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Juni 2026 - Das ist der Anfang der unfertigen Seiten - erst mal alle Texte korrigiert - die saubere Strukturierung und die über 500 Bilder kommen noch - es geht weiter - jede Nacht ....

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Wir gehen ins Jahr 1966

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April 1966 - Staatsbegräbnis für Bundeskanzler Adenauer

Der Berg meiner Taschenkalender fordert mich auf: „Fasse Dich kurz. Schreib' nicht über jedes Jahr, es wiederholt sich alles. Selbst große Auslandsreisen." Also 1966 weglassen? Geht nicht.

Unter 19.4.1966 steht „Adenauer ist tot!" Viele Stunden hatten wir am Fuße seines Hauses in Rhöndorf, einander ablösend, Tag und Nacht auf neue Nachrichten über den Einundneunzigjährigen gewartet. Dann ging seine Bundesflagge auf Halbmast und seine Ärztin bestätigte den Tod.

Die Tagesschau Köln plante ihre Berichterstattung gemeinsam mit den
Kamerakollegen des Studios Bonn. Am 21.4.1966 hatte unser Fernsehdirektor die Idee, parallel zu Schwarz-Weiß auch in Farbe zu filmen. Der Start des deutschen Farbfernsehens war zwar erst für 1967 geplant, doch der Abschied von Adenauer ein Jahrhundertereignis.

Kein Problem, Romboy hat Farberfahrung. Doch ein Problem. Er hat keinen Farbfilm. Weder Agfa noch Kodak konnten sofort liefern. Rettung war die Kölner DuMont-Filmproduktion, die uns Farbfilm pumpte.
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Der Staatsakt - das Fernsehereignis des Jahrzehnts

Als Fernsehereignis des Jahrzehnts waren für die nächsten Tage stundenlange Live-Übertragungen geplant, wozu der WDR in halb Europa Übertragungswagen ausleihen musste. Doch aufgenommen und gesendet wurde nach wie vor schwarz-weiß.

Die wichtigsten Vorgänge wurden von mir zuerst in Schwarz-Weiß und dann in Farbe aufgenommen. Vom Umfang das größte Ereignis, das ich mit meiner Kamera von Anfang bis Ende begleiten durfte. Am 22. filmte ich an Adenauers Haus in Rhöndorf. Am 23. seine Überführung in den Kölner Dom.

Flankiert von sechs Offizieren der Bundeswehr, wechselnd die Waffengattungen, stand Adenauers Sarg bedeckt mit der Bundesflagge vor dem Hochaltar. Meine Kamera filmte im ständigen Wechsel von Schwarzweiß auf Farbe die Wachablösungen und das stundenlange Defilee der Bevölkerung. Sie dankte ihm für das klare Westbündnis, das die freie Bundesrepublik stabilisiert hatte.

Ihm verdankte die Bevölkerung dieHeimkehr der letzten zehntausend (oder waren es nur 6500 ?) Deutschen, die bis 1955 in der Sowjetunion festgehalten wurden. Auch war es Adenauers Verdienst, eine Rückkehr der Deutschen in die Völkerfamilie erreicht zu haben. Eine schwierige Aufgabe nach zwölf Jahren Gesichtsverlustes der Deutschen, die einer verbrecherischen Regierung Völkermord und die Anzettelung eines zweiten Weltkrieges gestattet hatten.

Mein Fahrer Hans Neumann hat an Adenauers Sarg Tränen vergossen. Ab 1944 war er, ein Sanitätssoldat, bis zur Befreiung durch Adenauer unter unmenschlichen Bedingungen, an denen die meisten seiner Kameraden starben, Kriegsgefangener der Sowjetunion hinter dem Polarkreis.
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Meine Farbfilmaufnahmen ? Wo sind sie geblieben ?

Der Text fehlt ?????
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1967 - zwei Auslandsreisen mit Heiko Engelkes

1967 war ich noch zweimal mit Heiko Engelkes auf Reisen. Zuerst in Bath Maine, USA, zum Stapellauf des Bundeswehrzerstörers „Lütjens" und im November für zwei Wochen in Ankara und Istanbul, als ein Krieg zwischen den Nato-Mitgliedern Türkei und Griechenland drohte.

Wegen möglicher Bombardierung Ankaras herrschte Kriegsverdunkelung. Nato-Generalsekretär Brosio, der als Schlichter nach Ankara gereist war und den Engelkes interviewte, erfuhr erst von uns den aktuellen Stand der Dinge. Die Türken hatten ihm die Telefonleitung gekappt.

Meine Einsätze gingen weiter - Tag und Nacht

Nach solchen beschriebenen Highlights gab es keine Auszeiten. Schon der nächste Tag war wieder Drehtag. Außer der monatlichen Benelux- Woche für den Korrespondenten Dieter Strupp in Brüssel war ich fast jeden Tag für abwechslungsreiche Themen in NRW unterwegs.

Natürlich auch an den ereignisreichen Wochenenden und Feiertagen. Es gab Jahre, in denen ich über dreihundertvierzig Arbeitstage abrechnen konnte.

Zugegeben, es ging auch ums Geldverdienen. Nach erfolgreicher Filmarbeit beim Besuch der englischen Königin beförderte mich Produktionschefin Lu Schlage zum 1. Kameramann, neue Tagesgage einhundert DM. Bei einer solchen Anzahl von Arbeitstagen gab es kaum Freiräume für Privates. Mein Leben war WDR.
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Meine Freundin Karna

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Das änderte sich in 1965.

In unserem Brüsseler Büro hatte ich die siebzehnjährige Volontärin Karna kennengelernt, Tochter eines in Brüssel akkreditierten schwedischen Journalistenehepaars. Mich trennte noch ein Jahr vom 30. Geburtstag. Karna und ich, das passte nicht. Meine Zuneigung konnte ich solange verdrängen, bis ich merkte, sie wurde erwidert.

Wir wurden ein Liebespaar und unternahmen alles Mögliche, um für Tage oder auch nur Stunden die räumliche Trennung zu überwinden. Abends nach Drehschluss fuhr ich bei jedem Wetter nach Brüssel. Die Autostraße war dreispurig. Man überholte mittig. Autofahrer persiflierten „ wer als erster bei Gegenverkehr rechts einschert, ist ein Feigling".

Wie oft habe ich meine Entscheidung verflucht, zu fahren. Zumal, wenn ich am nächsten Morgen einen Dreh hatte. Jedes Mal, wenn wir uns trennten, sagte meine kleine zierliche Geliebte zum Abschied „Romboy, das mit uns, das passt nicht" verbunden mit der Frage „Wann kannst Du wiederkommen?" Das ungeliebte Brüssel wurde zu meiner Lieblingsstadt.
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Zwei wundervolle Jahre

Ich sah es durch die rosarote Brille des Verliebten. Wir erlebten zwei wundervolle Jahre, in denen ich das Trauma meiner ersten Ehe kurierte. Öfters konnte Karna mich auf Dienstreisen begleiten oder umgekehrt ich sie.

Inzwischen beim japanischen Fernsehen NHK beschäftigt, wählte sie mich als Kameramann für zwei Farbfilme, einmal über Luxemburg und einen zweiten über Dänemark. Trotz aller Verliebtheit sahen wir wegen der Altersdifferenz für unsere Verbindung keine Zukunft. Karna sagte zu mir „Du bist schon ein Erwachsener, aber ich will erst anfangen zu leben".

Nach einer letzten Nacht haben wir auf einer Bank am Kölner Zeughaus tränenreich Abschied genommen. Sie fuhr endgültig mit dem Zug nach Brüssel. Warum fühlte ich statt Trauer, dass mir ein Stein der Entlastung von der Seele rollte? Die fürchterlichen nächtlichen Autofahrten nach Brüssel waren vorbei.

Karna wurde Presseattache an der schwedischen Botschaft in Rom, heiratete einen Italiener und bekam viele Bambini. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. Vor allem in meinem Herzen.
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1967 - Das Deutsche Fernsehen entdeckt die Farbe

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Seit einem Jahr wurde die Farbe erwartet (stimmt nicht)

Und das Für und Wider wurde in den Zeitungen diskutiert: das Farbfernsehen. Auf der Berliner Funkausstellung im August 67 drückte Bundeskanzler Willy Brandt symbolisch auf einen roten Knopf und die deutschen Fernsehbildschirme erstrahlten in leuchtenden Farben? Natürlich nicht.

Auf eine Million Fernsehzuschauer kamen gerade einmal sechstausend verkaufte Farbgeräte. (Anmerkung : Laut des techn. Direktors des HR waren es bundesweit etwas über 2.000 Farbgeräte, die meisten davon in den Schaufenstern und in den Fernsehanstalten ARD und ZDF.)

