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„Führer und Verführte" - ein Buch aus dem Dezember 1945

Der Autor Hans Windisch hat nach den Aufzeichnungen seiner Vita bereits 1940 angefangen, sein Wissen um die Machenschaften der Clique (Horde) um Adolf Hitler und die Publikationen in den reichsdeutschen Medien aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen sind den Zetteln des Albert Speer in seiner 20-jährigen Haft in Spandau wiederum sehr ähnlich. Auch die Aufzeichnungen des Dr. Eugen Kogan in seinem Buch „Der SS-Staat" beschreiben die nahezu unbekannten Seiten des Hitler Regimes. Sollten Sie hier auf dieser Seite gelandet sein, beginnen Sie bitte hier mit der Einleitung.

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UNTER DER HUNDEPEITSCHE

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„Das deutsche Volk hat das große Glück, in mir einen Führer zu besitzen, der in der Geschichte einmalig ist." Aus einer Rede an die Generale.

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War die Katastrophe wirklich „Verrat", „Sabotage" ?

Es gab ein weitverbreitetes Bildnis des einstigen Führers der deutschen Nation, das ihn mit einer Hundepeitsche zeigte. Die Symbolik dieses Bildes scheint vielen Deutschen nie oder doch zu spät aufgegangen zu sein. Man muß dies vorausschicken solange sich noch Unbelehrbare finden, die die Katastrophe umdeuten in „Verrat", „Sabotage".

Dazu ist rechtzeitig zu sagen: Wenn ein derartiger materieller und personeller Aufrüstungs-Aufwand dennoch zu einer derartigen Niederlage geführt hat, so ist es gewissermaßen menschlich verständlich, wenn die Betroffenen nach Ursachen außerhalb ihrer selbst suchen, genauer: wenn ihr Schamgefühl sich in die Ausrede rettet. 1918, als wirkliche Feldherren nur noch ein Gemetzel zu verhüten hatten, waren wir „im Felde unbesiegt" *12).

  • *12)  In diesem Zusammenhang mag an Folgendes erinnert werden: Hindenburg und Ludendorff forderten sofortigen Friedensschluß. Es war nichts mehr zu retten. Nur ein Mann, ein Nichtmilitär, war bereit, den verzweifelten und von vornherein hoffnungslosen Versuch auf sich zu nehmen, eine "levie en masse" zu organisieren. Es war keiner der späteren Straßen- und Versammlungspatrioten des Dritten Reiches. Es war ein Jude. Der Großindustrielle Walter Rathenau. Berufsmäßige Patrioten ermordeten ihn 1922.

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Ein Regime mit der Hundepeitsche

Diesmal und nachdem ein militärischer Dilettant Deutschland endgültig zugrundegerichtet hat, hört man „Verrat", „Sabotage" - also die nächstliegende und unbestimmteste, man darf sagen geistloseste Entschuldigung, die sich denken läßt. Richtig hieran ist:

Von vornherein mußte ein Regime mit der Hundepeitsche und mußten Menschen dieser Beschaffenheit Verräter geradezu erziehen und zwar sowohl solche, die sich an die Spitze emporverrieten, wie auch solche, die lieber das Opfer ihrer Person brachten, als eine so tiefe Verderbtheit und eine so augenfällige Sinnlosigkeit weiter mit ihrem Namen zu decken.

Als sich Verräter beider Kategorien zeigten - viel zu spät -, war das System selbst schon hochreif und in sich kernfaul. Und der Krieg war längst verloren, als sich hier und da - viel zu spät - die Verräterstimme der Vernunft erhob. Die Reihen der Gehenkten und Ungehenkten konnten die Fahrt in den Abgrund nicht mehr aufhalten, sie hingen und standen nur noch daneben.

Als der militärische Wahnsinn zuende ging

Es ist wohl möglich - wenn auch nicht erwiesen -, daß zuletzt noch Verrätereien im Spiele waren, zu einer Zeit, als der offensichtliche militärische Wahnsinn bereits die letzten Vernichtungsschläge einstecken mußte, Zug um Zug und mit unbeirrbarer Stetigkeit.

Aber es würde an Schwachsinn grenzen, anzunehmen, daß das geballte Kräftepotential von neun Zehnteln der Menschheit noch der Verräter und Saboteure bedurft hätte, um sich eines Weltübels zu entledigen, und es wäre sicher gut, wenn viele Deutsche auch das noch hinzulernten:

Kriege wenigstens mit Anstand zu verlieren, anstatt auch noch das Odium der Charakterlosigkeit auf sich zu laden oder gar das einer Unbelehrbarkeit, gegen die es nur noch das Mittel der Vernichtung gibt.

Jeder kann sich irren, Millionen können sich irren. Aber hier geht es viel weniger um einen Irrtum, als vielmehr um ein Hasardspiel mit dem Schicksal, - lange vor dem Kriege und damit der Krieg dann kommen konnte.

Selbst angesichts der Unzulänglichkeit alles Menschlichen muß man der Verrat-Hypothese doch entgegenhalten: wer sich heute verraten und betrogen fühlt, ist der Gleiche, der vor zwölf oder mehr Jahren um Gewinne würfelte, deren Höhe seine Partner auf das höchste verdächtig machte. Soweit kein Zwang auf ihm lag: damals verriet er sich.

Über die Bewertung des deutschen Schicksals

Es ist sowieso anzunehmen, daß die Verrat- und Sabotagetheorie nur denen in den Sinn kommen kann, die überall in der Welt die unklaren Köpfe und die wankenden Herzen haben. Und vielleicht gehören sogar die dazu, die in der Hölle der brennenden Städte auf die Sieger als die Erlöser warteten.

All denen gegenüber, die den katastrophalen Zusammenbruch einer Geisteshaltung hinterher als militärischen Verrat deuten möchten, wird man sich höchstens bewußt: wie klein der Mensch ist gegenüber der Größe seines Schicksals.

