„Führer und Verführte" - ein Buch aus dem Dezember 1945
Der Autor Hans Windisch hat nach den Aufzeichnungen seiner Vita bereits 1940 angefangen, sein Wissen um die Machenschaften der Clique um Adolf Hitler und die Publikationen in den reichsdeutschen Medien aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen sind den Zetteln des Albert Speer in seiner 20-jährigen Haft in Spandau wiederum sehr ähnlich. Auch die Aufzeichnungen des Dr. Eugen Kogan ein seinem Buch „Der SS-Staat" beschreiben die unbekannten Seiten des Hitler Regimes.
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DER DEUTSCHE TOTENTANZ
(KRITISCHER TEIL)
DIE DEUTSCHEN HABEN NUR EINEN FEIND: SICH SELBST.
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(1) GESCHLAGENES VOLK
„Mit welchem Rechte ich spreche? Ich konnte nicht erst fragen und es schien mir besser, überhaupt etwas zu wollen, als nichts zu wollen. Widersprechen Sie allem, was ich sage. Dann weiß ich, es war sehr wichtig für uns beide. Ich spreche nur mit dem Rechte, das Sie mir zubilligen."
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70 Millionen Gescheiterte
Die Weltgeschichte hat gerichtet. Deutschland militärisch vernichtet, wirtschaftlich zerschlagen, kulturell ausgeschaltet, politisch zerfallen, menschlich deklassiert, ein Volk von Gebrandmarkten. Das Inferno liegt hinter uns. Das Chaos liegt zu unseren Füßen. Was liegt vor uns?
Die Geschichte läuft mit kalter Logik ab. „Gut" und „böse" scheint sie zwar nicht zu kennen, was sie aber untergehen läßt, muß ungesund, künstlich und nicht lebensfähig gewesen sein.
Untergegangen ist ein System, eine Form. Wir sind der Inhalt. Der Inhalt liegt am Boden. Was nun? Siebzig Millionen stehen vor Trümmern, stehen vor der Tatsache: alles war ein Irrtum.
Siebzig Millionen Menschen suchen einen neuen Lebensinhalt. Suchen sie ihn? Sie wissen nur, daß alles ohne Sinn war. Wo ist ein neuer Sinn, ein neuer Inhalt - der Lebensinhalt für siebzig Millionen?
Dann muß erst eines ganz und gar begriffen sein: Warum alles sinnlos war, sinnlos von vornherein. Alles, auch das selbstloseste Opfer. Denn aus Opfern über Opfern ist Schmach geworden.
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DER DEUTSCHE WAHN - Wille zur Selbsterkenntnis
Es rührt an den Fundamenten. Denn militärische Niederlagen sind immer nur Konsequenzen, die Ursachen sitzen an den Wurzeln. Bis an diese letzten Ursachen muß man vorstoßen, sie sind der Schlüssel zum äußeren politischen Geschehen. Man muß deshalb versuchen, eine Art Röntgenbild jener Prozesse zu erhalten, die unsichtbar und unterirdisch zu den politischen Tatsachen und dann zur Katastrophe geführt haben.
Aristoteles: „Man muß nicht nur die Wahrheit sagen, sondern auch die Ursache des Irrtums erkennen und bennen". Je klarer und je eher die Ursache des Irrtums erkannt wird, umso eher ist noch ein Rest Zukunft zu retten. Jetzt ist Sachlichheit alles.
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Selbsterkenntnis ist freilich immer bitter.
Aber sie ist männlicher als verlogener Heroismus. Wir sind auch nicht allein auf der Welt, und diese Welt zwingt uns zu einigen Überlegungen. Um ihrer eigenen Existenz willen hat sie das äußerste und letzte daran gesetzt, den gefährlichen streitbaren Wahn zu zerschlagen, in dem der deutsche Mensch befangen war. Denn nur aus diesem in der Tiefe sitzenden Wahn konnte die Tat aufspringen.
Der Wahn hatte die Gewalt geboren. Die Welt wehrte sich. Sie wehrte sich gegen die stete Bedrohung eines mühsam gefundenen Gleichgewichtes. Ihre anderen schweren Sorgen standen zurück vor der einen. Denn alle Völker waren bedroht.
Der Wahn war immer da. Aber nun war er geschürt worden, bis er zur Flamme wurde. Es war der Wahn von der deutschen Sendung, der Mythos von der deutschen Mission. Er schloß ein ganzes Bündel von Irrtümern ein, er verschob alle Proportionen.
„Wer einen Krieg verloren hat, hat immer unrecht"
Freilich : „Wer einen Krieg verloren hat, hat immer unrecht". Das ist richtig. Es ist jedoch auch denkbar, daß er ihn verloren hat, weil er unrecht hatte, etwa weil er sein natürliches Lebensrecht auf eine so unglückliche und gefährliche Weise vertreten hat, daß er sich ganz einfach durch die Methode ins Unrecht gesetzt hat. Dann wäre zu untersuchen, ob dieser Fall hier möglicherweise zutrifft. Aus rein praktischen Gründen wäre dies zu untersuchen und im Interesse der Zukunft.
Daß Einsichten stets bitter sind, ist selbstverständlich, und es ist gewissermaßen ein natürliches Recht des Geschlagenen, sich daran aufzurichten, daß auch seine Gegner nur Menschen sind und darum dem Irrtum unterworfen. Nur ist ihm damit nicht im mindesten geholfen, es ändert sich nichts an seiner Lage.
Er hat also die (erste) Möglichkeit, sich entschuldigt zu fühlen oder aber rein praktische Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.
Er hat die (zweite) Möglichkeit, „die anderen auch nicht besser" oder zunächst sich selbst korrekturbedürftig zu finden - vielleicht eben deshalb, weil er noch andere Werte zu aktivieren vermag. Dann hätte er nachzuforschen, in welchen Punkten §r sich bisher geirrt hat, der Sache nach und im Methodischen.
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Zunächst allen Schutt wegräumen
Wir haben hier auch nicht untereinander zu rechten, zu streiten, zu diskutieren - wir haben zu arbeiten, d. h. zunächst allen Schutt wegzuräumen, der uns daran hindert und zwar so restlos wegzuräumen, daß niemand auf den Gedanken kommt, es seien dort, wo nur noch die Ratten Unterschlupf finden, noch Werte zu entdecken.
Wir werden uns durch diesen Schutt durcharbeiten, bis wir ein tragfähiges Fundament freigelegt haben. Um dieses Fundament allein geht es - nicht um das Wühlen in altem Schutt, sondern um das Wegräumen. Und wer sich nicht von seinen Trümmern trennen kann, den werden wir nicht hindern und auch nicht zu überzeugen suchen.
Inzwischen aber könnten wir eine Diskussionsgrundlage festlegen, die für jedes Wort, das zu sagen ist, Geltung haben soll« Denn wir meinen: ein Volk ohne Nationalgefühl ist eine organische Unmöglichkeit in sich.
