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Walter Bruch - Ein deutscher Fernseh-Pionier (Januar 1988)

Bei diesem 48 Seiten Büchlein handelt es sich um eine Laudatio zum 80. Geburtstag von Walter Bruch († 5. Mai 1990) - aufgeschrieben und strukturiert von Heide Riedel, die längere Zeit das Berliner Museum für Rundfunktechnik - das "Deutsche Rundfunkmuseum" - geleitet hatte.

Frau Riedel hatte zu Herrn Bruch ein sehr gutes Verhältnis und bemerkte in einem Interview mal so nebenbei, daß Walter Bruch ein überaus sympathisches und sehr vereinnahmendes Wesen hatte. Das wiederum bedeutet, daß sie die Aussagen von Walter Bruch nie in Zweifel gezogen hatte und beinahe wortgetreu in die Geschichten und Kapitel (ihrer Bücher) eingebracht hatte.

Das Büchlein wurde von der FKTG gesponsert

Die Fernseh und Kinotechnische Gesellschaft e.V. hatte sich zu Bruchs Zeiten auch nicht besonders kritisch mit den Glorien, Legenden und Mythen um ihr Ehrenmitglied beschäftigt.
Es war einfach nicht opportun, an manchen Wahrheiten zu zweifeln oder auch nur zu kratzen. Der Brief des bereits pensionierten und sehr geschätzten ZDF Mannes Günter Bartosch an die ZDF Hauszeitung mit dem Kommentar, "abgelehnt" - das ZDF kritisiert man nicht, spricht Bände, wie es damals abging.

Wir schreiben jetzt Winter 2017

Inzwischen setze ich jetzt die vielen Informationen aus den Nachlässen mehrerer von mir als glaubwürdig beurteilter Fernsehleute und auch von noch lebenden Zeitzeugen wie in einem Puzzle zusammen.
In Berlin habe ich zudem mit dem langjährigen Chefredakteur der FKTG Zeitschrift (wie auch des nachfolgenden Büchleins) - Norbert Bolewski - schon mehrere Stunden über die alten Zeiten und das damals "Gängige" bzw. "Übliche" gesprochen und gefachsimpelt.
Ich "möge" das bitte im Kontext der damaligen Zeit, also vor 30 Jahren, sehen, ist die galante blumige Umschreibung, daß da vieles im Argen liegt. Sehr ähnlich hatte es Professor Dr. Schönfelder bezüglich seiner Laudatio in 2007 bei meinem Besuch in Bad Harzburg "artikuliert".

Den Ausschlag zum Nachdenken gab H. Krüger

Helmut Krüger ist (war) der Schwiegersohn von Emil Mechau und der hatte nachweislich diese berühmte Berliner Fernsehkamera - die 1936er Fernsehkanone - entwickelt. Als die Lobhudelei über Walter Bruch ins Unendliche wuchs, hatte Herr Krüger sich als Pensionär in 2001 bis 2007 daran gemacht, mal ernsthaft zu recherchieren, was da denn wirklich abging und wer was erfunden oder entwickelt hatte. Und da kamen eine Menge Tatsachen ans Licht, die mit der Glorie überhaupt nicht übereinstimmten.

Beginnen wir mit den Büchlein - Zum Geleit

Walter Bruch - Ein deutscher Fernseh-Pionier - Zum 80. Geburtstag - von Heide Riedel - Redaktion Norbert Bolewski. Zur vorherigen Lektüre zu empfehlen : ein SPIEGEL Artikel von 1969.

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Zum Geleit

Walter Bruch - ein deutscher Fernseh-Pionier - wird 80 Jahre alt. Da hat man guten Grund, ihn zu würdigen und zu sagen, was man ihm verdankt. Dies im einzelnen anhand seiner zahlreichen Entwicklungen, Erfindungen, Patente, Veröffentlichungen und Ehrungen aufzuzeigen, ist zwar reizvoll, birgt aber die Gefahr in sich, den Menschen zu übersehen und dabei nicht zu erkennen, wieviel an Erfahrung er in seinem Leben gewonnen und was er davon seiner Umwelt mitzuteilen hat.

Der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft ist es daher ein großes Anliegen, Walter Bruch einmal von einer Seite zu präsentieren, die vielen von uns nur wenig bekannt sein dürfte. Heide Riedel hat Fakten und Einzelheiten zusammengetragen und daraus das Portrait eines Mannes gezeichnet, dessen große Leidenschaft die Funk- und Fernsehtechnik ist.

Die FKTG benutzt gerne die Vollendung seines 80. Lebensjahres zur Herausgabe der vorliegenden Schrift, um damit ihre Wertschätzung für Walter Bruch zum Ausdruck zu bringen und zu zeigen, wie sehr sie dem Mann Dank schuldet, der viele Jahre hindurch als 1. Vorsitzender die Geschicke der Gesellschaft entscheidend beeinflußt und ihrer Arbeit eine besondere Prägung gegeben hat.

Vorstand und Mitglieder der FKTG bekunden ihrem wegen seiner großen Verdienste um die Entwicklung der Fernsehtechnik mit der Richard-Theile-Medaille ausgezeichneten Ehrenmitglied Respekt, Treue und Verehrung. Ich selbst möchte diesen Anlaß wahrnehmen, Walter Bruch für die Zeit harmonischer Zusammenarbeit zu danken und ihm noch weitere schöne Jahre zu wünschen, in denen er sich bei guter Gesundheit und in geistiger Frische seinen vielseitigen Interessen widmen kann.

Prof. Dr. In der Smitten
1. Vorsitzender der FKTG

Walter Bruch - ein Leben für die Fernsehtechnik

Ja, es ist das Farbfernsehsystem PAL, das ihn weltweit bekannt werden ließ. Diese Erfindung machte Walter Bruch zum "Mister PAL" und - was besonders ehrenvoll ist - zu einem der sieben in Öl porträtierten Pioniere, die in der Ehrengalerie des Deutschen Museums in München verewigt wurden, da sie der deutschen Technik durch eine Pioniererfindung zu weltweiter Anerkennung verhalfen.

Natürlich sind auch die vielen Preise und Ehrenmitgliedschaften der "Institution of Electronic and Radio Engineers" (IERE, England), der "Royal Television Society" (England), der "Society of Motion Picture and Television Engineers" (SMPTE, USA) sowie Auszeichnungen in Brasilien, in Australien und in der Schweiz (International Television Symposium, Montreux) Beweis dafür, welcher internationalen Anerkennung sich das PAL-Verfahren und sein Erfinder erfreuen dürfen.

Aber sieht man es einmal in zeitlicher Relation, dann sind es von den stattlichen 80 Jahren, die Walter Bruch am 2. März 1988 feiern darf, nur etwa ganze 10 Jahre, die er sich mit Erfindung und Weiterentwicklung des PAL-Verfahrens befaßt hat.

Aber gut 50 Jahre seines Lebens hat sich Walter Bruch mit der Funk- und Fernsehtechnik beschäftigt. Mit dem Basteln von Funkanlagen des 14jährigen Pennälers fing alles an, mit 17 Jahren sah er die erste elektromechanische Fernsehübertragung Max Dieckmanns auf der Verkehrsausstellung 1925 in München - und von diesem Augenblick an gehörte sein Leben der Fernsehtechnik.

Die Lebensbeschreibung Walter Bruchs

Heide Riedel hat es in der nachfolgenden Lebensbeschreibung Walter Bruchs sehr gekonnt dargestellt, wie der von den Anfängen der Rundfunktechnik begeisterte junge Bastler über den soliden Weg einer Praktikantenzeit in seiner Pfälzer Heimat und eines Ingenieurstudiums in Sachsen den großen Wunschtraum Fernsehen nicht aus den Augen verlor.

Man liest wieder die gleiche spannende Geschichte, die von allen Fernseh-Pionieren erzählt wird, wie sie sich ihren ersten Fernsehempfänger - natürlich mit Nipkowscheibe und Flächenglimmlampe - bauten, um vom fernen Berlin oder sogar allerfernsten London kleine, schrecklich flimmernde Fernsehbilder zu empfangen. Ja, mit den spärlichen 30 Zeilen und 10 Hz Bildfrequenz beanspruchte das damalige Fernsehsignal nur 4,5 kHz Bandbreite und war so über Mittelwellen-Rundfunksender für den Fernempfang geeignet. Die Faszination jener frühen Fernsehjahre kann man diesen Pionieren sehr nachempfinden.

Alle hatten sie einmal so angefangen: Manfred von Ardenne, John Logie Baird, Denes von Mihaly, Rudolf Urtel, Richard Theile - Fernseh-Pioniere, die im Berlin der dreißiger Jahre und später Bruchs fachlichen Lebensweg kreuzten und seine Arbeit befruchteten.

Es zeigen sich hier erstaunliche Parallelen, und es muß einmal gesagt werden: das Fernsehen unserer Tage ist vorzugsweise von Experimentatoren erfunden worden, von Vollblutingenieuren, die von der Idee eines Fernsehrundfunks besessen waren.

Natürlich sind die heutigen diffizilen Weiterentwicklungen für das Fernsehen erhöhter Bildqualität nur mit einem theoretischen Rüstzeug höherer Ordnung zu bewältigen. Aber je mehr die heutige junge Generation der Fernsehwissenschaftler theoretisch in die klassische Fernsehmaterie eindringt, desto mehr staunt sie über den Instinkt, mit dem die Altvorderen der Fernsehtechnik ein zwischen Bildqualität und übertragungstechnischem Aufwand optimiertes Fernsehsystem geschaffen haben.

Die wissenschaftliche Krönung hinzufügen

Professor Dr.-Ing. E.h. Walter Bruch allerdings kann man bescheinigen, daß er sein zunächst ebenfalls rein experimentell erprobtes PAL-Verfahren in Vorträgen auf den Telefunken-Professorenkonferenzen und in Veröffentlichungen [I] sowie in seinen Vorlesungen an der TH Hannover später wissenschaftlich präzise untermauert hat.

Lassen Sie es mich einmal so sagen: Walter Bruch wollte den hohen akademischen Auszeichnungen eines Ehrendoktors der TH Hannover (1964) und des Professoren-Titels des Saarlandes (1968), die er für diese großartige Ingenieurleistung der Entwicklung des PAL-Verfahrens erhalten hatte, auch noch die wissenschaftliche Krönung hinzufügen, was ihm zweifelsfrei gelungen ist.

Ein Leben für die Fernsehtechnik

Vorausgegangen war jenes überaus erfolgreiche Leben für die Fernsehtechnik - wie man es nachfolgend bei Heide Riedel nachlesen kann -, das Walter Bruch ein großartiges Rüstzeug in die Hand gab. So konnte es zu jener Sternstunde Ende 1962 kommen, da ihm in einer Hannoveraner Opernaufführung - also typischerweise in einer völlig entspannten Atmosphäre, "wo" schon viele große Erfindungen entstanden sind - die entscheidende Idee zur Aufspaltung des Farbträgers in die beiden Farbsignalkomponenten kam.

  • Anmerkung : In dem Telefunken Taschenbuch von 1966 steht es aber ganz anders. Diese Aufspaltung gibt es bereits beim NTSC-Verfahren.


Kurz nach der fernsehhistorisch bedeutsamen Präsentation vor 25 Jahren - genau am 3. Januar 1963 -, in der die Experten der Europäischen Rundfunkunion (EBU) in jenem legendären Keller des Hannoveraner Grundlagenlaboratoriums von Telefunken ein positives Urteil über das eben gerade geborene Standard-PAL-Verfahren fällten, waren Herr Rudert, Dr. Dillenburger und ich bei Walter Bruch in seinem Kellerlaboratorium so überzeugt von den Leistungen des PAL-Verfahrens, daß die damalige Fernseh GmbH in Darmstadt zukünftig das PAL-Verfahren durch die Entwicklung der notwendigen Studiogeräte vehement unterstützte.

  • Anmerkung : Von PAL war 1963 noch gar keine Rede, es hieß dort CPA und betraf alleine die Farbstabilität bei der HF-Übertragung, nichts weiter.


Unvergeßlich bleiben die PAL-Demonstrationseinsätze überall in Europa, für die ich unseren allerersten Farbfilmabtaster - einschließlich meines engsten Mitarbeiters Helmut Schmid - zur Verfügung stellte. Einmal bei einer EBU-Präsentation in Rom war ich auch dabei, und da wußte ich, wie dieser Mann das macht: Mit Nachteinsätzen forderte er Unmögliches von seinen Mitarbeitern, die ihn aber in ihrer Begeisterung für die große Sache nie im Stich ließen.

  • Anmerkung : Nach den anonymen Aussagen eines damals bei Telefunken Hannover im oberen Personal-Management positionierten Kollegen hatte Walter Bruch mehr Neider und Feinde in "seiner" Abteilung, als er sich jemals vorstellen konnte. Wenn er nicht da war, wurden viele seiner Pläne und Ideen von den eigenen Mitarbeitern unterminiert. Und es sickerte durch, daß sie ihm den Stuhl unter dem Hintern wegzuziehen versuchten.


Nach gewonnener Schlacht, die letztlich seiner Überzeugungskraft, seinem Einsatzwillen - und natürlich den überzeugenden Leistungen seines PAL-Verfahrens - zu verdanken waren, saß er dann als kameradschaftlicher Chef zwischen seinen Mitarbeitern und konnte endlos und faszinierend plaudern. Diese zauberhaften Klönschnack-Abende auf dem Balkon irgendeines südländischen Hotels wird keiner der Beteiligten so leicht vergessen.
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  • Anmerkung : Das ist also die geschönte oder aufgehübschte Seite der Medallie, die so aber nicht stimmte.

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Die ganz große Leistung Walter Bruchs

Die Erfindung des PAL-Verfahrens war das eine, die Durchsetzung dieses neuen Farbfernsehsystems in vielen Ländern der Erde die andere ganz große Leistung Walter Bruchs.

  • Anmerkung : Es war aber gar kein neues Farbfernsehsystem, es war nur anders als NTSC.


