Ein Kameramann schreibt über seinen Berufs-Traum
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Freunde in Moskau
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Unsere Katzen halfen mit, Freunde zu finden
Zwischenzeitlich hatten wir Freunde gewonnen. Robert Werner und seine Frau Gina, ein Ehepaar aus Basel, hatten mit uns die Sprachschule in Bochum besucht. Er war zukünftiger Chef des Ciba-Geigy-Büros in Moskau. Als deren Freunde Harald und Rena Dürkop - er leitete das Russland-Büro der Commerzbank- von unseren vier Katzen hörten, war es für die notorischen Katzenfreunde nur eine Frage der Zeit, mit uns Kontakt aufzunehmen. Dazukam noch Helmut Fasching, ein Wiener, ebenfalls ein Sprachschulbekannter. Für den BP-Konzern residierte er zeitweise in Moskau.
In der deutschen Kolonie wurden wir eine gute Adresse. Zu unserer mitgebrachten filmhistorischen Sammlung gehörten auch eine Wanderkino-Anlage „Bauer Sonolux" und dreißig Filmkopien. Eins unserer Zimmer wurde zum Kinosaal umfunktioniert und bot notfalls Platz für bis zu 20 Zuschauer.
Romboys beliebte Kino-Abende
In einer Stadt ohne deutschsprachiges Fernsehen waren Kino-Abende bei Romboys ein beliebtes Freizeitziel. Zu einer dieser Vorstellungen erschien Helmut Fasching mit seiner russischen Dolmetscherin und Sekretärin Ludmilla. Auch sie hatte von unserem Kino gehört und war neugierig, es zu sehen.
Wir, unsere Katzen und auch die Filmvorführung hatten ihr offensichtlich gefallen. Es erfolgte eine Gegeneinladung. Außer uns waren als weitere Gäste Freunde Ludmillas, ein russisches Ehepaar, geladen. Sie, Katja, eine Kostümbildnerin bei der Gorki-Film, er ein nicht unbekannter Schauspieler zahlreicher Kino- und Fernsehfilme.
Erwin Knausmüller - vom Schutzbündler zum Sowjetschauspieler
Sein Name: Erwin Erwinowitsch Knausmüller, ein Mann mit schillernder Vergangenheit. 1912 im österreichischen Linz geboren, hatte er sich als Student dem Schutzbund angeschlossen, einer paramilitärischen Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs.
Diese Partei war weniger sozialdemokratisch als kommunistisch und zettelte einen Bürgerkrieg an. 1934 beschossen sich in Linz, Wien und anderen Großstädten tagelang Kämpfer des Schutzbundes und der konservativen Heimwehr mit aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Maschinengewehren und Kanonen.
Neben zahlreichen Toten durch die Kämpfe wurden gegen viele Angehörige des unterlegenen Schutzbundes Todesurteile erlassen und vollstreckt. Hunderten, darunter Erwin Knausmüller, gelang die Flucht in die nahe Tschechoslowakei.
„Väterchen Stalin, Freund aller Werktätigen" lud die österreichischen Genossen und ihre Familien ein, ins „Paradies aller Werktätigen, der Sowjetunion" zu kommen. Viele folgten und liefen schon am 1.Mai fähnchenschwenkend an ihrem Wohltäter vorbei.
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Zuerst als Skilehrer im Kaukasus
Auch in Russland galt: wer nicht arbeitet, kann auch nicht essen. Der Junge Knausmüller hatte nichts gelernt außer Skifahren. Er wurde Skilehrer im Kaukasus. Dort erholten sich kommunistische Funktionäre und ihre Familien von ihrer schweren Tagesarbeit für die Partei.
Dabei ergab sich für Erwin ein kleiner Flirt mit der Tochter des Staatspräsidenten Kalinin. Das sollte ihm später das Leben retten.
1936 begannen im Auftrag des vom Verfolgungswahn geplagten Stalins die großen Säuberungen. Innerhalb der eigenen Partei, des Militärs und aller anderen Gruppen wurden von der Geheimpolizei Spione, Agenten und Diversanten entdeckt, erschossen oder in sibirische Lager transportiert. So auch viele der einst gefeierten Schutzbundleute.
Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes 1939 übergaben die Sowjetbehörden den größten Teil der in die Sowjetunion emigrierten Deutschen, es waren fast nur Kommunisten, der Exekutive des Dritten Reiches. Einige wurden hingerichtet, andere kamen in Konzentrationslager.
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Erwin und seine sowjetische Staatsbürgerschaft
Vor diesem Schicksal bewahrte Erwin seine sowjetische Staatsbürgerschaft. Die hatte er kurz zuvor über Kalinins Tochter erhalten. Nach Kriegsausbruch 1941 wurde er Rotarmist einer motorisierten Schützenbrigade des NKWD.
Dann wurde er 1943, zur Umerziehung deutscher Kriegsgefangener, als Politinstrukteur an die Antifa-Schule in Krasnogorsk versetzt. Dort gab es eine Gruppe Gefangener höherer Wehrmachtsoffiziere, die zum Sturz Hitlers aufriefen.
Spätere DDR-Verteidigungsminister wie Heinz Kessler und Vinzenz Müller und der SED-Funktionär Hans Modrow kamen aus dieser Antifa-Schule. Nach Kriegsende wurde er Rundfunksprecher von Radio Moskau und Redakteur deutschsprachiger Propaganda-Sendungen.
Für den Film „Der erste Tag des Friedens" engagierte ihn 1959 die Mosfilm als Darsteller. Es folgten viele Nebenrollen, zum Beispiel in „Krieg und Frieden" oder „Anna Karenina". Immer verkörperte er Ausländer - wegen seines österreichischen Akzents.
In „Bändigung des Feuers" oder der „Schlacht um Moskau" konnte man Knausmüller als Wehrmachtsgeneral sehen. Zu unserer Zeit spionierte er in einer Fernsehserie für die USA.
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Ich wußte vom österreichischen Bürgerkrieg und dem Schutzbund
Als er bei unserer ersten Begegnung als Emigrationsjahr 1934 nannte, fragte ich: „Waren Sie ein Schutzbundmann?" und hatte damit sein Herz gewonnen. Wer wusste schon fünfzig Jahre später vom österreichischen Bürgerkrieg. Ober viele Jahre unserer Russlandzeit und darüber hinaus waren wir mit Ludmilla, Katja und Erwin befreundet und treffen uns noch heute mit deren Töchtern Mascha und Dascha.
Juden in der Sowjetunion
1984 filmte ich mit und für Peter Bauer einen längeren Bericht über jüdisches Leben in der Sowjetunion. Dazu gehörten Bilder einer jüdischen Zeitung, des jüdischen Theaters und jüdischer Friedhöfe. Als wichtige Episode brauchten wir Aufnahmen der Feiern zum jüdischen Osterfest.