Das Über die bewertung des deutsche Schicksal aber ist noch für den Fernststehenden viel zu erschütternd, als daß es mit törichten, kleinen Ausflüchten herabgezogen werden darf.

Niederlage einer Moral

Leider lag es so, daß ein System, das über ganz Europa die Hundepeitsche pfeifen ließ, nicht rechtzeitig verraten worden ist und daß es sich zwölf Jahre lang mit allen Machtmitteln ungehemmt austoben konnte, bis es völlig in sich zersetzt war und wie Geziefer mit sachlicher Ruhe zerdrückt wurde.

Was daran etwa noch zu „verraten" und zu „sabotieren" war - das konnte das grauenhafte Ende Deutschlands bestenfalls um einige Wochen abkürzen, nichts sonst. Aber es war an diesem System der Hundepeitsche etwas so Wahnwitziges und überspitztes, daß es an sich selbst zugrundegehen mußte, mit Krieg oder ohne Krieg, mit Verrat oder ohne Verrat und zur Ehre der Menschheit.

Von kalt berechnenden Abenteurern erdacht, war es selbst Verrat, nämlich an der menschlichen Würde und selbst Sabotage, nämlich aller guten und achtenswerten Eigenschaften des deutschen Volkes, ja aller Völker der Erde. Eine Moral hat den Krieg verloren.
Vergessen wir nie, wessen Moral.
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Das Phänomen Adolf Hitler

Ehe man sich dem Manne zuwendet, dessen Werk dies war, mußte Klarheit über das Endergebnis bestehen. Es wird sich zeigen, daß es kaum ein anderes sein konnte.

Fragt man, wer der Mann mit der Hundepeitsche war, wie er beschaffen war, so soll man sich stets klar sein: der Mann allein war niemand, er allein hätte gewissermaßen in der Luft geschwebt ohne eine Anhängerschaft, die ihm konform war.

Es gehörte die Bereitschaft, die Resonanz großer Teile des deutschen Volkes dazu, daß er dieses Volk führen und verführen durfte, schließlich aber auch ein bedeutendes Maß von Wirklichkeitsferne und Ahnungslosigkeit.

Dank dieser Disposition wurde er zum Katalysator - oder wenn man will - zum Dämon dieses Volkes. Er stieß auf Beifall oder doch auf „versuchsweises" Gewährenlassen, zum mindesten nicht auf eine Wand von Abwehr - und saß schon im Nacken dieses Volkes, das, gelähmt, ihn und sein abenteuerliches Gefolge nicht mehr abschütteln konnte.

Das schließt nicht aus, daß dieser Mann ein Phänomen war. Nur daß es ein wahrhaft seltenes Unglück für das deutsche Volk war, dieses Phänomen erleben zu müssen.
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WAHN WIRD GESCHICHTE

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Bildnis eines Erlösers (aus der Sicht von Dez. 1945)

Bei der Betrachtung des Lebens, Wesens und Wirkens dieses Mannes, der der Menschheit in der Tat eine Geißel war, wird stets eine Reihe von Zusammenhängen ungeklärt bleiben. Sie liegen im Irrationalen. Man kann nur versuchen, den roten Faden aufzuspüren, der die Kettenglieder der Tatsachen zusammenhielt.

Von welchem Standpunkt sollen wir (heute im Dez. 1945) dann ausgehen? Haben wir diesen Mann gehaßt?

Die Frage ist falsch gestellt. Man müßte fragen, was im Menschen etwa beim Anblick einer entsetzlichen Krankheit vor sich geht. Dann wohl eher das kalte Entsetzen, der Schauder vor der fressenden, unaufhaltsamen Zersetzung, der Schauder, der jeden Nerv schüttelt bis zur Lähmung.

Nach langer Zeit erst sind die nüchternen Worte zu finden.
Nüchtern und kalt wollen wir dieser Entartungserscheinung gegenübertreten.
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Adolf Hitler - Ein Staatsoberhaupt von ungewöhnlicher Art

Die große geschichtliche Seltenheit eines Staatsoberhauptes so
ungewöhnlicher Art stellte sich folgendermaßen dar:


Menschlich ohne jede versöhnliche Note, meist übellaunig, meist beleidigt, stets mehr oder weniger tobend, Vielwisser und Besserwisser ohne ernsthaftes Wissen auf irgendeinem Gebiete, besessen von pathologischer Redesucht und ohne Auditorium eine runde Null, ohne jede Kenntnis und ohne jedes Verständnis für das Wesen anderer Völker, ausgestattet mit der Suggestionskraft des hartnäckigen Weltverbesserers, geborener Lärmmacher aus Geltungstrieb, Amokläufer durch eine Katastrophenpolitik ohnegleichen, verhinderter Heros und Herostrat zugleich, Meister der volltönenden Phrase, des hohlen Komödiantenpathos - und in allem mit dem Hang des Emporkömmlings zur Massenhaftigkeit, zur Gigantomanie.

Phantast, Abenteuerer und Fanatiker in einem, kurz einer jener ewig Aufgeregten und Eiferer, die noch immer alles Unheil über die Menschheit gebracht haben. Ihr Lockruf hieß noch immer „Erlösung", ihr Versprechen war noch immer der Himmel, diesseits oder jenseits oder beides, ihr Handwerk war noch immer der heilige Rausch und - hier sitzt das, was sie antreibt - ihr persönlicher Anspruch war noch immer: Vergottung. Sie wissen, man ist den (Menschen-) Massen ein Gott oder man ist nichts.