Der von seinen Pfälzer Vorfahren ererbte eiserne Wille und die beispiellose Unterstützung seiner Ehefrau Ruth - von den Fachkollegen in aller Welt anerkennend und liebevoll "Paline" genannt - waren hierbei für ihn eine ganz große Hilfe.

Als ehemalige Fremdsprachenkorrespondentin sowie als medizinische - und auch seelische - Betreuerin steuerte Frau Ruth ihren Mann durch alle Fährnisse fremder Länder. Wenn die beiden in diesem Jahr ihre Goldene Hochzeit feiern, dann werden sicher auch diese schönen gemeinsamen Erinnerungen an ihnen vorüberziehen.

Die glorreiche Entwicklung des PAL-Verfahrens ist leider das schmale Fenster, durch das die Öffentlichkeit ihn sieht.

  • Anmerkung : Das Attribut glorreich paßt natürlich überhaupt nicht zum PAL-Verfahren. Der Duchbruch für PAL in Europa war letztendlich eine politische Entscheidung gegen das böswillige Vorpreschen der Franzosen mit dem SEACM Russland Geschäft.

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Mehr als nur Mr. PAL

Daß darunter auch viele Fachleute sind, das schmerzt Walter Bruch besonders. Dabei ist es bei seinem Engagement und bei der jahrzehntelangen Breite seines Schaffens ganz selbstverständlich, daß von ihm viele grundlegende Erfindungen zur Weiterentwicklung des Fernsehens stammen. Ich weiß, daß es Professor Bruchs Herzenswunsch ist, diese Tatsache einmal deutlich herauszustreichen, was auch Heide Riedel in ihrem nachfolgenden Beitrag bereits gebührend berücksichtigt hat.

Bei rund 200 Patenten kann und soll das hier nur an einem einzigen wichtigen Beispiel deutlich werden, das mir allerdings auch besonders am Herzen liegt, da wir an der TU Braunschweig diese Idee von Walter Bruch dann weitergeführt haben. Es ist dies die analoge Komponentenaufzeichnung auf Videorecordern - eigentlich, wenn man so will, die Grundidee des MAC-Verfahrens.

Das MAC-Verfahren und das Tripal-Verfahren

Walter Bruch allerdings fand zu dieser Komponententechnik über das von ihm zunächst erfundene Tripal-Verfahren. Nun muß man einmal sagen, daß diese Komponenten-Aufzeichnung mit PAL eigentlich wenig zu tun hat. Die Bezeichnung Tripal wird wohl eine Konzession an die Geschäftspolitik seines Hauses gewesen sein, da dieses Verfahren 1966, also mitten in der PAL-Entwicklung erfunden wurde. Zum ersten Mal hatten Walter Bruch und seine Mitarbeiter erkannt, wo die Grenzen des PAL-Verfahrens - aber auch der anderen Frequenzmultiplex-Verfahren NTSC und Secam - liegen, wenn ein Farbsignal auf einem "Schmalband-Videorecorder" (Heimrecorder) gespeichert werden soll.

In dem russischen Patent und in den beiden Veröffentlichungen [II, III] beschreibt der Erfinder, wie nach dem Tripal-Verfahren die drei Farbwertsignale RGB zeilensequentiell - die hohen Luminanz-Frequenzen dagegen simultan in jeder Zeile - auf dem Videorecorder aufgezeichnet werden.

Professor Bruch erkannte jedoch bald, daß sich Zeilenstrukturprobleme und Farbkanteneffekte nur vermeiden lassen, wenn alle drei Komponenten in der gleichen Zeile übertragen werden, und löste das Problem durch eine zeitliche Kompression des schmalbandigen Chrominanzsignals, so daß dieses zusammen mit dem nur schwach komprimierten Luminanzsignal seriell in einer Zeile übertragen werden kann, wie das 1970 angemeldete Patent auf S. 43 erkennen läßt.

Dies sind aber die grundlegenden Merkmale des an der TU Braunschweig später entwickelten Timeplex-Verfahrens sowie des für direkt empfangbare Fernsehsatelliten in Europa zur Anwendung kommenden MAC-Verfahrens.
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Der Eduard-Rhein-Preis 1985

Große Anerkennung für diese nach dem PAL-Verfahren bedeutendste erfinderische Leistung erhielt Professor Bruch durch den Eduard-Rhein-Preis, der ihm zusammen mit Tom Robson - dem Chef des Teams, das das MAC-Verfahren bei der englischen Rundfunkgesellschaft IBA entwickelt hatte - auf der Funkausstellung 1985 in Berlin verliehen wurde. Damit hat Walter Bruch die Brücke schlagen können vom klassischen Farbfernsehsystem zur zukünftigen Komponententechnik, die kein Übersprechen zwischen Luminanz und Chrominanz mehr kennt und zu einer besseren Bildschärfe führt.
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  • Anmerkung : Aus den Schriften von Eduard Rhein entnehmen wir, daß dieser bei der Gründung seiner Stiftung in Hamburg fiberhaft nach einem würdigen und in der Branche bekannten "Frontmann" gesucht hatte und den dann mit Walter Bruch gefunden hatte, daher war der auch einer der ersten Preisträger.

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Ein Leben für die Fernsehtechnik - das gilt auch noch für den 80jährigen Professor Dr.-Ing. E.h. Walter Bruch. In seinen siebziger Jahren hat er mit großer Meisterschaft die Historie seiner geliebten Fernsehtechnik aufgearbeitet. Da sah man ihn oft in den ehemaligen Telefunken-Archiven - und sogar in englischen und amerikanischen Archiven - kramen. Schätze, die er da zutage förderte, finden sich in zahlreichen historischen Bändchen, die uns und der Nachwelt von der Entstehung jenes faszinierenden Mediums Fernsehen erzählen.

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Hier dabei gewesen zu sein und viele entscheidende Entwicklungsanstöße gegeben zu haben, das muß für den Altmeister ein großartiges Gefühl sein. Alle, die wir ihn lieben und verehren, wünschen ihm noch viel Freude an der Historie und der Weiterentwicklung des Fernsehens, vor allem aber gute Gesundheit und persönliches Wohlergehen für seine achtziger Jahre.

Prof. Dr.-Ing. H. Schönfelder im Herbst 1988

Aus der Laudatio Prof. Fritz Schröters (1973) zum 65. Geburtstag von Walter Bruch

Dr. Fritz Schröter

"Zunächst darf ich, lieber Kollege Bruch, auf das erste Dezennium unserer 1936 begonnenen Zusammenarbeit bei Telefunken eingehen.

Sie hatten eine kurze industrielle Laufbahn bei der Berliner Firma "Denes von Mihaly" zurückgelegt und waren dort schon als begabter Konstrukteur präzisionsmechanischer Geräte hervorgetreten - mit der eigenen Ausführung eines sogenannten "Volks-Fernsehempfängers" der nach dem Prinzip des ruhenden Spiegelkranzes mit zentralem Spiegelrotor arbeitete und so die nach dem damaligen Stande der Erwartungen einfachste Lösung abgab.

Das war, recht bedacht, zu jener Zeit eine gute Legitimation für Sie, denn bei Telefunken hatten Sie es anfangs mit den Nachzüglern der mechanisch-optischen Frühzeit des Fernsehens zu tun, aber selber doch schon als überzeugter Anhänger der rein elektronischen Epoche, deren Reifeprozeß in den Nachbarlabors gedieh.

Dies wissend und durch Dr. Urtels Zeugnis über Ihre Fähigkeit einer klaren und schnellen Erfassung der Schaltungs- und Steuertechnik elektronischer Bauelemente bestärkt, durfte ich Ihnen mit dem Einverständnis des Herrn Federmann, dessen Labor Sie organisatorisch zugeteilt waren, bald einen hohen Grad von Selbständigkeit beim Bearbeiten Ihrer Aufgaben einräumen.

Anmerkung : Dr. Schröter hatte über sehr viele verdiente Mitarbeiter in seinen Abteilungen mehr oder weniger kleine Artikel geschrieben, so auch über Heimann und Mecha. Walter Bruch kam da aber nie vor.

Das entsprach völlig Ihrem Drang nach freier, wenn auch wissenschaftlich gezügelter Phantasie im Gestalten sinnvoller und kundenreifer Kombinationen vorentwickelter Einzelteile für spezielle Zwecke und ließ sogar dem Erfinder neuer Lösungen Raum.

Dies mag Außenstehenden fremdartig anmuten. Denn der Verantwortungsbereich, dem Sie angehörten, war - unter Ausnahme der Fernsehempfänger - eigentlich geschaffen zur fabrikationsreifen Weiterbildung von Entwicklungsmustern, zumeist im Kundenauftrag der Reichspost oder der Wehrmacht.

Anmerkung : Dieser Bereich der Abhängigkeit von dem militärischen Auftraggebern wird sehr oft nur beiläufig erwähnt.

Aber man war eben damals nicht eingeengt durch Standardformen, Normen oder sonstige Vorschriften der Besteller, und dieser Grad von Beweglichkeit ließ auch Ihrer schöpferischen Phantasie, lieber Herr Bruch, in den Grenzen der Naturgesetze einen willkommenen und, wie die Erfahrung gezeigt hat, stets sinnreich genutzten Spielraum.

Anmerkung : Das stimmt so auch nicht. Das ist die verkärte Wahrheit der Erinnerung. Andere Zeitzeugen wie Eduard Rhein sprechen von ganz gezielter politscher Einflußnahme auf Alles und Jedes in der Firma wie imPrivaten.

Was mir dabei noch besonders auffiel, war selbst im Äußerlichen die gefällige und harmonische Erscheinung Ihrer Geräte bei voller Wahrung der technischen Zweckmäßigkeit im Anordnen der Bedienungselemente. Diesen Stempel trugen auch die anschließend genannten Einzelaufgaben, mit deren Lösung Sie der Geltung von Telefunken außerordentlich wertvolle Dienste geleistet haben.

Ich selbst war dabei im Vertrauen auf Ihr Können stets bereit, nach dem Motto zu handeln: 'Hilf ihm in den Sattel, reiten wird er sicherlich können!' "

Nachsatz : Soweit die Festrede am 2. März 1973

So der langjährige Chef der "Abteilung für Fernsehen und Physikalische Forschung" bei Telefunken und, wie Walter Bruch ihn nennt, Doyen der europäischen Fernsehtechnik. Die Festrede am 2. März 1973 war Fritz Schröters letztes Auftreten als Redner. Am 11. Oktober ist er 87jährig gestorben. Ein Mann, von dem Walter Bruch stets mit Bewunderung und Verehrung spricht. Wenn nicht sein Vorbild, so doch Leitbild und väterlicher Freund. Er hat dem jungen Entwicklungsingenieur in den Sattel geholfen. Und der hat sich nicht nur oben gehalten, sondern so manches Rennen gewonnen.
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Jetzt kommen noch ein paar Ungereimtheiten

Die Sammlung seiner rund 200 Patente füllt einen etwa 4 cm dicken DIN-A4-Band, die Aufzählungen der Ehrungen und Auszeichnungen würde Seiten umfassen: Fernsehen - als wär's ein Stück von ihm.

  • Anmerkung : Hier wird öfter von 200 Patentanmeldungen und dann wieder von 200 Patenten gesprochen. Das ist sehr sehr mißverstäöndlich, dendie Patente wurde allesamt von Telefunken angemeldet und Bruch wurde als Inventor / Erfinder benannt. Viele dieser Paten-Anmeldungen wurden aber nie Patente sondern sie wurden abgelehnt.


Walter Bruchs Leben ist ohne das Fernsehen nicht denkbar, was umgekehrt genauso gilt: Die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland ist untrennbar mit dem Lebenswerk von Walter Bruch verbunden. Wenn unter Pionier verstanden wird, einer Idee den Weg zu bereiten, für sie Vorkämpfer und Bahnbrecher zu sein, dann ist Walter Bruch der Fernseh-Pionier par excellence.

  • Anmerkung : Auch hier wieder - weit übers Ziel hinaus geschossen. Die Entwicklung des schwarz-weiß Fernsehens in Deutschland ist überhaupt nicht mit dem Namen Walter Bruch verbunden. Auch die Entscheidung für oder gegen ein Farbfernsehen ist nicht Bruchs Verdienst. Das wurde an anderer Stelle entschieden. Alleine die Entscheidung für Telefunkens PAL anstelle von NTSC oder SECAM, das ist Bruchs Verdienst.

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Jetzt beginnt der Teil der Bruch-Laudatio von Heide Riedel

80 Jahre, das Leben eines außergewöhnlichen Mannes in diesem schmalen Bändchen zusammenfassen zu wollen, ist fast unverfroren. Wenn ich die technische Begabung schon in seiner Kindheit entdeckte, ist das kein Klischee, sondern für mich als Journalistin der willkommene rote Faden.

Technik - die Faszination des Schülers und Studenten

Als er mir von seiner kindlichen Begeisterung für die Rumpler-Taube erzählte, stellte ich erstaunt fest, daß ich diese Sorte Taube gar nicht kenne. Wer Walter Bruchs aufbrausendes, wenn auch jetzt mit 80 Jahren etwas ruhiger gewordenes Temperament kennt, kann sich seine Reaktion auf so viel Unkenntnis vorstellen.

Jedenfalls weiß ich jetzt, daß die Rumpler-Taube, so genannt nach ihrem Konstrukteur Edmund Rumpier, ein Flugzeug ist, dessen erste Landung in Zweibrücken am 8. Juni 1912 der damals vierjährige Walter zusammen mit seinem Vater Friedrich Bruch miterlebte. Dieses Erlebnis setzte bei ihm den Wunsch fest, später ebenfalls mal solche "Vögel" zu bauen. Beobachtet hat er Libellen, und geübt hat er mit Stabheuschrecken.

Er sagt heute, daß, hätte Ernst Udet 1924 sein Münchener Flugzeugwerk nicht geschlossen, er dort als Volontär eingetreten und Flugzeugkonstrukteur geworden wäre. Müßig zu spekulieren, ob und welche Erfindungen er uns in diesem Bereich beschert hätte. Doch losgelassen hat ihn die Faszination der Flugzeuge auch später nicht.

