„Führer und Verführte" - ein Buch aus dem Dezember 1945
Der Autor Hans Windisch hat nach den Aufzeichnungen seiner Vita bereits 1940 angefangen, sein Wissen um die Machenschaften der Clique (Horde) um Adolf Hitler und die Publikationen in den reichsdeutschen Medien aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen sind den Zetteln des Albert Speer in seiner 20-jährigen Haft in Spandau wiederum sehr ähnlich. Auch die Aufzeichnungen des Dr. Eugen Kogan in seinem Buch „Der SS-Staat" beschreiben die nahezu unbekannten Seiten des Hitler Regimes. Sollten Sie hier auf dieser Seite gelandet sein, beginnen Sie bitte hier mit der Einleitung.
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FRAUEN MACHEN GESCHICHTE
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Das Idol
Es gibt eine tiefere Schuld als die Tat - es gibt die unsichtbaren Schäden in den Seelen. Auf ihnen erst wächst die Tat. Noch heute tritt Wenigen ins Bewußtsein, wie stark der Verfall der Seelen gerade an den Stellen war, an denen ihn niemand sucht.
Von dort her wurden dem Apostel der Gewalt die Wege geebnet, - die deutschen Frauen wurden seine Jüngerinnen. Sie, aus der Stille der Familie gezogen und vor die Wahlurnen getrieben, sie, die die „Masse" der Ja-Stimmen zu bringen hatten, sie waren, berauscht von der brutalen Männlichkeit dieses Machtbesessenen, das Zünglein an der Waage, sie gaben den Ausschlag.
Sie, aus der Geborgenheit, der Ereignislosigkeit von Ehe und Familie herausgelockt, warfen sich dem großen Abenteurer, dem barbarischen Übermännchen, anbetend vor die Füße und trieben es vielfach bis zur Vergottung mit diesem ihrem primitiven Symbol von Männlichkeit - „Damen", denkende Menschen, sammelten die Erde, über die der Fuß des Übermännchens gegangen war und zerrissen sich die Kleider, um die Hand des Gottähnlichen zu drücken.
Schon ein normales Diktatorengehirn hätte diesen und unzähligen anderen Szenen gleicher Art kaum widerstanden. In allzu wenigen deutschen Frauen saß die instinktive Ablehnung gegen das nackte Barbarentum allein dieses Gesichts, allein dieser Stimme eines hysterischen Machtbesessenen, gegen die ganze Atmosphäre eines verbissenen Fanatikers - das war es, was gerade sie hätten herausspüren müssen. Aber wie viele waren ihrem Götzen verhaftet bis zuletzt.
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Labiles zieht das Labile an
Labiles zieht das Labile von jeher an, und diese Spekulation auf die Frauenstimmen war eine Rechnung, die stimmte. Doch wie immer war vielleicht auch hier die scharfsinnige Piegie das Stärkere.
Aber wenn Kriege von Männern gemacht werden, so war dieser wohl der erste, den auch die Frau vorbereiten half, schon lange vorher und dadurch, daß ihr feinerer Instinkt für menschliche Qualitäten versagte über der Hingabe an ein Symbol der Gewalttat, der übermenschlichen Härte und der Erbarmungslosigkeit.
Daß ihr Götze log, daß seine Töne falsch waren, das mußten Männer merken - daß ein unbestimmtes Etwas an ihm ungut war: das hätten alle Frauen spüren müssen.
Die gefallenen Männer und Söhne, das verkohlte Heim, der brennende Phosphor, der zu Müttern und Kindern in die Keller lief, der Schutt, zwischen dem sie ihr Leben verbrachten und verbringen - alles das sind die Geschenke jenes Übermännchens, das die Verehrung so vieler deutscher Frauen genoß. Sehr vieler, nicht aller. Vorwiegend aber der Frauen aus dem Bürgertum.