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Das Nationalgefühl
Nationalgefühl ist eine sehr vornehme Eigenschaft, die absolut nichts mit dem Siegheil-Patriotismus und dem Raubnationalismus einer verhetzten Meute oder Horde zu tun hat und zu tun haben will. Nationalgefühl ist ein verpflichtendes Bewußtsein und ganz zuletzt erst ein Anspruch.
Wir bekennen uns deshalb zu allen denen, die erst jetzt wissen, daß ein nationaler Sinn in ihnen steckt, - jetzt erst, seit dieses Wort nicht mehr aus den Mäulern derer kommt, die zu hören uns schauderte und die es uns deshalb verboten.
Heute wissen wir: nur die, die für die Trümmer Deutschlands und seine geschlagenen Menschen noch nationalen Sinn aufbringen, waren jemals Deutsche, - es sind die, denen dies innerste Verpflichtung ist, ohne Dank und ohne daß sie selbst noch Früchte ernten werden.
Und wir wissen ferner: wer nie ein guter Weltbürger war, war nie ein guter Deutscher. Sondern nur ein geistiger Kleinbürger und darum gleichzeitig von der Gefährlichkeit aller Engstirnigen.
Und schließlich: wir haben die Absicht, allen jenen echten Patrioten, die seit langen Jahren allein wissen, welche ungeheuren Ansprüche das deutsche Volk zu stellen hat, eine ihrer hohlen Redensarten nach der anderen aus der Hand zu schlagen, so lange und so oft und so endgültig, bis sie so weit sind wie wir: bis sie nichts mehr in den Händen haben und von vorn anfangen müssen - wie wir und mit nichts als Verpflichtungen.
Freilich - wir wissen auch: Nationalsozialismus und Siegheilpatriotismus sind ein Geisteszustand, eine Gehirnverfassung und von ihnen bis zum ernsthaften Defekt ist nur ein Schritt.
Wir aber meinen: es wäre schön, es wäre den Rest eines Lebens wert, der Welt zeigen zu können, daß trotz allem noch einige Millionen Deutsche auf dieser Welt sind, von einer Art, die ihr vielleicht dennoch neu ist.
Weniger um dieser Welt einen Gefallen zu tun, sondern durchaus um unsertwillen, um unseres besseren nationalen Teiles willen.
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Die Erniedrigung als Selbsterniedrigung
Und schließlich wollen wir auch das zur Grundlage unserer Diskussion machen: zuletzt ist die Tragik Deutschlands nur die Tragik alles Menschlichen. Aber es geht darum, ihren Sinn zu finden. Und gehen wir schließlich auch davon aus: alle Fehler und Mängel sieht man dort am schärfsten, wo man liebt. Ist es richtig, sie in „Zeiten tiefster Erniedrigung" zu diskutieren? Eben dieser tiefsten Erniedrigung wegen tun wir es, - wir haben die Erniedrigung schon eine Reihe von Jahren vorher bemerkt ... Nämlich als Selbsterniedrigung.
Es geht nicht um „Vorwürfe". Uns klingen noch die Ohren von den Vorwürfen an die 70 Millionen Menschen, die nicht rechtzeitig verreisen konnten. Jeder Schwachsinnige ist fähig, dem deutschen Volke eine Serie tödlicher Anklagen entgegenzuschleu-dern, es dann stehen zu lassen und ihm selbstgerecht den Rücken zu kehren. Wir kennen das gut. Auch das gedanklich Oberflächliche dieser Gemeinplätze kennen wir.
Uns geht es um mehr. Daß jeder fähig ist, in sich selbst Ordnung zu schaffen, für sich allein in seiner stillen Kammer und mit dem Rüstzeug, das in seinem eigenen kleinen Menschen-Ich steckt, das mit so schicksalsschweren Fragen fertig zu werden hat.
Es ist dann recht gleichgültig, ob man dem einen etwas mehr, dem andern etwas weniger Schuld aufbürden will, - es ändert nichts. Nicht der Schacher um Schuld baut die Zukunft, sondern die Erkenntnis, verschwiegen und in aller Stille.
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Die Vergangenheit überwinden, heißt die Zukunft besitzen.
Von diesem Augenblick an beginnt dann die Zukunft. Jeder hat ja nur sich selbst zu beichten. Mehr wert als jedes Schuldbekenntnis ist heute der gute Wille aller. Damit der Tag kommt, an dem es keine Schuldigen, keine Halbschuldigen und keine Unschuldigen mehr gibt, sondern nur noch Gläubige, nämlich daran, daß wir uns durchschlagen werden und daß wir keine Parias sind, sondern Menschen wie alle, voller Irrtümer und Schwächen wie alle, unsrer selbst würdig allein durch den guten Willen.
Und sicher ist: jetzt erst fällt die Entscheidung, für jeden Einzelnen von uns. Jetzt kann noch der Todesstoß kommen, endgültig und aus uns selbst.
Freilich: wer zu hören bereit ist, wird sein Herz festhalten müssen. Erkenntnisse können eisig sein.
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(2) VON IRRTUM ZU IRRTUM
„Die Vergangenheit kann uns nicht sagen, was wir tun, wohl aber was wir lassen müssen." - Ortega y Gasset
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Nicht richten: sichten
Dem Wahn von der deutschen Sendung entsprangen alle Ansprüche, aller Kraftaufwand, alle Gewalttat und auch alle Opfer. Die Welt hat den deutschen Wahn zerschlagen. Es ist aber die gleiche Welt, in der wir und mit der wir künftig leben müssen.
Diese Welt sagt: Ihr alle tragt Verantwortung, jeder einzelne. Ihr habt zum mindesten geduldet, daß die brutale Gewalt sich austoben konnte. Und ihr hattet sie gerufen, leichtfertig oder bewußt. Also tragt ihr in eurer Gesamtheit die Verantwortung. Ist das richtig?
Jeder hat mit sich selbst auszumachen, inwieweit er für die Drachensaat, die daraus wuchs, mitschuldig ist. Mitschuldig ist vor allem jeder, der wußte oder auch nur ahnte, welcher Geist der nackten Gewalt über Europa hinstampfte und der ihm Beifall schrie und seinen Siegen zujubelte. Dieser Teil des deutschen Volkes trägt volle Verantwortung.
Es war vielleicht der kleinere Teil, der größere wartete bang auf das Ende mit Schrecken. Man sagt, diese alle hätten sich ermannen müssen. Aber wer es sagt, sieht auf den Bildern aus den Konzentrationslagern die Leichenberge derer, die sich ermannten ..... Es werden vielleicht ganze Sippen darunter sein, die für den Einen büßten, der sich ermannte. Man kann von einem Volke verlangen, daß es guten Willens ist, man kann jedoch nicht verlangen, daß es aus 70 Millionen Helden und Märtyrern besteht.
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Die Horde, die Deutschland in ihren Klauen hatte
Aber Verantwortung oder nicht: für die Welt draußen steht fest: nur in Deutschland war möglich, was anderswo nicht möglich ist, möglich zum mindesten aus Mangel an Instinkt, aus Fahrlässigkeit, aus freiwilliger Preisgabe heraus. Und vergewaltigt oder nicht, betrogen oder nicht: diese gefährlichen Qualiläien einer Volksgemeinschaft aus Helfern und Opfern sind Krieg in Permanenz - dieser Volksgemeinschaft steht die größere und stärkere Gemeinschaft aller Völker der Erde gegenüber.