Er war einer der 1000 Zuschauer, die atemlos verfolgten, wie die Testpilotin Hanna Reitsch 1938 in der vollbesetzten Deutschlandhalle in Berlin den Focke FW 61, ein von Heinrich Focke konstruierter Hubschrauber, vorführte: In der Halle ein Senkrechtflug nach oben, vorwärts, rückwärts und dann wieder Landung am Ausgangspunkt - sicherlich auch für heutige Begriffe eine Sensation!

Während seiner Kindheit und den ersten Schuljahren bei den Großeltern in der Pfalz, in Pirmasens, hat ihn Technik, genauer: die Funktion von Maschinen, interessiert. Während Freunde mit der Laubsäge Untersetzer oder Schmuckkästchen bastelten, mühte er sich um Maschinenmodelle. Sein Meisterstück: das Malteserkreuz für einen Filmprojektor aus Holz, den er später mit Altteilen zu einem richtigen Kinoprojektor vervollständigte.

Die Bruchs zogen 1920 nach München

1920 zog er zu den Eltern und Geschwistern nach München, wo er bis 1925 zur Schule ging. Fragt man ihn nach diesen Jahren, nennt er seine staatliche Oberschulausbildung eine Pleite. Was ihn magisch anzog, war das Deutsche Museum, damals noch in einem Bau in der Maximilianstraße untergebracht. Um seine technische Neugier zu befriedigen, schwänzte er die Schule und verbrachte die gewonnene Zeit lieber dort im Museum.

Mit dem Ergebnis, daß sich die Schule von ihm trennte. Seine physikalischen Kenntnisse setzte er um, wenn auch nicht in herausragende schulische Leistungen, so jedoch in sein Hobby, technische Basteleien.

Er schreibt selbst über seine Anfänge:
"Unter diesen Bastlern war ich sozusagen ein Prototyp derer, die gerade über diese Tätigkeit zur ernsten Wissenschaft gekommen sind. Schon 1921 - lange vor dem Rundfunk - nahm ich drahtlose Versuche auf mit einer Anlage, gebaut nach einem der Stadtbibliothek München entliehenen Büchlein mit dem Titel 'Wie baue ich mir selbst eine Station für drahtlose Telegraphie ? Erprobt wurde sie in München-Mittersendling, der Sender am Fenster von Vaters Fabrik, der Empfänger einige hundert Meter entfernt, damals auf einer Wiese. Die Funken hatten wie einst bei Marconi im Empfänger ein Relais auszulösen. Bei meinem Einmannbetrieb hatten die elektrischen Wellen eine Taschenlampe einzuschalten. Wenn sie leuchtete, das tat sie manchmal, mußte ich auf die Wiese, die Silberspäne im Detektor auseinanderklopfen, und so den Empfänger wieder in Empfangsbereitschaft bringen. Ein Funken-Sender, der nicht abgestimmt ist, strahlt ein ganzes Frequenzspektrum aus, und er hätte kilometerweit im Umkreis den Rundfunkempfang gestört - aber noch gab es ja keinen Rundfunk!' [1]

Dies geschah im Jahr 1922, der Amateur war 14 Jahre jung und durch seine Telegraphie-Experimente bestens auf den Rundfunk vorbereitet, der am 30. März 1924 in München begann.

Die Gedanken publizieren

"Eine Rolle Draht, eine Zigarrenkiste, einige Schrauben, Buchsen und ein Bleiglanzkristall, das war das Inventar, mit dem ich hoffnungsvoll meine Radiobasteltätigkeit begann ... Da Lautsprecher damals für die Allgemeinheit noch nicht existierten, endete das erste Experiment, das natürlich im Kreise sämtlicher Familienmitglieder stattfand, ... mit einem Streit um den einzigen Kopfhörer, wobei der ganze Apparat herabfiel und seinen Geist aufgab." [2]

Doch der junge Bastler gab nicht auf. Sein nächster Empfänger war schon mit Röhren für Fernempfang ausgerüstet; für die Abstimmung hatte er ein Variometer konstruiert. Die Baubeschreibung dieses Geräts in einer Funkzeitschrift war seine erste Veröffentlichung. Der 16jährige legte damit den Grundstein dessen, was Walter Bruch Zeit seines Lebens tat: immer schriftlich zu begleiten, was er technisch erdacht und entwickelt hatte.

Funk- und Bastelzeitschriften waren denn auch - neben dem Deutschen Museum - sein wichtigstes geistiges Rüstzeug, besonders eine Zeitschrift aus Stuttgart "Radio für Alle".

Als Titelbild wurde in jeder Nummer eine neue Schaltung gezeigt, die Bauteile perspektivisch gezeichnet und ebenso plastisch die Verbindungsleitungen. Die ersten Tage jeden Monats hing sie im Fenster der Buchhandlung Hugendubel in München.

Hingehen, sehen, Schaltung memorieren, zu Hause nachzeichnen, nochmal eine Kontrollbesichtigung, nachbauen, erproben und das Monat für Monat. Das war mein Gedächtnistraining. Ergebnis: Eine Schaltung einmal sehen, nicht mehr vergessen!" [3]

Die Wünsche der Eltern

Seine ebenfalls radiobegeisterte Mutter sah in ihm einen zweiten Edison, sein Vater jedoch hielt seine Basteleien für brotlose Kunst. Der Versuch, ihn zum Kaufmann ausbilden zu lassen, schlug fehl; die technischen Ambitionen des Sohnes waren stärker.

Und die verlagerten sich bald vom Radio auf die neueste technische Sensation, das Fernsehen. Die Verkehrsausstellung 1925 in München hatte nämlich den von Max Dieckmann entwickelten Fernseher präsentiert.

"Er arbeitete mit bewegten Spiegeln im Sender und einer Braunschen Röhre als Bildschreiber - wie konnte es bei einem ehemaligen Assistenten von Ferdinand Braun anders sein? Tag für Tag lockte mich dieser Stand an. Damals war ich noch ein Schuljunge, und wenn man auch nie etwas sehen konnte, so begeisterte mich doch der Gedanke, einmal fernsehen zu können? [4]

Optisch-mechanisches Fernsehen

Die Lösungsversuche zum Thema Fernsehen spielten sich in den 20er Jahren im optisch-mechanischen Bereich ab. So lag es nahe, daß der vom Fernsehen träumende Walter Bruch eine feinmechanische Ausbildung durchmachen sollte. In München fand sich keine Ausbildungsstätte, wohl aber am Ort seiner Kindheit, in Pirmasens, und zwar in der Schuhmaschinenfabrik Schön & Co. Er versüßte sich die Vorstellung, wieder in die Provinz zurückkehren zu müssen, mit dem Gedanken, daß auch dort viele feinmechanische Teile vorhanden sind, und eine Maschinenbaulehre dem Thema Fernsehen nicht abträglich sein könne.

2 Jahre Ausbildung zum Maschinenschlosser

Am 18. September 1925 begann seine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Sie dauerte zwei Jahre und vermittelte ihm die Kenntnis von Werkzeug- und Dampfmaschinen, von Wasser- und Dampfturbinen und auch die Grundlagen der Elektrotechnik.

Studieren wollte er. Doch was er vom Lehrlingslohn beiseitelegen konnte, reichte dafür noch lange nicht. Also beschloß er, ein Jahr mit Geldverdienen zu investieren, um so ausgerüstet das Studium aufnehmen zu können.

Arbeitgeber wurden die Pfalzwerke, die Elektrizitätsgesellschaft der Pfalz. Am 27. August 1927 fing er dort als Hilfsmonteur an. Die Arbeit seiner Kolonne, mit der er von Dorf zu Dorf zog, bestand darin, die Freileitungs-Ortsnetze für die Elektrizitätsversorgung zu erneuern. Im 1. Weltkrieg waren die Kupferleitungen durch Aluminium ersetzt worden, da man das Kupfer zur Munitionsherstellung brauchte. Das Aluminium war im Laufe der Jahre korrodiert; außerdem hat es eine geringere elektrische Leitfähigkeit und verursachte dadurch größere Energieverluste. Es sollte deshalb wieder durch Kupfer ersetzt werden.

Eine solche Montage findet natürlich im Freien statt, und zwar bevorzugt auf Masten und Hausdächern. Kann man sich heute Walter Bruch auf Dächern balancierend vorstellen? Ich glaube, er erinnert sich nur mit Schaudern daran, denn er gesteht, nicht schwindelfrei zu sein.

Jedenfalls lernte er die Pfalz durch diese Arbeit kreuz und quer kennen - ihre Sonnenseiten, die Weinanbaugebiete, und ihre Schattenseiten, den armen Hunsrück. Die Liebe zu seiner pfälzischen Heimat resultiert nicht zuletzt aus diesem sehr intensiven Jahr.

Die Techniker-Schule Mittweida

Als "Student" (rechts) bei einer Übung im Elektromaschinen- laboratorium, 1929 in Mittweida

Das ersehnte Studium brachte ihn 1928 weit weg, in einen ihm bis dahin unbekannten Teil Deutschlands, nach Sachsen. Ziel war das kleine Städtchen Mittweida nahe Chemnitz, heute Karl-Marx-Stadt. Dort gab es eine damals sehr renommierte Ingenieurschule, das "Technikum Mittweida", durch dessen Abschluß er die in München verpatzte Hochschulreife erlangen konnte.
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  • Anmerkung : Mittweida war 1928-1931 noch keine Ingenieurschule, es war eine Technikerschule mit dem Ziel in etwa des heutigen Fachabiturs, der eingeschränkten Hochschulreife.

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Er wohnte anfangs in einem Zimmer im Bahnhof, vermietet vom Bahnhofsvorsteher. Auch wenn er dort bald auszog - der Bahnhof hatte Gasbeleuchtung, der Bastler aber brauchte Strom für seine Experimente -, wurde der Bahnhof doch wichtig für ihn, denn ein Plakat in der Bahnhofshalle offerierte verbilligte Fahrkarten zur Funkausstellung nach Berlin.

Er wußte aus seinen Fachzeitschriften, daß auf dieser 5. Großen Deutschen Funkausstellung (31.8. bis 9.9.1928) der Öffentlichkeit erstmals Fernsehen vorgeführt werden sollte. Kaum in Mittweida angekommen, machte er sich auch schon auf die Reise nach Berlin.
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Die 5. Große Deutsche Funkausstellung 1928

Wir wissen, daß auf dieser Funkausstellung zwei Fernsehsysteme vorgeführt wurden: das von August Karolus in Verbindung mit der Firma Telefunken und das von Denes von Mihaly auf dem Stand der Reichspost.

Das Empfangsbild der Nipkowscheiben-Anlage von Karolus hatte eine Größe von 8cm x 10cm mit einer Auflösung von 10.000 Bildpunkten - eine Bildgröße, die von mehreren Personen gleichzeitig betrachtet werden konnte.

Bei der zweiten von Karolus vorgeführten Apparatur hatte er auf der Empfängerseite die Spiral-Lochscheibe durch ein Weillersches Spiegelrad mit 96 Spiegeln ersetzt; das von einer Hochleistungs-Kerrzelle modulierte Licht wurde über dieses Spiegelrad auf eine Bildwand reflektiert. Das Projektionsbild hatte die Größe von 75cm x 75cm, zerlegt in 96 Zeilen.

Für die Fachwelt war dieses lichtstarke und feingerasterte Telefunken-Karolus-System die Sensation, für die Ausstellungsbesucher eher das Telehor von Mihaly. Es war eine einfache Nipkowscheiben-Apparatur, die eine Auflösung von 900 Bildpunkten und eine Bildgröße von 4cm x 4cm hatte. Das Foto, auf dem die Ausstellungsbesucher vor dem Dunkelzelt Schlange stehen, um dieses winzige Bild einzeln zu betrachten, ist berühmt geworden.

Walter Bruch war von dieser Demonstration genauso enttäuscht wie es Paul Nipkow selbst gewesen sein soll.

Jahre später schrieb er darüber unter der Überschrift "In Berlin suggeriert ein Erfinder den Volksfernseher":

"Mihaly hatte das Interesse des kleinen Mannes angesprochen, ihm suggerierend, daß in absehbarer Zeit für etwa 100 Mark Fernsehgeräte zum Anschluß an das Rundfunkgerät zur Verfügung stehen sollten. Mihalys Geschick für Publizistik hat das Fernsehen in die Tagespresse gebracht!' [5]

Eine einfache Fernsehanlage nachbauen

Auch in ihm reifte nun die Idee, eine solche einfache Fernsehanlage nachzubauen. Doch bevor dieses Vorhaben realisiert werden konnte, baute er einen Bildfunkempfänger, nach seinem Erfinder Otto Fulton benannt "Fultograph". Auch diesen hatte Telefunken auf der Funkausstellung vorgestellt.

Es war ein Gerät, das nach einem elektrochemischen Verfahren Bilder auf Papier schrieb. Die BBC hatte 1928 damit begonnen, über den Langwellensender Daventry solche Bilder auszustrahlen. Da dieser Sender auch in Deutschland gut zu empfangen war, hatte sich die Berliner Funk-Stunde über ihren Sender Witzleben diesen Versuchen angeschlossen.

Der Bau dieses Bildfunkempfängers beschäftigte Walter Bruch Anfang 1929, nach seinem Umzug in einen ehemaligen Pferdestall, zwei Monate lang fast Tag und Nacht. Er brachte seine Erfahrungen 1930 zu Papier:
"Nur wenige Bastler haben sich praktisch mit dem Bildfunk befaßt und können aus eigener Erfahrung bestätigen, welche Schwierigkeiten damit verbunden waren. Alle Teile eines Bildfunkapparats selbst herzustellen, erfordert eine nicht geringe Handfertigkeit und Geduld. Bei mir ließen die Empfangsverhältnisse sehr zu wünschen übrig. Konnte wirklich einmal ein befriedigender Empfang erzielt werden, so war bestimmt etwas an der Bildfunkapparatur nicht in Ordnung, oder es funktionierte das ebenfalls selbstgebaute Relais nicht; arbeiteten aber diese Teile alle zufriedenstellend, so war sicher die Lösung für das Papier falsch angesetzt.

