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Ein Kameramann schreibt über seinen Berufs-Traum

Juni 2026 - Am Ende ist es ein 550 Seiten Galopp durch die Weltgeschichte - vom Ende des Nationalsozialismus über die Ostzone Deutschlans, den Sprung in den Westen Deutschlans und ein tiefer Einblick in das Russland der Perestroika der 1980er Jahre.

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1982 - Romboys sind zum ersten Mal in Moskau

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Einmal Halbprivates

Auf Einladung eines der zwei ARD-Korrespondenten in der Sowjetunion, Harald Brand, flogen Vera und ich im Februar 1982 nach Moskau. Auf das Ankunftsprozedere hatte er uns vorbereitet. Eine Stunde Warten bis zum Passkontrollschalter, eine weitere, bis das Gepäck vom Band käme. In der Schlange zur Passkontrolle waren wir zufällig das schönste Paar. Meine Vera im schneeweißen Wintermantel (extra für Moskau gekauft), auf dem Kopf ein weißes Strickmützchen und im Arm einen riesengroßen Blumenstrauß als Überraschung für die Gastgeberin.

Im Winter konnte man in Moskau nur Wachsnelken kaufen. Auch ich konnte mich sehenlassen. Für den Moskau-Besuch hatte ich einen Biberlamm-Mantel und eine dazu passende Pelzmütze erworben.

Kaum eine Minute am Ende der Warteschlange stehend, steuerte ein hochrangiger Grenzoffizier auf uns zu. Seine Uniform strotzte nur so vor Goldbordüren. Oh je, sagte Vera, jetzt gibt's Ärger wegen des sicher verbotenen Blumenstraußes.

Er verlangte die Pässe und sah den Vermerk „Gast des Korrespondenten". Er behielt sie, winkte uns aus der Schlange. Seine Gesten befahlen uns, ihm zu folgen. An den hundertachtzig wartenden Passagieren vorbei führte er uns zur Passkontrolle und ließ die Dokumente abstempeln. Nach Rückgabe der Pässe grüßte er mit Handzeichen an der Schirmmütze und wünschte uns - auf Deutsch - alles Gute für unser weiteres Leben. Ich denke, er hat uns wegen des Blumenstraußes für ein Brautpaar gehalten. Vera sah dafür jung und schön genug aus. Ein Übriges bewirkte der Visa-Eintrag „Gast des Korrespondenten".
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Zwanzig Minuten vor zwölf bei Minus 20 Grad

Freund Harald fuhr mit uns zu seiner Wohnung. Freundin Gisela Brand freute sich riesig über den Blumenstrauß. Bei und nach dem Abendessen gab es viel zu erzählen. Dreieinhalb Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen.

Zwanzig Minuten vor zwölf befahl Harald: „Zieht Eure Mäntel an, ich will Euch was zeigen!" Am Thermometer waren zwanzig Grad minus abzulesen. Außer ein paar Taxis war niemand unterwegs. Harald parkte am Historischen Museum und ging mit uns über den menschenleeren Roten Platz zu den beiden Gardesoldaten, die am Eingang des Mausoleums den toten Lenin bewachten.

Über den Kreml-Türmen leuchteten die roten Sterne. Über einem Kuppelbau wehte im Nachtwind grell beleuchtet die rote Fahne mit dem Hammer- und Sichel-Zeichen der Sowjetunion. Vom Spasski-Turm ertönte martialisch das Mitternachtsgeläut. Aus dieser Richtung waren auch die Stechschritte zweier Gardesoldaten zu hören, die ihre halb erfrorenen Kameraden bei solchen Minus-Temperaturen halbstündlich ablösten. Trotz der Pelzmützen waren unsere Ohren eiskalt und steif. Unermüdlich forderte Harald uns auf, die Nasenspitzen zu reiben. Sie würden sonst abfrieren.
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Das ARD-Studio am Kutusowskij-Prospekt

Am nächsten Tag besichtigten wir die Räume des ARD-Studios am Kutusowskij-Prospekt, direkt gegenüber des Stalin-Hochhauses „Hotel Ukraina". In den folgenden Tagen sammelten wir weitere Moskau-Eindrücke.

Die größeren Kinder der Brands, es gab auch noch das dreijährige Julchen, die fünfzehnjährige Bettina und der dreizehnjährige Thomas, führten uns über den Moskauer Tiermarkt. Damals kein erlaubtes Touristenziel.

Mit Freundin Gisela besichtigten wir den toten Lenin, das Jungfrauenkloster und die Markthallen. Ein Wochenbesuch, der uns beeindruckte und vor allem Vera erfreute. „Wie Gisela vier Jahre in Moskau zu leben, hätte auch mir Spaß gemacht." „Zu spät", musste ich antworten. „Vor drei Monaten hat der WDR mit Vertrag für die nächsten vier Jahre einen (anderen ?) Kameramann nach Moskau verpflichtet."

Noch einmal Privates: Inzwischen wurde unser Leben durch vier Katzen bereichert. Zu Kater Mulle waren noch Felix, Robby und Peter gekommen. Seit dieser Zeit begleiten Katzen unser Leben, sind Familienmitglieder. In Abwandlung eines Loriot-Spruches sagen wir „Ein Leben ohne Katzen ist möglich, doch ohne Sinn".
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1983 - Romboys gehen für 5 Jahre nach Moskau

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Aufregungen und Hintergründe einer Versetzung

Einer der berühmtesten Orte der Welt. Der Rote Platz in Moskau
Ein Jahr geht schnell vorbei. Das Jahr 1982 wollte ich mit freier Zeit beenden. Vom 7. -31.12.1982 hatte ich Urlaub eingereicht, der war genehmigt worden. Als ich von einer Reise aus meiner Heimatstadt Leipzig am 22. Dezember 1982 zurückkehrte, erreichte mich die Nachricht: Dringend den WDR anrufen!

Was mir am Telefon gesagt wurde, konnte keinesfalls stimmen. Für Moskau wird ein Kameramann gesucht. Dazu wäre mein Rat gefragt. Besserwisserisch wollte ich den vermeintlichen Irrtum aufklären. Kann nicht sein, erst vor fünfzehn Monaten hätte ein junger Kollege diesen Solo-Job übernommen und mir noch im Februar erklärt, es wären gerade seine Möbel angekommen und er plane, insgesamt fünf Jahre zu bleiben.

Gruppenleiter Nils Lundgren belehrte mich. „Genau den haben die Russen rausgeworfen." Moskau-Korrespondent Lehmann würde toben und Ersatz verlangen. Ich benannte Kollegen, die in Frage kämen. Er: „Habe ich alle schon gefragt, keiner kann oder will."

Wieder ich: „Übermorgen beginnt Weihnachten, danach werde ich einen finden. Und scherzend: Notfalls gehe ich." Am 23. Dezember 1982 hatte ich einen wütenden Chefkameramann Schmitt am Telefon: In einer Sitzung hätte Lundgren erklärt, das Moskau-Problem sei gelöst, der Romboy geht.

Sowas findet keinesfalls statt. Nach Weihnachten gebe er mir Gelegenheit, dieses Gerücht zu dementieren.

„Vera, ich beneide Dich. Du darfst nach Moskau."

Seit Monaten lebten unsere Moskau-Gastgeber, die Brands, wieder in Köln. Denen wollten wir diese kuriose Geschichte erzählen. Als ich anfing mit „Stellt Euch vor, ich war für Moskau im Gespräch" umarmte Gisela meine Frau und sagte: „Vera, ich beneide Dich. Du darfst nach Moskau."

Damit war ich außen vor. Vera und die Brands entschieden, Manfred wird nach Weihnachten nichts dementieren sondern klipp und klar erklären: Ich bewerbe mich für Moskau. Als ich das am 27. Dezember meinem Vorgesetzten sagte, musste ich hören: „Sie gehen keinesfalls. Als 1. Kameramann sind Sie für die Russland-Stelle viel zu hoch dotiert und im Übrigen werden Sie hier laut Vertrag als Ausbilder gebraucht." Da musste ich passen. Doch nachfolgend sprachen für meine Bewerbung mir unbekannte Umstände.
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Mit meinen "Vorgängern" ging einiges schief .....

Ende der 19siebziger Jahre genehmigten die Russen dem Korrespondenten Fritz Pleitgen die Akkreditierung eines deutschen Kameramanns. 1981 musste dieser Kameramann der ARD innerhalb von vierundzwanzig Stunden das Land verlassen. Gerüchte sprachen von einer Weibergeschichte in Verbindung mit übermäßigem Wodka-Genuss samt Alkohol am Steuer.

Als seinen Nachfolger entsandte der WDR noch im Jahre 1981 einen tüchtigen jungen Kameramann nach Moskau, von dem niemand wusste, dass er Drogenkonsument und Quartalssäufer war. Einige Monate ging alles gut. Einzige Auffälligkeit: In den Studioräumen lief er mit einer Mineralwasserflasche herum und posaunte, Wodka wäre gefährliches Gift. Doch Ende 1982 platzte die Bombe.

Auf einer Filmreise nach Donezk, er hatte noch Peter Bauer zum Flugplatz begleitet, war er für einige Tage verschwunden. Die russischen Mitarbeiter sahen sein unberührtes Hotelbett nebst allem Privatgepäck und fahndeten erfolglos in Krankenhäusern und auf Polizeistationen.

Plötzlich war er wieder da und erzählte eine unglaubliche Geschichte. Am Flughafen Donezk hätte ihm eine Aeroflot-Stewardess einen Softdrink serviert. Nach einigen Schlucken kam für ihn ein Filmriss. Tage später wäre er irgendwo aufgewacht. In seinen Softdrink hätte jemand, wahrscheinlich derKGB, am hellerlichten Nachmittag K.-o.-Tropfen geträufelt.