Erst Ende 1967 wurden an die hunderttausend (???) verkaufte Farbgeräte aufgelistet. Immer noch konnte nur jeder Zehnte zuhause in Farbe sehen. Grund: der Preis. Um zweitausendfünfhundert DM für ein solches Gerät.

Zum Vergleich: Der einfachste Volkswagen war für fünftausend DM zu haben. Einfache Schwarzweiß-Geräte gab es ab sechshundert DM.
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Die Anfänge mit Farbe waren merkwürdig - oder komisch ?

Anfänglich beschränkte sich das Farbprogramm auf wenige große Shows oder Live-Übertragungen. Nach dem offiziellen Programmschluss gegen Mitternacht konnten ab August 67 Besitzer eines Farbfernsehers ihr Gerät testen und abgleichen. Der WDR sendete aus seinem Farblabor in Köln-Marienburg die sich drehende Schale, in der ein Apfel, eine Birne und eine Banane in voller Farbenpracht erstrahlten.

Es brauchte viele Jahre bis zum Vollprogramm in Farbe. Letztes ständiges Schwarzweiß-Programm waren die Übertragungen aus dem Deutschen Bundestag. Für Farbkameras wurde mehr Licht gebraucht und einer Verdopplung der Scheinwerfer wollte das Hohe Haus vorerst nicht zustimmen.

Dass der Weg zum farbigen Tagesprogramm weit und steinig war, lag nicht an der Technik, sondern dem unqualifizierten „Herumeiern" der Entscheidungsträger.

Ende der 1966er auf einer WDR-Pressekonferenz hörte ich, dass jede Farbsendung besonderen farbdramaturgischen Gesetzten unterliegen würde, was von vornherein für viele Sendungen einen Ausschluss der Farbe bedeutete.

Eine Tagesschau mit Filmbeiträgen in Farbe wurde für immer ausgeschlossen, auch Politmagazinen wie Monitor oder Panorama aus dramaturgischen Gründen die Farbausstrahlung abgesprochen. Ich, seit Jahren mit Farbfilm vertraut, konnte damals nur den Kopf schütteln. Voller Unverständnis, warum so viele Eierköpfe Schwierigkeiten darin sahen, unsere farbige Welt farbig ins Wohnzimmer zu bringen.

Ist der Kommunismus wirklich eine Alternative?

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1964 - Mein Vater war in Leipzig an Lungenkrebs verstorben

Am 24. Februar 1964 verstarb mein Vater an Lungenkrebs, als Folge seiner Zwangsarbeit im Uran-Bergbau (Wismut) der Russen im Erzgebirge. Nachdem ich im Bonner Ministerium für gesamtdeutsche Fragen erfahren hatte, dass ich auf keiner Fahndungsliste zu finden war, "wagte" ich die Fahrt nach Leipzig zu Papas Beerdigung.

Mein Auto musste ich in Wolfsburg zurücklassen, West-Autos waren 1967 in der DDR unerwünscht. Der Personenzug nach Leipzig war nur von wenigen Personengruppen besetzt. Fast alle waren in Trauerkleidung, ein erschreckendes Bild.
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Ein Land, in das man nur fuhr, um Tote zu beerdigen.

Viele führten Kränze mit sich. Der DDR-Zoll in Marienborn war darauf vorbereitet. Alle mussten aussteigen. Im Bahnhof stand ein Ossi-Zöllner mit der Gartenschere neben einem anderen, dessen Kunststoffhandschuhe bis zur Schulter reichten. Ein Schnitt trennte den Kranz an der Oberkannte und die Arme des Handschuhträgers verschwanden in beiden Kranzhälften.

Eine Frau protestierte. Die Erwiderung des Ossis: „Noch ein Wort, und wir schicken Sie im Gegenzug zurück." Durch den Einschnitt hatten die Trauerkränze ihre Stabilität verloren. Es war duraus als bösartig zu bewerten. Mühsam brachten ihre Besitzer sie zurück in den Zug.

In Leipzig bedauerte ich, ohne Kranz gekommen zu sein. Die Blumengeschäfte waren bis auf rote Plastiknelken leer. Bei Blumen-Hanisch, inzwischen enteignet, wurde mir erklärt, bei Vorlage des Totenscheines könnte man Blumenschmuck besorgen, aber nicht in zwei Tagen.

In den sieben Jahren meiner Abwesenheit war meine Heimatstadt noch schmutziger und verwahrloster geworden. So leere Schaufenster gab es 1960 noch nicht. Als ich im HO-Fotoladen in der Hainstraße einen Kleinbildfilm kaufen wollte, wurde ich auf das nächste Quartal vertröstet. Nichts wie schnell zurück! Als ich in Wolfsburg in meinem Karmann Ghia saß, atmete ich durch und dankte meinem Gott, dass ich weiter im Westen leben durfte.
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Das Für und Wider und die kruden Ideologien

In linksliberalen Medien wie dem Spiegel oder dem Westdeutschen Rundfunk, von den Konservativen damals „Westdeutscher Rotfunk" genannt, hatte es sich schon 1967 angedeutet: Unsere satten freien Intellektuellen hatten endlich Zeit, über alternative Gesellschaftsordnungen nachzudenken.

Naheliegend: der Vergleich mit der DDR. In Ostdeutschland war die Macht der Banken und der kapitalistischen Konzerne mit sozialistischer Faust gebrochen worden. Im Gegensatz zur maroden Bundesrepublik, wo deren Einfluss immer stärker zu spüren war.

Unsere „Salon-Sozialisten" fanden, die Warenknappheit in den sozialistischen Ländern wäre eine echte Alternative zum Konsumterror im Westen.

Ihr Argument: Im Sozialismus wird nicht gehungert und nicht gefroren. Mehr sei nicht unbedingt notwendig. Müssen sich unsere Arbeiter wirklich verschulden, um im eigenen Volkswagen nach Italien zu fahren?

Es reicht doch ein Ferienplatz im Harz oder an der Ostsee, den die DDR-Gewerkschaften für kleines Geld verteilen. Und das alles ohne Sorge um die Kinder, die ohne größere Kosten im Pionierlager untergebracht sind. Schön, im Osten gibt es auch Negatives. Aber nur solange, wie diese junge Arbeiter- und Bauernmacht vom Kapitalismus bedroht wird.

  • Anmerkung : Manfred Romboy wußte wovon er spricht, denn das alles hatte er schon mal erlebt - damals bei der Hitler Jugend und unserem GROFAZ, dem großen Führer oder dem "größten Feldherrn aller Zeiten". Das lesen Sie alles viel weiter vorne in seiner Jugend-Biografie.

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Die Wirklichkeit in Vietnam führte zum Krieg

In Südvietnam hatten sich die Amerikaner auf einen unglücklich geführten Krieg eingelassen. Ihr Kriegsgrund: bis hierher und nicht weiter. Ein kommunistisches Regime für Südvietnam muss verhindert werden. Die Vietkong, eine von China und der Sowjetunion ausgerüstete Untergrundarmee, versuchte, aus Südvietnam einen kommunistischen Staatzu machen. Unsere „Aktivisten" erklärten die Amerikaner zu Okkupanten und die Vietkongzu Befreiern des vietnamesischen Volkes.
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Die „tapferen" 68er - wie ich sie erlebte

Wie kommt es, dass ich plötzlich über Zeitpolitik schreiben muss?

Mein 1968er-Kalender zeigt an fünfzehn Tagen den Vermerk „Studenten-Demo". Erster Eintrag: 1.2. Köln, letzter 18.10.1968 Köln. Dazwischen finden sich auch Ortsvermerke wie Düsseldorf, Bochum, Münster usw.

Es geht mir nicht um die Auflistung meiner Tätigkeit als filmischer Zeitzeuge. Nie war ich freiwillig dort, immer geschickt von der Redaktion.

Es geht um mein Entsetzen, Demonstranten zu begegnen, die voller Stolz rote Fahnen und Bilder Lenins, Liebknechts und Rosa Luxemburgs tragen.

Personen, die 1919 davon träumten, aus Deutschland eine Sowjetrepublik zu machen. Überwiegend waren allerdings Porträts von Ho Chi Minh, der als Anführer der Kommunisten Nordvietnams aus der freien Hälfte Vietnams einen kommunistischen Staat errichten wollte und Bilder des chinesischen Kommunistenführers Mao Tsetung, eines Massenmörders, der Millionen seiner Landsleute, vorwiegend der älteren, durch seine roten Garden demütigen, misshandeln und ermorden ließ.

Das waren also die geistigen Vorbilder der tapferen 68er-Studenten, deren Anführer ein politischer Wirrkopf namens Rudi Dutschke war. Ihn hatte das Pistolenattentat, ausgeführt von einem Verhaltensgestörten, in den „linken Adel" erhoben.

