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Juni 2026 - Das ist der Anfang der unfertigen Seiten - erst mal alle Texte korrigiert - die saubere Strukturierung und die über 500 Bilder kommen noch - es geht weiter - jede Nacht ....

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1982 - Romboys sind zum ersten Mal in Moskau

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Einmal Halbprivates

Auf Einladung eines der zwei ARD-Korrespondenten in der Sowjetunion, Harald Brand, flogen Vera und ich im Februar 1982 nach Moskau. Auf das Ankunftsprozedere hatte er uns vorbereitet. Eine Stunde Warten bis zum Passkontrollschalter, eine weitere, bis das Gepäck vom Band käme. In der Schlange zur Passkontrolle waren wir zufällig das schönste Paar. Meine Vera im schneeweißen Wintermantel (extra für Moskau gekauft), auf dem Kopf ein weißes Strickmützchen und im Arm einen riesengroßen Blumenstrauß als Überraschung für die Gastgeberin.

Im Winter konnte man in Moskau nur Wachsnelken kaufen. Auch ich konnte mich sehenlassen. Für den Moskau-Besuch hatte ich einen Biberlamm-Mantel und eine dazu passende Pelzmütze erworben.

Kaum eine Minute am Ende der Warteschlange stehend, steuerte ein hochrangiger Grenzoffizier auf uns zu. Seine Uniform strotzte nur so vor Goldbordüren. Oh je, sagte Vera, jetzt gibt's Ärger wegen des sicher verbotenen Blumenstraußes.

Er verlangte die Pässe und sah den Vermerk „Gast des Korrespondenten". Er behielt sie, winkte uns aus der Schlange. Seine Gesten befahlen uns, ihm zu folgen. An den hundertachtzig wartenden Passagieren vorbei führte er uns zur Passkontrolle und ließ die Dokumente abstempeln. Nach Rückgabe der Pässe grüßte er mit Handzeichen an der Schirmmütze und wünschte uns - auf Deutsch - alles Gute für unser weiteres Leben. Ich denke, er hat uns wegen des Blumenstraußes für ein Brautpaar gehalten. Vera sah dafür jung und schön genug aus. Ein Übriges bewirkte der Visa-Eintrag „Gast des Korrespondenten".
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Zwanzig Minuten vor zwölf bei Minus 20 Grad

Freund Harald fuhr mit uns zu seiner Wohnung. Freundin Gisela Brand freute sich riesig über den Blumenstrauß. Bei und nach dem Abendessen gab es viel zu erzählen. Dreieinhalb Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen.

Zwanzig Minuten vor zwölf befahl Harald: „Zieht Eure Mäntel an, ich will Euch was zeigen!" Am Thermometer waren zwanzig Grad minus abzulesen. Außer ein paar Taxis war niemand unterwegs. Harald parkte am Historischen Museum und ging mit uns über den menschenleeren Roten Platz zu den beiden Gardesoldaten, die am Eingang des Mausoleums den toten Lenin bewachten.

Über den Kreml-Türmen leuchteten die roten Sterne. Über einem Kuppelbau wehte im Nachtwind grell beleuchtet die rote Fahne mit dem Hammer- und Sichel-Zeichen der Sowjetunion. Vom Spasski-Turm ertönte martialisch das Mitternachtsgeläut. Aus dieser Richtung waren auch die Stechschritte zweier Gardesoldaten zu hören, die ihre halb erfrorenen Kameraden bei solchen Minus-Temperaturen halbstündlich ablösten. Trotz der Pelzmützen waren unsere Ohren eiskalt und steif. Unermüdlich forderte Harald uns auf, die Nasenspitzen zu reiben. Sie würden sonst abfrieren.
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Das ARD-Studio am Kutusowskij-Prospekt

Am nächsten Tag besichtigten wir die Räume des ARD-Studios am Kutusowskij-Prospekt, direkt gegenüber des Stalin-Hochhauses „Hotel Ukraina". In den folgenden Tagen sammelten wir weitere Moskau-Eindrücke.

Die größeren Kinder der Brands, es gab auch noch das dreijährige Julchen, die fünfzehnjährige Bettina und der dreizehnjährige Thomas, führten uns über den Moskauer Tiermarkt. Damals kein erlaubtes Touristenziel.

Mit Freundin Gisela besichtigten wir den toten Lenin, das Jungfrauenkloster und die Markthallen. Ein Wochenbesuch, der uns beeindruckte und vor allem Vera erfreute. „Wie Gisela vier Jahre in Moskau zu leben, hätte auch mir Spaß gemacht." „Zu spät", musste ich antworten. „Vor drei Monaten hat der WDR mit Vertrag für die nächsten vier Jahre einen (anderen ?) Kameramann nach Moskau verpflichtet."

Noch einmal Privates: Inzwischen wurde unser Leben durch vier Katzen bereichert. Zu Kater Mulle waren noch Felix, Robby und Peter gekommen. Seit dieser Zeit begleiten Katzen unser Leben, sind Familienmitglieder. In Abwandlung eines Loriot-Spruches sagen wir „Ein Leben ohne Katzen ist möglich, doch ohne Sinn".
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1983 - Romboys gehen für 5 Jahre nach Moskau

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Aufregungen und Hintergründe einer Versetzung

Einer der berühmtesten Orte der Welt. Der Rote Platz in Moskau
Ein Jahr geht schnell vorbei. Das Jahr 1982 wollte ich mit freier Zeit beenden. Vom 7. -31.12.1982 hatte ich Urlaub eingereicht, der war genehmigt worden. Als ich von einer Reise aus meiner Heimatstadt Leipzig am 22. Dezember 1982 zurückkehrte, erreichte mich die Nachricht: Dringend den WDR anrufen!

