stalin, erfahren.

Sein Hauptverdienst: „Er hatte die faschistische Bestie in ihrer Höhle ausgeräuchert!" So stand es jedenfalls in den ausliegenden Kinderbüchern, in denen er bescheiden als Väterchen Stalin bezeichnet wurde. In weißer Marschallsuniform lächelte er aus einem Ölgemälde zu uns herab. Zum Liebhaben wie den verblichenen Führer fehlte ihm leider ein wichtiges Attribut: der Schäferhund!

Nicht wegen Stalin bevölkerten Kinder, Jugendliche und alte Leute die ehemalige Kapitalistenvilla; die neuen Hausherren verschenkten in den frühen Abendstunden eine Delikatesse: gezuckerten Tee. Das Gebäude war die Domäne der sowjetischen Kulturoffiziere, einer Gruppe gebildeter Männer und Frauen, meist deutschsprachig.

Sie bemühten sich, den Naziungeist zu eliminieren und sorgten für Theater, Oper und Gastspiele bedeutender sowjetischer Künstler in meiner Heimatstadt.
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Kino - mein Leben - im Jahr 1946

Für mich am wichtigsten: Auf ihren Befehl wurden schon 1946 die wenigen nicht zerstörten Kinos wieder geöffnet. Mit Bruder Dieter trapperte ich vom „Filmeck" zum „Casino", weiter ins „Regina" und ganz weit in die „Schauburg". Jeder erbettelte Groschen wurde in die Lichtspiele investiert. Mitunter sahen wir drei Spielfilme am Tag.

Die Begrenzung des Kinovergnügens war die Armut meiner Mutter. Sehr oft war es für uns nicht möglich, die sechzig Pfennig für das billigste Billett des „Filmecks" aufzutreiben.

Glanzlicht war ein Besuch in der „Filmbühne Capitol". Das 1929 eröffnete Lichtspielhaus verfügte über eintausendzweihundert gepolsterte Plätze und eine große elektronische Kinoorgel mit Registern wie Dampfertuten, Kanonendonnern und Glockenläuten. Nicht zu vergessen, 1929 war Höhepunkt, aber bald auch das Ende der Stummfilmzeit. Bis in die sechziger jähre spielte während der Werbedias dieses fossile Instrument.

1946 - Jemand spielte auf der Hupfeld-Orgel

Letztes Dia: Erich Neumann spielte für Sie auf der Hupfeld-Orgel. Vor der Orgelbank verbeugte sich im Lichte eines Scheinwerfers ein kleiner dünner alter Mann.

Was für ein Wunder! Mein „Capitol" im Messehaus Petershof hatte den Bombenkrieg unbeschädigt überstanden. Am Ende des grün gekachelten Kassenraums glänzten drei blitzblank polierte Messingtüren. Hinter den Eingangspforten sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Teppichboden. Die Kartenabreißer trugen rote Uniformen und Schirmmützen, die mit„Capitol-Theater" beschriftet waren.

Mehrere uniformierte Platzanweiserinnen geleiteten die Besucher nach Filmanfang mit Taschenlampen zu ihren Sitzplätzen. Das alles in der zertrümmerten Innenstadt Leipzigs im Jahre 1946. Es war wie die Rückkehr in die zwanziger Jahre mittels einer Zeitmaschine. Für mich beeindruckender als ein Hochamt im Kölner Dom.
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Russenfilme konnten nur wenige Zuschauer erfreuen

Um vor den vermeintlichen Kontrollblicken der Uniformierten bestehen zu können, habe ich jedes Mal vordem Betreten dieses Kinotempels Haare, Hals und Hände gewaschen, die Füße mit der Scheuerbürste geschrubbt und mit Sandpapier meine Holzlatschen aufgebrezelt. Ins „Capitol" kam ich selten. Der billigste Platz kostete 1,20 Reichsmark. Das Doppelte einer Kinokarte im „Filmeck". Das Nachkriegsprogramm in der Ostzone war vielseitig.

Neben russischen Spielplmen, durch Untertitel verständlich, wurden auch unbedenkliche Vorkriegsfilme aufgeführt. Wenn „ Titanic", „ Wir machen Musik" oder „Große Freiheit Nr. 7" liefen, mussten Polizisten den Sturm auf die Kinokassen verhindern.

Russenfilme und die wenigen Streifen der neu gegründeten DEFA konnten nur wenige Zuschauer erfreuen. Es kam vor, dass in der Nachmittagsvorstellung des „Filmecks" lediglich Bruder Dieter und ich „Lenin im Oktober" oder „Bürgermeister Anna" sehen wollten.

Sowjetische Filme waren immer Schwarz-Weiß. Nach Kriegsende erbeuteten russische Truppen Zehntausende Meter deutsches AGFACOLOR-Material. In den besetzten Prager Filmstudios Barrandov drehten sie ihren ersten farbigen Spielfilm: „Die Steinerne Blume". Ein gekonnt inszeniertes Märchen um Malachit-Künstler aus dem Ural. Für mich unvergesslkh. Es war auch mein erster Farbfilm.
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Stalin-Terror bis 1950

Das Bemühen der sowjetischen Kulturoffiziere, ein positives Image für das Stalin-Regime zu schaffen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt In der sowjetischen Besatzungszone wüteten bis 1950 die Angehörigen des Geheimdienstes NKWD. Unter dem Vorwand, Nazi-Verbrecher zu entlarven, wurden fortlaufend Deutsche festgenommen.

Sie verschwanden ohne Nachricht an ihre Angehörigen in sogenannten Speziallagern. Neben Nazis wurden Christen, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und fünfzehnjährige Hitlerjungen und Mädchen inhaftiert, gefoltert oder ohne Gerichtsverfahren erschossen. Keine irrtümlichen Obergriffe.