Ihre Spur über die Erde aber war noch immer: Verwirrung, Entfesselung, Bruderkrieg und Greueltat.
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Die Spur geht durch die Jahrhunderte

Diese ihre Spur geht durch die Jahrhunderte wie die Spur der großen Seuchen, sie sind die Verbreiter geistiger Epidemien, seelischer Massenerkrankungen, und der Dämon, der sie ruhelos macht, wird nicht still, ehe er sich nicht in den (Menschen-) Massen ausrasen kann. Sie, die großen Ichbesessenen, die reden müssen, doch ohne zu wissen und die Brände werfen, doch ohne zu denken, sie sind der unsterbliche Dämon der Menschheit selbst.

Der Paranoiker

Wo man hinsieht, zeigt auch dieser Retter krankhafte, psychotische Züge. Doch hat dies keinen erklärenden oder gar entschuldigenden Wert, seit wir wissen, daß außergewöhnliche Leistung sehr oft auf pathologischem Boden wächst.

In diesem Falle liegt der Verdacht auf Paranoia sehr nahe, ja die gesamte Geisteshaltung des Mannes deckt sich geradezu mit der Definition der Paranoia: der schleichenden Entwicklung eines unerschütterlichen Wahnsystems, wobei jedoch die Klarheit und Ordnung im sonstigen Denken und Wollen relativ erhalten bleibt, die Intelligenzsphäre also verschont bleibt.

Mit anderen Worten: dem Paranoiker ist unter Umständen „nichts anzumerken", obwohl er schwer defekt ist. Es kommt hinzu, daß bei der Verfolgung der Wahnideen sehr oft ein ganz außergewöhnlicher, überdurchschnittlicher Scharfsinn entwickelt wird. Das Interesse ist im übrigen ohne jede Ablenkbarkeit und mit bedingungslosester Konsequenz auf die Verwirklichung der Wahnidee gerichtet.
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Nicht zu verwechseln mit landläufigen Geisteskranken

Man muß sich bei der Beurteilung derartiger geistiger oder besser seelischer Defekte von der landläufigen groben Auffassung des Geisteskranken freimachen, besonders der ernsthaft gefährlichen Spielart gegenüber, deren Defekt nicht ohne weiteres in die Augen fällt.

Chesterton definiert diesen psychotischen Typ folgendermaßen:

  • „Geisteskranke sind in der Regel große Rationalisten. Wer mit einem Irrsinnigen diskutiert, zieht in der Regel den Kürzeren, denn in mancher Hinsicht funktioniert sein Geist nur umso schneller, je weniger er sich bei all den Erwägungen aufhält, die für den gesunden Menschenverstand in Betracht kommen. Insofern ist die Bezeichnung „irrsinnig" irreführend.
  • Die Aussagen, die ein Irrsinniger macht, sind stets erschöpfend und vom rein rationalen Standpunkt betrachtet auch einwandfrei. Sein Geist beherrscht einen vollkommenen, aber zu engen Kreis. Der Kranke befindet sich in der leeren und grellen Zelle einer einzelnen Idee, auf die sein Geist mit peinvoller Schärfe konzentriert ist, er ist nicht ein Mensch, der die Vernunft verloren hat, er ist vielmehr der Mensch, der alles verloren hat, nur nicht die Vernunft.
  • Die Argumente des Irren sind von einer wahnwitzigen Einfachheit, und man gewinnt den Eindruck, daß hier alles gesagt und zugleich alles ausgelassen ist."

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Logik des Wahns

Die Logik des Irren ist also eine Art „Logik im luftleeren Raum", und daß er mit ihr immer wieder „recht" behält, beweist ihm sogar, daß er offenbar der Gesündere und überlegene ist, d. h. er gelangt mit der außermenschlichen, zerfressenden Logik des Wahns zu immer pathologischeren Ergebnissen.

Der Paranoiker kennt in der Verfolgung seines Zieles vor allem nicht diejenigen Hemmungen, diejenigen automatischen Sperren, vor denen das gesunde Hirn Halt macht.

In unserem Falle: nach jahrelangen, scharfsinnigsten, durch nichts beirrbaren Vorbereitungen für den Machtbesitz kommt es zuletzt, als für jedes normale Hirn schon alles verloren ist, nicht auf das Opfer von weiteren Hunderttausenden und auch nicht auf die Zertrümmerung ganz Deutschlands an, - das Ziel wird mit der Systematik des Irren bis zu den äußersten Konsequenzen, ja bis zum Untergange verfolgt, - der Besessene wird zum Amokläufer.
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Das Jugenderlebnis

Natürlich ist es grundsätzlich gleichgültig, ob man seelische Anomalien dieser Art mit dem mehr etikettierenden als erklärenden Sammelbegriff einer Paranoia bezeichnen will oder nicht, wir sind keine Irrenanstalt, wir waren es höchstens. Aber bezeichnend für die Analyse dieses Falles ist folgendes:

Persönliche Erlebnisse hatten die Disposition des Mannes zu einem übersteigerten Geltungsbedürfnis auf das äußerste gereizt, vor allem ein Jugenderlebnis: gleich Vielen, deren Geltungsbedürfnis sich ein Ventil sucht, möchte er als junger Mensch „Künstler" werden, Maler.

Einer Prüfung unterzogen wird ihm von staatswegen mitgeteilt, daß es hierzu nicht entfernt reicht. Von diesem Augenblick geht eine Art Riß durch die Gesamtpersönlichkeit. Das an sich schon abnorme Geltungsbedürfnis ist auf das tiefste verletzt. Die Enttäuschung, die Zurücksetzung wird zum ewigen Stachel, zur nie verheilenden Wunde.