Das müssen wir eindeutig abklären, entschied Studioleiter Lutz Lehmann. Begleitet von einem Diplomaten der Deutschen Botschaft verlangte er in den Räumen des Moskauer Außenministeriums die lückenlose Aufklärung. Süffisant lächelnd zeigten die ihm eine über Monate angelegte Fotosammlung: Unser Kameramann, im Rinnstein liegend, wird von einer Notärztin „reanimiert", unser Kameramann neben Erbrochenem in einer Ausnüchterungszelle, unser Kameramann prügelt sich stockbesoffen mit zwei Türstehern vor einer Moskauer Nachtbar.

Wie peinlich für den streitbereiten Lehmann. Jetzt waren die Russen am Zuge. Eine mögliche Anklage könnte lauten: Wiederholte Störung der öffentlichen Ordnung und tätlicher Angriff auf verdiente Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges. Pförtnerdienst wurde meist von ordensgeschmückten Rentnern ausgeübt. Doch die sowjetischen Diplomaten gaben sich kompromissbereit. Wenn diese „Persona non grata" innerhalb von vierundzwanzig Stunden das Land verließe, sei der Fall für sie erledigt und man sei bereit, der Akkreditierung eines neuen ARD-Kameramannes zuzustimmen.

So oder ähnlich soll es gelaufen sein.
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Dr. Peter Bauer war in Moskau schon Co-Korrespondent

Für das Moskauer Studio, Peter Bauer war dort Co-Korrespondent, passte der Romboy. Seine fachliche Qualifikation war bekannt, aber noch wichtiger, jedermann wusste, der Romboy verabscheut Bier und Schnaps.

Er ist ein passionierter Coca-Cola-Trinker. Von dem frisch mit der „Tagesschau-Vera" Verheirateten waren auch keine alkoholgetränkten Frauengeschichten zu befürchten. Studio Moskau forderte umgehend die Personalien eines neuen Kameramanns, denn seine Akkreditierung würde Monate in Anspruch nehmen.

Nach einigen Rückzugsgefechten musste die Personalabteilung meiner Versetzung nach Moskau, so lautete arbeitsvertraglich die Bezeichnung, zustimmen. Personalchef Odenthal hatte aber noch einen Knüppel im Sack, den er den Romboys zwischen die Beine werfen konnte.

Als die Tagesschau-Sekretärin Vera Romboy geb. Krüper bei ihm um unbezahlte Beurlaubung für die Dauer des von ihm nach Moskau versetzten Ehemannes nachsuchte, war die Antwort: keinesfalls.

„Wir haben volles Verständnis dafür, dass Sie bei Ihrem Mann bleiben wollen, das geht aber nur, wenn Sie vorher kündigen."

Einem Tobsuchtsanfall nahe raste ich zur gerade neu installierten Gleichstellungsbeauftragten und zum Personalrat. Entweder ohne Kündigung wir beide oder Moskau findet ohne mich statt.

Die Personalabteilung kapitulierte und entsandte Vera und mich auf WDR-Kosten für vier Wochen auf eine Internatsschule der Universität Bochum in den Kurs „Russkij JesikSewodnja - Russische Sprache heute".
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Jetzt ging es aber richtig "ab" - das mit dem Umzug

Für mehrere Jahre mit Sack und Pack in ein fremdes Land zu ziehen, bedeutet eine gewaltige Umstellung des Privatlebens, die zudem auch mit erheblichen Kosten verbunden ist.

Bei uns fiel als Augenfälligstes für die nächsten vier Jahre das Einkommen der Ehefrau weg. Mit dem WDR waren keine Verhandlungen über die Konditionen zu führen. Als Anstalt des öffentlichen Rechts musste er sich buchstabengetreu an die Richtlinien des Auswärtigen Amtes halten.

Die besagten: Der Arbeitgeber muss den Umzug des gesamten Hausrates einschließlich des Kraftfahrzeugs und seine Rückführung nach Deutschland zahlen. Der Arbeitnehmer erhält am Versetzungsort eine leere renovierte Wohnung. Miete und Nebenkosten zahlt der Arbeitnehmer.

Nach dem ersten Auslandsjahr steht dem Arbeitnehmer ein bezahlter Hin- und Rückflug nach Deutschland zu. Danach nur noch alle zwei Jahre.

In der Sowjetunion wäre Moskau als erster Wohnsitz vorgeschrieben. Führerschein, Autozulassung und Versicherung wären dort zu beantragen. Auch die Einkommensteuer wäre im Gastland zu entrichten. Die Führung eines Kontos bei der sowjetischen Staatsbank zur Begleichung der Verpflichtungen in der Sowjetunion wäre vorgeschrieben. Als Wohnung müsste ich die meines Vorgängers übernehmen.

Die Besoldung: Zu meinem Grundgehalt käme eine Auslandszulage von fünfzig Prozent. Alle Abzüge außer der in der Sowjetunion zu entrichtenden Steuer würde weiterhin der WDR tätigen. Für Moskau käme noch eine schwankende Teuerungszulage um fünfzehn Prozent dazu.

Für meine Moskauer 120 Quadratmeter-Wohnung musste ich im Voraus für ein halbes jähr eintausendzweihundert DM Monatsmiete zahlen. Die sowjetischen Behörden orientierten sich an den Mietspiegeln deutscher Großstädte.
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Ein schöner Pelzmantel für Moskaus Minusgrade

Wie auch immer - als ich meinen Auslandsvertrag unterschrieben hatte, rief ich Vera an. „In der Mittagspause kaufen wir für Dich einen schönen Pelzmantel für Moskaus Minusgrade. Den können wir uns ab jetzt leisten."

Immernoch warteten wir auf die Akkreditierung. Die kam überraschend am 20. Mai.1983. Mein Moskau-Flug wurde für den 25. Mai gebucht. Moskaus Studio brauchte dringend seinen Kameramann.

Zwischenzeitlich waren wir vollauf beschäftigt, unseren Umzug vorzubereiten. Für den Moskauer Zoll mussten endlose Listen erstellt werden, jedes Buch, jede Schallplatte und der gesamte Hausrat mussten beschrieben werden. Alle Möbelstücke, Gemälde, Vasen, Lampen und Wanduhren mussten als Einzelfotos in der Zoll-Akte vorliegen.

Selbstverständlich auch Objekte unserer historischen Foto- und Filmsammlung. Dabei ging es nicht um die Einfuhrgenehmigung. Die wurde leger gehandhabt. Es ging um die spätere Ausfuhr. Alles nicht Beschriebene und Fotografierte musste in der Sowjetunion verbleiben.

Große Sorgen bereiteten uns auch Gegenstände und Waren des täglichen Bedarfs. Achtzig Prozent dessen, was für uns ständig jeder Supermarkt bereit hielt, war in der Sowjetunion überhaupt nicht oder nur sporadisch zu kaufen: Waschpulver, Spülmittel, Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, Körperspray, Toilettenpapier, Haarshampoo, Insektenspray und Strumpfhosen. Nicht zuletzt Katzenstreu und Katzenfutter.

Einige Wochen analysierten wir unseren Monatsbedarf und multiplizierten ihn mal achtundvierzig - für die vier Jahre unserer Vertragslaufzeit. Die Menge an Waren und ihre Bezahlung verursachten Kopfschmerzen. Unsere Ersparnisse reichten nicht aus. Wir mussten einen Bankkredit aufnehmen. Ein benachbarter Supermarkt stellte unseren Vierjahresbedarf auf Paletten abholbereit für die Spedition.
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Weshalb der Aufwand im Voraus?

Alles Mitgebrachte zählte zum Umzug und war zollfrei. Auch unser persönlicher Bedarf, einschließlich der Beförderung durch die Spedition. Spätere Deutschland-Einkäufe wurden vom Zoll mit Einfuhrabgaben belegt. Außerdem hatte die Spedition saftige Kilo-Preise für sogenanntes Beipack, also Waren, die bei fremden Umzügen zugeladen wurden.

Die geballte Last des Umzugs musste meine Frau ertragen. Allerdings mit Hilfe professioneller Speditionspacker. An sieben Tagen verfrachteten drei bis sieben Männer ganztägig alles, was nicht niet- und nagelfest war in Kartons, Kisten und Gestelle.

Ein ans Haus gestellter Lastenaufzug beförderte alles aus dem dritten Stock direkt in den Bauch des Möbelwagens. In den Zollpapieren wurden 564 Packstücke vermerkt. Den Transport begleitete ein gefüllter Ordner. Zum Schluss verschwanden im Bauch des Anhängers unsere zwei Autos - Veras Opel Ascona und mein Ford Granada-Kombi, der als Dienstwagen des Kamerateams für die Dauer meiner Russland-Zeit eingeplant war. Der mehrtägigen Fahrt unseres Besitzes ins zweitausendvierhundert Kilometer entfernte Moskau stand nichts mehr im Wege.
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Mai 1983 - Wir ziehen also um - in die Sowjetunion

In den späten Nachmittagsstunden des 25. Mai 1983 erfolgte mein Landeanflug zu Moskaus internationalem Flugplatz Sheremetjewo. Goldene Sonnenstrahlen beleuchteten die Landschaft. Für mich war das eine freundliche Begrüßung.

Mit Verwunderung sehe ich viele kleine und größere Seen, ein Landschaftsbild, das mich an Anflüge nach Berlin erinnerte. Auf das umständliche Einreiseprozedere bin ich schon vorbereitet. Wie üblich, ist von fünf vorhandenen Schaltern nur einer geöffnet.