Allein im vormaligen Konzentrationslager Buchenwald, vom NKWD Speziallager II genannt, waren achtundzwanzigtausend Menschen eingesperrt, von denen achttausend im Lager starben. Erst 1950 wurden diese Lager dem Staatssicherheitsdienst der DDR übergeben. Im kollektiven Gedächtnis der siebzehn Millionen Bewohner der Ostzone wogen diese Gräueltaten der russischen Besatzer schwerer als die Verdienste ihrer Kulturoffiziere.
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Schwarzmarktgeschäfte in den Jahren 1946 und 47

1947, als Überraschung, eine zweite Nachricht von Vater; er schrieb aus dem Kriegsgefangenenlager Castres-Tarn in Südfrankreich. Die Amerikaner hatten achthunderttausend ihrer Kriegsgefangenen den Franzosen geschenkt.

Für uns ging das Leben ohne Vater weiter. Die Familie Romboy wurde in den Jahren 1946 und 47 notdürftig von den Schwarzmarktgeschäften meines Bruders Wolfgang über Wasser gehalten. Erhandelte vornehmlich mit Zigaretten. In den Grünstreifen gegenüber des Leipziger Hauptbahnhofs versammelten sich jeden Tag Hunderte von Menschen; dichtgedrängt priesen sie ihre Waren an. „Wolle, brauchen Sie Wolle?"„Nägel, hier Nägel!"„Habe Herrenstiefel und Wintersocken!". Unvergessen die Preise.

Drei Pfund Brot achtzig Reichsmark, zweihundertfünfzig Gramm Butter zweihundertfünfzig Reichsmark, Zigaretten pro Stück zwischen acht und zwölf Reichsmark. Ein einfacher Arbeiter brachte es auf ein Monatseinkommen von einhundertfünfzig Mark. Ein- bis zweimal am Tag ertönte der Ruf „Achtung, Razzia!". Von einem LKW sprang ein Dutzend Volkspolizisten - ausgerüstet mit Holzknüppeln, um die Wenigen, denen keine Flucht gelang, ins Polizeipräsidium Wächterstraße zu bringen. Schwarzmarkt war streng verboten! Schon während der Wegfahrt des Polizeigefährts formierte sich von Neuem der Markt.

Ich war Zigarettenverkäufer. Sechs Stück passten in die Brusttasche meines Hemdes. Waren die verkauft, holte ich mir von Wolfgang im Hauptbahnhof neue. Er hatte berechtigte Angst, nochmal verhaftet zu werden. Nach der zweiten Verhaftung folgte immer Gefängnis.
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Erste Fotoschritte im Jahr 1950

Die Aufenthalte zuhause waren für mich, den Elfjährigen, öde und langweilig. Als Ausgebombte hatten wir keinen Radioapparat. Musik musste selber gemacht werden. Autodidaktisch lernte ich, Großmutters Tafelklavier zu bespielen, für Mutter konnte ich „Kauf Dir einen bunten Luftballon" und die „Capri-Fischer" klimpern.

Zum Lesen verführten mich Großmutters volle Bücherregale. In den nächsten zwei Jahren lebte ich mit Courths-Mahlers „Bettelprinzessin" auf Schloss Bodenhausen, begaffte die wahren Schätze der Pariser Kaufhäuser in Zolas „Paradies der Damen" und begegnete in Kügelgens „Jugenderinnerungen eines alten Mannes" Napoleon und dem Dichterfürstenjohann Wolfgang von Goethe.

Unser Vater hatte damals eine wunderbare Plattenkamera im Format 9x12

Beim Durchblättern eines dieser Bücher entdeckte ich ein großes Filmnegativ. Kurz vor Kriegsbeginn hatte Vater sich einen Herzenswunsch erfüllen können: Er kaufte eine wunderbare Plattenkamera im Format 9x12.

Plötzlich war aus ihm ein Fotoamateur geworden. Oft wurde das Wohnzimmer abgedunkelt und ein Eintrittsverbotsschild an die Klinke gehängt. Dann hieß es: „Ruhe, Papa entwickelt". Wenn er kurz öffnete, sah es aus wie der Eingang zur Vorhölle, alle Wände und Dinge in rotes Licht getaucht. Meine Neugier war grenzenlos.

Einmal durfte ich mit hinein in den Höllenschlund. Vater legte eine weiße Postkarte in die rötlich schimmernde Glasschale und nach kurzer Zeit entstand langsam ein Bild von mir. Schließlich war ich sein Lieblingssohn.
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Papa wurde für mich ein Zauberer - und ich später auch.

Mit dem gefundenen Filmnegativ ging ich anderntags zu Foto Knoll an der Thomaskirche. Der geduldige Verkäufer erklärte mir das Verfahren und ermunterte mich, es selbst zu versuchen. Mit einigen Blättern Fotopapier verließ ich stolz den Laden. Auch an Entwickler und Fixierbadpulver hatte er gedacht.

Im Küchenschrank fand ich eine rote Vorkriegstüte mit der Beschriftung „ Esst mehr Obst!" Im Jahr 1947 klang das wie Hohn. Über die Glühbirne gestülpt, erzeugte die Tüte das notwendige Rotlicht. Nach vielem Probieren wurde ich der Fotozauberer. Es war der Beginn meiner Foto-Filmlaufbahn.
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Die Leipziger Mustermesse ab 1946

Schon im Mai 1946 gab es wieder eine Leipziger Frühjahrsmesse. In improvisierten Ausstellungsräumen konnte alle Welt ihre Waren anbieten. Vor Trümmergrundstücken parkten für eine Woche edle Vorkriegsautos und amerikanische Straßenkreuzer mit ausländischen Nummernschildern, umrahmt von zwei Dutzend Leipzigern, die Bauklötze staunten.

Bei den Filmvorführern

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Russisches Freiluftkino kontra Stromsperre

Die meterhohen Trümmerhaufen, die den Augustusplatz bedeckten, wurden über Kipploren nach und nach von einer kleinen Dampflokomotive abtransportiert. Vor der Ruine des neoklassizistischen Opernhauses errichtete die Sovexportplm zur Messezeit eine große Leinwand.