Was mir am Telefon gesagt wurde, konnte keinesfalls stimmen. Für Moskau wird ein Kameramann gesucht. Dazu wäre mein Rat gefragt. Besserwisserisch wollte ich den vermeintlichen Irrtum aufklären. Kann nicht sein, erst vor fünfzehn Monaten hätte ein junger Kollege diesen Solo-Job übernommen und mir noch im Februar erklärt, es wären gerade seine Möbel angekommen und er plane, insgesamt fünf Jahre zu bleiben.

Gruppenleiter Nils Lundgren belehrte mich. „Genau den haben die Russen rausgeworfen." Moskau-Korrespondent Lehmann würde toben und Ersatz verlangen. Ich benannte Kollegen, die in Frage kämen. Er: „Habe ich alle schon gefragt, keiner kann oder will."

Wieder ich: „Übermorgen beginnt Weihnachten, danach werde ich einen finden. Und scherzend: Notfalls gehe ich." Am 23. Dezember 1982 hatte ich einen wütenden Chefkameramann Schmitt am Telefon: In einer Sitzung hätte Lundgren erklärt, das Moskau-Problem sei gelöst, der Romboy geht.

Sowas findet keinesfalls statt. Nach Weihnachten gebe er mir Gelegenheit, dieses Gerücht zu dementieren.

„Vera, ich beneide Dich. Du darfst nach Moskau."

Seit Monaten lebten unsere Moskau-Gastgeber, die Brands, wieder in Köln. Denen wollten wir diese kuriose Geschichte erzählen. Als ich anfing mit „Stellt Euch vor, ich war für Moskau im Gespräch" umarmte Gisela meine Frau und sagte: „Vera, ich beneide Dich. Du darfst nach Moskau."

Damit war ich außen vor. Vera und die Brands entschieden, Manfred wird nach Weihnachten nichts dementieren sondern klipp und klar erklären: Ich bewerbe mich für Moskau. Als ich das am 27. Dezember meinem Vorgesetzten sagte, musste ich hören: „Sie gehen keinesfalls. Als 1. Kameramann sind Sie für die Russland-Stelle viel zu hoch dotiert und im Übrigen werden Sie hier laut Vertrag als Ausbilder gebraucht." Da musste ich passen. Doch nachfolgend sprachen für meine Bewerbung mir unbekannte Umstände.
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Mit meinen "Vorgängern" ging einiges schief .....

Ende der 19siebziger Jahre genehmigten die Russen dem Korrespondenten Fritz Pleitgen die Akkreditierung eines deutschen Kameramanns. 1981 musste dieser Kameramann der ARD innerhalb von vierundzwanzig Stunden das Land verlassen. Gerüchte sprachen von einer Weibergeschichte in Verbindung mit übermäßigem Wodka-Genuss samt Alkohol am Steuer.

Als seinen Nachfolger entsandte der WDR noch im Jahre 1981 einen tüchtigen jungen Kameramann nach Moskau, von dem niemand wusste, dass er Drogenkonsument und Quartalssäufer war. Einige Monate ging alles gut. Einzige Auffälligkeit: In den Studioräumen lief er mit einer Mineralwasserflasche herum und posaunte, Wodka wäre gefährliches Gift. Doch Ende 1982 platzte die Bombe.

Auf einer Filmreise nach Donezk, er hatte noch Peter Bauer zum Flugplatz begleitet, war er für einige Tage verschwunden. Die russischen Mitarbeiter sahen sein unberührtes Hotelbett nebst allem Privatgepäck und fahndeten erfolglos in Krankenhäusern und auf Polizeistationen.

Plötzlich war er wieder da und erzählte eine unglaubliche Geschichte. Am Flughafen Donezk hätte ihm eine Aeroflot-Stewardess einen Softdrink serviert. Nach einigen Schlucken kam für ihn ein Filmriss. Tage später wäre er irgendwo aufgewacht. In seinen Softdrink hätte jemand, wahrscheinlich derKGB, am hellerlichten Nachmittag K.-o.-Tropfen geträufelt.

Das müssen wir eindeutig abklären, entschied Studioleiter Lutz Lehmann. Begleitet von einem Diplomaten der Deutschen Botschaft verlangte er in den Räumen des Moskauer Außenministeriums die lückenlose Aufklärung. Süffisant lächelnd zeigten die ihm eine über Monate angelegte Fotosammlung: Unser Kameramann, im Rinnstein liegend, wird von einer Notärztin „reanimiert", unser Kameramann neben Erbrochenem in einer Ausnüchterungszelle, unser Kameramann prügelt sich stockbesoffen mit zwei Türstehern vor einer Moskauer Nachtbar.

Wie peinlich für den streitbereiten Lehmann. Jetzt waren die Russen am Zuge. Eine mögliche Anklage könnte lauten: Wiederholte Störung der öffentlichen Ordnung und tätlicher Angriff auf verdiente Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges. Pförtnerdienst wurde meist von ordensgeschmückten Rentnern ausgeübt. Doch die sowjetischen Diplomaten gaben sich kompromissbereit. Wenn diese „Persona non grata" innerhalb von vierundzwanzig Stunden das Land verließe, sei der Fall für sie erledigt und man sei bereit, der Akkreditierung eines neuen ARD-Kameramannes zuzustimmen.

So oder ähnlich soll es gelaufen sein.
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Dr. Peter Bauer war in Moskau schon Co-Korrespondent

Für das Moskauer Studio, Peter Bauer war dort Co-Korrespondent, passte der Romboy. Seine fachliche Qualifikation war bekannt, aber noch wichtiger, jedermann wusste, der Romboy verabscheut Bier und Schnaps.