Alle diese Schwierigkeiten wären längst nicht so zur Geltung gekommen, wenn die Versuchssendungen länger gedauert hätten. Sie dauerten aber jeweils nur etwa 5 Minuten; war der Apparat eingestellt, so waren die 5 Minuten verstrichen. Zudem hatte man für die Versuche eine ganz ungünstige Zeit ausgewählt, nämlich 12 Uhr nachts. Manche Nacht wurde daher die Wirtin meiner damaligen Studentenbude durch das Klappern meines Bildfunkapparats oder richtiger: durch die laute und nicht gerade gewählte Unterhaltung, die ich wegen der ewigen Mißerfolge mit mir selbst führte, aufgeweckt. Trotzdem gelang es mir schließlich, eine Reihe recht guter Bilder aufzunehmen, besonders nachdem die Apparatur bei einem Freund aufgestellt worden war, der über gute Empfangsverhältnisse verfügte" [6]

Jetzt intensiv dem Fernsehen widmen

Nach diesen Erfolgen widmete er sich intensiv dem Fernsehen. Seine ersten Nipkowscheiben für Sendung und Empfang schrieben 20 Zeilen; die Antriebsmotoren fand er auf Schrottplätzen in alten Staubsaugern. Fotozelle und Flächenglimmlampe waren aus finanziellen Gründen nicht beschaffbar; also griff er auf die schon
als historisches Relikt betrachtete Selenzelle zurück. Auch bei ihm mußte Phantasie die fehlende Bildqualität ersetzen.

In der Nacht zum 9. März 1929 war von Denes von Mihaly in Zusammenarbeit mit der Post in Berlin die erste drahtlose Fernsehübertragung durchgeführt worden. Von Mai bis zum 13. Juli 1929 führte der englische Erfinder John Logie Baird sein System an der Spree vor. Walter Bruch hatte inzwischen einen Nipkowscheiben-Empfänger für die gesendeten 30 Zeilen gebaut.

"Auch hier beeinträchtigten schlechte Empfangsverhältnisse den Erfolg stark. Bezeichnend ist, daß ich den 200km von meiner Wohnung entfernten Sender Witzleben nur mit dem Neunröhrenapparat von Loewe, dessen Niederfrequenzteil entsprechend abgeändert wurde, empfangen konnte .... Wer damals mein Zimmer betrat, der mußte sich in das Arbeitskabinett eines mittelalterlichen Magiers versetzt denken, denn eine Hälfte des Zimmers war mit schwarzen Tüchern vollkommen abgetrennt, was einen unheimlichen Eindruck machte. Diese Einrichtung ermöglichte es mir, jeden Vormittag in der Kollegpause ... die Sendungen von Berlin aufzunehmen, vorausgesetzt, daß nicht ein nachbarlicher Ventilator das Bild in ein Aquarium mit schwimmenden Fischen verwandelte. Das war immer der Fall, wenn ich den Apparat vorführen wollte. Tücke des Objekts!

Endlich nahm der Sender Witzleben einmal wöchentlich nachts Sendungen in sein inoffizielles Programm auf, wodurch alle Schwierigkeiten verschwanden; wenigstens brauchten jetzt keine Tücher mehr vor die Fenster gehängt zu werden.

Ich erinnere mich da noch einer Nacht, "wo" ??? wir wegen schlechter Empfangsverhältnisse mit sämtlichen Apparaten zu dem schon erwähnten Freund, der eine gute Hochantenne besaß, gingen, um dann in der vierten Morgenstunde mit sämtlichen Apparaten wieder meiner Wohnung zuzuwandern. Wer in einer Kleinstadt zuhause ist, wird ohne weiteres verstehen, daß mich das einzige Polizeiorgan der betreffenden Stadt, das uns mit unseren Apparaten in jener Nacht begegnete, noch lange für einen halben Einbrecher hielt. In einer anderen Nacht wurden die Sendungen und damit auch unsere Empfangsversuche über einige Stunden ausgedehnt, bis der überlastete Antriebsmotor der Nipkowscheibe mit einem lauten Zischen die Fähigkeit verlor, einen Gegenstand in Rotation zu versetzen. Dadurch waren die Versuche zwangsweise beendigt!" [7]

Der Juni 1929 - ein richtiges Fernsehbild

Am 10. Juni 1929 hatte er in Mittweida sein erstes, über den Sender Witzleben ausgestrahltes Fernsehbild, die berühmten zwei Mädchenköpfe, empfangen.

Wenn er heute davon erzählt, schwingt leiser Stolz in seiner Stimme, im Alter von 21 Jahren bei den ersten Fernsehversuchen in Deutschland mit dabei gewesen zu sein.

Das "Studium" ?? in Mittweida dauerte drei Jahre. Am 10. August 1931 erhielt er sein "Diplom" als "Elektromaschinenbau-Ingenieur" mit der Note "gut".
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  • Anmerkung : Dieser Teil der (seiner) Geschichte ist nirgendwo belegt. Die Technikerschule stellte 1931 keine Diplome sondern Zeugnisse aus. In anderen Publikationen wurde auch immer wieder von einer Immatrikulation gesprochen, es war jedoch eine Anmeldung zu einer Techniker-Schule. Diese Technikerschule wurde erst 1939 zur Ingenieurschule angehoben bzw. umgebaut.

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Die Prüfungsaufgabe hieß:
"Es ist ein Motorgenerator, bestehend aus einem Drehstromgenerator von 125 kW und einem Gleichstromgenerator von 112 kW nach besonderen Angaben zu berechnen und zu entwerfen."

Ein Thema, das sicher wenig mit seiner späteren Tätigkeit als Fernsehentwickler zu tun hatte. Denn das wollte er werden. Und deshalb zog es ihn nach Berlin - nicht nur, weil die Eltern mittlerweile dorthin umgezogen waren, sondern weil dort auch das Zentrum aller deutschen Fernsehaktivitäten war. Die technische Hochschule Charlottenburg, an der Deutschlands erste Hochfrequenz- Spezialisten lehrten, war sein nächstes Ausbildungsziel.
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1931 - Berlin - die ersten Stufen des Erfolgs

Der Spiegelkranzfernseher, 1933 von Bruch und Bakos im Laboratorium von Denes von Mihaly entwickelt und gebaut

Doch die finanzielle Lage der Familie war nicht so, und den Gedanken, noch einmal ein Vollstudium aufzunehmen, mußte er bald aufgeben. Im Jahr 1931 sofort eine bezahlte Stellung zu finden, war ebenfalls aussichtslos, und so verdiente er sich erst einmal ein Taschengeld als Nachhilfelehrer für Mathematik und Physik.

In der Wohnung der Eltern richtete er sich sein Zimmer ähnlich wie schon vorher in Mittweida ein: Die eine Hälfte, durch Vorhänge verdunkelt, wurde das Labor, "wo" Fernsehapparatur, Drehbank und weitere Werkzeuge Platz fanden. Doch die theoretische Weiterbildung kam nicht zu kurz: An der Technischen Hochschule in Charlottenburg hörte er Mathematik und an der Universität theoretische Physik - und das bei keinem Geringeren als Max Planck. Und er besuchte die wöchentlichen Experimentalvorträge von Gustav Leithäuser über Hörfunk und Fernsehen.

1932 Siegmund Loewe

Über seinen Vater lernte er 1932 Siegmund Loewe kennen, der ihn mit dem ein Jahr jüngeren, aber damals erstaunlichsten Berliner Erfinder bekanntmachte: Manfred von Ardenne. Durch die Entwicklung der Loewe-Dreifachröhre reich geworden, konnte es sich der Autodidakt leisten, das zu tun, was er wollte: forschen. Er schlug Walter Bruch vor, in sein Laboratorium einzutreten, unentgeldlich allerdingt, allein aus Lust an der Forschung.

Zu diesem Zeitpunkt waren Ardennes für die damalige Zeit avantgardistischen Versuche auf dem Gebiet des elektronischen Fernsehens leider - aus der Sicht von Walter Bruch - beendet. Das Forschungsgebiet, das Bruch bearbeiten sollte, war akustischer Art: Untersuchungen von Lautsprechersystemen im schalltoten Raum. Doch Walter Bruch hatte sich Fernsehen in den Kopf gesetzt, und deshalb schied er nach kurzer Zeit aus dem Ardenne-Laboratorium aus.

Mit etwas Glück den Kontakt zu Mihaly

Aus heutiger Sicht hatte er, trotz Massenarbeitslosigkeit und dem verrückten Wunsch, unbedingt Fernsehkonstrukteur werden zu wollen, Glück. Denn sein Vater kannte einen Ungarn, der wiederum den damals wohl bekanntesten Ungarn in Berlin kannte: den schon erwähnten Denes von Mihaly.

Die Vermittlung klappte, und in den ersten Januartagen des Jahres 1933 trat Walter Bruch in das Labor des Erfinders ein - für einen, wenn auch bescheidenen, Wochenlohn von 50 Reichsmark. Außer ihm gab es dort noch einen Mechaniker und drei Ingenieure, alles Ungarn.

  • Anmerkung : Der Opa des Autors Gert Redlich lebte als Schneidermeister in Berlin Mitte und verdiente etwa 50. bis 100.- RM je nach Auftragslage pro Monat !!


Zu dieser Zeit bekam Mihaly finanzielle Unterstützung aus England. Geldgeber war einer der bekanntesten englischen Flugzeug-Industriellen, Henry White Smith. Als Gegenleistung mußte Mihaly Fernseherfindungen liefern. Natürlich wurde die gesamte Korrespondenz in englisch geführt, wofür eine Fremdsprachen- Korrespondentin eingestellt wurde, Ruth Jeskulke. Trotz der politischen und beruflichen Entscheidungen des Jahres 1933 war dieses Ereignis für Walter Bruch wohl das wichtigste: Ruth Jeskulke wurde einige Jahre später, 1938, seine Frau; sie hatte keinen unwesentlichen Anteil an seinem Erfolg. Deshalb gilt diese Festschrift auch ihr, denn ohne sie ... na, ich weiß nicht!
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Spiegelkranzfernseher für die Funk-Ausstellung

Seine Aufgabe bei Mihaly war es, einen Spiegelkranzfernseher zu entwickeln und bis zur 10. Funk-Ausstellung Berlin 1933 (18. bis 27.8.) verkaufsreif zu machen. Er baute diesen 90-Zeilen-Empfänger zusammen mit seinem ungarischen Kollegen Bakos. Im Unterschied zu dem von Karolus 1928 vorgestellten Spiegelradempfänger rotierte hier ein einziges kleines flaches Spiegelchen, das von einem Uhrenmotor angetrieben wurde und deshalb leicht synchronisierbar war.

Wenn auch dieses Fernsehsystem die höchste mechanische Entwicklungsstufe darstellte, hatte es den Braunschen Röhren als Bildgeber gegenüber keine Zukunftschancen. Es wanderte dorthin, wo es heute noch steht: im Deutschen Museum in München.

Die Englänger stellten daraufhin ihre finanzielle Unterstützung ein, und Denes von Mihaly war wieder einmal pleite. Walter Bruch mußte sein Erfinder-Laboratorium mangels Geldmasse verlassen.

Nun in der Ton- und Nadelton-Film-Branche

Aber er hatte drei Jahre selbständiger Ingenieurstätigkeit hinter sich, in denen er Schmaltonfilm- Aufnahme-Apparate, Filmgrammophone und mechanisch-optische Fernseh-Abtaster "entwickelt" und "konstruiert" ?? hatte.

Eine Anmerkung noch zu den Filmgrammophonen, deren Entwicklung ins Jahr 1934 fiel. Die Langspielplatte war von ihrem Initiator Peter Goldmark noch nicht erfunden (die kam erst 1948) und die normale Schallplatte mit 4 1/2 Minuten Spieldauer pro Seite schon lange als unbefriedigend empfunden worden.

Beim 1929 in Deutschland eingeführten (Nadel-) Tonfilm brauchte nämlich der Filmvorführer noch zwei Assistenten: einen im Saal, der die Lautstärke regelte, und den zweiten im Projektionsraum zum Auflegen der Filmmusikplatten.

Mihaly hatte nun die Idee, diese technische Lücke durch ein sogenanntes Filmgrammophon zu füllen. Übertragen wurde diese Aufgabe wieder Bruch und Bakos. Die beiden entwickelten einen Tonträger mit längerer Spielzeit, indem sie einen 16mm-Schmalfilm mit zehn parallel laufenden Lichttonspuren kombinierten. Entweder konnte durch einen Regler jede einzelne der zehn Spuren gewählt werden, wobei jede Spur einer Schallplattenseite entsprach; oder die Abtastung schaltete sich automatisch von einer Spur auf die nächste, so daß das Gerät ohne Unterbrechung 45 Minuten spielen konnte.

Einen Interessenten für die Patentrechte hatte Mihaly in einer Schweizer Bankiersgruppe gefunden. Zur Vorführung nach Zürich reiste Walter Bruch allein, denn Bakos war Jude und bekam keine Ausreiseerlaubnis.

Deshalb diese Anmerkung: Bakos überlebte die Vernichtung der Juden in Holland im Untergrund, arbeitete nach dem Krieg als Tonband-Ingenieur bei Philips in Eindhoven, wodurch Walter Bruch in den 50er Jahre wieder Kontakt mit ihm bekam.

Bei Mihaly hatte er Fritz Schröter kennengelernt, den Chef der Abteilung "Physikalische Forschung" bei Telefunken. Und der verschaffte ihm im Februar 1936 eine Anstellung bei der Weltfirma.