Für die Russen ein heikles Thema. In den Vorjahren hatte es Demonstrationen für Reisefreiheit nach Israel gegeben. Am 16. April 1984 war die Moskauer Synagoge weiträumig durch Miliz-Fahrzeuge und Posten abgesperrt, nur Gemeindemitglieder durften passieren.
Uns, dem Deutschen Fernsehen, hatten sowohl die jüdische Gemeinde als auch die Sowjetbehörden den Zutritt erlaubt. Die Anwesenheit eines deutschen Fernsehteams nahmen die Gläubigen mit wohlwollendem Erstaunen zur Kenntnis. Immer wieder wurde ich auf Deutsch oder Jiddisch angesprochen, ob ich wirklich für Deutschland arbeiten würde.
Nachdenklich machten mich mehrmals Gesprächspartner, die erfreut waren, dass die Deutschen einen jüdischen Kameramann geschickt hätten. Als ich das Peter Bauer erzählte, sagte er lachend: „ Manfred, guck Dich doch mal im Spiegel an."
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Ich haufte mir einen dunklen Hut für die Synagoge
Barhäuptigkeit in der Synagoge war nicht gestattet. Also hatte ich mir einen dunklen Hut besorgt. Wegen der Kameraarbeit trug ich den eng anliegend symmetrisch bis auf die Ohren gedrückt. Meine langen Haare kringelten sich links und rechts der Ohren. Man hatte mich, der ich außerdem Bartträger war, für einen Orthodoxen gehalten.
Der Hut gefiel mir. Noch viele Monate habe ich ihn, dann legerer, auch privat getragen. Da passierte es öfters, dass Autofahrer mich anhupten, um mit den Fingern das „V" für Victory zu zeigen. Nachdem man mich im Stadtgewühl einige Male auf Jiddisch gegrüßt hatte, musste ich mich von dem inzwischen lieb gewonnen "Filz" trennen, um nicht in den Verdacht der Hochstapelei zu kommen.
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Politik und Gesellschaft waren deutlich erkennbar antisemitisch
Die sowjetische Politik und Gesellschaft war deutlich erkennbar antisemitisch. Bisweilen auch mit Neid verbunden, wenn russische Juden nach Israel oder ins beliebte Land Deutschland (West) auswandern durften. Der russische Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow wurde verächtlich mit dem jiddischen Namen Zuckermann belegt, um ihn als Juden zu diskriminieren.
Schockiert wurde ich auf einer vom sowjetischen Außenministerium veranstalteten Reise durch die baltischen Sowjetrepubliken. Neben sozialistischen Erfolgsbetrieben besichtigten wir auch eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Festungsanlage, in der zur Besatzungszeit 1942 die SS ein Ghetto für deutsche Juden errichtet hatte.
Nach und nach wurden sie im Festungsgraben erschossen und verscharrt. Die Getöteten wurden sorgfältig aufgelistet in Briefen, die mit dem roten Stempel „Geheime Reichssache" gekennzeichnet waren. Adressat: das Reichssicherheitshauptamt in Berlin.
Mehrere solcher Schreiben lagen in einer Museumsvitrine, der Text in etwa: „Heute wurden erschossen: 81 Männer, 16 Kinder und 104 Frauen. Darunter eine arische Frau, die sich geweigert hatte, ihren Mann, einen Rabbiner, und ihr Kind zu verlassen."
Die Briefe enthielten auch Namen, Vornamen, Alter und Herkunft der Ermordeten. Als Städte waren vertreten Berlin, Breslau, Leipzig, Köln, Dresden, Königsberg und viele viele andere. Jedem Brief war auch die Uhrzeit der Exekution und der Munitionsverbrauch zu entnehmen.
Im letzten der Briefe erklärte der Einsatzgruppenführer stolz, die Anlage sei nunmehr judenfrei. Als wir auf dem Weg zu den entfernt parkenden Bussen gingen, klopften mir zwei russische Kollegen, mit denen ich am Vorabendeinige Gläser geleert hatte, auf die Schulter und sagten: „Manfred, Ihr hattet dort eine tolle Fabrik. Schade, dass sie heute nicht mehr arbeitet." Es war mir an diesem Ort unaussprechlich peinlich, Deutscher zu sein.
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Alltagsarbeit im Jahr 1984
Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht nur parallel an zwei Projekten, sondern auch mit zwei Aufnahmeverfahren. Für einen Lutz Lehmann-Film mit dem Titel „Kusnetzkij Most" über eines der ältesten Moskauer Stadtviertel mit der klassischen 16mm-Filmkamera, für den Peter Bauer-Film „Vor vierzig Jahren" mit der neuen elektronischen Kamera von Ikegami.
Beide Techniken hatten Vor- und Nachteile. 16mm-Filmaufnahmen konnten problemlos geschnitten und umgeschnitten werden. Elektronische Bilder auf U-matic highband-Kassetten vertrugen keine Änderungen oder Umschnitte. Jeder spätere Nachschnitt war als Qualitätsverlust sichtbar. Die Arbeiten für beide Filme zogen sich über das ganze Jahr 1984. Für den Stadtfilm waren Aufnahmen einer Modenschau, einer Buchhandlung und im Moskauer Operettentheater vorgesehen. Außerdem viele Bilder von Straßenpassanten in ihrer Alltäglichkeit.
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Als das Deutsche Fernsehen kam, gabs sogar etwas zu kaufen
Freitags hatten wir die Vorbesichtigung in einem kleinen Pelzgeschäft mit dürftigen Auslagen. Als ich wie vereinbart am Montag, 11.00 Uhr, mit meiner Kamera anrückte, kanalisierte die Miliz hundert Wartende. An der Tür ein Schild: „Montag erst ab 12.00 Uhr geöffnet."
Übers Wochenende hatte der staatliche Pelzhandel für uns die Schaufenster und Innenräume etwas "aufgebrezelt". Aufmerksame Sonntags- Spaziergänger entdeckten im Schaufenster Pelzkappen, Pelzstiefel und Mäntel, die seit Jahren zu „depzitniTovari" - seltenen Waren - zählten.
Entdeckt und an Freunde und Bekannte weitergegeben. Als ich um 14.00 Uhr meine Aufnahmen beendete, gab es nur noch leere Kleiderbügel, leere Kartons und ein paar Kaninchenfell-Schapkas, die schon vorher niemand gekauft hatte.
Eine neue Deutschen Botschaft sollte entstehen
In der Alltagsberichterstattung beschäftigte uns viele Tage der geplante Neubau der Deutschen Botschaft in Nähe der Leninberge. Dieser Bau sollte die zu klein gewordene Botschaft im alten Palais in der Bolschaja Grusinskaja ablösen. Außenminister Genscher legte gemeinsam mit dem sowjetischen Außenminister Gromyko am 21. Mai 1984 den Grundstein.
Peter Bauers Film "Es geschah vor vierzig Jahren"
Für den Film Peter Bauers „Vor vierzig Jahren" begannen unsere Aufnahmen am 2. Juli 1984 in Kiew an einem Memorial. In einer Schlucht namens „Babifjar" hatte eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs stattgefunden.
