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„Führer und Verführte" - ein Buch aus dem Dezember 1945

Der Autor Hans Windisch hat nach den Aufzeichnungen seiner Vita bereits 1940 angefangen, sein Wissen um die Machenschaften der Clique (Horde) um Adolf Hitler und die Publikationen in den reichsdeutschen Medien aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen sind den Zetteln des Albert Speer in seiner 20-jährigen Haft in Spandau wiederum sehr ähnlich. Auch die Aufzeichnungen des Dr. Eugen Kogan in seinem Buch „Der SS-Staat" beschreiben die nahezu unbekannten Seiten des Hitler Regimes. Sollten Sie hier auf dieser Seite gelandet sein, beginnen Sie bitte hier mit der Einleitung.

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II
FÜHRER UND VERFÜHRTE
(ANALYTISCHER TEIL)

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Es geht nicht an, von Ideen oder Meinungen zu reden, wenn man keine Instanz anerkennt, welche über sie zu Gericht sitzt, keine Normen, auf welche man sich berufen kann ...
Unter den Marken des Syndikalismus und Faschismus erscheint zum erstenmal in Europa ein Menschentypus, der darauf verzichtet, Gründe anzugeben und Recht zu bekommen, der sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen. Das ist neu: das Recht darauf, nicht Recht zu bekommen, Grundlosigkeit als Grund ...

Aber der durchschnittliche Mensch ahnt nicht, wie scharf und rein die Luft ist, in der Gedanken leben. Darum sind seine Gedanken in Wahrheit nur Triebe in logischer Verkleidung.
Ortega y

„KEINE TRÄNE WÜRDE ICH DIESEM VOLKE NACHWEINEN"

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DER RETTER

Ihr möchtet die ganze Welt so trübe und grau machen wie ihr seid. Ihr liebt nur eins: den Tod. Immer redet ihr vom Tod, vom Sterben. Man muß sterben können, sagt ihr. Ihr Dummköpfe, sterben kann jeder. Leben muß man können, zu leben muß man verstehen ! - Fallada

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Die Gunst der Stunde

Mit dem Wissen um die gewissermaßen natürlichen, die gewachsenen Ursachen der deutschen Katastrophe hat man ein Bild, warum es so kommen mußte, wie es kam und auf welche Weise das deutsche Volk „Rettern" anheimfallen konnte, die seine Totengräber wurden.

Der Mensch vergißt schnell. Einiges aber sollte uns unvergeßlich sein, schon deshalb, weil sich Unbelehrbare finden könnten, die den deutschen Zusammenbruch als mißglückte militärische Operation betrachten anstelle dessen, was er war: eine geradezu selbstmörderische Geisteshaltung in kritischer Zeit. Diese Geisteshaltung wurde dann das Fundament für ein Terrorsystem von abenteuerlicher Konzeption.

Inzwischen ist die Maske gefallen und es ist heute allen klar, was ihnen schon der gesunde Instinkt hätte sagen dürfen: daß sie einem mit größter Verschlagenheit komponierten System der patriotisch und sozial geschminkten Barbarei zum Opfer gefallen sind. Aber man soll das nicht nur zur Kenntnis nehmen, man soll es auf das Grundsätzliche zurückführen, und das ist Folgendes:
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Das Rechenexempel mit der Dummheit der Menschen

Das Rechenexempel mit der Dummheit der Menschen, dem Betrug und der Barbarei geht nie auf. Es ist nicht nur unsittlich, sondern es ist auf lange Sicht aussichtslos, also seinerseits dumm. Und gerade in diesem Punkte macht die deutsche Katastrophe sehr nachdenklich.

Welcher Weise gibt der Welt ein Gesetz gegen die Dummheit? Gegen die Dummheit, die Trägheit des Herzens ist? In Nürnberg saß sie (die Dummheit) überlebensgroß. Wenn wir uns schon im kleinen nicht gegen sie zu schützen wissen - ist es ein Wunder, daß sie uns eines Tages tödlich trifft? Denn daß sie ansteckt, das gibt ihr Gewalt.

