Ein Kameramann schreibt über seinen Berufs-Traum
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April 1986 - Tschernobyl - die Europa-Katastrophe
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Vorkommnisse in einem ukrainischen Atomkraftwerk
Am 28. April 1986 erhielten wir erste besorgte Anrufe aus Deutschland: Wie es uns ginge, ob wir Angst hätten oder gar zurück nach Köln kämen. Erstaunt verneinten wir und erfuhren von Vorkommnissen in einem ukrainischen Atomkraftwerk.
Radioaktiver Fallout sei im eintausendzweihundert Kilometer entfernten Schweden als von Russland kommend gemessen worden. Kurz darauf im russischen Fernsehen eine Wortmeldung über eine Havarie in einem Atomkraftwerk. Alles halb so schlimm, dachten wir, unser Leben ging normal weiter.
Gorbatschows Glasnost wird dafür sorgen, dass wir Wichtiges rechtzeitig erfahren. Am 5. Mai 1986 erwarteten wir auf dem Flugplatz zwei Vertreter der Internationalen Atomenergiekommission, den Schweden Hans Blix und den Amerikaner Morris Rosen.
Beide kamen auf Einladung der Sowjetunion aus Wien. Diese Maschine brachte auch einen von der Deutschen Botschaft angeforderten Geigerzähler nebst Spezialisten. Erst neun Tagenach der „Havarie" die erste Pressekonferenz in Moskau, beginnend mit einer Rüge Gorbatschows an die westlichen Medien, denen er antisowjetische Hetze vorwarf.
Dann Abwiegelungen sowjetischer Atomexperten, die den Umfang dieser Nuklearkatastrophe in Abrede stellten. Wesentliche Fragen der internationalen Journalisten wurden unzulänglich beantwortet. Zwei Tage später, am 9. Mai, ging es aber zur Sache. Die westlichen Atomexperten Blix und Rosen konnten in einer Pressekonferenz des Außenministeriums befragt werden. Sie hatte man im Hubschrauber über das Kraftwerk geflogen. Sie sahen überall Evakuierungsmaßnahmen und den eingestürzten brennenden Reaktorteil. Es wäre ein sehr trauriger Anblick gewesen. Über die Ursache könnten sie allerdings keine Auskunft geben.
Heute wissen wir mehr über die Katastrophe
Am 26. April ereignete sich in Tschernobyl Folgendes: Im Rahmen einer mehrstündigen Sicherheitsübung in Block 4 des Kraftwerkes unter dem Titel „Stromausfall" wäre es wegen Nichtbeachtung wichtiger Vorschriften zu einer immer größer werdenden Leistungssteigerung des Reaktors gekommen, ohne dass man diese stoppen konnte.
Die Graphitstäbe der Anlage fingen an zu brennen und erzeugten Gase, die in Verbindung mit Sauerstoff eine Explosion auslösten. Als das Dach einstürzte, konnte sich ungehindert Radioaktivität verbreiten. Für mich vorstellbar, dass diese Katastrophe ihren Ursprung in typisch sowjetischem Umgang mit Technik hatte.
Rote Warnlampen, verklemmte Schalter, Signaltöne - „Nitschewo", macht nichts. Arbeiten wir weiter, Genossen. Als Zeichen für Glasnost ist dabei zu werten, dass nach der Ursache gesucht wurde. Jahre zuvor wäre sofort von Sabotage die Rede gewesen, statt nach Fehlern wäre nach den Saboteuren gesucht worden.
Obwohl zwischen Tschernobyl und Moskau achthundert Kilometer Wegstrecke liegen, waren die Hauptstädter und auch wir um unsere Gesundheit besorgt, kamen doch täglich Lebensmittel aus der Ukraine.
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Natürlich wurde immer noch vertuscht und verheimlicht
13. Mai 1986. Mit Dr. Stahl, der extra aus Bonn gekommen war, und seinem Geigerzähler besuchten wir die Gemüse-, Obst- und Blumenstände auf den Kolchosmärkten. Ohne Erfolg. Später hörten wir, dass vor uns schon Stadtbeamte mit Geigerzählern die Hallen inspiziert hatten. Dabei sei auch jede Menge Ware beschlagnahmt worden.
Wir überprüften auch die Botschaftsautos, den Botschaftsgarten, die Botschaftsräume und zuletzt den Empfangsraum des Botschafters.
Endlich wurden wir fündig und hatten unser Erfolgserlebnis. Der große Fliederstrauß auf dem Botschafter-Schreibtisch war kontaminiert. Knatternd hatte uns der Geigerzähler vor Berührung seiner Blütenpracht gewarnt. Auch Nasenkontakt wäre gesundheitsgefährdend.
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Langsam Glasnost im sowjetischen Fernsehen
In besorgniserregenden Bildern wurden jeden Abend Aktivitäten der sowjetischen Behörden gezeigt. Prypjat, eine zwanzig Kilometer vom Katastrophenort entfernte Stadt, wurde schon am 27. April 1986 evakuiert. Alle fünfundvierzigtausend Bewohner mussten mit kleinem Gepäck innerhalb von drei Stunden die Stadt verlassen. Hausrat und anderer Besitz blieb zurück. Das Ganze wäre nur für sechsunddreißig Stunden, wurde ihnen damals gesagt. Bis auf den heutigen Tag durften sie nicht zurückkehren. Aus Prypjat wurde eine Geister-Stadt.
Gosteleradio, das sowjetische Fernsehen, zeigte todesmutige Männer, die für Minuten in den zerstörten Block 4 liefen, um weitere Strahlenschäden einzudämmen und Soldaten, die mit Wasserschläuchen die Radioaktivität von kleinen Bauernhäusern oder LKW herunterspülen wollten.
In anderen Filmen aus dem zweihundert Kilometer entfernten Kiew waren fröhliche Feiern zum 1. Mai 1986, ein Radrennen und andere Volksfeste zu sehen. Ausländische Journalisten waren in der Ukraine unerwünscht.
Nach mehrfacher Ankündigung und Widerrufung organisierte das Außenministerium für eine kleine Gruppe handverlesener ausländischer Korrespondenten, dazu gehörten Lutz Lehmann und ich, eine Zwei-Tage-Reise ins Tschernobyl-Gebiet.
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Unsere Zwei-Tage-Reise ins Tschernobyl-Gebiet
Wir waren etwa zehn Journalisten und fünfzehn sowjetische Begleiter, darunter drei sogenannte Nuklearwissenschaftler mit Geigerzählern. Tschernobyl nebst Reaktor oder das evakuierte Prypjat wurden uns nicht gezeigt. Mit dem Bus fuhr man uns zu nicht bekannten Orten. Dort wurden uns eine Getreideernte mit fröhlichen Bauersleuten, Kinderheim Baden am Dnjepr-Ufer und frisch bezogene Neubauten vorgeführt.
An Jedem dieser Orte zückten unsere Wissenschaftler ihre Geigerzähler, um zu beweisen: Radioaktivität null. Bilanz: Nukleare Verseuchung Propagandalüge, große Vorsorge permanent vorhanden. An Straßenübergängen wurden LKW von Ortskräften mit Geigerzählern kontrolliert, Passagiere, die aus Fernbussen stiegen, wurden Mann für Mann und Frau für Frau mit Geigerzählern umrundet. Also, kein Grund zur Besorgnis.
Aufgrund einer Vorschrift der Berufsgenossenschaft hatte der WDR für mich am 30. Juli eine Untersuchung in der nuklearmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Köln angeordnet. Dazu lag ich, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf einem Messtisch. Über mir fuhren in geringem Abstand Messgeräte hin und her. Das gute Ergebnis: keine radioaktiven Einlagerungen in meinen Knochen. Lediglich gefahrlose erhöhte Radioaktivität, wie sie Bewohner des Hochgebirges oder Inspektoren deutscher Kernkraftwerke aufweisen. Die Veranstalter unseres „Nuklearausflugs" in die Ukraine hatten uns eine gründliche Reinigung der Kleidung in der Waschmaschine empfohlen.
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Ich war böse, ich habe meine Klamotten nicht gewaschen
Stattdessen hatte ich, noch in Kiew, alles in eine große Plastiktüte gesteckt. Die durfte ich nun statt meines Körpers ungeöffnet auf den Messtisch legen.