Als angebliche Sühnemaßnahme für hundert von Partisanen getötete Wehrmachtssoldaten wurden am 29. und 30. September 1941 etwa 33.000 ukrainische Juden, vorwiegend Frauen und Kinder, in die Schlucht getrieben und dort mit Maschinengewehren ermordet. Einsatzgruppen der SS, der deutschen Polizei und Wehrmachtseinheiten waren die Täter. Anschließend sprengten die Mörder, um ihre Tat zu verdecken, die Schlucht.
Des Weiteren filmten wir Reste deutscher Frontstellungen und sprachen mit Kriegsteilnehmern. Mit uns, zur Nation der Besatzer gehörig, wurde undistanziert und tolerant umgegangen. Machten wir Ansätze einer Entschuldigung, wurde erwidert „Ne nado, Woina eto Woina" - Nicht nötig, Krieg ist Krieg.
Es ging von Vitrine zu Vitrine
Die Leiterin eines Militärmuseums führte mich, den Inhalt erklärend, von Vitrine zu Vitrine. Als Symbol des Sieges über die verhassten deutschen Faschisten endete das Museum an einem großen verglasten Ausstellungsplatz. Gezeigt wurden zerrissene, zum Teil noch blutige Wehrmachtsuniformen, über und über bedeckt mit deutschen Kriegsauszeichnungen. Meine Begleiterin versuchte, mir den Anblick zu ersparen und sagte entschuldigend „Ich verstehe das, es sind doch die Deinen".
Meine Frau Vera durfte mich nach Kiew begleiten
Auf dieser Reise konnte mich meine Frau Vera begleiten. Abends besuchten wir gemeinsam eine Zirkusvorstellung. Alle Ordnungskräfte und Platzanweiser waren ältere Damen, deren Busen mit Kriegsorden geschmückt waren. Nicht ungewöhnlich, Kriegsveteranen wurden bei solchen Zubrot-Tätigkeiten bevorzugt.
Unsere Studiodolmetscherin Irina vereinbarte mit ihnen einen Interview-Termin. Schon für den nächsten Tag wurden wir zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Unsere Gastgeberinnen hatten eine Vergangenheit als Kampfpilotinnen. Angeregt durch alte mitgebrachte Fotos zeigten sie, mit dem Tortenheber in der Hand über der Kaffeekanne kreisend, wie sie Deutschen „Junkers"- oder„Messerschmitt"-Bombern aufgelauert hatten, um ihnen eine Ladung „russischen Kaviars in den Arsch zu hauen".
Brest-Litowsk war eine schwer umkämpfte Festungsstadt. An einem nebeligen Vorabend wartete ich an dem großen Kriegerdenkmal auf Peter Bauer, der mit einem Interview-Partner verabredet war.
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Sie war 17 und wurde zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt
Im menschenleeren Park spielte die Lautsprecheranlage des Denkmals pausenlos Robert Schumanns „Träumerei".
Eine alte Dame mit Kinderwagen kam auf meine Kamera zu. „Gut, dass hier mal jemand ist. Immer, wenn ich vorbeifahre, höre ich diese Musik und wüsste zu gern, wie der Komponist heißt." An meinem Russisch-Akzent erkannte sie den Deutschen, parlierte einige deutsche Sätze und sprach dann vom Grauen des Krieges und den vielen schönen jungen Männern, denen man Arme oder Beine amputiert hat.
Aber ihre schlimmste Zeit wäre die im Lager gewesen. Ich fragte sie nach dem Namen dieses KZs. „Nein, nicht bei Euch, bei uns war ich fünfzehn Jahre in sibirischen Lagern."
1942 wurde die damals siebzehnjährige Weißrussin dienstverpflichtet, um als Hilfsschwester in deutschen Lazaretten zu arbeiten. Nach ihrer Befreiung durch amerikanische Truppen ging sie zurück in die Sowjetunion.
Wegen Zusammenarbeit mit dem Feind wurde sie zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber nach fünfzehn Jahren begnadigt. Sie beendete unser Gespräch mit „Nu nitschewo, Woino eto Woina" - So war's eben - Krieg ist Krieg.
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Coca-Cola und ich
Das Jahr 1984 endete für mich mit einem unverhofften Weihnachtsgeschenk. Es begann mit einem Rundschreiben der kanadischen Botschaft an alle in Moskau stationierten Devisen-Ausländer.
Dem Brief war folgendes zu entnehmen: Durch einen Tippfehler in einem Fernschreiben hatte eine finnische Versandfirma statt zwei Paletten volle zwanzig Paletten Coca-Cola an die Botschaft geliefert. Alle Räume, Wege, Stege und Garagen waren inzwischen bis unter die Decke durch Coca-Cola-Kisten blockiert.
Zahlungskräftige Ausländer wurden um Abnahme größerer Mengen gebeten - als Gegenleistung verlangte die Botschaft Kanadische Dollar in Scheinen. Meine tüchtige Vera lief sich die Hacken ab, um dieses seltene Zahlungsmittel zu besorgen.
Kurz und gut: Am Ende war jede Ecke unserer Wohnung von Küche über Toilette bis zur Badewanne mit Coca-Cola Dosen gefüllt. Überglücklich konnte ich nun wieder über mein wichtigstes Nahrungsmittel verfügen.
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Februar 1945 - Auf Jalta - Erinnerung an Stalins Rache
Jeder Geschichtsbewusste kennt die Fotografie: Stalin, Roosevelt und Churchill sitzen einträchtig nebeneinander. Generalissimus Stalin hatte seine Verbündeten im Krieg gegen Deutschland nach Jalta auf die Krim eingeladen. Die Gespräche begannen am 4. Februar und endeten am 11. Februar 1945. Siegesgewiss wurde über die Neuaufteilung Westeuropas, im Besonderen die Aufteilung Deutschlands und seine spätere Reduzierung bis zur Oder-Neiße-Grenze verhandelt.
Weitere Deutschland-Themen waren Art und Höhe der Reparationen und wieviel und welche Deutschen den Siegern als Zwangsarbeiter zur Verfügung stehen sollten. In Jalta wurde auch beschlossen, dass alle ehemaligen Sowjetbürger, vom Zwangsarbeiter über die Kriegsgefangenen bis zu den Oberläufern, die in der Wlassow-Armee dienten, auch gegen ihren Willen in die SU verbracht werden musten. Damit wurden sie Stalins Rache ausgesetzt. Millionen haben die Ausführung dieses Beschlusses mit ihrem Leben bezahlt.
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1985 jährte sich diese Konferenz zum vierzigsten Mal
Grund für uns, auf die Krim zu fliegen, um einen längeren Bericht zu drehen. Am 4.2. 1985 wurde in Jalta eine Jubiläumsausstellung eröffnet mit vielen interessanten historischen Fotos und Filmen. Auch der Liwadija-Palast, eigentlicher Konferenzort mit seinem Hauptsaal und seinen vielen Nebenräumen, in denen damals die militärischen und zivilen Berater der verschiedenen Delegatioen tagten und verhandelten, musste gedreht werden.