Man muß allerdings zugeben: Deutschland war ein aufnahmewilliger Boden für skrupelloses Demagogentum. Es war ein Land, in dem annähernd jeder Fünfzehnte arbeitslos war, in dem sich die Regierungen die Tür in die Hand gaben, ein Land, das sich - mitten in der Weltkrise - nie von dem schweren Schock des (1.) Weltkrieges erholen konnte, und es war ein Volk, dem Jahrhunderte lang von oben herunter befohlen worden war, was es zu tun und zu denken hatte - gute Zeiten für Abenteurer.
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Das Abenteuer - „wie es eigentlich kam"

Es bleibt zu klären, welchen Ablauf das Abenteuer nahm, das als Katastrophe endete und „wie es eigentlich kam". Denn was nicht mehr rätselhaft ist, könnte zur Lehre werden. Wie also wurde die geschichtlich beispiellose Machtposition des Retters überhaupt möglich?

Sie wurde möglich:
In erster Linie durch die Gunst der Stunde. Es war eine Stunde der Not. Sie wurde ferner möglich durch faszinierte "Volksmassen". Und sie wurde möglich durch die dem deutschen Volke eingeborene Disziplin. Und schließlich dank der Leichtgläubigkeit und Hingabefähigkeit des deutschen Volkes.

Wie lief das alles ab, wie sah es aus auf dem Wege in den Abgrund? Denken wir weit genug zurück, bis zu den Anfängen.

Was geschah damals, vor Jahrzehnten?
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1924/1925 - Hitlers Buch "Mein Kampf"

Eine demokratische gewählte deutsche Regierung von geradezu unfaßlicher Toleranz und vor allem Naivität gibt einem Hochverräter die Muße und die bequeme Gelegenheit, sich in milder Festungshaft zu erholen und politische Überzeugungen zu Papier zu bringen, die, in schlechtem Deutsch geschrieben, teils so abgegriffen, teils so absurd sind, daß sie nur als das Produkt eines ehrgeizigen Phantasten betrachtet werden, eines politischen Dilettanten und Wirrkopfes.

Charakteristisch für diese und die kommende Zeit ist, daß dieser Mann und sein „tausendjähriges Reich" dank der Primitivität seiner „Weltanschauung" nicht ernst genommen wird, trotz aller Saal- und Straßenschlachten.

Einige Faktoren mußten ihn aber doch gefährlich machen. Zunächst die verzweifelte wirtschaftliche Lage Deutschlands mitten in der Weltkrise, samt den Millionen der Arbeitslosen, die auf den Retter in der Not warteten.

Daß man 5-6 Millionen Arbeitslose am leichtesten aus der Welt schafft, indem man allmählich ebensoviel Tote und Krüppel aus ihnen macht, konnte damals noch niemand ahnen.
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Die Zeit für einen „Retter" war besonders günstig

Darüber hinaus war der psychologische Moment für einen „Retter" besonders günstig. Es ist charakteristisch für den planvoll spekulativen Geist, in dem der Retter Deutschlands vorging,- er äußerte: Zwar habe die Weltkrise ihren Tiefpunkt überwunden, noch aber sei sie für ihn nutzbar: die steigende Welle werde ihn hochtragen, ihm zugute kommen. Man sieht:

Der psychologische Moment begünstigte den Sprung des „Retters" auf das Opfer, führte es ihm entgegen.
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Massen-Suggestion

Weiterhin war dem Retter günstig, daß er mit dem Mute dessen, den keinerlei ernsthaftes Wissen hemmt, die „Stimme des Volkes" zu verkünden wußte. Daß Massensuggestionen immer nur dem gelingen kann, der den primitiven Instinkten der Massen entgegenkommt, sie „versteht", sie stachelt, wissen wir bereits.