Sofort war die Hölle los. Rote Lampen blinkten und Warnsignale ertönten. Die Geräte wurden gestoppt, um ihre Empfindlichkeit herunter zu regeln. Nach dem zweiten Durchgang wurde mein Beutel für beschlagnahmt erklärt.
Meine Kleidung müsste als strahlender Müll eingelagert werden. Verwunderung auf meiner Seite. Ich nahezu ohne, meine Klamotten voller Radioaktivität. Die Erklärung: Nuklearmediziner können nur Eingelagertes messen, keine Strahlung, die mich irgendwann getroffen hat.
Viel wird es nicht gewesen sein, denn jetzt in 2021, nach 35 Jahren, gibt es mich noch. Meine Wildlederstiefel, die Cordhose, das Leinenhemd und die Lederjacke können von meiner Anwesenheit auf diesem Planeten noch Jahrhunderte lang Zeugnis ablegen. Tief im Salzstock des Endlagers Gorleben liegen sie in einem Fass und strahlen vorsich hin. Sie ruhen in Frieden.
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Weiteres in 1986
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Honorige Gäste im ARD-Studio
Auch 1986 war, wie jedes unserer Moskauer Jahre, gefüllt durch Routineberichte. Pflichtarbeit der Alltagschronisten. Dazu gehörte auch ein Besuch des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rau, der eine Landesausstellung eröffnete und Gespräche mit Politbüromitglied Worodnikow und später auch mit Gorbatschow führte.
Schließlich war er Kanzlerkandidat der SPD für die im nächsten Jahr fälligen Bundestagswahlen. Als Polit-VIP war er am 24.6.1986 am Abend mit seiner Frau und Mitgliedern seines Stabes Gast in unserem WDR-Studio.
Während im Raum des Studioleiters eine reine Männergesellschaft über Sinn und Widersinn der Glasnost- und Perestroika- Politik debattierte, plauderten im Nachbarraum Christina Rau und Vera Romboy über das Alltagsleben in Moskau. Wegen einer Frage musste ich kurz unterbrechen.
Danach fragte Christina Rau die Vera: „War das Ihr Mann?" Dann entdeckten sie Gemeinsamkeiten. Sie waren gleichaltrig, beide dreißig Jahre jung und hatten wesentlich ältere Männer geheiratet. Christina Rau - 1982 - einen fünfundzwanzig Jahre älteren, Vera Romboy - 1980 - einen zwanzig Jahre älteren.
Ob im weiteren Gespräch die Damen eine solche Altersdifferenz negativ oder positiv bewerteten, wollte ich besser nicht hinterfragen. Die Raus liefen mir in den nächsten Tagen noch einige Male vor die Kamera, so beim üblichen Spaziergang über den Roten Platz und den Rundgängen in der Landesausstellung Nordrhein-Westfalen.
Wir besuchen Wladimir
Das knapp zweihundert Kilometer von Moskau entfernte Wladimir war seit 1983 Partnerstadt des fränkischen Erlangen. Im Rahmen der Erlanger Kulturtage besuchten einhundert Erlanger, vorwiegend Musiker und Theatergruppen Russland, um sich dieser Stadt vorzustellen.
Vom 7. bis 12. September 1986 begleitete ich die verschiedenen Gruppen für sogenannte „Gefälligkeitsaufnahmen", also ungeschnittenes Material, das der Bayerische Rundfunk be
arbeiten und senden wollte. Aufnahmen der Aufführungen und Begegnungen wurden erlaubt.
Ein Porträt der Stadt Wladimir untersagte die Oberbürgermeisterin. Im Gespräch mit ihr erzielte ich einen Kompromiss: Meine Filmbilder für ein Stadtporträt würde ich ihr und den Stadtverordneten zeigen und bei einer Ablehnung vernichten.
Nach Aufnahmen an einem sonnigen Herbsttag konnte ich schöne Stadtbilder vorweisen. Abends eine dreißig Minuten lange Vorführung im Rathaus. Mir blieb die Spucke weg, als die Stadtobere sagte: „Ihre Aufnahmen sind nicht ehrlich. Es fehlt ihnen die Wahrheit."
Bevor ich meiner Empörung Ausdruck geben konnte, setzte sie nach einer kleinen Pause fort: „So schön wie in Ihrem Film ist unsere Stadt leider nicht." Beifall der anderen Parteileute.
Nachdem ich die Erlanger noch durch das benachbarte Susdal, einer Museumsstadt vergleichbar mit Rothenburg ob der Tauber begleitet hatte, konnte ich am 12. September wieder nach Moskau fahren. Für einen geplanten Kurzurlaub fehlte jetzt die Zeit und so feierten wir am 13. September meinen 50. Geburtstag im kleinsten Kreis in unserer Wohnung. Gäste: unsere deutschen und russischen Freunde und Kollegen.
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Wir begegnen Inge Meysel
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Ein Stück Lebensweisheit laut Friedrich Schiller
„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze" lässt Schiller im Wallenstein-Prolog sagen. Ich will es dennoch tun.
Es gab einmal vor vielen Jahren die Zeit, als Oma und Opa ein Liebespaar waren und vor allem die Erwachsenen in Kinos gingen, die tausend Sitzplätze hatten. Spielfilme waren damals keine seelenlosen Daten auf irgendwelchen Servern, sondern tatsächlich Bild für Bild auf 35mm breiten durchsichtigen seitlich gelochten Rollen vorhanden.
Ein solcher Spielfilm war dreitausend Meter lang, zum Transportieren wurden der Streifen in sechshundert Meter lange Rollen zerteilt und, da der Spielfilm ein Kind des Theaters war, nach Akten beschriftet.
Auf den Kartons war dann zu lesen „Ihr schönster Tag, 1. Akt, 2. Akt" und so fort. Unter diesem Titel verfilmte der Regisseur Paul Verhoeven das erfolgreiche Bühnenstück „Das Fenster zum Flur" - Geschichten um eine Portiersfrau.
Für die Hauptrolle wählte Verhoeven eine bekannte Theaterschauspielerin, die damals, 1961, 51 Jahre alt war. Eine jugendliche Karriere war ihr 1933 versperrt worden. Inge Meysel war Halbjüdin.
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Erst 1945 durfte sie endlich wieder spielen
1945, nach Vernichtung der Nazi-Diktatur, durfte sie endlich wieder spielen. Die inzwischen Fünfunddreißigjährige machte sich bald einen Namen als Theaterschauspielerin an den ersten Häusern in Hamburg und Berlin. Auch in vielen bekannten und unbekannten Filmen war sie seit 1948 in Nebenrollen zu sehen. Als „Ihr schönster Tag" 1962 in die Kinos kam, wurde sie zum Filmstar.
Ihre damals bekannten Mitspieler wie Rudolf Platte, Sonja Ziemann und Brigitte Grothum spielte sie glatt an die Wand. Vom jugendlichen Götz George ganz zu schweigen. Sofort verpflichtete das Fernsehen sie als Hauptdarstellerin der immer populärer werdenden Serie „Die Unverbesserlichen".
In dieser Fernsehreihe, die von 1964 bis 1971 produziert wurde, verkörperte sie, wie im Film „Ihr schönster Tag", eine Übermutter, bei der alles schiefgeht. Die Folgen der „Unverbesserlichen" wurden zum Straßenfeger, Wirtshäuser ohne Fernsehgerät blieben leer.
Schon zu Beginn der 19sechziger Jahre avancierte sie zur „Mutter der Nation" und wird zur populärsten Volksschauspielerin des deutschen Sprachraums. Zwar spielte sie weiter Theater, aber parallel dazu blieb sie Hauptdarstellerin weiterer Fernsehserien. 1982 begann mit ihr eine neue Fernsehreihe: „Mrs. Harris - Abenteuer einer Londoner Putzfrau."
Thema : Mrs. Harris überlistet den KGB
Anfang September 1986 erreichte mich in Moskau ein Anruf des Norddeutschen Rundfunks, in dem ich um Hilfe gebeten wurde. Es ginge um die Folge „Mrs. Harris fährt nach Moskau" und Straßenszenen, die Regisseur Franz Josef Gottlieb in Moskau mit Inge Meysel drehen möchte.