Zwar dann bei Telefunken, aber bei Klangfilm gelandet

Allerdings konnte Walter Bruch aus innerbetrieblichen Gründen nicht sofort in dem Forschungslaboratorium, das sich mit Fernsehen beschäftigte, arbeiten, sondern er verbrachte seine ersten zwei Telefunken-Monate im Klangfilmlaboratorium.

Aber am 1. April 1936 war es dann soweit, und er trat in das Forschungslaboratorium F3 unter der Leitung von Otto Schriever ein. Zugeteilt war er der Abteilung von Wolfgang Federmann, die nun mit Walter Bruch zusammen fünf "Ingenieure" umfaßte.

Im März 1935 hatte der Fernsehprogrammdienst in Berlin begonnen. Walter Bruch wurde als Aufgabengebiet die Betreuung des bei der Post aufgestellten kombinierten Film- und Personen-Linsenkranzabtasters und des Fernsehabtasters übertragen.

  • Anmerkung : Laut Mechau war das die Arbeit für einen Techniker, nicht für einen Ingenieur.


Und sehr viel Schreibtischarbeit. Das lag ihm gar nicht, und er stieß bald auf eine sinnvollere Beschäftigung, die ihn geradewegs in die Olympischen Spiele 1936 hineinführte. Einen "Trainer" fand er in dem vier Jahre älteren Rudolf Urtel.

Bruch hat später über ihn geschrieben:
"Fritz Schröter hatte gerade einen jungen bemerkenswerten Ingenieur für das Fernsehen gewonnen. Rudolf Urtel war Autodidakt. Ursprünglich war er Kadett gewesen, hatte dann zwei Semester Jura studiert und war später zu Telefunken gekommen, um dort auf einem ganz anderen Gebiet zu arbeiten. Durch einen originellen Aufsatz über die Hochfrequenzgleichrichtung lenkte er die Aufmerksamkeit der Röhrenleute auf sich.

Es ging ihm wie Manfred von Ardenne: Von der mechanisch-optischen Fernsehära unbelastet, kam er zunächst über die Patentschriften mit dem elektronischen Fernsehen in Berührung. Er konnte mit der Schärfe seines analytischen Denkens den begeisterungsfähigen Fritz Schröter von der Zukunft der elektronischen Abtastung im Fernsehen vollends überzeugen, und Schröter gab dem experimentell noch vollkommen unerfahrenen Urtel ein Laboratorium."[8]

1935 - Urtel und Schröter bei RCA in den USA

1935 hatte Urtel zusammen mit Fritz Schröter die RCA in den USA besucht und das von Zworykin entwickelte Ikonoskop in der Praxis besichtigt. Beide kamen begeistert zurück, überzeugt davon, daß nur die Elektronik dem Fernsehen Zukunftschancen bieten könne. Die RCA stellte der Firma Telefunken kurz danach eine Ikonoskop-Aufnahmeröhre mitsamt den Schaltbildern zur Verfügung, und Rudolf Urtel setzte sie in einer Musteranlage in Betrieb.

Walter Bruch hatte bei seinem Eintritt in die Firma das Fragment einer sogenannten Gegenseh-Anlage vorgefunden, eine frühe Ausgabe des Video-Telefons, die ein früherer Mitarbeiter auf elektronischer Basis, das heißt mit zwei Ikonoskop-Aufnahmeröhren, nach dem Vorbild von Urtels Musteranlage gebaut, aber nicht fertiggestellt hatte.

Um der ungeliebten Schreibtischarbeit entfliehen zu können, beschloß Bruch, dieses Ungetüm von mehr als zehn Metern Länge, bedingt durch die zwei Sprechkabinen an den jeweiligen Enden, in Betriebsbereitschaft zu bringen, was ihm durch Urtels Beratung, durch intensive Lötkolbenarbeit und die Hilfe dreier Mechaniker gelang. Im Juni 1936 konnte er stolz sein erstes Bild vorführen.

"Der Kontakt mit Urtel war für mich wie ein Lebenselixier. Gegen seine scharfe Zunge sich behaupten zu müssen, war ein lehrreiches Vergnügen, und die wissenschaftlichen Diskussionen mit ihm waren stets ein besonderer Genuß. Er hat meinen Ehrgeiz aufgestachelt.3' [9]

Ehrgeiz - der Schlüssel zum Lebenswerk

Ehrgeiz - ich glaube, hier liegt der Schlüssel zum Lebenswerk von Walter Bruch. Er, der einzelgängerische Bastler und Tüftler, war schon in jungen Jahren mit außergewöhnlichen Männern konfrontiert: mit Manfred von Ardenne, Denes von Mihaly, Fritz Schröter und Rudolf Urtel, nicht zu vergessen Emil Mechau. Ihnen ebenbürtig zu werden, selbst genau so kreativ und erfinderisch zu sein, war wohl sein Antriebsmotor, seine Technikfaszination die Basis.

Die Reichspost hatte beschlossen, die im August 1936 in Berlin stattfindenden Olympischen Spiele im Fernsehen zu übertragen, um sie zu einem Propaganda-Feldzug für Deutschlands Größe zu nutzen.

Urtel hatte sich geweigert, seine Musteranlage für diesen Zweck bereitzustellen. Wahrscheinlich war es Fritz Schröter, der auf die Idee kam, die betriebsfähige Gegenseh-Anlage von Walter Bruch zu einer Reportage-Anlage umzufunktionieren und sie zusammen mit zwei anderen elektronischen Kameras während der Spiele einzusetzen.
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  • Anmerkung : Diese (Bildtelefon-) Technik ist bei uns als Gegenseh-Einrichtung des Reichspostzentralamts oder auch als Fernseh-Sprechdienst und als Fernsehtelefon bekannt und mehrfach beschrieben. Von einem Walter Bruch ist in den historischen Unterlagen nirgendwo etwas auch nur vermerkt.

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Bruch hatte zwei Monate Zeit. Und er schaffte es, zusammen mit seinen Mechanikern Richard Wulf und Paul Mischewsky, aus den vorhandenen Teilen die Olympia-Anlage "zusammenzunageln".

Emil Mechau hat die eigentliche Kamera konstruiert

Die eigentliche Kamera stammte von dem besten und bekanntesten Konstrukteur der Firma Telefunken, von Emil Mechau. Einen Tag vor Eröffnung der Spiele (1. bis 16. August 1936) war die Anlage fertig.

"Ein einziges Mal hatten wir das Gerät am letzten 'Arbeitssonntag' vom Labor aus auf unseren Hof gerichtet und für gut genug befunden. Danach wurde alles rasch zusammengeschraubt, auf einen Wagen gesetzt, und los ging es zum Stadion. Das Aufstellen am Standort, die täglich nötigen Verbesserungen, die Umschalterprobungsarbeit zur Nacht ... sind Erinnerungen an ein großes Wagnis, das wir damals auf uns nahmen."[10]
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  • Anmerkung : Die vorsichtigen Formulierungen sprechen dafür, daß Walter Bruch sicherlich dabei war, aber vermutlich mehr als Techniker des Montage-Trupps als denn als Ingenieur der Versuchsleitung.

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Jetzt kommt ein wenig Glorie dazu

Das ist eines der typischen Telefunken Fotos, die nach 1960 publiziert wurden
Hier sind 3 sehr ähnlche Gesichter drauf - aber wer ist wer ?

Walter Bruch wundert sich über diesen Mut heute noch. Daß er während der Spiele auch noch zum Kameramann wurde, erklärt er mit der Notwendigkeit technischen Einfühlungsvermögens, seiner Kenntnis der ganzen Apparatur natürlich und der Tatsache, daß er damals 16mm-Schmalfilm-Amateur war - nach Ansicht seiner Vorgesetzten die idealen Voraussetzungen.

Wie schnell sich in den 30er Jahren das Fernsehen entwickelte, ist an der Tatsache abzulesen, daß diese "Olympia-Kanone" schon neun Monate später als besondere Attraktion im Deutschen Museum in München einen Platz fand, im Rahmen einer Sonderausstellung zum Thema Fernsehen, an deren Gestaltung auch Walter Bruch mitwirkte.

Für Fritz Schröter war die erfolgreiche Umrüstung der Gegenseh-Anlage der erste "Ritt", mit dem sich Walter Bruch im Hause Telefunken bewährt hatte. Nach den Olympischen Spielen wurde ihm deshalb die Konstruktion und technische Ausführung aller elektronischen Fernsehanlagen übertragen, die Telefunken an die Reichspost lieferte. Die Grundlagenentwicklung kam aus dem Laboratorium von Rudolf Urtel, mit dem er auf diese Weise bis 1939 zusammenarbeitete.

  • Anmerkung : Wie weiter oben bereits geschrieben, Dr. Schröter als Chef der ganzen Telefunken-Fernseh- Abteilung lobte jeden seiner Mitarbeiter in Zeitungsberichten und anderen Artikeln, die heute fast alle publik sind. Doch der Name des sich selbst so genial darstellenden Walter Bruch kommt da nirgendwo vor. Auch bei den Fernseh-Sprechstellen Verbindungen von Berlin nach München wird kein Walter Bruch genannt. Also dieser Teil der Historie ist mit Bedacht zu geniessen.

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Weltausstellung 1937 in Paris

So zum Beispiel für die Weltausstellung 1937 in Paris. Die Deutsche Reichspost hatte sich nach den geglückten Übertragungen der Olympischen Spiele entschlossen, dem deutschen Fernsehen noch mehr "Weltgeltung" zu verschaffen und in Paris den neuesten Entwicklungsstand zu demonstrieren: 375 Zeilen nach dem flimmerfreien Zeilensprungverfahren.

Urtel entwarf, Bruch baute und fuhr im Frühsommer 1937 mit der Ikonoskop-Anlage nach Paris. Standort der Kamera war das Dach des deutschen Pavillons, von wo sie den Besuchern im Foyer das Panorama von Paris, der Ausstellung und auch den benachbarten sowjetischen Pavillon übertrug.

"Es gab sehr interessante Diskussionen. Oft wurden sie aber politisch, denn von dem damals sehr sozialistisch eingestellten Frankreich aus sah man mit gewisser Sorge auf das nazistische Deutschland. Und mehrfach wurde unsere Frage, was sie am schönsten auf der Ausstellung fänden, beantwortet mit : Der deutsche Pavillon ist interessant, aber der russische Pavillon ist noch viel schöner! - Heil Moskau!!"

Deshalb mußten Kamera und Mikrofon auf ein Podest gestellt und die Gesprächspartner in Vorunterhaltungen getestet werden. Demgegenüber erschien die gezeigte Technik unpolitisch. Sie wurde uneingeschränkt bewundert. Drei Goldmedaillen brachten die Fernsehanlagen dem Deutschen Reich."[11]

Êin Fernsehstudio in Berlin 1938

Bevor die Arbeit Bruchs eminent politischen Charakter annahm, hatte er Gelegenheit, das zu tun, was er heute als seine größte Aufgabe in den 30er Jahren bezeichnet: das erste deutsche vollelektronische Fernsehstudio in Berlin einzurichten.

Ort war das dem Funkhaus gegenüberliegende Deutschlandhaus, Auftraggeber die Post, deren Fernsehstudio in der Rognitzstraße (8m2) längst zu klein geworden war. Aus dem neuen Studio sollte ab 1938 mit der neuen Norm von 411 Zeilen gesendet werden. Es war Bruchs bisher größtes selbständiges Projekt, das er ganz nach eigenen Vorstellungen ausführen durfte.

Die Postingenieure hatten lediglich ihre Anforderungen für das Studio umrissen:
"Es sollte mit drei Kameras, einem Filmabtaster mit einer Mischanlage für die Überblendung der Bilder und des Tons und einer Impulszentrale ausgerüstet werden. Eine Anschlußmöglichkeit für eine zweite Studiogruppe von der Fernseh AG war vorzusehen." [12]

Der vorgesehene Raum war ein runder Saal, ursprünglich als Cafe gedacht, von rund 300 m2 Größe - im Vergleich zum ehemaligen Post-Studio in der Rognitzstraße ein richtiger Ballsaal, zusätzlich mit einer Rundgalerie und drei geräumigen Nebenräumen ausgestattet.

Nach dem Vorbild von Rudolf Urtels Laboratoriumsanlage für 441 Zeilen, die auf der Funkaussstellung im August 1937 vorgeführt worden war, konstruierte Walter Bruch zusammen mit drei Mitarbeitern die Zentralanlage zur Steuerung des Filmabtasters und der beiden Studiokameras.

Vier Bilder konnten in diesem Mischpult überblendet werden; es war also ausgelegt auf den Zuwachs durch die Kameras der Fernseh AG.

Die Galerie wurde zur Beleuchterbühne. In einem der Nebenräume wurde die Mischanlage von Telefunken, die Regie, installiert, die durch ein Fenster Blickkontakt zur gegenüberliegenden Hauptbühne hatte. Der Filmabtaster, der von der Fernseh AG konstruiert worden war, wurde im zweiten Nebenraum untergebracht, die Maske für die Schauspieler im dritten.

Fernsehstart mit dem "Flaschenteufelchen"

Mit dem Sendespiel "Das Flaschenteufelchen" nach einer Novelle von Robert L. Stevenson sollte dieses nach dem damaligen Stand der Technik modernste Fernsehstudio am 1. November 1938 eröffnet werden. Alles war erst kurz vorher fertig geworden.

"Deshalb mußten Entwicklungsingenieure die Anlagen bedienen. Bei der Eröffnungssendung hatte ich beide Kameras und den Filmabtaster zu steuern, weil auch in meinem Labor kein Ingenieur für die Bedienung dieser Anlage rechtzeitig angelernt werden konnte. Ein Wunder, daß jene Premiere nach viel zu kurzer Probenzeit einwandfrei ablief" [13]

  • Anmerkung : Also das mit "mein Labor" und "meine Ingenieure" ist nach bisheriger Recherche etwas sehr weit her geholt und nicht stimmig.

