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„Führer und Verführte" - ein Buch aus dem Dezember 1945

Der Autor Hans Windisch hat nach den Aufzeichnungen seiner Vita bereits 1940 angefangen, sein Wissen um die Machenschaften der Clique (Horde) um Adolf Hitler und die Publikationen in den reichsdeutschen Medien aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen sind den Zetteln des Albert Speer in seiner 20-jährigen Haft in Spandau wiederum sehr ähnlich. Auch die Aufzeichnungen des Dr. Eugen Kogan in seinem Buch „Der SS-Staat" beschreiben die nahezu unbekannten Seiten des Hitler Regimes. Sollten Sie hier auf dieser Seite gelandet sein, beginnen Sie bitte hier mit der Einleitung.

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UNTER DEM GESETZ DER MASSE

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„Je größer die Masse, umso triebhafter wird sie stets handeln. Denn für das Individuum wächst dann proportional sowohl das Machtbewußtsein wie die Gewißheit der Straflosigkeit."

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Zeitalter der (Menschen-) Massen - (siehe die Anmerkung)

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  • Anmerkung : Hier ergänze ich den im heutigen Sprachgebrauch verwechselbaren physikalischen Begriff der "Masse" mit dem Begriff der "Menschen-Masse".


Jeder Einzelne weiß in der Stille um seine Irrtümer. Aber sie waren mehr: sie waren Kollektiv-Irrtümer in einem Zeitalter der Massenbewegungen. Kollektives Handeln, kollektive Irrtümer, kollektive Schuld, - wenn irgendwo muß also im Kollektiven der Schlüssel für eine Katastrophe diesen Umfangs zu finden sein.

Es ist deshalb nötig, daß allen weiteren Eröterungen eine Untersuchung vorausgeht, die jede irgend erreichbare Klarheit über das Wesen von (Menschen-) Massen und (Menschen-) Massenbewegungen schafft, eingeschlossen das Verhältnis des Einzelnen zu dieser Masse.

Wer eine Vertiefung in dieses zentrale und nicht unkomplizierte Problem scheut, wird gewisse Ergebnisse (im Buch ab Seite 109) lediglich als Tatsachen hinnehmen können.
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Die Masse (allgemein) - eigentlich ein ruhendes Element

An sich ist die Masse ein ruhendes Element, sie ist statisch, Substanz, Humus, sie ist in ihrer ruhenden Form nur Menge.

Wir werden uns jedoch mit handelnden (Menschen-) Massen, „psychologischen" Massen zu beschäftigen haben. Handelnd tritt die (Menschen-) Masse dann auf, wenn im Organismus einer Gemeinschaft gewisse „Funktionsstörungen" auftreten, d. h., wenn diese (Menschen-) Masse, als Majorität, nicht durch die formenden, gestaltenden Kräfte ausgesteuert wird, deren nur die Minorität einer wertmäßigen Auslese fähig ist.
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Wenn Führer und Anführer vom Geist der (Menschen-) Masse sind

Diese in Generationen gewordene Auslese (aus solch einer (Menschen-) Masse) ist nicht mit den Anführern einer aus der Ruhelage gekommenen (Menschen-) Masse zu verwechseln, Führern und Anführern, die ihrerseits Produkt beunruhigter (Menschen-) Massen sind, die selbst Geist vom Geiste der (Menschen-) Masse sind und die sich der steuerlos gewordenen (Menschen-) Masse bemächtigen, sie beherrschen. Die (Menschen-) Masse und ihre Anführer haben ihre eigenen Gesetze.

In keiner Phase der Geschichte haben (Menschen-) Massen mit solcher Wucht das Geschehen bestimmt wie in der unseren, und es scheint, daß dies erst hinterher langsam in das Bewußtsein der Lebenden eindringt - wenn überhaupt. Aber die Entwicklung drängte stetig und unaufhaltsam auf den Gefahrenpunkt zu.
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(Menschen-) Massen sind Zivilisationsprodukte

(Menschen-) Massen in der heutigen Form sind Zivilisationsprodukte, genauer Produkte einer Industrialisierung, die notwendig zu Menschenballungen führt wie frühere Geschichtsperioden sie nicht kannten.

Sie sind der Unterbau und die Voraussetzung der technischen Zivilisation und gleichzeitig ihre Bedrohung, nämlich dann, wenn dieser Unterbau in Unruhe und Bewegung gerät.

Es scheint, daß die Menschheit von der Wucht, mit der dies geschehen kann, in aller Form überrumpelt worden ist. Anders ist die hemmungslose Diktatur einer (Menschen-) Massenbewegung nicht zu erklären.

Bestimmender Faktor war die „große (Menschen-) Masse" von jeher und überall, aber die psychologisch einheitlich ausgerichtete (Menschen-) Masse hat sich als ein geschichtsbestimmender Faktor von elementarer Gewalt erwiesen.

Im ganzen aber darf man sagen, daß alles Geschehen innerhalb der Menschheit mehr oder weniger vom Verhalten der großen (Menschen-) Massen bestimmt wird, gehemmt durch ihr Beharrungsvermögen oder überrannt durch ihre Entfesselung.
Hier interessieren nur die psychischen Mechanismen einer (Menschen-) Masse, die ihre normale, die Ruhelage verlassen hatte.
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Die berauschte (Menschen-) Masse

Sicherlich ist das deutsche Volk eines der gehorsamsten, folgsamsten, diszipliniertesten der Erde. Seit Friedrich Wilhelm I, dem Erfinder des „Gamaschendienstes", geht (marschiert) das Volk in Reih und Glied. Und je schnarrender das Kommando gegeben wird, umso präziser gehorcht dieses folgsame Volk dem, der befiehlt. Ee ist ein böses Erbe, diese Gabe, sich zum Objekt, zum Instrument anzubieten, die Persönlichkeit preiszugeben, eine Masse zu bilden. Wir sagten bereits, daß hier das deutsche Zentralproblem sitzt.

In der Tat ist hier ein Masseninstinkt wirksam, der sich bei anderen Völkern nicht im gleichen Maße findet oder doch nur in den alarmierenden Augenblicken höchster Gefahr für das Ganze.

Das deutsche Volk aber stellt ein Schulbeispiel für (Menschen-) Massenbewegungen und (Menschen-) Massenerregungen dar, eben da es so leicht eine Masse bildet.

Ein Schulbeispiel auch für die Tatsache, daß eine (Menschen-) Masse von 1o.ooo Individuen etwas gänzlich anderes ist als diese 1o.ooo Individuen im einzelnen.

Es ist ein psychologischer Tatbestand, daß der (Menschen-) Masse der 1o.ooo Individuen eine „Kollektivseele" innewohnt, die keineswegs so reagiert wie jedes der 1o.ooo Individuen für sich reagieren würde. Die Kollektivseele dieses Über-Individuums ist etwas völlig Neues und oft überraschend anderes, stets aber weit Triebhafteres, Primitiveres.

Vor allem unter der Einwirkung einer suggestiven Persönlichkeit, die den primitiven Instinkten der (Menschen-) Massenseele entgegenkommt, kann es geschehen, daß die (Menschen-) Masse gegen alle Vernunft des Einzelnen reagiert.
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(Menschen-) Massen handeln affektiv

In der Zusammenballung geht dem Kollektivum jede Urteilskraft verloren, es wird nicht vom Intellekt gesteuert, es „denkt" überhaupt nicht, es lebt nur in Affekten, und in kritischen Augenblicken kann eine faszinierte, in ihren Instinkten gestachelte (Menschen-) Masse einem Rausch verfallen und Dinge tun, deren der Einzelne, selbst im Affekt, niemals fähig wäre.

Eine berauschte (Menschen-) Masse ist sinnlosester Taten und wildester Brutalität fähig, und die Geschichte der Menschheit ist gewissermaßen Seite für Seite der traurige Bericht von triebhaften Ausbrüchen berauschter (Menschen-) Massen. Jede Revolution zeigt es.