Das Negative, das Unvermögen wird überkompensiert, es wird dem Zukurzgekommenen und Zurückgesetzten zur Peitsche, die ihn vorwärts treibt, es wächst sich zur Rache-Tendenz aus. Nie wird die verletzte Eitelkeit überwunden, fressender Ehrgeiz treibt den Enttäuschten. Der Demütigungskomplex wird, überkompensiert, zum Größenwahn. Und der Wahn wächst sichtlich von Jahr zu Jahr.
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Ein symptomatischer Dialog noch in 1939

Es ist von höchstem psychologischem Interesse, daß sich zwischen dem zurückgewiesenen Zeichenschüler und dem englischen Gesandten 1939, als die Ereignisse bereits auf dem Siedepunkt angelangt sind, ein Dialog abwickelt, der symptomatisch ist:

Der Krieg ist mit einer Rüstung für 90 Milliarden Mark vorbereitet, die Hand liegt bereits auf dem Knopf. Diesmal sind alle Voraussetzungen zur vollen Ehrgeizbefriedigung gegeben. Und nun zeigt sich, daß hier niemals ein für Millionen Verantwortlicher am Werke war, sondern der in seinem Geltungstrieb und seiner Eitelkeit tödlich verletzte Zeichenschüler von damals: in einer ganz anderen Sphäre zu Machtmitteln gelangt, vergißt er für einen kurzen Augenblick diese Sphäre, sieht sich wieder in der Situation, die er nie vergessen hat und es bricht heraus: „Krieg? Ich bin in erster Linie Künstler".

In einem Atem wird die neue Zielsetzung geleugnet, weggewischt, überdeckt -; endlich erweist sich, was man dennoch ist, im großen, im größten Maßstabe ... man ist Künstler.
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Die geschichtliche Parallele

Die geschichtliche Parallele hierzu bietet sich von selbst an: Lucius Domitius Nero, und es ist hier wie dort von großem Interesse, daß selbst die Genugtuungen und Ichbestätigungen, die der Despot erfährt, noch nicht so stark befriedigend wirken wie die Bestätigung des Künstlertums, - selbst der Cäsarenwahn gibt noch nicht die volle Ichbestätigung, die mit dem Künstlertum verbunden ist, und wie in einigen anderen Fällen ist hier der Ichbesessene, der als Künstler versagt, der in die Politik verschlagene, verhinderte Künstler.

In entscheidenden Augenblicken kommt es dann zum Ausbruch: „Qualis artifex pereo" - „Welche merkwürdige Art von Künstler war ich doch". Oder - in unserem Falle: „Krieg oder nicht - Sie sehen hier einen Künstler".

„Ein Schauspiel geben", so oder so, - man umreißt das Wesen eines solchen Wahnwitzigen wohl am besten folgendermaßen: Für einen kleinen Anstreicher bleibt es immer eine unvergeßliche geschichtliche Leistung, siebzig Millionen Menschen entweder zu den Herren Europas gemacht zu haben oder sie aus der Geschichte ausgetilgt zu haben. Berühmt oder berüchtigt - gleichviel, auf keinen Fall aber zu übersehen.
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Das Außermenschliche

Wir neigen heute zur einseitigen Betrachtung „post festum" und deshalb könnte man geltend machen, daß trotzdem in jedem Menschen, selbst im kranken oder verbrecherischen, eine versöhnliche Tendenz, „ein Rest von Gutem" stecken müsse.

Das ist richtig, es ist aber erfahrungsgemäß unrichtig, allen von einer Wahnidee Besessenen gegenüber, und man könnte mit dem gleichen Recht sagen, daß in einem Erdbeben ein Rest von Gutem stecken müsse.

Man steht einfach vor der Tatsache, daß hier landläufige menschliche Maßstäbe nicht mehr gültig sind, sondern daß man es mit Ausbrüchen zu tun hat, die wie Naturereignisse hereinbrechen, abseits alles menschlich Versöhnlichen.

Betrachtet man den Gang der Menschheit über die Erde als den Weg eines Gesamtorganismus, der dem Auf und Ab alles Lebendigen unterliegt, so versteht man, wie auch er im Ablaufe der Zeiten seelischen Beben, seelischen Erschütterungen, seelischen Schocks ausgesetzt ist.

Die Geschichte der Menschheit ist die sehr grausame und sehr blutige Geschichte dieser Schocks, die naturgemäß immer von irgendeinem Einzelnen ausgelöst wurden und dann lawinenartig weiterrollten.
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Der Dämon hat seine eigenen Gesetze

Soweit man in der Sinnlosigkeit dessen, was hinter uns liegt, überhaupt einen erklärbaren Vorgang sucht, bleibt keine andere als diese totale und gewissermaßen biologische Betrachtungsweise,
- es sei denn, man entschließt sich, am Sinn alles Lebens überhaupt zu verzweifeln, was verständlich wäre.

Im übrigen aber kann für das, das wir uns jetzt einigermaßen zu erklären versuchen, niemals eine Betrachtungsweise ausreichen, die nur die landläufigen, konventionell menschlichen Faktoren in Rechnung zieht - der Dämon hat seine eigenen Gesetze.

Wir suchen sie bloßzulegen, um künftig vor ihm sicher zu sein.
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Totentanz

Unser Unglück wollte es: in diesem Falle kam dem Retter und der unbeirrbaren Systematik, mit der er die Verwirklichung seines Wahns betrieb, auch noch die deutsche Gründlichkeit, die deutsche Disziplin entgegen. Man ist versucht, zu sagen, Satan selbst
oder das böse Prinzip sei auf die Erde herabgestiegen und habe sich das Volk ausgesucht, von dem die gründlichste Arbeit zu erwarten war ......

In der Gewaltsamkeit, der Überspitzung des Denkens erinnert vieles an einen anderen Wahnkranken: während Friedrich Nietzsche die Wahn- und Erlöseridee über die tönende, aber rein papierne Form der Zarathustra-Gestalt abreagierte, stehen wir hier vor der Tragödie eines in die Wirklichkeit verschlagenen Auch-Zarathustra.