Er ist ein passionierter Coca-Cola-Trinker. Von dem frisch mit der „Tagesschau-Vera" Verheirateten waren auch keine alkoholgetränkten Frauengeschichten zu befürchten. Studio Moskau forderte umgehend die Personalien eines neuen Kameramanns, denn seine Akkreditierung würde Monate in Anspruch nehmen.

Nach einigen Rückzugsgefechten musste die Personalabteilung meiner Versetzung nach Moskau, so lautete arbeitsvertraglich die Bezeichnung, zustimmen. Personalchef Odenthal hatte aber noch einen Knüppel im Sack, den er den Romboys zwischen die Beine werfen konnte.

Als die Tagesschau-Sekretärin Vera Romboy geb. Krüper bei ihm um unbezahlte Beurlaubung für die Dauer des von ihm nach Moskau versetzten Ehemannes nachsuchte, war die Antwort: keinesfalls.

„Wir haben volles Verständnis dafür, dass Sie bei Ihrem Mann bleiben wollen, das geht aber nur, wenn Sie vorher kündigen."

Einem Tobsuchtsanfall nahe raste ich zur gerade neu installierten Gleichstellungsbeauftragten und zum Personalrat. Entweder ohne Kündigung wir beide oder Moskau findet ohne mich statt.

Die Personalabteilung kapitulierte und entsandte Vera und mich auf WDR-Kosten für vier Wochen auf eine Internatsschule der Universität Bochum in den Kurs „Russkij JesikSewodnja - Russische Sprache heute".
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Jetzt ging es aber richtig "ab" - das mit dem Umzug

Für mehrere Jahre mit Sack und Pack in ein fremdes Land zu ziehen, bedeutet eine gewaltige Umstellung des Privatlebens, die zudem auch mit erheblichen Kosten verbunden ist.

Bei uns fiel als Augenfälligstes für die nächsten vier Jahre das Einkommen der Ehefrau weg. Mit dem WDR waren keine Verhandlungen über die Konditionen zu führen. Als Anstalt des öffentlichen Rechts musste er sich buchstabengetreu an die Richtlinien des Auswärtigen Amtes halten.

Die besagten: Der Arbeitgeber muss den Umzug des gesamten Hausrates einschließlich des Kraftfahrzeugs und seine Rückführung nach Deutschland zahlen. Der Arbeitnehmer erhält am Versetzungsort eine leere renovierte Wohnung. Miete und Nebenkosten zahlt der Arbeitnehmer.

Nach dem ersten Auslandsjahr steht dem Arbeitnehmer ein bezahlter Hin- und Rückflug nach Deutschland zu. Danach nur noch alle zwei Jahre.

In der Sowjetunion wäre Moskau als erster Wohnsitz vorgeschrieben. Führerschein, Autozulassung und Versicherung wären dort zu beantragen. Auch die Einkommensteuer wäre im Gastland zu entrichten. Die Führung eines Kontos bei der sowjetischen Staatsbank zur Begleichung der Verpflichtungen in der Sowjetunion wäre vorgeschrieben. Als Wohnung müsste ich die meines Vorgängers übernehmen.

Die Besoldung: Zu meinem Grundgehalt käme eine Auslandszulage von fünfzig Prozent. Alle Abzüge außer der in der Sowjetunion zu entrichtenden Steuer würde weiterhin der WDR tätigen. Für Moskau käme noch eine schwankende Teuerungszulage um fünfzehn Prozent dazu.

Für meine Moskauer 120 Quadratmeter-Wohnung musste ich im Voraus für ein halbes jähr eintausendzweihundert DM Monatsmiete zahlen. Die sowjetischen Behörden orientierten sich an den Mietspiegeln deutscher Großstädte.
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Ein schöner Pelzmantel für Moskaus Minusgrade

Wie auch immer - als ich meinen Auslandsvertrag unterschrieben hatte, rief ich Vera an. „In der Mittagspause kaufen wir für Dich einen schönen Pelzmantel für Moskaus Minusgrade. Den können wir uns ab jetzt leisten."

Immernoch warteten wir auf die Akkreditierung. Die kam überraschend am 20. Mai.1983. Mein Moskau-Flug wurde für den 25. Mai gebucht. Moskaus Studio brauchte dringend seinen Kameramann.

Zwischenzeitlich waren wir vollauf beschäftigt, unseren Umzug vorzubereiten. Für den Moskauer Zoll mussten endlose Listen erstellt werden, jedes Buch, jede Schallplatte und der gesamte Hausrat mussten beschrieben werden. Alle Möbelstücke, Gemälde, Vasen, Lampen und Wanduhren mussten als Einzelfotos in der Zoll-Akte vorliegen.

Selbstverständlich auch Objekte unserer historischen Foto- und Filmsammlung. Dabei ging es nicht um die Einfuhrgenehmigung. Die wurde leger gehandhabt. Es ging um die spätere Ausfuhr. Alles nicht Beschriebene und Fotografierte musste in der Sowjetunion verbleiben.

Große Sorgen bereiteten uns auch Gegenstände und Waren des täglichen Bedarfs. Achtzig Prozent dessen, was für uns ständig jeder Supermarkt bereit hielt, war in der Sowjetunion überhaupt nicht oder nur sporadisch zu kaufen: Waschpulver, Spülmittel, Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, Körperspray, Toilettenpapier, Haarshampoo, Insektenspray und Strumpfhosen. Nicht zuletzt Katzenstreu und Katzenfutter.

Einige Wochen analysierten wir unseren Monatsbedarf und multiplizierten ihn mal achtundvierzig - für die vier Jahre unserer Vertragslaufzeit. Die Menge an Waren und ihre Bezahlung verursachten Kopfschmerzen. Unsere Ersparnisse reichten nicht aus. Wir mussten einen Bankkredit aufnehmen. Ein benachbarter Supermarkt stellte unseren Vierjahresbedarf auf Paletten abholbereit für die Spedition.
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Weshalb der Aufwand im Voraus?