An die vierzig Minuten dauert es, bis ich Auge in Auge dem Passkontrolleur gegenüberstehe. Der sitzt in einer Art Schilderhäuschen, das allseitig gegen neugierige Ein- und Ausblicke mit schwarzem Papier abgeklebt ist. Lediglich in Augenhöhe des zu Kontrollierenden ist ein Sehschlitz geöffnet, durch den er mein und ich sein Gesicht sehen kann. Weitere Einsicht ins Kontrollhaus ausgeschlossen.

Unterhalb des Sehschlitzes eine Öffnung, gerade groß genug, den Pass hin und zurück zu schieben. Die russischen Fragen des Uniformierten verstehe ich weder akustisch noch inhaltlich. Offensichtlich erwartet er auch keine Antwort, sondern studiert ausgiebig meinen Pass, mehrmals unterbrochen durch sezierende Blicke in mein Gesicht. Nach etwa fünf Minuten einige klirrende Stempelgeräusche, danach kommt mein Pass zurück. Seh- und Passschlitz werden erst einmal geschlossen. Wahrscheinlich wird mein Fall jetzt endgültig abgewickelt.

Inzwischen dreht ohne Koffer und Taschen das Gepäckband Runde um Runde. Doch ein Wunder. Schon nach dreißig Minuten erscheinen erste Packstücke. Wer seinen Kram hat, läuft schnell zur Zollschlange, um einen der vorderen Plätze zu ergattern. Obwohl alles durch die Röntgenanlage läuft, müssen die Gepäckstücke geöffnet und durchsucht werden.
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Zum Glück - mein Pass enthält ein privilegiertes Visum

Gleichzeitig wird noch einmal der Pass kontrolliert und nach „woher, wohin und warum" gefragt. Bei mir geht es schneller. Mein Pass enthält ein privilegiertes Visum, das sogenannte „Mnogokratnaja", das zur ständigen Ein- und Ausreise berechtigt.

Normale zwei Stunden nach der Landung sehe ich in der Ankunftshalle einen Mann mit dem Schild „Romboy, WDR". Auf der langen Fahrt in die Innenstadt versucht Fahrer Genia, mich zu befragen und auf Interessantes entlang der Fahrtroute aufmerksam zu machen.

Natürlich in der einzigen Sprache, die er kann: Russisch. Eine Sprache, die ich, wie ich feststellen musste, weder spreche noch verstehe. Meine vier Wochen Russischunterricht im Bochumer Internat waren fern jeder Alltagsrealität.

Im Seminar „Umgangssprache" hatte ich den Satz geübt „Ich möchte Sie zu meinem Geburtstagsempfang einladen". Außerdem konnte ich verstehen und beantworten, warum Flugzeuge bisweilen das Zeichen des weißen Eisbären tragen. Es sind Polarflüge. Am besten beherrschte ich in Wort und Widerwort die Szene in einer Schulklasse mit der Möhre.

Sascha wird von der Lehrerin aufgefordert, das Wort Möhre an die Tafel zu schreiben. Auf die Frage der Lehrerin, ob Saschas Beschriftung stimme, wurde das von Tanja verneint. Hier fehlt das „Mjagkij Snak", das „ Weichheitszeichen".

Genia wollte mir seine Stadt vorstellen und mich fragen, warum und wie lange ich in Moskau arbeiten will. Er hätte nicht begriffen, weshalb ich ihn zur Geburtstagsfeier im Polarflieger einladen will und was in Beziehung von ihm zu mir das Weichheitszeichen in der Möhre bedeuten soll.
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Unser erster Wohnort.

Wegen meiner "Sprachlosigkeit" war ich froh, als er mich am Hotel absetzte. Zuerst allein, später mit Vera, wohnten wir bis zur Möblierung unserer Wohnung im Hotel Ukraina. Mit einer Höhe von 198 Metern war das Ukraina bis 2001 das höchste Hotel Europas.

Neben über tausend Hotelzimmern existierten im Gebäude auch Wohntrakte. Das Hotel war eines der sieben Hochhäuser, die Stalin, auch als Zeichen des Sieges, durch deutsche Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zwischen 1946 und 1958 in Moskau errichten ließ und die bis über das Ende der Sowjetunion hinaus die Skyline von Moskau beherrschten.
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Eine „Wachhabende" oder eine „Dienstleistende"

Bei meinem Einzug 1983 war das Haus voller stalinistischem „Charme". Neben großen Bronze-Kronleuchtern zierte die Empfangshalle ein Deckengemälde, das glückliche Ukrainer und Ukrainerinnen mit den Agrarschätzen ihres Landes in Siegesstimmung zeigte.

Offensichtlich hatten seit der Eröffnung vor über zwanzig Jahren keine Renovierungen stattgefunden. Der Hotelgast wurde mit schäbiger Eleganz konfrontiert. Zwischen Lift und Zimmerfluchten kontrollierte auf jeder Etage, an einem Schreibtisch sitzend, eine „Diensthabende", die „Deshurnaja". Sie war verantwortlich für die Einhaltung der sozialistischen Hotelvorschriften und verstand sich als „Wachhabende", nicht als „Dienstleistende".

Allerdings war sie bereit, Tee zu kochen und hielt einen kleinen Vorrat an „Mineralnaja Voda" bereit. Böse Zungen sagten den „Deshurnajas", es waren immer gut genährte Mütter zwischen fünfzig und sechzig Jahren, nach, bei ihnen könnte man auch zum Schwarzkurs Geld tauschen und im Austausch gegen zwei Strumpfhosen Bettgefährtinnen vermittelt bekommen. Doch bei solchen Behauptungen konnte es sich um antisowjetische Propaganda gehandelt haben. Ich habe es nicht testen können.

Die russische Moral für Ehepaare im Hotel

Meine Frau hatte es versäumt, Strumpfhosen in meinen Koffer zu legen. Stattdessen beendete sie mein Single-Dasein, indem sie bei mir einzog. Das führte zu Komplikationen. Der „Deshurnaja" war es nicht entgangen, dass plötzlich eine junge hübsche Frau in meinem Hotelzimmer war. Sie klopfte energisch um mitzuteilen, nur Hotelgäste dürften im Ukraina übernachten.

Als Vera ihre Hotelkarte zeigte, erfolgte nach einer kurzen Entschuldigung der Hinweis, sie müsste nach 22.00 Uhr ihr eigenes Hotelzimmer aufsuchen. haatten wir das nicht schonmal in Finnland ?

Doch unsere Hotelkarten zeigten denselben Namen. Das genügte ihr als Ehepaar-Nachweis. Nach unzähligen Entschuldigungen verließ sie unser Zimmer.

Zwanzig Minuten später erneutes Klopfen. Vor unserer Tür stand sie, bewaffnet mit einem Bettgestell, Matratzen und Bettzeug. Alle Einreden waren zwecklos. In unserem großen Hotelzimmer wurde ein zweites Bett aufgebaut. Ihre Erklärung: Sie ließe sich im Ausland nicht nachsagen, dass Ukraina-Hotelgäste gezwungen würden, in einem Bett zu schlafen.
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Das ARD-Studio - Bereich Fernsehen - in Moskau

Der Erstwohnsitz im Hotel Ukraina war für mich ideal. Nur durch den sechsspurigen Kutusowskij-Prospekt - der morgendlichen Rennstrecke der Generalsekretäre - getrennt, lag gegenüber in Sichtweite mein Arbeitsplatz, das ARD-Studio Moskau.

Das bestand aus sechs Räumen in einem vergammelten Gebäudekomplex, erbaut in den 19fünfziger Jahren. In der zweiten Etage, in kleineren Räumen, residierte der ARD-Hörfunk mit dem Vorteil, er war mühelos zu Fuß zu erreichen.

Wir Fernsehleute waren auf einen altersschwachen Lift angewiesen, der öfters streikte. Häufig mussten wir unsere Kamerakoffer zu Fuß in die zwölfte Etage schleppen oder runter auf den von der Miliz kontrollierten und bewachten Großparkplatz für Ausländer.

Unsere Studio-Wohnung umfasste maximal hundert Quadratmeter und wurde folgendermaßen genutzt:

  • Raum 1: Korrespondent nebst Sekretärin,
  • Raum 2: Schneideraum,
  • Raum 3: Ansagestudio,
  • Raum 4: Kamera- und Tontechnik,
  • Raums5: Studioleiter nebst Sekretärin,
  • Raum 6: Kaffee-Küche.

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Und wir hatten sogar einen eigenen Fernschreiber

Und natürlich war auch ein stilles Örtchen vorhanden. Alle Räume mündeten in einen bis zur Decke vollgestellten Korridor. Dort stand auch unser Fernschreiber als einzige verlässliche Verbindung nach Deutschland.

Auf Tastendruck konnten wir Köln und Köln uns anschreiben. Es dauerte mitunter Stunden, bis angemeldete Telefongespräche nach Deutschland freigeschaltet wurden. Alle aus Moskau kommenden Bilder wurden (bis jetzt) auf 16mm-Filmstreifen belichtet, zum Sowjetischen Fernsehen gebracht, dort entwickelt und abgeholt, um bei uns geschnitten und vertont zu werden.

Der sendefertige Beitrag wurde wieder zum Sowjetischen Fernsehen nach Ostankino gebracht, um von dort, umgewandelt in ein TV-Signal, nach Hamburg überspielt zu werden.
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Bis zum Juni 1983 wurde noch mit 16mm gefilmt

Erst im Juli 1983 standen uns für die aktuelle Berichterstattung eine elektronische Kamera und ein Schnittplatz zur Verfügung. Wir arbeiteten mit dem neuen Magnetbandverfahren U-matic Highband. Doch auch nach dieser Hightech-Umstellung konnten wir nur aus den Räumen des Sowjetfernsehens senden, und zwar bis in das Jahr 2000.
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Nicht zeitgebundene Filme wurden nach wie vor nach Hamburg oder Köln per Flugzeug versandt.
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Wir waren zu dritt - also 3 Deutsche

Als ich nach Moskau kam, gab es im Fernsehbereich drei akkreditierte deutsche Mitarbeiter. Lutz Lehmann als Korrespondent und Studioleiter, Dr. Peter Bauer als Korrespondent und mich, den Kameramann.

