Das ist der Anfang der unfertigen Seiten - erst mal alle Texte korrigiert - die saubere Strukturierung und die Bilder kommen noch - es geht weiter - jede Nacht
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Vorwort vom Autor Manfred Romboy
Ein Betteljunge der Nachkriegszeit schafft es in die interessante Welt der Film- und Fernsehmacher. Eine Biografie aus dem Jahr 2021, die fast 100 Jahre zurück blickt.
Kindheitserinnerungen
Einen Monat nach den Olympischen Sommerspielen im September 1936 in Berlin wird Manfred Romboy in der Reichsmessestadt Leipzig geboren. Unfreiwillig wird er Zeitzeuge wichtiger Ereignisse, die in seine Lebenszeit fallen und sein Leben nachhaltig beeinflussen, ja bestimmen.
Zu seinen ersten Kindheitserinnerungen zählen die fortwährenden Ermahnungen seiner Mutter: „Mach' nichts kaputt! Wir haben Krieg!" Erste Fotos zeigen ihn im Matrosenanzug mit Stahlhelm auf einem Motorrad, entstanden im März 1941, am „Tag der Wehrmacht".
Das noch an allen Fronten unbesiegte Heer stellte in Leipzigs Straßen seine Waffen und Fahrzeuge zur Schau. Im Dezember 1943 kommt der Krieg auch nach Leipzig. (Stalingrad ging bereits im März 1943 verloren).
Knapp überlebt er den größten Bombenangriff auf seine Heimatstadt. Als obdachloser Ausgebombter wird er mit seiner Familie in ein Dorf an der Grenze zu Tschechien evakuiert. Dort erlebt er, fast neunjährig, im April 1945 die Besetzung durch die US-Armee und Monate später den Einmarsch der Sowjettruppen.
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Der Traum : Kameramann werden
Als Elfjährigem begegnet dem ständigen Kinogänger in einem Vorführraum die ihn sofort faszinierende Tonfilmtechnik. Ab da wird er, wie bei einer fixen Idee, von dem Wunsch, Kameramann werden zu wollen und zu müssen, beherrscht. Im zerstörten Nachkriegs-Leipzig ein absolut realitätsfremdes Unterfangen. So, als würde in der heutigen Zeit ein Zwölfjähriger erklären, er möchte später am Broadway als Travestie-Künstler auftreten.
Wirrungen und Irrungen auf dem Weg zum Traumberuf
In seinem Buch beschreibt der Autor die Wirrungen und Irrungen, die ihn auf dem Weg zu seinem Traumberuf begleiteten. In den Babelsberger Filmstudios traf er auf bekannte Figuren der deutschen Filmgeschichte.
Später, als Kameramann der ARD-Tagesschau, begegnete er Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, den Königinnen Juliane der Niederlande und Elisabeth II, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl.
In den USA flog er mit dem legendären Überschalljäger „Starfighter", drehte Filme in vielen Ländern vom Äquator bis zum Polarkreis. Fünf Jahre lang lebte und reiste er in der kommunistischen Sowjetunion, zu Beginn von Perestroika und Glasnost. Im Kreml traf er den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Die Notizen und Fotos des heute Fünfundachtzigjährigen sind ein interessanter Beitrag zur Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
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Manfred Romboy blickt zurück - Mein Vater - Meine Vorfahren
Spätherbst 1958. Bunte Blätter liegen auf dem Bach-Denkmal. Im Schatten der Leipziger Thomaskirche flattern in Höhe des zerbombten Dachfirstes Reste einer rosafarbenen Tapete.
Ich war jetzt 22 Jahre. Mein Vater zeigte darauf: „Da oben war mal meine Junggesellenbude. Dort bist Du gezeugt worden. Weihnachten 1935, im Kerzenlicht eines kleinen Tannenbaumes."
An den Fingern zählte ich die Monate nach. Könnte stimmen. Als Sonntagskind wurde ich vier Uhr morgens in der Härtelstraße 11 in der Wohnung meiner Großmutter mütterlicherseits geboren. Der Kalender zeigte den 13. September 1936.
Mein Vater, selbständiger Dekorationsmaler, renovierte 1935 im Stadtzentrum ein Cafehaus gegenüber des neu eröffneten amerikanischen Automatenrestaurants. Leipzig, das sich stolz als Reichsmessestadt präsentierte, war auch Anziehungspunkt für modernste Gastronomieformen.
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Die langbeinige Blondine - und Hans Romboy - mein Vater
Mit einer Freundin plaudernd stand an einem der Stehtische eine langbeinige Blondine in türkisfarbenen Schuhen mit erotisierend hohen Absätzen. Die deutlich gewölbte weiße Bluse war durchaus geeignet, Männerphantasien auszulösen.