Der Nürnberger Prozeß hat allerdings klargestellt, wie die Horde beschaffen war, die Deutschland in ihren Klauen hatte. Damit ist der Abstand zwischen ihr und dem deutschen Volke festgelegt.
Was aber bleibt, ist die nahezu unerklärliche Tatsache, daß derlei in Deutschland hochkommen konnte. Es bleibt die unglückliche Disposition und die gefährliche Blindheit eines ganzen Volkes. Es bleibt die Tatsache, daß ein Herd dieser Art latente Gefahr ist. So sieht es die andere Seite. So müssen auch wir es sehen, um unsrer selbst willen. Die Disposition zum Verführten genügt. Das sagt die Welt.
Was wissen wir darauf zu erwidern? Es ist zu spät, auch Demut und Zerknirschung könnten uns jetzt nicht helfen. Und es ist zu spät, dem Gewesenen Flüche nachzusenden und zu billig, sich zu rechtfertigen mit dem „Wir sind belogen worden".
Jetzt hilft nur eines: Völlige Klarheit über die Irrtümer, die Deutschland in den Abgrund gesteuert haben. Weiß man, wo ein Fehler sitzt und weiß man vor allem, auf welchem Boden Fehler dieser Art zu wachsen pflegen, so wird man auch einen neuen Ausgangspunkt für die Zukunft finden.
Freilich: Fehler, Irrtümer, Schuld, Verantwortung - welche Opfer sind gebracht worden! Es liegt nahe, zu glauben: so ungeheure Opfer müssen die Idee, die ihnen zugrundelag, rechtfertigen, ja heiligen. Die Geschichte urteilt nüchterner, sie hat noch niemals nach dem guten Glauben und der Höhe des Opfers gewertet, sondern stets nach den realen Ergebnissen einer Idee.
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Die Problemstellung
Es ist nötig, daß man sich vorher über das Verfahren einigt, das eingeschlagen werden soll und über den Geist, in dem dies geschehen soll.
Denn es könnte gefragt werden: Wem steht es zu, vor der Geschichte zu richten? Und es könnte gesagt werden, daß es leicht sei, ein hohes moralisches Pferd zu besteigen und verspätet klug zu sein.
Die Gesichtspunkte, von denen aus die Betrachtung und Bewertung erfolgt, werden zeigen, ob diese landläufige Beurteilung der Dinge überhaupt möglich wäre gegenüber einer Weltkatastrophe und gegenüber der Frage des Seins oder Nichtseins eines ganzen Volkes.
Von der Ebene her, die allein den Blick über das Ganze gestattet, zeigt sich auch: das Richten hat bereits die Geschichte übernommen und anstelle alles nachträglichen Moralisierens werden praktische Schlußfolgerungen und handfeste Konsequenzen vonnöten sein.
So bitter dann die Feststellungen im einzelnen sein werden: die Not diktiert es, daß der Bau, der zusammengestürzt ist und der doch wieder aufgeführt werden muß, auf seine konstruktiven Fehler untersucht wird, unabhängig von den Empfindungen derer, die die konstruktiven Fehler in ihn einbauten, unabhängig auch von den Empfindungen seiner Bewohner, die ihn verfallen ließen, jeder jedem die Verantwortung überlassend.
Es geht dann weniger um das Richten, als vielmehr um das Werten und Sichten - aller derjenigen Faktoren nämlich, die den Einsturz bewirkt haben.
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Die Ursachen solch einer Katastrophe finden
Man wird mit landläufigen Betrachtungsmethoden nicht auskommen, wenn es die Ursachen einer Katastrophe zu finden gilt. Die Größe des Objektes dieser Betrachtung zwingt zu entsprechender Weite des Gesichtswinkels. Zu untersuchen sind deshalb viel weniger Einzelwesen oder Gruppen, dafür jedoch jenes anonyme Etwas, das wir Nation, Volk, Masse nennen.
Hier stößt man vor allem auf die Tatsache, daß zwischen dem Einzelwesen und der Masse, deren Teil es ist, zwar Beziehungen bestehen, daß aber das Verhalten einer Masse, eines Kollektivs, einen Komplex für sich darstellt, vor allem weil Massen, triebhaft unberechenbar und nur aus Affekten heraus handelnd, tief unter der Entwicklungsstufe des Individuums stehen.
Auf diesen Komplex wird später (im Buch Seite 70) noch ausführlich eingegangen, er wird auch immer wieder im Vordergrund stehen, zunächst jedoch soll Folgendes genügen:
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Der Einzelne und das Kolleklwum
Jedem Einzelwesen, als einem denkenden, vernunftgemäß handelnden Partikel einer Masse muß das Recht zugestanden werden, die Geschehnisse zu sichten und zu werten, die mit dem Gesamtphänomen der Masse zusammenhängen als einem über- und außerpersönlichen Phänomen der unkontrollierbaren, eruptiven Triebhandlungen und Ausbrüche, der kollektiven Hysterien und der kollektiven Willenslähmungen - und der nüchternen politischen Konsequenzen.
Das aber sind diejenigen Konsequenzen, die der Einzelne, als Massepartikel, fühlbar zu tragen hat und zwar - je nach seiner Aktivität im Gesamtorganismus - konsequenterweise oder auch, wie er glaubt, sehr unberechtigterweise.
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Die Verkettung der Masse mit dem Individuum
Um diese schicksalhafte Verkettung zu wissen, heißt gleichzeitig die Masse als das betrachten, was sie ist oder doch sein kann: latente Gefahr für das Individuum.
So wenig das Kollektiverlebnis aus der Menschheit herauszudenken ist: Kollektivräusche, Kollektivhysterien und kollektive Willenslähmungen führen notwendig in kollektive Katastrophen. Denn der Rausch der Massen ist ein stürmisch bewegendes, aber kein konstruktives Prinzip.
Mit Massen jedoch wird Geschichte gemacht. Das Wie geht jeden an, der die kleinste Einheit einer Masse ist oder war, sei es aktiv oder passiv, sehr bewußt oder von der Flut mitgerissen oder dem Ganzen nur lose verbunden.
Es ist also die Pflicht eines jeden Einzelwesens, das dem übergeordneten, triebhaft gelenkten Kollektivum angehört, zu werten und zu sichten und für seine Person Schlüsse zu ziehen. Es ist in gewissem Sinne die Pflicht des höher organisierten Teiles gegenüber dem groborganisierten und archaischen, urtümlichen und unfertigen Ganzen. Es ist die Pflicht der autonomen Persönlichkeit und ihres sittlichen Prinzips gegenüber der Dämonie der Masseninstinkte. Es ist vor allem die Pflicht der Persönlichkeit gegenüber denen, die sich der Instinkte der Masse bedienen, ihrer Anführer, die für sie oder mit ihr handeln. Wir wollen dieses wichtigste Problem hier nur kurz streifen:
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„Führen heißt Massen bewegen"
Massen werden nicht wie das Individuum von vernünftigen Überlegungen, sondern von Affekten aus gesteuert. Massen können auch das Opfer von Millionen ihrer kleinsten Einheiten bringen für eine ihnen konforme Idee, für eine Utopie, für einen Irrtum.