Alle anderen Mitarbeiter, Dolmetscherinnen, in Personalunion Sekretärinnen, Fahrer, Tontechniker, Cutterin, Köchin und Putzfrau waren Ortskräfte. Zeitweilig gab es auch, zu meiner Entlastung, einen russischen Kameramann. Obwohl wir die russischen Kollegen bezahlten, waren sie Angestellte des UPDK, einer Behörde, die dem Inlandsgeheimdienst KGB unterstand. Ortskräfte mussten wir dort beantragen. Es dauerte mitunter Monate, bis jemand eintraf. Lehnten wir den oder die Geschickte ab, wurden wir mit längerem Personalentzug „bestraft".
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Damit war der KGB überall dabei

Als KGB-Leute sollten sie uns bespitzeln, aber auch hier galt die normative Kraft des Faktischen. Die tägliche Zusammenarbeit machte sie zu normalen Kollegen. Auf Reisen verbrachten wir Tage und Nächte miteinander, teilten Freud' und manchmal Leid und des öfteren den Inhalt mancher Wodka-Flasche. Außerdem hatten wir ständigen Zugriff zu Devisen und Westwaren.

Und so kam es zu so grotesken Situationen, daß sein KGB-Offizier bei unserem Fahrer als Geburtstagsgeschenk für seinen Großvater Angelzeug bestellte. Aufspuler, Nylonschnur und Blinker konnten wir ohne Probleme aus Köln besorgen. Nach der Wende, gegen 1991, hat unser Studio keine seiner alten (KGB-) Ortskräfte entlassen.
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Mein erster Dreh am 26.Mai 1983 - und unsere 4 Katzen

Am 25. Mai in Moskau angekommen, folgte schon am 26. mein erster Dreh. Firmen aus der Bundesrepublik veranstalteten eine Automatenausstellung, die durch Baden-Württembergs Ministerpräsident Späth eröffnet wurde.

Am Freitag, den 3. Juni, massive Auseinandersetzung mit den Flughafenbehörden. Zwei unserer vier Katzen waren am Abend als Fracht mit der Lufthansa angekommen. Die Ausgabe wurde verweigert, die zuständige Veterinärin sei erst am Montag verfügbar. Übers Wochenende sollten die Miezen Peter und Felix unversorgt in der Frachthalle stehen bleiben. Letztendlich konnte Genia sie loseisen und in unsere Wohnung bringen. Sie waren dort die ersten Übernachter. Mulle und Robby, von Vera begleitet, landeten einen Tag später. Die Katzenbande und die Familie waren wieder komplett. Zum Füttern konnte Vera, bei mir im Hotel wohnend, zum Kiewer Bahnhof laufen und mit der Metro zur Station Jugo-Sapadnaja fahren. Unsere Möbelwagen hatten Moskau erreicht, hingen allerdings beim Zoll fest.

Am 8. Juni konnte Vera bei den Zollbehörden die Unterschriften zur Zollfreigabe der 564 Packstücke leisten. Liste um Liste, Foto um Foto benötigten den Einfuhrstempel. Das war der Zollfrau zu viel Arbeit. Sie drückte, begleitet von einem freundlichen „Paschalusta" (bitte), Vera den Stempel in die Hand. Mit ihrem Stempelaufdruck erteilte Vera ungeprüft die Einfuhrgenehmigung.
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Eine mittlere Katastrophe : Kater Felix war verschwunden

Zwei Tage dauerte das Ausladen einschließlich der Montage der Möbel. An jeder freien Stelle unserer Wohnung türmten sich Umzugskartons, die leider schlecht beschriftet waren, also mit „Hausrat, Sonstiges und kleines Zimmer". Suchten wir Bettzeug, erschienen Schallplatten, suchten wir Frühstücksgeschirr, stießen wir auf Fotokameras und statt Katzenfutter fanden wir Jugendstilvasen.

Beim Auspacken musste Vera auf meine Hilfe, jedenfalls tagsüber, verzichten. Zu unserer Wohnung gehörte auch ein ehemaliges Badezimmer, das wir zum Lager für Haushaltswaren umfunktioniert hatten. In der Umzugsphase diente es als Katzenzimmer und war ständig verschlossen.

Wie auch immer, bei einer abendlichen Fütterung fehlte Kater Felix. Wir beschuldigten uns gegenseitig, unachtsam mit der Tür umgegangen zu sein, durchsuchten jeden noch so unwahrscheinlichen Winkel der Wohnung, Felix blieb weg. Im Hin und Her des Umzugstrubels musste er ins Treppenhaus und irgendwann ins Freie gekommen sein. Ohne große Hoffnung verteilten wir dreisprachige Fahndungszettel mit dem Felix-Bild.

Auch die unser Haus bewachenden Miliz-Polizisten suchten mit, ohne Erfolg. Hinter unserem Haus verlief eine der großen achtspurigen Ausfallstraßen. Wenig Chancen für das Katerchen zu überleben. Die folgenden Tage trauerten wir um Felix, den der Umzug wahrscheinlich das Leben gekostet hatte. Mitten in der Nacht weckte mich herzerweichendes Miauen. Ich lief zum Katzenzimmer. Robby, Peter und Mulle schliefen. Das Klagen kam aus der verschlossenen Toilette. Dort saß, abgemagert und voller Spinnweben, Kater Felix. Als verlorener Sohn gefeiert, durfte er eine Büchse Thunfisch verschlingen. Selig schnurrend konnte er im Elternbett einschlafen.

Hatte er sich in die abgeschlossene Toilette gebeamt? Doch hinter der Kloschüssel gähnte ein Loch im Durchmesser eines Schuhkartons, daneben ein Kunststoffdeckel. Ein solches Mauerloch fanden wir danach auch im Katzenzimmer. Die gesamte Etage des Plattenbaus war durch diese Stollen miteinander verbunden. Darin lagen Strom-, Telefon-, Wasser- und Abwasserröhren. Einmal unterwegs, war es für Felix schwierig, den Ausgang dieses Irrgartens zu finden. Doch: Ende gut, alles gut.
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Russland, der Wodka und ich

Einer der Gründe, aus denen der WDR mich nach Moskau geschickt hatte, war meine allseits bekannte Alkoholabstinenz. In Richtung Wodka war es dort zu Schwierigkeiten mit meinen Vorgängern gekommen. In der Tat, Alkoholisches war mir fremd. Bier schmeckte für mich einfach nur bitter. Schnäpse brannten im Mund und machten schwindelig, depressiv, und zu mehreren genossen, lösten sie Übelkeit und schlimme Kopfschmerzen aus.

Als Sechzehnjährigen hatten mich aus Spaß einmal Arbeitskollegen abgefüllt, wie man das damals nannte. Musste ich in Gesellschaft Bier trinken, blieb es bei einem Glas. Wurde mir zum Anstoßen ein Klarer in die Hand gedrückt, nippte ich daran, bis ich ihn unbeobachtet in die nächste Zimmerpflanze kippen konnte.

Etwas lockerer zeigte ich mich nur in Damengesellschaft. Bestellte im Restaurant als Aperitifs Martini rouge oder Sherry medium. Wurde es etwas intimer, durfte es auch mal eine Flasche Asti Spumante sein. Selbst im Kölner Karneval schunkelte ich nicht mit dem Kölsch-Glas in der Hand. Bei mir war immer Coca-Cola drin. Ich hatte gelernt, dafür ohne Betroffenheit Spott zu ernten. Hey, Mr. Coca-Cola! Manche persiflierten, dass meine Flucht aus der Ostzone wegen fehlender Coca-Cola erfolgt sei.
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Siebenhundert Kilometer nach Leningrad

Schon einige Tage nach meiner Moskau-Ankunft musste ich mit dem Zug ins siebenhundert Kilometer entfernte Leningrad fahren, weil dort deutsche Kunst ausgestellt wurde. Nachdem wir im Luxuszug „Krasnaja Strela" (Roter Pfeil) unsere umfangreiche Filmausrüstung verstaut hatten, rollte gegen Mitternacht unser Zug aus dem „Leningradskij Voksal" heraus, dem Leningrader Bahnhof in Moskau. Immer eine feierliche Ausfahrt.

Über die Lautsprecheranlage ertönte die im Zweiten Weltkrieg von Dunajewski komponierte Hymne „Dorogaja moja Stoliza" - Meine liebe Hauptstadt. Bei der „Deshurnaja", der „Diensthabenden", besorgte mein Assistent Genia zwei Wassergläser, die er auf den Klapptisch unseres Zweibetten- Schlafwagenabteils stellt, dazu einen Henkelkorb, der nach Entfernung eines Tuches seinen Inhalt preisgab. Neben einer Wodkaflasche standen ein Glas Salzgurken und viele Scheiben wundervollen Roggenbrotes.

Zu dreiviertel gefüllt waren unsere Zahnputzgläser, als Genia nach seinem Trinkspruch „Sa nascha Druschba" - Auf unsere Freundschaft - mein Glas antippte. Natürlich, ich, der Angesprochene, musste als Erster austrinken. In diesem Augenblick war mir klar, hier geht es um unsere Zusammenarbeit in den nächsten vier Jahren, also sofort alles in den Rachen.