Nach Einbruch der Dunkelheit gab es Freiluftkino. Hunderte schauten, auch schlechtes Wetter ignorierend, zu. In ihren Wohnungen war es genauso kalt wie auf dem Platz und obendrein stockdunkel. Für Privathäuser gab es ab achtzehn Uhr Stromsperre bis zur Morgendämmerung.

Für das Flimmern auf der Bildwand sorgten zwei „Zeiss Ikon"-Projektoren auf einem Holzpodest. Eine Zeltwand schützte sie vor Regen, Wind und neugierigen Blicken. Wenn ich die Plane etwas lüftete, hörte ich das Rattern des Projektors, sah das blaue Licht der Kohlebogenlampe und roch das durch sie freiwerdende Ozon. Hinter der Zeltplane brodelte eine Hexenküche.

Ab jetzt war ich für die folgenden Jahre zur Frühjahrs- und Herbstmesse bei den Projektoren zu finden. Schon am zweiten Abend hatte einer der Filmvorführer den blau gefrorenen Steppke an der Zeltwand entdeckt und zum Aufwärmen in den Vorführraum genommen, auch um ihn auszufragen. Schnell wurde ich zu einer Art Maskottchen.

Bald wurde mir ein grüner Glassiphon in die Hand gedrückt, dazu ein Fünfmarkstück. Rüber in die Kneipe zum Bierholen. „Halt, die Jacke bleibt hier." „Warum?" „Damit Du auch wiederkommst!" Bei den nächsten Messen durfte ich beim Kneipengang die Jacke behalten.
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Zum ersten Mal gesehen - zwei „Zeiss Ikon Ernemann VIIB"

Im Vorführraum konnte ich zwei schwarze mannshohe Theaterprojektoren bewundern, beschriftet mit „Zeiss Ikon Ernemann VIIB". Ausgeschaltet ähnelten sie gusseisernen Öfen. Wurden sie aber durch Strom zum Leben erweckt, spuckten sie Weltbilder auf die Projektionsfläche.

Wurde der„Klangfilm"-Röhrenverstärker dazugeschaltet, kam die Veredelung der Bilder durch Musik und Sprache zustande. Neben der Kinowand waren zwei meterhohe Telefunken-Lautsprecher aufgestellt. Zu Filmbeginn brüllte nicht, wie bei "Metro-Goldwyn-Mayer" ein Löwe in die Zuschauer - wir waren ja im Osten.

Die Moskauer „Mosfilm" zeigte als Vorspann zwei Figuren: einen Arbeiter nebst Kolchosbäuerin. Er mit Hammer, sie mit Sichel ausgerüstet, bedrohten sie 1937 zur Pariser Weltausstellung den deutschen Adler, der das Hakenkreuz umklammerte. Der russische Pavillon stand damals dem deutschen gegenüber. Die Moskauer Filmleute hatten danach die Plastik von Vera Muchina zu ihrem Markenzeichen erhoben.
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Das Filmprogramm 1947

Zum Filmprogramm: 1947 wurde das „Gericht der Völker"gezeigt, ein neunzig Minuten langer Dokumentarfilm über den Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, darin Bilder der Leichenberge der befreiten Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Dachau.

Auch die Siegesparade der Roten Armee vor Marschall Stalin im Juni 1945 wurde vorgeführt. Spätere Programme beschränkten sich auf Unterhaltsames in Sowjetplmen, versteht sich. Jedes Mal von neuem entzückte mich das Zischen vom Zünden der Bogenlampe, das Anfahrgeräusch der Projektionsmaschine und die Vorspannfanfaren bei Filmbeginn. Mein Kopf wurde für die weitere Lebenszeit ein Opfer des „Filmvirus".
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Mein Lebensziel war fxiert.

In der Nachkriegszeit endete für die meisten Kinder die Schulzeit mit Vollendung des vierzehnten Lebensjahres. Ab zwölf wurde man nach seinem Berufswunsch gefragt. Meine Antwort: „Kameramann". Die Männer im Vorführraum hatten mir abgeraten, ihren Beruf zu erlernen. Die Bezahlung wäre lausig. Doch sie wussten Rat. „Wenn Du Film liebst und schönes Geld in der Lohntüte haben möchtest, dann werde Kameramann." Die Mausefalle hatte sich für mich geschlossen. Mein Lebensziel war fxiert.
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Vater kehrt zurück

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Anfang 1947 klingelte an der Tür ein alter Mann ......

In den ersten Monaten des Jahres 1947 klingelte es an der Wohnungstür. Als ich öffnete, blickte ich auf einen alten Mann in zerlumpter Wehrmachtsuniform. Es war Vater.

Die Franzosen hatten ihn, weil zu alt (Vater 1901 geboren), aus dem Kriegsgefangenenlager entlassen. Die Freude über seine Rückkehr entwickelte sich nur langsam. Seit fünf Jahren gehörte er nicht mehr zu den ständigen Familienangehörigen.

Seine Gefangenschaft hatte er glimpflich überstanden. Nach wenigen Hungerwochen unter bloßem Himmel, ohne Wasser und Verpflegung auf einer Rheinwiese, wurden er und hunderttausend seiner Kameraden in französische Lager transportiert. Die Amerikaner hatten ihre Gefangenen den Franzosen geschenkt.
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Vater war in Frankreich priviligiert

Vater gelang es, unbewachter Hausgefangener in Südfrankreich zu werden. An den Wochentagen war er Knecht einer Madame Rosa, die den Bauern- und Gasthof „Hotel de la Poste" bewirtschaftete. Nur samstags und sonntags musste er im Gefangenenlager übernachten.