Sie tun es in Rausch oder Panik oder Verzückung, in Massenangst oder Massenlähmung, stets aber in einer labilen und oft in einer fast religiös betonten Gesamthaltung.
Das umreißt im eigentlichen die Vorgänge der verflossenen zwölf Jahre in Deutschland. Hier, bei dem Verhalten von Massen, sitzt das Zentralproblem, und von hier aus ist auch der einzige Ansatzpunkt zu finden, der eine Klärung verspricht. Im Verfahren setzt man damit an genau dem Punkte an, von dem aus der einstige Führer der deutschen Nation diese Nation aus den Angeln hob und schließlich in das Nichts hinausschleuderte, nämlich mithilfe der Erkenntnis: „Führen heißt Massen bewegen".
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Der Gesichtspunkt gilt von hier ab für alle weiteren Gedankengänge
Unter diesem Gesichtspunkt sind von hier ab alle weiteren Gedankengänge zu verstehen. Solange wir zwingende Ursachen haben, über uns nachzudenken, kann das nur geschehen unter illusionsloser Beurteilung alles dessen, was die Masse, das Kollektivum betrifft, dem wir angehören.
Wir trennen also scharf von einander ab: das Verhalten der denkenden, kritischen, vernunftgeleiteten Persönlichkeit und das der anonymen, unkritischen und rein affektiv handelnden Masse.
In den Ergebnissen ändert sich nichts dadurch, daß es sowohl den typischen Massemenschen gibt, wie den abseitigen Individualisten, den eine unüberbrückbare Kluft von der Masse trennt. Und auch nicht dadurch, daß es Massengebilde, ja Völker gibt, bei denen die Distanz zwischen den Handlungen des Individuums und denen der Masse bereits viel geringer ist, d. h. bei denen das Kollektivum kühler, beherrschter, weniger affektiv und weniger triebbetont handelt. Entscheidend ist stets, inwieweit sich überhaupt aktive, einheitlich ausgerichtete Masse bildet.
Die Verantwortung vor der Geschichte
Als Einzelwesen haben wir zu sichten und zu bewerten, was das Kollektivum, dem wir angehören, an naturgegebenen Anlagen mitbringt und welche Einflüsse von außen auf diese Anlagen wirksam waren, was sich schließlich daraus ergab und welche Konsequenzen daraufhin für die Zukunft zu ziehen sind.
Da die Geschichte ihr Urteil bereits gesprochen hat und zwar im Sinne eines beispiellosen politischen, wirtschaftlichen und geistesgeschichtlichen Mißerfolges dieser Masse, dieses Kollektivums, dieses Volkes, so ist zu untersuchen, worin die Irrtümer, die Massensuggestionen, denen es zum Opfer fiel, im einzelnen bestanden und woraus sie sich ergaben.
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Über die Irrtümer und die Massensuggestionen
Manches auszusprechen wird schwer sein. Es gibt Dinge, über die man besser schweigt. Heute nicht mehr - es ist zu spät. Und es ist besser, wir sprechen aus, klären und begründen, ehe die unablässige Anklage von außen her sich wie eine feste Kruste über uns ablagert, eine Kruste aus alter Schuld und neuem Mißtrauen und aus billigen Kollektivurteilen.
Wie viel lieber möchten wir so vieles vergessen und vergessen machen, - es ist nun erledigt, es ist Geschichte, es ist endgültig vorbei.
Es stimmt aber nicht, es ist nicht vorbei. Was wir vergessen möchten, vergißt die Welt noch keineswegs und für uns hat es noch jeden Tag die empfindlichste Bedeutung. Der Angeklagte, der sich nicht erinnert, hat von vornherein verloren. Unserseits werden wir uns besser erinnern, schon weil wir auch das Recht der Verteidigung haben.
Diese Klärung und Aufklärung richtet sich nebenbei auch an eine Welt, deren Verständnislosigkeit und Unversöhnlichkeit so weit geht, daß sie das deutsche Volk hinterher nicht einem Schicksal preisgab, das ihm absolut sicher war: dem Hunger- und Seuchentod.
Es ist gut, wenn man sich dessen immerhin bewußt wird, vor allem im Gegensatz zu der anderen Tatsache: daß der deutsche wirtschaftliche Zusammenbruch diesen Umfang nur erreichen konnte dank des Systems der „verbrannten Erde" und daß wir unsre Ruinenfelder und die Vernichtung unsrer Produktionsstätten dem Plan verdanken, alle Werte systematisch zu vernichten, die dem deutschen Volke hätten bleiben können, - als Vermächtnis .......
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Es ist uns ernst oder nicht.
Wir wollen nicht so deutsch sein, besser zu schweigen, sondern so deutsch, uns eine neue Heimat zu bauen. Die Härte, die uns dann not tut, ist eine Härte um des Glaubens willen.
Die Schicht, in der der deutsche Kardinalirrtum saß, liegt sehr tief. Wir werden diese Schicht bloßlegen müssen und damit auch der übrigen Menschheit einen Schlüssel des Verständnisses geben. Es ist uns und der Welt gegenüber eine Pflicht.
Aber schon für uns allein genügt der Tatbestand: zweimal die gleiche fürchterliche Katastrophe, zweimal die Zerrüttung des Daseins jedes Einzelnen - hier müssen also grundsätzliche Fehler, Fehler im Methodischen sitzen.
Fragt man, worin die deutschen Irrtümer im einzelnen bestanden und welchen Wurzeln sie entstammen, so haben wir uns und der Welt folgende klare Beweise geliefert :
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(3) ES WAR EIN IRRTUM
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Die deutsche „Mission" .....
ES WAR EIN IRRTUM, daß irgendeine Nation eine gottgewollte „Mission" habe und das Monopol aller Tugenden. Es hat sich ergeben, daß die Welt keineswegs und zu keiner Zeit auf das deutsche Wesen gewartet hat, sie hat es sogar auf das nachdrücklichste immer wieder abgelehnt, und ein Volk, das trotzdem bei dieser Illusion verharrt, ist möglicherweise ein Volk von Romantikern.
Und in der Tat: immer wieder ist es und war es dieses Schweifende und in die Weite Greifende des deutschen Volkes, das auf „Undank" stieß.
Romantik der Tat aber ist Selbstmord. Und gefährlichen Phantasten gibt sich ein Volk aus geborenen Romantikern um so leichter preis. Die Welt jedoch ist nicht romantisch, sie verbittet sich Beglückungsversuche, vor allem wenn sie gemeingefährliche Formen annehmen. Und mit ihrem etwas kühleren Blick glaubt sie außerdem erkannt zu haben, daß der deutsche Wahn, das Märchen von der deutschen Mission noch immer das wirksamste Lockmittel derer war, die sich das deutsche Volk für ihre privaten Macht- und Eroberungsziele vorspannen wollten.