Als mir die Luft wegblieb, schob er eine Salzgurke nach, dann kaute ich, wie er, trockenes Brot. Es gab auch Sprudelwasser. Kaum hatte ich das erste Glas überlebt, kam die Frage, ob ich meine Frau liebe und wie ihr Vorname sei.
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Und noch ein Glas Wodka

Das nächste Glas ging „Sa Veru". Erst am Vortag hatte er zwei unserer Katzen aus dem russischen Zoll befreit. Es lag für ihn und für mich auf der Hand, auf deren Gesundheit ein Gläschen zu leeren. Wie waren doch gleich die Namen der anderen zwei Katzen? Zu meiner Rettung hatte ich inzwischen die Initiative als Mundschenk ergriffen.

Sein Glas war dann immer randvoll und meins nur zu einem Viertel gefüllt. Unter dem sich wiederholenden „rattata rattata" der Wagenräder unseres Waggons sind wir irgendwann eingeschlafen. Als ich erwachte, zogen am Abteilfenster die ersten Leningrader Häuser vorbei. Es war schwer, Genia zu wecken. Natürlich war er verkatert. Beim Blick auf die leere Wodkaflasche fragte er mich, warum ich so verdammt viele Katzen hätte. Zwei hätten doch genügt.
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Meine Russen und der Wodka, das war ein Kapitel .....

Meine Russen und der Wodka, das war ein Kapitel, das alle betraf. In der russischen Männergesellschaft war er so selbstverständlich wie bei den Münchnern das Bier, den Wienern der Wein oder den Briten der Tee. Anlässe, ihn zu trinken, gab es immer. Fehlte er, war das nur die halbe Miete.

Ob Hochzeit oder Beerdigung, ohne Wodka konnte keine Stimmung aufkommen. Aber tagsüber hatte ich zwar öfters mit Beschwipsten, doch selten mit Angetrunkenen zu tun. Fast nie mit Betrunkenen. Die waren dem Abend vorbehalten. Die meisten schienen in diesem Zustand mit sich und der Welt zufrieden und guter Stimmung.
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Zwei Beispiele

Unvergessen zwei höhere Offiziere, die wie ich von der Metro Jugo-Sapadnaja zum Leninski] gingen und voll wie eine Haubitze immer wieder in den Schnee fielen, danach ihre Mützen suchten, um sie sich gegenseitig falsch aufzusetzen. Ihr Zustand hinderte sie nicht daran, ein altes Kinderlied zu lallen.

Nur die Männer? Nach beendeten Filmaufnahmen in einer Moskauer Schule bat die Direktorin uns zu einem kleinen Empfang ins Lehrerzimmer. Wir waren seltene Gäste, also wurde aufgetischt. Verschiedene Salate und üppig belegte Brote. Auch zwei Sektflaschen standen dekorativ zwischen einigen Wodka- und Sprudelwasserflaschen.

Versammelt waren über zwanzig Damen, das sowjetische Erziehungswesen war in Frauenhand. Jede hob ein halb mit Wodka gefülltes Wasserglas. Die Trinksprüche kamen von der Frau Direktor. Zuerst auf den Weltfrieden, dann folgte die Freundschaft zwischen den Völkern, die der Sowjetunion mit Westdeutschland und so fort. Als wir bei der Freundschaft der Moskauer Schüler mit dem Deutschen Fernsehen ankamen, waren nicht nur die Gläser, auch alle Wodkaflaschen geleert.
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Ich mußte nachhause fahren

Aber ich, halb voll, und mein russischer Fahrer Tolja, voll. Er bat mich, zum Studio das Steuer zu übernehmen. Als Akkreditierter wäre mein Risiko, den Führerschein zu verlieren, kleiner als seins.

Wenn wir allein in unserer Wohnung waren, floss kein Tropfen Alkohol. Doch ich hatte gelernt, aus der Tugend meine Not zu machen und fügte mich den Landessitten. Nach ein bisschen Übung wurde es von Mal zu Mal leichter.

Mit dem Wodkaglas in der Hand und sogar einem russischen Trinkspruch wie „Die Arbeit ist kein Bär, sie verschwindet nicht im Wald" war ich Kollege unter Kollegen, erhielt, wo nötig Hilfe, aber half auch wenn nötig.
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Die ,ARD-Jesik' - ARD-Sprache

Das ARD-Studio profitierte von meinen unkonventionellen Kontakten. Unter der Hand machte ich des öfteren Verbotenes möglich. Große Probleme machten mir, besonders im Anfangsjahr, meine Sprachdefizite. Beim abendlichen Umtrunk bei einer Auswärtsreportage hörte ich, wie nach dem dritten Glas unser örtlicher KGB-Betreuer meinen russischen Assistenten in Bezug auf mich fragte:

„Hallo, Genosse Tonmann! Dein Ausländer, kann der unsere Sprache?" Die Antwort: „ Wie mein Hund. Er versteht alles, aber wenn er spricht, klingt es wie Wauwau Wauwau." „Doch wie sprecht Ihr dann miteinander?"„Ohne Schwierigkeit. In deutsch-russischem Wortsalat. Den nennen wir nach unserer Firma: ,ARD-Jesik' - ARD-Sprache."
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Verwirrspiel um einen Luxuskoffer

Am 27. Juni 1983 begannen im Gästehaus der Sowjetregierung an den Leninbergen deutsch-sowjetische Wirtschaftsgespräche, von deutscher Seite hochkarätig besetzt. Neben vielen wichtigen Industrievertretern mit Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff und dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, Wolffvon Amerongen.

Hinter einer dicken Absperrkordel vor dem Eingang zum Tagungssaal langweilte ich mich mit einigen wenigen ausländischen Journalisten, während hinter verschlossenen Türen um Wirtschaftsvorteile gepokert wurde. Stundenlanges Warten war schon immer Bestandteil der Fernsehberichterstattung.

Erst nach Konferenzschluss konnten Bilder der Teilnehmer geschossen oder Erklärungen aufgenommen werden. Als sich wieder einmal die Saaltüren für eine Kaffee- oder Rauchpause öffneten, wurde ich von einem mir unbekannten Russen überschwänglich begrüßt.

„Guten Tag Manfred, wie geht es Ihnen und Ihrer Frau. Was machen die Katzen? Stehen die Möbel schon?" Mit den Worten „Ihre Kamera kann liegen bleiben" öffnete er die Absperrkordel und führte mich in den verrauchten Konferenzsaal.

Während wir auf und ab gingen, boten uns Mädchen mit weißen Spitzenschürzen Kaffee und Schnittchen an. Er sei Beamter des sowjetischen Außenministeriums und Freund des vor kurzem abgereisten ARD-Korrespondenten Harald Brand. Der hätte mich ihm empfohlen.
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Vor uns auf dem Tisch lag ein geschlossener Alu-Koffer

Wir standen, nicht zufällig, am Platz des Präsidenten Wolffvon Amerongen, dessen geschlossener Alu-Koffer vor uns auf dem Tisch lag. Ich wurde ermuntert, den schönen Koffer anzusehen und danach befragt, ob mir die Marke bekannt wäre. Ich musste nein sagen. Er: „Dann gehen wir nochmal hin." „ZERO Halliburton" konnte ich lesen. Mit dem Glockenklang des Pausenendes führte er mich zurück zu meiner Kamera und fragte, ob ich ihm einen solchen Alu-Koffer besorgen könne.

Studioleiter Lehmann wunderte sich über meine vertraulichen Kontakte zu wichtigen Sowjetleuten und ermunterte mich, den Koffer zu beschaffen. Der Auftraggeber wäre der Entscheider bei unseren Anträgen für Reisen innerhalb der Sowjetunion. Auf meine Frage, wer das sicher einige hundert DM kostende Prachtstück bezahlen würde, erwiderte Lehmann: „Die Studiokasse. Der Mann ist wichtig für unsere tägliche Arbeit." Als wir in zwei luxuriösen Koffer/Taschen-Geschäften nachfragten, erhielt unser Beschaffungseifer in Köln einen Dämpfer, japanische „ZERO Dural"-Aluminiumkoffer, genannt Pilotenkoffer, gebe es nur im Dreierset gegen Vorkasse. Lieferzeit: drei Monate.
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Ich ergatterte solch einen Koffer - kurz vor dem Abflug

Im März 1984 waren wir für wenige Tage im Herstellerland. Auch in Tokios Luxusmeile „Gin-sa" wurde uns erklärt, unbestimmbare Lieferzeit. Monat um Monate verging. Einige Male im Jahr, nur bei Pressekonferenzen im Außenministerium, fragte mich unser „Koffergenosse" nach dem Prachtstück. Ich sprach von Schwierigkeiten, aber dass ich dranbleiben würde. Nach dem vierundachtziger Weihnachtsurlaub hasteten wir durch die endlosen Gänge des Frankfurter Flughafens.

Für unseren Moskau-Flug ertönte schon die Einsteigeaufforderung, als ich das blinkende Stück unserer Sehnsucht in einem Schaufenster erblickte und in den Laden stürmte. Vera schrie: „ Wir verpassen die Maschine!" Der verdutzten Verkäuferin drückte ich die American Express-Karte in die Hand, nahm Rechnung und Koffer und sprintete meiner Vera hinterher. Aus den Lautsprechern kam „letzter Aufruf für die Passagiere Vera und Manfred Romboy".