Alles Mitgebrachte zählte zum Umzug und war zollfrei. Auch unser persönlicher Bedarf, einschließlich der Beförderung durch die Spedition. Spätere Deutschland-Einkäufe wurden vom Zoll mit Einfuhrabgaben belegt. Außerdem hatte die Spedition saftige Kilo-Preise für sogenanntes Beipack, also Waren, die bei fremden Umzügen zugeladen wurden.

Die geballte Last des Umzugs musste meine Frau ertragen. Allerdings mit Hilfe professioneller Speditionspacker. An sieben Tagen verfrachteten drei bis sieben Männer ganztägig alles, was nicht niet- und nagelfest war in Kartons, Kisten und Gestelle.

Ein ans Haus gestellter Lastenaufzug beförderte alles aus dem dritten Stock direkt in den Bauch des Möbelwagens. In den Zollpapieren wurden 564 Packstücke vermerkt. Den Transport begleitete ein gefüllter Ordner. Zum Schluss verschwanden im Bauch des Anhängers unsere zwei Autos - Veras Opel Ascona und mein Ford Granada-Kombi, der als Dienstwagen des Kamerateams für die Dauer meiner Russland-Zeit eingeplant war. Der mehrtägigen Fahrt unseres Besitzes ins zweitausendvierhundert Kilometer entfernte Moskau stand nichts mehr im Wege.
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Mai 1983 - Wir ziehen also um - in die Sowjetunion

In den späten Nachmittagsstunden des 25. Mai 1983 erfolgte mein Landeanflug zu Moskaus internationalem Flugplatz Sheremetjewo. Goldene Sonnenstrahlen beleuchteten die Landschaft. Für mich war das eine freundliche Begrüßung.

Mit Verwunderung sehe ich viele kleine und größere Seen, ein Landschaftsbild, das mich an Anflüge nach Berlin erinnerte. Auf das umständliche Einreiseprozedere bin ich schon vorbereitet. Wie üblich, ist von fünf vorhandenen Schaltern nur einer geöffnet.

An die vierzig Minuten dauert es, bis ich Auge in Auge dem Passkontrolleur gegenüberstehe. Der sitzt in einer Art Schilderhäuschen, das allseitig gegen neugierige Ein- und Ausblicke mit schwarzem Papier abgeklebt ist. Lediglich in Augenhöhe des zu Kontrollierenden ist ein Sehschlitz geöffnet, durch den er mein und ich sein Gesicht sehen kann. Weitere Einsicht ins Kontrollhaus ausgeschlossen.

Unterhalb des Sehschlitzes eine Öffnung, gerade groß genug, den Pass hin und zurück zu schieben. Die russischen Fragen des Uniformierten verstehe ich weder akustisch noch inhaltlich. Offensichtlich erwartet er auch keine Antwort, sondern studiert ausgiebig meinen Pass, mehrmals unterbrochen durch sezierende Blicke in mein Gesicht. Nach etwa fünf Minuten einige klirrende Stempelgeräusche, danach kommt mein Pass zurück. Seh- und Passschlitz werden erst einmal geschlossen. Wahrscheinlich wird mein Fall jetzt endgültig abgewickelt.

Inzwischen dreht ohne Koffer und Taschen das Gepäckband Runde um Runde. Doch ein Wunder. Schon nach dreißig Minuten erscheinen erste Packstücke. Wer seinen Kram hat, läuft schnell zur Zollschlange, um einen der vorderen Plätze zu ergattern. Obwohl alles durch die Röntgenanlage läuft, müssen die Gepäckstücke geöffnet und durchsucht werden.
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Zum Glück - mein Pass enthält ein privilegiertes Visum

Gleichzeitig wird noch einmal der Pass kontrolliert und nach „woher, wohin und warum" gefragt. Bei mir geht es schneller. Mein Pass enthält ein privilegiertes Visum, das sogenannte „Mnogokratnaja", das zur ständigen Ein- und Ausreise berechtigt.

Normale zwei Stunden nach der Landung sehe ich in der Ankunftshalle einen Mann mit dem Schild „Romboy, WDR". Auf der langen Fahrt in die Innenstadt versucht Fahrer Genia, mich zu befragen und auf Interessantes entlang der Fahrtroute aufmerksam zu machen.

Natürlich in der einzigen Sprache, die er kann: Russisch. Eine Sprache, die ich, wie ich feststellen musste, weder spreche noch verstehe. Meine vier Wochen Russischunterricht im Bochumer Internat waren fern jeder Alltagsrealität.

Im Seminar „Umgangssprache" hatte ich den Satz geübt „Ich möchte Sie zu meinem Geburtstagsempfang einladen". Außerdem konnte ich verstehen und beantworten, warum Flugzeuge bisweilen das Zeichen des weißen Eisbären tragen. Es sind Polarflüge. Am besten beherrschte ich in Wort und Widerwort die Szene in einer Schulklasse mit der Möhre.

Sascha wird von der Lehrerin aufgefordert, das Wort Möhre an die Tafel zu schreiben. Auf die Frage der Lehrerin, ob Saschas Beschriftung stimme, wurde das von Tanja verneint. Hier fehlt das „Mjagkij Snak", das „ Weichheitszeichen".

Genia wollte mir seine Stadt vorstellen und mich fragen, warum und wie lange ich in Moskau arbeiten will. Er hätte nicht begriffen, weshalb ich ihn zur Geburtstagsfeier im Polarflieger einladen will und was in Beziehung von ihm zu mir das Weichheitszeichen in der Möhre bedeuten soll.
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Unser erster Wohnort.