Sein nächster Job: Vorarbeiter der Gefangenenbrigade eines kleinen Sägewerkes in den Wäldern der Normandie. Unbewacht verarbeiteten die Deutschen Bäume zu Brettern. Einmal pro Woche erschien der Patron und belohnte die Leistung der „prisonniers" mit Baguette und Wein.

Manchmal gab es Lagerfeuer. Vater sang, begleitet von einer gespendeten Laute, Sentimentales für seine Kameraden:

  • „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde,
  • vor meinem Vaterhaus steht eine Bank.
  • Und wenn ich die einst wiederfinde,
  • dann bleibe ich dort ein Leben lang."


Gustav Spielberg, in zivil Fahrzeugbauer aus Köln, hat ihm ein neues Lied beigebracht:

  • „Wenn ich an meine Heimat denke,
  • und seh' den Dom so vor mir stehn,
  • gleich möchte ich Richtung Heimat schwenken,
  • ich würd' zu Fuß nach Kölle gehn."


Das ging nicht immer ohne Männertränen ab. Später, wenn ich von seiner Zeit in Frankreich hören wollte, hat er mir diese Lieder vorgesungen.
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Noch immer Hungerzeit

Kaum in Leipzig angemeldet, wurde er in der ehemaligen „Hundertelfer-Kaserne" erneut eingesperrt. Vier Wochen Quarantäne. Dort wurden die Heimkehrer erfasst, entlaust, geimpft und geröntgt.

Positivum: Die Verpflegung im Kasernengelände war wesentlich besser als draußen. Nach seiner Quarantäne merkten wir, er hatte keine Nachkriegstauglichkeit. Kamen wir stolz mit geklauten Kohlen in die Wohnung, sagte er entsetzt: „Aus meinen Söhnen sind Diebe geworden." Es dauerte Wochen, bis er bereit war, uns zum Kohlenklau zu begleiten.

Vater war deprimiert - wir hatten ja den Krieg verloren

Tagelang saß er deprimiert am Fenster ohne mit uns zu sprechen. Seine Werkstatt mit Leitern, Tapetentischen, Handwagen, Bürsten, Pinseln und Farbwalzen war verbrannt. Neubeschaffung ausgeschlossen. Außer seiner alten Uniform, die er bisweilen mit dünnen Bindfäden reparierte, gab es nichts anzuziehen. Auf der Rückseite von Militärmantel und Jacke leuchteten, mit Ölfarbe aufgepinselt, die Großbuchstaben „PG" für „prisonnier de guerre" - Kriegsgefangener.

So bekleidet, hatte er keine Chance, einen der wenigen für ihn zumutbaren Arbeitsplätze zu bekommen. In der Trümmerbeseitigung gab es Stellen wie Sand am Meer. Weil nicht arbeitend ohne Lebensmittelkarte, wurde er zum Betrüger. Hunger tut weh.

Als entlassener Soldat ohne Papiere meldete er sich erneut zur Quarantäne. Geduldig ließ er sich untersuchen, entlausen, impfen und röntgen. Alles nur wegen der Verpflegung. Diesem Procedere hat ersieh mehrere Male immer wieder unterzogen, bis ihn eine Röntgenschwester als „ Wiederholungstäter" entlarvte und aus der Kaserne werfen ließ.

Mein Hunger wurde auch gelindert. Zu verabredeten Zeiten fuhr ich mit der Straßenbahn nach Lindenau und wartete an einem Loch im Maschendrahtzaun. In einer alten Konservendose brachte Vater mir warme Suppe, Brot oder Kuchenstücke, mitunter sogar einen Apfel.

1948 - Die Familie wird kleiner

„Eins, zwei, drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit!" dichtete Wilhelm Busch.

Das Jahr 1948 war angebrochen. Veränderungen in der Familie. Großmutter Doris war plötzlich verstorben. Eine irische Glaubensgemeinschaft hatte für christliche Altersstätten in Leipzig irisches Rindfleisch gespendet. Die ausgehungerte ehemalige Sängerin Doris Losselli hat sofort nach Erhalt ihre Konservendose ausgelöffelt. Meine Eltern fragten den Heimarzt nach der Todesursache. Herzlos sagte er: „Frau Romboy hat sich überfressen." Einen Hungermagen mit Corned Beef zu füllen, war keine gute Idee.

In einem Pappsarg wurde sie auf einem Handwagen zum nahen Südfriedhof gefahren und im Grab ihrer Eltern beigesetzt. Ihr Sohn, der zerlumpte Kriegsgefangene Hans Willi Romboy, gab ihr das letzte Geleit.

Mein Onkel Karl - für immer verschollen

Ihr Lieblingskind, mein Onkel Karl, war seit den Kämpfen um Berlin für immer verschollen. Als Volkssturmmann sollte er in der Hauptstadt das Großdeutsche Reich retten.

Die Familie hatte sich verkleinert. Meine großen Brüder waren vor dem Hunger nach Westdeutschland abgehauen. Bruder Wolfgang wurde Bergmann im Aachener Steinkohlenrevier, Siegfried Dachdecker in Frankfurt am Main. Auch Schwester Christa, neunzehnjährig, war ausgezogen und besuchte irgendwo eine Dolmetscherschule.

Vater unterlag weiterhin seinen Depressionen, während Mutter und ich unter den abenteuerlichsten Umständen mehrmals nachts auf den Eisenbahngleisen Marienborn/Helmstedt über die Zonengrenze schlichen.

In der Nähe von Braunschweig gab es eine Bekannte, die Chemnitzer Seidenstrümpfe und Plauener Tischdecken gegen Maismehl, Erdnusscreme und Büchsenfleisch tauschte. Sie arbeitete in einer US-Kaserne. Die Ausbeute, der Inhalt zweier kleiner Rucksäcke, war für den Aufwand erbärmlich, doch er schützte uns vor Hungerschäden.