Eine Aufnahmegenehmigung bei den sowjetischen Behörden zu erreichen, wäre ausgeschlossen wegen des Themas : Mrs. Harris überlistet den KGB.
Meine Akkreditierung würde doch Filmen auf Moskaus Straßen ermöglichen und man wäre mir sehr dankbar, wenn ich dazu bereit wäre. Nur wegen meiner Sympathie zur Schauspielerin Inge Meysel stimmte ich zu. Schließlich könnte mir in einem solchen Fall die Akkreditierung entzogen werden.
Unter dem Vorwand, in Moskau würde für einen Dokumentarfilm zum fünfundsiebzigsten Geburtstag der Schauspielerin gedreht, erteilte die Botschaft das Einreisevisum für Inge Meysel und zwei Begleiter, ohne Kameramann, den würde Studio Moskau stellen.
Regisseur der Fernsehserie war der Österreicher Franz Josef Gottlieb, einer der meistbeschäftigten des deutschen Films nach 1960. Neben etwa vierzig Kinofilmen inszenierte er annähernd die gleiche Anzahl von Fernsehproduktionen.
Unsere Zusammenarbeit war von Anfang an ohne Probleme und in freundlicher Atmosphäre. Um die wenige Drehzeit zu nutzen, fuhren wir mit Inge Meysel ohne lange Motivsuche zu den von mir, dem Ortskundigen, vorgeschlagenen Kamerastandpunkten. Gottlieb schaute in meine Kamera und besprach mit seiner Schauspielerin die gewünschten Passagen.
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Wir brauchtennur Filmschnipsel mit Inge Meysel
Chronologie spielte keine Rolle, Hauptsache die Bilder zeigten das typische Touristen-Moskau. Ein-, zweimal waren seine und meine Bildvorstellungen kontrovers. Ich verteidigte meine Auffassung verbissen, weil ich einen Angriff auf meine Professionalität sah.
Der erfahrene Spielfilmregisseur glättete die Wogen mit einem weisen Wort: „Herr Romboy, bei einer Filminszenierung kann es immer zwei gleich qualifizierte Lösungen geben." Auf einer Moskwa-Fluss-Brücke gab es für eine Passage unserer Mrs. Harris einen schönen Hintergrund mit Kreml-Mauern und vergoldeten Zwiebeltürmen.
Nach den ersten Proben erschien ein Miliz-Wagen mit zwei Polizeioffizieren. Kein Problem, ich zeigte die „Kartotschka", meinen Sonderausweis. Beide waren zufrieden, stellten sich vor und fragten, ob sie zuschauen dürften. Wir arbeiteten weiter und sie erfragten in Bezug auf Inge Meysel, wer denn die „Babuschka" wäre. Meine Antwort: ein berühmter deutscher Filmstar.
Einer der Milizionäre staunte: „Dann ist sie sicher Millionärin." Inzwischen stand sie bei uns und ich übersetzte seine Frage und überließ ihr die Antwort. „Sag' ihm, Millionärin wäre ich, wenn es kein Hamburger Finanzamt gäbe." In der Mittagspause sprachen wir über mein Leben in Moskau.
Als ich neben meiner Frau auch unsere vier Katzen erwähnte, outete sie sich als Katzenfreundin und bestand darauf, die Miezen zu sehen. Es folgte meine Abendeinladung.
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Vom schmutzigen miefigen Lift dann in unsere Wohnung
Der begleitende Produzent der Phoenix-Film hatte für seinen Filmstar, den Regisseur und für sich bei Intourist eine große russische Staatslimousine mit Chauffeur angemietet. Ich empfing meine Gäste am Polizeiposten unseres Plattenbaus, um die Einfahrgenehmigung zu klären.
Im schmutzigen miefigen Lift ging es hoch in die fünfzehnte Etage. Betretenes Schweigen und ungläubige Blicke meiner Begleiter. Vera öffnete die Tür und die Gäste standen zwischen Jugendstilmöbeln, die von vielen Tiffany-Lampen beleuchtet wurden.
Inge Meysel klatschte in die Hände und rief spontan: „Das darf doch in Russland nicht wahr sein! " Und da kamen sie auch schon, um die Meysel zu begrüßen: Unsere Kater Robby, Peter, Felix und Mulle strichen ihr um die Beine und machten freundliche Katzenbuckel. Vergeblich versuchte Vera, ihr ein Glas Begrüßungssekt in die Hand zu drücken, vergeblich Gottfrieds Ruf „Inge, lass uns anstoßen".
Sie bestand darauf, erst alles zu sehen: von den Wiener Bronze-Figuren über den Porzellan-Nippes bis zu den Ölgemälden. Nach dem Abendessen war sie erzählfreudig und trank mit Vera einen Bruderschaftswodka. Als ich den Gästen unser Hauskino mit den 35mm-Projektoren und den 15 Kinosesseln zeigte, regte sie sich auf und schimpfte lautauf ihre blöden Hamburger Behörden.
„Als John Olden und ich in den 19sechziger Jahren bei Hamburg unser Haus bauten, äußerte ich einen Sonderwunsch. In Filmzeitschriften sah man immer die Hauskinos der Hollywood Stars. Also sagte ich, John, auch ich will ein solches Kino haben. Über ein Jahr kämpfte unser Architekt mit verschiedenen Behörden, die immer neue Auflagen erteilten, bis wir kapitulierten. Doch dieser Kerl schafft es, sowas in Moskau in eine Hochhauswohnung zu klemmen." Zum Verständnis für Leute von heute: Vor sechzig Jahren gab es noch keine Videokassetten oder DVDs. Wer Kinofilme zeigen wollte, musste aufwändige voluminöse Kinotechnik installieren.
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Schachweltmeister Kasparow
Schach - ein Spiel für in sich ruhende Denker - war nie mein Ding. Mir das Spiel beizubringen, scheiterte an meinem Temperament. Ich bin ein Mann schneller Entscheidungen, der auch die damit verbundenen Fehlentscheidungen in Kauf nimmt. Doch schnelle Entscheidungen bringen oft Vorteile.
Der Volksmund sagt: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Eigentlich schade, dass mich mit der Beobachtung von Schachspielern nur Langeweile verband und das Bedürfnis, dem Spieler zuzurufen: Nun zieh doch endlich!
Schon Anfang September war ich in Sachen Schachweltmeisterschaft in Leningrad gewesen, zum Endspiel am 8.10.1986 mussten wir wieder dabeisein. Es handelte sich im Prinzip um eine innerrussische Angelegenheit. Anatoli Karpow wollte dem amtierenden Weltmeister Garri Kasparow den Titel-Lorbeer entreißen. Doch der erwies sich als hartnäckiger Gegner und gewann erneut das Endspiel. Peter Bauer schaffte es sogar, den Schwierigen zu einem Interview vor meine Kamera zu bringen. Was für ein Erlebnis wäre diese Nähe für einen Schachfreund gewesen!
Mein „Kriegsberichterausweis" für Afghanistan
Offensichtlich wollte Gorbatschow den glücklosen Krieg in Afghanistan, dem Vietnam der Sowjetunion, beenden. Auslandskorrespondenten wurden für den 12.Oktober 1986 zu einem siebentägigen Informationsflug nach Afghanistan eingeladen. Thema: Standorte und Zustand der sowjetischen Armee im Land und der Beginn des Abzugs der sowjetischen Truppen.
Für die ARD hatte Peter Bauer außer mir auch seine Frau Ulla als Kameraassistentin angemeldet, weil helfende Hände für das TV-Equipment immer nötig sind. Unseren sowjetischen Technikern wurde nämlich - von Seiten des Außenministeriums - keine Ausreise genehmigt. Als unsere Maschine, ein Flugzeug der Sowjetarmee, zur Landung in Kabul ansetzte, wurden wir plötzlich Mittelpunkteines Feuerwerks.
Unser Flieger verbarg sich während und bis zur Landung hinter einem Funkenschirm, als würde eine Kleinstadtkirmes ihren Abschluss feiern. Es war kein externes Spektakel. Unser Pilot hatte seine Irritations-Raketen abgeschossen, um mögliche Stinger-Raketen abzuwehren.
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Was sind amerikanische Stinger-Raketen
Kabuls Airport war von nahen Bergen umgeben, auf denen die Kämpfer der Mudschahedin das Sagen hatten. Mit amerikanischer Unterstützung bekämpften sie die kommunistische Regierung in Kabul und die sie beschützende Sowjetarmee.