Wegen meiner "Sprachlosigkeit" war ich froh, als er mich am Hotel absetzte. Zuerst allein, später mit Vera, wohnten wir bis zur Möblierung unserer Wohnung im Hotel Ukraina. Mit einer Höhe von 198 Metern war das Ukraina bis 2001 das höchste Hotel Europas.

Neben über tausend Hotelzimmern existierten im Gebäude auch Wohntrakte. Das Hotel war eines der sieben Hochhäuser, die Stalin, auch als Zeichen des Sieges, durch deutsche Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zwischen 1946 und 1958 in Moskau errichten ließ und die bis über das Ende der Sowjetunion hinaus die Skyline von Moskau beherrschten.
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Eine „Wachhabende" oder eine „Dienstleistende"

Bei meinem Einzug 1983 war das Haus voller stalinistischem „Charme". Neben großen Bronze-Kronleuchtern zierte die Empfangshalle ein Deckengemälde, das glückliche Ukrainer und Ukrainerinnen mit den Agrarschätzen ihres Landes in Siegesstimmung zeigte.

Offensichtlich hatten seit der Eröffnung vor über zwanzig Jahren keine Renovierungen stattgefunden. Der Hotelgast wurde mit schäbiger Eleganz konfrontiert. Zwischen Lift und Zimmerfluchten kontrollierte auf jeder Etage, an einem Schreibtisch sitzend, eine „Diensthabende", die „Deshurnaja". Sie war verantwortlich für die Einhaltung der sozialistischen Hotelvorschriften und verstand sich als „Wachhabende", nicht als „Dienstleistende".

Allerdings war sie bereit, Tee zu kochen und hielt einen kleinen Vorrat an „Mineralnaja Voda" bereit. Böse Zungen sagten den „Deshurnajas", es waren immer gut genährte Mütter zwischen fünfzig und sechzig Jahren, nach, bei ihnen könnte man auch zum Schwarzkurs Geld tauschen und im Austausch gegen zwei Strumpfhosen Bettgefährtinnen vermittelt bekommen. Doch bei solchen Behauptungen konnte es sich um antisowjetische Propaganda gehandelt haben. Ich habe es nicht testen können.

Die russische Moral für Ehepaare im Hotel

Meine Frau hatte es versäumt, Strumpfhosen in meinen Koffer zu legen. Stattdessen beendete sie mein Single-Dasein, indem sie bei mir einzog. Das führte zu Komplikationen. Der „Deshurnaja" war es nicht entgangen, dass plötzlich eine junge hübsche Frau in meinem Hotelzimmer war. Sie klopfte energisch um mitzuteilen, nur Hotelgäste dürften im Ukraina übernachten.

Als Vera ihre Hotelkarte zeigte, erfolgte nach einer kurzen Entschuldigung der Hinweis, sie müsste nach 22.00 Uhr ihr eigenes Hotelzimmer aufsuchen. haatten wir das nicht schonmal in Finnland ?

Doch unsere Hotelkarten zeigten denselben Namen. Das genügte ihr als Ehepaar-Nachweis. Nach unzähligen Entschuldigungen verließ sie unser Zimmer.

Zwanzig Minuten später erneutes Klopfen. Vor unserer Tür stand sie, bewaffnet mit einem Bettgestell, Matratzen und Bettzeug. Alle Einreden waren zwecklos. In unserem großen Hotelzimmer wurde ein zweites Bett aufgebaut. Ihre Erklärung: Sie ließe sich im Ausland nicht nachsagen, dass Ukraina-Hotelgäste gezwungen würden, in einem Bett zu schlafen.
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Das ARD-Studio - Bereich Fernsehen - in Moskau

Der Erstwohnsitz im Hotel Ukraina war für mich ideal. Nur durch den sechsspurigen Kutusowskij-Prospekt - der morgendlichen Rennstrecke der Generalsekretäre - getrennt, lag gegenüber in Sichtweite mein Arbeitsplatz, das ARD-Studio Moskau.

Das bestand aus sechs Räumen in einem vergammelten Gebäudekomplex, erbaut in den 19fünfziger Jahren. In der zweiten Etage, in kleineren Räumen, residierte der ARD-Hörfunk mit dem Vorteil, er war mühelos zu Fuß zu erreichen.

Wir Fernsehleute waren auf einen altersschwachen Lift angewiesen, der öfters streikte. Häufig mussten wir unsere Kamerakoffer zu Fuß in die zwölfte Etage schleppen oder runter auf den von der Miliz kontrollierten und bewachten Großparkplatz für Ausländer.

Unsere Studio-Wohnung umfasste maximal hundert Quadratmeter und wurde folgendermaßen genutzt:

  • Raum 1: Korrespondent nebst Sekretärin,
  • Raum 2: Schneideraum,
  • Raum 3: Ansagestudio,
  • Raum 4: Kamera- und Tontechnik,
  • Raums5: Studioleiter nebst Sekretärin,
  • Raum 6: Kaffee-Küche.

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Und wir hatten sogar einen eigenen Fernschreiber

Und natürlich war auch ein stilles Örtchen vorhanden. Alle Räume mündeten in einen bis zur Decke vollgestellten Korridor. Dort stand auch unser Fernschreiber als einzige verlässliche Verbindung nach Deutschland.

Auf Tastendruck konnten wir Köln und Köln uns anschreiben. Es dauerte mitunter Stunden, bis angemeldete Telefongespräche nach Deutschland freigeschaltet wurden. Alle aus Moskau kommenden Bilder wurden (bis jetzt) auf 16mm-Filmstreifen belichtet, zum Sowjetischen Fernsehen gebracht, dort entwickelt und abgeholt, um bei uns geschnitten und vertont zu werden.