Von hier aus wird vieles verständlicher, durchsichtiger. Man muß diese Tür, aus der schon eher etwas Helle in das Dunkel der jüngsten deutschen Geschichte, ja aller Geschichte dringt, etwas weiter aufstoßen.
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Die erschreckenden Primitivität der anonymen Massenseele

Denn was dem deutschen Volke widerfahren ist, wird erst völlig klar, wenn man es unter einem größeren Gesichtspunkte betrachtet, unter dem Aspekt einer höheren und überpersönlichen Gewalt: eben unter dem Aspekt einer anonymen Massenseele und ihrer erschreckenden Primitivität.

Tief unter der Entwicklungsstufe des Individuums stehend und von urtümlicher Primitivität kennt die (Menschen-) Masse im Grunde nur zwei formende Prinzipien: den Rausch und die Panik.

In der Tat: mit der Gewalt kosmischer Ereignisse pflegen diese außer- und untermenschlichen Gewalten immer wieder alles auszulöschen und hinwegzufegen, was die menschliche Ameise in unermüdlicher und aufopfernder, letzter Anstrengung geschaffen hat.

Zum törichten Experiment wird dann und zur lächerlichen Fiktion, was sich das klügste, überheblichste und tragischste Geschöpf der Erde erkämpft hat an Erkenntnissen, an Ethos, an Moral, an Religion, in das Nichts fällt zurück, was es erworben hat an Wissen und Erkennen, an Würde, Güte und Glück, - der Geist der Masse, der Herde vermag das alles hinwegzufegen, in Barbarei, in Rausch oder Panik, urplötzlich, heute, morgen, irgendwann.

Aber dieser Extreme bedurfte es in Deutschland zunächst noch gar nicht. Hier gab schon den Ausschlag, daß es einer Gruppe politischer Abenteurer gelang, Millionen kritikloser Anhänger und Blindhöriger vor die Wahlurnen zu treiben. Mit den Mitteln der Massenaufpeitschung und der skrupellosen Massenverführung erwarb sie sich ihre Legitimation.

Unterscheiden wir aber rechtzeitig und ganz klar zwischen dem Geist der Gemeinschaft, der Solidarität, des überlegten kollektiven Handelns, - sie sind die Grundlagen aller menschlichen Gemeinschaft - und den Triebhandlungen und Vernunftlosigkeiten erregter (Menschen-) Massen anderseits.

Eine (Menschen-) Masse kann auch mit einer Wahnidee förmlich imprägniert werden und sie kraft ihres Beharrungsvermögens zum Gesetz des Handelns machen. Im ganzen aber ist das Auftreten von (Menschen-) Massen nur mit einem Naturereignis zu vergleichen, das in das künstliche Gebilde der Kultur einbricht. Das Archaische bricht wieder durch.
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Die Richterrolle der (Menschen-) Masse

Wir unterscheiden zwischen (Menschen-) Masse und (Menschen-) Menge. Die Menge ist nur Vielzahl und passiv. Einheitlich ausgerichtet und von einem Willen erfüllt, wird sie zur psychologischen (Menschen-) Masse. Handelnd tritt sie als (Menschen-) Masse überhaupt erst in Erscheinung. Die (Menschen-) Menge ist also statisch, die (Menschen-) Masse dynamisch. Der (Menschen-) Menge haftet Trägheit an, der (Menschen-) Masse Dynamik, - sie kann zum Sprengstoff werden.

Und nicht Männer machen Geschichte, Männer der Wissenschaft, der Technik, der Philosophie, der Religion, nicht die Auserwählten des Geistes und des Herzens und am allerwenigsten die Männer der Politik.

Sie versuchen es nur, auf dem Instrument des Kollektivums zu spielen, sie glauben es zu tun und sie können es - wenn sie Widerhall suchen - nur als Beauftragte, als Sprecher des Kollektivums tun. (Menschen-) Masse oder (Menschen-) Menge - das Kollektivum entscheidet zuletzt, es geht mit oder nicht.

Das Kollektivum allein ist es, das zuletzt heiligt oder verdammt. Eine psychologische Masse insbesondere kann sich der Richterrolle bemächtigen und dann alle Normen, alles Gesetz und alle Bindungen überrennen.

Unberechenbar kann sie das Gute lange Zeit dulden, Jahrhunderte lang, um es mit einem Schlage zu vernichten, und sie pflegt das Böse gierig in sich zu schlingen, sobald es ihr gereicht wird. Sie ist der ewig lebendige Gegenspieler des Individuums.
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Das "zoon politikon"

Und gerade das macht die (Menschen-) Masse so unheilvoll: triebhaft und verantwortungslos handelnd, trotzdem aber stets die letzte Instanz wird sie von der Geschichte zur Verantwortung gezogen und haftbar gemacht. Und damit auch haftbar für die Führer, die von der Masse als Führer bestätigt wurden, als Führer wie als Verführer.

Führer können zuletzt beiseite gehen und sich erschießen, (Menschen-) Massen nicht. (Menschen-) Massen, zurückgeschaltet zur Menge der Individuen, müssen den Kelch bis zur Neige leeren.

Hier sitzt die innerste Tragik der Menschheit: in ihrer Doppelrolle, der Rolle des Einzelwesens mit seinem Ringen um höhere Einsicht, seiner Hingabe an eine edlere Bestimmung - und der Rolle, in der der Mensch nur das Partikel einer (Menschen-) Masse ist, als "zoon politikon", als Herdenwesen der Herde verhaftet und deshalb stehend und fallend mit den wirren Triebhandlungen eines Kollektivums, ohne das er nicht leben kann.
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Der tragische Zwiespalt

Wie ist es möglich, daß sich ein Kulturvolk von gesitteten, einsichtsvollen Menschen in wenigen Jahren in den Abgrund geschleudert sieht, deklassiert für neun Zehntel der Menschheit, - „Was habe ich, das winzige Einzelwesen, dazu beigetragen, bewußt oder unbewußt, - waren wir alle Blinde - waren wir Geistesgestörte - sind wir Märtyrer, Opfer eines dämonischen Zwangs, - was hat sich im tiefsten mit uns allen abgespielt, daß dies das Ende sein konnte ......"

So fragt das Einzelschicksal vor der Geschichte. Es erfährt dort von seiner verhängnisvollen Doppelrolle: Millionen Einzelwesen addieren sich zum Organismus des Ganzen, zum Volke, zur (Menschen-) Masse. Und hier, in dieser Doppelrolle des Einzelnen, sitzt die tragische Verstrickung: das Individuum ist autonomes, kritisches, diszipliniertes Einzelwesen und Partikel einer anonymen, triebhaft handelnden (Menschen-) Masse.

Gestern noch frei und selbständig handelnde Persönlichkeit, heute lediglich als Teilchen in die eruptiven Triebhandlungen einer Masse eingespannt, trägt es morgen, sich selbst zurückgegeben, alle Folgen des Heute.

Hier liegt sein Kernproblem und seine Frage lautet dann: inwieweit es jemals sich selbst verleugnete, inwieweit es sich jemals kritiklos den Massenimpulsen, der Massensuggestion, dem Massenrausch ausgeliefert hat. Denn für das, das sich daraus ergeben hat, haftet jeder Einzelne mit seiner Person vor der Geschichte.
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Der unpolitische Mensch

Vielleicht ist der Mensch nur deshalb das tragische Tier. Sein Geist könnte die Reichweite eines Gottes haben, indes das Wogende, dessen Teil er ist, ihn mitreißt, weiterschwemmt und immer wieder hinabzieht.

Das Wissen um diese tragische Verstrickung, der instinktive Abscheu und Abstand vor dieser Gefahr scheint eine besondere Menschenkategorie zu bestätigen: den unpolitischen Menschen, den Einzelgänger und Einsamen, den, der nichts ist als Mensch, der zurückweicht vor allem, was Masse sein könnte, eben weil er um die Dämonie und die Unterwertigkeit der Masse weiß.