Er - der Retter, der sich als kochende Volksseele gab, der billigste Effekte und Scheinargumente nicht scheute, der sich in allen Praktiken der Massenlenkung und der Massenverführung hervorragend auskannte, erreichte Massensuggestionen, wie sie auch dem erleuchtetsten Geiste nicht gelingen könnten, - sehr wahrscheinlich deshalb, weil er sie verabscheuen würde.

Das Handwerk des Führers von (Menschen-) Massen war, ist und wird immer sein: die feierlich deklamierte Trivialität, der gummihaft vieldeutige Begriff, vorgetragen mit tönender Pathetik.
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Man müsse das Volk auch belügen können - sagt der Demagoge

Bezeichnend für den Demagogen, der hier am Werke war, ist sein schriftliches Bekenntnis: man müsse einem Volke gegebenenfalls auch die Wahrheit verschweigen, oder, positiv ausgedrückt: man müsse es auch belügen können.

Es wickelte sich nun der gesetzmäßige Prozeß einer Massenverführung großen Stiles ab. Von dem, was den „Retter" eigentlich trieb, welcher Motor ihn antrieb, wird noch zu sprechen sein.

Zum Arbeitsverfahren des Retters gehörte es vor allem, daß sein System der Massenerregung und der Massenaufstachelung grundsätzlich auf Gefühlen, auf Affekten aufgebaut war. Das ist immer wirksam, ja nur das ist wirksam.

Eine (Menschen-) Masse will von starken Gefühlen gepackt werden, will berauscht, will zu Ekstasen hingerissen werden, ja sie entsteht erst durch den Rausch und sie ist ohne ihn nur eine Versammlung Einzelner. Es ist ferner nötig, daß die (Menschen-) Masse ständig im Erregungszustand, ständig im Affekt erhalten wird, sie fiele sonst auseinander.

Dann aber kann sie das fürchterlichste, das mächtigste und unheimlichste Instrument in den Händen dessen werden, den der Machtrausch treibt. Infiziert mit dem Wahn des Propheten wird diese (Menschen-) Masse vervielfältigter Wahn und ihr Rausch kann in kritischen Augenblicken hysterische Formen annehmen.
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Ein Schul-Beispiel aus 1938 - der österreichische Anschluß

Ein besonders frappantes geschichtliches Beispiel für das Verhalten berauschter Massen bot sich dem nüchternen Beobachter bei Gelegenheit des österreichischen Anschlusses an das Deutsche Reich.

Während sich die Dinge in Deutschland immerhin im Laufe von Jahren entwickelt hatten, und zwar in der Weise, daß mehr und mehr einzelne Erregungsherde zusammenschmolzen, bot Österreich das beängstigende Bild eines schlagartig vom Rausche ergriffenen ganzen Volkes.

Von einer „Besetzung" war keine Rede. Ungeheure Menschenmassen säumten die Via triumphalis, wichen bei eisigem Wetter halbe Tage lang nicht von der Stelle, um den „größten Österreicher der Geschichte" zu sehen.

Die Sprechchöre rissen nicht ab „Ein Volk - ein Reich - ein Führer", „Wir wollen unsern Führer sehen", - der Rausch war vollkommen, und noch tagelang, weit abseits, bewegte man sich unter einem strahlend glücklichen Volke, das in der Tat „außer sich" war - deutscher als die Deutschen, die sich ja bereits ihr Teil dachten. Die Schallplatten von damals sind heute Dokumente: der Massenpsychologie.

Der Rausch war echt, er war landauf, landab allzu beängstigend, und wer selbst Gelegenheit hatte, ihn zu beobachten und dann zu vergleichen, mußte feststellen, daß die Verehrung des Retters, des Erlösers und der Stolz auf den großen Landsmann nirgends so emphatische Formen annahm wie hier.