Der sendefertige Beitrag wurde wieder zum Sowjetischen Fernsehen nach Ostankino gebracht, um von dort, umgewandelt in ein TV-Signal, nach Hamburg überspielt zu werden.
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Bis zum Juni 1983 wurde noch mit 16mm gefilmt

Erst im Juli 1983 standen uns für die aktuelle Berichterstattung eine elektronische Kamera und ein Schnittplatz zur Verfügung. Wir arbeiteten mit dem neuen Magnetbandverfahren U-matic Highband. Doch auch nach dieser Hightech-Umstellung konnten wir nur aus den Räumen des Sowjetfernsehens senden, und zwar bis in das Jahr 2000.
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Nicht zeitgebundene Filme wurden nach wie vor nach Hamburg oder Köln per Flugzeug versandt.
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Wir waren zu dritt - also 3 Deutsche

Als ich nach Moskau kam, gab es im Fernsehbereich drei akkreditierte deutsche Mitarbeiter. Lutz Lehmann als Korrespondent und Studioleiter, Dr. Peter Bauer als Korrespondent und mich, den Kameramann.

Alle anderen Mitarbeiter, Dolmetscherinnen, in Personalunion Sekretärinnen, Fahrer, Tontechniker, Cutterin, Köchin und Putzfrau waren Ortskräfte. Zeitweilig gab es auch, zu meiner Entlastung, einen russischen Kameramann. Obwohl wir die russischen Kollegen bezahlten, waren sie Angestellte des UPDK, einer Behörde, die dem Inlandsgeheimdienst KGB unterstand. Ortskräfte mussten wir dort beantragen. Es dauerte mitunter Monate, bis jemand eintraf. Lehnten wir den oder die Geschickte ab, wurden wir mit längerem Personalentzug „bestraft".
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Damit war der KGB überall dabei

Als KGB-Leute sollten sie uns bespitzeln, aber auch hier galt die normative Kraft des Faktischen. Die tägliche Zusammenarbeit machte sie zu normalen Kollegen. Auf Reisen verbrachten wir Tage und Nächte miteinander, teilten Freud' und manchmal Leid und des öfteren den Inhalt mancher Wodka-Flasche. Außerdem hatten wir ständigen Zugriff zu Devisen und Westwaren.

Und so kam es zu so grotesken Situationen, daß sein KGB-Offizier bei unserem Fahrer als Geburtstagsgeschenk für seinen Großvater Angelzeug bestellte. Aufspuler, Nylonschnur und Blinker konnten wir ohne Probleme aus Köln besorgen. Nach der Wende, gegen 1991, hat unser Studio keine seiner alten (KGB-) Ortskräfte entlassen.
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Mein erster Dreh am 26.Mai 1983 - und unsere 4 Katzen

Am 25. Mai in Moskau angekommen, folgte schon am 26. mein erster Dreh. Firmen aus der Bundesrepublik veranstalteten eine Automatenausstellung, die durch Baden-Württembergs Ministerpräsident Späth eröffnet wurde.

Am Freitag, den 3. Juni, massive Auseinandersetzung mit den Flughafenbehörden. Zwei unserer vier Katzen waren am Abend als Fracht mit der Lufthansa angekommen. Die Ausgabe wurde verweigert, die zuständige Veterinärin sei erst am Montag verfügbar. Übers Wochenende sollten die Miezen Peter und Felix unversorgt in der Frachthalle stehen bleiben. Letztendlich konnte Genia sie loseisen und in unsere Wohnung bringen. Sie waren dort die ersten Übernachter. Mulle und Robby, von Vera begleitet, landeten einen Tag später. Die Katzenbande und die Familie waren wieder komplett. Zum Füttern konnte Vera, bei mir im Hotel wohnend, zum Kiewer Bahnhof laufen und mit der Metro zur Station Jugo-Sapadnaja fahren. Unsere Möbelwagen hatten Moskau erreicht, hingen allerdings beim Zoll fest.

Am 8. Juni konnte Vera bei den Zollbehörden die Unterschriften zur Zollfreigabe der 564 Packstücke leisten. Liste um Liste, Foto um Foto benötigten den Einfuhrstempel. Das war der Zollfrau zu viel Arbeit. Sie drückte, begleitet von einem freundlichen „Paschalusta" (bitte), Vera den Stempel in die Hand. Mit ihrem Stempelaufdruck erteilte Vera ungeprüft die Einfuhrgenehmigung.
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Eine mittlere Katastrophe : Kater Felix war verschwunden

Zwei Tage dauerte das Ausladen einschließlich der Montage der Möbel. An jeder freien Stelle unserer Wohnung türmten sich Umzugskartons, die leider schlecht beschriftet waren, also mit „Hausrat, Sonstiges und kleines Zimmer". Suchten wir Bettzeug, erschienen Schallplatten, suchten wir Frühstücksgeschirr, stießen wir auf Fotokameras und statt Katzenfutter fanden wir Jugendstilvasen.

Beim Auspacken musste Vera auf meine Hilfe, jedenfalls tagsüber, verzichten. Zu unserer Wohnung gehörte auch ein ehemaliges Badezimmer, das wir zum Lager für Haushaltswaren umfunktioniert hatten. In der Umzugsphase diente es als Katzenzimmer und war ständig verschlossen.

Wie auch immer, bei einer abendlichen Fütterung fehlte Kater Felix. Wir beschuldigten uns gegenseitig, unachtsam mit der Tür umgegangen zu sein, durchsuchten jeden noch so unwahrscheinlichen Winkel der Wohnung, Felix blieb weg. Im Hin und Her des Umzugstrubels musste er ins Treppenhaus und irgendwann ins Freie gekommen sein. Ohne große Hoffnung verteilten wir dreisprachige Fahndungszettel mit dem Felix-Bild.