Es ist aber das gleiche Kollektivum, ohne das er nicht existenzfähig wäre. Doch trotz allem muß man zu dem Schluß kommen: je mehr solcher Einzelner um die Drohung wissen, die von der Masse ausgeht, je mehr starke und in sich abgeschlossene Persönlichkeiten die Masse eines Volkes durchsetzen, umso beherrschter, vernunftbegabter, menschlicher und reifer wird das Kollektivum sein.

Und umgekehrt: je uniformer und unpersönlicher, je mehr Klischee die Gesamtheit aller ist, umso primitiver, urtümlicher und bedrohlicher muß sie notwendig sein, trotz aller hohen Werte Einzelner.
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Das Beispielhafte von Herdenvölkern

Von Herdenvölkern kann Beispielloses an explosiver Kraft ausgehen, nur eines nicht: niemals Beispielhaftes an Menschenwürde und Beispielgebendes an Menschentum. Denn das sind die Attribute der Persönlichkeit.

Oder die Attribute eines Volkes, das Eingriffe in die Grundrechte der Persönlichkeit von vornherein nicht gestattet. Denn ist das erst einmal geschehen, dann herrscht allein der barbarische Geist der (Menschen-) Massen, der Herde, der anonymen Triebhaftigkeit, und das bedeutet: in Stunden der Entscheidung werden zum Regulativ des Handelns: der Rausch oder die Panik.

Denn die (Menschen-) Masse versklavt den Einzelnen. So wie sie sich freiwillig ihren Führern versklavt. Und sie gibt sich am leichtesten hin, in Völkern mit romantischer, gefühlvoller, pathetischer Note.

Dies alles auf das Einzelschicksal bezogen würde bedeuten:

Das Individuum verliert die Freiheit des Handelns in dem Maße, in dem es sich den Affekten einer (Menschen-) Masse hingibt. - Von allen Seiten her drängen sich bei diesen Gedankengängen die Analogien zum deutschen Geschehen auf.

Nichts macht auch die Kluft zwischen dem Wesen des Individuums und den Unbeherrschtheiten der (Menschen-) Masse so klar wie das vergebliche Suchen jener Soldaten aus Übersee, die in Deutschland nach einem aus Bösartigkeit und Tücke bestehenden Volke suchten und es nicht finden konnten, - erklärlicherweise, denn die (Menschen-) Masse war wieder in die Ruhelage zurückgefallen, d. h. es gab sie nicht mehr.

Aus aktiver (Menschen-) Masse war wieder indifferente (Menschen-) Menge geworden. Die Maximen des Handelns lagen wieder beim Individuum. Das Primat der Persönlichkeit war wieder in seine Rechte getreten. Wir wissen, daß die Siegersoldaten darüber fast verblüfft waren. Doch ist der Vorgang ein sehr natürlicher.
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Psychische Umschaltung des Individuums in der (Menschen-) Masse

Wir müssen dieses Problem etwas ausführlicher überdenken,- wir stehen hier vor dem Kernproblem des deutschen Geschehens: dem der Haftung des Einzelnen für die Handlungen des Ganzen.

Denn man fragt sofort: worin besteht die individuelle Schuld des Einzelnen, als er sich der (Menschen-) Masse hingab, welcher Versuchung ist er unterlegen, - oder ist alles nur Schicksal, unausweichlicher Zwang?

Wie also erklärt sich diese Umschaltung oder besser Rückschaltung des Individuums ins rein Triebhafte, Primitive, Barbarische? Ist es erklärbar, daß die (Menschen-) Masse den Zweifler zum Gläubigen macht, den Klugen zum Narren, den Feigling zum Helden, den Beherrschten zum Barbaren und freie Menschen zu Knechten?

Wir erklären nicht viel, wenn wir hier von Massensuggestion und Massenhypnose sprechen, mehr schon, wenn wir in der (Menschen-) Masse eine Art Akkumulator sehen, der sich mit Strömen auflädt, deren Zustandekommen wir nicht kennen und in dem jedes Partikel für den gemeinsamen Impuls leitend wird.

Nur ganz roh läßt sich sagen, daß zwei Momente bei der psychischen Umstellung des Individuums wirksam sind, sobald es eine (Menschen-) Masse bildet, und beide sind Handlungen der Triebbefriedigung.

Erstens

Erstens wird das Bewußtsein wirksam, Teil einer unüberwindlichen Machtballung zu sein. Das "Ich" berauscht sich an seinem neuen Machtbewußtsein, es steigert sich daran, ins Heldische überhöht, ins Dämonische wachsend, mächtig genug zum Richten und zum Vernichten und aus der Richlerrolle heraus der kältesten Verbrechen fähig.

In seltenen Fällen auch zum Träger einer „Sendung" werdend, der allein es ohnmächtig gegenüberstünde und dann fähig zur Hingabe und Opferfreudigkeit für Ehre, Ruhm, Vaterland, für religiöse Überzeugungen, für Ideale, für Ideen.
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Zweitens

Zweitens : Alle Kritik des Individuums darf aussetzen, denn in der (Menschen-) Masse untergetaucht und anonym ist es keiner Instanz verantwortlich und besitzt volle Freiheit der straflosen Triebbefriedigung. Alle Fesseln dürfen fallen, denn die (Menschen-) Masse befreit, scheinbar, von der Verantwortung, entlastet den Einzelnen.

Hinzukommt die psychologische Ansteckungsgefahr, die von allen jenen psychisch labilen Individuen ausgeht, die sich unter dem Schutz der (Menschen-) Masse ungehemmt entfalten können. Von einem oder wenigen hysterisch Labilen ausstrahlend vermag sich eine Massenhysterie schlagartig und nahezu gesetzmäßig der (Menschen-) Masse mitzuteilen. Psychotisches weckt Psychotisches.

Gemeinsam ist diesen Triebhandlungen stets der Rückfall ins Primitive, barbarisch Heldische oder barbarisch Vernunftlose.

Gemeinsam ist aber auch das Endergebnis: die starken Gefühle, die ekstatischen und Rauschzustände, die das Individuum innerhalb der (Menschen-) Masse erlebt. Sie sind zuletzt stärker als das Ich und überwältigen es.
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Das Wirken von (Menschen-) Massen - die Straflosigkeit

Fast immer ist das Wirken von (Menschen-) Massen entsittlichend.

Das geistige Niveau der Individuen spielt bei diesen Vorgängen keine Rolle, eher schon Faktoren aus der Triebsphäre: das Erbgut aus Temperament und Rasse.

Auch die Zahl der Individuen übt nur quantitativen Einfluß aus: schon eine geringe Zahl von Individuen kann eine (Menschen-) Masse bilden. Je größer aber die Menge, die (Menschen-) Masse bildet, umso triebhafter wird sie stets handeln, denn für das Individuum wächst dann proportional sowohl das Machtbewußtsein wie die Gewißheil der Straflosigkeit.

Unter „Masse" hat man hierbei keineswegs die „unteren" Schichten eines Volkes, das „Proletariat" (oder der Pöbel), zu verstehen, - der Masseninstinkt ebnet die individuellen Werte so völlig ein, daß er alle geistigen, kulturellen und persönlichen Eigenschaften des Individuums verwischt, ja auslöscht.

Eine Masse von Gelehrten verhält sich in keiner Weise anders als eine Masse von Arbeitern oder Handwerkern, und in ungleichartigen Massen verhalten sich ein Universitätsprofessor, ein Zimmermann, eine Dienstmagd und ein Geschäftsreisender vollkommen gleichartig. Ein Psychiater bestenfalls würde sich klugerweise und aus allzu guter Kenntnis der Sachlage distanzieren. Er kennt die tausendköpfige Hydra *7).
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  • *7) Zwei krasse Beispiele, daß auch universelle Denker, Köpfe von internationalem Rang einer Massenpsychose zum Opfer fallen können, sind die beiden Fälle Sven Hedin und Knut Hamsun, beides Fälle von katalhymem Denken, einem von Affekten gesteuerten Denken, das nur sieht, was es sehen will. Man steht hier vor der fast unbegreiflichen Tatsache, daß zwei Männer, die der Menschheit Außerordentliches gegeben haben, in diesem einen Punkte völlig benommen waren. Es muß eine Art „nordischer" Benommenheit geben, die gerade an diesen gewissermaßen vornehmsten Beispielen ernstlich analysiert werden sollte, denn mit billigen Propagandaschlagworten ist sie zweifellos nicht abzutun. Für das geistige Deutschland war der Komplex Sven Hedin und Knut Hamsun in jenen zwölf Jahren ohne Frage von sehr tiefer Wirkung. Wir haben über diese Zusammenhänge bereits gesprochen (im Buch S. 63).