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Die Gemütspropaganda
Der Geist, den ein großer Teil der Frauen vertrat, wurde planmäßig gespeist und gezüchtet und am Leben erhalten, - man wußte um diese Chance. Und so konnte denn der Götze persönlich allen seinen Priesterinnen das ehrenvolle Zeugnis ausstellen :
"In der Hauptsache den „klugen Frauen" danke er seinen Aufstieg ... " -
Sie noch klüger zu machen, war die Aufgabe der Propaganda.
Man muß zugeben, daß die Propaganda in diesem Punkte von einem Raffinement war, das rein werbetechnisch seinesgleichen sucht. Man ging vom gänzlich Unpolitischen aus, um die Objekte der Politik in die Hand zu bekommen und man wußte sehr wohl, daß kein Argument je die Überzeugungskraft hat, die von Gefühlen ausgeht.
Das planmäßige Operieren mit Affekten - Liebe, Haß, Vertrauen, Hingabe - mußte logischerweise bei affektiv betonten Menschen und darum vorwiegend bei Frauen mit Sicherheit einschlagen, und es gibt zweifellos auch heute noch Frauen, die - „trotz allem und trotz allem" - in der Tiefe ihrer unausgefüllten Seele noch voll Wehmut und Trauer dem Schicksal ihres Idols nachhängen.
Sie würden vermutlich sehr erstaunt sein, im einzelnen zu erfahren, wie Propagandaprogramme vorher nach genauen Richtlinien fixiert, in allen Details ausgearbeitet und methodisch als Apparat eingesetzt werden. Sie würden erstaunt sein, wie planmäßig und methodisch man an die Herstellung eines zweckentsprechenden Nimbus heranging.
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Die größte Gemütspropaganda aller Zeiten
Für jeden aufmerksamen Beobachter war - vor und nach 1933 - vor allem die systematische Bearbeitung des deutschen Gemütes gut zu kontrollieren. Wer die breite Masse haben will, darf sich nicht schämen, und so quoll aus allen publizistischen Kanälen das Bild eines Dienstmädchenideals von hoher Männlichkeit, Edelmut, unendlicher Bescheidenheit, tiefer Liebe zum Volke und einer Tag und Nacht wachen Fürsorge für das Wohl Deutschlands, - dies alles sogar photographisch dokumentiert und somit also unbestreitbar.
Es ist keine Frage, daß diese größte Gemütspropaganda aller Zeiten einen beispiellosen Erfolg hatte und zwar bis in die feinsten Kanäle der Familie, wofür sie ja auch zugeschnitten war. Die Hörigkeit von der Gemütsseite her hielt allen gesunden Instinkt, allen Wirklichkeitssinn und allen Argwohn gegen das Gemachte dieser Praktiken nieder.
Die glänzendste Erfolgsbestätigung dieser Propaganda aber war die: daß zwar über die bösen Freunde des Staatsoberhauptes eine unerschöpfliche Menge vernichtender Witze kursierte, daß aber der schlichteste und größte aller Deutschen davon alle Zeit unberührt blieb.
Er war der edle, einfache Mann, makellos und der Retter der Nation, gesandt von einem gütigen Schicksal, von hohen Idealen erfüllt und von einer Selbstlosigkeit, die auf jedes Privatleben, ja sogar auf jedes Einkommen verzichtete. Die Stimmen der Wissenden, die den Ausspruch von der „Hammelherde" kannten und die die Ziffern eines astronomischen Einkommens nur ahnten, waren völlig unglaubwürdig.
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Frauen und Politik? Es ist denkbar.
Frauen erwiesen sich bei der Herstellung des benötigten Nimbus als die besten und sentimentalsten Handlanger, insbesondere, da sie von Haus aus am wenigsten überblicken konnten, wie systemvoll eine Propagandamaschinerie dieser Art arbeitet.
Es erwies sich, wie ausgezeichnet die Rechnung stimmte: man hat das ganze Volk für sich, wenn man die Frauen für sich hat. Es ist zuzugeben, daß die hierbei angewandten Methoden nahezu unwiderstehlich waren, wahrscheinlich ihrer erschütternden Unverfrorenheit wegen.