Als Bettler durch die Westzonen - auf nach Frankreich

Im Mai 1948 überraschte Vater mit einem Lösungsvorschlag. Unter seiner Führung sollten wir nach Mainz flüchten. Dort, in der französischen Zone, würde er die nötigen Papiere für eine Übersiedlung als Gastarbeiterfamilie nach Frankreich besorgen.

Der Patron des Sägewerks in der Normandie hatte dem Kriegsgefangenen seinerzeit ein solches Angebot unterbreitet. Mutter war skeptisch. Ihre Bedingung: Erst die französischen Dokumente, dann nach dem Westen. Papa kapitulierte.

Mein Vater und ich zogen allein los. Er, immer noch in den Wehrmachtsklamotten, ich in einer entnazifizierten jetzt blauen Uniform der Hitlerjugend. Wir hatten weder Geld noch Papiere. Bei den Franzosen konnte Vater allerdings den Entlassungsschein aus französischer Kriegsgefangenschaft vorweisen.

Unser Plan: Zu Fuß, per Anhalter und als Schwarzfahrer der Deutschen Reichsbahn wollten wir uns zu den Büros der Franzosen in Mainz durchschlagen. Realistischer als es klingt. Für die Fuß- und Anhalterversion brachten wir die wichtigste Voraussetzung mit: Wir hatten Zeit.
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Der Trick mit den Fahrkartenkontrolleuren der Eisenbahn

Für die Fahrkartenkontrolleure der Eisenbahn war folgende Legende parat: Sohn holt Vater nach seiner Entlassung vom Kriegsgefangenenlager ab. Das hat immer geklappt. Dass Kriegsheimkehrer kein Billett vorweisen konnten, war bekannt und wurde toleriert. Wir kamen vorwärts.

In der Abenddämmerung, dicht an der Zonengrenze, verloren wir die Orientierung. Im nächsten Dorf leuchtete ein Gasthof, hier wollten wir fragen.
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Wir hatten Pech, es war das Büro der Volkspolizei

Die sagten, wir wären bei ihnen an der richtigen Adresse, forderten Papiere und Strafgeld. Beides fehlte uns. Inzwischen lagen und saßen zwanzig Flüchtende im Grenzbüro. Die Grenzer waren ohne Telefon und ohne Auto. Als einziges Machtmittel besaßen sie jeder einen schwarz lackierten Schlagstock.

Die Grenzverletzer waren in der Überzahl. Gegen Mitternacht setzten sie uns vor die Tür und gingen nach Hause. Wir hatten ihnen versprochen, sofort unsere Heimatorte aufzusuchen, um dort eine gebührende Bestrafung in Empfang zu nehmen. Die Flüchtlinge bogen aber am nächsten Feldweg in Richtung Westgrenze ab.
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Endlich im Westen - diesmal bei der Westpolizei

Als es dämmerte, überschritten wir die Zonengrenze, den Rand eines Braunkohlentagebaus und wurden schon wieder festgenommen.

Diesmal von Westpolizisten in grünen Uniformen mit geschulterten Gewehren. Nachdem sie Vater erzählt hatten, dass sie weder schießen dürften noch Munition besäßen, befahlen sie uns, unverzüglich wieder in die Ostzone zurückzukehren. Dann gingen sie ihrer und wir unserer Wege.

Wie Tippelbrüder bewegten wir uns mit Hilfe einer alten Autokarte weiter Richtung Mainz. Sahen wir einen erreichbaren Bauernhof, beruhigten oder umgingen wir den Hofhund und klopften. Meist öffneten Frauen, die Männer waren gefallen oder Kriegsgefangene. Wir streckten ihnen die Mützen entgegen und beteten unseren Spruch: „Zwei arme Heimkehrer bitten um eine milde Gabe."

Selten wurden wir abgewiesen. Die Frauen dachten an ihre Männer oder Söhne und hofften auf deren Heimkehr. Meist gab es Brote, Eier; manchmal auch ein oder zwei Markstücke. Wichtige Versorgungsstationen waren für uns auch die Dorfpfarreien. In größeren Städten halfen die Damen der Bahnhofsmissionen.

Nach Tagen erreichten wir das Rheinufer und Mainz.

Der erste Kontakt mit den französischen Besatzern führte zu unserer sofortigen Verhaftung. Militärpolizei brachte uns in eine Gefängniszelle mit Türspion und einem vergitterten Fenster in Deckenhöhe. Im wahrsten Sinne des Begriffs „bei Wasser und Brot" erlebten wir das erste Mainzer Wochenende.

Montag früh, beim deutschsprachigen Vernehmungsoffizier, die Anklage: Fehlen eines Interzonenpasses und verbotener Aufenthalt in der amerikanischen und französischen Besatzungszone. Der Colonel freute sich über Papas Französischkenntnisse und seine Absicht, im Sägewerk der „Grande Nation" beim Wiederaufbau zu helfen.
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Vaters Tagträume zerplatzten wie eine Seifenblase

Der Colonel schickte uns ins Stadtzentrum zum Immigrationsbüro. Dort zerplatzten wie eine Seifenblase Vaters Tagträume vom Leben in Frankreich. Die Altersgrenze für eine Arbeitserlaubnis galt ab vierzehn Lebensjahren und endete mit fünfundvierzig. Vater und ich fielen durchs Raster: er siebenundvierzig und ich zwölf. Das passte nicht.

Als Ausweg für die zwei Hoffnungslosen bot sich Tourismus an. Erstes Ziel: der Mainzer Dom. Nahezu unzerstört erhob ersieh aus der Trümmerwüste. Dann ging es weiter nach Frankfurt. Stadtbesichtigung. Nur Ruinen und Steinhaufen.