In dieser Zeit musste ich bei den Oberhausener Kurzfilmtagen, es wurde ein sowjetischer Kurzfilm über Land und Leute gezeigt, erleben, dass die Mehrzahl der Zuschauer plötzlich klatschend aufstand. Auf der Leinwand rollten dutzende von sowjetischen Panzern mit wehenden roten Fahnen an den Kanonentürmen.
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Wer konnte das besser beurteilen als ich, der ich aus solch einem gelobten Land geflüchtet = abgehauen war.

Als Flüchtling aus einer kommunistischen Diktatur konnte ich nur zitieren „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun".

Glücklicherweise waren Verständnis und Sympathie in der arbeitenden Bevölkerung für diese Generationsaufständler gleich null. In Westberlin, das durch die Amerikaner vorm Kommunismus bewahrt blieb, warfen Straßenpassanten faule Eier und Tomaten auf diese kleine aber gefährliche Minderheit.

Liest man heute über die verklärten 68er, könnte man denken, es waren viele. Nehmen wir Zahlen: Auf sechzig Millionen Bundesbürger kamen dreihundertdreißigtausend Studenten, höchstens zehn Prozent machten den Zauber mit. Bleiben dreißigtausend.

Die linksliberalen Medien erweckten einen anderen Eindruck. In der (inzwischen politisch einseitigen) Tagesschau waren bevorzugt Bilder zu sehen, in denen Wasserwerfer und Polizeiknüppel friedliche Studenten kujonierten. Der häufige Zuruf Berliner Passanten „Dann geht doch nach drüben" wurde neonazistisch interpretiert.
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Als sie keine Mehhreit bekamen, begannen sie mit Gewalt

Als 1969 gewählt wurde, erhielten CDU/CSU fünfzehn Millionen und die SPD vierzehn Millionen Stimmen. Oberwältigende Mehrheitsmeinung gegen den Kommunismus.

Es gab eine nicht zufällig in Berlin herausgegebene Boulevardzeitung, die im Springer-Verlag erscheinende BILD-Zeitung, die parteilich gegen diese Studentenbewegung und ihre politischen Ziele berichtete.

Die 68er antworteten mit brachialer Gewalt. Druckereien wurden verbarrikadiert und Austieferungsfahrzeuge angezündet, gelegentlich sogar Zeitungsverkäufer geschlagen. Wir wissen um das Ende dieser deutschen „Kulturrevolution".

Auf der Straße erfolglos ging der Kern in den Untergrund, ermordete Andersdenkende und finanzierte sich durch Banküberfälle: die Baader-Meinhof-Bande. Heute, nach dem weltweiten Bankrott der real-sozialistischen Systeme, ist häufig zu lesen, dass die 68er vor allem und erstmalig die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Generation ihrer Väter und der in ihrem Namen verübten Verbrechen gesucht "hätten".

Keine stimmige Rechtfertigung. Mehr als ein Dutzend großer Prozesse gegen Nazi-Mörder, an der Spitze der Frankfurter Auschwitz-Prozess, hatten vor 1968 stattgefunden.
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  • Anmerkung : Nicht vergessen dürfen wir, daß zum Tode verurteilte Nazi-Mörder dennoch begnadigt wurden - zu lebenslänglich und dann sogar 1952 freigelassen wurden.

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Schauen wir nach Paris ..... und es wurde nicht gesendet .....

Vielschichtiger war das Erscheinungsbild der Studentenunruhen in Paris. Reporter Heiko Engelkes, Kameramann Manfred Romboy und Assistent Hartmut Pitsch waren vom 21.5. bis 4.6.1968 für die Tagesschau in der französischen Hauptstadt dabei. Für uns waren das fast immer Zwölfstundentage.

Vormittags An- und Abfahrt der vietnamesischen und amerikanischen Delegationen zu den in Paris stattfindenden Friedensverhandlungen. Nachmittags Großdemonstrationen der kommunistischen Gewerkschaft CGT für höhere Löhne und bessere Lebensverhältnisse.

Oder Studentendemonstrationen, geführt von dem fragwürdigen Cohn-Bendit, den Engelkes des öfteren interviewte. Wir filmten in bestreikten Automobilwerken und der von den Studenten besetzten Sorbonne-Universität.
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Ein für mich erschütterndes Bild:

Überall hingen rote Fahnen (die ich ja zur genüge kannte), auch mit Hammer und Sichel, Bilder Maos und Ho Chi Minhs und der herumliegenden Mao-Bibel. Das sollen Zeichen einer Generation gewesen sein, die gegen ihre reaktionären Väter aufgestanden ist?

Nach dem Abendessen gingen wir zu bestimmen Seine-Brücken. Dort zog mit Einbruch der Dunkelheit jede Menge Polizei auf, um zu verhindern, dass Demonstranten vom Quartier Latin in die Innenstadt kamen.

Das Verhalten der Polizei mit ihren Wagen - also wie ich es leibhaftig gesehenhatte: ganz klar defensiv. Verhalten der Demonstranten: ganz klar offensiv.

Ich filmte, wie Straßenpflaster aufgerissen wurde und Pflastersteine auf Polizisten und ihre Fahrzeuge flogen. Je dunkler es wurde, um so mehr.

Ich drehte einen Studenten, der hinter einer Plakatsäule hervorstürmte und mit einem Molotow-Cocktail einen Polizeiwagen in Brand setzte. Solche und ähnliche Bilder gelangen mir an vielen Tagen. Auch das Ende wiederholte sich gleichförmig.

Gegen Mitternacht, die Provokationen hatten ihren Höhepunkt erreicht, erstürmten Polizisten die Barrikaden, ausgerüstet mit Schildern und langen Gummiknüppeln.
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Die Tagesschau war nicht mehr neutral - sie war einseitig

Jeden Tag hat Engelkes unsere Bilder der Hamburger Tagesschau angeboten. Nie wurden unsere Filme gesendet.

Hamburgs Interesse galt Bildern, auf denen Polizisten mit ihren Knüppeln diese armen wehrlosen Demonstranten zusammenschlagen. Es gab genügend kommerzielle Filmagenturen, die solches populistisches Material Abend für Abend anboten.
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Anmerkung / Kommentar zu den Demos bzw. Krawallen

Bei unseren abendlichen Gesprächen in den Jahren ab 2014 im Hause Romboy habe ich natürlich auch solche fast schon gefährlichen weil persönlichen Fragen gestellt : Wie würde sich denn der Kameramann entscheiden, wenn er solche Demos filmen soll oder muß ? Denn nur er schaut durch den Sucher und stellt den Ausschnitt ein. Ich (Baujahr 1949) bin ja ein Kind der 1968er Studenten gewesen und ich wußte ja aus meinen ZDF Zeiten schon, daß gerade der WDR deutlich rot angehaucht war.

Herr Romboy hat das ganz klar und eindeutig beantwortet. Wenn die Redaktion den Aufrag an das Kamera-Team formuliert, prügelnde Polizisten zu dokumentieren, dann hat der Kameramann als Dienstleister das auch so zu machen. Möchte eine andere Redaktion Steine werfende Randalierer dokumentiert haben, gilt das gleiche Gesetz des Dienstleisters. Er ist nicht befugt, seine eigene Meinung oder seine Auffassung darzustellen oder einzubringen.

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Abenteuer Freiballon

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Einmal Ballonfahren!

Schon als Kind hatte ich von ihren abenteuerlichen Fahrten gelesen: den Ballonfahrern. In einem großen Weidenkorb stehend, an dem dutzende Sandsäcke hingen, fuhren sie im wahrsten Sinne des Wortes in den Himmel. Nicht direkt zu Petrus, aber durchaus in Höhen bis zu dreitausend Metern.

In den Himmel gehoben wurde ihr Korb von einem bis zu zwanzig Meter umfänglichen Stoffballon, der mit Wasserstoffgas gefüllt war. Ballonfahrer wie der Ingenieur Berliner erstellten Rekorde.

Im Frühjahr 1914 startete er in Bitterfeld bei Leipzig mit seinem Ballon „Siemens Schuckert" und fuhr nonstop Tag und Nacht in vier Tagen bis nach Kirkischan in Russland, über dreitausend Kilometer.

Das Schlimmste, schrieben er und seine zwei Flugkameraden, sei die nächtliche Kälte gewesen. Die russischen Dörfler haben gewiss an Außerirdische gedacht, als nachts die unter dem Korb leuchtende Petroleumlampe über ihre Häuser zog.

Einmal Ballonfahren! Diesen Kindheitswunsch konnte ich mir durch meinen wunderbaren Beruf Kameramann zwischen 1961 und 1971 mehr als einmal erfüllen.