Hören wir das menschlich ergreifende Selbstbekenntnis eines schweren Paranoikers:

„Das Gefühl der Ohnmacht gebiert die starken Worte ... Die Kennzeichen der wahren Stärke sind Ruhe und Güte ... Die starken Menschen sind die, die ohne Rumor ihre Pflicht tun. Sie haben weder Zeit noch Veranlassung, sich in Pose zu werfen und etwas Großes sein zu wollen (Fall des Hauptlehrers Wagner, zitiert nach W. Lange „Genie, Irrsinn und Ruhm").
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Damals 1933

Damals, als die Gestalt des Retters aus dem Dunkel, der Ratlosigkeit und Verworrenheit des Nachkriegsdeutschland auftauchte, muß die weitaus größte Mehrzahl der Deutschen den klaren Rlick nicht mehr oder noch nicht gehabt haben.

Das Unheildrohende kündigte sich jedem Sehenden schon durch Gesicht und Stimme des Weltverbesserers an, es war das Gesicht des verbissenen Eiferers, des fanatischen Aufpeitschers der Leidenschaften, in jedem Zug das Symbol eines erbarmungslosen, barbarischen Geistes.

Und es war die Stimme des gnadenlos heraufdämmernden Schicksals: hier sprach und agierte, hier lockte und drohte, beschwor und verdammte in Wahrheit ein Führer: der Anführer des Totentanzes, der kommen sollte ...

Und er kam, der Totentanz

Und folgsam, gehorsam dem Stichwort folgte ein Volk, in Reih und Glied, unter rhythmischen Sprechchören zog es dem entgegen, der der Tod selbst war, - Männer, Frauen, Kinder, Greise, ein endloser Zug, Millionen und aber Millionen, - welche Vision ...

So zog es dem Dämon entgegen, der ihm später eiskalt ins Gesicht schleuderte: er werde einem Volke keine Träne nachweinen, das sich nicht bis auf den letzten Mann hinschlachten lasse.

Aus alledem erweist sich die ungeheure Ansteckungsgefahr des Pathologischen als Ferment. Wir wissen um diese Fermentwirkung des Pathologischen, ja selbst des Psychotischen in der Geschichte.

Aber zur Affektivität einer erregten (Menschen-) Masse ist der seelisch defekte Mensch geradezu das Korrelat. So holte sich beispielsweise die Pariser Kommune (1871) ihre Führer zum Teil aus Irrenhäusern. Und da nichts sensibler und labiler ist als eine erregte (Menschen-) Masse, so steht am Ende: der hysteropathische Rausch.
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Weltgeschichte des Skandals

In Deutschland schritt man zur Verzweiflungstat, zum mindesten indem man „dem Manne eine Chance gab". Die Chance, dieses Volk binnen zwölf Jahren mit den Hasardeurmethoden einer konsequent verfolgten Wahnidee zugrundezurichten, wurde genutzt.

Von unten her gesehen: jeder Besonnene starrte gelähmt auf das, was sich dann abrollte - aber es war zu spät. Die Helfer, die der Retter mitbrachte - oder die ihn mitbrachten - hatten sich bereits zur herrschenden Horde formiert: die herrschende Horde saß an den Schalthebeln. Sie hielt das deutsche Volk eisern an der Gurgel und machte Geschichte.

Im Grunde genommen wurde die Geschichte dieser „Bewegung" eine einzige Kette von Skandalen abnormen Umfanges. Es war eine internationale Skandalgeschichte mit Brandstiftungen, Wahlfälschungen, Pogromen, Erpressungen und Palastrevolutionen, mit bestellten Attentaten, erschossenen Nebenbuhlern, davongeflogenen Ministern, perversen Zirkeln, mit Korruption in jeder Form, mit Serienmorden, Millionendiebstählen und gehängten Feldmarschällen, kurz: mit allen Requisiten eines bluttriefenden Schauerromans.

Auf dem Hintergrunde von geraubten Schlössern bewegten sich zwischen politischen Falschspielern und abenteuernden Volkstribunen kriminelle oder moralisch defekte Exzellenzen. Die Gestalten dieses Spukes erscheinen uns heute unwirklich wie die Gestalten eines Wachsfigurenkabinetts und wie die Gespenster eines bösen Traums. Aber sie sind Deutsche Geschichte.
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  • Anmerkung : Die beiden Bücher des Albert Speer und die von Dr. Eugen Kogon beschreiben, wie die Intrigen innerhalb der NS-Regierung überhand nahmen. Und es sind weitere NS-Bücher in Vorbereitung, die darüber Aufschluß geben, was das für ein Haufen war.

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„AUSSEN-POLITIK"

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Das Staatsoberhaupt

Wir haben den Weg des Mannes mit der Hundepeitsche und damit den Weg des deutschen Volkes weiter zu verfolgen. Die deutsche Geschichte entwickelte sich zur Skandalgeschichte Europas, und Skandal, unüberhörbares Getöse war das Element der neuen „Weltanschauung" auch dann, wenn „einzigartige deutsche" Leistungen und wenn alle jene „gigantischen" Programme in Szene gesetzt wurden, die nahezu durchweg nicht einzigartig, sondern sowjetrussische Kopien waren.

Nicht weniger als dem deutschem Volke setzte der Welt draußen der Atem aus: in Deutschland geschah nie Dagewesenes. Am wenigsten war je ein Staatsoberhaupt dagewesen, das sich mit so selbstverständlicher Skrupellosigkeit über soeben geschlossene Verträge hinwegsetzte, Verträge, mit denen es den Partner zum vertrauensseligen Dummkopf stempelte.

Wenn Politik zwar die Fortsetzung menschlicher Unzulänglichkeit mit anderen Mitteln ist, so waren diese Methoden denn doch offener Hohn.
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Die Münchner Konferenz 1938

Die Ereignisse steuerten schnell einem Höhepunkt zu: es geschah das Unglaubliche, daß ein englischer und ein französischer Ministerpräsident sich in Flugzeuge setzten, um in München einen Mann zur Besinnung zu bringen, der ganz offenbar nicht mehr voll zurechnungsfähig war.