Gewiß kam die „Heimkehr" eines ethnisch und geschichtlich deutschen Volksstammes hinzu und ferner, daß das Heil der Welt nun von einem österreichischen Landsmanne kommen würde *10).

*10) Diese Beobachtungen erstreckten sich auf Oberösterreich. Darüber hinaus jedoch eine Zeitungsnachricht aus „Der Tagesspiegel", Dezember 1945: „Es war in allen Kreisen der Bevölkerung ein „Heil Hitler" ohne Ende. Und aus dieser Gesamthaltung heraus marschierten die ostmärkischen Soldaten, z. T. unter alten k. und k. Offizieren unter Hitlers Fahnen vom Sieg zur Niederlage mit. Obwohl sie von London durch Spezialrundfunksendungen immer wieder aufgefordert wurden, sich als Österreicher zu fühlen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, ist nicht ein Fall bekannt geworden, in dem auch nur eine Gruppe geschlossen übergegangen wäre. Durch ihre Schuld nicht weniger als durch die des reichsdeutschen Volkes flutete der Strom der Zerstörung über das Land."

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Diesem Taumel folgte die Ernüchterung umso schneller.

Es ist nicht zu leugnen, daß der Retter, der ein barbarisches Deutsch sprach und schrieb, dem ein befremdender Randdialekt anhing, untermischt mit vielen und falsch gebrauchten Fremdwörtern, der politisch nicht einmal Deutscher war, - es ist nicht zu leugnen, daß dieser Mann ein in der Geschichte seltenes Phänomen der Massenlenkung und Massen Verführung darstellte, gleichgültig mit welchem Programm und mit welcher Weltanschauung, jedes zeitgemäße Programm und jede Weltanschauung wäre ihm dazu geeignet erschienen.

Hier wurde die Sprache der (Menschen-) Masse gesprochen, ihr „aus dem Herzen", und oft war es gerade der Hang zur Plattheit, zum Billigen, ja Ordinären, der die stärksten Bindungen knüpfte. Und hier wurde die Gunst der Stunde und die Empfänglichkeit der (Menschen-) Masse in einer seltenen Weise zu Zwecken der persönlichen Macht benutzt.

Als historisches Beispiel betrachtet wird an diesem Fall, wie an so vielen in der Geschichte der Menschheit, klar, welche Verwirrungen und welche geistesgeschichtlichen Rückschläge dem Typ des manischen Weltverbesserers zu danken sind, dessen, der ohne fundiertes Wissen die Gabe der suggestiven Rede und damit der Massenlenkung besitzt.
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Das Primat des Ordinären

Hier waren beide, die (Menschen-) Masse und ihr Anführer vollkommene Produkte ihrer verwirrten und entwurzelten Zeit. Das, das da wirklich vor sich ging, stellte das deutsche Volk fest, als es bereits zu spät war, d. h. als bereits eine feste Bindung zwischen den berauschten Massen und ihrem Sprecher bestand.

Der Rausch beider steigerte sich wechselseitig immer höher, er quoll aus dem oft bewährten Prinzip: die (Menschen-) Masse erklärt ihren Retter zum Auserwählten, und der Retter erklärt die (Menschen-) Masse zum erwählten Volke.

In seinen äußeren Auswirkungen zeigte dieser Rausch der Hingabe der (Menschen-) Masse an den Retter, und umgekehrt der Machtrausch des Retters selbst, nahezu religiöse Formen, zuweilen hysterische, - der Wahn war übergesprungen.
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Die fast hypnotisierte (Menschen-) Masse

Da nun alle Impulse von einer berauschten, faszinierten, ja fast hypnotisierten (Menschen-) Masse ausgingen und da eine berauschte (Menschen-) Masse nie die wertvollen oder gar edlen Komponenten eines Volkscharakters herausstellt, sondern die triebhaft unedlen, da ferner die Massenseele stets auf einer Entwicklungsstufe tief unter der des Individuums steht, so kam es folgerichtig zu einer Diktatur eben dieser triebhaft inferioren Eigenschaften des deutschen Volkes, eingerechnet den Drang zu einer schulmeisterlichen Weltbeglückung, ja zur „Mission", also zur Selbstheiligung.