So haben denn nur sehr wenige Frauen die kalte Metzgerseele herausgespürt. Frauen und Politik? Es ist denkbar. Aber Frauen und Gemütspropaganda und Politik, - dann genügt es, wenn ihre Männer versagen.
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Frauen formen die Epoche
Der Gedanke ist nicht neu, aber er verdiente ein umfassendes Werk: dem bestimmenden Einfluß nachzugehen, den im Laufe der Geschichte unsichtbar und unterirdisch die Frau auf ihre Zeit gehabt hat und zwar, wie sie durch die Wandlungen ihres Mannesideals den jeweiligen Mannestyp ihrer Zeit geschaffen hat.
Wir können hier nur das sichere Ergebnis vorwegnehmen: es verläuft eine Linie aus den Träumen junger Mädchen - hinweg über die Wahl, die sie treffen und die ihren Träumen entspricht - mitten in die Geschichte, die Kulturgeschichte wie die politische Geschichte - und ohne daß Frauen je zu Handelnden werden.
Ihr Wirken liegt in einer viel tieferen Schicht und ohne daß sie selbst darum wüßten. Wir stehen hier vor einem der vielen nie voll erforschbaren Vorgänge, in denen vage, unbestimmte aber unabweisbare Gefühlswerte sich zu realsten Tatsachen verdichten.
Es ist im tiefsten entscheidend, wie sich die begehrtesten Frauen und Mädchen einer Epoche „den" Mann wünschen, und damit wird es bestimmend für alle Frauen dieser Epoche. Dieser begehrteste Typ des Mannes formt dann seine Zeit, gibt ihr das Profil - oder doch glaubt er, es zu tun.
Das, was gerade diesen Typ so formte oder auch nur so auswählte wie er ist -, das formte sich die Frau durch „Selektion", durch die Art, wie und wen sie wählt und wie sie sich den Typ „zieht" durch die Magie des Weiblichen. Und damit gibt sie ihrer ganzen Zeit das besondere Klima, in dem nur dieser Mann gedeiht, in dem nur diese Werte gepflegt werden.
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Der Instinkt der Wahl bei Frauene ist der Gattungsinstinkt
So paradox es zunächst klingt: die Träume junger Frauen und Mädchen bestimmen das Kolorit ganzer Epochen.
Das ist nicht unerklärlich, ja sogar von vornherein wahrscheinlich: das weibliche Prinzip, das ein Sein ist, vegetativ, gebärend naturgemäß auch im Seelischen, wird im tiefsten immer bestimmend sein für das, was das männliche Prinzip, das Handeln ist, lediglich akzeptieren kann.
Biologisch gesehen: das Männchen handelt stets für sich und seine Person, das Weibchen handelt im Interesse der Gattung, es wählt auch im Interesse der Gattung. Sein Instinkt der Wahl und der Bevorzugung ist der Gattungsinstinkt. Und damit hat es den größeren, ja den entscheidenden Einfluß auf die Gattung.
Schon dieser kurze Hinweis zeigt: irgendein unerforschlicher, triebhafter Instinkt der Frau ist es, der zum Gravitationszentrum dessen wird, was in einer Epoche Gewicht hat, was in dieser Epoche zu gelten hat, was ihr den Akzent gibt.
Es kann ein genialer Instinkt sein, und man kann es zwar in dieser Kürze nicht wie ein Rechenexempel beweisen, aber man kann auch ohne jeden Zweifel sein, daß beispielsweise die vielen prachtvollen, adeligen Raubtiergestalten der Renaissance und ebenso ihre souveränen, zeitlos gebietenden Persönlichkeiten letzten Endes geniale Frauenphantasien sind.
Und wenn wir uns nun an das erinnern wollen, was wir eingangs voll tiefer Beschämung sahen, so ist kein Zweifel mehr, wie allzuviele jener im tiefsten verborgenen Quellen, die diese Zeit speisten, nur noch trübe flossen.