Genau mein Frauentyp, erkannte Hans Romboy und steuerte mit seinen belegten Automatenbrötchen und einem frisch gezapften Bier zum Blondinen-Tisch, klappte militärisch höflich die Hacken zusammen. „Gestatten die Damen, dass ich an ihren Tisch komme?"
Die Damen gestatteten. Die Langbeinige lächelte verlegen, ihr Gegenüber war ein schöner Mann. Einen Meter vierundachtzig groß, für die 1930er Jahre fast ein Riese, sportliche Figur, ein markantes Gesicht und pechschwarzes Haar. Ein Frauentyp, der sich sehen lassen konnte.
Sie schätzte ihn richtig auf Mitte dreißig. Sofort fing er an, Süßholz zu raspeln. Oh wie aufregend und für das alte Leipzig ungewöhnlich, in feinstem Hochdeutsch. Doch den Anblick der gewölbten weißen Bluse konnte Hans nur kurz genießen.
Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr stieß die Blonde einen spitzen Schrei aus und verließ mit den Worten „Tschüss Trudehen, wenn ich nochmal zu spät komme, wird mich mein Anwalt rausschmeißen!" den Dreiertisch.
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Der "Paradiesvogel" war weg .......
Umsonst die Eile, zu den Mädchen zu kommen, umsonst das Süßholzraspeln, der Paradiesvogel war weg. Das verbliebene Trudehen war kein Ersatz. Die damals neunundzwanzigjährige war gerade mal einen Meter dreiundfünfzig groß und von aufregenden langen Beinen konnte bei ihr auch beim besten Willen nicht die Rede sein. Lediglich ihr zartes Mädchengesicht unter dem dünnen mittelbraunen Haar verbreitete einen Hauch von Anziehungskraft.
Für den kultivierten taktvollen Hans Romboy kam es nicht in Frage, sofort den Tisch seiner Niederlage zu verlassen; er hätte im wahrsten Sinne des Wortes die zurückgebliebene Kleine gekränkt. Bis sie ihren Kaffeebecher und er sein Bier ausgetrunken hatte, plätscherte ein belangloses Höflichkeitsgespräch hin und her. Normalerweise hätte ein freundliches „Auf Wiedersehen" die nicht geplante Bekanntschaftbeendet, wenn Hans etwas weniger über sich gesprochen hätte.
Irrwege des Eros! - ein großer Mann mit den dunklen Haaren
Zu seinen wenigen Zerstreuungen gehörte die Teilnahme am Handwerkertisch im Traditionslokal Kaffeebaum unweit der Barfußgasse gegenüber den „Film-Eck"-Lichtspielen. Beim nächsten Dienstagstreff störte der Oberkellner das Kartenspiel. „Herr Romboy, vor der Tür wartet eine Dame auf Sie."„Muss ein Irrtum sein, Damen brauchen wir nur beim Skat!". Die Runde lachte. „Hat sie meinen Namen genannt?" wurde der Oberkellner gefragt. Der sagte „Nein. Sie wünschte den Großen mit den dunklen Haaren vom Handwerkertisch zu sprechen."
Auf dem Gehsteig unter dem Mohrenreliefstand im Nieselregen das kleine Trudehen unter ihrem bunten Regenschirm. Kühl, weil verwundert, fragte Hans nach ihrem Anliegen. Kaum hörbar erwiderte die Kleine „Ach, ich wollte nur mal prüfen, ob das stimmt mit dem Handwerkertisch, dienstags im „Kaffeebaum". Nun weiß ich ja Bescheid." Hans musste sich geradezu verbeugen, um Trudchens verlegenes kindliches Mädchengesicht unterm Regenschirm zu sehen. „ Warten Sie einen Moment, ich muss zahlen und den Mantel holen. Es ist ja spät, ich bringe Sie natürlich nach Hause."
Irrwege des Eros! Die Begehrlichkeit, die Hans erfolglos zu der Blondine gelockt hatte, löste beim kleinen Trudehen das Begehren auf den großen Mann mit den dunklen Haaren aus. Zwei vom Schicksal gebeutelte Menschenkinder waren sich begegnet, die nichts gemeinsam hatten außer der Sehnsucht, die Nächte nicht allein zu verbringen.
An einem der nächsten Treffs gab sie seinem Drängen nach, das neue Koffergrammophon mit den wunderbaren Electrola- und Odeon-Schallplatten zu besichtigen und landete in der Dachstube mit der rosaroten Tapete.