In dieser Zeit wurden alle die volks- und weltbeglückenden Phrasen allgemeiner und vieldeutiger Art in das deutsche Volk geworfen, die in ihrer erdrückenden Breitenwirkung überdeckten, daß das deutsche Volk von einem Hang zum Billigen, Platten, Unechten ergriffen war, einem Hang, der überhaupt eines Kulturvolkes unwürdig war.

Auch das deutsche Volk selbst also, das einstige Volk der Dichter und Denker, diesmal aber der Berauschten und Gedankenlosen, kam dem Manne entgegen, dessen manischer Geltungstrieb und dessen Machtbesessenheit sich an ihm übte.

Denn inzwischen war es bereits zum Objekt geworden, fasziniert und kritiklos, verfallen der Person des Retters. Die faszinierten, planmäßig aufgepeitschten (Menschen-) Massen wurden ein williges Objekt des Retters.
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Die militarisierte Weltanschauung

Noch ein drittes Moment erklärt den Erfolg dieser kalt berechneten Technik des Massenfangs: die militärische oder besser militaristische Note dieser „Weltanschauung", eine wohlbedachte Komponente, die für ein zivileres Volk eher abschreckend gewesen wäre, die aber der großen Zahl derjenigen Deutschen angepaßt war, denen es seit einigen Jahrhunderten den elektrisierenden Ruck gibt, sobald an diese urtümliche Form von Mannestugend appelliert wird.

Es ist allerdings eher eine Neigung zum „Soldatenspielen", zum Glanz der Uniform und zum Kollektiverlebnis als zur Kriegslüsternheit, immerhin ist es aber eine angeborene Belastung, die genau dem entgegensteht, das man Zivilkurage nennt, - schnarrende Kommandos sind dann stets das Stärkere.

Es ist klar, daß sich auf dieser Basis am leichtesten ein Instrument entwickeln ließ, das dann sichere Handhaben bot: die auf diese Weise gebündelte (Menschen-) Masse würde nicht nur gehorchen, sie würde auf Kommando funktionieren:

Die preußisch-deutsche Disziplin unterbaute den Erfolg des Retters.
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Hörig durch den Glauben

Und schließlich kam ein viertes Moment hinzu, das den Zustand der Hörigkeit herstellte und laufend in Gang hielt: die Hingabefähigkeit, aber auch die oft unfaßliche Leichtgläubigkeit eines dauernd in Erregung gehaltenen Volkes.

Eine (Menschen-) Masse will ja auch glauben, will das hören, das ihr angenehm ist. Und nun überstürzte eine Affekthandlung die andere, alles sah nach innerer Dynamik aus, und es fiel dem deutschen Volke beispielsweise überhaupt nicht auf, daß es ohne jede Verfassung, ohne gültiges Recht und gegen heilige Eide regiert wurde, also mit den gerade gegebenen Mitteln reiner Willkür.

Es fiel dem Volk nicht auf, daß Begriffe wie Deutschland und Vaterland ganz unter der Hand identisch gesetzt wurden mit der „Weltanschauung", genauer den Wünschen und Machtansprüchen der herrschenden Horde.

Diejenigen jedoch, denen alles dies auffiel, wanderten in die Konzentrationslager, schon deshalb, weil die Blindheit und Vergeßlichkeit der großen (Menschen-) Masse aufrechterhalten werden mußte. Der Retter fand also das vor, was ihm das deutsche Volk geradezu auslieferte:

Der Retter traf auf die deutsche Hingabefähigkeit und Leichtgläubigkeit. Er nützte beides.