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1939 - es gibt Krieg

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  • Anmerkung : Auch hier wieder die allgemeingültige Beschreibung : "Es brach Krieg aus." Richtig wäre : "Deutschland fing einen Krieg an." Diese Art der Formulierungen findet man in Zeitzeugen- Beschreibungen der Veteranen sehr häufg. Alleine der ZDF Redakteur Günter Bartosch hatte es überall ganz deutlich fomuliert, "Wir haben 1939 den Krieg angefangen - und verloren."

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Kein Wunder war es, daß Walter Bruch bald militärische Aufgaben zugewiesen bekam, denn ein knappes Jahr später brach der 2. Weltkrieg aus.

Ihm oblag inzwischen die technische Leitung des auf einhundert Mann angewachsenen Labor- und Werkstattbetriebs der Forschungsabteilung, da sein Chef Federmann viel auf Reisen war.

Telefunken war damals führend in der mit "Funkmeß-" bezeichneten Technik, heute genannt Radar-Technik. Deshalb wurde der Firma kurz nach Kriegsbeginn die zentrale Steuerung der Fertigung aller neuen Meßgeräte für die Höchstfrequenz- und Radartechnik übertragen - und zwar genauer: der Abteilung Walter Bruchs.

  • Amerkung : Nein, es war die Abteilung von Dr. Schröter, der dieses machen mußte. Dafür - er war sehr stark in diese geheimen Rüstungsarbeiten involviert - durfte er erst 1950 wieder in Deutschland arbeiten, solange war er als stark belasteter Militärangehöriger im Ausland "untergekommen" bzw. "abgetaucht".

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Die Philosophie der Meßgeräte

Von allen Meßgeräten, die, wo auch immer in Deutschland, entwickelt wurden, mußten er und seine Kollegen die Prototypen auf Fertigungsreife überprüfen, die Fertigungszeichnungen freigeben und die ersten drei Muster durch die Prüffelder bringen. Walter Bruch sagt heute, daß er von seinem kurzen Labor-Aufenthalt bei Manfred von Ardenne eine Lehre fürs Leben mitgenommen habe: Ein echter Fortschritt in der Technik kann nur über eine fortschrittliche Meßtechnik erreicht werden. Die Entwicklung und der Bau der entsprechenden Meßgeräte und ihre Anwendung hätten Ardenne groß gemacht.

Bruch lernte durch diese Arbeit, die ihn außerdem durch ihre Vielseitigkeit interessierte, die wichtigsten deutschen Entwickler auf diesem Gebiet kennen, von denen er außergewöhnlich viel profitiert hat.

Außerdem besaß die Radarentwicklung eine hohe Dringlichkeitsstufe, so daß er und seine Mitarbeiter vor dem Fronteinsatz geschützt waren.

Fernsehtechnik war jetzt Schwarzarbeit

Sie versuchten natürlich auch trotz Krieg, nebenbei und heimlich, weiter an der Fernsehtechnik zu forschen. Während dieser "Schwarzarbeit" war 1939 eine kleine transportable Fernseh-Reportage-Anlage für 441 Zeilen entstanden, die in Wehrmachtstornistern für Nachrichtengeräte untergebracht werden sollte.

Das schwierigste Problem dabei war, die für jeden Tornister vorgeschriebene Maximallast von 25 kg einzuhalten. Die für diesen Zweck besonders kleinen Ikonoskope hatte übrigens Richard Theile gebaut, später Leiter des Instituts für Rundfunktechnik, mit dem Walter Bruch im Laufe seines Lebens immer wieder zusammenkommen sollte. Für diese Anlage interessierte sich das Luftfahrtministerium.

"Ende 1939 schon wurden mit dieser Anlage Vorversuche für ein Projekt gemacht, das dann die Forschungsanstalt der Deutschen Reichspost und die Fernseh AG zur Entwicklung bekamen.

Dieses Projekt 'Tonne' sah eine Fernsehkamera vor, eingebaut in eine lenkbare Gleitbombe. U-Boote sollten z.B. Ziele sein. Vom Flughafen Diepensee bei Berlin, heute ein Teil des Ostberliner Flughafens Schönefeld, stürzten wir über dem Müggelsee mit einer Ju 52, so gut wie die lahme Ju das konnte, auf friedliche Ausflugsdampfer zu, später dann auf Motorboote. Das Bild der in einer offenen Bodenluke montierten Kamera wurde über einen Sender zum Flughafen übertragen. Vor dem Bildschirm prüften die Militärs vom RLM (Reichs-Luftfahrt-Ministerium), ob nach einem solchen Bild ein Ziel angesteuert werden konnte. So einfach, wie sich das heute anhört, war das nicht. Die erste Anlage war noch für Netzbetrieb, und dazu brauchte man eine Umformeranlage vom 24-VBordnetz auf 220-VWechselstrom, das war ein richtiger 'Brocken'. Die Tornister schnallten wir auf einen Labortisch (!) im Innern der geräumigen Ju 52." [14]

Auf einer festgezurrten Kiste saß bei diesen Probeflügen oft Fritz Schröter neben ihm, der Entwicklungschef von Telefunken, der sich diese abenteuerlichen Versuche nicht entgehen lassen wollte. Für Telefunken blieb es bei den Versuchen. Die Deutsche Reichspost wollte die Weiterentwicklung selbst übernehmen. In Zusammenarbeit mit der Fernseh AG wurde eine Anlage gebaut, die in ihrer technischen Funktion einwandfrei war. Aber dennoch kamen die Gleitbomben mit dem sogenannten Zielfernsehen nicht zum Fronteinsatz, da es nur selten gelang, das Ziel exakt mit der Kamera einzufangen.

Jedoch waren diese militärischen Anfänge der Beginn des Industriefernsehens: die Übertragung technischer Vorgänge, das Fernsehen als Meßwerkzeug.
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Die Legende der Heeresversuchsanstalt Peenemünde

Zum ersten Mal richtig in der Praxis eingesetzt wurde es in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, in der (wo) das Luftfahrtministerium Raketen des Typs A4, die später die Bezeichnung V2 erhielten, entwickelte. Die Fernsehmöglichkeiten hatten sich offensichtlich herumgesprochen, denn die Luftwaffe äußerte den Gedanken, Fernsehkameras und die nötigen Empfänger bei der Erprobung der Raketen zu verwenden.

So kam Walter Bruch in die höchste Dringlichkeitsstufe. Nachdem er drei Eide zwecks Geheimhaltung seiner Mission abgeleistet hatte, fuhr er Anfang 1941 zusammen mit zwei Ingenieuren nach Peenemünde, ohne zu wissen, um welche Dringlichkeit und ihre Geheimhaltung es sich handelte.

Als Gepäck hatten sie zwei der "kleineren" Kameraanlagen dabei, wozu zentnerschwere magnetische Netzspannungsgleichhalter (gegen die Peenemünder Spannungsschwankungen) gehörten, Scheinwerfer und Kisten voll Werkzeug, Ersatzröhren und unzählige Kabelrollen.

Bei der vierten Vereidigung vor dem besonders gesicherten Innenbereich der Heeresversuchsanstalt erfuhren die drei Ingenieure, um welche Geheimwaffe es
ging :

"Nach der Besichtigung von Prüfstand VII, in dem die Raketen abgeschossen werden sollten, des Meßhauses, auf dessen Dach die Prominenz bei den Abschüssen über Fernsehen dabei sein sollte und des Daches, auf dem die Schießleitung postiert werden sollte, entschlossen wir uns, zwei Kameras einzusetzen. Eine Kamera, mit einem Weitwinkelobjektiv ausgestattet, hatte innerhalb der Arena von Prüfstand VII direkt von der Rakete Nahaufnahmen zu machen. Die zweite Kamera mit Teleoptik hoch oben auf dem benachbarten Prüfstand I lieferte ein Übersichtsbild des Geschehens. Dazu kamen je zwei Empfänger an den zwei Beobachtungsstellen ...

Die Kabelverbindungen von der Startrampe zu den Beobachtungsstellen sollten auf einem Umweg über die Kiefern an der Küste entlang geführt werden. Eine drahtlose Verbindung, die viel einfacher gewesen wäre, kam aus Geheimhaltungsgründen nicht in Frage! Der direkte Weg war von Straßen durchkreuzt, über die oft die großen Aggregate transportiert wurden. Bei meinem ersten Besuch Anfang 1941 glaubte man noch an einen baldigen Start der ersten A4; zu einem so kurzen Termin konnte man aber nur auf lagermäßiges Antennenkabel zurückgreifen. Dieses war in 30m- und 100m-Rollen abgepackt. Man stelle sich vor, zwei parallele Kabelstrecken von etwa 2500m Länge dazu durchhängend über Baumkronen geführt, aus 100m und 30m langen Stücken zusammengesetzt!" [15]

Raketen-Starts im Monitor

Ausgeführt wurden diese Arbeiten von einer Strafkompanie. Insgesamt waren in Peenemünde rund 10.000 Menschen beschäftigt: abkommandierte Soldaten, die erwähnte Strafkompanie, Gefangene, rund 300 Wissenschaftler und 200 Ingenieure. Chef des Gesamtkomplexes war Walter Dornberger, der seit 1932 in der "Versuchsstelle West", dem Schießplatz Kummersdorf, zusammen mit Wernher von Braun die ersten Flüssigkeitstriebwerke und Raketen des Typs A 1-3 entwickelt hatte.

Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde war 1937 eröffnet worden, und beide Forscher arbeiteten auch hier wieder zusammen, von Braun als Technischer Direktor der Entwicklung. Die ersten Startversuche mit der A4 verzögerten sich. Auch die in den Kiefern hängenden Kabelverbindungen hatten den Winter 1941/42 nicht sehr gut überstanden. Es war jedoch der kleinen Fernsehtruppe gelungen, sich ein Erdkabel von hoher Qualität zu beschaffen, so daß dem ersten Startversuch der Rakete im Februar 1942 auch von der Fernsehübertragungsseite nichts mehr im Wege stand.

"X minus Null, aus der A4 zischte Feuer, und noch schien alles normal, doch dann wackelte der Riesenkörper und explodierte, kurz nachdem er sich anscheinend etwas erhoben hatte. Im Empfänger sah ich ein Bild von Rauch, Feuer und dann von gebogenem Blech. Daß die Kamera umgefallen war, konnte ich noch nicht wissen. Den Boden und die Startrampe hatte man gepflastert. Diese Pflastersteine wurden wie Spielbälle herumgeschleudert, einer traf die Kamera und legte sie um. In die wunderbaren, im Krieg kaum beschaffbaren Zeiss-Tessare schmolz sich glühender Sand ein!"[16]
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Beim dritten Start ein Fernsehbild

Auch der Start der zweiten Musterrakete im Juni 1942 ging daneben. Anders der dritte Versuch im August desselben Jahres (1942) : "Kurz vor dem Start wurden die Menschen vom Gelände gescheucht, die Gefangenen, deren man sich für Hilfsarbeiten bediente, waren in ihre Baracken gesperrt. Nur die Mitglieder der Schießleitung und einige kontrollierende Militärpolizisten durften sich noch auf dem Gelände bewegen. Mir war ein Sonderausweis ausgehändigt worden und ein Fahrrad, ich mußte wie ein Melder die 2,5km hin und herfahren, von der Kamera 1 in der Arena zur Kamera 2 auf dem Prüfstand I, von da zum Meßhäuschen, um die Signale im Oszillographen zu kontrollieren, dann zu den Generälen auf ihrem Dach ...

Das Fernsehbild sehe ich noch vor mir, als wäre es erst gestern gewesen. Schön war zu sehen, wie kurz vor X=0 die Stromzuführung von der Rakete abfiel, vorher gehalten durch eine Magnetkupplung. Jemand schrie das Kommando dafür: 'Stotz-Stecker ab'.

Diesmal war das Feuer deutlich zu sehen, und gut war zu erkennen, wie der Riesenkörper sich langsam erhob, scheinbar in der Luft stehenblieb, beschleunigte und schneller werdend hochstieg, um in den Wolken zu verschwinden. Wernher v. Braun und Generalmajor Dornberger fielen sich in die Arme!' [17]

Die Freude der beiden Wissenschaftler war verfrüht, denn auch dieser dritte Startversuch war, zumindest teilweise, ein Fehlschlag: Die Rakete ging in 15 000 Metern Höhe nicht auf Kurs und explodierte. Der vierte Start im Oktober 1942 brachte dann allerdings das gewünschte Ergebnis: Das Raketenprojektil landete - mit einer Abweichung von nur vier Kilometern - im Zielgebiet, das rund 300 km entfernt war.
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Die Engländer hatten es entdeckt, das Startgelände

Walter Bruch war über zwei Jahre lang bei mehr als zehn Raketenstarts dabei. Peenemünde wurde am 17. August 1943 von einem britischen Bomberverband angegriffen. Dabei kamen fast 800 Menschen ums Leben, die Fertigungs- und Startanlagen wurden zerstört.

Rückblick auf die Kollegen von früher

Das letzte Mal haben sich Walter Bruch und Wernher von Braun im März 1974 in Oxford gesehen, anläßlich der Aufnahme von Brauns in die "Election of Honory Fellows" der britischen "Institution of Electronic and Radio Engineers", der Walter Bruch seit November 1970 als 11. Mitglied angehört.

Im Dezember 1976 wurde beiden Männern der "Werner-von-Siemens-Ring" verliehen: Bruch für seine Fernseh-Entwicklungen, von Braun für seine Raumfahrt-Erfolge. Er konnte diese Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen, da er schon totkrank war.

Den "geistigen Vater" der Weltraumfahrt, den Physiker und Mathematiker Hermann Oberth, der 1941 nach Peenemünde gekommen war, und den Walter Bruch dort als zurückhaltenden, introvertierten Wissenschaftler kennenlernte, traf er bei einer anderen außergewöhnlichen Auszeichnung wieder: 1984, als das Deutsche Patentamt in München eine Ehrengalerie der bekanntesten lebenden Erfinder unserer Zeit einrichtete.