Eine Überraschung: Die Paulskirche wirkte wie unversehrt. Nach der Revolution 1848 hatte hier das erste deutsche Parlament getagt. Für den Festakt „100 Jahre Nationalversammlung" war sie instandgesetzt worden. Vater kannte nicht nur Deutschland. Er wurde auch bildungsbürgerlich erzogen und war, wie man früher sagte, belesen. Er konnte mir die Welt erklären. In Frankfurt gab es ein Wiedersehen mit dem im Westen angekommenen Bruder Siegfried.
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Dann ging es nach Köln und dann nach Aachen

In Köln wollte Vater den Leidensgenossen wiedertreffen, der ihm am Lagerfeuer das Kölnlied beigebracht hatte. „Fahrzeugbau Gustav Spielberg" stand am Firmengelände in der Vorstadt. Der Anblick Kölns war entsetzlich. Die Bögen der Rheinbrücke lagen im Strom, gesprengt beim Rückzug der Wehrmacht. Wir mussten im Boot übersetzen.

Einzig der Dom schien erhalten. Stolz stand er in einer unvergleichlichen Ruinenlandschaft. Tausend britische Bomber hatten erstmals 1942 ganze Arbeit geleistet.

Wir wollten weiter ins Aachener Steinkohlenrevier. Seit fast einem Jahr schuftete dort Bruder Wolfgang. Im Ort Merkstein war er Bergmann unter Tage. Vor der Grube „Adolf" erwartete er uns zum Gang ins Bergmannsheim.

Im Bergmannsheim wurde nicht gehungert.

Vor und nach den Schichten erhielten die Kumpel üppige Mahlzeiten. Jeden Monat gab es ein Carepaket mit Köstlichkeiten wie Schokolade, Corned Beef, Aprikosen, Margarine und Pulverkaffee. Kostproben hatte er schon mehrfach nach Leipzig geschickt. Bergleute wurden bevorzugt versorgt. Die US-Zone brauchte Steinkohle.

Der geliebte große Bruder, über ein Jahrzehnt hatte ich ihn nur uniformiert gesehen. Erst als Pimpf, dann als Hitlerjunge und zuletzt in Wehrmachtsklamotten. Als Bergmann wurde der Zwanzigjährige Mitglied der SPD und streitbarer Gewerkschafter. Derselbe Mann war vier Jahre vorher Landdienstjugendführer in Bad Lausitz. Seinen Wunsch, SS-Mann zu werden, konnte ihm der Führer nicht mehr erfüllen.

Kaum gemustert, kapitulierte sein damaliges Großdeutschland. Was für ein Lebenslauf! Zum Abschied ein Besuch in Aachen. Trostlos und ausgebrannt. Aber auch hier hatte, wie in Mainz und Köln, der Dom überlebt.

Beabsichtigter Respekt der Alliierten vor christlicher Kultur? Keinesfalls. Aber Steine widerstehen den Brandbomben.
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Im Juni 1948 - Unser nächstes Ziel: die Eifel.

Voll versorgt durch Wolfgang wanderten wir über Berg und Tal Richtung Westwall. Scheunen oder Strohmieten waren behagliche Nachtquartiere. Es war Juni. Auch auf dieser Wanderung halfen mitleidige Bauersfrauen. Nahe der Stadt Prüm war Vater einstmals an der Errichtung des Westwalls beteiligt. Als dienstverpflichteter Verwaltungsführer kontrollierte er einige Wochen Malerarbeiten. Jetzt wollte ersehen, was und wer den Krieg überlebt hat.

Achtzig Kilometer entfernt stand in der Nähe der Mosel mitten im Wald die Burg Eltz. Von der hatte er immer geschwärmt. Die wollte er mir zeigen. Wir waren zwar Bettler, aber Touristenlust trieb uns durch die deutschen Lande. Von der Burg ging es weiter zur Mosel. Ich sah Kinder mit Lutschern und grüner Limonade in der Hand an einem Wasserbüdchen stehen. Vater gab mir etwas von dem Bettelgeld.
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Wieder Pech, unser Reichsgeld war hier wertlos

Bevor ich meine Wünsche äußern durfte, fragte die Kioskfrau, ob und wieviel Geld ich hätte. Mein Äußeres war nicht vertrauenerweckend. Stolz zeigte ich meine mit Groschen gefüllt Hand. Traurig sagte sie: „Dafür kann ich Dir nichts geben. Weißt Du denn nicht, dass wir neues Geld, die D-Mark, haben?"

Die Währungsreform hatte uns unbemerkt überrollt. Seit dem 20. Juni 1948 war die Reichsmark Makulatur. Für uns eine Katastrophe. Also nichts wie zurück in die Ostzone. Hauptsächlich per Eisenbahn. Immer noch funktionierte unsere Heimkehrergeschichte.
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Zurück in der Ostzone - Vater wird Zwangsarbeiter

In Leipzig stand Vater auf einer Fahndungsliste. Er war strenger Meldepflicht monatelang nicht nachgekommen. Als er Lebensmittelkarten beantragen wollte, wurde er festgenommen und in eine deutsch-russische Behörde gebracht.

Man bezichtigte ihn der Spionage für die Amerikaner und Franzosen, die ihn wieder nach Leipzig geschickt hätten. Ihm würden fünfundzwanzig Jahre Sibirien blühen, doch gnädig boten sie einen Ausweg an.

Wenn er eine fünfjährige Verpflichtung zur „Wismut" unterschreiben würde, könnte man die Spionagevorwürfe fallenlassen. Alternative gleich Null.
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Arbeit bzw. "Friedensdienst" für die russische Atombombe

Die „Wismut AG" war seit 1947 die Rohstoffbasis für die sowjetische Atombombe. Große Gebiete der Sowjetischen Besatzungszone in Thüringen und Sachsen, vor allem im Erzgebirge, wurden zu „Wismut-Land". Betreten verboten!

Sowjetsoldaten kontrollierten alle Straßen und Eisenbahnübergänge. Jeder Schacht, jede Betriebsanlage war hinter drei Meter hohen Bretterzäunen verborgen. Alles bewacht von russischen Soldaten mit Maschinenpistolen. Wachtürme wie in unseren deutschen Konzentrationslagern waren errichtet worden.