Nach meiner ersten Teilnahme an der „Eimermacher-Gedächtnisfahrt" am 8. Oktober 1961 wurde ich immer wieder von Ballonkameraden zu Wettfahrten eingeladen, natürlich mit dem Wunsch, dass ihr Sport in der Tagesschau erwähnt werde.
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September 1964 - eine Wettfahrt

Auf einer Wettfahrt, Startort Ennigerloh in Westfalen, feierte ich mit Pilot und Besatzung des Ballons „Stuttgart" am 13. September 1964 meinen 28. Geburtstag. Natürlich in tausend Meter Höhe. Die erhaltene Urkunde, dass ich aus diesem Anlass, getauft mit Sekt und Sand, zum" Grafen von Wettendorf" ernannt wurde, zeugt davon.

Gasballonfahren ist ein wunderbares Erlebnis, schon durch seine Stille. Im Korb hört man in ländlichem Gebiet auch in größerer Höhe das Gackern der Hühner und das Bellen des Hofhundes. Tiefer fahrend wird man von Ruhrgebietlern mit einem „Glückauf" gegrüßt.

Auch bei kräftigen Winden, das ist an Büschen und Bäumen zu sehen, herrscht im Ballonkorb Windstille. Wir gehören zu ihm. Er treibt uns vorwärts. Die Fahrtrichtung ist immer gleich der Windrichtung. Doch erfahrene Piloten wissen, dass höher oder tiefer andere Winde wehen können. Die zu benutzen kann zu einer anderen Fahrtrichtung führen.

Bei Wettfahrten werden mit dem Feldstecher die Konkurrenten beobachtet. Fahren andere schneller oder in bessere Richtung, dann nichts wie hin.

In deren Flughöhe ist günstiger Wind. Absolutes Rauchverbot im Ballonkorb. Aber volle Trinkfreiheit für lustige Männergesellschaften. Nach einigen Stunden kommt das Bedürfnis nach Wassererleichterung. Kein Problem. Dafür gibt es einen Trichter, dessen Schlauch unter dem Korb endet. Jeder Liter, der von Bord geht, lässt den Ballon ein wenig steigen. Vom Piloten stets begrüßt.

Fahren ist leicht. Landen eine Kunst, erst recht, wenn Landwind weht. Dosiertes Gasablassen führt zum Abstieg. Doch wieviel und wann? In jedem Fall Kopf einziehen und festhalten, nicht zu früh aber auch nicht zu spät den Korb verlassen, um das Halteseil zu packen. Bei einer Fahrt in Richtung Hannover erwischten uns über dem Teutoburger Wald kalte Böen. Um Höhe zu halten, warfen wir Sandsack um Sandsack. Endlich sahen wir Flachland mit einem Dorf. Wir waren zu tief. Der Korb kappte einen Schornstein und den gleichhohen Apfelbaum. Auf einer Wiese kamen wir zum Stehen.

Jemand verletzt? Alle verneinten. Ich spürte Nässe am Gesäß. Wie peinlich, habe ich mir in die Hosen gemacht? Doch die kontrollierende Hand zeigte Blutpuren. Ein Ast des Apfelbaums hatte mir ein Loch in den Hintern gerammt. Aber: Bagatellverletzung.
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Die Fahrt von Englands Küste nach Frankreichs Kreidefelsen

Dramatischer meine Teilnahme an einer rekordverdächtigen Fahrt von Englands Küste nach Frankreichs Kreidefelsen. Das hatte zuletzt ein Ballon vor fünfzig Jahren geschafft.

Der Grund des Problems: Nicht die Entfernung, sondern die Tatsache, dass der Wind zu neunzig Prozent von Frankreich nach Großbritannien weht. Deutsche Piloten hatten eine Idee und ich war am 27.8.1969 fünf Uhr morgens an Bord.

Zu Beginn eine normale Ballonfahrt für schöne Bilder. Alles ging gut. Im Anblick der französischen Kreidefelsen zwang ein kalter Wind zum Sandsackleeren.

Wir landeten zu früh, tausend Meter vom Strand entfernt mit dem Korb in die Nordsee. Vom Korb durch den Fall in die See entlastet, spannten sich erneut die Ballonseile. Hundert Meter fuhren wir weiter, dann wieder bis zu den Schultern im Wasser. Zehn Minuten lang "touch and go" bis zum Strand.

Zwei Schlauchboote des Rettungsdienstes versuchten, uns zu helfen. Erfolglos. Doch dann, ein harter Aufschlag im Sand, und Ruhe. Niemand war verletzt. Meine Ballonkameraden wurden ins nächste Hotel zum Relaxen gebracht. Ich telefonierte mit unserem Paris-Studio, um meine Fahrt nach Köln zu organisieren.

Die Tagesschau will mein Material. Französische Polizisten brachten mich zum Zug für eine Fahrt nach Paris. Dort wechselte ich, vorbereitet vom Studio Paris, den Bahnhof und fuhr 1. Klasse im TEE nach Brüssel. Dort wartete auf mich ein Motorradkurier, der die Filme nach Köln brachte. Wir konnten am selben Abend senden.

Ein Wunder, dass man mich in Paris in den Zug gelassen hatte. Dreimal kontrollierte der Zugbegleiter mein TEE-Ticket. Im Abteil bemühten sich andere Passagiere um meinen Rausschmiss. Nach wie vor trug ich die Ballonkleidung, mit der ich bis zu den Schultern in der Nordsee gelandet war. Meine Hose und Schuhe zeigten erhebliche Sandspuren und Algenreste. Wahrscheinlich ging von mir ein deftiger Seemannsgeruch aus.
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Mein Konflikt mit Herbert Wehner

Eine der charismatischsten Figuren der Politszene war der SPD-Abgeordnete und stellvertretende SPD-Vorsitzende Herbert Wehner. Der 1906 Geborene war ein Mann mit Vergangenheit. In der Vorkriegszeit Mitglied und Abgeordneter der kommunistischen Partei Deutschlands distanzierte er sich 1946 vom Marxismus und trat der SPD bei.

Seine Gedanken und sein Einfluss führten dazu, dass aus der linken Oppositionspartei SPD eine für große Teile der Bevölkerung wählbare Volkspartei wurde. Mit Beginn der 19sechziger Jahre übertrug das noch junge Fernsehen Stunden über Stunden die Debatten des Deutschen Bundestages.

Höhepunkte waren die Reden und Erklärungen Herbert Wehners. Der etwas skurrile kämpferische und voll engagierte SPD-Mann stand für eine Streitkultur, die es vor ihm und danach nie wieder in einem deutschen Parlament gegeben hat. Häufig musste der Bundestagspräsident Wehners Reden unterbrechen, um seine Kraftausdrücke zu rügen.

So machte er aus dem Geschäftsführer der CDU flugs einen „Geschwätzführer". Der CDU-Mann Todenhöfer wurde zum „Hodentöter" ernannt und aus dem CDU-Abgeordneten Wohlrabe machte er eine „Übelkrähe". Mit großem Hör- und Sehvergnügen hatten alle, auch ich, entweder im Bundestag oder am Bildschirm die Reden des zornigen SPD-Manns verfolgt, ohne zu ahnen, dass ich eines Tages, stellvertretend für alle Journalisten, Gegenstand einer Wehner-Attacke werden würde.

Herbert Wehner wurde Bundesminister

1966, im Kabinett Kiesinger, wurde Herbert Wehner Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Irgendwann forderte die DDR-Post einige Millionen Ausgleich für die vielen West-Pakete gen Osten, die sie vor allem um die Weihnachtszeit mit großem Aufwand zustellen musste. Der Gegenverkehr war winzig. Außer selbstgebackenem Christstollen und einigen Räuchermännchen aus dem Erzgebirge hatten die DDR-Leute nicht viel zu verschicken. Es gab da einfach nichts.

Wehner hielt die Forderung für rechtmäßig, aber seine Entscheidung wurde in den Medien hart kritisiert. Tagesschau-Reporter Harald Brand, Kameramann Manfred Romboy und Assistent Hartmut Pitsch trafen zu dieser Zeit im Ministerium auf einen wortkargen, schlecht gelaunten Hausherrn. „Ton ab, Kamera ab, Klappe."

Harald Brand stellte seine Frage. Als Wehner antwortete, sah ich unter meinem Stativ den Kamerastecker der Synchronverbindung zum Tongerät liegen. Mit einem deutlichen „Aus" und den Worten „Entschuldigung, Herr Minister, kurze technische Störung. Wir müssen mit der Frage neu anfangen" unterbrach ich die Aufnahmen.