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Geschichte einer Überrumpelung

Leichtgläubigkeit entspringt noch immer einer edleren Disposition als Mißtrauen um jeden Preis. Und dank dieser Leichtgläubigkeit standen eines Tages 70 Millionen vor der fertigen Tatsache des Krieges, - genau so vom Donner gerührt wie die Nachbarvölker, die über Nacht den Krieg im Lande hatten.

Und während 1914 tobende Menschenmassen sich an der Kriegserklärung berauschten, wurde 1939 ein geducktes, an allen Gliedern gefesseltes Volk zur Schlachtbank geführt. In seiner Gesamtheit war das deutsche Volk nie weniger „kriegslüstern" als damals, - noch lebte immerhin die Generation des ersten Weltkrieges, sie hatte ihre Erfahrungen.

Bei "objektivster" und "gerechtester" Beurteilung (kann man "gerecht" steigern ?) muß man sagen: diese Entwicklung war nicht erwartet worden. Das deutsche Volk mußte sich stumpf und dumpf zur Schlachtbank schleppen lassen, voller Ahnung wie ein Volk, das seinen letzten Weg geht, - und es war der letzte Weg.

Auf diesen Weg war es mit verbundenen Augen gezerrt worden. Die Binde fiel - das deutsche Volk sah, was der Retter angerichtet hatte.
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Die Bruchstelle

Was war geschehen, wie war man bis an diesen Punkt gelangt?

Es wird gut sein, wenn man sich auch außerhalb Deutschlands die Einzelphasen des innerdeutschen Geschehens vergegenwärtigt:

Am Anfang steht die große Krise mit den 12 Millionen der Arbeitslosen. Das Beispiel an Nachbarvölkern (Italien, Rußland) zeigt: energisches Zupacken einiger weniger Männer scheint die Rettung zu sein. Diese Männer melden sich, bieten sich als Retter an. Man gibt ihnen die Chance. Sind sie der Aufgabe nicht gewachsen, so wird man sie wieder fallen lassen, - es gibt ja noch die Verfassung.

Und genau diese Stelle war die Bruchstelle des deutschen Gedankengangs.
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Die Militärs der alten Schule

Denn da ist vor allem die Clique der ehrgeizigen preußischen Generale. Sie sieht ihrerseits eine (ihre) Chance gekommen, sie hofft, auf den Rücken der Bewegung zu steigen. Sie irrt sich jedoch ebenfalls.

Als sie ihre Arbeit getan hat, wird sie wieder abgeschüttelt, denn inzwischen hat sich der Retter Deutschlands zum unumschränkten Diktator entwickelt, er bestimmt jetzt, er ist der oberste Kriegsherr, er nimmt das Instrument der Wehrmacht selbst in die Hand.
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Der Diktator ist jetzt Herr im Hause

Ähnlich ist der Ablauf der konjunkturwitternden Schwerindustrie.
An dem Punkte nun, an dem es dem Einen gelungen ist, alle Macht in Deutschland in seiner Hand zu bündeln, ist eine der unwahrscheinlichsten politischen Überrumpelungen aller Zeiten gelungen: vom kleinsten Manne bis zum mächtigsten Konzern in Deutschland ist alles ringsum zum Instrument des Einen und seines Gefolges herabgesunken.

Der Diktator ist jetzt Herr im Hause - und er ist es auf seine Weise. Niemand entrinnt ihm mehr, alle Machtmittel sind in seiner Hand.

Man sieht, die Bruchstelle des deutschen Gedankengangs saß in dem Vorbehalt „Es gibt ja noch die Verfassung". Daß sie als Fetzen Papier behandelt wurde oder genauer, daß sie als nicht existent betrachtet wurde, - dieser in seinen Folgen furchtbare Vorgang der Täuschung eines 70 Millionen- Volkes erinnert an etwas, - nämlich an die gleichen skrupellosen Betrugsmanöver, denen von der gleichen Seite her auch fremde Völker und fremde Staatsmänner zum Opfer gefallen waren, nicht weniger düpiert und nicht weniger geblufft als das deutsche Volk.