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Heftige Massenimpulse durch Propaganda

Und massebildend sind auch nicht nur „Versammlungen", - wir wissen heute, daß Massenimpulse von großer Intensität auch durch Zeitungen, Bücher, durch Radio, durch Gerüchte, durch alarmierende Nachrichten, ja durch geschickt formulierte Schlagworte ausgelöst werden können, sofern sie sich nur an das Triebleben des Individuums richten.

Daß sich das Individuum an die (Menschen-) Masse verliert, ist ein Teil der menschlichen Tragik. Dafür, daß der Einzelne seine Triebe in der (Menschen-) Masse abreagierte, wird er später mit seiner Person haftbar gemacht, aus moralischen Gründen als Träger eines sittlichen Prinzips und aus juristischen Gründen als Mittäter.

Denn die (Menschen-) Masse entläßt keinen. Was als kollektiver Rausch und kollektives Machtbewußtsein begann, fällt später auf den Einzelnen zurück als kollektive Haftung, kollektive Schuld.
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Der Staat - eine Funktion

Im Ganzen, haben wir im Hereinbruch der (Menschen-) Massen und der Entfesselung des Massengeistes ein neu in der Geschichte auftretendes Prinzip zu sehen, jedoch ein destruktives Prinzip.

Um ganz klar zu sein: (Menschen-) Massen im Sinne der breiten Menge sind natürlich der Unterbau jeder Gesellschaftsform. Entscheidend ist lediglich, ob ihnen eine hochwertige Minorität gegenübersteht oder nicht, eine Elite weniger im Sinne der sozialen Stufe als vielmehr im Sinne der geistigen Führerschaft, also auch der politischen Führung. Diese Frage ist entscheidend in Gesellschaftsformen jeder Art.

Ein Volk, ein Staat, eine Nation ist, auf eine kurze Formel gebracht, nicht ein ruhendes Volk, eine in sich unveränderliche statische Größe, sondern eine lebendige Funktion und zwar aus den beiden Größen der (Menschen-) Masse, der Majorität und einer erlesenen Minorität, einer Elite.

Was hat hierzu das deutsche Beispiel gelehrt?

Die (Menschen-) Masse, sagten wir, ist von Haus aus nur (Menschen-) Menge und gestaltlos, sie ist das ruhende, konservierende Element, sie verkörpert Statik, Trägheit, Beharrungsvermögen. Ihr steht das gestaltende, das geistige Prinzip gegenüber: die Dynamik der Minorität, der Auslese.

Zwischen diesen Polen liegt das Gefälle, durch das das System mit Strom gespeist wird, - ja durch dieses Gefälle entsteht es überhaupt erst und heißt dann Volk, Staat, Nation.
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Die erlesene Minorität als Vorbild

Es ist nicht notwendig, daß die erlesene Minorität „herrscht", sie ist Essenz, sie liefert vorwiegend die geistige Substanz, die das Ganze durchdringt und die das System aussteuert, - allein durch ihr Dasein und dadurch, daß sie als Vorbild anerkannt wird.

Aus diesem Kräftespiel Basis-Spitze samt allen komplizierten inneren Strömungen entsteht dann das fluktuierende Kraftfeld eines Volkes, eines Staates, einer Nation. Ja jede organische menschliche Gemeinschaft hat diese Grunclstruktur.

Für das Zustandekommen einer lebendigen Funktion innerhalb eines solchen Kräftesystems ist das Gesamtniveau des Ganzen gleichgültig. Auch das politische oder kulturelle Glaubensbekenntnis ist von sekundärer Bedeutung.

Entscheidend ist allein die relative Stellung der beiden Größen Majorität-Minorität zueinander, das Gefälle der Funktion Basis-Spitze. Das gilt für ein Weltreich ebenso wie für jedes Primitiv-Volk, ja für jede Gemeinschaft von zwanzig Menschen.

Dieses seinem innersten Wesen nach aristokratische Prinzip ist überpolitisch, es stellt die elementare Struktur aller menschlischen Gemeinschaften dar, von der autokratischen über die demokratische bis zur kommunistischen, denn ohne die Funktion aus den zwei Größen Majorität-Minorität kann keinerlei Kraftfeld und somit auch kein in sich ausgewogener soziologischer Organismus entstehen.

Im Prinzip also sind alle denkbaren Formen menschlicher Gemeinschaft nur als aristokratisch angelegte Systeme lebensfähig, d. h. auf dieser Grundlage entstehen sie überhaupt. Auf der Grundlage einer natürlichen Aristokratie, dem Werte nach, nicht der Kaste nach.
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Das Entstehen der herrschenden Horde

Ist dies klar, so ist ebenso klar, daß die ersten Gleichgewichtsstörungen eines solchen Systems stets von oben her erfolgen werden, d. h. an der verletzlichen Stelle, die das System unter Strom setzt.

Mit anderen Worten: das Fehlen oder das Versagen der Auslese wird stets der eigentliche Grund für die Steuerlosigkeit und damit für die Entfesselung der (Menschen-) Massen sein (Ortega y Gasset).

Die die Entfesselung der (Menschen-) Massen entarter eginnt stets erst, nachdem die Eliten entartet sind, d. h. das ursprünglich organische System wird zu einem enthaupteten Körper, wird zum formlosen Organhaufen. - Das ist ein Vorgang, der analog bei allen gesellschaftsbildenden Lebewesen eintritt, denn die Funktion Basis-Spitze ist die Grundlage ihrer Existenz Das Versagen dieser Funktion ist somit ein biologisches Versagen.
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Wenn eine wilde Horde die "erlesene Minorität" ablöst

Schlagartig muß der Zerfall eines solchen Systems erfolgen, sobald überhaupt keine erlesene Minorität mehr vorhanden ist und an ihre Stelle eine Scheingröße tritt: die herrschende Horde.

Sie ist dadurch charakterisiert, daß sie den Platz einer in Generationen organisch gewachsenen Auslese besetzt und zwar eben, weil diese Auslese fehlt oder versagt.

Die herrschende Horde, ein selbständig gewordener Teil der (Menschen-) Masse, bringt demgemäß auch nicht die entscheidenden Eigenschaften der Auslese, der Elite, mit, sondern die ihr polar entgegengesetzten Eigenschaften der (Menschen-) Masse.

Sie ist Geist vom Geiste der (Menschen-) Masse, deren triebhaft inferiore Impulse sie sich zum Vorspann nimmt und auf deren Rücken sie sich hochtragen läßt. Innerhalb des Systems, dessen sie sich bemächtigt, bestimmen dann Beauftragte der (Menschen-) Masse das Gesetz des Handelns. Denn die herrschende Horde ist lediglich Konzentrat des Massenwillens und der Masseninstinkte, sie ist negative Auslese.

Der Zusammenbruch jeder Art von Gesellschaftsordnung

Von jeder ethischen oder politischen Bewertung abgesehen, ist eine solche Anlage in sich soziologisch unmöglich, in sich widersinnig, denn sie stellt überhaupt kein lebensfähiges System dar, sondern nur dessen inhaltslose Nachahmung, inhaltslos, da ihr das Entscheidende fehlt: der Niveau-Unterschied zwischen Basis und Spitze und damit das strombildende Gefälle.