Die von den Amis gelieferten Stinger-Raketen konnten auf der Schulter liegend abgeschossen werden, ihr Infrarot-Kopf suchte selbständig die Triebwerke tief fliegender Luftfahrzeuge. Uns wurde in Afghanistan pures Kommunismusglück vorgeführt.
In der Tat, im damals noch unzerstörten Kabul herrschte orientalisches Treiben. In den bizarren Gängen des Basars wurden Waren aus aller Welt angeboten, verglichen mit der Sowjetunion ein Konsumentenparadies.
Viele der Händler warben für ihr Angebot auch in russischer Sprache. Straßen fotografen mit Gerätschaften der Jahrhundertwende boten für Spottgelder ihre Sofortbilder an. Ich kaufte mir eine große Messinglampe mit Petroleumtank und einen Riesensamowar, der früher in einer Karawanserei gestanden hatte und den ein Katzenrelief mit Spiegel zierte.
Ein mehrstündiger Flug brachte uns nach Shindand und weiteren Basen der (russischen) Armee. Bei Kabul konnten wir eine Truppenparade mit Panzern und Geschützen filmen, den Beginn des Abzugs der Roten Armee aus Afghanistan. Mit dem bisher gedrehten material flog Peter Bauer nach Köln für einen ersten Bericht im Weltspiegel. Weitere Bilder konnte ich ihm mit Hilfe des afghanischen Fernsehsenders über Satellit zuspielen.
Nach Bauers Abflug musste ich einen Konflikt mit unseren Gastgebern, den afghanischen Regierungsleuten, abklären. Unsere Gruppe wurde im Hotel Intercontinental untergebracht. Nach wenigen Tagen lag in jedem Zimmer ein Flyer mit dem Inhalt, Speisen, Getränke und Hotelkosten würden, weil Gäste der Regierung, nicht entstehen.
Für kritische Berichterstatter eine Zumutung. Nach kurzer Beratung bestanden Bauer und ich schriftlich auf einer von uns zu zahlenden Rechnung.
Große Aufregung unter unseren Betreuern, dann die Antwort: Bezahlung wäre ausgeschlossen. Also errechneten wir adäquate Hotelkosten und bestanden darauf, diese Summe, ich denke es ging um fünfhundert Dollar, einer Wohltätigkeitsorganisation zu überreichen. Nach nervenden Disputen wurde mir ein Lazarett für amputierte Kämpfer angeboten. Als militärparteilich lehnte ich ab und bestand auf einem Waisenhaus und persönlicher Obergabe ohne Presse. Das wurde einen Tag später akzeptiert.
Am 19.10. wurde ich angerufen, für die Geldübergabe stünde ein Wagen vor dem Hotel. Dieser Wagen entpuppte sich als eine russische Staatslimousine vom Typ SIL. Mit im Wagen: außer meinem Dolmetscher zwei finstere Afghanen in Zivil mit Maschinenpistolen. Vor und hinter uns ein Caddy mit einem Maschinengewehr, an dem ein Schussbereiter saß.
Dreißig Minuten fuhren wir kreuz und quer durch die Stadt, dann passierten wir ein Tor, das von Bewaffneten eskortiert war und gingen zu einem mittelgroßen Bungalow. Mich begrüßte die liebenswürdige Leiterin des Waisenhauses mit Tee und Gebäck. Von ihr, die etwas Deutsch sprach, erfuhr ich, dass sie die Ehefrau von Babrak Karmal sei, dem kommunistischen Führer Afghanistans, den die Russen erst im Mai gegen den populäreren Nadschibullah ausgetauscht hatten.
Nach der Geldübergabe bestand sie darauf, mich den Kindern, sie waren zwischen vier und zehn Jahre alt, vorzustellen. Zu meiner Begrüßung sangen sie ein Lied, dessen Text ich nicht verstand, das aber dem Duktus nach ein Kampflied war.
Als ich in verschiedene Räume geführt wurde, standen dort die Kinder wie angetretene Soldaten und skandierten mit ausgestrecktem rechtem Arm, in geballter Faust endend: „ Wer ist unsere Mutter? Der Genosse Karmal. Wer ist unser Vater? Der Genosse Karmal. Wer ist unserer Führer? Der Genosse Karmal." Für mich ein gespenstisches Bild von Indoktri-nierung.
Zum Abschluss der Afghanistan-Reise gab es eine große, durch uns internationale, Pressekonferenz in Kabul, die vom afghanischen Fernsehen live übertragen wurde. Nach einigen Redeausschnitten des Staatschefs Nadschibullah - der Text lag mir in englischer Sprache vor - schaltete ich meine Kamera ab und döste die weiteren neunzig Minuten vor mich hin, bis aus den Lautsprechern die Namen Manfred Romboy und Peter Bauer tönten.
Hellwach ließ ich mir von meinem afghanischen Dolmetscher das Gesprochene übersetzen. Der Text: „Journalisten, die von den Mudschahedin eingeschleust werden, um Lügen über unser Land zu verbreiten, werden wir weiterhin verfolgen und gebührend bestrafen. Ausländische Journalisten, an der Spitze die Korrespondenten der Sowjetunion und die Deutschen Peter Bauer und Manfred Romboy, sind in Afghanistan immer willkommen."
So Nadschibullah. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das heute noch gilt. 1996 haben die Taliban den Genossen Nadschibullah als Verräter öffentlich aufgehägt.
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Helmut Kohl, Goebbels und Gorbatschow
Jede politische Spannung zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion zeigte damals sofort Auswirkungen auf die Bereitschaft der Moskauer Behörden, von uns angemeldete Aufnahmevorhaben zu genehmigen oder einfach nicht zu bearbeiten.
Etwa ab 1986 gab es für uns deutliche Anzeichen von Perestroika in den Genehmigungsverfahren. Die Nachricht, dass sich unser Bundeskanzler Kohl wieder einmal als Elefant im Porzellanladen gezeigt hatte, konnte sich störend auf unsere Arbeit auswirken. Im Interview für das US-Magazin Newsweek verneinte Kohl, liberale Seiten in Gorbatschows Politik zu sehen. Dieser sei lediglich ein moderner kommunistischer Führer, der geschickt Propaganda betreibe.
Im Nachsatz vermerkte Kohl, Goebbels habe auch etwas von Propaganda verstanden. Die sowjetische Presse reagierte empört über diesen Vergleich. Wir befürchteten eine neue Eiszeit. Für den 10. November 1986 hatte Außenminister Eduard Schewardnadse eine Pressekonferenz im Außenministerium anberaumt. Er äußerte seinen Unmut über Kohls Verhalten. Kohls Interview habe in der sowjetischen Führung Empörung hervorgerufen und das Land zutiefst beleidigt. Als Partner für die weiterhin erwünschten guten Beziehungen zur Bundesrepublik sehe er das Volk, die Geschäftsleute und die Parteipolitiker. Dann äußerte er sich positiv über Außenminister Genscher. Fazit: Kohl wäre in naher Zukunft kein akzeptabler Gesprächspartner mehr.
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Wir besuchen die Russlanddeutschen
Nach der Kohl-Affäre waren Lutz Lehmann und ich in Sorge, ob unsere bereits genehmigte Reise nach Kasachstan stattfinden würde. Bis zuletzt befürchteten wir einen Widerruf.
Lehmann plante, einen Film über die Deutschen in Kasachstan zu drehen, der unter dem Titel „Heimat in der Fremde" gesendet werden sollte. In der Sowjetrepublik Kasachstan, viertausend Kilometer von Moskau entfernt, lebte in den achtziger Jahren fast eine Million Russlanddeutsche.
Die deutschstämmige Zarin Katharina II hatte um 1765 verarmten deutschen Bauern fruchtbares Land und Häuser in der Wolga-Region angeboten, um dieses Gebiet zu besiedeln. Hunderttausende zog es nach Russland. Über Jahrhunderte gründeten sie Dörfer und Städte, die in Sprache, Sitten und Religion bis in die Sowjetzeit deutsch blieben.