Auf den letzten Drücker erreichten wir die Maschine und ließen uns außer Atem in die Sitze fallen. „Vera, schau ihn an. Ich habe den ,ZERO'." Sie fragte nach dem Preis. Ich gab ihr die Kassenbelege. Sie war verblüfft. „Ein dicker Hund, tausendzweihundert DM." Ich beschwichtigte. „Zahlt die WDR-Studiokasse. Nicht unser Problem."
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Unser zu beschenkender Kontaktmann war verschwunden

Unsere Sekretärin Inessa sollte im Außenministerium meinen „Koffergenossen" auffordern, mich in einer offiziellen Studioangelegenheit anzurufen. Sie erfuhr, es gebe nur seinen Nachfolger. Er sei versetzt worden. In der damaligen Sowjetunion ausgeschlossen, zu ihm Kontakt zu suchen. Beim Studioleiter Lehmann wollte ich die tausendzweihundert DM für den Koffer kassieren.

Er bat mich um Verständnis, dass er für ein Geschenk an einen Mann, der uns nicht mehr nützen könne, kein WDR-Geld verwenden dürfe. Zutiefst frustriert wickelten wir den „ZERO" in ein Frottierhandtuch. Fortan wartete er in unserem Kleiderschrank auf eine sinnvolle Auferstehung.

Drei Jahre später zerbrach bei einem Glatteis-Sturz der Handgriff meines Aktenköfferchens. Vierzig DM hatte es seinerzeit bei Karstadt gekostet. Ich bat Vera, über den Auslandskatalog Finnland einen neuen zu ordern. Stattdessen legte sie mir den prächtig blinkenden „ZERO" auf den Tisch mit den Worten: „Niemand wird uns den jemals abkaufen. Am besten, es wird deiner." Eine richtige Entscheidung.

In den letzten vierunddreißig Jahren hat er mich durch die Zeit und die Welt begleitet. Wir wurden unzertrennliche Freunde. Während ich das schreibe, liegt er neben mir, wie damals, 1983, sein Bruder vor Wolffvon Amerongen. Einige Beulen und Schrammen zeugen an ihm wie bei mir von der vergangenen Zeit.
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Juli 1983 - Umstellung auf Videotechnik Made in Japan

In den Studioräumen wartete Arbeit über Arbeit. Als besondere Belastung erwies sich erwartungsgemäß die Studio-Umstellung auf Elektronik. Zwei Techniker aus Köln waren zur Montage des neuen Schnittplatzes nach Moskau gekommen, in dessen Bedienung ich eingewiesen werden musste.

Der Aufbau des nun elektronisch gewordenen Ansageplatzes war weitgehend mein Ressort. Gleichzeitig drehte ich für den Korrespondenten Lutz Lehmann an einem 16mm-Film über Moskaus Gorki-Straße. Der Juni war für mich kein Faulenzermonat.
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Mit dem Bundeskanzler auf dem Roten Platz

Auch der Juli 1983 versprach wenig Freiräume. Für den 4. Juli war der Antrittsbesuch des Bundeskanzlers Kohl beim neuen Generalsekretär Juri Andropow, dem Amtsnachfolger Breschnews, angesagt.

Kohl wurde vom Bonner Studio-Chef Friedrich Nowottny begleitet, der mit eigenem WDR-Team angereist war. Doch viele Ereignisse wurden von mir wahrgenommen.

Das Bonner Filmteam filmte Kohls Kranzniederlegung an der Kreml-Mauer. Mein Assistent und Fahrer Genia Boltrunas, er fuhr meinen Sechszylinder-Ford Granada mit dem gelben russischen Ausländerkennzeichen, K für Korrespondent und 002 für Bundesrepublik, wartete mit mir im stadtnahen Lublino auf die Kanzlerkolonne.

Dort existierte der einzige Friedhof für deutsche Kriegsgefangene. Deutsche Politiker legten seit einigen Jahren auch hier einen Kranz nieder. Für mich, den einzigen Kameramann vor Ort, Routinearbeit.

Kohl mit Frau die Inschriften der verwitterten Beton-platten lesend und Bilder von einzelnen Grabstätten. In meiner Arbeit störte mich Kohls Referent mit dem Tipp, der Kanzler würde entgegen des Protokolls anschließend zu Fuß über den Roten Platz spazieren. Wäre doch eine kleine Sensation für die ARD, war von ihm zu hören.
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Mit einem Trck in die Kolonne Kohls geschummelt

Aber wir hatten weder die Nummerierungstafel für die Reihenfolge des Lindwurms der Begleitfahrzeuge noch eine andere Berechtigung. Der waghalsige Genia wusste Rat. Auf einer verwahrlosten Wiesen fläche warteten die Fahrer Zigaretten rauchend auf die Rückfahrt. Genia rangierte uns in Höhe des Kofferraums des Kanzler-Mercedes. Als die Motoren anliefen, stand ich auf dem Beifahrersitz.

Mit geschulterter Kamera schnellte ich wie der Teufel aus der Spielzeugkiste aus dem Schiebedach, die Kamera auf den Kanzlerwagen gerichtet. Genia zwängte sich in die Lücke und so fuhren wir bei strahlendem Wetter filmend die zwanzig Minuten zum Roten Platz. Ein-, zweimal drehten sich die Kohls nach meiner Kamera um. Über den Roten Platz ging der Bundeskanzler, den Kreml und das Lenin-Mausoleum betrachtend, unter häufigen „Helmut, Helmut"-Rufen zahlreicher DDR-Touristen. Als einziger Kameramann war ich dabei, exklusiv für das ARD-Studio Moskau.

Und beinahe wäre geschossen worden

Am nächsten Tag bereitete ich das Resume-Interview Friedrich Nowottnys vor. Kohl wohnte im Gästehaus der Sowjetregierung auf den Lenin-Bergen. Während des Vorgesprächs, das Nowottny mit Kohl führte, sprach mich Hannelore Kohl an: „Als Sie gestern ohne Erlaubnis hinter unserem Wagen fuhren, wollten die Russen Sie abschießen. Doch mein Mann, nach einem Blick durchs Rückfenster, ließ dem russischen Begleitkommando sagen "Der ist von uns, den brauchen wir gleich auf dem Roten Platz".
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„Friedenstäubchen" Samantha Smith

Einen Tag später, am 7. Juli 1983, teilte mir Peter Bauer sein neues Filmthema mit. Eine zehnjährige Amerikanerin habe dem neuen sowjetischen Staatsführer einen Brief geschrieben mit der Frage, warum Amerikas Kinder sich vor einem Atomkrieg fürchten müssten. Und was er tun würde, einen solchen zu verhindern.

Jurij Andropow habe daraufhin die Kleine und ihre Eltern, Lehrer, die der linken Friedensbewegung der USA nahestanden, zum Besuch der „friedliebenden Sowjetunion" eingeladen. Ein gefundenes Fressen für die Sowjetpropaganda.

Begleitet von russischen und ausländischen Fernsehkameraleuten, zu denen auch ich gehörte, konnte sich Samantha an allen möglichen Plätzen Russlands von der „Friedensliebe" der Sowjetbürger und natürlich auch ihrer Regierung überzeugen.

Samantha war nicht nur liebenswürdig und offenherzig, sie war auch eine kleine Schönheit. Eine Freude, sie vor meiner Kamera zu haben.

Eine junge Amerikanerin im Pionierlager

Mit Peter Bauer begleitete ich sie beim obligaten Gang über den Roten Platz und flog nach Jalta auf der Krim, um ihre Tage im Pionierlager Artek zu filmen. Am 15. Juli drehten wir sie tanzend, singend und klatschend im Leningrader Pionierpalast und zwischen den Wasserspielen des Schlosses Petershof.

Ihrem „Einlader", dem Generalsekretär Andropow, war sie nicht begegnet. Schon schwer krank, starb er wenige Monate später. Am 21. Juli 1983 waren wir mit der Friedensbotschafterin, wie sie inzwischen genannt wurde, zur Abschlusspressekonferenz auf dem Flugplatz Sheremetjewo.

Für die Sowjetunion ein großer Propagandaerfolg, der ihren blutigen Krieg in Afghanistan in den Presse-Hintergrund drängte. In den USA wurde Samantha Smith ein Medienstar, schrieb ein Buch über die Sowjetunion und wurde Schauspielerin einer Fernsehserie.
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Das traurige Ende von Samantha Smith

Auf dem Rückflug von Dreharbeiten verfehlte der Pilot des Charterflugzeugs die Landebahn. Samantha, ihr Vater und vier weitere Menschen starben. Sie war an diesem 25. August 1985 gerade einmal dreizehn Jahre alt.

Jung stirbt, wen die Götter lieben? Meine russischen Freunde und Kollegen waren überzeugt, dass der amerikanische Geheimdienst sie damit für ihren Sowjetunion-Besuch bestraft hätte. Außer einem Berg wurde in der Sowjetunion ein Schiff nach Samantha Smith benannt. Eine Sonderbriefmarke zeigte ihr Bild.

Die zu ihren Ehren im State Maine errichtete Bronzestatue - Samantha hält in ihren Kinderhänden die Friedenstaube, zu ihren Füßen ein kauernder russischer Bär - wurde von Bronzedieben gestohlen und eingeschmolzen.

Heute, nach über dreißig Jahren, gibt es kaum jemanden, der sich an Samantha erinnert. Doch das Gesicht der kleinen Träumerin, die in Leningrad tanzend das Lied „Immer lebe die Sonne, immer lebe der Himmel, immer lebe die Mutti und auch ich immerdar" sang, werde ich nicht vergessen.
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Sept. 1983 - Zuhause in Moskau

Nach zwei aufregenden und arbeitsreichen Monaten konnten wir mit Fug und Recht behaupten, in Moskau angekommen zu sein! Unsere Wohnung lag 25 Autominuten vom Studio entfernt am Leninskij-Prospekt 148 im 15. Stockwerk eines Plattenbaus, der eingezäunt und von Miliz-Posten bewacht war. In diesem Ausländerkomplex, zu dem auch ein Parkplatz gehörte, waren wir froh über die ständige Polizeipräsenz. Wenn es in Moskau Begehrliches für Einbrecher zu holen gab, dann bei den Ausländern und ihren Autos.