Als auch dieser beruhigenden und großzügigen Aktion der übliche Vertragsbruch - durch die gewaltsame Besetzung der Tschechei - folgte, stand das Urteil der Weltmächte fest: diese deutsche Regierung war überhaupt nicht vertragsfähig!

  • Anmerkung : Das sind Erkenntnisse aus den Jahren 1938 und 1939, aufgeschrieben im Dez. 1945 / Jan. 1946. 80 Jahre später wollen deutsche verbohrte Idealisten mit dem Russen Putin Verträge über den Frieden in der Ukraine schließen. Und auch Donald Trump soll bitte bitte keinen weiteren Krieg mehr anfangen.


Von diesem Zeitpunkte an war die deutsche Regierung moralisch und politisch erledigt. Sie war der Feind aller, und von hier ab lief, was bisher Politik war, als reines Abenteuer weiter, als das gefährlichste Abenteuer der europäischen Geschichte.
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Der politische Freibeuter Europas

Das deutsche Staatsoberhaupt hielt noch eine etwas unglaubwürdige Rede mit tiefen Verbeugungen vor der geschichtlichen Sendung der englischen Weltmacht, - zu spät: der politische Hasardeur hatte seinen Kredit verspielt, Deutschland war der gemeinsame Feind aller, der politische Freibeuter Europas, der heute bei diesem, morgen bei jenem einbrechen konnte.

Das einte den ganzen Erdball, und dank dieser seltenen Einmütigkeit der Welt dem winzigen Deutschland gegenüber war jeder künftige Krieg von vornherein verloren, ehe er begann, denn er mußte ein Krieg gegen neun Zehntel der Menschheit sein, was er dann in der Tat auch war.
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Alles an Rechten war ausgehebelt

Nach innen gab es keine Verfassung, sondern nur den Terror, nach außen gab es keine Politik mehr, sondern nur noch die Erpressung.

Dieser Ablauf soll lediglich bestätigen, was für die Verfolgung einer Wahnidee stets charakteristisch ist: die bedingungslose Konsequenz bei ihrer Verwirklichung, gegen Gewissen und Verantwortung und vor allem: ohne Rücksicht auf ihre Opfer.

Der Machtrausch hob den Retter bereits über alle menschlichen Bindungen hinaus. Es ist sogar anzunehmen, daß er sich als den Auserwählten des Schicksals empfand, da es ihm eine Machtfülle in die Hand gegeben hatte, an die ernstlich zu glauben er nicht gewagt hatte, wenigstens nicht zu Zeiten, aus denen so offene Bekenntnisse stammen wie: das Deutschland, das ihm vorschwebe, werde sich eines Tages die Ukraine holen. Und ähnliche allzu offene Konfessionen, die dann später keine Zweifel ließen.

Der Machtrausch überdeckte den Sinn für die Wirklichkeit.
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Die Bismarcksche Definition von Machtrausch

Praktisch jedoch war die Methode, mit den Mitteln des Schocks und des Bluffs alles ringsum in die Knie zu zwingen, ein Verfahren von solcher Geistlosigkeit, daß es, auf welche Weise auch immer, eines Tages sein Ende finden mußte, wenn nicht aus ethischen und moralischen Gründen, dann aus Gründen der geschichtlichen Erfahrung.

Es war im Grunde nur das auf die Spitze getriebene primitive Verfahren, für das Bismarck die Definition gegeben hat „Mit dem Ausnahmezustand kann jeder Esel regieren".

Das ging in Deutschland. Aber außerhalb Deutschlands gab es Großmächte. Außerhalb Deutschlands stand gegebenenfalls die Schwerindustrie der ganzen Welt bereit.

Dies waren ungefähr die Tatbestände, vor denen Deutschland und die ganze Welt in sehr kurzer Zeit standen. Der Retter war auf der Höhe seiner Macht angelangt und er begann, sie zu handhaben.

Wie hat diese abnorme Machtfülle entstehen können?
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DER ERLÖSER

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Massenpsychose

Man darf als kleiner Staatsbürger nicht vergessen, daß sich die Dämonie des Mannes mit der Peitsche in einer persönlichen Suggestionskraft äußerte, der, Auge in Auge, sogar einzelne fremde Staatsmänner erlagen, - wieviel mehr noch die mit geschickter Regie erst langsam erwärmten, dann erhitzten und schließlich willenlos und kritiklos gemachten deutschen (Menschen-) Massen.

Schließlich hatte der Retter, der Erlöser, Deutschland völlig mit seinem Wesen durchtränkt, und wo er nicht ins Blut übergegangen war, lag er als Alpdruck und jede Minute gegenwärtig über allem Denken und Tun.
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Die Wechselbeziehungen zwischen Erlöser und Erlösten

Man muß an dieser Stelle die Wechselbeziehungen zwischen dem Erlöser und den Erlösten etwas genauer analysieren. Es ist ein Vorgang, der sich in der Geschichte nicht nur sehr oft abgespielt hat und der von großem psychologischem Interesse ist -
er ist heute (Dez. 1945) und für uns von höchstem praktischem Interesse, weil wir und die nächsten Generationen ihn sehr gern nie wieder erlebten, nach keiner Richtung hin.

Denn es ist unter Umständen besser, nicht erlöst zu werden.

Es sitzt in diesen Beziehungen zwischen dem Erlöser und den Erlösten stets etwas Schicksalhaftes, für die Beteiligten vielleicht Göttliches, zumeist aber das, was man nicht anders als dämonisch bezeichnen kann. Der fast magische Vorgang der Willensübertragung auf die Masse entzieht sich der genauen rationalen Erklärung.

Neben den äußerst scharfsinnigen Methoden, die hier zur Anwendung kommen, bleibt meist noch ein irrationaler Rest, den man nicht erklären, sondern nur vergleichen kann und zwrar mit den großen Massenpsychosen der Geschichte, den „heiligen" Kriegen, den Geißler- und den Kinderkreuzzügen, dem Hexenwahn und überhaupt mit allen religiösen Massenpsychosen.