Wehner stand auf, um meine Augenhöhe zu erreichen. Dann attackierte er mich wütend: „Ihre Entschuldigung nehme ich nicht an, Herr WDR. Sie machen mich zum Affen, der immer wieder reden soll. Und dann, einfach Entschuldigung." Ich: „Herr Minister, es war nur..." „Wenn ich rede, haben Sie zu schweigen und gefälligst zuzuhören! Alle sagen, wir, die Politiker, haben die Macht. Aber das ist gelogen. Die Macht liegt in Ihren und den Händen, die Ihren gleichen. Sie, mit der Macht der Presse, behandeln mich wie einen Popanz, eine Marionette, die sie nur an den Fäden ziehen müssen." Ich: „Herr Minister, ich möchte Sie bitten..."„Bitten? Sie müssen nicht bitten. Sie können verlangen. Machs noch einmal, zweimal, dreimal, viermal und ich mach' das. Warum? Weil Sie und Ihresgleichen die Macht haben. Nicht ich."

Wehner setzte sich wieder auf seinen Interviewplatz und sagte leise: „Schalten Sie wieder ein, ich mach'ja alles, was Sie wollen, einmal, zweimal, dreimal. Herr Brand, wie war die Frage?" Trotz meines Herzklopfens fühlte ich mich durch die Worte des zornigen alten Mannes geehrt.
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Kriminalität der Zukunft

Um die Mitte der 19sechziger Jahre veröffentlichte Kriminalrat Bernhard Wehner, seit 1954 Chef der Düsseldorfer Kriminalpolizei, Prognosen zu wahrscheinlich möglichen Entwicklungsformen der Kriminalität in der Bundesrepublik.

Titel: Die Kriminalität gestern, heute und vielleicht morgen. Wehner ging davon aus, dass früher oder später Kriminalitätsformen zum Beispiel der USA wie Drogen, Banden und Schusswaffengebrauch auch in der Bundesrepublik zum Problem werden könnten. Journalist Fritz Pleitgen, mit besten Kontakten zum NRW-Innenminister Willi Weyer, erkannte in Wehners Veröffentlichungen ein wichtiges und interessantes Dokumentarfilmthema.

Mit seinem WDR-Kollegen Heiko Engelkes entwickelte er einen Drehbuchrahmen. Was für einen solchen neunzig Minuten-Film für Bilder nötig wären und wie man sie realisieren könnte, wurde in Gesprächen mit mir abgeklärt. Noch ahnte ich nicht, dass mich dieses Thema von Dezember 1968 bis August 1969 permanent beschäftigen und auch meinen Alltag bestimmen würde.

Das liberale Schweden hatte als erstes Land in Europa große Probleme mit Drogen. Am 12. Dezember 1968 flogen Heiko Engelkes, Assistent Hartmut Pitsch und ich zum Thema „Kriminalität der Zukunft" nach Stockholm, um zu hören, zu sehen und wenn möglich, abzubilden, wie die Schweden mit ihrer Drogenkriminalität umgingen.

Neben einem Interview mit Stockholms Polizeipräsident filmten wir an Tatorten wie dem damals berüchtigten „Club 4", einem der Umschlagplätze für Rauschgifte. Trotz einer für 1968 sensationell modernen Fernsehanlage zur Überwachung des Bahnhofs war er nach wie vor Dealer-Treffplatz.

Bereitschaftsdienst der Kriminalwache des Kölner Polizeipräsidiums

Um dort unentdeckt filmen zu können, kaufte ich eine große Einkaufstasche, in die meine „Eclair"-Kamera reinpasste, um jeweils zehn Minuten lang arbeiten zu können. Ein in die Tasche geschnittenes Loch ermöglichte meinem Objektiv, Bilder einzufangen. Zur Abbildung der Drogentragödien drehten wir in einer Entzugsklinik.

Neben dem Alltagsgeschäft für die Tagesschau verbrachten wir vierzig bis fünfzig Nächte eingebunden in den Bereitschaftsdienst der Kriminalwache des Kölner Polizeipräsidiums. Bei Alarm fuhren wir, mein Assistent und ich, zu den möglichen Tatorten. Viele viele „Drehnächte" voller Langeweile. Entweder hatte den Alarm in Banken, Kaufhäusern oder Apotheken eine streunende Katze ausgelöst oder - bevorzugt in der Morgendämmerung - die Putzfrauen.

Hartmut Pitsch und ich waren froh, wenn Kameramann Hans Gersonde, das war unser zweites Team für Köln, ab und an für zehn Tage den Nachtdienst übernahm.

Zwei dramatische Ereignisse konnte ich in diesen Nächten erleben, aber nicht filmen. Ertappte Mitglieder einer Einbrecherbande, die wir mit Kamera und Akkuleuchte verfolgten, versuchten, mich von einem Hausdach zu stoßen, konnten aber durch den Warnschuss eines Polizisten gestoppt werden. Noch dramatischer der Vorfall während eines Ehestreites. Streifenpolizisten hatten den Kriminaldauerdienst in eine Wohnung zur Protokollierung einer Anzeige gerufen. Es ging um den Gewaltkonflikt „Frau gegen Mann".

Er sprach von einem Mordversuch, sie von einem Missverständnis. Wir vertrauten der Hausfrau, die versprach, einen Kaffee aus der Küche zu holen, um die Gemüter zu beruhigen. Doch sie erschien mit einer Axt die, nur um Zentimeter den Kopf ihres Manns verfehlend, die Tischplatte spaltete.
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In unserem Bundesland gab es außerdem Kaufhausdiebe, Moped-Banden und Zuchthäuser wie das in Werl zu filmen. Symbolisch für das Anbrechen einerneuen Zeit drehten wir die Sprengung des hundertdreißig Jahre alten Kölner Innenstadtgefängnisses „Klingelpütz". Bilder von der Arbeit der Erkennungsdienste und Polizisten auf dem Schießstand waren ebenfalls notwendig. Dann folgte eine Woche Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt Prostitutionskriminalität in der berüchtigten Moselstraße.
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  • Anmerkung von Gert Redlich : Bezüglich Moselstraße (und Kaiserstrasse) in Frankfurt im Bahnhofsviertel kann ich auch eine Geschichte mit einfließen lassen. Kommt noch.

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Und wieder USA

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Kriminalität und ihre Bekämpfung in den USA

Vom 30. März bis 20. April 1969 versuchten Fritz Pleitgen, mein tüchtiger Assistent Gerd Weiß und ich Kriminalität und ihre Bekämpfung in den USA abzulichten.

Unsere Drehorte waren Los Angeles, New York, Washington DC, Baltimore, Maryland, San Francisco und Chicago. Neben den obligaten Stadtbildern drehten wir auch in den Polizeirevieren der sozialen Brennpunkte und fuhren mit auf Streife.

Anders als bei uns stoppten Fahrzeuge sofort, wenn der Streifenwagen Rotlicht und Signalton gab. Der zuerst ausgestiegene Polizist wahrte Abstand und sicherte mit gezogenem Revolver schussbereit seinen kontrollierenden Kollegen. Fahrzeuginsassen wurden nacheinander auf Waffen abgetastet, zum Ausladen des Kofferraums aufgefordert oder wieder zurück in den Wagen geschickt.
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Es gab mit den Polizisten keinerlei Diskussionen

Mit den Kontrollierten gibt es dabei keinerlei Diskussionen. Sie durften nur antworten. Straßenpassanten hielten sich prinzipiell raus und gingen einfach weiter. So unter anderem sonntags vormittags mitten in Hollywood erlebt.

Kontrolliert wurden gut gekleidete junge Männer in einem Hochpreisauto. Für Kontrollen in „high crime areas" galten andere Regeln. Immer drei Streifenwagen und eine andere Bewaffnung der sichernden Polizisten. Statt des Revolvers trugen sie eine gewehrartige Shotgun mit einem großen Laufdurchmesser, die eine Art Schrotkörner verschießen konnte.

Die Anzahl getöteter Polizisten in den USA war beachtlich. Im Vorraum jeder Stadtwache war eine Tafel mit vielen Namen installiert, darüber die Inschrift: „Killed in the line of duty."

Bei unseren nächtlichen Gesprächen im Polizeiwagen, „wofür, für wen, woher" war Köln als Stadt unbekannt. Erwähnten wir für die Zuordnung den „Rhine River", wussten alle Bescheid und sagten: like Rüdesheim.

Ausgenommen ein Reviervorsteher, der zeichnete an die Tafel den Rheinverlauf mit seinen Krümmungen und die zwei Kölner Stadthälften. „Sorry, I only saw Cologne form the air. I was a pilot in the Air Force bomber squad."
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Pleitgen war sehr rührig

In Gesprächen mit Sozialarbeitern, Wissenschaftlern und Slum-Bewohnern versuchte Pleitgen zu ermitteln, was eventuell auf die Bonner Republik zukommt. Mit Mordkommission und Drogenfahndern, die mit Vorschlaghämmern und Rammböcken Türen öffneten, fuhren wir zu Tatorten.