So 1914 und so auch 1939. In beiden Fällen wurde dieses an sich friedliebende Volk planmäßig an der deutschen Mission erhitzt und vorpräpariert. Doch davon wird noch zu sprechen sein.
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(4) ES WAR WEITERHIN EIN IRRTUM
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Kampf dem Erdball
ES WAR WEITERHIN EIN IRRTUM, und es ist von vornherein sinnlos, die ganze übrige Welt herauszufordern, im Geistigen durch Überheblichkeit und mit den Waffen durch Raubkriege. Ein System, das sich auf rücksichtsloser Gewalt aufbaut, kann sogar Erfolge haben - nämlich Eintagserfolge.
Und da „die ganze Welt" heute auf Flugstunden zusammengeschrumpft ist, so ist jede Nation „Nachbar", jede gefährdet - und alle zusammen bedeuten sie neun Zehntel der Menschheit .......
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(5) ES WAR EIN IRRTUM
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Der „geborene" Soldat
ES WAR EIN IRRTUM, den Militarismus zur Grundlage eines Systems zu machen. Es sitzt sich schlecht auf der Spitze von Bajonetten. Raubvölker haben nie Bestand gehabt, sie stellen ein System dar, das unorganisch und in sich unsolid ist, ein System, das nicht organisch gewachsen, sondern gemacht ist.
Und auch daß der deutsche Soldat der „geborene" und der „beste Soldat der Welt" ist, hat ihn nicht vor einer beispiellosen Niederlage bewahrt. Hier muß ein Irrtum sitzen - und in der Tat: es war die Niederlage der Führer, denen sich dieses Volk anvertraut hatte.
Ans Gehorchen gewöhnt, hatte es sich allzuleicht einer Gruppe von machthungrigen Abenteurern ausgeliefert, die es „soldatisch" anpackten. Und als sie es dann in den Krieg hineingesteuert hatten - dann war es freilich für die Zivilkurage zu spät. Das Abenteuer nahm seinen Lauf, und so konnte es geschehen, daß in der Auseinandersetzung zwischen zwei Prinzipien, dem des Abenteuers und dem der kühlen Köpfe, der beste Soldat der Welt von den besten Zivilisten der Welt geschlagen wurde, von Leuten, die nur wenige Jahre ausgebildet waren - was sehr stark gegen „militärische Tradition" spricht.
Das war die Tragik des „besten Soldaten der Welt": die militärische Tradition hat sich als das schwächere Prinzip erwiesen gegenüber einer anderen Tradition: der der nüchternen Köpfe und der politisch zur Selbständigkeit erzogenen Völker, denen so grobe Mißgriffe in ihrer Führung von vornherein nicht unterlaufen - eben dank der Zivilkurage des Einzelnen, dank der Zivilkurage des geborenen Zivilisten.
- Anmerkung : Diese "Weisheit" steht in 2026 leider auf sehr wackeligen Füssen, denn die Amerikaner hatten ihren Donald Trump gewählt und Putin regiert die Russen seit vielen Jahren.
Dieser Kraftentfaltung waren freie Menschen fähig. Eine Tradition, zu der der Parademarsch gehört, kann gefährlich genug werden - diesmal war es der Marsch des deutschen Militarismus in den deutschen Totentanz und das Ende eines verzweifelten Dressuraktes.
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Der Koloß tönernen Füßen - der deutsche Militarismus
„Des deutschen Militarismus" - dies freilich nicht im Sinne jenes stets griffbereiten Klischees, das in jedem Deutschen einen Mann sieht, der den entsicherten Revolver in der Tasche zu tragen pflegt.
Die Dinge liegen etwas anders und etwas komplizierter. Wer das deutsche Volk in allen seinen Schichten kennt, weiß, daß es sich hier um das militaristische Wirken jener dünnen, vorwiegend preußischen Oberschicht handelt, die seit einigen Jahrhunderten die militärische Komponente in Deutschland verkörpert. Sie ist durch das Stichwort Potsdam, ihren Geburtsort charakterisiert.
Seltsamerweise liegt und lag von jeher zwischen dem deutschen Volke und dieser dünnen Oberschicht eine Art luftleerer Raum, eine trennende Atmosphäre, in der Weise etwa, wie die Masse der einfachen Soldaten wenig oder nichts von dem Dasein höherer Stäbe bemerkt, die doch in jeder Minute jeden ihrer Schritte aus der Ferne lenken.
Diese Kriegerkaste, hervorgegangen aus einer besitzlosen Aristokratie, der in einem kommerziellen Zeitalter nur der Krieg als standesgemäßes Handwerk verblieb - diese Schicht war im Grunde ein Relikt, nämlich ein letzter unzeitgemäßer Rest des mittelalterlichen Feudaladels, also eine typisch zentraleuropäische und damit deutsche Reminiszenz.
Diese Schicht, durch Schlieffen, Moltke, Clausewitz charakterisiert; traditionsbewußt, diszipliniert, spartanisch und energisch, hat sich unter allen politischen Konstellationen in Deutschland eine Schlüsselstellung zu erhalten gewußt, sie wurde gewissermaßen vererbt und die „Militärs" überstanden selbst die verworrensten politischen Situationen zum mindesten als Condottieri, um wieder als Militärs zur Stelle zu sein sobald sich die Verhältnisse konsolidierten.
Als Rückgrat der Staatsgewalt hat diese dünne Schicht der Fachleute des Krieges nie aufgehört, in einer gewissen überheblichen Distanz über dem deutschen Volkskörper zu schweben und sich in aller Stille an den Schalthebeln zu betätigen.
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Die deutsche zielbewußte und hochgezüchtete Herrenschicht
Man darf sich nicht wundern, wenn es dieser zielbewußten und hochgezüchteten Herrenschicht im Laufe einiger Jahrhunderte gelang, das deutsche Volk ans Gehorchen zu gewöhnen und ihm den Geschmack an der Uniform und am Uniformen anzuerziehen. Legitimiert war sie zur Herrenschicht durch eine Reihe erfolgreicher Kriege, denen dieses gleiche Volk seine politische Existenz verdankte.
Der streitbare völkische Idealismus, den sie vertrat, wurde unzeitgemäß in einer Welt der gänzlich veränderten und viel weitläufigeren technischen, wirtschaftlichen, industriellen und ideellen Gegebenheiten. Gefangen in einem hartnäckigen Samuraigeist, die Welt aus rein militärischem Fachdenken heraus betrachtend, war diese überalterte Oberschicht unfähig zur geistigen Führung - sie war im Grunde genommen die letzte Vertreterin des Faustrechts unter den Völkern (und nicht nur in Deutschland).
Sie also stellte die Kernsubstanz dessen dar, was man als den deutschen Militarismus bezeichnete. Das Weltbild dieser antiquierten Herrenschicht hat fundamental versagt, es hat sich selbst begraben, und der letzte große Irrtum dieser ausgestorbenen Kriegerkaste war der, daß sie sich einem proletarischen Dilettanten auslieferte, der ihre Prinzipien bis zum Exzeß vortrieb und sie ad absurdum demonstrierte.