In solchem Falle bleibt nur noch der Zug der (Menschen-) Masse nach unten übrig und der Zusammenbruch jeder Art von Gesellschaftsordnung - also Volk, Staat, Nation - ist unausweichlich; soziologisch, moralisch, politisch.

Das ist in kurzen Worten der Fall Deutschland.


Es ist ein letzten Endes überpolitischer, rein soziologischer Fall: der Fall einer Funktionsstörung als Ausklang einer Spätkultur, der Fall eines un-schöpferisch gewordenen Volkes, das der Bildung einer Elite nicht mehr fähig war und damit zum Opfer der steuerlos gewordenen Masseninstinkte wurde *8).
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  • *8) Hier ist nur die Rede von der letzten Phase des Gesamtablaufes. Entscheidende geschichtliche Vorgänge treten niemals abrupt auf, ihre Wurzeln liegen oft weit zurück und zumeist verteilt sich der Prozeß auf mehrere Schübe.
  • Wann das deutsche Volk - als Organismus - den Gipfel seiner Vitalität überschritten hat, ist selbstverständlich nicht nach Jahreszahlen festzulegen. Der Zeitpunkt, von dem an eine Werte-Aristokratie fehlt, liegt weit zurück. Im Grunde war schon die Bismarcksche Oberschicht keine echte Auslese, sondern eine herrschende, militaristische Feudalaristokratie.
  • Zwischen ihr und dem Volksganzen bestanden über das Befehlen und Gehorchen hinaus keine echten organischen Bindungen, das System war in sich künstlich. Mit dem Ausgang des ersten Weltkrieges brach es zusammen. Diesem ersten Schub schließen sich dann folgerichtig an: Machtergreifung durch die Massen (1918), fruchtlose Versuche zur Bildung einer echten, zur Führung berufenen Elite, innerpolitische Desorganisation. Zweiter Schub: Machtergreifung durch die Massen in Form einer herrschenden Horde (1933) und endgültiger Zusammenbruch.
  • Es ist für das Endergebnis gleichgültig, ob sich das effektive biologische Alter eines Volkes auswirkt oder ob dieses Volk sogar von vornherein ein unorganisches, labiles, künstliches Gebilde war und deshalb umso schneller altert und verfällt. Künstliches haftete dem imperialistischen Deutschland von jeher an. Es war kein aus sich heraus gewachsener Organismus, sondern eine Konstruktion von oben her, die auf eine befehlende Herrenkaste und den Untertan gestellt war.

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Alle politischen Details sind demgegenüber von untergeordneter Bedeutung, weil es gleichgültig ist, zu welchen Verzweiflungsmitteln ein in sich zerfallender Organismus zuletzt greift.

Auch in einer lebensfähigen Gesellschaftsform scheinen politische Glaubensbekenntnisse und ihre Wechsel nur die Aufgabe einer von Zeit zu Zeit notwendigen Reorganisation zu haben, der inneren Umschichtung: verbrauchte Zellen werden abgestoßen, frische treten an ihre Stelle, der Organismus verjüngt sich, seine Struktur aber bleibt die gleiche, nämlich im Sinne der Funktion zwischen Masse und Elite, ungeformter Substanz und Vorbild.
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Der Fall Deutschland

Der Fall Deutschland zeigt sehr klar: alte Kulturen verfallen notwendig zuerst in ihren geistig schöpferischen Spitzen, die die Steuerungsorgane des Ganzen sind. Damit sind dann die (Menschen-) Massen - an sich lediglich das beharrende Moment - sich selbst überlassen. Auch wenn sie aus sich selbst eine Art Ersatzorgan ausscheiden, sind sie ein Körper ohne Kopf und Nervenbahnen, der steuerlos umhertaumelt und in Zuckungen um sich schlägt.

Es kann zuletzt sogar zu einer Euphorie kommen, einer Scheingesundheit, einem letzten Sichaufbäumen, wie wir dies ja in der Tat vorübergehend erlebt haben. Im übrigen aber bleibt nach diesem Zerfallsprozeß nur noch vegetierende (Menschen-) Masse bestehen, das Gesamtwesen hat aufgehört aktiv zu existieren.

Dieser Vorgang der Erschöpfung alter Kulturvölker erstreckt sich in Europa selbstverständlich nicht auf Deutschland allein. Es hat durchaus den Anschein, als sei Deutschland in dieser Entwicklung um eine Etappe voraus, um die Etappe, die zur Erneuerung zwingt - oder zum Untergang.

Das alte Europa steht noch vor vielen Wandlungen ......
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(Menschen-) Masse wählt (Menschen-) Masse

Prüfen wir, ob sich das Funktionsgesetz „Masse-Elite" am lebenden Objekt bestätigt, ob es sich selbst beweist.

In Deutschland war die vage Idee einer Elite fraglos vorhanden. Ihr Objekt, die überragenden Köpfe, fehlten. Es fehlte die ganze Schicht einer echten und berufenen Auslese, als das sublime geistige Destillat, das die Schöpferkraft einer Nation zu bezeugen hat.

Über der breiten (Menschen-) Masse lagerte das Vacuum und in ihr saß die beklemmende Seelenangst des aussetzenden Herzschlages - Symptom aller alternden Völker nach jahrhundertelanger Kulturleistung, Schicksal eines verbrauchten Volkes, das keine Blüte mehr treibt, das keiner Auserwählten mehr fähig ist - stromlos gewordenes System, wehrlos gewordener Volkskörper, offen jedem Zugriff. Aus Lebens- und aus Todesangst mußte etwas geschehen, um jeden Preis - irgendetwas.
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Es geschah.

Aber die Fähigkeit zur Verdichtung reichte nur noch zum Notbehelf, zum Ersatz: zur herrschenden Horde - zu konzentrierter Masse statt zu kondensierter Auslese. Nur das, was auf der (Menschen-) Masse oben schwamm, bot sich an: (Menschen-) Masse wählte (Menschen-) Masse !

Darum auch war das Ergebnis den Masseninstinkten so nahe, so einleuchtend: es war Geist von ihrem Geiste.

Sprang es nicht jedem in die Augen: das im tiefsten Unaristokratische dieser Schein-Elite, das Inferiore, Vulgäre und Plebejische, das herrschen mußte wie nur das Gemeine herrschen kann, statt zu gebieten wie es nur das Gebieterische vermag?

Sprang es nicht schon vor 1933 ins Gesicht, wie sich hier ein Typus nach vorn drängte, dessen geistiges und menschliches Niveau erschreckend war?

Aber die endgültige Klarheit brachte wohl der Nürnberger Prozeß: Was dort auf den Anklagebänken saß, war ohne jedes innere Format. Selbst gegen 1914 war das Niveau erschreckend tief. Es war eine Versammlung höchst durchschnittlicher Köpfe, es fand sich unter diesen "Führern einer Nation" nicht eine einzige überdurchschnittliche Persönlichkeit. Im Grunde saß da zwanzigmal der gleiche Mann mit dem gleichen Horizont. Eine „Weltanschauung" läßt sich dann aber schon durch eine Handvoll skrupelloser Karrieremacher darstellen.
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Untergang aus überreife

Dieser Verfallsprozeß als Folge einer soziologischen Funktionsstörung - in seiner zwingenden inneren Logik nie voll erfaßt - leitet zu einigen Tatsachen hin, die bestätigen, welche dominierende Gültigkeit das Funktionsgesetz "Masse-Elite" hat.

Zunächst:

Es ist ohne jede Überzeugungskraft, daß ein „politisch unreifes" Volk zufällig auf einen Besessenen stößt und sich von ihm zugrunderichten läßt. Es gibt keine notorischen Sinnlosigkeiten in der Geschichte.

Zum ersten Gliede dieser Gleichung: was wir als "politische Unreife" bezeichnen, ist in der Tat "soziologische und biologische Überreife", Unter gangsreife - ins Politische projiziert. Es ist die Gestik einer schweren Angstneurose, es sind die Zuckungen eines sich in Todesangst windenden Organismus, es sind die wütenden letzten Krämpfe in einem Sterben, das sich schon fast ein halbes Jahrhundert hinzog.