Außerdem filmten wir in Gefängnissen, die in der Realität schlimmer wirkten als in den einschlägigen Hollywoodfilmen. Pleitgen interviewte einen Massenmörder, der im Auto mittags durch eine Stadt gefahren war, nur um Menschen zu töten.

Bei Aufnahmen im Januar 1969 zu einem Raubmordfall in Düsseldorf wurde ich kurioserweise zum Mitglied einer Mordkommission. Um authentische Aufnahmen von Tatorten und Tat-Rekonstruktionen zu erhalten, war, aus rechtlichen Gründen, nur dieser Weg möglich.

Nach einer Schweigepflichtserklärung durfte ich unter lautem Protest der auf der Straße wartenden Pressekollegen gemeinsam mit der Mordkommission an den Tatort, zuerst ohne, später mit dem inzwischen ermittelten Täter.

Außer dem Staatsanwalt, den Mitgliedern der Mordkommission und mir hatte niemand Zugriff auf die Filmaufnahmen und keiner dufte sie sehen. Später wurden kleine Teile meiner Bilder für den WDR freigegeben, achtzig Prozent verblieben bei der Staatsanwaltschaft.
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Mein Freund Hartmut Pitsch

Es wird Zeit, über einen Mann zu schreiben, der mein Berufsleben und darüberhinaus auch mein Privatleben weit über ein Jahrzehnt begleitet hat: Hartmut Pitsch. Der 1944 Geborene, also acht Jahre jüngere, wurde 1964 mein fester Assistent.

Pitsch hatte nach seiner Schulzeit eine Fotografenlehre abgeschlossen und seiner Bundeswehrpflicht genügt, als er zum WDR kam. Bekannt wurde ich mit ihm über seinen Vater Wilhelm Pitsch, Chefsprecher des WDR, der bisweilen als Sprecher für Sonderberichte der Tagesschau tätig war.

Basis unserer so langen Zusammenarbeit war neben seiner soliden Fotoausbildung und der dadurch gegebenen Möglichkeit, ihn mitunter als Ko-Kameramann einzusetzen, auch die Tatsache, dass wir uns deutlich im Temperament unterschieden. Während ich kontakt- und redefreudig war, zählte er zu den Stillen, den so leicht niemand aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Auch ich nicht.

Innerlich war er ausgewogen, sich selbst der beste Freund und auf Außenkontakte nicht angewiesen. Die Aufgaben eines Assistenten an der Filmkamera im Bereich der aktuellen Berichterstattung und des Dokumentarfilms beschränkten sich nicht auf die Einsatzbereitschaft der Ausrüstung und das Einlegen der Filmrollen in die Kassetten.

In vielen Situationen war er auch verantwortlicher Tontechniker. Zu unserer Standardausrüstung gehörten zwei 16mm „Arriflex"-Kameras. Bei parallelen Ereignissen wurde der Assistent zum zweiten Kameramann.

Gelehrige Assistenten waren nach wenigen jähren qualifiziert genug, ihren Kameramann zu ersetzen, vorausgesetzt, es bestünde Bedarf. Viele Assistenten mussten frustriert bis zu zehn Jahre auf ihre Beförderung zum Kameramann warten. Dass ich acht Jahre älter war als Pitsch dämpfte später sein Gefühl, benachteiligt zu sein. Er war ohne Frustrationsanzeichen bereit, an meiner Seite auf seine Beförderung zu warten.

Eine lange echte Freundschaft

In den ersten Jahren mit Hartmut Pitsch war ich väterlicher Freund, der einem jüngeren Mann tagtäglich zur Seite stand, auf den ständigen Dienstreisen nach Brüssel oder Paris auch über den Arbeitstag hinaus.

Viele Filmteams gingen abends zu Skat oder Billard in die nächste Kneipe. Meine Eigenheit war es, abends oder nachts - wann sonst - Städte zu erkunden. Hartmut schloss sich mir aus freien Stücken an. Zuerst suchten wir ein passendes Restaurant zum Abendessen, danach erliefen wir uns mit und ohne Stadtplan die jeweiligen Sehenswürdigkeiten.

Die Seine-Brücken, Notre Dame, den Eiffelturm oder Sacre-Coeur haben wir bei Erstbesuchen ohne Touristen erlebt. Gegen 23.00 Uhr oder später lagen diese schon in den Hotelbetten oder feierten in Nachtlokalen. Unvergessen die gemeinsame Eroberung des nächtlichen Roms. Dienstlich hatten wir von der Ewigen Stadt, wir filmten vom 23.5. bis 30.5.1970 eine Nato-Konferenz, nichts gesehen. Aus Sicherheitsgründen war die Konferenz in ein Messegelände am Stadtrand verlegt worden. 9.00 Uhr morgens filmten wir den Konferenzbeginn, spätabends Bilder und Interviews der Tagesergebnisse. Tagsüber in Bereitschaftsdienst, so eine Konferenz konnte ja auch mal platzen, hockten wir gelangweilt in irgendeinem Pressezimmer.

Am dritten Tag war uns das zu bunt. Nach dem Abendessen, gegen 22.00 Uhr, riefen wir eine Taxe und fuhren ins Zentrum. In einer gut temperierten Nacht erliefen wir uns ein menschenleeres Rom, saßen ohne Touristen auf der Spanischen Treppe, gingen weiter zum Forum Romanum und dem Kolosseum, natürlich auch zum Trevi-Brunnen. Alles zu Fuß. Als der Morgen graute, standen wir, von der Engelsburg kommend, in der Vatikanstadt unter den Arkaden vor dem Petersdom.

Das Verhältnis Romboy/Pitsch hat sich im Verlauf der Jahre verändert. Vom väterlichen Freund war ich zum Freund geworden. Nahezu täglich zusammen, teilten wir mitunter Freuden und Sorgen. Ich erzählte von meinen, er von seinen Liebschaften. Meine Freundin Karna begleitete uns zu verschiedenen Drehorten, seine hübsche kleine Freundin Christa nahmen wir mit nach Paris. Bald darauf hat er sie geheiratet.

Im Verlauf der Jahre saß dann meine hübsche kleine Vera mit im Teamwagen, die ich wiederum bald darauf heiratete. In den frühen achtziger Jahren trennten sich unsere Wege. Hartmut Pitsch ging als Kameramann ins Studio Bonn und ich ins ARD-Studio nach Moskau. Aber das ist eine andere Geschichte. Unsere Freundschaft blieb bis zu seinem Tod im Sommer 2020 erhalten.
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1970 - Zum Erdbeben in die Türkei

Ostersonntag 1970 hörte ich in den Morgennachrichten von einer Erdbebenkatastrophe in der Türkei. Betroffen war die Provinz Kütahya in Ost-Anatolien. Ein Erdbeben der Stärke sieben hatte Städte, Dörfer und Eisenbahnlinien zerstört. Mit einer hohen Zahl von Opfern sei zu rechnen. Privat rief ich Fritz Pleitgen an.

Auch er war der Meinung: Da müssen wir hin. Der gut vernetzte Pleitgen telefonierte am heiligen Ostersonntag mit Verteidigungsminister Helmut Schmidt, der mobilisierte das Transportgeschwader der Bundeswehr in Uetersen. Auf dem Flug in die Türkei landete am Ostermontag eine „Transall"-Maschine der Bundeswehr mit einem Notlazarett an Bord auf dem Militärteil des Flughafens Köln-Bonn.

Grund: Ein Team der Fernsehtagesschau wird zusteigen. Kaum an Bord, startete der große Vogel und flog über Griechenland in die Türkei. Die „Transall"-Passagiere waren Fritz Pleitgen, Manfred Romboy und Assistent Hartmut Pitsch. Außer seiner Bild- und Tonausrüstung verfügte das Tagesschau-Team über Bargeld in Höhe von eintausendfünfhundert DM.

Dabei handelte es sich um die gesamten Ersparnisse der Rentnerin Gertrud Romboy. Meine Mutter hat diesen Tagesschau-Einsatz vorfinanziert. Ostermontag war nicht nur die WDR-Kasse geschlossen, sondern auch alle Banken und Sparkassen.

Die heute selbstverständlichen Geldautomaten waren noch nicht erfunden. Ohne Geld in die Türkei zu reisen, war selbstverständlich ausgeschlossen. Mutter hatte ihre Altersersparnisse auf einem Postsparbuch und das Postamt im Kölner Bahnhof auch feiertags geöffnet.
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Landung in der Provinzstadt Eskisehir

Montagabend landeten wir in der Provinzstadt Eskisehir. Nähere Flugplätze hatte das Erdbeben zerstört. Keiner der zahlreichen Taxifahrer war bereit, uns in das zweihundert Kilometer entfernte Erdbebengebiet zu fahren. Erst als Fritz Pleitgen anfing, mit blauen Hundertmarkscheinen zu wedeln, fand sich der Besitzer eines schrottreifen Mercedes 170 bereit, die Risikofahrt einzugehen.