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Eine Sklavengemeinschaft für die Kriegsmaschine
Insgesamt aber saß schon in der These des Freiherrn vom Stein ein Rechenfehler, eine rein gedankliche Unzulänglichkeit, ein Vabanquespiel mit dem Schicksal: stellt (basiert) man Sein oder Nichtsein eines Volkes auf die Armee, so stellt man es (seine die Basis) auf etwas äußerst Vergängliches: ein solches Volk muß automatisch zusammenbrechen sobald die Armee zusammenbricht. Eine Armee kann sehr leicht über die inneren Mängel eines Volksganzen hinwegtäuschen - der Koloß kann tönerne Füße haben.
Doch nicht genug:
Eine militaristische „Volksgemeinschaft" ist ein Widerspruch in sich, der andere Name dafür ist der einer "Sklavengemeinschaft für die Kriegsmaschine", einer Gemeinschaft derer, die treten und derer, die getreten werden.
Und eine förmliche Tücke liegt darin, daß sich der Militarismus vor allem der guten und wertvollen Eigenschaften eines Volkes für seine Zwecke bemächtigt. Gerade das macht einem Volke den Denkfehler so leicht, sodaß es schließlich all seine Disziplin, seine Tüchtigkeit, seine Tapferkeit, seinen Idealismus, seine nationale Ehre dem Moloch in den Rachen wirft. Aus allen diesen Werten wird dann die Axt geschmiedet, die den Nachbarn erschlagen soll.
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Die psychologischen Einflüsse des Militarismus
Auch die rein psychologischen Einflüsse des Militarismus - als tragendes Prinzip - müssen von vornherein unglücklich sein: nach unten herrscht er, Herrschen aber entwürdigt den Beherrschten und verdirbt den Charakter des Herrschenden.
Wahre Staatsgewalt gebietet, widerstandslos und aus ihrem Wert, nicht aus ihrer Macht heraus. Nach oben aber beugt sich das militaristische Prinzip, es bricht und entwürdigt die Persönlichkeit, degradiert sie zur Sache. Aus den beiden sich widersprechenden Komponenten der militaristischen Haltung heraus ergeben sich notwendig Einzelwesen, die in sich widerspruchsvoll, unnatürlich und janusköpfig sind und in ihrer Gesamtheit ergeben sie ein Volk mit einem Januskopf.
Es ist keine Frage, daß das deutsche Volk dank dieser in der Welt einzigartigen Zwiespältigkeit allen seinen Nachbarn so unverständlich geblieben ist: auf der einen Seite willenloses Nachgeben, auf der anderen urplötzlich scharfes Kommando und rabiates Auftrumpfen. Das wiederum erklärt die idee fixe des Mißverstandenwerdens unter den Deutschen.
Man darf also annehmen: sobald die psychische Verzerrung wegfällt, die mit dem militaristischen Prinzip verbunden ist, müssen notwendig die eigentlichen Deutschen zutage treten, und sei es in der nächsten oder übernächsten Generation.
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(6) ES WAR WEITERHIN EIN IRRTUM
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Der Herrenvolk-Mythos
ES WAR WEITERHIN EIN IRRTUM, daß das deutsche Volk ein „Herrenvolk" sei, Herrenvolk im Sinne von „zum Herrschen bestellt". Die Werte unseres Volkes liegen anderswo und vielleicht tiefer.
Niemals in der Geschichte hat sich ein „Herrenvolk" so leichtfertig wie das deutsche der Knute einer herrschenden Horde ausgeliefert, politisch zu unsicher, um argwöhnisch zu werden und viel zu sehr ans Gehorchen gewöhnt, um dieses Joch wieder abschütteln zu können.
Es gab einmal einen sehr offenherzigen preußischen König, Friedrich den Großen, er sagte vor seinem Ende: „Ich bin es müde über Sklaven zu herrschen, ich möchte bei meinen Windhunden begraben sein". Dieser Eroberer war wenigstens ehrlich.
Das deutsche Volk aber war immer nur Werkzeug - und wehe, wenn in die Hände skrupelloser Verführer geriet .........
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Herrenvölker verweigern die Dressur
Bei allem Selbstbewußtsein, ohne das ein Volk nicht leben kann: ein Volk von Herren war das deutsche Volk nie. Herrenvölker werden nicht auf Kasernenhöfen gezüchtet, auch in Jahrhunderten nicht. Von dort kommt nur die gewohnheitsmäßige Selbstpreisgabe.
Herrenvölker verweigern die Dressur. Und vermutlich ist es gerade die Entmachtung der Persönlichkeit, das geistige Strammstehertum, der Mangel an Zivilkurage, der die Deutschen politisch so rat- und hilflos gemacht hat. Es ist in der Tat einzigartig, an wievielen politischen Systemen das deutsche Volk in weniger als dreißig Jahren gescheitert ist:
- 1918 scheiterte es an der Monarchie;
- 1933 scheiterte es an der Demokratie;
- 1945 scheiterte es an der Diktatur.
Somit: in weniger als drei Jahrzehnten ist das deutsche Volk an allen politischen Systemen gescheitert.
Bei allen übrigen Qualitäten, die man uns nicht absprechen kann: politisch bedeutet das völlige Hilflosigkeit, und man möchte hier eher an alles andere glauben als an ein Herrenvolk, das fähig gewesen wäre, Europa eine neue Ordnung zu geben. Man muß im Gegenteil wünschen, dieses Volk möge erst einmal Ordnung im eigenen Hause schaffen.
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Das Herrenvolk-Experiment
Allerdings hat diese politische Hilflosigkeit ihre tieferen Gründe, nämlich dank des Herrenvolk-Experiments, des Experiments mit einem unorganischen, künstlichen Herrenvolk, das von jeher auf künstlichen Grundlagen stand:
- hoch oben die befehlende Herrenkaste,
- tief unten der Untertan, -
eine Zweiheit ohne inneren Kontakt und durch ein Vakuum getrennt, ein in seiner Struktur krampfhaftes, gewaltsames Prinzip. Krampfhaft auch die Entwicklung, die dieses künstliche Gebilde genommen hat. Seine Geschichte ist die Geschichte eines anfangs glücklichen Spielers, der sich zu immer höheren Einsätzen verleiten läßt und zuletzt alles aufs Spiel setzen muß, um seine ganze künstliche Existenz zu retten - oder unterzugehen. Daran war schon die Herrenkaste gescheitert. Und die herrschende Horde von 1933 ritt das Experiment zu Tode. Wie nicht anders zu erwarten.
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(7) ES WAR EIN IRRTUM
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Freiheit - militarisiert
ES WAR EIN IRRTUM, daß der Mensch Freiheit gewinnen könne, indem er die primitivsten Rechte der Persönlichkeit preisgibt, auf die schlichtesten Ansprüche der Menschenwürde verzichtet um einer militarisierten Freiheit willen, die Macht bedeutet und von der stete Bedrohung ausgeht.