Peter Bauer hatte Gelegenheit, Zeitzeugen und Historiker zu interviewen. Unsere letzten Aufnahmen galten dem protzigsten Bau Jaltas, dem Palais Woronzow, einem Fürstensitz, den der Generalgouverneur Fürst Michael Woronzow (1782-1856) im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts als Lustschloss erbauen ließ, sinnigerweise durch den britischen Architekten Edward Blore, der für Königin Victoria den Buckingham-Palast umgebaut hatte.
Die gemeinsame Handschrift ist beiden Gebäuden anzusehen. Neuzeitgeschichtlich war der Palast im Februar 1945 Wohnsitz Winston Churchills und seiner großen Delegation während der Jalta-Konferenz.
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Die nächtliche Kakerlaken Karawane
Weniger feudal war unser Wohnsitz in Jaltas Intourist-Hotel. Auf der Jalta-Reise konnte mich meine Vera begleiten und uns war bekannt, dass man in der Sowjetunion weder in den Hotelzimmern noch im Restaurant auch nur einen Hauch von Komfort erwarten konnte.
Trotzdem war man nie sicher vor Überraschungen. Bei einem nächtlichen Badezimmer-Besuch begegnete ich Hunderten von Kakerlaken, die querdurch den Raum eine Straße gebildet hatten. Ziel war der Hocker, auf dem Veras geöffnete Badetasche stand. Die Besucher der Tasche kletterten, mit irgendwas beladen, in Viererreihen aus der Tasche und verschwanden unter einem Rohr.
Bei Licht machten sie sich schnell aus dem Staub. Am nächsten Morgen stand Vera entrüstet an der Rezeption, um als Antwort „Nitschewo - macht nichts" zu hören.
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Ein (privater) Auslandsurlaub in Kuala Lumpur
Einige Zeit später waren wir auf einer Privatreise in Kuala Lumpur Gäste des dortigen Schweizer Botschafter-Ehepaares. Die wohnten luxuriös in einer Villa am Stadtrand, unter Palmen inmitten südlicher Blumenpracht.
Die Schweizer waren neugierig zu hören, wie unser Leben im achttausend Kilometer entfernten kalten unheimlichen Russland wäre. Unter anderem erzählte ich aufschneiderisch von der Kakerlaken-Invasion im Badezimmer. Darüber konnte die Botschafterfrau nur spöttisch lachen.
„Das soll schwieriges Leben sein. Bei jedem Toilettenbesuch öffnen wir ganz vorsichtig den Deckel, weil dort des Öfteren Schlangen oder andere Reptilien auf uns lauern. Denn die leben zu Hunderten in den Kanalisationsrohren.
Sind wir im Haus unterwegs, dann niemals ohne Schuhe. Um uns eine Freude zu machen, apportieren unsere zwei Katzen Giftschlangen und legen sie auf dem Teppich ab." Andere Länder - andere Sitten!
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März 1985 - Tod Tschernenkos
Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sich am 11.3.85 durch den Tod des Generalsekretärs Tschernenko die Welt verändern würde. Der gleiche Trauerablauf wie ein Jahr zuvor beim Tod Andropows.
Leere Straßen, Trauermusik, Aufbahrung und Deplee am Sarg im Säulensaal. Bei den nahezu gleichen Abläufen war ich mit meiner Kamera dabei. Wieder konnte ich Bundeskanzler Kohl mit Begleitung und die DDR-Delegation filmen.
Am 13. März Ablauf wie im Vorjahr. Nach Lafetten-Fahrt auf dem Roten Platz wurde der Sarg geöffnet und der Leichnam zur Kreml-Mauer getragen. Später Interview mit Helmut Kohl, gegen Mitternacht gab der amerikanische Präsident Bush noch eine Pressekonferenz.
Am nächsten Tag wurde - wie erwartet - Michail Gorbatschow zum neuen Generalsekretär ernannt. Schließlich war er Chef der Beerdigungskommission gewesen. Wie alle seine Vorgänger, beginnend mit Stalin, der Lenins Beisetzung arrangierte.
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Meine Begegnung mit Gorbatschow in 1985
Am 14.3. erfolgte der Antrittsbesuch unseres Bundeskanzlers beim neuen Generalsekretär. Wie in aller Welt üblich, durften auch in Moskau bei Staatsbesuchen die klassischen Shakehands-Begrüßungsbilder aufgenommen werden. Im Kreml galt dabei ein strenges Protokoll. Neben den selbstverständlichen Kleidervorschriften - dunkler Anzug nebst Krawatte - waren auch die Journalistenanzahl und die zu verwendende Technik limitiert.
Handlampen und Mikrofone waren untersagt Zugelassen wurden ausschließlich Bildjournalisten. Für die schreibende und sprechende Zunft galt: „Hier muss ich leider draußen bleiben." Das heißt für sie: Warten vor dem Kreml auf dem Roten Platz.
Als Bildberichter durften dabei sein ein Kameramann und ein Fotograf des Staatsgastes und der Kameramann nebst Fotograf des Gastgebers.
Für Kohls Besuch waren das Kameramann Romboy, ARD, und ein Pressefotograf für die Nachrichtenagentur dpa, für Gorbatschow die entsprechenden sowjetischen Kollegen.
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Neu war für Video-Aufnahmen - Verpflichtung zu „poolen"
Unsere Akkreditierung für dieses Ereignis verpflichtete zu „poolen", also die gemachten Aufnahmen unverzüglich an die Pressevertreter anderer Länder weiter zu geben. Seit einigen Jahren arbeiteten alle Kollegen mit Videorekordern und standen mitunter schon am Spasski-Turm, um für die erste Kopie anzudocken. Alle anderen erhielten Kopien. Soweit der übliche Ablauf.
Weiter als zum Kreml-Eingang durfte mich mein Assistent Genia nicht begleiten. Nach der ausgiebigen Eingangskontrolle wurde ich von zwei Offizieren der Kreml-Wache wortlos gegrüßt und in Empfang genommen. Fünfzehn Minuten lang ging es durch lange und kurze Gänge, treppauf, treppab. Für mich ein schwerer Gepäckmarsch.
Meine Ikegami-Schulterkamera wog 12 Kilo und über meine Schulter lief der Tragegurt des 10 Kilo schweren Sony-Videorekorders BVU110. Kurz bevor mir schwarz vor den Augen wurde, öffnete sich die Tür zu einem kleinen Salon, in dem schon meine Kollegen und einige Offiziere der Kreml-Wache warteten.
Wortlos wurde mir ein Standplatz zugewiesen. Kohl wurde zu 11.00 Uhr erwartet. Das war in fünf Minuten. Punkt 11.00 Uhr wurde eine schräg gegenüberliegende Tür aufgerissen.