Vielleicht geben uns diese Völker und diese Staatsmänner doch besser zu, daß wir in diesem Punkte ihre Leidensgenossen sind, eben weil es Skrupellosigkeiten von so unwahrscheinlichem Umfange gibt, daß kein anständiger Mensch mit ihnen rechnen darf. *11).
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Es ist anzunehmen, daß in den folgenden Jahren große Teile des deutschen Volkes ausgewandert wären, - wenn sie es gekonnt hätten, denn auch dieser Ausweg war versperrt.
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*11) Dokument aus dem Nürnberger Prozeß (Sitzungsprotokoll der Rede des Staatsoberhauptes Adolf Hitler am 20. August 1939 an die Generale):

„Was das dekadente Europa über mich denkt, ist mir gleichgültig. Dschingis Khan hat fröhlichen Herzens Millionen von Frauen und Kindern hingeschlachtet. Kein Mensch spricht mehr davon. In Polen wird die SS ohne Gnade und Erbarmen vorgehen. Seien Sie schneller und brutaler als die anderen. Man muß diese Völker wie dumme Halbaffen behandeln, die die Knute fühlen müssen. Wenn Chamberlain oder ein anderes Dreckschwein Vermittlungsvorschläge machen sollte, so wird er die Treppe hinuntergeworfen werden, und wenn ich ihn selbst vor den Photographen vor den Wanst treten müßte." (Der Reichsmarschall Göring springt auf den Tisch.)

Ferner aus dem Protokoll einer Besprechung vor 1939: „Den Propagandagrund für diesen Krieg werde ich schaffen, ob er wahr ist oder nicht. Als Sieger werden wir später nicht danach gefragt werden. Der Stärkere ist immer im Recht."

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70 Millionen Selbstmörder

Bei aller politischen Indifferenz und Leichtgläubigkeit des deutschen Volkes: vielleicht wäre eine Überrumpelung dieses Formates auch anderen Völkern geschehen. Man muß untersuchen, welchem Dämon dies gelingen konnte.

Vorher jedoch bedarf es noch einer anderen Klarstellung.

Eine Zeitlang war eine Formel aufgetaucht, nach der jeder einzelne Deutsche schuldig oder nichtschuldig befunden werden konnte. Man sagte: freizusprechen von der Anhängerschaft sind lediglich drei Kategorien: Geistliche, Insassen von Konzentrationslagern und alle 1933 Gemaßregelten.

Im übrigen haben alle damaligen Wahl- und Abstimmungsergebnisse als korrekt und als der Ausdruck des Volkswillens zu gelten. Somit: 98 Prozent des deutschen Volkes haben als mehr oder weniger verantwortliche Anhänger des Regimes zu gelten.

Nun, jeder, der das deutsche Elend an Ort und Stelle miterlebt hat, weiß, daß dieses Kollektivurteil - wie jedes Kollektivurteil - völlig schief und daß es eine Legende ist. Es ist dazu zu sagen:

  • 1. Wie die Wahlen und wie die Abstimmungsergebnisse zustandekamen, wissen wir besser, und auch jeder unbefangene ausländische Beobachter weiß um diese Komödien. Es wäre ja auch eine Art Vertrauensvotum für die damaligen Machthaber, wollte man annehmen, daß gerade hier ihre erste und einzige ehrliche Handlung vorläge. So waren sie zweifellos nicht beschaffen.
    Richter Jackson bei Eröffnung des Nürnberger Prozesses:
    „Die NSDAP ist nicht durch Stimmenmehrheit an die Macht gekommen. Sonst hätte sie der SA und der SS nicht bedurft." Später: „Es ist dokumentarisch erwiesen, daß die Führung der NSDAP kein Mittel und kein Verbrechen gescheut hat, um an die Macht zu kommen."
  • 2. In manchen Konzentrationslagern befand sich auch ein erheblicher Prozentsatz Krimineller und Asozialer, die man nicht zu den generellen Ausnahmen wird rechnen können.
  • 3. Auch jeder Nichtdeutsche, der vor und nach 1933 in Deutschland gelebt hat - und zwar mit dem deutschen Volke zusammen - wird ehrlicherweise zugeben müssen, wie tief unglücklich der größere Teil dieses entmachteten Volkes war, unglücklich und ausweglos dem Terror überantwortet. Unzählige mußten sich ja pressen und erpressen lassen, - der Heroismus, Frauen und Kinder verhungern zu lassen, ist nicht von Millionen von Menschen zu verlangen, vor allem nicht in einer Zeit, zu der sich das System zwar wild gebärdete, aber doch vor allem mit dem Idealismus der deutschen Massen operierte, also nicht aggressiv erschien.

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  • Anmerkung : Es gab da nur ganz wenige Ausnahmen oder Spezialfälle, so der Fall unseres Berliner Opas Eduard Schandel. Er hatte einen tschechischen Paß und lebte in Berlin mit seiner (reichsdeutschen) Ehefrau Helene. Aus irgendwelchen Zufalls-Gründen war er in keiner Liste der einzuberufenen Reichsbürger enthalten und für die Tschechen war er nicht mehr auffindbar. Er lebte vom kleinen Glück der Nichtentdeckung.

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Die Wahlen im 3. Reich waren eine Farce

Die Legende von den 98 Prozent juristisch Verantwortlicher ist eine Unmöglichkeit in sich und schon a priori absurd. Man kann sie nur aufrecht erhalten, wenn man bereit ist, zu glauben, es sei ein Volk von 70 Millionen Selbstmördern denkbar.

Tiefere Einblicke in die Dinge (wir sind hier im Dezember 1945 !) wird man auch auf der Siegerseite erst im Laufe der Zeit und aus besserer Kenntnis des deutschen Volkes gewinnen können. Es ist auch aus rein menschlichen Gründen nicht gut denkbar, daß ein Fehlurteil dieses Umfangs aufrecht erhalten bleiben wird.

Vielleicht hat dieser fürchterlichste aller Kriege den „Menschen guten Willens" geschaffen, Sieger wie Besiegte könnten ihn brauchen. Und vielleicht wird manches leichter zu verstehen sein, wenn man sich einmal mit dem Dämon selbst befaßt, der im Nacken dieses Volkes saß. Er war nicht nur ein deutscher Gegenstand, er war ein Stück Menschheit und darum ein Stück Tragik dieser Menschheit.
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überrumpelt und geknebelt

Das ist auch das Bild, das der Nürnberger Prozeß ergeben hat. Hier zeigten klare und eindeutige Unterlagen, nach welchem System das deutsche Volk zunächst überrumpelt und dann geknebelt wurde. Das Maß der Skrupellosigkeit, das dabei zutage trat, hat gewissermaßen übernationalen Charakter, es gehört der Sphäre des Absoluten an, und es erscheint ausgeschlossen, daß sich in der Geschichte irgend eines Volkes ein ähnlich phantastischer Fall des politischen Bandenwesens findet.

  • Anmerkung : Da hat die Geschichte seit 1945 leider das Gegenteil bewiesen, sowohl in Afrika, in Mittel- und Südamerika und in Asien. Es gibt da zuviele Beispiele.


Im wesentlichen war das deutsche Volk selbst Opfer, und man soll den Umfang der Schuld, die man ihm auflädt, auf das gerechte Maß reduzieren. Es versteht sich, daß damit kein Freispruch verbunden sein kann für alle die, die offene oder stille Teilhaber einer politischen Wegelagerei größten Formates waren.

Denn selbstverständlich brauchte ein so groß angelegtes System Hunderttausende von Handlangern, die dabei zu gewinnen hofften.
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