Seit 1910 war die Radioaktivität der alten Kobalt- und Silbergruben des Erzgebirges bekannt. Medizinische Wörterbücher beschrieben die Schneeberger Krankheit, einen besonders bösen Lungenkrebs, hervorgerufen durch Radongase.

„Wismut" war ein Tarnname. „Uran AG" wäre richtig. Deutscher Verwaltungssitz dieser Sowjetfirma war das Städtchen Aue im Erzgebirge. Synonym für die „Wismut" wurde in der Sowjetzone das Wort „Aue". Der Volksmund sprach von Leuten, die nach „Aue" geschickt wurden, die in „Aue" saßen oder in „Aue" verunglückt waren.

Bummelanten volkseigener Betriebe und aufmüpfigen Studenten wurde mit „Aue" gedroht. Freiwillig ging niemand nach „Aue". Die Angst vor der Straflageratmosphäre und den Uranstrahlen war zu groß.
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Vater musste also "einrücken"

Ich begleitete meinen Vater zum Bahnhof. Der Bergarbeiterzug nach Aue war mit roten Fähnchen geschmückt. Er wurde von Sowjetsoldaten begleitet, dadurch waren die zukünftigen Urankumpel geschützt. Jeden Tag war in den Zeitungen zu lesen, dass amerikanische Agenten und Diversanten überall alles unternehmen, um unseren friedlichen Aufbau (der russischen Atombombe) zu stören.

Für mich, meine Mutter und den kleinen Bruder wurden „Aue" und „Wismut" sehr schnell positiv besetzt: als das Ende des Hungers und der Armut.
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Unsere Notwohnung im Hinterhaus

In Leipzig hatte sich im Juli 1948 einiges verändert. Mutter hatte die große Wohnung verloren. Nach dem Wegzug der erwachsenen Geschwister wollte das Wohnungsamt andere Bedürftige in unsere Räume einweisen. Dazu kamen erhebliche Mietrückstände für die „immer noch Hundertmarkwohnung". Neue Adresse wurde die Frankfurter Straße 6; sie heißt heute Jahnallee. Es war eine Notwohnung im Hinterhaus.

Jungpionier und Radiobastler

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Zurück in Leipzig

Nach meiner Interzonenreise erwischte mich der Alltag. Großer Ärger mit der Schule - wochenlang "musste" sie ohne mich auskommen. Ab jetzt wurde Regelmäßigkeit verlangt und mit Erziehungsheim gedroht.

Anmerkung zum Erziehungsheim : Bei uns im Westen wurde mit der "Erziehungsanstalt" gedroht, sollte man als Bub über die Stränge schlagen. Darum hatten bei uns die "Anstalten öffentlichen Rechts" im ein Geschmäckle von Gefängnis und Erziehungsheim.

Wie die Zeiten sich ändern :

Der Schulweg war mir vertraut. Wie 1942 besuchte ich die Einundvierzigste in der Hillerstraße. Vieles war bekannt. Schon Vater hatte in den alten Eichenbänken gesessen. Genauso gelangweilt wie sein Sohn.
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  • Zu Vaters Zeit hing im Klassenzimmer das Bild Kaiser Wilhelms.
  • Mich bedrängte der harte Blick des Führers.
  • Jetzt in der Nachkriegszeit wurde ich von Stalin belächelt.

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  • Zu Hitlers Zeiten wurde im Schulhof durch Pimpfe die Hakenkreuzfahne aufgezogen.
  • Jetzt, in der Stalin-Ära, besorgten das Junge Pioniere mit ihren hübschen blauen Halstüchern.

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Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Fahne war jetzt blau und mit der aufgehenden Sonne der FDJ bestickt. Statt eines braunen hatte man auch mir ein blaues Halstuch verpasst mit der Versicherung, die Jungpioniere bewahren auch Schulschwänzer vorm Kinderheim.
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Die Mädchen kamen ins Blickfeld

Zur Erholung vom Schulstress ging ich mit Freund Peter ins Schreberbad zum Schwimmen, Planschen und Mädchen angucken. Oft waren deren weiße Badeanzüge aus Resten von Bettwäsche genäht. Bei Nässe wurden sie transparent.

Für uns war es sehr interessant, endlich zu sehen, wie die Mädchen, eine andere Sorte Mensch, gebaut waren und was sie eigentlich immer verdecken wollten. Wir stellten fest, so schlecht sehen die drunter ja gar nicht aus. Warum das ängstliche Getue?
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Die Radiotechnik der Wehrmacht im Überfluß

Neben meinen Fotoversuchen faszinierte mich die Radiotechnik. Ohne Probleme waren Wehrmachtsröhren zu kaufen. Produziert in Massen, konnten sie nicht mehr in Flugzeuge, Kriegsschiffe oder U-Boote eingebaut werden.

Zu den Funkröhren RV12-P2000 oder RV2-P800 gab es hektographierte Schaltbilder und das Heft „Wie baue ich ein Radio", einschließlich der Anleitung, wie aus Stanniol und Wachspapier Kondensatoren und aus Kochspiralen Widerstände werden.

Nach zwei Monaten, in denen ich nur Brummen hörte, klappte es. Zwischen die zwei Schornsteine unseres Notquartiers spannte ich eine Hochantenne und endlich hatten wir Radio. Zuerst mangels Lautsprecher nur über Kopfhörer. Deutsche Westsender wurden im Osten von einem Störsignal überdeckt.

Nachts im Bett belauschte ich über Radio Norddeich den Funkverkehr der Hochseeschiffe oder hörte die zahlkodierten Mitteilungen an die Spione: „Sieben - Sieben - Neun - Elf- Zweiundzwanzig - ich wiederhole..."
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„Glückauf" durch die Wismut

Mit der räumlichen Trennung kam Trudchen zurecht. Regelmäßig schickte Vater Geld und Lebensmittel. Alle drei Wochen, zum großen Schichtwechsel, kam er übers Wochenende nach Hause. Sein Rucksack war immer gefüllt mit Kasseler Koteletts, Leber- und Hartwürsten und, was wichtig war, Schnapsflaschen.