Diese Art der Freiheit ist das genaue Gegenteil von Freiheit, sie bedarf immer wieder der Söldner und Knechte, die sich für sie vorschicken lassen, sie gleicht der „Freiheit" eines schwer Gepanzerten, der um sich schlägt, einem Bedroher menschlicher Freiheit, dem Bedroher der Freiheit der Persönlichkeit. Freilich: es gab und gibt derlei auch anderswo.
Und so wenig Freiheit bedeutet, daß ein jeder tut oder läßt, was er will, so wenig kann sie in Almosen von obenher bestehen. Denn Freiheit ist nicht: Fahrten nach Madeira, nicht der Achtstundentag, nicht die unbekümmerte Mutterschaft der Sechzehnjährigen, und Freiheit ist nicht, daß auch die kleinsten Kleingeister noch umherbefehlen dürfen - das alles dient der Betäubung des Freiheitswillens, und für das deutsche Volk war es nichts als das wohlberechnete Almosen für den Verzicht auf die Freiheit der Persönlichkeit, die Freiheit des Denkens, ja, die bescheidene Freiheit über die eigene Person.
So werden Bediente gezüchtet, Leibeigene, die schließlich ihrem Vogt noch die Hand küssen - für Almosen, die er aus ihrer eigenen Tasche stahl.
Militarisierte Freiheit, aggressive Freiheit auf Kosten anderer, ist ein Widerspruch in sich, ein primitiver Denkfehler, eine bewußt verbreitete Täuschung durch eine menschlich unnütze Kriegerkaste. Denn sie bedeutet praktisch: „Feinde ringsum" und damit Militarisierung in Permanenz, also auch Versklavung in Permanenz. Diese Art der Freiheit ist ein Attentat auf die persönliche Freiheit des Einzelnen.
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Die ruhmreiche deutsche Geschichte?
Die Welt ist keine Lämmerweide, und vielleicht muß der Einzelne sein kleines Leben eines Tages in die Schanze schlagen um des Ganzen willen.
Aber Mannstum, Tapferkeit, Disziplin - das sind Dinge, die man vorher braucht, ehe die einigen Wenigen einem ganzen Volke an der Kehle sitzen.
Aber die ruhmreiche deutsche Geschichte? Die Kriegsgeschichte eines Volkes ist stets die äußerlichste und nebensächlichste, auf Kriegsruhm sind auch die Kopfjäger und die Buschmänner stolz. Und an der Verherrlichung eines Übels haben immer nur die Nutznießer dieses Übels das Interesse der Idealisierung.
Sind wir ein Volk oder wollen wir es werden, so gilt unsere Liebe einem anderen Vaterlande, groß nicht um militärischer Macht willen, sondern groß an Fähigkeiten, reich an Freiheit für jeden Einzelnen, tapfer und diszipliniert nicht mithilfe von Panzerdivisionen, sondern mit den Divisionen seiner besten, diszipliniertesten Köpfe und seiner tapfersten Herzen, eine Front gegen jeden Versuch der Vergewaltigung der Persönlichkeit - unter welcher tönenden Phrase es auch sei.
Dieses Vaterland verdient alle unsere Hingabe. Denn wir wollen wieder frei und unabhängig werden, beweisen, daß die Welt sich jetzt ihrerseits irrt.
Die Machtprobe mit der Faust hat kläglich versagt. Jetzt kann nur noch die Machtprobe mit den Köpfen und den Herzen folgen. Und die Lösung einer reinen Intelligenzfrage.
(8) ES WAR EIN IRRTUM
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Der Kulturzirkus
ES WAR EIN IRRTUM, auf ererbte Kulturleistungen zu pochen. Noch immer in der Geschichte sind Kulturen untergegangen, die dazu reif waren, das heißt: die nicht mehr verdient und die nur noch Erbe waren.
Denn Kultur ist nicht: renommistische Bauten, nicht Abfütterungen mit populärer Massenkunst, nicht Goethemedallien an Schlagerkomponisten, nicht Autobahnen, nicht KdF.-Vorstellungen, nicht die Knebelung und Uniformierung des Geistes schon auf der Schulbank, nicht die Züchtung kritikloser jugendlicher Ignoranten mit vorgeschriebener „Weltanschauung" - das alles ist nur der lärmende Ausverkauf eines Erbes.
Nie hat echte Kultur etwas mit lauter Reklame, Massenhaftigkeit und Zirkusmanieren zu tun gehabt. In einem solchen Kulturzirkus kann niemals die kulturbewußte Persönlichkeit, sondern immer nur der Almosenempfänger mit dem Kulturdünkel entstehen.
Aus den Erben Kants und Goethes, aus dem, was einst das Volk der Dichter und Denker hieß, ging eine Schicht geistiger Führer hervor, die mit der Ungehemmtheit von Halb- und Viertelgebildeten und mit der Unbedenklichkeit geistiger Plebejer Jahr um Jahr die Veräußerlichung und Verflachung des deutschen Denkens betrieb - es war ihr Niveau, und sie taten es um des Almosens an die Masse willen und um der „deutschen Mission" willen, die sie benötigten.
Vom Volke der Dichter und Denker zum Volk der Schwätzer
Alle Zeichen waren da, daß aus dem einstigen Volke der Dichter und Denker, einem Volke also, das einst so vielen jüngeren Völkern von seinem inneren Reichtum zu geben hatte - daß aus diesem Volke ein Volk der weltfremden Phantasten und der lauten Schwätzer wurde. Auf solcherlei Kulturpropaganda hatte die Welt nicht gewartet.
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Untaugliche Missionare
Es ist sehr wohl möglich, daß das deutsche Volk oder daß irgendein anderes Volk eine Kultursendung hat. Athen, Florenz, Venedig, Weimar hatten sie. Es wird jedoch nichts berichtet, daß sich diese Kulturen anderen Völkern aufgedrängt, ja aufgezwungen hätten, und wenn ein Volk schon den Drang zur Kulturmission in sich spürt, dann sind Panzergenerale untaugliche Missionare, Konzentrationslager nicht die geeigneten Missionshäuser und Genickschüsse keine beweiskräftigen Argumente.
Denn es gibt Völker und Rassen, die sich auch von den höchstkultivierten Nationen nicht gern in Massengräber hineinmissionieren lassen.
Das jedoch war die Kulturpropaganda der Führer der deutschen Nation. Sie wollten damit sagen: so verhält sich der deutsche Mensch von heute, der Erbe alten Kulturgutes, der Wahrer deutscher Sitte, der Nachkomme Kants und des kategorischen Imperativs ......
Nein, das Pochen auf Kulturgüter kann, der Sache nach und der Methode nach, ein Irrtum sein und auf heftigen Widerstand stoßen.
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(9) ES WAR EIN IRRTUM
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Diktatur des Abenteuers
ES WAR EIN IRRTUM, einem Manne Gedeih und Verderb von 70 Millionen Menschen anzuvertrauen, er konnte diese 70 Millionen in den Abgrund führen. Schrankenlose Macht verdirbt den Charakter, und das mit dem Einen stets verbundene System der herrschenden Horde trägt stets und von vornherein den Keim der Korruption in sich.