„Unreife" hat noch niemals die Symptome einer delirierenden (Zustand geistiger Verwirrung) Raserei gezeigt. „Unreife" - der Fall Deutschland liegt weit unseliger.
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Spielerglück als Staatsgrundlage

Diese Überreife und Untergangsreife mußte bei einem so künstlichen Gebilde wie es Deutschland von jeher war, verfrüht auftreten. Zu den unsicheren Staatsgrundlagen gehörte es ja vor allem, daß die Herrenkaste, um sich zu bestätigen, immer wieder das Spielerglück herausfordern mußte und dann mit immer höheren Einsätzen. Ihre Kopie, die herrschende Horde, bewies diese unsoliden Staatsgrundlagen ad absurdum.
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Weiter aber:

Es erscheint von vornherein ausgeschlossen, daß ein gesundes, in sich ausgewogenes Volk jemals von einem Besessenen auch nur tangiert werden könnte oder gar zugrunde gerichtet werden könnte.

Ein gesundes Volk tut normalerweise das, was bisher jedes gesunde Volk in diesem Falle getan hat: es sperrt ihn ein oder erschlägt ihn, denn sei der Prophet, der Messias, nun falsch oder echt: er bedeutet geistige Seuchengefahr. Dieser gesunde Instinkt ist biologisch gerechtfertigt, ja notwendig, er entspringt dem natürlichen Sicherungstrieb. Der echte Messias muß sterben.

Anders in diesem Falle.

Konfuse Köpfe, seelisch Defekte und Wahnbesessene gibt es immer und überall. Daß ein Volk aber sich selbst als Nährboden einer ins Riesenhafte wachsenden Psychose anbietet - das beweist eine schwere seelische Gleichgewichtsstörung dieses Volkes. Nur der Marasmus, der Verfall, bringt es fertig, eine letzte Scheinjugend aus den Toxinen zu saugen, die den letzten unechten Rausch schenken.

Geschwächt, instinktverlassen bettelt er um das berauschende Gift, jede Dosis macht ihn willenloser, ja sein Wille ist längst gebrochen als er bereits weiß: dies ist das Ende, - die letzte Blüte war eine Giftblüte.

Es gibt keine Zufälle

Nein - es gibt keine zufälligen Begegnungen mit zufälligen Besessenen in der Geschichte. Hier wandt und wehrte sich gegen den Zerfall ein Volk, das, keiner Blüte mehr fähig, der Intoxikation, der Selbstvergiftung aus den eigenen Abbauprodukten zum Opfer fiel, Abbauprodukten aus dem Stillstand jeder lebendigen Funktion. Es griff nach dem beglückenden Opiat ......

Der Besessene war nur irgendein Besessener aus unzähligen, aber der ganze Körper eines kranken Volkes nährte ihn, freiwillig und mit seinen letzten Säften. Und er selbst wuchs ins Riesenhafte - genährt aus seinem riesenhaften, todgeweihten Opfer ......

Aber es hätte des Besessenen nicht einmal bedurft zum Untergange eines Volkes, das unfruchtbar und darum untergangsreif war. Der Besessene beschleunigte nur einen Vorgang aufs höchste, der sonst langsamer Zerfall gewesen wäre: Tod in den Sielen, statt Tod in einem Blutbade.

„Politische Unreife" - wie leicht wäre sie zu heilen gewesen und noch zu heilen. Aber die Deutschen begannen als Untertanen, lebten als Untertanen und wurden darüber ein altes Untertanen-Volk, zu alt bereits, um noch der Blüte einer echten Auslese fähig zu sein.
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Der kulturelle Wert ist kein Gradmesser

Mit der Erkenntnis, daß allein die Funktion Masse-Elite das dominierende Prinzip ist, das jeder Gesellschaftsform zugrundeliegt, können wir jetzt auch einen Vorgang entschlüsseln, der sonst völlig sinnlos und unerklärlich wäre.

Vorher wollen wir folgende Zwischenresultate fixieren:

  1. Erstens ist allein der innere, der relative Niveau-Unterschied innerhalb eines Systems maßgeblich, damit eine lebendige strombildende Funktion erfolgen kann - also nicht die absolute Höhe des Systems im ganzen.
  2. Das bedeutet zweitens, daß Störungen dieses Potentialgefälles zuerst bei alten, eingeebneten, überreifen Kulturen eintreten werden, also gerade bei sehr hohem Gesamtniveau.
  3. Drittens: die „barbarischen" Symptome des Zerfallsprozesses werden auf jeder Ebene die gleichen sein, denn zerfallende Masse bleibt zerfallende Masse, in Untergangsängsten und ohne die Zucht einer Elite sprengt sie jahrhundertalte Fesseln.

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Und viertens wird uns insgesamt bestätigt:

Nicht der kulturelle Wert eines Volkes schützt vor dem Verfall - nicht einmal der hohe menschliche Wert des Individuums - sondern einzig der biologische Wert des Gesamtorganismus.

Nur den vitalen, intakten, den noch Spannung geladenen Völkern, den jüngeren, robusteren, in sich noch nicht nivellierten, gehört von vornherein die Zukunft. Vitalität, Schwungkraft, innere Kraftfelder - das sind geschichtsformende Elemente. Hohe Kultur ist ein Verdienst. Aber es ist nur ein Bewußtsein, kein Pfeil in die Zukunft.

Das Gefühl, und vor allem das Nationalgefühl, will sich gegen diese Unabänderlichkeiten sträuben. Denn es ist bitter, verstehen zu müssen, daß ein Volk mit alter Hochkultur verfallen soll, indes etwa ein kulturell weit tiefer stehendes Volk mit einer Oberschicht von gleichfalls mäßiger absoluter Höhe „in sich" vollkommen intakt ist, d. h. als Organismus gesund ist, biologisch gesund und daher noch voller Zukunft.
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Der Vergleich mit einem Greis - der Verfall Deutschlands

Da ein Volk ja lebt, ist es fast zu banal, daran zu erinnern, daß jeder unwissende junge Bursche an Lebensfähigkeit den verfallenden Organen eines Greises überlegen ist: hier bei aller Fülle des Erreichten, Dämpfung und Ermattung der Funktionen, Unzulänglichkeiten, Hilflosigkeiten und Sonderbarkeiten, - dort die ahnungslose, unverbrauchte Frische. Wissen und Wert hilft nicht gegen den Tod. Alle Karten hat in der Hand das junge, dumme, strahlende Leben.

Man mag nun den Verfall Deutschlands deuten wie man will, wichtig allein ist die Erkenntnis, daß er von innen heraus erfolgte und dann erst zum äußeren Zusammenbruch führte. Ein Wort Jacob Burckhardts wird an Deutschland voll bestätigt: „Ein scheinbar noch so krankes Volk kann der Gesundheit nahe sein und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich tragen." *9)
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  • *9) Der Einwand einer „zu pessimistischen* Betrachtungsweise wagt lediglich nicht die Schlußfolgerungen aus unbestreitbaren Tatsachen zu ziehen. Stichhaltiger ist ein anderer Einwurf: das Bild des „Sterbens" eines Volkes stimmt nur bedingt. Das, das mehr oder weniger langsam stirbt, ist zunächst nicht die Substanz als solche, sondern ein Organismus von bestimmter und sehr komplizierter Struktur. Das schließt nicht aus, daß sich aus seinen Baustoffen ein neuer, anders gearteter Organismus von zunächst einfacherer Struktur zu bilden vermag.
    Zwischen diesen beiden Erscheinungsformen liegt die Frage des Seins oder Nichtseins. Somit: als pessimistisch könnte man nur eine Diagnose bezeichnen, die lediglich die Tatsache des Zusammenbruches feststellt und höchstens diese oder jene sekundäre Erscheinung zu deuten weiß. Geht man dem Ablauf von Lebensprozessen nach, so ist unter allen Umständen dies das optimistischere Verfahren. Über die Möglichkeiten einer organischen Neubildung wird später zu sprechen sein.