Als im Juli 1941 deutsche Truppen die Sowjetunion überfielen, verfügte Stalin, der zu Recht annahm, dass „seine Deutschen" die Wehrmachtssoldaten als Befreier begrüßen würden, die Deportation aller Deutschen in den Osten der SU, nach Sibirien, Kasachstan und Kirgisistan.
Die Eisenbahnzüge hielten zu Winterbeginn irgendwo in er kasachischen Steppe, die Deutschen wurden aus den Viehwaggons getrieben und sich selbst überlassen. Abertausende starben. Wer überlebte, wurde Zwangsarbeiter im Bergbau oder in der Landwirtschaft.
Nach dem Krieg gründeten sie langsam kleine Dörfer und überlieferten illegal ihre verbotene Sprache und altdeutsche Religion. Erst in der Chruschtschow-Zeit Mitte der sechziger Jahre verbesserte sich allmählich ihre Situation.
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Uns interessierte das Heute - in 1986.
Perestroika machte es möglich, dass deutsche Fernsehleute zum ersten Mal nach Jahrzehnten der Desinformation mit ihnen sprechen durften. Als Zeichen sozialistischer Toleranz durften ab 1975 Kirchen errichtet werden, es gab eine deutsche Zeitung und ab 1980 in Temirtau ein deutsches Theater.
Schon am 30.11.1986 konnten wir im Kirow-Bezirk an einem lutherischen Gottesdienst teilnehmen und die wenigen Mutigen interviewen. Zutiefst steckte noch in allen Deutschen die Angst vor Verfolgung. Ungläubig und misstrauisch wurde unsere Anwesenheit zur Kenntnis genommen.
Schwierig die Verständigung im Wolga-Deutschen. Vokabular und Satzbau erinnerten an eine Sprache, die in deutschen Landen im 18. Jahrhundert gesprochen wurde, dazu kamen noch die vielen russischen Lehnswörter, die sich im Laufe der Jahrzehnte eingeschlichen hatten.
In der Illegalität gab es auch altgläubige Gemeinden, die trotz besonderer Verfolgung überlebt hatten. Sie zeigten uns ihre vor wenigen Jahren errichteten Holzkirchen, in denen auf strenge Geschlechtertrennung geachtet wurde. Für Frauen und Kinder war ein abgegrenzter Bereich vorgesehen.
Bei den Altgläubigen hörten wir Kirchenlieder, die in die Zeit von Johann Sebastian Bach gepasst hätten. Es entstanden auch Irrtümer. Lutz Lehmann und ich waren ältere Männer mit grauen Barten. Trotz Kamera und Mikrofon wollten viele uns für Patres halten, die mit froher Botschaft aus Deutschland gekommen waren.
Die ALten wollten nicht in diesem von Gott verfluchten Asien sterben
Ältere Frauen versuchten, uns die Hände zu küssen. In Gesprächen ohne Kamera hofften alle auf die Rückkehr ins deutsche Vaterland, denn es gab inzwischen erste Umsiedlungsmöglichkeiten.
Wir warnten vor Euphorie, erwähnten Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot. Mein Nachbar, ein Achtzigjähriger, zog Arm und Hand seines Sohns auf die Tischplatte und sagte: „Hier, fass an, das sind „Rabotschik-Hände", die haben Kohle gebrochen, Stahl geschmolzen, Kanäle gebaut. Für solche Hände gibt es keine Arbeitslosigkeit!
Wir haben jahrelang in Erdhöhlen gehaust und Wurzeln gegessen. So schlimm wird es in Deutschland nicht sein. Unsere Kinder und Enkel werden
dort ihr Auskommen finden. Und wir, die Alten, haben nur einen Wunsch: in deutscher Erde zu ruhen und nicht in diesem von Gott verfluchten Asien."
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Perestroika - Freiheiten
1974, zu Zeiten Breschnews, hatten Künstler aus Protest gegen die Gängelei durch die Parteioberen und den verordneten Stil „Sozialistischer Realismus" in Beljajewo bei Moskau ungenehmigt ihre Werke ausgestellt. Die Staatsmachtreagierte mit unangemessener Härte, Polizisten und KGB-Leute in Zivil vertrieben Aussteller und Schaulustige. Bulldozer zerstörten die Kunstwerke.
Im folgenden Jahrzehnt war eine Liberalisierung eingetreten, doch bis in die Perestroika-Zeit galt folgende gesetzliche Regelung: Nur Mitglieder im sowjetischen Künstlerverband dürfen ihre Werke ausstellen und in den Geschäften des sowjetischen Kunsthandels verkaufen. Diese Filterkette sorgte dafür, dass lediglich parteigenehme Inhalte, die den Maßstäben des Sozialistischen Realismus entsprachen, veröffentlicht wurden und in Umlauf kamen. Stillschweigend geduldet wurde eine Art grauer Markt, auf dem Maler über ihre Mittelsmänner Bilder an Devisen-Ausländer verscherbelten. Das bedeutete keinesfalls unzensiert. Für jedes in der SU erworbene Bild musste bei der Ausfuhr, gleichgültig, ob Ausflug oder offizieller Umzug, eine Genehmigung vorliegen.
Wir haben in unseren fünf Russland-Jahren etwa vierzig Ölgemälde erworben. Zu vorgegebenen Tagen und Zeiten ist meine Frau Vera mit den jeweils maximal vier erlaubten Bildern zum Kulturministerium gefahren, um sie einer Künstlerkommission vorzulegen.
Dort wurde auch der mögliche Verkaufswert festgesetzt, denn diese Summe musste bei der Ausfuhr in gleicher Höhe als Zoll entrichtet werden. Missfiel diesen Zensoren ein Bild in Inhalt oder Form, wurde es mit der Begründung „bes Katschestwa" - ohne Qualität - zurückgewiesen. Was die Preise anbelangt, waren diese Prüfkünstler durchaus sachkundig. In den allermeisten Fällen entsprachen deren festgesetzte Preise in etwa dem, was wir für die Bilder bezahlt hatten.
Ohne Genehmigung, aber geduldet, öffneten sich in den Sommermonaten der frühen Gorbatschow-Zeit die „Chudoschnik-Rynoks" - die Künstlermärkte. An regenfreien Wochenenden wurden viele Moskauer Parks, auch der in Ismailowo, zu kleinen Kunstmärkten, auf denen professionelle Maler und Feierabend- Künstler ihre Arbeiten anboten. Für die Moskauer eine neue Attraktion, des Öfteren waren mehr Beschauer als Bilder unterwegs.
Auch die Religionstoleranz hatte sich verbessert
Über das Außenministerium erhielten wir eine Einladung nach Wolokolamsk, zur Amtseinführung des neuen russisch-orthodoxen Metropoliten und Erzbischofs, Konstantin Wladimirowitsch Netschajew, sein Ordensname: Pitrin.
Obwohl kein Tagesschau-Thema, schickte mich Lutz Lehmann zum 21.12.1986 in die nur hundert Kilometer entfernte Stadt. „Es kann ja nicht schaden, davon Archivaufnahmen zu besitzen."
Als einziger ausländischer Fernsehmann wurde ich über Gebühr hoflert, von den Mönchen hervorragend bewirtet und vom Metropoliten zu einem Rundgang eingeladen.
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Gobatschow erlaubt Sacharows Rückkehr nach Moskau
Einen Tag später, am 22.12.1986, gab es Wichtigeres. Mit vielen ausländischen Fernsehkollegen holte ich am jaroslawler Bahnhof den aus der Verbannung heimkehrenden Andrej Sacharow ab.
Am 19.12.1986 hatte Gobatschow die Freilassung des nach Gorki Verbannten veranlasst. Einstmals als Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe gefeiert, wurde er zunehmend Regimekritiker und Dissident. 1975 verlieh ihm Oslo den Friedensnobelpreis. Trotz Regierungsverbot nahm er ihn an. Damit galt er als Staatsfeind und stand unter ständiger Beobachtung.
Als er 1978 Erklärungen gegen die Stationierung sowjetischer Truppen in Afghanistan abgab, wurde er verhaftet und ins vierhundert Kilometer entfernte Gorki (Nishni Nowgorod) verbannt. Dort stand er unter Hausarrest. Nachdem er sich vom Empfangstrubel am Bahnhof einigermaßen erholt hatte, durften wir ihn noch am gleichen Tag in seiner Moskauer Wohnung zu ersten Gesprächen besuchen.