Aus unserer Wohnung war unter Veras Händen ein Heim geworden. Von beiden Balkonen leuchteten die Farben der Sommerblumen. Zwei Autos waren angemeldet. Wir waren im Besitz russischer Führerscheine und bei Moskaus Finanzamt eingetragen. Vorher war mir im Rahmen einer kleinen Tee-Zeremonie in Moskaus Außenministerium mein Akkreditierungsnachweis, die„Kartotschka", überreicht worden verbunden mit der Bitte, dass meine Bilder aus der Sowjetunion wahrhaftig sein sollten.
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Im ARD-Studio gab es Krieg - offensichtliche Rivalitäten

Meine Arbeitsfreude im Studio wurde getrübt durch die offensichtliche Rivalität zwischen Studioleiter Lehmann und dem Korrespondenten Peter Bauer. Obwohl Tür an Tür, erfolgte der Meinungsaustausch per Brief.

Lehmann: „Peter, wenn du es noch einmal wagst, der Tagesschau zu sagen..." Bauer: „Lutz, ich verbitte mir jede Art von Reglementierung und werde..." Soweit intern.

Extern per Fernschreiben an den WDR beschuldigten sich beide gegenseitig der Störung des Betriebsfriedens. Bei einem Tagesaufenthalt in Köln wurde ich zum Chefredakteur und Auslandschef bestellt, um den Schuldigen zu benennen. Das hätte mir gerade noch gefehlt!

Als Krönung äußerten beide auch noch ihre Enttäuschung über mein Verhalten und dass sie davon ausgegangen waren, meine Anwesenheit in Moskau würde ausgleichend wirken. Absurd. Meine langjährige Bauer-Bekanntschaft empfand Lehmann als Seilschaft. Ergaben sich Überschneidungen von Drehterminen, Bauer hatte mit mir eine Dienstreise vereinbart, faselte Lehmann von Arbeitsverweigerung und dass er schon einen anderen Kameramann finden würde.

Nach einer längeren Dienstreise bot er mir später mit den Worten „Entschuldige, Manfred, ich habe mich wie ein Arschloch benommen", das „Du" an. Danach blieben wir, nicht immer konfliktlos, bis zu seinem Tod befreundet.
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Ohne Cutterinnen keine Filme

Offiziell hatten wir in Moskau eine, die russische Kollegin Vera Roganowa, die außer tüchtig auch noch sympathisch war. De facto arbeiteten aber für uns zwei Cutterinnen. Lehmann hatte nach Moskau seine Berliner Lebensgefährtin Karin Ebmeyer, eine SFB-Cutterin, mitgebracht, für die in der Personalstruktur des Studios keine Planstelle existierte und der deshalb die Arbeitsakkreditierung fehlte.

Es fand sich aber eine Regelung. Die Berlinerin schnitt vorwiegend für anspruchsvolle Filmproduktionen. Die Moskauerin übernahm die Tagesberichterstattung. Neben meiner fast täglichen Aufnahmetätigkeit musste ich die russischen Ortskräfte mit der neuen elektronischen Aufnahmetechnik bekannt machen.

Viele Stunden saß ich am elektronischen Schnittplatz, um Vera Roganowa diese komplizierte Technik beizubringen. Erst nach den letzten Lektionen konnte ich sie davon überzeugen, dass der automatische Kassetteneinzug es nicht auf ihre Finger abgesehen hatte. Über Jahrzehnte arbeitete sie später erfolgreich für das dann voll elektronische Studio.
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Mein Kamera-Kollege Boris Orlow

Mein russischer Kamera-Kollege Boris Orlow trug nur wenig zu meiner Entlastung bei. Seine Leistungsbereitschaft und seine Arbeitsergebnisse führten dazu, dass die Korrespondenten, wenn irgend möglich, mit mir arbeiten wollten.

Die Flugzeugkatastrophe bei Sachalin - 269 Tote

Nach dem 1. September 1983 waren vor und nach zahlreichen Pressekonferenzen beide Korrespondenten und ich mit einer Flugzeugkatastrophe bei Sachalin beschäftigt. Später stellte sich heraus, die koreanische Boeing war irrtümlich über sowjetisches Gebiet geflogen und dort Opfer eines sowjetischen Abfangjägers geworden. Zweihundertneunundsechzig Menschen starben als Opfer russischer Spionageängste im Kalten Krieg.

1983 - Die große Militärparade der Roten Armee

Auf der Diplomatenbühne des Roten Platzes neben dem Lenin-Mausoleum erlebte ich am 7. November 1983 zum ersten Mal die große Militärparade aller Waffengattungen der Roten Armee. Panzer und fahrbare Großraketen rollten donnernd an meiner Kamera vorbei. Obwohl zigmal im Kino und auf dem Fernsehbildschirm gesehen, ein eindrucksvolles und furchteinflößendes Spektakel.
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Als Tanzbär in Baku

Ebenfalls im November 1983 begleiteten Lutz Lehmann und ich als einzige Journalisten eine Gruppe deutscher Industrieleute auf einer Reise durch verschiedene Sowjetrepubliken, angeführt von Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff.

Jeden Abend ein neuer Empfang, verbunden mit wahren Fress- und Alkoholangeboten. So auch im aserbeidschanischen Baku. Nach dem opulenten Abendmahl zeigte ein Ensemble temperamentvolle Volkstänze.

Als Abschluss lösten sich einige der Mädchen von der Gruppe, um Prominente zum Tanz aufzufordern. Zuerst den VIP Graf Lambsdorff, der erst reagierte, als der ganze Saal auffordernd klatschte.

Lambsdorff lupfte sein linkes Hosenbein und klopfte mit dem Gehstock auf seine im Krieg erworbene Unterschenkelprothese. Peinlich für die Tänzerin, die sich zu helfen wusste.

Denn neben Lambsdorff stand ein bärtiger junger Mann, dem nahm sie die Kamera aus der Hand und zerrte ihn unter Klatschen des Saales auf die Tanzfläche. Ausgerechnet mich, den erklärten Tanzverweigerer.

Es half nicht, dass sie mir immer zurief „Paschalusta, aktivni, aktivni". Gemessen an meiner Plumpheit wäre ein Tanzbär Ballettvirtuose gewesen.

Mich rettete nur die sich füllende Tanzfläche. Bei nächster Gelegenheit im georgischen Tblisi bedankte sich Lambsdorff für meine Tanzvertretung.
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Lambsdorff war für die Unterstützung wirklich dankbar

Nach nicht enden wollenden Trinksprüchen der Gastgeber und der Gäste nach einem Mittagessen forderte er dazu auf, ein Glas auf den fleißigen Kameramann zu leeren, dem sofort auch eines in die Hand gedrückt wurde.

Auf das Wohl des Kameramanns leerten mit ihm noch der sowjetische Wirtschaftsminister und andere Delegationsmitglieder ihre Gläser. Das blieb nicht folgenlos.

Bei der nachmittäglichen Besichtigung eines Weinberges fiel ich samt Kamera zwischen die Reben und konnte nur mit Hilfe vieler Arme wieder aufgerichtet werden.

Als Lambsdorff am 16.11.1083 im Kreml das von beiden Seiten gewünschte Wirtschaftsabkommen unterzeichnete, begrüßte er mich per Handschlag als alten Bekannten.
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Mit Kurt Biedenkopf in Moskau

Eine der interessantesten Persönlichkeiten aus dem Umfeld Helmut Kohls, Kurt Biedenkopf (seines Zeichens Professor), besuchte im November 1983 Moskau. Der vormalige CDU-Generalsekretär und jetzige Chef der NRW-Christdemokraten war ohne wichtigen Grund in Russland.

Kein Thema für die Tagesschau, doch der Südwestfunk wollte für einen Film „ Warum ich Christ bin" unkommentierte Bilder von Biedenkopfs Besichtigung der Stadt und seiner Umgebung.

Solche Gefälligkeitsaufnahmen, wie sie intern genannt wurden, boten den Korrespondenten keine Selbstdarstellungsplattform und wurden solo mir überlassen.

Biedenkopf und ich hatten vereinbart, ohne Tross zu arbeiten. Damit war ich Stadtführer und Kameramann zugleich, als ich ihn mit meinem Wagen zu einem Streifzug durch die Kirchen der Klosteranlage Sagorsk abholte.

Am nächsten Tag, dem 25. November, fuhren und gingen wir durch den Moskauer Stadtkern und danach zum und über den Roten Platz. Ihn interessierte das Grab Stalins an der Kreml-Mauer. Lange haben wir über den roten Diktator gesprochen.

Die Abschlussaufnahmen dann : Biedenkopf am Kreml auf der „Großen Moskwa-Brücke". Neben dem Fluss leuchteten in der Mittagssonne die vergoldeten Zwiebeltürme der Kreml-Kirchen. Kamera und Mikrofon lagen zu unseren Füßen. Kurt Biedenkopf, auf das Brückengeländer gestützt, genoss die Schönheit dieses Ausblicks.

Nach einigen Sekunden sagte er, mehr zu sich als zu mir: „Es wäre gut, wenn jeder Politiker, der im Ernstfall Entscheidungsgewalt über
einen Atomkrieg hätte, einmal hier stehen würde und wenn es nur für eine Minute wäre." Soviel zu Filmaufnahmen „Warum ich Christ bin".
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1984 - Bei den Pelztierjägern in Sibirien

Außer unsrem täglichen Brot, der aktuellen Berichterstattung, waren für 1984 mehrere längere Filme geplant. Schon am 29.1.1984 flogen Lutz Lehmann, mein russischer Tonmann Tolja Popikow und ich ins viertausend Kilometer entfernte Irkutsk.