Es wurden sieben Männer ausgewählt, deren Porträts dort nun zu besichtigen sind. Sie alle haben Technikgeschichte geschrieben. Es sind dies :

Ludwig Bölkow, Artur Fischer, Hermann Oberth, Hans Sauer, Felix Wankel, Konrad Zuse - und eben Walter Bruch. Ein Ereignis, das sich so oft in seinem Leben wiederholt hat: die Männer wiederzutreffen, die er in seinen jungen Jahren als relativer Nobody kennengelernt hat - ihnen nun ebenbürtig geworden.

Der Krieg kommt doch bis nach Berlin

Am 23. August 1943 wurden er und seine Familie, inzwischen war sein Sohn Reiner geboren, ausgebombt. Berlin war Frontstadt geworden. Statt der Dienstreisen nach Peenemünde fuhr er jetzt häufig nach Schlesien, denn Telefunken hatte seine kriegswichtigen Forschungs- und Entwicklungslaboratorien nach Osten verlagert.

Rudolf Urtels Forschungsabteilung hatte Unterkunft in einem riesigen Zisterzienser-Kloster in Leubus gefunden. Ein anderer Verlagerungsort war Strehlen am Rand des Isergebirges. Fritz Schröter hatte es mit dem Rest der "Abteilung für Fernsehen und Physikalische Forschung" nach Bad Liebenstein in Thüringen verschlagen. Die einst so beeindruckende Abteilung existierte im Grunde schon nicht mehr, denn auch das in Berlin verbliebene, stark verkleinerte Labor von Walter Bruch, inzwischen vom Kottbusser Tor ins Werk nach Zehlendorf verlagert, wurde Anfang April 1945 bei einem Bombenangriff zerstört. Mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt, endete seine Tätigkeit bei Telefunken in Berlin nach knapp zehn Jahren am 20. April 1945.

1945 - die Russen kommen

Die Sowjets hatten nach der Eroberung Berlins das Telefunkenwerk in Zehlendorf besetzt, es aber dann den Amerikanern überlassen, da es in deren Sektor lag. Alle noch vorhandenen Fernsehanlagen waren abtransportiert worden, jede Beschäftigung mit Fernsehen war verboten oder zumindest durch den alliierten Kontrollrat genehmigungspflichtig. Die Amerikaner hatten aber daran überhaupt kein Interesse, sondern ließen aus den noch vorhandenen Wehrmachtsröhren Schnapsgläser fertigen.

Anders die Sowjets im früheren Röhrenwerk der AEG in Oberschöneweide, das unter der russischen Besatzung zu einem Forschungswerk ausgebaut werden sollte und den Namen "Oberspreewerk" erhielt. Hauptforschungsgebiet war die Fernsehtechnik, denn die Sowjets wollten so schnell wie möglich ihr Nachkriegs-Fernsehen installieren.

Sie holten deutsche Fachleute nach Oberschöneweide - unter ihnen im September 1945 auch Walter Bruch. Ihm wurde als Oberingenieur die Abteilung für Impulstechnik übergeben; sein russischer Kollege war Oberst Serge Nowakowsky, wie er, Fernsehexperte.

Ein Russe Namens Oberst Serge Nowakowsky

"Es galt, die noch aus Pacht- und Leihlieferungen der USA erwarteten 525-Zeilen-Apparaturen - sie arbeiteten der 60 Perioden des amerikanischen Netzes wegen mit 30 Bildwechseln pro Sekunde - auf das 625-Zeilen-System mit 25 Bildwechseln, angepaßt an das 50-Perioden-Stromnetz von Berlin und Moskau, umzustellen. Dieses zuletzt genannte System hat fast genau die gleiche Zeilenfrequenz wie das amerikanische, so daß die Änderung der Anlagen ohne Umbau möglich war. Schon im September 1945 wurde der erste 625-Zeilen-Taktgeber gebaut und ein Leuchtschirmabtaster mit einem alten Mechau-Projektor in Betrieb genommen."[18]

Was Walter Bruch hier später fast beiläufig beschrieben hat - die beste Adaption einer vorhandenen Fernsehanlage von 525 Zeilen für ein 60-Hz-Netz seien 625 Zeilen für ein 50-Hz-Netz -, war die Vorwegnahme der ab 1950 gültigen europäischen Fernsehnorm, von Nowakowsky erstmals 1946 auf der CCIR-Konferenz von Atlantic City vorgestellt.

So entstand die "Gerber-Norm"

"Für die drahtlose Übertragung knobelten wir dann eine optimale Kanalbreite von 8 MHz und einen Abstand des FM-Tonträgers zum Bildträger von 6,5 MHz aus. So ist auch heute noch die Norm des Ostblocks (OIRT-Norm) ... Die optimale 8-MHz-Kanalbandbreite wie im Ostblock konnte man sich in den durch alliierte Verordnungen beschränkten Frequenzgebieten von Band I und III (in der BRD - d. Verf.) nicht leisten. Deshalb war man glücklich, als der Schweizer Fernsehexperte Dr. Gerber eine internationale Einigung mit 7MHz breiten Kanälen durchbrachte (mit 5,5 MHz Bild-Ton-Abstand). Nach ihm heißt diese Norm die "Gerber-Norm". [19]

Walter Bruch ist also auch daran nicht ganz unschuldig. In seiner Abteilung im Oberspreewerk wurde außerdem an der Entwicklung eines impulstechnischen Teils einer Zehnkanal- Impulsnachrichtenanlage für cm-Wellen gearbeitet; an Oszillographen, insbesondere an Höchstleistungs- Oszillographen für 50.000 km/s, und es wurden Tastgeräte bis 50 Megawatt entwickelt; Zentimeter- Forschungsaufgaben für spezielle Zentimeter- Hohlrohrlinsen kamen hinzu. Bruch nennt die Zusammenarbeit mit den russischen Fachleuten hervorragend. Sie endete im November 1946.
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Überleben im zerstörten West-Berlin

1947 machte er sich in Berlin (West) selbständig. Ein ausgemauerter Raum in einer Ruine wurde die Werkstatt. Radios, Mangelware nach dem Krieg, hätte er gerne repariert und gebaut. Doch das wurde ihm untersagt, da ihm der Meisterbrief fehle. Ironie des Schicksals!

Er erhielt schließlich eine Gewerbegenehmigung für physikalische Entwicklungen - nicht gerade eine Goldgrube in jener Zeit. Während dieser selbständigen Tätigkeit stieß er jedoch erneut auf Denes von Mi-haly, der es wieder einmal geschafft hatte, Forschungsaufträge zu erhalten, diesmal von der britischen Militärregierung.

Walter Bruch führte einen großen Teil dieser Aufträge für ihn in seiner provisorischen Werkstatt aus, so unter anderem wieder ein Film-Grammophon und Filmprojektoren mit optischem Ausgleich. Er arbeitete aber auch an der Entwicklung von Mustergeräten auf dem Gebiet der Elektrophysik und Optik und an einer neuen Tonfilmaufnahmetechnik.

Als während der Blockkade der Strom ausfiel

Die existentiell bedrohliche Situation spitzte sich während der Blockade Berlins zu, da der Strom so rationiert war, daß er seine Werkbank kaum noch in Betrieb setzen konnte. Nach dem Ende der Blockade stand die Familie mittellos da.

Arbeitslosenunterstützung, von der damals halb Berlin lebte, wurde Walter Bruch wegen seiner über dreijährigen selbständigen Tätigkeit verweigert, und er mußte Sozialhilfe beantragen.

Das hat ganz empfindlich seinen Stolz getroffen. Seine Zeit in Berlin, wo er gerne geblieben wäre, war abgelaufen.

Hannover - und nicht nur PAL

Walter Bruch sagt, daß Telefunken erst 1950 aus einer gewissen Verschlafenheit aufwachte und sich wieder dem Fernsehen zuwandte. Zuständig war ein Werk in Hannover.

Und dorthin wurde er Anfang 1950 als Entwicklungsleiter für Fernsehgeräte engagiert. Der erste Nachkriegs-Fernsehempfänger von Telefunken, der FE 8, der 1952 auf den Markt kam, entstand schon unter seiner Leitung.

In allen Laboratorien wurde zu der Zeit intensiv an der Entwicklung von Fernsehgeräten gearbeitet, da das Fernsehen in der Bundesrepublik am 25. Dezember 1952 gestartet werden sollte. Und zwar vom NWDR, der drei Sendestudios hatte - in Hamburg, Köln und Berlin - und zu dem Zeitpunkt rund 1500 Teilnehmer registrieren konnte.

Ausgestrahlt wurde ein regelmäßiges tägliches Programmangebot von zwei Stunden (20.00 bis 22.00 Uhr); hinzu kamen einige Nachmittagssendungen für Kinder und Sportübertragungen am Wochenende. Vom Fernsehen rund um die Uhr war man noch weit entfernt.

An Erfindnugen für die Firma arbeiten dürfen

"Da begann ich mit einer Entwicklung, die zum Ziel hatte, über die den ganzen Tag nicht ausgenutzten teuren Fernsehsender alle deutschen für UKW produzierten Hörfunkprogramme gleichzeitig auszustrahlen. UKW war noch im Werden, und man rechnete damals mit etwa sechs solcher Hörfunkprogramme in Deutschland. Dafür legte ich die in meinem Laboratorium bei Telefunken in Hannover entstehende Anlage aus.

Drei solche Programme, von drei Tonbandgeräten kommend, sendete mein Mitarbeiter über unseren Laboratoriumsfernsehsender nach dem anderen Stadtteil, wo mir Telefunken neben meiner Wohnung ein 'Pantoffel'-Laboratorium eingerichtet hatte. Nach Werksschluß sollte ich auf eigenen Wunsch an Erfindungen für die Firma arbeiten können.

Jedes der drei Programme konnte ich mir auswählen und gut empfangen. Es hätten auch zehn sein können. Stereo-Rundfunk gab es damals noch nicht! [20]

Sie haben zugehört, aber nichts draus gemacht

Die Geschäftsleitung von Telefunken hörte sich seine Demonstrationen an, war auch voller Anerkennung, propagierte den Gedanken jedoch nicht weiter, denn sie wollte den Verkaufserfolg, der sich bei den UKW-Radios abzeichnete, nicht verwässern. Walter Bruch hat sich seine Idee patentieren lassen: am 4. August 1951. Erstaunlich, was er damals schon alles vorgeschlagen hat: Impulsmodulation im Zeitmultiplex- Verfahren und die Methode der Impuls-Code-Modulation.

Alles technische Merkmale des Digitalen Satelliten-Rundfunks (DSR), die Errungenschaft der 80er Jahre! Denn auch hier wird bzw. soll (so der TV-Sat es zuläßt!) ein Fernsehkanal für die digitale Übertragung von 16 stereophonen Hörfunkprogrammen genutzt werden: Das angewandte Codierungsverfahren erlaubt es, neben der Nutz-Information, dem Tonsignal, sowohl noch Informationen für eine Fehlererkennung und -korrektur zu übertragen, als auch genügend Platz für weitere Informationen, die für Zusatzdienste verwendet werden können, in Reserve zu halten.
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Walter Bruch über seinen Erfinder-Geist

Der Ursprung der Übertragung des Mehrkanaltons über einen Fernsehkanal liegt also nicht im Heute, sondern wurde schon im "Pantoffel"-Laboratorium von Walter Bruch 1951 erfunden. Er schreibt über die Tätigkeit des Erfinders:

"Nach dem höchsten Ziel akademischer Forschung, etwas neu zu entdecken, habe ich nie gestrebt. Gemeint ist damit, wie schon der Name sagt, von etwas Vorhandenem, das sich bisher der menschlichen Einsicht verbarg, die umhüllende Decke überraschend wegzuziehen. In der Physik werden immer neue Zusammenhänge naturwissenschaftlichen Geschehens aufgedeckt. Wir forschenden Ingenieure dagegen suchen planvoll nach neuen technischen Methoden. Unser Suchen ist sachbezogen auf ein vorgegebenes Ziel ausgerichtet, zu dem wir versuchen, einen neuen Weg zu 'erfinden'.

Die Erfindung ist somit die Schöpfung von etwas vorher nicht Vorhandenem. Nicht nur das erteilte Patent, die Patentschrift, die dem Erfinder seine erfinderische Leistung amtlich bescheinigt, ist es, wonach er strebt; vielmehr wird der Ingenieur in ihm immer auf die Anerkennung und Durchsetzung seiner Idee hinarbeiten." [21]

Dies ist ihm bei seinem Vorschlag des Mehrkanaltons nicht gelungen; das Patent war längst abgelaufen, als der Digitale Satelliten-Rundfunk ins Gespräch kam.

Jetzt kommen wir zur Bruch Version der PAL-"Erfindung"

Wohl aber bei einer anderen Erfindung, mit der er identifiziert wird und die ihn letztendlich in die schon erwähnte Ehrengalerie des Deutschen Patentamts gebracht hat: PAL.

Das tägliche Sendevolumen des Fernsehens hatte sich 1956 schon verdoppelt, 1958 lag es bei 5 1/2 Stunden und zwei Jahre später bei sechs Stunden. Damit stiegen auch die Teilnehmerzahlen: am 31. Dezember 1955 waren es 283.750, Anfang Oktober 1957 war die erste Million erreicht.

Der Durchbruch zum Massenmedium gelang 1959: Mit täglichen Verkaufsziffern von 5.000 Geräten erzielten Handel und Industrie Traumumsätze. Die Arbeit in den Fernsehlaboratorien war Routine geworden. Gefragt waren jetzt nicht mehr die Entwickler mit neuen Ideen, sondern Ingenieure, die die Konkurrenz im Auge hatten und darauf hinarbeiteten, die eigenen Geräte billiger zu produzieren, um den Marktanteil der Firma zu erhöhen.

Dafür war Walter Bruch nicht der richtige Mann. Ihm wurde 1959 auf Veranlassung des damaligen AEG-Telefunken- Direktors Heyne ein Grundlagenentwicklungs- Laboratorium eingerichtet, in dem er sich dem Farbfernsehen widmen sollte. Es wurden dafür in der Nähe der Firma Räume in einem Gebäude der Vereinigten Leichtmetall-Werke gemietet, wozu auch ein Abstellkeller gehörte, in dem die technischen Entwicklungsanlagen untergebracht wurden. In diesem bescheidenen Labor "entstand PAL".