Für die Heiligabendfeier 1935 hatte er den Tannenbaum und sie Kerzen und Schmuck besorgt. Nach dem Anfangsknistern tönte es aus dem Trichterschacht des Grammophons „Vom Himmel hoch da komm ich her". Auch am Weihnachtsbaum knisterten leise die Wachskerzen. Irgendwann muss es bei Hans und Trudehen auch geknistert haben. Unterm Tannenbaum in der Dachkammer mit der rosaroten Tapete soll ich gezeugt worden sein.
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Großvater Carl Romboy - erster Geiger und Konzertmeister
Mein Vater entstammte einer Künstlerehe. Meine Großmutter Doris Lohse ging im Alter von siebzehn Jahren zum weiteren Gesangsstudium an die Berliner Volksoper in der Belle-Alliance-Straße. Großvater Carl Romboy soll dort als erster Geiger und Konzertmeister gewirkt haben.
Offensichtlich konnte er seine Instrumente besser beherrschen als sich selbst. Der fünfzehn Jahre ältere verführte die kleine Gesangselevin.
Im September 1899 wurde mein Onkel Theodor Carl geboren. Ihm folgte im Dezember 1900 Onkel Alfred. Als Uneheliche wurden sie blitzschnell zu Großmutter Doris Lohse nach Leipzig abgeschoben.
Im August 1901 war die kleine Doris schon wieder im fünften Monat schwanger. Der Herr Konzertmeister erkannte die Ausweglosigkeit seiner Situation und heiratete seine Doris am 22. August 1901 in der backsteinroten Lutherkirche am Leipziger Johannapark.
Das war nicht nur Hochzeit, sondern auch höchste Zeit. Am 6. Dezember 1901 wurde, nun ehelich, mein Vater Willi Hans Romboy geboren. Aus Doris Lohse wurde Doris Romboy. Ihre kurzzeitig verloren gegangene bürgerliche Reputation war damit wiederhergestellt.
Ihre Berliner Künstleragentur hatte inzwischen aus Lohse Losselli gestrickt mit dem Zusatz „deutsch-italienisch-ungarische Operettensängerin". Ihre Autogrammpostkarten aus dieser Zeit dokumentieren auch ihre Sehnsucht, eine multikulturelle Europakarriere als Doris Losselli zu starten.
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Alle drei Söhne lebten bei den Großeltern
Während sie von Engagement zu Tournee und von Tournee zu Engagement eilte, wuchsen ihre drei Söhne bei den Großeltern auf. Zur Winterzeit in Leipzig. Im Sommer zog man mit Sack und Pack ins fünfzig Kilometer entfernte Schmannewitz in der Dahlemer Heide. Dort gab es ein kleines Sommerhaus, zwei wunderbare Badeteiche und ein Kindermädchen namens Elfriede Papst.
Die Dreierbande, wie sie dort genannt wurde, reduzierte sich 1908 auf zwei Buben. Alfred, der Mittlere, starb im Alter von acht Jahren an der unheilbaren Kinderkrankheit Diphtherie. Die Übriggebliebenen, Carl und Hans, sind elternlos aufgewachsen.
Immer wenn die Muter kam ...
Die seltenen Besuche ihrer Mutter, die inzwischen unter dem Künstlernamen Doris Losselli halb Europa besang, waren gefürchtet. Einmal brachte sie aus Sankt Petersburg für beide rote Lederstiefelchen und Russenblusen mit. Die mussten am nächsten Tag zum Schulbesuch getragen werden. Prompt wurden sie von ihren Schulkameraden unter den Rufen „Ab nach Sibirien" in den Pausen und nach Schulschluss verprügelt.
Bei einem anderen Besuch an einem sonnigen Sommertag stand sie erwartungsvoll vor der Bürgerschule in der Hillerstraße. Aufgebrezelt als Operettendiva im überlangen Schleppenkleid und einem wagenradgroßen Hut mit Straußenfeder wollte sie als Überraschung die Kinder von der Schule abholen. Ihrer ansichtig, schmetterte sie mit der geschulten Bühnenstimme „Kommt hierher, meine Söhne, ich will Euch an mein Mutterherz drücken!"
Bis zu ihrer Schulentlassung einige Jahre später wurden sie von ihren Mitschülern nur noch die Mutterherzen genannt.
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Hans als Zwölfjähriger einmal nach Berlin den Vater besuchen
Hans durfte als Zwölfjähriger einmal nach Berlin den Vater besuchen, und er war geblendet vom Verkehr mit den Doppelstockbussen, den vielen Automobilen, der S- und der U-Bahn. Bei einem Opernbesuch sollte er den Vater spielen sehen.