Auch die unser Haus bewachenden Miliz-Polizisten suchten mit, ohne Erfolg. Hinter unserem Haus verlief eine der großen achtspurigen Ausfallstraßen. Wenig Chancen für das Katerchen zu überleben. Die folgenden Tage trauerten wir um Felix, den der Umzug wahrscheinlich das Leben gekostet hatte. Mitten in der Nacht weckte mich herzerweichendes Miauen. Ich lief zum Katzenzimmer. Robby, Peter und Mulle schliefen. Das Klagen kam aus der verschlossenen Toilette. Dort saß, abgemagert und voller Spinnweben, Kater Felix. Als verlorener Sohn gefeiert, durfte er eine Büchse Thunfisch verschlingen. Selig schnurrend konnte er im Elternbett einschlafen.

Hatte er sich in die abgeschlossene Toilette gebeamt? Doch hinter der Kloschüssel gähnte ein Loch im Durchmesser eines Schuhkartons, daneben ein Kunststoffdeckel. Ein solches Mauerloch fanden wir danach auch im Katzenzimmer. Die gesamte Etage des Plattenbaus war durch diese Stollen miteinander verbunden. Darin lagen Strom-, Telefon-, Wasser- und Abwasserröhren. Einmal unterwegs, war es für Felix schwierig, den Ausgang dieses Irrgartens zu finden. Doch: Ende gut, alles gut.
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Russland, der Wodka und ich

Einer der Gründe, aus denen der WDR mich nach Moskau geschickt hatte, war meine allseits bekannte Alkoholabstinenz. In Richtung Wodka war es dort zu Schwierigkeiten mit meinen Vorgängern gekommen. In der Tat, Alkoholisches war mir fremd. Bier schmeckte für mich einfach nur bitter. Schnäpse brannten im Mund und machten schwindelig, depressiv, und zu mehreren genossen, lösten sie Übelkeit und schlimme Kopfschmerzen aus.

Als Sechzehnjährigen hatten mich aus Spaß einmal Arbeitskollegen abgefüllt, wie man das damals nannte. Musste ich in Gesellschaft Bier trinken, blieb es bei einem Glas. Wurde mir zum Anstoßen ein Klarer in die Hand gedrückt, nippte ich daran, bis ich ihn unbeobachtet in die nächste Zimmerpflanze kippen konnte.

Etwas lockerer zeigte ich mich nur in Damengesellschaft. Bestellte im Restaurant als Aperitifs Martini rouge oder Sherry medium. Wurde es etwas intimer, durfte es auch mal eine Flasche Asti Spumante sein. Selbst im Kölner Karneval schunkelte ich nicht mit dem Kölsch-Glas in der Hand. Bei mir war immer Coca-Cola drin. Ich hatte gelernt, dafür ohne Betroffenheit Spott zu ernten. Hey, Mr. Coca-Cola! Manche persiflierten, dass meine Flucht aus der Ostzone wegen fehlender Coca-Cola erfolgt sei.
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Siebenhundert Kilometer nach Leningrad

Schon einige Tage nach meiner Moskau-Ankunft musste ich mit dem Zug ins siebenhundert Kilometer entfernte Leningrad fahren, weil dort deutsche Kunst ausgestellt wurde. Nachdem wir im Luxuszug „Krasnaja Strela" (Roter Pfeil) unsere umfangreiche Filmausrüstung verstaut hatten, rollte gegen Mitternacht unser Zug aus dem „Leningradskij Voksal" heraus, dem Leningrader Bahnhof in Moskau. Immer eine feierliche Ausfahrt.

Über die Lautsprecheranlage ertönte die im Zweiten Weltkrieg von Dunajewski komponierte Hymne „Dorogaja moja Stoliza" - Meine liebe Hauptstadt. Bei der „Deshurnaja", der „Diensthabenden", besorgte mein Assistent Genia zwei Wassergläser, die er auf den Klapptisch unseres Zweibetten- Schlafwagenabteils stellt, dazu einen Henkelkorb, der nach Entfernung eines Tuches seinen Inhalt preisgab. Neben einer Wodkaflasche standen ein Glas Salzgurken und viele Scheiben wundervollen Roggenbrotes.

Zu dreiviertel gefüllt waren unsere Zahnputzgläser, als Genia nach seinem Trinkspruch „Sa nascha Druschba" - Auf unsere Freundschaft - mein Glas antippte. Natürlich, ich, der Angesprochene, musste als Erster austrinken. In diesem Augenblick war mir klar, hier geht es um unsere Zusammenarbeit in den nächsten vier Jahren, also sofort alles in den Rachen.

Als mir die Luft wegblieb, schob er eine Salzgurke nach, dann kaute ich, wie er, trockenes Brot. Es gab auch Sprudelwasser. Kaum hatte ich das erste Glas überlebt, kam die Frage, ob ich meine Frau liebe und wie ihr Vorname sei.
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Und noch ein Glas Wodka

Das nächste Glas ging „Sa Veru". Erst am Vortag hatte er zwei unserer Katzen aus dem russischen Zoll befreit. Es lag für ihn und für mich auf der Hand, auf deren Gesundheit ein Gläschen zu leeren. Wie waren doch gleich die Namen der anderen zwei Katzen? Zu meiner Rettung hatte ich inzwischen die Initiative als Mundschenk ergriffen.

Sein Glas war dann immer randvoll und meins nur zu einem Viertel gefüllt. Unter dem sich wiederholenden „rattata rattata" der Wagenräder unseres Waggons sind wir irgendwann eingeschlafen. Als ich erwachte, zogen am Abteilfenster die ersten Leningrader Häuser vorbei. Es war schwer, Genia zu wecken. Natürlich war er verkatert. Beim Blick auf die leere Wodkaflasche fragte er mich, warum ich so verdammt viele Katzen hätte. Zwei hätten doch genügt.
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Meine Russen und der Wodka, das war ein Kapitel .....