Der eintretende Gorbatschow war offensichtlich verwundert, nur die Bildreporter zu sehen, ging auf mich, den am nächsten Stehenden zu, und grüßte mit Handschlag.
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Ich war etwas Besonderes, denn ich spreche Russisch
Da ich seinen Gruß und meine Vorstellung auf Russisch erwiderte, erfuhr er, dass ich in Moskau stationiert war. Erfragte, seit wann und ob mir die Hauptstadt gefiele. Das konnte ich vollen Herzens bejahen. Er schaute auf seine Armbanduhr und fragte leicht spöttisch, wo denn mein Kanzler bliebe. „Ihr Deutschen seid doch sonst so pünktlich!"
Vor meiner Antwort unterbrach ein Offizier und zeigte dem Generalsekretär einen Platz in der Mitte des Raums. Dort öffnete sich eine zweiflüglige Tür, danach füllte Helmut Kohl den Raum. Der fast zwei Meter große Mann, dessen Gewicht etwa 120 Kilo betrug, wurde durch sein bloßes Erscheinen in einem mittelgroßen Raum zum Maßstab aller Dinge, machte sich nicht groß, aber alle anderen klein.
Der durchaus stattliche Gorbatschow, zu dem sich Kohl für das Shakehands leicht herunterbeugte, erschien im Vergleich zu vorher geschrumpft. Diese Wirkung Helmut Kohls, den ich auch vorher öfters gefilmt hatte, war mir noch nie so aufgefallen.
Nach dem Handschlag drehten sich beide noch einmal für drei bis vier Blitzer zu den Kameras, dann wurden wir wieder wortlos herauskomplimentiert und auf unterschiedlichen Wegen zum Ausgang gebracht.
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Das Leben in Russland geht weiter
Unser aller Leben in Moskau ging weiter wie bisher, ohne große Hoffnung auf Veränderung. Doch die meisten Russen meinten, schlimmer werde es unter Gorbatschow auch nicht werden.
Anders als nach den veröffentlichten Meinungen in den westlichen Medien anzunehmen, bewegte die nahezu 300 Millionen Bürger (in der gesamten UDSSR) nicht das Schicksal einiger im Land unbekannter Dissidenten oder Themen wie Meinungsfreiheit oder Menschenrechte. Das war Stoff für eine Intellektuellen-Minderheit. Bertolt Brecht hat es einmal trefflich formuliert: „ Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."
Was die Bevölkerung dem kommunistischen System und seiner Regierung vor allem ankreidete, war die immer schlechtere Versorgungslage mit allen Gütern. Zwar musste in den 19achtziger Jahren niemand hungern: Die wichtigsten Grundnahrungsmittel waren zu kleinen Preisen immer verfügbar. Allerdings in minderer Qualität.
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Schweinsohren und die merkwürdig ausgehungerten Hähnchenkörper
In den großen Fleischwarengeschäften der Hauptstadt langweilten sich Schweinsohren und -füße neben merkwürdig ausgehungerten Hähnchenkörpern. Etwa zweimal in der Woche kam Leben in die Bude. Solche Tage waren deutlich sichtbar. Eine Menschenschlange bildete sich vor dem Geschäft. Eine Fleischlieferung war eingetroffen. Meist Schwein, bisweilen Rind. Auf dem Hackklotz lag dann ein großes Stück Tierkörper.
Die wartende Kundin wurde vom Metzger gefragt: „Skolko Kilogram? - Wieviel Kilo?" - und schon sauste das Fleischerbeil auf den Holzklotz. Das abgetrennte Teil wurde dem Kunden zur Bezahlung zugewiesen. Hatte der Käufer Glück, hing an dem Knochen ein Stück Fleisch. Bei Pech saß er mit Haut und Knochen da. Angesichts der Menschenschlange wurden Sonderwünsche mit „Dann der Nächste" beantwortet.
Gemüse und Obst waren nur zur örtlichen Saison verfügbar. Zumeist in schlechter Qualität. Im Winter lagen vergammelte Kohlköpfe, Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln in den Regalen. In den Supermärkten waren nicht immer gleichzeitig Nudeln, Reis, Mehl, Zucker, Konserven, Margarine oder Butter verfügbar.
Wurde im Sommer gefrorener Fisch angeliefert, dann als Eisblock, der mitten im Laden stehend vor sich hin taute. Vera, in der Kassenschlange stehend, hörte mal das Urteil zweier DDR-Frauen: „Bei uns gibt's schon nichts, aber hier gleich gar nichts."
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Andere Waren gab es nur hin und wieder - und das in Moskau.
Oft jedoch in falschen Größen und zu falschen Zeiten. Wintermäntel im Sommer, Badeanzüge im Winter, von der Qualität ganz zu schweigen. Die Moskauer waren immer auf der Warenjagd und hatten stets ein Einkaufsnetz dabei.
Kinderlose kauften Kinderschuhe, Tänzerinnen Anglerbekleidung und Großmütter Brautkleider. Wertvoller als Geld war Tauschware. Hatte man eine Bohrmaschine ergattert, konnte es sein, dass erst sechs Monate später Bohrer verfügbar waren.
Baumaterial wie Steine, Bretter, Eisenträger oder Rohre gab es überhaupt nicht zu kaufen. Wer eine feste Gartenlaube bauen wollte, war gezwungen, zu klauen. Gegenüber unserem Haus am Leninskij-Prospekt wurde 1985 die Lumumba-Universität für Dritte Welt-Studenten gebaut.
Mitten im Winter wurden für einen Rohbau sechs riesige Holzverschläge angeliefert, offensichtlich zu früh für den Einbau. Zwei Tage später konnten wir den Inhalt besichtigen: Von Schnee bedeckt standen sechs Elektromotoren mit Getrieben vor dem Bau, vorgesehen für die Aufzüge. Nachts hatten Hobby-Bauer die begehrten Bretter entwendet.
Doch am schlimmsten im Land war die Wohnungsnot. Nicht wegen der Mietpreise, die waren geradezu lächerlich niedrig, sondern wegen der Wartezeiten. Ohne Kinder war niemand antragsberechtigt. Selbst bei zwei vorhandenen Kindern betrug die Wartezeit mehrere Jahre.
In den meisten vorhandenen Drei- bis Vierzimmer-Wohnungen lebten mehrere Generationen, die sich Küche und Toilette teilen mussten: ein Enkel-Ehepaar mit Baby, die Eltern der Kindesmutter und deren Eltern. Wer das Glück hatte und genügend Kinder, um eine Wohnung zu bekommen, musste auf die bestellten Küchenmöbel, den Wohnzimmerschrank nebst Couch-Garnitur und die Schlafzimmer-Einrichtung bis zu acht Jahre warten.
Immernoch kürzer als die Wartezeit für das bestellte Auto. Das konnten schnell zwanzig Jahre sein. Alles hier Vorstehende bewegte Millionen Menschen in der Sowjetunion, nicht die fehlende Pressefreiheit, Gespräche über die Menschenrechte und dass Herr Sacharow in eine vergleichbar luxuriöse Verbannung geschickt worden war.