Vaterliebe konnte sich nicht aufbauen. Jede Frage des Zwölfjährigen wurde mit dem Satz „ Warum weißt Du das nicht, Du dummer Junge?" beantwortet. Danach war er froh, wieder in Leipzig zu sein.
Seine Schulentlassung nach acht Jahren, man schrieb das Jahr 1915, empfand er als Befreiung aus der Sklaverei. Weitere Schule oder späteres Studium - um Gottes willen!
Auf dem Gelände der Technischen Messe in Leipzig hatte er eine große Dampfmaschine gesehen, umringt von Männern in blauen Kitteln. Als Fünfzehnjähriger begann er eine Schlosserlehre. Nach einem Jahr wurde sein Lehrherr zur Armee einberufen. Weiteres ist mir unbekannt.
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Mein Vater Hans - noch 1918 kriegsfreiwillig zum Militär
Kurz bevor der Erste Weltkrieg durch die Kapitulation der kaiserlichen Armee im Herbst 1918 zu Ende ging, hat sich Hans kriegsfreiwillig als Soldat gemeldet. Er wurde ins Baltikum verfrachtet. Dort kämpften deutsche Soldaten bis 1920 gegen die Rote Armee um die Unabhängigkeit Lettlands.
Am 4. April 1919 wurde er demobilisiert und als Feldjäger in die Reichswehr übernommen. Sein neuer Standort: AUenstein in Ostpreußen. Dieses östliche Teilstück des alten Preußens war fest in der Hand ostelbischer Junker. Das waren meist Adlige, die als Gardeoffiziere in der kaiserlichen Armee eine Karriere gemacht hatten.
Inzwischen Guts- oder Rittergutsbesitzer, ließen sie sich weiterhin als Herr Major, Oberst oder General anreden. Es lag für sie nahe, zur Erntezeit den nächsten Standortkommandanten anzurufen. „Hallo Herr Kamerad, hier Oberst von Pritzewitz, der Weizen muss rein. Könnte Erntehelfer gebrauchen."
Nach dem nächsten Appell hieß es in der Kaserne „Freiwillige vor zur Erntehilfe". Meist meldeten sich zu viele. Auf den Rittergütern gab es besseres Essen, nicht den eintönigen Kasernenfraß, billigen Kornschnaps, und was am wichtigsten war: Mädchen in Hülle und Fülle, die sich nicht immer einem liebeshungrigen Soldaten verweigerten.
Als Zugführer und Aufsicht einer solchen Truppe wurde Vater Hans vom Gutsbesitzerpaar an den Kaffeetisch gebeten. Dort bedienten zwei zierliche und hübsche Mädchen, Haustöchter genannt. Emma und Elsa Patzwald, siebzehn und fünfzehn Jahre alt, waren Vollwaisen.
Ihr Vater, Inhaber eines bankrottgegangenen Nachbargutes, hatte erst seine Frau, dann sich erschossen. Damit war seine Ehre wiederhergestellt. Der vierundzwanzigjährige Hans und Haustochter Emma freuten sich, einander zu begegnen, wenn wieder Erntezeit war.
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Frühjahr 1927 - Vater wurde mit der Wahrheit konfrontiert
Im Frühjahr 1927 wurde Hans Romboy per Brief auf das Rittergut beordert. Emma würde nicht mehr essen, nur noch weinen, man bitte, das abzuklären. Im Gartenpavillon allein gelassen, erklärte Emma in den Tränenpausen ihr Leben für beendet und dass sie ins Wasser gehen würde. Sie sei schwanger.
Hans wusste Rat. „Sag mir den Namen von diesem Schweinekerl. Mit der Pistole in der Hand werde ich ihn zwingen, Dich sofort zu heiraten."
Wieder ein Sturzbach von Tränen und der Ausruf „Hans, es geht um Dein Kind!" Er war völlig verdattert. „Aber wir waren doch nur das eine Mal eng zusammen und das liegt auch schon Monate zurück!"
Am 5. Juni 1927 wurde mein Halbbruder Siegfried geboren. Am 3. September 1927 wurde auf dem Standesamt in Tannenberg aus Emma Minna Patzwald Frau Romboy. Dem Siegfried folgte Schwester Christa. Sie wurde am 25. September 1928 geboren. Es war unmöglich, von dem kümmerlichen Reichswehrsold eine Frau und zwei Kinder zu ernähren.