Meine Russen und der Wodka, das war ein Kapitel, das alle betraf. In der russischen Männergesellschaft war er so selbstverständlich wie bei den Münchnern das Bier, den Wienern der Wein oder den Briten der Tee. Anlässe, ihn zu trinken, gab es immer. Fehlte er, war das nur die halbe Miete.

Ob Hochzeit oder Beerdigung, ohne Wodka konnte keine Stimmung aufkommen. Aber tagsüber hatte ich zwar öfters mit Beschwipsten, doch selten mit Angetrunkenen zu tun. Fast nie mit Betrunkenen. Die waren dem Abend vorbehalten. Die meisten schienen in diesem Zustand mit sich und der Welt zufrieden und guter Stimmung.
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Zwei Beispiele

Unvergessen zwei höhere Offiziere, die wie ich von der Metro Jugo-Sapadnaja zum Leninski] gingen und voll wie eine Haubitze immer wieder in den Schnee fielen, danach ihre Mützen suchten, um sie sich gegenseitig falsch aufzusetzen. Ihr Zustand hinderte sie nicht daran, ein altes Kinderlied zu lallen.

Nur die Männer? Nach beendeten Filmaufnahmen in einer Moskauer Schule bat die Direktorin uns zu einem kleinen Empfang ins Lehrerzimmer. Wir waren seltene Gäste, also wurde aufgetischt. Verschiedene Salate und üppig belegte Brote. Auch zwei Sektflaschen standen dekorativ zwischen einigen Wodka- und Sprudelwasserflaschen.

Versammelt waren über zwanzig Damen, das sowjetische Erziehungswesen war in Frauenhand. Jede hob ein halb mit Wodka gefülltes Wasserglas. Die Trinksprüche kamen von der Frau Direktor. Zuerst auf den Weltfrieden, dann folgte die Freundschaft zwischen den Völkern, die der Sowjetunion mit Westdeutschland und so fort. Als wir bei der Freundschaft der Moskauer Schüler mit dem Deutschen Fernsehen ankamen, waren nicht nur die Gläser, auch alle Wodkaflaschen geleert.
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Ich mußte nachhause fahren

Aber ich, halb voll, und mein russischer Fahrer Tolja, voll. Er bat mich, zum Studio das Steuer zu übernehmen. Als Akkreditierter wäre mein Risiko, den Führerschein zu verlieren, kleiner als seins.

Wenn wir allein in unserer Wohnung waren, floss kein Tropfen Alkohol. Doch ich hatte gelernt, aus der Tugend meine Not zu machen und fügte mich den Landessitten. Nach ein bisschen Übung wurde es von Mal zu Mal leichter.

Mit dem Wodkaglas in der Hand und sogar einem russischen Trinkspruch wie „Die Arbeit ist kein Bär, sie verschwindet nicht im Wald" war ich Kollege unter Kollegen, erhielt, wo nötig Hilfe, aber half auch wenn nötig.
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Die ,ARD-Jesik' - ARD-Sprache

Das ARD-Studio profitierte von meinen unkonventionellen Kontakten. Unter der Hand machte ich des öfteren Verbotenes möglich. Große Probleme machten mir, besonders im Anfangsjahr, meine Sprachdefizite. Beim abendlichen Umtrunk bei einer Auswärtsreportage hörte ich, wie nach dem dritten Glas unser örtlicher KGB-Betreuer meinen russischen Assistenten in Bezug auf mich fragte:

„Hallo, Genosse Tonmann! Dein Ausländer, kann der unsere Sprache?" Die Antwort: „ Wie mein Hund. Er versteht alles, aber wenn er spricht, klingt es wie Wauwau Wauwau." „Doch wie sprecht Ihr dann miteinander?"„Ohne Schwierigkeit. In deutsch-russischem Wortsalat. Den nennen wir nach unserer Firma: ,ARD-Jesik' - ARD-Sprache."
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Verwirrspiel um einen Luxuskoffer

Am 27. Juni 1983 begannen im Gästehaus der Sowjetregierung an den Leninbergen deutsch-sowjetische Wirtschaftsgespräche, von deutscher Seite hochkarätig besetzt. Neben vielen wichtigen Industrievertretern mit Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff und dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, Wolffvon Amerongen.

Hinter einer dicken Absperrkordel vor dem Eingang zum Tagungssaal langweilte ich mich mit einigen wenigen ausländischen Journalisten, während hinter verschlossenen Türen um Wirtschaftsvorteile gepokert wurde. Stundenlanges Warten war schon immer Bestandteil der Fernsehberichterstattung.

Erst nach Konferenzschluss konnten Bilder der Teilnehmer geschossen oder Erklärungen aufgenommen werden. Als sich wieder einmal die Saaltüren für eine Kaffee- oder Rauchpause öffneten, wurde ich von einem mir unbekannten Russen überschwänglich begrüßt.

„Guten Tag Manfred, wie geht es Ihnen und Ihrer Frau. Was machen die Katzen? Stehen die Möbel schon?" Mit den Worten „Ihre Kamera kann liegen bleiben" öffnete er die Absperrkordel und führte mich in den verrauchten Konferenzsaal.

Während wir auf und ab gingen, boten uns Mädchen mit weißen Spitzenschürzen Kaffee und Schnittchen an. Er sei Beamter des sowjetischen Außenministeriums und Freund des vor kurzem abgereisten ARD-Korrespondenten Harald Brand. Der hätte mich ihm empfohlen.
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Vor uns auf dem Tisch lag ein geschlossener Alu-Koffer

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