Im ganzen aber ist der Ablauf, den der deutsche Wahn genommen hat, für derartige Vorgänge typisch.
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Das neue Evangelium

Auch die deutsche Psychose hatte eine religiöse Komponente, wenigstens für junge Menschen, für unklare Köpfe und für ehrliche, aber weltfremde Idealisten, vor allem dann, wenn sie in Massen zusammenkamen.

Die eigentliche Geistesverfassung aller dieser Hörigen war eine seelische Bindung, lag also auf einer Ebene, auf der Vernunftgründe nicht mehr gelten - in der politischen Welt der Realitäten ein selbstmörderisches Experiment.

Es gab dieser Haltung gegenüber infolgedessen auch nur Extreme: nur blind Gläubige, die diesen Glauben bis zur Vergottung trieben, und anderseits nur fassungslos Entsetzte, - wenn man einmal von denen ganz absieht, die eine Konjunktur witterten.

Sprang der vernunfttönende Funke nicht über, so blieb der nackte Wahnwitz, - wiederum wie bei allen anderen Massenpsychosen der Geschichte.
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1932 - Die damals entwurzelte Menschheit

Man hat für diese Vorgänge und seelischen Entgleisungen nur die eine Erklärung: sie waren möglich auf einer religiös und weltanschaulich entwurzelten Menschheit, die nach einer Heilsbotschaft, die sie innerlich erfüllen konnte, geradezu dürstete.

Denn man lebte in einer entgotteten, öden, rationalistisch ausgelaugten, auf allen Gebieten relativierten Welt, die irgendwie „leer" geworden war.

  • Anmerkung : Hier wieder der Verweis auf die in seinem Buch aufgeschriebenen Erkenntnisse des Amerikaners Knickerbockers im Berlin im Jahr 1932.


Ein neues Evangelium, ein neuer Glaube war geradezu fällig, und wenn man noch die materielle Not Deutschlands hinzurechnet und alle die Gefahren, die die Einzelexistenz bedrohten, also die ideellen, die materiellen und die politischen Enttäuschungen insgesamt, dann mußte ein so gefälliges Evangelium, dessen Zentrum und Objekt die Gläubigen selbst waren, umso tiefere Wirkungen haben.

Dieses Evangelium hieß „die deutsche Mission in der Welt", also eine Art Erlöseranspruch der Unerlösten selbst. Und auch eine Art Ewigkeitsanspruch - wiederum nahezu religiöser Färbung - war durch das „tausendjährige Reich" gegeben.

Das Kernstück des Evangeliums jedoch war die deutsche Mission, der deutsche Mythos.
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Der Geweihte des Schicksals und seine Wahrheit

Die Griechen, noch immer die unfeierlichsten und ehrlichsten Ergründer der menschlichen Seele, personifizierten aus guter Kenntnis heraus auch das Wesen der Selbstüberhebung: in der Hybris, der „Göttin der Tragik anbahnenden Selbstüberhebung" - und in der Tat ist ihre Dämonie außermenschlich.

Es bleibt dann lediglich die Tatsache festzustellen: sobald ein fanatischer Glaube sich zum Mythos auswächst, wird er undiskutierbar, irrational. Er ist dann Erleuchtung, Offenbarung, heiliger Wahn - oder Geisteskrankheit, wie man will, auf jeden Fall ist er Schicksal und jeder Diskussion entzogen.

Klugheit oder Dummheit, Vernunft oder Widersinn, geheiligte Wahrheit oder raffinierte Lüge sind dann keine Bewertungsmaßstäbe mehr, sondern stets ist beides „wahr", je nach dem Blickpunkt des Betrachters, d. h. je nach dem Maße seiner Besessenheit oder seiner kühlen Distanz.


Es war bezeichnend für Umfang und Art der neuen Heilsbotschaft, als der Ober- und Opferpriester und gleichzeitig sieghafte Feldherr dieses neuen Mythos in das Bekenntnis ausbrach: „Ich gehe meinen Weg mit nachtwandlerischer Sicherheit." Hier sprach bereits der vom Schicksal Geweihte, der Beauftragte der Vorsehung, der Zweifel nicht mehr kannte.

Der Erlöser stand bereits außerhalb menschlicher Bindungen.
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Der Wahn heiligt die Gewalt

Der Wahn fraß sich tiefer in diese verdunkelte Seele.

Es ist in keinem Falle und von keinem Zeitpunkt an unterscheidbar, was an ihm lediglich übermenschliches Narrentum, Besessenheit und was Methode, scharfsinnig erdachter Plan, Maske und bewußtes Täuschungsmanöver war.

Wie in allen derartigen Fällen mischt sich hier beides, und die Eingebungen des heiligen Wahns oder der Stachel des Dämons rechtfertigen dann jedes Mittel, das zum Ziele führt, Mittel und Methoden schließlich, die zum erprobten System, zum Ritus und zuguterletzt zur Routine werden.

Alle Mittel und Methoden sind durch den Erlösungswillen - der eigentlich ein Machtwillen ist - geheiligt. Oder von der rein psychiatrischen Seite her betrachtet: wie der rote Faden zieht durch alles hindurch die skrupellose Systematik des Besessenen, des Monomanen, der jeden Sinn für Proportionen verloren hat.
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Der militarisierte Mythos eines österreichischen Desperados

Für den Erfolg bei den (Menschen-) Massen war es von jeher sehr wichtig, daß ein Wahn jeder Art seine Symbole, seinen Ritus, sein handfestes Exerzierreglement hat. Sowohl die Disposition zu dem Wahn von der „Sendung" war im deutschen Volke bereits latent vorhanden („Am deutschen Wesen soll die Welt genesen") wie auch der Stoff, die Substanz, in der sich der streitbare Mythos in Form bringen ließ: der preußisch-deutsche Militarismus. Er lieferte dem deutschen Mythos das Reglement und gleichzeitig wurde er, als Vollstrecker einer Mission, geheiligt.