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„Mineralni Sekretär" Gorbatschow
Mit einem neuen Regime verband sich bestenfalls Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Doch der neue Generalsekretär Gorbatschow zäumte in bester Absicht das Pferd vom Schwanze auf. Stichwort: Anti-Alkohol-Kampagne.
Alkohol-Brennereien, Brauereien und die meisten Wodka-Geschäfte wurden geschlossen, in Hotels, Restaurants und anderen Gaststätten der Alkohol-Ausschank verboten. Das geschah in einem Land, in dem Wodka zu den selbstverständlich verfügbaren Lebensmitteln zählte.
Nur noch in wenigen Moskauer Spezialgeschäften durfte an vorgegebenen Tagen Alkohol verkauft werden. Natürlich nur in kleinen Mengen und mit Registrierung der Käufer. An solchen Tagen mussten ganze Straßenzüge von der Polizei gesperrt werden wegen des Ansturms. Selbstverständlich filmte ich an solchen Verkaufstagen, die mitunter in Massenschlägereien endeten.
Als erste Reaktion auf die Alkohol-Erlasse leerten sich die Zuckerregale in den Geschäften, bis auch der nur noch in kleinen Mengen abgegeben wurde. Schwarzbrenner brauchten Zucker! Es entstand ein Untergrundmarkt für Wodka zu entsprechenden Preisen.
Devisen-Ausländer wurden wie jungfräuliche Bräute umworben, denn sie konnten nach wie vor in unbegrenzten Mengen das geliebte „Wässerchen" kaufen. Offiziell musste das Alkoholverbot strikt eingehalten werden.
Gleich, ob auf den 1. Mai, den Feiertag aller Werktätigen, den 9. Mai, Sieg über die Deutschen oder den 7. November, Jahrestag der Oktober-Revolution, angestoßen wurde, war in den früher mit Wodka gefüllten Gläsern Mineralwasser.
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Gorbatschow machte sich selbst zur Witzfigur
Das erste, das Gorbatschow gemacht hatte, war leider, sich selbst zur Witzfigur. Sein offizieller russischer Titel „Generaini Sekretär" wurde von der Bevölkerung spöttisch in „Mineralni Sekretär" umgewandelt. Wie bei uns wurde der klare Sprudel als Mineralwasser verkauft. Trotz aller Restriktionen, ein Rückgang des Alkoholkonsums fand nicht statt und er blieb weiter illegal verfügbar. Als Mengenabgabe für Wodka galt in Russland das Gramm.
In Restaurants orderte man zum Essen hundert oder zweihundert Gramm Wodka. In der Gorbatschow-Zeit fragte der Kellner seine Gäste, wieviel Gramm Mineralwasser gewünscht würden und servierte diese Menge natürlich in etikettierten Mineralwasserflaschen. Während der gesamten Gorbatschow-Zeit blieben die Alkoholvorschriften, mit den Jahren abgemildert, gültig. Ich denke, sie wurden erst von seinem Nachfolger, dem ständig angeheiterten Boris Jelzin, abgeschafft.
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Der Tag des Sieges 1985
Am 8. Mai 1945 unterzeichneten in Berlin-Karlshorst, zu dieser Zeit Hauptquartier der Roten Armee, die Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht die Kapitulationsurkunde. Der 9. Mai wurde in der Sowjetunion als„Djen Pobjeda" - Tag des Sieges - gefeiert, im Mai 1985 zum vierzigsten Mal.
Ein Grund für besondere Feiern im Land und Anlass für uns, darüber zu berichten. Ich drehte die Proben und Vorbereitungen zum Siegestag und der Siegesparade. Meine Kamera stand, wie immer bei solchen Ereignissen, auf der Diplomaten-Tribüne des Roten Platzes. Eindrucksvolt der Beginn. Rotarmisten in historischen Uniformen auf Fahrzeugen und Panzern aus derzeit des Zweiten Weltkrieges. Danach blieb genügend Platz und Zeit, auch die Wehrhaftigkeit der 1985er Sowjetunion zu zeigen. Beide Korrespondenten behandelten mit meinen Bildern dieses wichtige Zeitthema in vielen Berichten und längeren Filmen unter dem Sammelbegriff „ Vor vierzig Jahren ".
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Willy Brandt in Moskau
Besuchten ranghohe deutsche Politiker Moskau, war es üblich, dass sie abwechselnd entweder Gäste des ZDF oder unseres ARD-Studios waren. Absprache: Es wird nicht gefilmt oder interviewt. Die Beteiligten nannten das Informationsabende, wobei die Fernseh- und Rundfunkleute auch über ihre Arbeitsbedingungen sprachen oder Arbeitsergebnisse zeigten.
In seiner Eigenschaftals Präsident der Sozialistischen Internationalen und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands machte Willy Brandt am 27. Mai seinen Antrittsbesuch beim neuen Generalsekretär der KPdSU. Im Studio waren wir für ihn, Egon Bahr und Wolfgang Clement Gastgeber.
Zögernd erläuterte der SPD-Vorsitzende seine Gesprächsthemen beim neuen Staatschef Gorbatschow wenige Tage zuvor. Die am 16. Mai begonnene Alkohol-Kampagne gehörte wahrscheinlich nicht zu den Themen. Es wäre auch unpassend gewesen.
Wir, die Bildjournalisten, die seit Jahrzehnten berufsbedingte Kontakte zu ihm hatten, nannten ihn vertraulich „Willy Weinbrandt". Das war verständnisvoll, nicht diskriminierend gemeint.
Als einer der drei WDR-Gastgeber ernannte ich mich zu seinem Mundschenk und sorgte dafür, dass es ihm nicht an Rotwein mangelte. Es lag nahe, dass unsere russischen Mitarbeiter mich aufforderten, ihm zu helfen. Nach einem Toilettenbesuch fehlte ihm die Kenntnis, den Innenverschluss der russischen Tür zu öffnen. Nach meiner Ansage: „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen und mit..." konnte er sich selbst aus der misslichen Lage befreien.
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Oldtimer in Moskau
Interessanter als der Brandt-Besuch war für mich ein Film, den ich zu dieser Zeit mit Peter Bauer drehte. Ein junger Automechaniker hatte im Hof eines Kolchosbauern ein völlig zugekacktes Auto entdeckt. Es wurde seit Jahrzehnten als Hühnerstall benutzt.
Der Autofan konnte es für ein Spottgeld erwerben und in die heimische Garage abschleppen. Nach intensiver Bearbeitung mit dem Wasserschlauch entpuppte sich der Fund als ein seltenes sehr frühes Mercedes-Modell aus den dreißiger Jahren, „Typ 130" mit Heckmotor.