Eingeführt wurde das Farbfernsehen in der Bundesrepublik 1967 - und wieder in Berlin anläßlich der 25. Großen Deutschen Funkausstellung (25.8. bis 3.9.1967).

  • Anmerkung : Das war der aufgehübschte Schnellgang der PAL Entwicklungszeit. Wesentlich tiefer haben die SPIEGEL Redakteure recherchiert, als sie im Januar 1969 die Zusammenhänge von Bruch und der PAL-Legende mal ganz deutlich zusammen gesucht und aufgelistet hatten.

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Und so wird die Legende und Glorie verherrlicht

Hier soll nicht der technische Weg beschrieben werden, der zu PAL, mittlerweile in über 70 Ländern das ausgesuchte Farbfernsehsystem, geführt hat. Das hat Walter Bruch 1987 anläßlich des 20jährigen bundesrepublikanischen Farbfernseh-"Jubiläums" in einer Publikation des Deutschen Rundfunk-Museums selbst ausführlich getan. Aber um die Umstände, unter denen das System entwickelt wurde, zu beleuchten, möchte ich daraus zitieren:

"Es war ein herrliches Leben im Jahre 1962, als mir fast jeden Tag eine realisierbare Idee einfiel, die mir Mitarbeiter, die ich dafür begeisterte, im Experiment realisierten. Wir waren ein zusammengehöriges Team.

  • Anmerkung : Das war nun wirklich glorifiziert, denn es stimmte überhaupt nicht. Es gab da Querelen ohne Ende. Die promovierten Mitarbeiter waren zwar froh, einen gut dotierten "Job" in einer Art von Behörde gefunden zu haben, aber ihr nicht promovierter Chef - und nicht mal Dipl.-Ing. verdiente immer noch mindestens 1.- DM mehr als sie - also das war unmöglich.

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Ende 1962 - Telefunken war (wieder) in einer Finanzkrise

Da traf mich gegen Ende 1962, mitten in der auch für die Firma so fruchtbaren Schöpfungsperiode, ein schwerer Schlag. Mein Chef, Prof. Werner Nestel, als Forschungskoordinator im Vorstand, mußte mir eröffnen, daß der Bereich Hannover, mein Arbeitgeber, im Rahmen einer Sparaktion beschlossen hatte, daß ich die Hälfte meiner Mitarbeiter abzugeben habe. Mein Versuch, von Nesteis Forschungsetat etwas abzubekommen, scheiterte.

Er wollte alles einsetzen für den Einstieg von Telefunken in die Großcomputer. Ich sollte nur noch die für den Bereich wichtigen Grundlagenentwicklungen machen. Vom Farbfernsehen gehörte nur die Entwicklung eines NTSC-Empfängers dazu. Aber auch das, meinte man, habe noch zwei Jahre Zeit. [22]

Aus dem Fiasko das Beste machen war angesagt

Ihm verblieben vier Ingenieure, ein Sachbearbeiter, eine Zeichnerin und zwei Mechaniker; dazu eine Fülle ihm übertragener Entwicklungen für das S/W-Fernsehen.

Seine Absicht, zu einer anderen Firma zu gehen, scheiterte an der Konkurrenzklausel in seinem Vertrag; und auch den geplanten Wechsel nach Ulm in die Forschungsabteilung von Telefunken gab er auf. Mit der ihm eigenen "Nun gerade!"-Haltung blieb er in Hannover.

"Mit der linken Hand erledigte ich die mir aufgetragenen Entwicklungsarbeiten - offenbar gut, sonst hätte man das Grundlagenentwicklungs-Laboratorium bald aufgelöst -, mit der rechten verfolgte ich weiter, was mir wichtig erschien." [23]

Und das war der Gedanke, von dem er besessen war, nämlich ein besseres System als NTSC und Secam zu entwickeln.

An anderer Stelle hat er beschrieben, wie bei einem Forscher oder Erfinder oft auf seltsame Weise die Vernunft des wissenschaftlichen Denkens mit der Unvernunft des Traumes verknüpft ist. (Beispiel der Engländer John Baird)
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Die Legende von der Idee in der Oper

Er hatte sich schon geraume Zeit mit der Farbfernseh- Übertragung beschäftigt, entwickelt, gemessen und immer wieder verworfen, doch alles erschien ihm nicht gut genug, um das amerikanische NTSC-System zu verbessern.

"Bis mir dann an einem Abend in der Oper träumend spontan die Idee kam, die an sich bekannte Verzögerungsleitung - eine Kriegserfindung meines Kollegen Fritz Kruse - in einer besonderen Weise zu benutzen, um nach der Übertragung im Empfänger das nach PAL modulierte Farbartsignal wieder in seine zwei Ursprungskomponenten aufzuspalten und dadurch Über-tragungsfehler zu eliminieren.

Ein Gedankengang, der bis dahin völlig unbekannt war und bei dem an die Verzögerungsleitungen Anforderungen gestellt wurden, die ihnen vorher niemand zugemutet hätte. Eine schlaflose Nacht, eine verärgerte Frau, die in der Oper neben mir saß, während ich mit je zwei Fingern beider Hände Zeiger und Vektoren graphisch addierte, subtrahierte oder multiplizierte, am anderen Morgen verärgerte Mitarbeiter, denn eine in zwei Monaten aufgebaute Vorführung mußte während der Weihnachtsfeiertage völlig auf das neue Verfahren umgestellt werden, und zunächst der Idee noch skeptisch gegenüberstehende Chefs.

Damit fing es an, aber dann kam erst die Tat. Jahrelange unermüdliche Entwicklungsarbeiten, Demonstrationen, Vorträge, Reisen, um zu überzeugen. Sieben Jahre hat es gedauert, bis man sagen konnte, jetzt spricht diese Technik für sich allein."[24]
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Und seither ist Walter Bruch "Mister PAL".

Es folgten Ehrungen und Auszeichnungen, von denen einige schon beschrieben sind. Die Universität von Hannover, und hier die Fakultät für Maschinenwesen, an der er über zehn Jahre lang gelehrt hat, verlieh ihm am 5. Dezember 1964 "in Anerkennung seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiete des Farbfernsehens" den Ehrendoktor.

Der Ministerpräsident des Saarlandes krönte seine wissenschaftliche Laufbahn am 9. Oktober 1968 mit dem Professoren-Titel. Weitere Auszeichnungen sind das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, der bayerische Maximiliansorden und und ...

Das neue Ziel - Bildaufzeichnungen zuhause

Sein Erfindergeist ruhte sich auf diesen Lorbeeren nicht aus. Schon auf einer Tagung der Fernseh-Technischen Gesellschaft 1966 in Heidelberg hatte er, erstmalig in der Welt, demonstriert, daß man ein Farbfernsehbild auch auf einem nicht-professionellen Videorecorder aufzeichnen kann. Sein System erhielt später den Namen "Tripal".

Es beruht auf dem Prinzip der "'mixed Highs", dieses Verfahrens, das älter als das NTSC-System ist, bei dem die drei Farbinformationen RGB mit je 500 kHz Bandbreite und ihre Mischung im oberen Frequenzbereich bis 5 MHz übertragen werden. Für Tripal wird ein dreiphasiger Farbträger verwendet, der in jeweils drei aufeinanderfolgenden Zeilen R, G und B übermittelt. Man braucht sowohl für die Erzeugung wie für die Auswertung eines derartigen Dreiachsensignals zwei PAL-Verzögerungsleitungen und einen entsprechenden elektronischen Schalter; damit hat man dann auf der Wiedergabeseite immer simultan R, G und B." [25]

In der Bundesrepublik wurde Tripal nicht patentiert, wohl aber in der UdSSR. Warum?

Telefunken war immer noch ein verkrusteter Beamtenladen

Die Entwicklung von Tripal hatte er ähnlich "heimlich" durchgeführt wie vorher auch schon andere Arbeiten, da ihm die Beschäftigung mit Videorecordern untersagt war.

Grund: Eine andere Telefunken-Abteilung war dafür zuständig. Eine Eigenart der Firmen-Organisation! In einem Alter, in dem andere Menschen sich pensionieren lassen und sich aufs sogenannte Altenteil zurückziehen, hatte Walter Bruch die Idee für seine letzte "große" Erfindung, auf die er heute teils stolz und teils mit zwiespältigen Gefühlen zurückblickt.

Er nennt sie sein "Ur"-MAC, und damit sind wir beim jüngsten technischen Fortschritt des Farbfernsehens.

Man nannte es "Multiplexed Analogue Components" = MAC

Als man anfing, Farbfernsehsignale für die Übertragung per Satellit zu digitalisieren, war ihm klar, daß man das erfolgreich nur mit einem Farbfernsehsystem durchführen kann, das keinen Farbträger mehr hat, der bei PAL, NTSC und Secam - in jedem System anders ausgelegt - "huckepack" dem SW-Signal mitgegeben wird.

Bei seinem "Ur"-MAC, patentiert am 18. November 1970, werden die S/W-Informationen und diejenigen für die farbige Kolorierung zeitgleich so zusammengepreßt, daß sie nacheinander, "berührungsfrei", in einer Zeile übertragen werden können. Im Farbempfänger werden sie wieder auf das normale Zeitmaß auseinandergezogen und zeitlich zusammenpassend zum Farbbild verarbeitet.

1973 führte er dieses Verfahren, das er "Trisec" nannte, erstmalig der Öffentlichkeit vor - heute, erweitert und verbessert, als das MAC-Verfahren für die Satellitenübertragung vorgesehen.

MAC ist die Abkürzung für den englischen Begriff "Multiplexed Analogue Components" und bedeutet soviel wie zeitlich wechselnde analoge Komponenten.

Und dann kam D2-MAC - und wurde ein Flop

Werden zu den Bildsignalen noch Daten- und Tonsignale gepackt, haben wir zum Beispiel "D2-MAC", das neueste Farbfernseh- Übertragungsverfahren für Rundfunksatelliten: "D2" steht für eine analog/digitale Tonumwandlung und bedeutet "duobinär". Auf der Studioseite wird der analoge Ton in digitale Signale, das heißt in Zahlenwerte umgewandelt und in dieser Form über den Satelliten bis zum Teilnehmer übertragen, (wo) bei dem die Zahlenkombinationen wieder in verständliche Töne umgewandelt werden.

1985 haben die bundesdeutsche und die französische Postverwaltung beschlossen, auf ihren jeweiligen Rundfunksatelliten, TV-SAT und TDF, das Verfahren "D2-MAC" als neue Farbfernsehnorm einzuführen.
Walter Bruch ist darüber nicht recht glücklich, denn D2-MAC ist nicht kompatibel mit PAL, das heißt, Millionen Fernsehzuschauer könnten mit ihren herkömmlichen PAL-Geräten, vorausgesetzt generell, sie haben eine Parabolspiegel-Empfangsanlage für den Satelliten, diese Satellitenprogramme nicht empfangen, da sie für diese Übertragungsnorm nicht vorbereitet sind.

Als Übergangslösung wird von der Industrie ein Zusatzgerät, der sogenannte "D2-MAC"-Decoder, angeboten, der die Farbkomponenten, Helligkeits- und Tonsignale der Satellitenübertragung so verarbeitet, daß sie auch von herkömmlichen Geräten empfangen werden können.

Da aber der TV-SAT auch heute, im Januar 1988, auf einem Flügel immer noch lahmt, ist das Problem, sich gleich den sehr teuren "Integrierten Empfänger" anzuschaffen, bis auf weiteres aufgeschoben.

  • Anmerkung : Nach vielen langen Diskussioen mit Professor Dr. Hausdörfer bekam ich erzählt, daß die Bild-Qualität weder bei MAC noch bei D2-MAC akzeptabel war. Und keiner hatte damals genauer hingesehen und nachgerechnet, daß der Platz (die Bandbreite) für die gesamten Informationen nach wie vor beschränkt war und jetzt nur anders - zu Lasten der Bildinformation - verteilt war.

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Anläßlich dieses 80. Geburtstages

1976 ist Walter Bruch in Pension gegangen. Aktiv ist er geblieben. Er hat weiter publiziert, war in zahlreichen Beraterfunktionen und Jurys tätig, hat Vereinen und Verbänden als Vorsitzender gedient.

Erst in der letzten Zeit zieht er sich allmählich aus all diesen Tätigkeiten zurück, denn er meint, 80 Jahre alt zu werden, sei nicht sein Verdienst, sondern das der guten Ärzte. Und die solle man nicht überstrapazieren.

Ich kann mir vorstellen, daß Walter Bruch bei den Aktivitäten anläßlich dieses 80. Geburtstages, bei denen er sich wahrscheinlich eine Laudatio nach der anderen anhören muß, innerlich denkt: "Ihr Lob trifft mich in keiner Weise!"

Deshalb möchte ich mit einem Zitat von Fritz Schröter, kein Mensch, der sich je angebiedert hat, enden:

"Die heiße Freude des Findens einer Lösung war sein Erleben, der Erfolg sein Schicksal!"[26]

Wenn hier zum Schluß eine vollständige Auflistung der Auszeichnungen, Orden und anderen Ehrenbezeugungen, die Walter Bruch im Laufe seines Lebens erhalten hat, erwartet wird, muß ich passen: Es sind zu viele. Die ihm wichtig sind, habe ich genannt. Seine "Vitrine" zuhause in Hannover sieht aus wie die stolze Preispräsentation eines Leistungssportlers.

Wer diese kleine Festschrift als eine ganz persönliche Liebeserklärung von mir an Ruth und Walter Bruch versteht, irrt sich nicht.

Dank an die FKTG, daß sie es ermöglicht hat!

Heide Riedel - Berlin, im Januar 1988
Redaktion: Norbert Bolewski, Berlin
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