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1987 - Mit Peter Bauer nach Sibirien
Das neue Jahr begann mit einer Sibirien-Reise. Peter Bauer plante einen Film über Alltagsbereiche des Sowjetstaates unter dem Titel „ Karam - ein Dorf in der Taiga". Am 9. Januar 1987 flogen wir zuerst ins sibirische Irkutsk, viertausend Kilometer von Moskau entfernt.
Die im Mittelalter gegründete Universitätsstadt mit einer halben Million Einwohner ist ein wichtiger Knotenpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Am Ufer des Angara-Flusses gebaut, dem Abfluss des Baikal-Sees, wurde sie eine der wichtigsten Städte des asiatischen Russlands.
Bis die Wetterverhältnisse unseren Weiterflug erlaubten, blieb Zeit, die Stadt zu besichtigen und einen Ausflug zum Baikal-See, dem größten Süßwassersee der Welt, zu unternehmen.
Jetzt, im Januar, war er von einer meterdicken Eisschicht verschlossen, auf der Fahrbahnen markiert waren und Verkehrsschilder standen. Fast ein halbes Jahr konnten auf dem See in der Winterzeit auch tonnenschwere LKW fahren und Hunderte Kilometer sibirische Wege sparen.
Unser Ziel war sechshundert Kilometer von Irkutsk gelegen, die ersten vierhundert Kilometer legten wir in der „Antonow-2"zurück.
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Die Antonow 2 kam aus der Antonow Fabrik in der Ukrine
Über diese Flugmaschine, der wir zuerst mit Misstrauen begegneten, muss etwas mehr geschrieben werden. - Dieser 1947 entwickelte Doppeldecker wird von einem Neunzylinder-Sternmotor angetrieben und sieht so aus, als wäre er vom Ersten Weltkrieg übriggeblieben. Mit einer Länge von zwölf Metern und achtzehn Metern Spannweite hebt er sich deutlich von den europäischen einmotorigen Sportflugzeugen ab.
Vollgetankt hat die „AN-2" eine Reichweite von über tausend Kilometern bei einer Geschwindigkeit von (nur) zweihundert kmh. Von 1948 bis 1992 wurden in verschiedenen Varianten achtzehntausend Exemplare dieses Flugzeuges gebaut.
Die Maschinen waren für elf Passagiere ausgelegt oder deren Gewicht als Fracht. Für unseren Flug benötigten wir den gesamten Flieger. Passagiere: Peter Bauer, Manfred Romboy, Tonmann Genia Boltrunas und unsere Dolmetscherin.
Als Besonderheit begleitete uns auf diesem Dreh der Moskau-Korrespondent des WDR-Hörfunk, Johannes Grotzky. Außerdem konnte ich auf dieser Dienstreise meine Frau Vera mitnehmen, immer als helfende Hand auch im Team integriert. Anstelle weiterer Passagiere kam unsere gewichtige Fernsehausrüstung dazu, und schon war die „Antonow" ausgebucht.
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Unterwegs zu einem Dorf in der Taiga - und sie sprachen Deutsch
Zwei Stunden Flug, immer in Sichtweite der endlosen Baumwipfel der sibirischen Taiga in Kenntnis, dass ein einziger Motor unseren Flieger und uns am Leben erhält. Ohne Stottern sang der sein Fliegerlied so laut, dass wir uns nicht unterhalten konnten.
Jederzeit war es möglich, ins Cockpit zu unseren zwei Piloten zu gehen und uns den jeweiligen Standort auf der Karte zeigen zu lassen. So verging im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit wie im Flug. Als wir auf einer Schneepiste von Wäldern umgeben aufsetzten, lagen nur noch zweihundert Kilometer auf Schneestraßen vor uns, die nur im Winter befahrbar waren.
Die Gegend war Sumpfgebiet mit Permafrost. Hier konnten keine Autostraßen gebaut werden. Natürlich wurden wir in ein Vorzeigedorf geführt, in dem es ein Kulturhaus mit Kinotechnik, eine Elektrostation und ein Schulhaus gab.
Dort wurde als einzige Fremdsprache tatsächlich Deutsch gelehrt. Weder die Schulleiterin noch der Parteisekretär konnten uns erklären, warum, wieso, weshalb.
Die Dorfstraße war flankiert von schmucken Holzhäusern in altrussischer Art. Auch alle weiteren Bauten bestanden aus horizontal liegenden Holzstämmen. Holz war das Einzige, das hier in Hülle und Fülle vorhanden war. Die Dorfbewohner waren Selbstversorger, lebten im Winter von im Sommer Angebautem und träumten davon, einmal das viertausend Kilometer entfernte Moskau zu besuchen.
Für die Winterernährung gab es Vieh, im Sommer konnte gejagt und gefischt werden. Am Wochenende spielte das Kulturhauskino die neuesten Filme, die Kopien brachte in großen Blechkübeln die „Antonow-2".
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Wir wurden von den freundlichen Bauersleuten eingeladen
Unser Besuch: fast eine Sensation für die Dörfler. Offiziell und privat wurden wir von den freundlichen Bauersleuten eingeladen. Interessantes Schmackhaftes auf allen Tischen. Auch genügend Mineralwasser war vorhanden. Doch besagtes russisches Wässerchen fehlte überall. Soweit reichte der Arm des „Mineralni-Sekretärs" Gorbatschow.
Zum Glück konnten wir den Abend retten. Waren die Funktionäre gegangen, zauberte ich aus einem meiner Kamera-Koffer ein oder zwei Wodka-Flaschen und so konnte in Konkurrenz zu dem gemauerten Holzofen auch von innen geheizt werden.
Doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Bevor die Flasche kreiste, wurde ihr Etikett entfernt. Schließlich waren ja fotografierende Ausländer dabei.
Unsere „Antonow" brachte uns zurück nach Irkutsk und weiter im Airliner nach Moskau mit verbotener Konterbande. Unser Tonmann Genia Boitrunas schmuggelte im Rucksack drei Welpen, silbergraue sibirische Schlittenhunde, „Laika"genannt, und das ohne Veterinärpapiere und gegen die Beförderungsvorschriften derAeroflot.
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Zurück in Moskau - Besuch auf dem Moskauer Vogelmarkt
Ob Sommer oder Winter, der Moskauer „Vogelmarkt - Ptischnyi Rynok" zog die Großstädter an wie ein Magnet. An manchen Wochenenden wurden zwanzigtausend Besucher geschätzt. Unweit des Zentrums betrat man ein eingezäuntes Gelände, halb so groß wie ein Fußballfeld, fast ohne Gebäude.
Dort wurde alles angeboten, was Felle, Federn, Krallen, Flügel oder Flossen hatte. Mit Spiritusbrennern heizten Aquarianer ihre Fischbehälter, Hunde aller Größen und Rassen lagen, liebevoll zugedeckt, auf Matratzen. Alte Frauen mit Pelzmützen und Filzstiefeln trampelten unaufhörlich gegen die Fußkälte an.
Vögel, Meerschweinchen, Hunde und Katzen warten auf neue Besitzer
Fünfzehn Grad minus waren keine Seltenheit. Ging man an ihnen vorüber, flüsterten sie „Koschetschka, Koschetschka"und öffneten ihre dicken Steppmäntel. Auf einmal waren mehrere Katzenköpfchen zu sehen, die sogleich riefen „miau, miau, nehmt mich mit".
In ihre Mäntel hatten die Babuschkas Taschen genäht, in denen jeweils ein Katzenkind Platz fand. Auch Hühner, Gänse, Ziegen und Ferkel waren vertreten. Letztere für die Datschen, die Sommerhäuschen der Großstädter.
Auf Jedes angebotene Tier kamen Dutzende von Schaulustigen, zumeist ältere Leute. Für unseren Film hat Lutz Lehmann trefflich getextet: „Die Menschen gehen zu den Tieren, um unter Menschen zu sein." Die russischen Menschen sind, wie ich beobachten konnte, ausgeprägt tierlieb. Kein Wunder, dass die Moskauer von sich sagen: „Wer den Vogelmarkt besucht und ohne Tier nach Hause kommt, ist ein Mensch ohne Herz."