Ihre Beschriftung: „Akzisefreier Trinkbranntwein für Bergleute der Wismut AG". Dieser Schnaps wurde für Mutter ein „Sesam öffne Dich".

Verkäuferinnen beschafften „ausverkaufte" Waren, notwendige Handwerker standen mit Material schon am nächsten Tag vor der Tür und mein Lehrer strich mich von der Liste der potenziellen Sitzenbleiber. Das war schwer für ihn. Außer der Sechs in Mathe stand auch eine Sechs für Russisch in meinem Zeugnis.

Es gab auch Vorteile bei der Wismut

Zu seiner eigenen Überraschung war Vater bei der „Wismut" zufrieden. Die Arbeit als Fördermann in den nassen Untertagestollen war hart Doch für ihre zukünftigen Atombomben ließen sich die Russen nicht lumpen. Außer dem kostenlosen Wohnen in Zimmern der Bergarbeitersiedlung „ Wolfgangmaßen" erhielt er das Dreifache des in der Ostzone üblichen Lohns. Nach zwölf Monaten ohne Fehlschichten durch Krankheit war eine Jahresprämie von tausend Mark fällig.

Für Bergarbeitertalons, das interne Zahlungsmittel, gab es gutes Kantinenessen, unzählige Lebensmittelsorten, Tabak, Zigaretten und den spottbilligen Schnaps. Im Bergarbeiterkrankenhaus operierten kostenlos russische Ärzte und Penicillin, das sonst zu horrenden Preisen auf dem Schwarzen Markt gehandelt wurde, war vorhanden. Auch Familienmitglieder wurden dort behandelt.

Für die Urlaubszeit war ebenfalls vorgesorgt. Das Seebad Binz auf der Insel Rügen war „Wismut-Zone". Nur deren Mitarbeiter nebst Familien konnten dort kuren. Wollte Vater in Schneeberg seine Familie sehen, beantragte er beim russischen Schachtkommandanten einen Einreiseschein. Durch ihn durften wir die Eisenbahnfahrkarte ins Sperrgebiet kaufen und die interne Erzgebirgsgrenze passieren. Noch 1955 musste Vater mir für meinen Aufenthalt solche Genehmigungen schicken.
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Nahezu ein Jahrzehnt haben wir herrliche Ferientage im Schneeberger Revier des Erzgebirges verbracht.
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Doch schwer wogen die wahren Gründe der "Gefangenschaft"

Ein paar Infors zu Vaters Arbeitskollegen:

Wie im Gefängnis befragte man sich gegenseitig: „Warum bist Du hier?" Die Antworten: „Ich habe Russen angezeigt, die meine Tochter vergewaltigt hatten." -„Ich war bei Hitlers Gestapo." -„Ich habe für die Zeugen Jehovas gepredigt." - „Ich war bei der Waffen-SS." - „ Ich war in der SPD und habe mich der Eingliederung in die SED widersetzt" - „Mein Beruf war Einbrecher." -„Ich war Leipzigs größter Zuhälter und habe zur Messe einen Puff betrieben."

Alle diese Männer hatten sich "freiwillig" für fünf Jahre verpflichtet. Vor oder nach Gerichtsverhandlungen hatte man sie gefragt: „Strafe oder Aue?" So wurden sie Bergleute.
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Die andere Seite von „Wismut"

„Wismut" war auch Gewaltherrschaft. In Kellern, auf Bauernhöfen, in Kirchen - überall suchten uniformierte Männer und Frauen nach Radioaktivität. Wurden die „Radiometristen" mit ihren Geigerzählern
fündig, vertrieb man die Bewohner und alles wurde dem Erdboden gleichgemacht, um zu graben.

Mitten im Wald - auf dem Parkgelände eines Kurhauses oder dem örtlichen Fußballplatz - entstand, mit Holzbalken errichtet und durch meterhohe Bretterwände geschützt, ein neues Bergwerk. Soldaten mit Maschinenpistolen bewachten die Eingänge. Rote Fahnen und rote Holzsterne verzierten die Eingangstüren.

In den Sonderzonen herrschte die sowjetische Geheimpolizei NKWD, auch nach der Gründung der DDR 1949. Eine abfällige Geste, ein unvorsichtiges Wort, Denunziation durch Nachbarn, genügten, um spurlos zu verschwinden.

Unzählige der Festgenommenen wurden in Moskau umgehend erschossen, die meisten verschwanden in russischen Straflagern. Schweres Delikt war auch die verweigerte Zusammenarbeit mit der „Wismut AG" oder verzögerte Ausführung ihrer Anordnungen.
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Und überall in der „Wismut" war Gefahr im Verzug

Die sonst verhätschelten Bergleute waren ebenfalls gefährdet. Zwar durften sie „Horizontaldamen" unbekleidet auf den Tischen im Bergarbeiterheim tanzen lassen und dem Koch missratenes Essen samt Teller an den Kopf werfen.

Meist wurde der Koch bestraft wegen des Angriffs auf die Bergarbeitergesundheit. Auch unauffällige Vergewaltigungen waren Kavaliersdelikte. Doch im Schacht hörte der Spaß auf.

Eine geplatzte Pressluftleitung, ein gebrochenes Gestänge, ein entgleister Erzwagen oder Fernbleiben von der Arbeit wurden schnell als Sabotage ausgelegt und die Verantwortlichen verschwanden für immer in Russland.

All das war neben der ständigen Bedrohung durch radioaktive Strahlen die Kehrseite der Medaille „Wismut", die der Region fast dreißig Jahre bescheidenen Wohlstand bescherte.
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