Natürlich gegen Vorkasse. Die ersten drei Stunden auf den türkischen Landstraßen kamen wir zügig voran. Dann zwangen die ersten zerstörten Brücken zu riesigen Umwegen. Mehrmals musste Pleitgen Fünfzigmarkscheine nachlegen, um den Fahrer zur Weiterfahrt zu bewegen. Als der erste Straßenriss, circa 10 cm breit, zu sehen war, halfen keine Geldscheine mehr. Wir mussten ausladen und ihn ziehen lassen.

Für die nächsten zwei Kilometer fand sich ein Bauer mit Eselskarren, der uns samt Stativ, Kamerakoffern und Tongerät in sein teilzerstörtes Dorf mitnahm. Während ich erste Bilder zerstörter Häuser und notdürftig verbundener Menschen drehte, feilte Fritz Pleitgen am Text seines Erdbebenstatements. Gegen acht Uhr morgens verließ uns Pleitgen mit zwei belichteten dreißig Meter-Rollen Film und einem Tonband in der Umhängetasche, um sich nach Eskisehir durchzuschlagen.

Sein Ehrgeiz: Als erster Erdbebenbilder in die Tagesschau und ins europäische Fernsehen zu bringen. Nach dem Motto „nur wer zuerst Material hat, sendet". Als wir später hörten, dass er die abenteuerliche Reise gegen die Zeit gewonnen hatte, waren wir stolz auf unsere gemeinsame Reportageleistung.

Pitsch und ich blieben vor Ort und gelangten mit Hilfe von Fahrzeugen der türkischen Armee weiter nach Gediz, der am schlimmsten betroffenen Stadt, und filmten, was das Zeug hielt. Waren immer unter Zeitdruck. Nachrichtenfilme vertragen keine Hegezeit, müssen zeitnah zum Sender.

Mit unserer Ausbeute, dreihundert Meter 16mm Film, schlugen wir uns mit Hilfe von Armee und Fahrzeugen des Roten Halbmondes zum nächsten Flugplatz durch. Am Donnerstag, den 2. April, vier Uhr morgens, landeten wir in Köln. Unsere Filme waren immer noch aktuell. Um 1970 erreichte die 20.00 Uhr-Ausgabe der Tagesschau durchschnittlich fünfundzwanzig Millionen Zuschauer.
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Und nochmal ins Erdbebengebiet

Am 7.4.1970 flogen wir erneut ins Erdbebengebiet. Pleitgen hatte inzwischen den Auftrag für einen Sonderbericht erhalten. Wieder starteten wir mit einer „Transall". Diesmal voll beladen mit Rettungsgeräten des Technischen Hilfswerkes. Uns begleitete Eberhard Aug, ein Fotograf der Zeitung „HörZu", der eine Reportage über die Arbeit der Tagesschau-Teams plante.

Wir drehten Bergungs- und Rettungsmaßnahmen in den Orten Gediz und Emet und in entlegenen Dörfern, die das erste Mal von Helfern erreicht wurden. Gezählt wurden später weit über tausend Tote und achttausend Obdachlose. Auf einer Dorfwiese erhielten Pitsch und ich unsere erste Erdbeben-Feuertaufe.

Von türkischen Soldaten hatten wir Brotfladen erbettelt und Wasser aus einem Bach geschöpft. Nun saßen wir zum Picknick auf unseren Kamerakoffern. Leise grollte die Erde. Unsere Sitzgelegenheiten bewegten sich kreisförmig hin und her, als säßen wir auf einem überdimensionalen Wackelpudding. Ein starkes Nachbeben hatte uns erwischt. Für uns gefahrlos. Auf dem Rasen sitzend, ohne Häuser oder Bäume, die uns bedrohten, konnten wir dieses Naturschauspiel erleben.

Den stundenlangen Rückflug in der „Transall" verbrachte ich unter der Vorderachse eines THW-Fahrzeuges. Der Nachtflug war kalt. Unter dem LKW hatte ich einen warmen Luftstrom gefunden. So ging mein erster Erdbebendreh zu Ende. Einige Jahre später habe ich Ähnliches noch einmal in Italien erlebt. Als Ergebnis der Arbeit unseres Fotografenkollegen Eberhard Aug erschien unter dem Titel „24 Stunden Arbeit für eine Minute Film" in einer der Mai-Ausgaben der Zeitschrift „HörZu" eine reich bebilderte Farbseite über unsere Filmarbeit in Ostanatolien.
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Wieder nach Paris

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Fritz Pleitgen wechselt nach Moskau

Mit Beginn der siebziger Jahre hatte sich auch in der Tagesschau-Redaktion Köln einiges verändert. Mein langjähriger Reportage-Kollege Fritz Pleitgen wechselte als Russland-Korrespondent nach Moskau.

Meine neuen Drehpartner wurden Harald Brand, er kam wie Pleitgen aus der ostwestfälischen Zeitungslandschaft und Dr. Peter Bauer, der vorher bei WDR 3 für die Sendung „Zum Tage" tätig war. Es gab auch technische Veränderungen.

Fünf Jahre nach der Markteinführung zwischen 1956 in den USA und 1958 beiuns in Baden Baden)standen in Hamburg genügend Videoaufzeichnungsgeräte „Ampex" zwei Zoll zur Verfügung. Nun konnten wir öfters in Köln entwickeln, schneiden, vertonen und nach Hamburg überspielen und ohne Qualitätsverluste senden. Flugzeugversand nach Hamburg verlor damit an Bedeutung. Ab 1970 filmten wir auch für die Tagesschau in Farbe. Für viele Kameramänner eine große Herausforderung.

Mit Messgeräten für Farbtemperatur mussten Farbfilter bestimmt werden, um sie vor das Aufnahmeobjektiv zu setzen. Fehlentscheidungen führten zu „Tomatenköpfen" oder wasserleichenähnlichen Hautfarben unserer Protagonisten. Bei solchen Ausreißern spöttelten wir über das Kollegenmaterial: „Das stammt sicher aus der blauen Periode des Meisters."
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Heiko Engelkes geht nach Paris

Nach Pleitgens Weggang stand der frankophile Heiko Engelkes in den Startlöchern nach Paris. Mit ihm begleitete ich Bundeskanzler Willy Brandt am 25.1.1971 nach Colombey-les-Deux-iglises. Vor der Weiterfahrt nach Paris ehrte Brandt durch eine Kranzniederlegung den im November 1970 verstorbenen Charles de Gaulle.

Am 24.10.1971 ging es wieder mit Engelkes nach Paris, diesmal begleiteten wir den Generalsekretär der Sowjetunion, Leonid Breschnew, bei seinem Staatsbesuch in Paris und Frankreich. Die üblichen Bilder im Elysee-Palast bei Staatspräsident Pompidou, Empfänge und Besichtigungen. Beim Besuch der Renault-Werke wurde Breschnew, dem Autofan, eine 16TS-Limousine geschenkt.
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Die englische Königin in Paris

Ein Jahr später, 1972, gab es den nächsten Staatsbesuch, den ich mit Engelkes filmte. Es war die Begleitung der englischen Königin in Paris und die anschließende Reise Elisabeth II. nach Avignon und Marseille.

Die übliche Hofberichterstattung zwischen dem 14. Und 19. Mai 1972 in Frankreich. Wir Journalisten flogen parallel und landeten jeweils vor der Königin, um deren Ankunftsbegrüßung zu filmen. Die Air France ließ sich auch für die Journalisten nicht lumpen. An Bord war Erster Klasse-Service. Eine Rose in Silbervase und ein Silberbesteck mit der Gravur „Air France" und einem Flugzeug versehen zierte jeden Platz.

Als Mittagessen ein Menü mit allen Gängen feinster französischer Luft-Küche. Dazu wurde natürlich Champagner gereicht. Es war nur eine kurze Strecke und schon wurde der Landeanflug auf Avignon angekündigt. Als Andenken liebäugelte ich mit dem silbernen Teelöffel, wegen des Air France-Zeichens.

Als ich darüber mit Engelkes redete, setzte der sein Gouvernanten-Gesicht auf und erinnerte an unser Image als Repräsentanten des Deutschen Fernsehens. Ein französischer Fotograf, der bei der Landung an unserem Sitz vorbeidrängelte, zeigt auf unsere Silberbestecke mit der Frage, ob wir die noch brauchten.