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Werberinnen für einen Moloch
So können wir nur resigniert feststellen: Frauen machen in der Tat Geschichte, aber aus den Tiefen des Instinktes. Und nur ein abgestorbener Instinkt konnte den Typ des Mannes dieser Zeit schaffen und verehren, einen Typ, der sich immer breiter über die Nation hinlagerte, schillernder Schaum auf trüben Gewässern, trüb also schon von den Quellen her.
Man soll sich dieser unterirdischen Beziehungen stets voll bewußt sein. Durch Wahl und lautlos durch die Magie ihres Wesens hat die Frau dieser Zeit den Mann dieser Zeit entscheidend mitgeformt, dem Ideal nachgeformt, das auf der unerreichbaren Höhe stand.
Nicht ein, nein viele Beispiele kennen wir alle, in denen der brave junge Ehemann, der harmlose kleine Bürger „Mann" war nur dann, wenn er zu den „Männlichsten" gehörte - lautlos geführt und ohne auch nur ein halbes Wort, dank der Magie des Weiblichen.
So haben Frauen zu ihrem Teil - lange vor dem Krieg - ihrem barbarischen Idol die Bataillone, die Regimenter, die Armeen zugetrieben, mit denen der Marsch in den deutschen Totentanz beginnen konnte. Sie führten sie dem Moloch zu.
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Männchentum statt Menschentum
Es war ein verirrter, robuster und tief barbarischer Instinkt, reinstes Produkt einerl Verfallsperiode, der vielen deutschen Frauen statt eines Mannesideales das klotzige, bramarbasierende Landsknechts- und Herdenmannsbild vorgaukelte, - Männchentum statt Menschentum.
Aber gut. Viele der Männer waren ja bei alledem ehrliche und tapfere Männer. Ehe sie Millionen von Toten und Krüppeln wurden ......
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Ein Blick auf die Überlebenden
Doch werfen wir einen Blick auf die Überlebenden. Stellen wir lediglich die ganz schlichte Frage: inwieweit stimmte es mit dieser ganz bestimmten Art von Mannstum?
Man kann es daran erkennen, wie oft das Wort „Verrat", „Sabotage" und „betrogen" fällt - es ist ein sehr genaues Manometer. Männer können nur die gewesen sein, die von jeher wußten: wer mit dem Schicksal Lotterie spielt, muß von vornherein die Spielregeln des Lebens anerkennen - also auch jetzt noch.
Damit soll nur gesagt sein: das Ideal eines unechten Mannstums steht, mehr als je offenbar wird und offenbar werden kann, auf unechtem Weibtum.
Selbstverständlich war dieser Frauentyp seinerseits das Produkt
einer Krise, einer Verfallsperiode, sodaß wir bei alledem nur von einer Erscheinung sprechen können, die überwunden werden wird, damit wir eines Tages wieder das reine Bild sehen, das allein erst allem Männerwerk den Sinn gibt: das eines Geschöpfes, das dem Urgrund der Dinge näher ist, pflanzenhaft dem Sein verwurzelt und von sicherem Instinkt geleitet dort, wo der Mann im Problematischen versinkt. Ein Volk muß auch um diese Quellen wissen.
Es soll nicht wieder der Tag kommen, an dem die Liebenden der Sommernächte wie Ratten verenden in Kellerlöchern, und die Fackel des Eros soll uns nicht wieder an Menschenfackeln erinnern auf brennendem Asphalt . . .
Aber vergessen wir auch nicht: es gab noch andere Frauen in Deutschland - etwa in den Konzentrationslagern. Und junge Mädchen in München legten ihren Kopf unter das Fallbeil, - begnadigt zum Fallbeil anstelle des Strangs.
Aber Irrtum über Irrtum - das war Deutschland.
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Pflicht in eigener Sache
Und hier sind wir an dem Punkte, an dem über eines völlige Klarheit herrschen muß. All diesen Vorwürfen und Selbstvorwürfen gegenüber drängt sich nämlich die Frage auf:
„Und die Anderen, die Gegenseite? Wer einen Krieg gewonnen hat, der hatte noch immer das ,Recht' auf seiner Seite und durfte dann Moral predigen. Und wie handelt er seinerseits?"