Von vornherein auch sitzt im Diktator die Gefahr, daß er nicht nur ein Versager ist, sondern daß er seine Machtfülle mißbrauchen könnte und das Vertrauen enttäuscht, das ihn zum Diktator machte - nur ein Beispiel aus der deutschen Tragödie: noch bis Kriegsende wußte das deutsche Volk nicht das mindeste darüber, durch welche Vorgänge es überhaupt in diesen Krieg hineingejagt worden war.
Der Diktator verhütete das durch alle Mittel der Isolierung von der Außenwelt und durch skrupellose Verdrehung der Wahrheit. Und auch erst nach Kriegsende erfuhr das deutsche Volk, welche unnennbaren Greuel die Konzentrationslager geborgen hatten.
- Anmerkung : Das Buch von Dr. Eugen Kogon - Der SS-Staat - kommt in Kürze.
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Der Diktator braucht seiner Natur nach „Erfolge"
Vor allem aber braucht der Diktator seiner Natur nach „Erfolge", um sich zu halten. Und damit hat er es auch noch eilig, die Massen warten, alles muß heruntergehetzt werden solange er an der Macht ist.
Der Diktator ist stets der Hasardeur großen Stiles, seine Politik ist die geistloseste von allen: die der Zerreißprobe, und damit sinkt der Staat zum Objekt herab, zum Experimentierfeld eines Einzelnen. Und noch stets hieß dieses Experiment: Krieg.
Kriege aber können auch verloren werden. Was aber, wenn der Hasardeur großen Stiles auch noch ein Dilettant des Krieges ist, ein ehrgeiziger Schauspieler, der den Kriegsgott spielt?
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„Vorsicht - Lebensgefahr" - ein Dilettant
„Vorsicht - Lebensgefahr" - das ist das Signum der Diktatur. Diese Vorsicht wird vom politischen Instinkt eines Volkes diktiert - ein Volk ist politisch sicher oder nicht.
Politisch unsicher war das deutsche Volk dank seiner militärischen Komponente. Es ließ sich allzu leicht zu geistigen Armeen formen, es jubelte einem rabiaten Kasernengewaltigen zu - und zog sogar eine vollkommene militärische Niete, es hatte sich einem militärischen Dilettanten ausgeliefert, der das Schicksal immer wieder leichtfertig herausforderte, der sich hartnäckig immer wieder über die Stärke des Gegners täuschte und der primitivste Fehler gegen die Gesetze der Strategie aufeinanderhäufte, einem Manne, der die gegnerische Führung über den ganzen Erdball hin „militärisehe Idioten", „Betrunkene", „Geisteskranke" nannte und ihre möglichen Maßnahmen als den „zu erwartenden militärischen Blödsinn" bezeichnete, einem Manne, der ewig Gefreiter blieb und der, wie sich mehr und mehr zeigte, an der Zwangsvorstellung litt: der Weltkrieg ist lediglich dank einer schwächlichen Führung und dank untauglicher Generale verloren worden - ich werde zeigen, wie das besser gemacht wird.
Hätte die Welt draußen ernsthaft übles gegen Deutschland im Schilde geführt - sie konnte sich keinen besseren Agenten wünschen als diesen, er verrichtete ganze Arbeit.
Keinem tödlichsten Feind wäre dieser Wahnwitz je gelungen.
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(10) ES WAR EIN IRRTUM
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Mitwissen ist Mitschuld
ES IST EIN IRRTUM, nachträglich die Verantwortung abzulehnen: man habe das nicht wissen können und man habe beispielsweise von den Konzentrationslagern keine nähere Kenntnis gehabt.
Beides ist richtig und beides ist doch nur die notwendige Folge jenes Mangels an gesundem Instinkt.
Fest steht für alle, die es in der Welt draußen betroffen hat, daß das deutsche Volk einer Gruppe abenteuerlicher Gestalten willig folgte und daß es ihren billigen Erfolgen und noch billigeren Phrasen zujubelte - wie wenige sahen mit Bangen das Ende voraus, wie wenige sahen in alledem den Niedergang, den Triumph der rohen Gewalt, den geistigen Verfall eines wertvollen Volkes.
Freilich: viele der besten unter den Deutschen waren immer die Stillen im Lande, die, denen alles laute Lärmen widerstrebte, die also, die wirklich und von jeher deutsche Werte schufen. Soweit sie nicht in den Konzentrationslagern endeten, mußten sie vielleicht schweigen, um eines Tages da zu sein, wenn alles zusammenbrach.
Aber jeder Einzelne ist dennoch mitverantwortlich unter den Massen, die den Ungeist auf die Schultern gehoben hatten und die nicht mehr fähig waren, sich seiner zu entledigen, als sein krankhafter Machtwahn kein Maß mehr kannte und als es für ihn weder Grenze noch Gesetz mehr gab. Das deutsche Volk machte es ihm leichter als er wohl je gedacht hatte.
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Verantwortlich sind auch wir ......
Verantwortlich sind auch wir, die Stillen im Lande, die Unpolitischen aus Anlage. Die Flut, die wir laufen ließen, ist über uns zusammengeschlagen. Schicksal. Aber wir haben die Absicht hinzuzulernen. Und vor allem: wir haben jetzt da zu sein, zu retten, was aus dem Zusammenbruch zu retten ist.
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(11) UND ES IST EIN IRRTUM
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Beifall ist Mischuld
UND ES IST EIN IRRTUM, daß nur ein Einzelner und eine Gruppe Unverantwortlicher dieses namenlose Unglück über Deutschland gebracht habe. Der Einzelne ist nichts ohne das Echo der vielen, ohne die Resonanz der Massen - in ihnen, in jedem von ihnen muß die Disposition für das Wesen dieses Einzelnen bereitliegen, ihm zustimmen, ihn dulden, ihn überhaupt möglich machen.
Dieser eine war zwar nicht Geist von unserem Geist, aber Ungeist von unserem Ungeist - er war der Dämon dieses Volkes, das zu Edlerem, zu Menschlicherem fähig gewesen wäre. Doch wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit.
Und leider:
auch der Nürnberger Prozeß ist in diesem Falle kein Freispruch des deutschen Volkes. Wir können froh und dankbar sein, daß er aller Welt klargemacht hat, mit welchem Zynismus ein ganzes Volk zuerst betrogen und hinter das Licht geführt und mit welchen Mitteln es daraufhin völlig wehrlos gemacht worden ist.
Das alles sieht man ein, in und außerhalb Deutschlands. Aber vor der Geschichte bleibt die Tatsache bestehen: das deutsche Volk hatte diese Männer gerufen. Ihnen hatte es Beifall geklatscht. Sie kamen aus dem Schoße des deutschen Volkes. Hier müssen also Zusammenhänge bestehen.
Das alles haben wir uns und der Welt in jedem einzelnen Falle klar bewiesen, das waren die Irrtümer und Trugbilder, die das deutsche Volk zugrundegerichtet haben.
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