Nach unserer Verneinung verschwanden sie samt der Air France-Servietten in seiner Fototasche.
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Der letzte gemeinsame Staatsbesuch

Der letzte gemeinsame Staatsbesuch in der Kombination Engelkes-Rom-boy-Pitsch begann am 20.1.1973, als wir Bundeskanzler Willy Brandt nach Paris begleiteten. In dieser Zeit endete meine Zusammenarbeit mit dem von mir geschätzten kultivierten Heiko Engelkes, der 1974 als Frankreich-Korrespondent nach Paris ging. Seine Frankreich-Affinität wurde letztendlich von den Franzosen erkannt und belohnt: 1987 wurde er verdienterweise Ritter der Ehrenlegion.
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1971 - 1973 - USA- und Afrika-Reportagen

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1971 - die Lufthansa hatte zwei McDonnell Douglas „DC10" bestellt

Erfreulich auch für mich war die Reisefreudigkeit der beiden neuen Reporterkollegen Harald Brand und Peter Bauer. Auch sie nutzten jede Gelegenheit, dem Arbeitsalltag - Berichterstattung aus Nordrhein-Westfalen - zu entkommen. Mit Harald Brand flog ich am 26. Juli 1971 über London und Grönland nach Los Angeles und Long Beach zur Besichtigung der McDonnell Douglas-Flugzeugwerke.

Einlader dieser Pressereise war die Lufthansa. Sie hatte zwei Großflugzeuge „DC10" bestellt. Angesagt war auch ein Weiterflug nach Arizona. Dort wurden die Lufthansa-Piloten für den neuen Maschinentyp geschult.

Als sogar auch die Kamele verhungerten

1973 war das Jahr der bis dahin größten Dürre-Katastrophe in der Sahelzone. Schon Ende der sechziger Jahre hatten die ersten Bauern in Obervolta, dem Tschad und Niger ihre Dörfer verlassen müssen, weil die jährliche Regenzeit ausblieb. Inzwischen war das Leben von fünfzig Millionen dort lebender Menschen bedroht.

Es waren vor allem Bilder der Fotografen und Kameraleute, die halb verhungerte Männer, Frauen und spindeldürre Kinder zeigten, die weltweite Hilfsaktionen auslösten. Die einsetzende Spendenflut ermöglichte es, Mais, Milchpulver und Saatgut zu kaufen. Den Transport zu den Betroffenen übernahmen die Geschwader des europäischen und amerikanischen Militärs.

Peter Bauer und ich flogen zuerst nach Paris und von dort nach Niamey, der Hauptstadt von Niger. Am 25. August 1973, vier Uhr morgens, landete unsere Maschine in Afrika. Schon am Sonntag saßen wir in einem Armeelastwagen, der mit Hilfsgütern beladen auf der Fahrt nach Oullam, einem großen Verteilerzentrum, war. Von dort war es möglich, viele Flüchtlingslager zu erreichen.

Unvergessen die von mir gefilmten Elendsgestalten, noch ergreifender die unzähligen Kindergräber Hügelchen an Hügelchen im Wüstensand rund um die Flüchtlingsunterkünfte.
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Aus zwanzigtausend Einwohnern sind hundertzwanzigtausend geworden

In Niger war vor allem das Nomadenvolk der Tuareg betroffen, stolze groß gewachsene Männer mit ihren Frauen, die in normalen Zeiten gehüllt in tiefblaue Gewänder, das Schwert an der Seite, mit ihren Rinderherden von Wasser- zu Futterstellen durch die Wüstenregionen zogen.

Ihre Tiere mussten sie Stück für Stück ausgehungert und verdurstet als Kadaver zurücklassen. Nun waren diese stolzen Afrikaner, reduziert auf die Rettung ihres eigenen Lebens, auf fremde Überlebenshilfe angewiesen. Viele Tuareg-Lager haben wir besucht in der Hoffnung, dass auch unsere Filme dazu beitragen, die Hilfsbereitschaft in Europa aufrecht zu erhalten.

Am 28. August flogen wir mit einer Transportmaschine der belgischen Luftwaffe in das zweitausend Kilometer entfernte Agadez. Beeindruckend die große Moschee, errichtet aus Lehm, Stroh und Holz, wie die meisten Bauten, die wir in dieser Stadt 1973 sahen.

Vieles wird sich inzwischen verändert haben. Aus den damals zwanzigtausend Einwohnern sind hundertzwanzigtausend geworden. Auch in Agadez waren Verteilerstellen und Flüchtlingslager errichtet worden. Die Flüchtlinge der Sahelzone hatten ihre Regionen verlassen, um dem Hungertod zu entkommen.

Das Flüchtlingselend und der Sprachgebrauch der Soldaten

Heutiges Flüchtlingselend hat vielschichtigere Gründe wie religiöse, rassistische oder Kriegshandlungen als Fluchtmotiv. Oder die Hoffnung, in Europa, besonders in Deutschland, bessere Lebensverhältnisse zu finden. Als wir in der Altstadt von Agadez filmten, wurden wir gegen unseren Willen stets von einer immer größer werdenden Gruppe von Kindern begleitet; für die waren die zwei Männer mit ihren Kameras eine Attraktion.

Ein Jugendlicher - er hatte herausgefunden, dass wir Deutsche waren - gab uns das Zeichen, ihm zu folgen. An einer der Lehmhütten stand ein Bronzeschild: „Hier wohnte vom 9. bis 30. August 1850 der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth auf seiner Reise nach Timbuktu."

Auf dem Wüstenflugplatz Agadez trafen wir auf Soldaten der Bundeswehr, die mit ihren „Transall"-Maschinen Hilfsgüter in entfernte Orte lieferten. Meist Getreidesäcke aus den USA. Natürlich flogen wir mit. Auch das musste gefilmt werden.

Im Deutschland der Nachkriegszeit war das Wort Neger umgangssprachlich nicht diskriminierend besetzt. Anders das englische „Nigger". Um das ähnlich klingende Neger zu vermeiden, hatten unsere Luftwaffensoldaten eine eigene Sprachregelung gefunden.

Männliche Afrikaner nannten sie „Briketts", die Frauen „Eierkohlen" und die Kinder wurden zu „Eierköhlchen". Es klang für uns befremdlich, wenn nach der Belieferung einer bedürftigen Dorfgemeinschaft der Feldwebel mit diesen Bezeichnungen Meldung machte.

Der fürsorgliche Umgang unserer Soldaten mit den Afrikanern und im Besonderen mit den „Eierköhlchen"zerstreute unsere Bedenken. Ich bezweifle allerdings, dass diese interne Sprachregelung in Absprache mit dem Bonner Verteidigungsministerium zustande kam.

„Heute wird nicht geflogen, wir fahren."

Über der Wüste Nigers gab es im Sichtflugbereich keine Radarüberwachung oder Fluglotsen. Die Piloten genossen und nutzten diese seltene Bewegungsfreiheit ihrer großen schönen Vögel.

Eines Morgens sagte der Pilot: „Heute wird nicht geflogen, wir fahren." Gemeint war absoluter Tiefflug über den mittelhohen Sanddünen; für uns alle ein nicht gekanntes Flugvergnügen.

Als ich dem Piloten mitteilte, wir hätten durch unseren Luftstrom einige Hüttendächer beschädigt, beschloss er die sofortige Wiedergutmachung. Nach einer Wendeschleife flogen wir noch tiefer und öffneten in gebührendem Abstand zu den Hütten die große Heckklappe und warfen zwanzig Maissäcke und Pakete mit Wolldecken ab. Fröhliches Winken dutzender Hände quittierte diese Entschädigung. Als Antwort wippten wir mit den Flügeln.

Mit der „Transall" flogen wir auch ins nigerianische Kano und in Versorgungsgebiete bei Arlitt. Weiter ging es nach Telua. Zurück in Agadez, flogen wir nach Niamey und nach einem Besuch der Deutschen Botschaft in zwei weitere Flüchtlingslager der Tuareg. Am 3. September 73 unser Rückflug über Paris nach Köln.
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Neu zur Tagesschau gekommen - Peter Bauer

Es war meine erste Dienstreise mit dem neu zur Tagesschau gekommenen Peter Bauer. Der gleichaltrige Reporter zeigte sich erfreut neugierig auf fremde Länder, fremde Kulturen und fremde Menschen. Seine Freude an Neuem teilte sich mit mir und bereicherte diese und viele andere Reportage-Reisen, die wir in insgesamt fünfzehn Jahren unternahmen.

Irgendwann witzelte ich, falls mir die „Märchenfee" eine Weltreise schenken würde, müsste ich Peter Bauer mitnehmen. Seine Freude an einer solchen Reise würde die meine verdoppeln.
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