Er handelt so, wie nach jedem Krieg gehandelt wird und auch von uns Deutschen im extremsten Maße gehandelt worden wäre. Unheil weckt Unheil, und solange wir nur Menschen sind, handeln wir so gut und so schlecht wie Menschen immer handeln werden.
Aber wer Wind sät, wird Sturm ernten.
Für uns Deutsche ist in diesem Zusammenhang einzig von Belang:
- Erstens, daß das Unheil seinen Ausgang von Deutschland nahm. Das Böse, einmal geweckt, braucht lange Zeit ehe es sich wieder verkriecht. Das Böse steckt an und kommt wieder zurück.
- Zweitens, daß das Unheil auf uns selbst zurückschlug - was eine Lehre sein sollte. Oder was war zu erwarten?
- Und drittens - mag die Welt ringsum tun, was sie für richtig hält -, daß wir unserseits aus diesem Abgrund voller Unglück, Elend und Bosheit unter allen Umständen wieder herauskommen müssen. Sodaß wir uns zunächst durchaus um unsre eigenen Fehler und Schwächen zu kümmern haben, damit es eines Tages anders, besser und wieder hell um uns wird. Wenn unsere Richter ihrerseits befangen sind, so ist das erstens menschlich verständlich und zweitens ist uns mit dieser Erkenntnis nicht geholfen. Geholfen ist uns nur, wenn wir uns sehr intensiv mit uns selbst befassen - und zwar durchaus um unsertwillen.
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Es waren zwölf lange Jahre
Es soll uns dabei nicht im mindesten kümmern, ob wir dem einen nicht genügend zerknirscht, dem anderen zu apathisch und dem dritten noch immer zweideutig erscheinen. Zwölf Jahre sind nicht über Nacht abzuschütteln, diese zwölf Jahre nicht.
Die große Gefühlslähmung, die Apathie, die Verstörtheit und die Skepsis gegen alles und jedes sind die sehr natürliche Reaktion aller derer, die sich zunächst abschließen müssen, um die Nachwirkungen des Tollhauses zu überstehen, dem sie zwölf lange Jahre angehörten.
Das begleitet uns ja noch immer, Tag um Tag, Jahr um Jahr, in seinen Opfern und in der Unfaßlichkeit seiner Greuel.
Was bleibt dann, als zu schweigen und beiseite zu gehen? Sollen wir auf offener Straße Selbstmord begehen, weil uns der Ekel und das Grauen erwürgt?
Mehr als mit Menschen, Freund oder Feind, hat jeder mit seinem Gewissen zu reden, jeder für sich. Daß wir uns nichts verschleiern, darauf kommt es an.
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MÄRTYRER
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Der Einheitstyp und die Mitläufer
Man sagt, nun müsse sich Deutschland selbst helfen, aus sich heraus. Es ist auch nicht anders möglich. Aber es hängt von den Voraussetzungen ab, die man Deutschland gibt. Es ist beispielsweise mit noch soviel Einsicht nicht getan.
Und dies ist ein Punkt, über den schon an dieser Stelle volle Klarheit herrschen muß. Eine "Einsicht ohne jede Aussicht" bleibt Theorie, und gefesselte Hände können kein Werk schaffen.
Darum sagten wir schon am Anfang dieser Schrift:
- „Alle werden gebraucht, wir können es uns nicht leisten, die beiseite zu stoßen, die der deutsche Totentanz zu einer späten Einsicht gebracht hat."
Wir sollten uns in diesem Zusammenhang über eine ganz bestimmte Kategorie von Mitläufern klar werden, die eine Art Einheitstyp darstellt. Es ist der Typ des damals plötzlich erwachten, braven Bürgers, der aus vielerlei untergeordneten Gründen in die Parteizugehörigkeit gewissermaßen hineinschlidderte, ein Typ, der auch in mancherlei anderes schliddert, das stärker ist als er.
Wir wollen die ausschalten, die unter Druck oder Zwang standen und nur den Typ des braven Bürgers betrachten, der sich freiwillig entschloß, ein Stück Weltgeschichte zu werden.