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„Junge" Völker

Man fragt, wie demgegenüber wohl ein „junges" und gesundes Volk aussieht und wie sich dieses kollektive Jungsein vielleicht sogar in den einzelnen Menschen widerspiegelt. Ein Beispiel sprang in Deutschland förmlich in die Augen: das gänzliche Anderssein der amerikanischen Soldaten. Wir bezeichnen sie -- relativ zu uns - als „naiv".

Das hat nichts mit dem kulturellen Niveau zu tun, sondern mit einer gewissen jugendlichen Unkompliziertheit, Robustheit, Jungenshaftigkeit und einem massiven Realismus. Sie sind rundheraus einfach viel ursprünglicher als wir - eingeschlossen eine Impulsivität, auf die das Gegenüber gefaßt sein muß .....

Es wäre selbstverständlich besser, wir bedürften solcher Vergleichsstudien nicht. Stellen wir uns jedoch vor, derart unbeschwerten Menschen würden von einem schwülstigen Schreier und berufsmäßigen Erlöser Verstiegenheiten erzählt, - die Menge der Kaugummiprojektile dürfte ihn schnell stumm machen (was unter anderem besagt, daß ein junges Volk instinktmäßig und rechtzeitig jedes falsche Pathos als lächerlich empfinden wird).

über einer solchen unbeschwerten Masse gesunden Instinktes sitzt eine vielleicht dünne, aber hochwertige Auslese (im Hintergründe - und das ist wichtiger), deren ruhige Überlegenheit uns jetzt gleichfalls gut bekannt ist.

Im ganzen darf man vielleicht sagen: eines der Zeichen organischer Gesundheit eines Volkskörpers ist es, daß keinerlei Bedarf an aufgeregten Leuten besteht, in keiner Lage, auch nicht in den gefährlichsten Augenblicken.

Das Beispiel, das wir hier gewählt haben, kommt in Europa nicht vor, nicht mehr. Aber an diesem Beispiel war das deutsche Gegenbeispiel deutlicher vor Augen zu führen. Ähnlich mit Kraftfeldern geladen ist jedoch die innere Lage bei dem soziologisch noch viel jüngeren Rußland.
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Die Minorität entscheidet

Damit besitzen wir alle Unterlagen, um jenen scheinbar sinnlosen Vorgang zu entschlüsseln, den wir am Anfang dieser Schrift folgendermaßen formulierten:

  • „Objekt der Betrachtung ist nicht ein verlorener Krieg, Objekt der Betrachtung ist offenbar eine der größten geistigen Niederlagen aller Zeiten, erlitten von einem Volke, das, als Kern Zentraleuropas, der Welt seit dem neunzehnten Jahrhundert einen Großteil ihrer gesamten Kultur und Zivilisation geliefert hat. Diese Tatsache ist ungeheuerlich und zunächst völlig paradox."


Man sieht: Die Tatsache ist nicht paradox. Sie erklärt sich aus dem einfachen und grausamen Gesetz:

Ein Volk lebt so lange wie es schöpferisch lebt, d. h. genau so lange wie es zur Bildung einer erlesenen Minorität, einer Wert-Aristokratie fähig ist.

Dann ist wohl nicht zu bezweifeln: bis zur Neubildung einer geistig führenden Elite unter einer Leitidee irgendwelcher Art ist das deutsche Volk ohne Zukunft. Wir werden noch voll banger Sorge darüber zu sprechen haben, ob und welche Ansatzpunkte sich in der Zukunft bieten.

Und jetzt erst, nach einem Blick in die Struktur des Ganzen, in das das Einzelschicksal eingebettet ist, dürfen wir auf ein Teilproblem zurückschalten: welche Rolle nämlich das Einzelschicksal bei allen diesen Vorgängen spielt, inwieweit es vor allem noch über sich selbst bestimmt oder nicht. Oder anders gesagt: wie weit das Einzelschicksal sich preisgeben und sich verlieren kann.
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Die persönliche Haftung des Individuums

Erst nach der Auflösung des Kernproblems - nämlich der Beziehungen Individuum - (Menschen-) Masse - kann man eine Frage beantworten, die für jeden Deutschen und Nichtdeutschen Quelle ewigen Mißverständnisses ist, die aber gelöst werden muß, wenn die Völker sich je wieder verstehen wollen: die Frage der Schuld des Einzelnen, populärer in der Formulierung der „Schuld Aller".

Ein bildhaftes Beispiel wird die Sachlage am besten klarmachen:

  • Auf dem Markte einer Stadt sei eine Menge von 1o.ooo Menschen versammelt. Es tritt ein Redner auf, der die Fähigkeit besitzt, (Menschen-) Massen aufzupeitschen. Vielleicht benützt er einen unerheblichen Anlaß, um die Menge zu einer sehr erheblichen Aktion und für seine Zwecke zu mißbrauchen. Der Redner sei aber nur für 2.000 der Versammelten hörbar und verständlich. Diese 2.000 werden zur psychologischen (Menschen-) Masse, sobald sie sich zu gemeinsamem Handeln hinreißen lassen. Die restlichen 8.000 verhalten sich indifferent, sie bleiben (Menschen-) Menge. Diese Menge möge sich zerstreuen, desinteressiert oder die Tat der (Menschen-) Masse sogar verabscheuend.
  • Aber inzwischen ist das Unheil geschehen. Die Tat sei eine Machtergreifung und damit im Zusammenhang eine Reihe von Terrorakten und Gewalttaten der erregten (Menschen-) Masse. Das Endergebnis trifft die ganze Stadt auf das Schwerste, sie büßt es durch Zerstörungen und durch Bestrafung von außen her.
  • Dies die Sachlage. Bis zu diesem Punkte liegt die rein juristische Schuld des Individuums völlig klar, nämlich so, daß 8.000 Versammelte und alle übrigen Einwohner der Stadt unschuldig sind. Auch dann noch, wenn die 2.000 alle Waffen der Stadt an sich gerissen haben und sämtliche übrigen unfähig sind, sich der 2.000 zu erwehren, die die Macht an sich gerissen haben.

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Das Nachspiel

Damit verlassen wir die rein juristische Erörterung. Sie hat jedoch noch ein soziologisches Nachspiel. Denn daß alle nichtbeteiligten Einwohner der Stadt die Konsequenzen des Aufruhrs der 2.000 mitzutragen haben, ist Schicksal, Schicksal jeder Gemeinschaft eines domestizierten Gesellschaftswesens: jedes Individuum bezahlt die kollektiven Vorteile mit kollektiven Nachteilen.
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Die soziologische Bindung

Die 8.000 und alle übrigen sind aus dem gleichen Stoff wie die 2.000. Wären andere Zweitausend „Hörer" dabei gewesen, so wäre der Ablauf vermutlich der gleiche gewesen, denn sie brachten die gleiche Disposition mit.

Somit: aktiv beteiligt oder nicht - die Bewohner dieses Gemeinwesens erhielten durch das Geschehene die Lehre, daß allein ihre Disposition zu Massenaktionen eine hohe Gefahr für das Ganze ist. Und aus dieser Erkenntnis heraus wird die soziologische Frage wieder zur juristischen: nämlich zur Lebensfrage für die nächsthöhere Einheit der Gesellschaftsordnung, diejenige, die sich entschließen muß, aufrührerische Städte vorsorglich zu belehren.

Denn in der Geschichte wird weniger nach Schuld oder Unschuld gewertet, sondern die ausschlaggebenden Kriterien sind: zweckvoll oder nicht, in sich organisch lebensfähig oder nicht.

Das sine1 sehr praktische Fragen, Fragen des Verhaltens. Und vor diesem nüchternen Forum hat auch ein Volk zu bestehen. Erregerherde sind unzweckmäßig. Dann werden vorsorglich alle Zellen immunisiert.