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1987 - Bei den Tschuktschen an der Beringstraße
Das überall spürbare politische Tauwetter ermunterte Lutz Lehmann zu einem geradezu vermessenen Plan. Er wollte einen Film an der Beringstraße realisieren, unter dem Arbeitstitel „Das östlichste Dorf der Sowjetunion".
Irgendwo hatte er gelesen, dass dort zum letzten Mal westliche Filmleute im Jahre 1928 gedreht hätten. Zu unser aller Verwunderung wurde diese Reise genehmigt. Nach gebührender Vorbereitung starteten wir am 31. März 1987 zu einem "Neunstundenflug" ins sechstausend Kilometer entfernte Pewek an der ostsibirischen See.
Die dreizehntausend Einwohner-Stadt im autonomen Gebiet der Tschuktschen wurde in den 19fünfziger Jahren für einen Hafen der Nordmeerflotte errichtet, einem Liegeplatz, in dem von Oktober bis Juni vom Eis eingeschlossene Schiffe lagen.
In den eisfreien Monaten versorgten sie die wenigen Orte und Militärstützpunkte mit allem, was nötig ist. Geologen hatten auf Tschukotka große Zinnvorkommen entdeckt und die Möglichkeit, goldhaltige Erde im Tagebau zu fördern.
Dieser Landstrich, schon immer zu Russland gehörend, wurde erst 1932 sowjetisch. Bis dahin hausten dort amerikanische Pelzhändler. Diese Gegend, in der sich die Füchse gute Nacht sagten, kam erst in kommunistische Hände, als sich eine Gruppe von Parteifunktionären mit Schlittenhunden in diese Einöde wagte, um die Sowjetmacht zu installieren.
Diesmal kamen wir zu fünft
Unser Fernsehteam bestand aus fünf Leuten: Lutz Lehmann als Reporter, Manfred Romboy als Kameramann, Tolja Popikow als Tontechniker und Inessa, unsere Studiodolmetscherin. Diesmal mit an Bord: Lehmanns Partnerin Karin Ebmeyer, die als Cutterin diesen Film schneiden wird.
Unsere Drehorte, mitunter Hunderte Kilometer voneinander entfernt, erreichten wir mit Hubschraubern oder unserem inzwischen geliebten Doppeldecker. Bei Minusgraden im zwanziger Bereich drehten wir goldschürfende Bagger, deren Aushub von riesigen LKW zu den Aufbereitungsanlagen verbracht wurden, Leben und Treiben um eine Zinngrube und ein Dutzend eingefrorener Versorgungsschiffe, die, zum Teil schon beladen, auf den Sommer warteten um endlich, wenn auch nur für wenige Monate, in See stechen zu können.
Nach einem Hubschrauberflug landeten wir im Dorf Rytkutschi, einer Tschuktschen- Siedlung mit gerade einmal fünfhundert Einwohnern. Um wen geht es eigentlich, wenn von den Tschuktschen gesprochen wird? In aller Kürze: Es geht um die Eskimos Russlands, seit Urzeiten angesiedelt im Gebiet um die Beringstraße und dem Nordpolar-Meer, also dem Ende Asiens. Zehn- bis fünfzehntausend Tschuktschen haben die Russifizierung und Sesshaftmachung "überlebt".
In Rytkutschi begegnen wird den ersten, die voll integriert in das Sowjetsystem in Steinhäusern mit Schule und Pionierorganisation leben. Sowas können wir auch bei Moskau filmen, war unsere Meinung. Wir wollten weiter.
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Was ist ein „Wesdechod" ?
Nach zwei Tagen werden wir zur Fahrt in eine Rentier-Sowchose von einem „ Wesdechod" abgeholt, nennen wir ihn einfach „Allesgeher". Äußerlich wirkt dieses Fahrzeug wie ein Panzer ohne Geschützturm und wird auch in einem Panzerwerk produziert.
Er bietet Platz für zehn Personen und deren Ausrüstung und bringt es auf eine Geschwindigkeit von vierzig kmh. Reichweite vollgetankt: fünfhundert Kilometer. Seit Produktionsbeginn 1962 sind hunderttausend dieses Vehikels vom Band gelaufen.
In den östlichen Teilen Russlands ist dieses Fahrzeug unverzichtbar, weil es sich fast überall seinen Weg bahnt, ob auf Schnee und Eis oder Steppe und Sumpf. Selbst Flüsse kann er schwimmend überqueren.
Zuviel der Aufmerksamkeit? In meiner Russland-Zeit bin ich sicher annähernd hundert Stunden im „Wesdechod" durchgerüttelt und geschüttelt worden. Diesmal waren es nur vier Stunden, bis wir bei einem Stop für eine Pinkelpause die ersten Tiere sahen.
Unser Fahrer warnte: Das, was wir loswerden wollten, wäre für die Geweihträger eine köstliche Salzbouillon, am liebsten direkt von der Quelle. Also möglichst schnell zurück ins Fahrzeug.
Die ersten Rentier-Tschuktschen, denen wir begegneten, hätten Steinzeitmenschen sein können. Vom Kopf bis zu den Füßen bestand ihre Kleidung aus Rentierleder oder -fellen. Ihre Holzschlitten, von Rentieren gezogen, waren mit gleichen Ren-Fellen bedeckt. Überflüssig zu beschreiben, aus welchem Material wohl die Zeltbedeckung und die Zeltböden waren.
Die Tschuktschen waren ganzjährig Nomaden
Obwohl gesetzlich verpflichtet, einen festen Wohnsitz zu haben, zogen sie ganzjährig wie Nomaden durch die Tundra. Für das autonome Tschuktschen-Gebiet waren sie von großer wirtschaftlicher Bedeutung.
In den 19achtziger Jahren ging man davon aus, dass es in der Sowjetunion fünfhunderttausend Rentiere gebe. Verwaltet und kontrolliert wurden Tier und Mensch in sogenannten Sowchosen.
Die Tschuktschen waren archaische Erscheinungen. Viele der Männer über vierzig sahen aus wie Oberlebende einer Brandkatastrophe. Teile ihrer Gesichtshaut waren vernarbt, Nasen verstümmelt, die Ohrmuscheln waren deformiert oder fehlten, alles Spuren schwerer Erfrierungen.
Neben der Rentierzucht lebten sie von der Jagd auf Robben und Walrösser. Letztere waren nicht nur begehrte Fleischlieferanten. Aus ihren Stoßzähnen wurden in den von der Sowjetmacht eingerichteten Werkstätten wunderschöne Elfenbeinarbeiten für den Export hergestellt. Einige der Sowchosen lebten auch vom Walfang, deren Stückzahl staatlich limitiert war.
Kilometerlang waren die Strände in solcher Gegend mit Walskeletten bedeckt. Für Bilder von der Robbenjagd wollte ich zu einem der wenigen Wasserlöcher fahren. Mein Jäger - eine Steinzeitfigur. Gegen die grelle Sonnenreflektion von Eis und Schnee trug er statt einer Sonnenbrille eine brillengroße dünne Elfenbeinplatte, die horizontal etwa zwei Millimeter breit geschlitzt war.
Stolz erklärte er mir seinen Karabiner, für einen Waffenfreund durchaus „steinzeitlich". Er stammte aus dem Ersten Weltkrieg. Zwölf Schlittenhunde waren nötig, um ihn und mich ans Meer zu bringen. Außer meiner großen Videokamera mussten als Zuladung auch ein schweres Aufzeichnungsgerät (der U-matic Reorder) und das Alu-Stativ befördert werden.
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Und beinahe wäre mein rechtes Ohr abgefroren
Nach Stunden zurück in der Basishütte, schälte ich mich aus dem Pelzmantel und zog meine Schapka vom Kopf. Dem Durchgefrorenen, wir hatten an die dreißig Minusgrade, wurden die „Walenki", russische Filzstiefel, von den Beinen gezogen und auf dem „Rentier-Sofa" ein heißer Tee angeboten.
Als ich mich zurücklehnte, fühlte ich zwischen Kopf und Lehne eine Art Holzbrett. Das entpuppte sich als meine rechte Ohrmuschel. Beim Filmen hatte mir das Sucher-Okular des Öfteren die Pelzmütze verschoben. Mein schneeweiß gefrorenes Ohr wurde von Russen und Tschuktschen beäugt. Ihre Gutachten gingen von „wird abfallen" bis „noch zu retten".