So wurde das, was ein österreichischer Desperado importiert hatte - der Messias kommt stets aus Randgebieten - erst in Berlin-Potsdam Wirklichkeit und Gestalt.

DIE PALADINE

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„Und was wollt ihr dann erreichen, wenn ihr an der Macht seid?"
„Erreichen? Wieso? Wenn wir an der Macht sind, haben wir doch unser Ziel erreicht ! Oder - ?"

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Kriminell aus ihrer Weltanschauung heraus

Bedeutend einfacher stellt sich der Fall der Rahmenfiguren dar, die den Retter umgaben. Sie waren im wesentlichen Nutznießer einer Konstellation, die ihnen gelegen kam.

Wie sie beschaffen waren, ist bekannt. Man möchte aber, um objektiv zu bleiben und zur Ehre der Menschheit doch zweierlei annehmen:
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  • Erstens, daß es sich nicht von vornherein um notorische Verbrecher handelte, wenigstens nicht durchweg, sondern um Labile und Defekte, die durch ein System, das eine derartige Machtfülle verlieh, geradezu zu Verbrechern gezüchtet wurden. Aus nackter Gewalt kann nicht viel anderes wachsen.
  • Zweitens möchte man annehmen, daß sich - außer denen in der vordersten Reihe - doch einige wenige darunter befunden haben, deren Wirken lediglich in einem verfahrenen Idealismus der Tat und in Ignoranz bestanden hat.

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  • Anmerkung : Zum Beispiel Albert Speer - seine Bücher kommen auch noch.

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Wenn aus defekten Wolfsseelen Hyänen wurden

In gewissem Sinne jedoch geben die Jünger, die den Meister umgaben, einen Schlüssel in die Hand, d. h. die Rahmenfiguren, die die tragende Mittelfigur umgaben, müssen im Zweifelsfalle Schlüsse auf die Mittelfigur selbst und ihre Qualitäten zulassen.

Es muß jedem Deutschen überlassen bleiben, die Hauptfigur als gescheiterten Idealisten zu begreifen oder als einen förmlichen Magneten für eine Kategorie von Führerpersönlichkeiten, die sich aus geborenen Abenteurern, Scharlatanen, Defekten und echten Kriminellen zusammensetzte. Es bleibt ihm aber auch noch die Deutung, daß die vorschriftsmäßige „Weltanschauung" genau das Prinzip darstellte, durch das aus Labilen und Defekten Wolfsseelen und Hyänen wurden.

Diese dritte Deutung dürfte die wahrscheinlichste sein und man darf aus ihr die Konsequenzen für alle Zukunft ziehen.
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Die „Gesinnung" der herrschende Horde

Was die herrschende Horde anrichtete, ließ sich im Grunde genommen voraussagen. Zwar war es ein trübes Bild, wie hier eine Gruppe von gewalttätigen Abenteurern „endlich einmal lebte", aus dem vollen, so lange oder so kurz es ging, - nach uns die Sintflut, - aber nicht weniger beängstigend war es, daß es auch bei diesen prominentesten Trägern des Systems nicht auf das Können, sondern auf die „Gesinnung" ankam - hier wiederum das Operieren des Meisters mit Affekten, nicht mit Geboten der Vernunft.
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Die Folgen der negativen Auslese

Ignoranz war von Staats wegen legitimiert und durch Gewaltanwendung geheiligt. Schon aus rein sachlichen Erwägungen heraus konnte man bereits 1933 ahnen, welcher Katastrophe Deutschland dank dieser negativen Auslese entgegen ging.

Im übrigen aber hat die vorgeschriebene deutsche Weltanschauung bewirkt, daß Deutschland durch eine Garnitur so phantastischer Gestalten in die Weltgeschichte einging, wie sie der Schauerroman nicht krasser erfinden kann: es waren die Produkte dieser Weltanschauung, Leute, die sonst vielleicht mit einigen Roheitsdelikten oder Griffen in fremde Kassen ausgekommen wären.

Jetzt besaßen sie einen Leitfaden der Wegelagerei im Großen.
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Die Psychologie der Paladine

Die Psychologie dieser Menschen ist einfach, d. h. es waren Leute, die fähig waren, sich nicht mehr zu schämen, vor nichts und vor niemandem.

Nur voreinander hätten sie sich geschämt: jemals Schamgefühl zu zeigen. Sie verkörperten ein Prinzip, das Prinzip einer so hochentwickelten Schamlosigkeit, daß sie auf diesem besonderen Gebiete in der Tat Exzellenzen darstellten.

In den Spitzenexemplaren stellte dieser Typ eine Art biologischer Mißbildung dar, erschreckende Naturwunder an Verkommenheit.
Das Bild hat sich durch die wenigen politischen Romantiker, die weiter im Hintergrunde und auf verlorenem Posten mit ihrem Idealismus Zwiesprache hielten, nicht verschoben.

Die Gerechtigkeit gebietet jedoch, daß derjenigen gedacht wird, die aus naiv-ehrlichen und idealistischen Beweggründen zum Nationalsozialismus gestoßen waren und die dann - oft auf sehr prominenten Posten - diesen Posten nur hätten verlassen können um den Preis ihrer Existenz oder ihres Kopfes.

Diese wenigen menschlich wertvollen Nationalsozialisten haben bis zuletzt und in einem Sumpf von Korruption und Grausamkeit ihr Menschentum in der Stille gegen das Wüten der Parteimaschine einzusetzen versucht, soweit das überhaupt möglich war. Ihre Zahl ist sehr klein, aber sie waren vorhanden und ihr Irrtum ist von großer menschlicher Tragik - heute umso mehr.
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