Daraus folgt unter anderem: Jedes summierende Kollektiv-Urteil über kollektive Vorgänge („Ihr alle seid", „Ihr alle habt") ist von vornherein objektiv falsch. Es ist aber vom Urteilenden her nicht unverständlich. Ihm genügt das Vorwiegen einer Disposition, die sich entladen könnte, - bei allen.
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Ungerechtigkeiten und die objektive und juristische Schuld

Unabänderlich bestehen die schicksalhaften Ungerechtigkeiten, denen jedes Kollektivwesen ausgesetzt ist. Sein Vertrag mit dem Kollektivum lautet: „Ich lebe durch dich. Ich bezahle das damit, daß ich dein Schicksal teile, auf Gedeih und Verderb/' Und somit zahlen wir alle. Das Leben denkt nicht juristisch.

Unterscheiden wir also zwischen zwei gänzlich verschiedenen Tatbeständen: der objektiven, juristischen Schuld (und sei es aus Fahrlässigkeit) und der soziologischen Mitverantwortlichkeit aus Disposition oder dank der bloßen Zugehörigkeit zu einem Kollektivum.

Und seien wir uns auch klar, wie plump unser Beispiel von den Zehntausend ist gegenüber den psychologischen Verflechtungen des wirklichen Geschehens. Der Begriff der Schuld hat keine mathematische Grenzlinie und zuletzt entscheidet - das Gewissen. Nur das Gewissen, und kein irdischer Richter mehr.
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Das Unaufhaltbare

Zu welchem Ergebnis sind wir bisher gelangt? Daß eine seelische Epidemie nicht vom Individuum her zu verstehen ist, liegt auf der Hand. Nur kollektiv- psychologisch ist es erklärbar, daß aus Hunderttausenden ungefährlicher kleiner Bürger ein Heer von brutalen Bütteln, üblen Zutreibern, gemeinen Denunzianten und Handlangern des Henkers erwachsen konnte.

Und daß aus ihrer Mitte die SS-Bestie der Massenabschlachtungen erstand. Aber es sind in diesem Volke Zerstörungen der Charaktäre vor sich gegangen, es sind so unbegreifliche Niedrigkeiten geschehen, es kam zu einer so abgründigen Verfinsterung der Seelen - auch im Gewährenlassen -: ist das alles aus dem Mechanismus einer Massenverführung und Massenhysterie erklärbar?

Wer zugibt, daß hunderttausend Einzelner alles dessen nicht fähig gewesen wären, gibt damit die Antwort. Wir haben noch auf die tieferen Gründe einzugehen, weshalb sich die seelische Verseuchung gerade in Deutschland ungehemmt ausrasten konnte.

Aber man wird immer wieder auf jene Grenzen stoßen, an denen es nur noch den irrationalen, jenseitigen Begriff des Dämonischen gibt, - freilich nicht erst seit dem Jahre 1933. Der Mensch trägt das Chaos in sich von jeher.

Wozu (Menschen-) Massen fähig sind

Wer noch irgend Zweifel hat, wessen eine (Menschen-) Masse fähig ist, höre was die Psychiatrie beispielsweise über die seelische Doppelpoligkeit archaischer Lebensformen zu sagen weiß, über Doppelschaltungen, die jedem vernünftigen Empfinden unfaßlich sind und die bei Kindern, Greisen, im Rausch, bei Psychopathen, Hysterikern und bei manchen Psychosen vorkommen - und bei (Menschen-) Massen.

Wir zitieren nach W. Lange „Genie, Irrsinn und Ruhm": „... Als Gilles de Rais Hunderte von Kindern seiner Bauern unter teuflischen Martern sadistisch abgewürgt hatte, streckten unter seinem Galgen die Mütter der Kinder ihre Hände nach ihm aus - und weinten um seinen Tod. Ganz ähnlich benahmen sich die Moskauer nach dem Tode Iwans des Schrecklichen".

Dessen sind (Menschen-) Massen fähig. Ähnliche pathologische Symptome finden sich auch in Deutschland. -

Die seelische Verseuchung in Deutschland

Weshalb nun konnte sich die seelische Verseuchung gerade in Deutschland uferlos ausbreiten?

Drei Gründe waren dabei wirksam. Den tiefsten Grund werden die Schlußkapitel dieser Schrift aufzeigen, wir können ihn hier nur nennen, nicht analysieren.

Er ist in der Krisis des weißen Kulturmenschen überhaupt zu sehen, er liegt in der Wurzellosigkeit, der Labilität und der seelischen Steuerlosigkeit des „Menschen zwischen den Zeiten", dessen Seinsgrundlagen im Begriffe sind, sich aufzulösen ohne daß ihm bereits ein neuer Halt gegeben wäre.

Deutschland, als zum Zentrum einer an sich irre gewordenen Kultur gehörend, war notwendig entsprechend gefährdet. In dieser seelischen Krise wird wie in jeder der großen geschichtlichen Krisen, das, was nicht mehr tragfähig ist, abgeworfen. Es ist die Phase der Kulturverzweiflung, der Weglosigkeit und zuletzt der Kultorlosigkeit, die Phase, in der das Archaische, Urtümliche, Triebhafte, Bestialische wieder nackt zutage tritt.

Denn es ist immer da und hier sitzt der zweite Grund für den Rückfall ins Triebhaft-Archaische: wir glauben nur, daß es in genügende Tiefe hinabgesunken ist (Goethe: „Es gibt kein Verbrechen, dessen ich nicht fähig gewesen wäre").

Wußten wir nie, wie dünn die Schicht ist, die das Dämonische zu durchbrechen hat, so wissen wir es jetzt ...

Lediglich die Vermassung des Dämonischen ist ein Merkmal dieser Zeit. Und das eben heißt: das Archaisch-Dämonische und die (Menschen-) Masse sind in Zeiten der Krise geradezu Korrelate.
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Der dritte Grund - ein Regietrick

Wir kommen zum dritten Grund, der Deutschland zu einem moralischen und ethischen Zusammenbruch prädisponierte. Er ist jedoch mehr Folge der beiden ersten: daß am deutschen Volke ein Regietrick von beispielloser Tücke und fast diabolischem Raffinement Erfolg haben konnte, - daß nämlich das Inferiore, Bösartige, Gemeine stets gekuppelt auftrat, getarnt, verflochten mit sehr vertretbaren Lebensforderungen und Wünschbarkeiten.

Dieses (nebenbei noch gestohlene) Ideengut wurde zum Aushängeschild, ja es wurde Rechtfertigung für jede Handlung der Niedertracht und der Entrechtung. Das Brot - aber vergiftet, mit Giften getränkt, welches Willenlose, Hörige und schließlich Halbirre und Rasende schuf, - Brot zur Verbreitung der Seuche.
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Das Tollhaus der Begriffsverwirrung

So entstand dieses Tollhaus der Begriffsverwirrung, das war die Atmosphäre, auf solcher Disposition konnte sich der Mechanismus der Massenhysterie abwickeln bis an die letzten Grenzen der Geistesverwirrung, - mechanisch in der Tat, denn alle Bedingungen waren gegeben, vorbereitet in Jahrhunderten.

Wenige sahen diesen nahezu naturgeschichtlichen Ablauf voraus. Wer meint, diese Wenigen hätten sich ihm entgegenstellen können, verlangt damit, daß sich etwa das Personal eines Observatoriums einem Vulkanausbruch entgegenstellt.

Mit dem Blick über die großen Linien des deutschen Niedergangs können wir zurückschalten zu dem Punkte, an dem von einer planmäßigen Massenverführung großen Stiles die Rede war. Es liegt jetzt klar, weshalb sie gelingen konnte.

Zuvor hatten wir die wesentlichen der Wurzeln bloßgelegt, aus denen die deutschen Massenirrtümer wuchsen. Es gab noch andere, weniger offensichtliche.

Wir werden sehen, daß auch die geheimsten Irrtümer dem Gesetz der (Menschen-) Masse, dem Gesetz der Lawine folgten. Aber dazu war nötig, daß die Seuche schon an den Wurzeln saß.
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