Ich wurde vorsichtig eingepackt, auf den Hundeschlitten gesetzt und zu einer alten Tschuktschen-Frau ins Zelt gefahren. Die Gute war entsetzt und erwärmte einen Sud aus Kräutern, Öl und Wodka. Meine Stirn musste ich auf die Tischplatte legen, danach wurde mehrfach besagtes Ohr begossen. Alle klatschten, als es nach zehn Minuten von weiß wieder auf rosa wechselte.
Mit einer Kräuterpackung am Kopf wurde ich entlassen. Nachts brannte es höllisch und am nächsten Morgen sah es aus wie ein Urlauberrücken nach ungecremtem Sonnenbrand. Noch Wochen danach schälte es sich immer wieder.
Um abzukürzen: Es blieb an seinem Platz. Dem anschließenden mehrstündigen Hubschrauberflug nach Lawrentija und der Weiterfahrt im „Wesdechod" hatten wir es zu verdanken, dass unsere verfrorenen Knochen wieder einmal richtig aufgewärmt werden konnten.
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Eine "Ansiedlung" Namens Lorino mit heißen Quellen
Eine kleine Ansiedlung namens Lorino war sommers wie winters autark, versorgt durch heiße Quellen vulkanischen Ursprungs. Unser „Holzhütten-Hotel" stand am Rande eines Badeteiches.
Der badende Lehmann textete später im Film "45 Grad Wasser, Luft 30 Grad, aber minus, würde der Bademeister hier anschreiben". Wieder knatterte der Hubschrauber. Es ging zu unserem ursprünglichen Zielort auf der Tschuktschen-Halbinsel, Uelen.
Dieses Dorf mit siebenhundert Einwohnern war der östlichste Ort der Sowjetunion. Hier, am Ufer der Beringstraße, endete Asien. Nur achtzig Kilometer Eismeer trennten an diesem Punkt Asien von Amerika. Gegenüber beginnt Alaska mit seinem einsamen Ufer-Ort Wales, dem nord-westlichsten Punkt der USA.
Das Dorf Uelen war bestens versorgt. Ein Frachtschiff brachte in der eisfreien Zeit alles Notwendige, vor allem Steinkohle und Dieselkraftstoff für den Stromgenerator. Telefon und Fernsehprogramm gab es über einen Satelliten. Wichtigste Einrichtung: eine Wetterstation. Jugendliche, die Mopeds besaßen, konnten gerade mal einen Kilometer hin und zurückfahren, und das taten sie auch, zum Missfallen älterer Bürger. Selbstverständlich gab es eine Schule und das obligate Kulturhaus.
Wichtigster Arbeitgeber: eine Werkstatt für Elfenbeinschnitzereien. Wer hier in Uelen arbeitete, verdiente bis zum Vierfachen des durchschnittlichen Lohns, der in der europäischen Sowjetunion gezahlt wurde.
Auf dem Dorfplatz standen Schilder mit Entfernungen der Sehnsuchtsorte: Moskau 6000 km, Sotschi, Krim, 7000 km, Wolgograd 7000 km. Ein Witzbold hatte als Trost im Hinblick auf die hohen Gehälter darunter vermerkt: Sparkasse 50 m.
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Unser damaliger Reportertraum - Luftaufnahmen
Unser Reportertraum war, die gemachten Landbilder von Uelen und Kap Deschnew durch Luftaufnahmen abzurunden. Wider Erwarten erreichten unsere Begleiter nach vielen Telefonaten die notwendige Genehmigung. Doch wie und womit in die Lüfte steigen? Bis zum Staatskonzern Aeroflot hatte sich der beginnende amerikanische Scheck-Journalismus herumgesprochen.
„Sie wollen einen Hubschrauber? Sehr gern. Kostet 10.ooo Dollar." Köln hätte uns nach solch hoher Zahlung für verrückt erklärt. Also Absage. Am nächsten Wodka-Abend, an dem, wie immer, auch der ranghöchste Partei- oder KGB-Mann des Bezirks teilnahm, schob mich mein Assistent Tolja und ihn für eine Rauchpause vor die Tür.
„Wassili, das ist mein Chef Manfred. Ein ehrlicher Kerl, der, wenn nötig, den Mund halten kann." Wir schütteln uns die Hände, dann holte er aus seiner Steppjacke die ausgerissene Seite eines verjährten Quelle-Katalogs hervor.
Abgebildet ein Ghettoblaster, so nannte man die unförmigen Kofferradios der jungen Genration mit zwei Power-Lautsprechern und Kassettenlaufwerken. Preis bei uns im Westen: 450 DM. Direkte Frage an mich, ob ich sowas besorgen könnte. Tolja nickte mir auffällig zu, also sagte ich ja, mit der Einschränkung, aber nur für die Übergabe in Moskau, also sechstausend Kilometer von Uelen entfernt. Er lachte:
„Zum Abholen wird man mir eine ,Komandirowka' - eine Dienstreise - nach Moskau befehlen müssen. Ach so, eure Hubschrauberaufnahmen, die halte ich für wichtig. Den dafür nötigen Helikopter wird unsere Luftwaffe stellen."
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Und wir bekamen unseren Hubschrauber
Am nächsten Sonnentag landete mitten in der Tundra ein Hubschrauber, der auf seiner Tarnfarbe einen roten Stern zeigte. Lehmann und ich wurden von den Piloten durch Handanlegen an den Mützenschirm begrüßt und nach unseren Wünschen befragt. Die Antwort: „Machen wir."
Nach einer Stunde, rattata, rattata, hatten wir alles im Kasten. Es versteht sich, dass wir im Hubschrauber zwei Flaschen Wodka und einige Marlboro-Stangen vergessen hatten. Den Ghettoblaster besorgte Vera über Köln. Diesmal aber als Vorkasse WDR. Monate lag dieses Monstrum in unserer Wohnung. Auf Nachfragen mahnte Tolja zur Geduld.
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Die "konspirative Übergabe" des Ghettoblasters
Plötzlich seine Mitteilung: „Morgen treffen wir unseren Uelen-Genossen in Moskau. Manfred, zieh Dich bitte russisch an. Mit Walenki und Schapka."
Wir parkten am Kiewskij-Voksal und gingen zu einer Grünanlage, auf deren Eisschicht Kinder schlidderten. Das Kofferradio war in einem kyrillisch beschrifteten Werkzeugkarton gelandet. Die Übergabe sollte konspirativ erfolgen.
Unser Wassili saß zeitunglesend auf einer Bank. Wir fragten, ob für uns Platz wäre und schauten wie er den Kindern zu. Nach einer Zigarettenlänge gingen wir grußlos ohne Karton zurück zum Auto.
Statt zehntausend Dollar hatte unser Hubschrauber gerade mal vierhundertfünfzig DM gekostet. Solche Ausgaben verbuchten wir unter „Aufwendung zur Erhaltung der Arbeitsproduktivität sowjetischer Stellen und Behörden". Zurück zu den Ureinwohnern der Beringstraße.
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Wo die vielen Menschen anstehen, sind Sie richtig
Für Russen sind die Tschuktschen, ähnlich wie bei uns die Ostfriesen, hinterwäldlerische Bewohner und Opfer zahlreicher erdachter Anekdoten - und die geht so:
Eine Tschuktschen-Familie, zum Einkaufsbesuch in Moskau, fragt, wo es die seltenen Jeans zu kaufen gebe. Der Moskauer antwortet: „Gehen Sie durch die Straßen. Dort, wo die vielen Menschen anstehen, sind Sie richtig."
Am Alexandergarten, Beginn des Roten Platzes, stellt sich der Tschuktschen-Vater hinter eine Menschenschlange und sagt seinen Lieben: „In zwei Stunden bin ich wieder hier, mit Jeans." Stunden später entschuldigt er sich bei der Familie: „Als ich ins Lenin-Kaufhaus kam, lag der Verkäufer tot im Sarg. Er hatte es nicht geschafft, so viele Kunden zu bedienen."
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Im Zeichen der Perestroika
Wovon wir vor Gorbatschow noch nicht einmal zu träumen wagten: Peter Bauer erhielt die Genehmigung, an der Frunse-Militärakademie zu drehen und Aufnahmen der Ausbildung an der Kommandeursschule der Sowjetarmee zu machen.
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