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Der Standardtyp und seine Beweggründe
Wir alle kennen diesen Standardtyp und seine Beweggründe persönlicher und überpersönlicher Art: der Suggestion einer Massenbewegung unterlegen, dem Appell an das Mannstum und der Tradition der Väter folgend, beim nationalen Empfinden gepackt in gutem Glauben oder auch im Sinne des „besser ist besser" und schließlich in der psychologisch nicht mehr auflösbaren Mischung von idealisiertem Privatinteresse - denn von notorischem politischem Spekulantentum sehen wir hier ab.
Wir alle kennen sie, die vor Gewissenskonflikte gestellt wurden und die dem Taschenspielertrick unterlagen: Wer sich gegen die Partei stellt, stelle sich gegen das eigene Vaterland. Und die, die über Schikanen und Scherereien allmählich weich wurden.
Wir alle kennen diesen so weitverbreiteten Typ des irgendwie „weichen" Bürgertums, der ordentlichen Leute, die der große Wind erfaßte und zwar kaum empor - aber doch in die besondere Ecke wehte. Ihre Motive waren oft unglücklich und schief, aber nicht unehrenhaft, vorwiegend sogar von jenem echten und gutgläubigen nationalen Empfinden bestimmt, ohne das kein Volk der Erde länger als ein Jahr lebt.
Und zu hunderttausenden gingen sie von dem Gedanken aus: „Versuchen wir es mit diesen Leuten - es gibt ja noch die Verfassung."
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Der große Irrtum - beispiellos
Nun, sie irrten sich. Sie irrten sich so beispiellos, wie sich auch andere Vertragspartner dieser Leute irrten und immer wieder irrten: kluge fremde Staatsmänner.
Aber was nun bei diesem Einheitetyp des Verführten auch bestimmend war: schon vor der großen Einsicht blieb alles mehr im Privaten stecken, es war und blieb heroisiertes Bürgertum, das sehr bald merkte: so war das nicht gedacht.
Man kann Schuld nicht verewigen. Man kann Gutgläubigkeit nicht mit einer Handbewegung wegwischen. Aber dann bleibt dennoch die Tatsache: wer eine Lawine auslösen hilft, und sei es aus Unbedachtheit, darf sich nicht wundern, wenn sie ihn mitbegräbt.
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Betrogene Hasardeure
Nein, wir täuschen uns nicht: so mancher darunter wollte gewinnen, wenn nicht materiell, so doch ideell, zumindest ein wenig - vielleicht ... Sie waren erwachsene Menschen. Sie setzten im politischen Spiel auf eine bestimmte Nummer. Sie waren so harmlos und naiv, daß sie überhaupt nicht merkten, daß ihnen diese Nummer nichts bringen konnte, da die Masse darauf setzte.
Aber sie setzten, und das genügt, das Schicksal herauszufordern. Für ihre Person herauszufordern, man darf es nicht vergessen. Leichtfertig oder nicht: ein solches Spiel kann auch verloren werden.
Und das verlangt dann allerdings das gleiche Mannstum - und sogar noch mehr - mit dem man das Schicksal ohne sehr viel Nachdenken herausforderte. Irren ist menschlich, Irren ist sogar ein kontinuierlicher internationaler Vorgang.
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Die Spielregeln des Lebens anerkennen
Aber wir sagten es schon: wer sich an dem großen Spiel beteiligt, muß auch die Spielregeln des Lebens anerkennen! Auch als Verlierer. Und hat ihn die Bank betrogen - wer zwang ihn, ihr zu trauen? Das Versprechen so hohen Gewinns war verdächtig genug.
Freilich: sie sind noch etwas mehr als nur Verlierer bei diesem Spiel. Dieses Heer vom Einheitstyp der Verführten war ungefährlich, wenigstens im aktiven,Sinne, aber es wird Gefahr werden und ist es vielleicht schon ...