Lange Jahre hatte er es liebevoll restauriert und rekonstruiert, war für Teile zu Autowracks bis in die baltischen Republiken gefahren. Als wir den Wagen zum ersten Mal sahen, war er nahezu wieder hergestellt, aber noch splitternackt.
Als Honorar für seine Mitarbeit haben wir mit Mercedes gesprochen, die für ihn zwei Eimer Originallack gemixt haben. Die konnten wir ihm überreichen.
Zum Moskauer Straßenbild gehörten als Alltagsautos jede Menge dreißig oder gar vierzig Jahre alte zumeist russische Modelle. Umso mehr verwunderte es uns, dass es einen Oldtimer-Club gab, der seine lackierten Lieblinge einmal im Jahr bei einem Autokorso zeigte. Vorbei an den Zuschauern rollten vor allem deutsche PKW aus der Zeit vor 1945, die wahrscheinlich vor Jahrzehnten als Kriegsbeute den Weg nach Moskau gefunden hatten.
Zum Autorennen nach Riga
Auf der Suche nach Ungewöhnlichem hatte Lutz Lehmann herausgefunden, dass in Riga ein sowjetisches Autorennen stattfinden sollte. Die Umstände erlaubten es, dass ich meine Vera mitnehmen konnte.
Äußerlich konnten sich die sowjetischen Rennwagen durchaus sehen lassen, nur unter den Motorhauben sah es ärmlich aus. Aber das verhinderte keinen Wettkampf. Alle waren schwach auf der Brust. Wir filmten im Fahrerlager und sprachen mit den Fahrern. Sie kamen aus Rennsportgemeinschaften großer Kraftwagenbetriebe. Die Fahrzeuge waren Eigenbau.
Am Renntag, dem 14.7.1985, war ich früh auf den Beinen. Wir hatten erreicht, dass ich, aus dem Heck des Kombi filmend - vor allen Rennwagen herfahrend, die Warmlauf-Runde drehen durfte. Wunderbare Bilder, die wirkten, als wären sie im Rennen aufgenommen.
Kampf um wechselnde Positionen, jeder wollte mal vor die westliche Kamera kommen. Immer wieder machte der Fahrer eines silbernen Rennwagens mit der Nummer 22 anderen den Platz vor meinem Objektiv streitig.
Dann: Rennbeginn. Wir, mit nur einer Kamera vertreten, hatten einen interessanten Platz vor einer Doppelkurve gefunden. In der ersten Runde zog der Pulk noch geschlossen an uns vorbei. Die zweite Runde zeigte schon Auflockerungen beginnender Wettkämpfe.
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Dann ein Fahrfehler und der Überschlag
„Meine" 22, an vierter Stelle, versuchte ein Überholmanöver und geriet auf den Seitenstreifen. Das hatte zur Folge, dass der Wagen sich längsseitig überschlug, durch die Luft flog und meine Kamera streifte. Erst mitschwenkend, konnte ich mich im letzten Moment hinwerfen, mit Glück auf die richtige Seite.
Die am Boden liegende Kamera hat aufgezeichnet, dass Lehmann, der in der Nähe stand, ruft: „Keine Angst, Ihrem Mann ist nichts passiert." Weiter im Bild, dass ich die Kamera vom Stativ löse, um von der Schulter die Bergung des Fahrers zu filmen, der leicht verletzt überlebte, aber von Helm und Gurten befreit werden musste.
Wenige Meter hinter mir war sein Wagen auf vier Beinen, sprich Reifen, gelandet. So, wie er gestartet war. Doch seine Form hatte sich erheblich verändert. Abends haben wir im Hotel auf meinen zweiten Geburtstag angestoßen. Ausnahmsweise war diesmal mein Wodka-Wasserglas randvoll. Aus Freude über mein Überleben habe ich es in einem Zug geleert.
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Be"Grenzte" Pressefreiheit
Leben und arbeiten in der Sowjetunion war nicht einfach. Daran hatte sich auch zu Beginn der Gorbatschow-Zeit nichts geändert. Wichtigster Punkt: Wir durften ohne Genehmigung den Bezirk Moskau nicht verlassen, ausgenommen Flüge ins Ausland.
Die Hauptstadt Moskau umschloss ein Autobahnring, der war unsere Grenze. Ihn durften wir beliebig befahren, aber nur stadteinwärts verlassen. Alle Ausfallstraßen waren durch Polizeiposten gesichert. Gleichgültig, ob unser Ziel achtzig oder achthundert Kilometer von Moskau entfernt war, es musste eine schriftliche Genehmigung eingeholt werden.
Nötige Angaben: Zielort, PKW-Kennzeichen, PKW-Typ, Anzahl und Namen der Insassen, Uhrzeit der Abfahrt und Tag der Rückfahrt. Vorgeschrieben war der kürzeste Weg zum Ziel. Diese Straßen galten dann als Transitstrecke und durften keinesfalls verlassen werden. Nicht einmal, wenn in sichtbarer Entfernung ein Badesee oder ein Denkmal zu einer Rast einluden. Polizeiposten, auch an kleineren Ortschaften, überwachten deren Ein- und Ausfahrt.
Waren Ausländer gemeldet, wartete zur angegebenen Zeit auf der Straße ein Milizmann, der nach Identifizierung des Kennzeichens zum Telefon lief, um dem nächsten Posten zu melden: „Bei mir sind die durch." Dieses System bot uns einen sicheren Mantel.
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Ein vermeintliches Gefühl der "Sicherheit"
Gleichgültig, ob durch Autopanne, Unfall oder Herzklabastern, bei Zeitüberschreitungen würde Dein Freund und Helfer, die Miliz, rechtzeitig vor Ort sein, "um zu helfen". Die Genehmigung für mehrtägige Reisen erreichten wir mitunter erst Wochen nach der Antragstellung.
War ein Filmthema nicht erwünscht, erhielten wir statt einer Ablehnung die Mitteilung „Ihr Antrag kann nicht registriert werden". Fragten wir hartnäckig nach, kam als Begründung, wegen Hochwassers gebe es dort weder Brücken noch Straßen oder die Gegend stünde wegen der Schweinepest unter Quarantäne.
Durften wir Moskau verlassen, dann als größere Gruppe: Redakteur, Kameramann, Tonmann, Dolmetscherin, dazu ein junger Attache des Außenministeriums als Kontakthelfer und "Aufpasser".
Am Ort gesellten sich zu uns weitere zwei bis drei Personen: örtliche Funktionäre als "Helfer", aber auch als Zensoren. Bei einer solchen Personalstärke war es kein Problem, dass mich des Öfteren meine Vera begleiten durfte. Obwohl ihre Flug- oder Hotelkosten privat und nicht vom WDR bezahlt wurden, setzten wir sie dann als Kamera- oder Redaktionsassistentin ein. Viele meiner Abenteuer konnte sie so hautnah miterleben.