Doch das war nur Zwischenstation. Ein Großhubschrauber beförderte uns 350 Kilometer weiter tief in die sibirische Taiga. Unser Ziel: Eine Holzhütte, in der, nur per Helikopter erreichbar, also in einer Gegend, in der sich Fuchs, Wolf und Bär „gute Nacht" sagen, zwei Pelztierjäger lebten.

Zu Winterbeginn, das ist in Sibirien Anfang Oktober, wurden sie mit allem, was für viele Monate nötig ist, in einer Waldlichtung abgesetzt. Erst im Frühjahr, Anfang März, wurden sie mit ihrer reichen Ausbeute, vor allem Silberfuchs- und Zobelfellen, zurück zur Pelzstation und damit auch zur Pelzkolchose zu Frau und Kindern geflogen.
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In den Wäldern Sibiriens war es wirklich kalt - sehr kalt

In der behaglichen warmen Holzhütte wurde es für einige Tag sehr eng. Außer uns waren Funktionäre des sowjetischen Pelzhandels an Bord und ein Fernsehteam aus Irkutsk, das einen Bericht über unsere Filmarbeiten im moskaufernen Sibirien drehen wollte.

Von zwei Motorschlitten gezogen fuhren wir Stund' um Stund' durch die Taiga, um vornehmlich Fallen zu kontrollieren. Uns begleiteten zwei „Laikas", ausdauernde sibirische Jagdhunde. Großes Glück, jeden Tag Sonnenschein bei bis zu zwanzig Minusgraden. Als ich einmal nach einer etwas längeren Filmsequenz meine 16mm-"Arriflex"-Kamera absetzte, entdeckte ich am Okular ein fingernagelgroßes rosa Blütenblättchen, wie ich meinte, das ich dem roten Beerenstrauch neben mir zuordnete und abwischte.

Ein Trugschluss. Nach dem Auftauen im Quartier diagnostizierten die Jäger eine offene Wunde an meiner Nase. Das „harmlose" rosa Blättchen stammte von meiner Nase. Sie war wegen der Kälte schmerzlos an der Sucherlupe festgefroren gewesen.

Und was, wenn Du mal "mußt"

Von unseren Gastgebern wurden wir verwöhnt. Essen und Trinken, darunter sechsundneunzig-prozentigen Wodka in Hülle und Fülle. Logisch, dass früher oder später nach den Toiletten gefragt wurde.

Die Antwort: Männer links, Frauen rechts und unbedingt zwei Stöcke mitnehmen. Warum? „Einen, um sich darauf zu stützen und den anderen, um die Wölfe abzuwehren" lachten die Jäger.

Rundfunk- und Fernsehempfang waren in den Wäldern Sibiriens ausgeschlossen. Zu einer fest vereinbarten Zeit gab es einmal täglich über Kurzwellen eine fünfzehn Minuten lange Funkbrücke als Kontakt zur Pelztierkolchose.

„Dalnaja Retschka" - fernes Flüsschen - war der Name unserer Waldstation. Hundertzwanzig Kilometer von der nächsten Straße oder anderen Zivilisationszeichen entfernt, erleichterten sich Genadij und Georgi durch ein selbst gebrautes Teufelszeug, Sprit genannt, das abendliche Einschlafen. Gegen dieses „Schlafmittel" war normaler Wodka wie Mineralwasser.

Als Lehmann und ich davon probieren mussten, blieb uns die Luft weg. Am nächsten Tag übermittelte uns die Pelztierkolchose eine Meldung von Radio Moskau, Staatschef Andropow wäre schwer erkrankt. Nur in Vorbereitung auf eine baldige Todesnachricht wurde so etwas mitgeteilt. Wir mussten abbrechen und umgehend zurück.

 Unsere beiden Jäger, gerade mal wenige Jahre über vierzig alt, mussten früh ins Gras beißen. Als erster Genadij, vier Jahre nach unserem Besuch. Nur wenige Jahre darauf folgte ihm Georgi. Auf unsere Rückfrage nach der Todesursache wurde uns gesagt: Probleme mit der Leber. Was sonst?

Der Tod Andropows - pausenlos Trauermusik

Am 10. Februar 1984, wieder zurück in Moskau, sendeten Radio und Fernsehen pausenlos Trauermusik, häufig das „Air" von Johann Sebastian Bach, immer wieder kurz unterbrochen durch die Mitteilung, dass der Generalsekretär, es folgten alle seine Ämter und Auszeichnungen, verstorben sei.

Alle Kinos und Theater stellten ihren Betrieb ein. Die Haupt- und viele Nebenstraßen Moskaus wurden gesperrt. Eine Geisterstadt, durch die bestenfalls hin und wieder Polizeifahrzeuge oder Regierungskarossen rasten. Zu den Rasern gehörte auch mein silbergrauer Granada.

Mit einer Sondererlaubnis ausgerüstet, filmte ich außer der gespenstischen Innenstadtleere auch die überall angebrachten Großporträts des Verblichenen und die Halbmast-Beflaggung aller Betriebe, der Ministerien und des Kremls.

Mein markantes Ausländerfahrzeug mit dem Korrespondenten-Kennzeichen schützte weitgehend vor Kontrollen. Passierten wir solche Posten, wurden wir durchgewunken und militärisch gegrüßt.
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Niemand wußte, wie es jetzt weiter geht

Die unter der Hand geäußerte Unsicherheit der Sowjetbürger, wer und was nun käme, merkten wir auch bei uns im Studio. Beide Dolmetscherinnen meldeten sich krank. Sie gesundeten erst, als klar war, dass alles wie vordem weiterging. Bei späteren Todes- und Nachfolgefällen traten bei ihnen die gleichen Erkrankungen auf.

Als gelernte Sowjetmenschen waren sie vorsichtig. Bloß nichts Falsches sagen oder vermitteln. In solchen Zeiten musste meine Frau Vera die Sekretariate zweier Korrespondenten übernehmen, nicht zuletzt deshalb blieben die Krankmeldungen der beiden Russinnen unvergessen.

Im Gewerkschaftshaus stand der geöffnete Sarg

Genia zum Gewerkschaftshaus. Dort stand zur Verabschiedung der geöffnete Sarg. Das Deplee Tausender wurde hin und wieder für Minuten unterbrochen. Staatsoberhäupter oder andere Prominente betraten durch einen Sondereingang für eine kurze Verbeugung und die Kranzniederlegung den Säulensaal.

An der langen Schlange der wartend Trauernden vorbei lotste uns ein Polizeiwagen zu diesem Sondereingang. Zwei KGB-Ofpziere begrüßten mich und kontrollierten meine Sonderausweise. Dann wurde ich in einen Wartesalon gewiesen, in dem einige wenige Bildjournalisten saßen.

Erstaunlich : Reporter oder Korrespondenten waren nicht zugelassen. Das prunkvolle Gewerkschaftshaus, als Adelsclub Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet, war reich mit Spiegeln und Kronleuchtern ausgestattet. Alle waren mit schwarzem Trauerflor verhüllt. Aus den Lautsprechern in allen Räumen tönte permanent getragene Musik, bevorzugt Varianten der „Träumerei" von Robert Schumann.
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Die gesamte Regie hatte die Sowiet-Armee

Nach kurzer Wartezeit deutete mir ein Offizier an, ihm zu folgen. Größeren florverhüllten Treppen folgten kleinere. Mir, der ich außer der schweren Videokamera auch noch das U-matic Aufzeichnungsgerät schleppen musste, erschienen die Wege endlos. Vor einer kleinen Tür wieder eine kurze Wartezeit. Als die sich öffnete, stand ich wenige Meter vor Andropows geöffnetem Sarg inmitten eines Kranz- und Blumenmeers.

Durch Handzeichen meines Offiziers wurde mir ein Platz für Nahaufnahmen des Leichnams zugewiesen. Exakt nach dreißig Sekunden die Weisung auf Platz zwei, um wartende Bürger und Kranzschleifen zu fotografieren.

Nach weiteren dreißig Sekunden stand ich neben einem russischen Wochenschauteam, dem Kameramann des russischen Fernsehens und einem Fotografen.

Die deutschen Politiker kamen

Bald darauf öffnete sich die große Flügeltür. Vier sowjetische Offiziere trugen westdeutsche Kränze. Ihnen folgten Bundeskanzler Kohl, Außenminister Genscher und der deutsche Moskau-Botschafter Kastl. Nach der obligaten Schweigeminute am Sarg Abgang.

Als ich mich zu meinem Türchen begeben wollte, wurde ich abgewiesen, um auf meinen alten Platz gestellt zu werden. Weshalb?

Wieder Offiziere mit Kränzen, dahinter Staatsratsvorsitzender Erich Honecker und seine Politbüro-Genossen. Erst danach wurde ich rauskomplimentiert. Das russische Protokoll gestattete Bildjournalisten lediglich das Fotografleren der eigenen Staatsoberhäupter am Sarg.

In diesem Fall war man offensichtlich der Meinung, deutsch ist deutsch und hielt mich auch für Honecker fest.
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Ende der Zeremonie auf dem Roten Platz

Auf einer Lafette wurde Jurij Andropows geschlossener Sarg zum Lenin-Mausoleum befördert, dort geöffnet und an uns wartenden Journalisten vorbei zur Kreml-Mauer getragen. Danach gingen, wieder an uns vorbei, die Mitglieder des Politbüros zur Treppe des Mausoleums.

Zuerst Tschernenko, dann Gorbatschow, dahinter die anderen. Vom Mausoleum aus erfolgten die Trauerreden. Für mich, einen geschichtsbewussten Bildjournalisten, eine der Sternstunden meines Berufslebens.
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