Das Spiel mit dem Schicksal hat den Bürger mit nie geahnter Schwere getroffen. Nach sechs fürchterlichen Jahren. Es ist das Heer derer darunter, die nicht Narren genug sind, um nicht schon viele Jahre zu wissen, in was sie hineingeraten waren.
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Wenn die Waffe der Märtyrer "die Familie" ist
Sollen sie ein Heer von „Märtyrern" werden? Dann haben sie eine furchtbare Waffe in der Hand, gegen die wir alle machtlos sind. Durchdenken wir es.
Es sind viele wertvolle Kräfte unter denen, die das gewagte Spiel verloren haben und die wissen, warum sie es verloren haben. Sie stehen beiseite. Heute, da jeder Tag jede Hand und jeden Kopf braucht, stehen sie nicht an dem Platze, an dem sie ihre volle Kraft und ihre besonderen Fähigkeiten freudig einsetzen könnten, im Geiste von Männern, im Geiste der Wandlung und Häutung, die sie längst hinter sich haben: „Gut, wir haben uns geirrt - machen wir es wieder gut, doppelt."
Denn es ist nicht zu vermeiden, daß der Mensch in diesen furchtbaren Jahren etwas hinzugelernt hat ....... Können wir es uns leisten, so viel ungenutzte Kraft brachliegen zu lassen? Sicher nicht. Aber mehr noch:
Können wir es uns leisten, den Geist eines verbissenen Märtyrertums zu züchten?
Diese Märtyrer hätten eine bösartige Waffe. Ihnen gehört ein Bereich, in das auch das drakonischste Gesetz keinen Zutritt mehr hat: die Familie. Die Jugend! Die Jugend, die diese Männer, die sich zusammenreißen möchten, um von vorn anzufangen, zu einer neuen Jugend machen sollten!
Was werden sie als verbissene „Märtyrer" tun? Wir brauchen nicht darüber zu sprechen. Wir wollen uns nur klar sein: Wer will ein Heer von Märtyrern hindern, die Brunnen zu vergiften, die das einzige und letzte sind, was Deutschland an Zukunft besitzt? Gegen das wir Alten alle wertlose Reste sind?
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Verewigung der Schuld schafft Märtyrer
Märtyrer sind Brunnenvergifter - Kreislauf des Unheils! Wir sprechen von den Vätern und meinen die Söhne. Es ist uns schon emmal geschehen, daß die Söhne noch nichts hinzugelernt hatten an Einsicht und realem Denken - nach Jahrzehnten.
Man sieht: die juristische Frage streift nur die Oberfläche und kann niemals das psychologische Problem lösen. Was in einigen Jahrzehnten sein wird, das entscheidet sich mehr oder weniger schon heute und morgen: ob wir in die Zukunft gehen wollen mit oder ohne Engerlinge, die die Wurzeln anfressen.
Der Kreislauf des Unheils
Es ist durchaus nicht Mitleid, das wir den „Märtyrern" entgegenbringen. Sie, die Masse der Mitläufer, sind ja unser Unglück gewesen. Aber es ist etwas an ihnen, an vielen von ihnen, was sie uns fürchten läßt, sie verkörpern in ihrer Summe eine Macht, die wir allzugut kennen: die Macht der übermenschlichen, zur Masse geballten Narrheit.
Nicht, daß wir jeden Einzelnen von ihnen für einen Narren hielten, - aber wir wissen jetzt um die Suggestivkraft des kollektiven Narrentums, die Ausschaltung letzter Reste von gesundem Menschenverstand sobald sich Masse bildet.
Das ist der Grund, weshalb den gleichen Köpfen ein Inhalt gegeben werden muß, ein Sinn, eine Aufgabe, ehe ihre Leere wieder dröhnt von berauschenden Phrasen, - Sturmläuten zum nächsten Totentanz.
Darum wollen wir für die, die um keinen Preis Märtyrer werden dürfen, die wahre Demokratie anrufen - irgendwo in der Welt muß sie sein. Sie möge gerade Diese mit echtem Inhalt anfüllen, einem Inhalt, den sie nie hatten.