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Rusland war und ist ein Polizeistaat
Auch in Moskau waren Aufnahmearbeiten schwierig. Auf der Straße kein Problem. Kam ein neugieriger Miliz-Mann, zog er sich nach Betrachten meiner Akkreditierungskarte entschuldigend zurück. Filmte ich mehrere Stunden oder gar Tage, wurde ich von auffällig unauffälligen KGB-Zivilisten aus geziemender Entfernung beobachtet.
Kreuzten sich unsere Wege, grüßte ich. Verlegen grüßte man zurück. An einem heißen Sommertag, ich drehte ganztägig für einen Lehmann-Film, kauften wir „Moroshenoje", das herrliche Moskauer Vanille-Eis. Meinen Assistenten schickte ich mit zwei Portionen zu den KGB-Leuten. Kaum zu glauben: Etwas verwundert nahmen sie es an. Warum auch nicht. Wir kannten uns, waren quasi Arbeitskollegen.
Der Sozialismus sollte eigentlich die Kriminalität eliminieren. Doch sicher ist sicher: Im Foyer jeder Bank oder Sparkasse und jeder Juweliers-Filiale saß damals ein uniformierter Milizionär.
Vor ihm auf dem Tisch lag die Maschinenpistole. Das durften wir keinesfalls filmen. Das Ende unserer kümmerlichen Pressefreiheit war gekommen, wenn wir Gebäude betreten wollten. Gleichgültig, ob Blumengeschäft, Kaufhaus oder Stehbierhalle, ohne vorherige Genehmigung des Außenministeriums durfte nicht gefilmt werden.
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Glasnost und Perestroika
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Noch einmal zu Gorbatschows Glasnost und Perestroika
Kommen wir noch einmal zu Gorbatschows Glasnost und Perestroika. Am ehesten zeigte sich eine neue Zeit in Berichten des russischen Fernsehens. örtliche Missstände wurden angesprochen und des Öfteren erschienen Bilder Gorbatschows, der irgendwo, ein Bad in der Menge nehmend, einfachen Leuten Rede und Antwort stand.
Die Erneuerung kam scheibchenweise, häufig in sehr dünnen Scheiben. Zu einer Pressekonferenz über Wirtschaftsreformen eingeladen, wurde uns folgendes mitgeteilt: Ab sofort dürfen auf Antrag Handwerker selbständig arbeiten, private Restaurants und Verkaufsgeschäfte eröffnet werden. Im Regelfall als Ein-Personen-Betriebe. Zur Mitarbeit wären nur nächste Familienangehörige zugelassen.
Löhne und Preise müssten den staatlichen entsprechen. Ob das eine leichte Öffnung zur Privatwirtschaft, ähnlich wie Lenins zeitweise gültige NEP (Neue Ökonomische Politik) wäre, fragten Journalisten die Verkünder. Ein scharfes „keinesfalls" war die Antwort.
Unter dem Druck von Hungersnöten hatte Lenin 1921 Verstaatlichungen aufgehoben und beschränkte Privatwirtschaft gestattet. Auch in puncto Aufnahmegenehmigungen glaubten wir, es wäre künftig Großzügigkeit angesagt.
Peter Bauer beantragte eine Filmgenehmigung, um den ganzjährigen Arbeitsablauf einer Kolchose drehen zu dürfen. Relativ schnell, nach drei Wochen, erfolgte die Erlaubnis. Wir könnten in Weißrussland die Arbeit eines vorgegebenen Landwirtschaftsbetriebes aufnehmen.
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Doch am Abreisetag wurden wir gestoppt.
Die Erlaubnis, Weißrussland zu betreten, sei widerrufen worden. Ein vorläufiges Aus. Vier Wochen später brachte mir unsere Sekretärin Irina einen Artikel aus der Gewerkschaftszeitung „Trud".
„Die westdeutschen Fernsehleute, Moskau-Korrespondent Peter Bauer und Kameramann Manfred Romboy, hätten in Weißrussland eine Kolchose besucht. Obwohl gastfreundlich empfangen, hätten beide nur antisowjetische Propaganda betrieben, alles Sozialistische verächtlich gemacht und für den westdeutschen Kapitalismus geworben. Es wäre doch zu überlegen, ob man solchen Agitatoren weiterhin Zutritt gewähren sollte."
So in der „Trud" zu lesen. Offensichtlich hatten an unserem geplanten Abreisetag alle großen Zeitungen, von wem auch immer, einen Artikel über unser Verhalten in Weißrussland zur späteren Veröffentlichung erhalten. Der wurde nach unserem Reiseverbot widerrufen. Aber das hatte die Gewerkschaftszeitung irgendwie versemmelt. Empört beschwerten sich Peter Bauer und die Deutsche Botschaft über die erfundene Geschichte beim Außenministerium.
Schnell, und das war vielleicht ein Perestroika-Zeichen, erfolgte eine Entschuldigung. Den Artikel hätte ein junger, gelegentlich für „Trud" arbeitender Volontär erfunden.
Der wäre inzwischen entlassen und einer Bestrafung zugeführt worden. Der guten Ordnung halber sei noch erwähnt: Vierzehn Tage später flogen wir nach Minsk und begannen mit den Dreharbeiten.
Der 27. Parteitags der KPdSU i m Feb. 1966
Mit dem landesüblichen grandiosen Feuerwerk wurde in Moskau das neue Jahr 1986 begrüßt. Neugier und Hoffnungen richteten sich auf den Beginn und Verlauf des am 25. Februar beginnenden 27. Parteitags der KPdSU, des ersten unter Leitung Michail Gorbatschows.
Die ganze Stadt war in ein Meer von roten Fahnen getaucht. Meterhohe Bilder des neuen Generalsekretärs und seiner Politbüromitglieder prangten an Hausfassaden oder von großen Gerüsten, die überall aufgestellt waren. Viele dieser Politbürofunktionäre hatten ihre besten Jahre oder Jahrzehnte längst hinter sich gebracht.
Aktuelle Aufnahmen hätten diese Regierenden als Großvater-Verein diskriminiert. Also wurden alte bis sehr alte Porträtfotos verwandt, auf denen sie allerdings häufig nicht mehr zu erkennen waren.
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Es wurde ein ungewohnt munterer Parteitag
Es wurde ein ungewohnt munterer Parteitag. Nicht jeder alte Genosse hatte Verständnis für Glasnost und Perestroika. Doch die Position eines Generalsekretärs der Partei war noch so hoch angesiedelt, dass niemand gewagt hätte, offenen Widerstand zu leisten. Zu Stalins Zeiten drohte Renegaten der Genickschuss.
Diese Zeiten waren Gott sei Dank vorbei. Aber Amt und Würden waren allemal zu verlieren. Verabschiedet wurde ein angeblich radikales Reformprogramm, das vor allem die Wirtschaftsform verändern sollte. Einzelne Betriebe oder Wirtschaftsorganisationen sollten durch größere Selbständigkeit rentabler arbeiten können. Skeptiker meinten, man sollte doch erst einmal die detaillierten Ausführungsbestimmungen abwarten.
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