Vater Hans beschloß, in Leipzig sein Glück zu suchen
Irgendwann beschloss er, in seiner Heimatstadt Leipzig sein Glück zu suchen. Dort lebte, sesshaft geworden, seine Mutter. Aus Doris Losselli war wieder Doris Romboy geworden.
Ein letztes Engagement am Operettentheater in Insterburg beendete ihre Bühnenkarriere. Es wurde auch Zeit. Sie war inzwischen Mitte Vierzig und Witwe.
Im Familienbuch fand ich folgenden Eintrag:
Zwischen dem 15. und 19. September starb mein armer Mann allein und verlassen in Berlin, Weichselstraße 12, unvermittelt an Herzschlag. Möge er mir verzeihen, dass ich ihn, den Vater meiner Kinder, im Alter allein ließ. Herr, lass mich Ruhe finden. Geschrieben am 22.10.1924 in Leipzig.
Doris Romboy.
Ihre Adresse lautete nun Hindenburgstraße 64, Ecke Carl-Maria-von Weber-Straße. Ihre Wohnung im ersten Stock gestattete den Blick auf einen Zweig des Elsterflusses. Die Fünfzimmerwohnung kostete pro Monat einhundert Reichsmark. Für kleine Leute, die mitunter nur einhundert Mark im Monat verdienten, ein ungeheuerlicher Betrag.
Neben dem Eingang stand ein Schild „Doris Romboy, Weißnäherin. 1.Stock. Dreimal klingeln". Außer den Einnahmen der Vermietung einiger Zimmer lebte sie vom Vernähen feiner Leinenstoffe, die sie zu Tisch- und Bettwäsche verarbeitete und mit den Initialen der Auftraggeber bestickte. Aussteuer für wohlhabende Bräute.
In ihrem Wohnzimmer stand neben der Singer-Nähmaschine ein großes Blüthner-Tafelklavier, ständig gesegnet von einer süßlich wirkenden Jesus-Lithographie. In der Tingeltangel-Welt der Operettenbühnen musste Doris vielen Herren dienen. Intendanten, Regisseuren und Dirigenten. Ab jetzt wollte sie ihr Leben nur noch einem Herrn widmen - Jesus Christus.
Statt Kaimans „Machen wir's den Schwalben nach, baun wir uns ein Nest. Bist du lieb und bist Du brav, halt zu Dir ich fest" tönte aus den Fenstern der Hindenburgstraße Paul Gerhardts „Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt".
Geschulten Ohren entging es nicht, dass besonders bei den hohen Tönen ihre zwei Angorakatzen durch langes Maunzen das Klangbild verstärkten.
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Hans fand keine Arbeit - hatte aber eine Familie
Ihr Sohn Hans, der mit Frau und zwei Kindern eingezogen war, blieb nicht nur die Miete schuldig, er musste auch mit durchgefüttert werden. Er war arbeitslos, wie weitere sechs Millionen seiner Landsleute. Die Weltwirtschaftskrise hatte auch seine Kleinfamilie getroffen.
Die Begeisterung über die Familienzusammenführung hielt sich beiderseits in Grenzen. Im Vergleich zum ostpreußischen Allenstein war die Reichsmessestadt Leipzig ein Sündenpfuhl - Ort ständiger Versuchung. In Allenstein trug man noch lange Röcke und selbst gestrickte Strümpfe. Hier glänzten unterhalb der Säume superkurzer Röcke zarte Seidenstrümpfe gekrönt durch hochhackige Stöckelschuhe, Pumps genannt, deren Absätze nicht dünn und lang genug sein konnten.
Im Gegensatz zum Heiligen Antonius konnte Hans diesen irdischen Versuchungen nicht lange widerstehen. Ein Aushilfsjob als Nachtkontrolleur der Wach- und Schließgesellschaft ermöglichte unkontrollierte Freiräume. Irgendwann und irgendwie erfuhren Ehefrau Emma und Schwiegermutter Doris von zahlreichen Weibergeschichten.
Der Burgfrieden in der Hundertmarkwohnung verwandelte sich, ohne dass Herr Jesus eingreifen konnte, in einen Burgkrieg. Hans flog raus und wechselte fortan öfters den Wohnsitz mit den jeweiligen Verhältnissen.
Seine junge Frau rächte sich durch eine Liebschaft mit einem Operettensänger. Auf beiderseitigen Wunsch wurde die Ehe am 20. Juni 1932 geschieden.
Hans wurde alleinerziehender Vater einer vierjährigen Tochter und eines fünfjährigen Sohnes. Anstelle der Lobgesänge auf Herrn Jesus musste Großmutter Doris sich nun um Windelwechseln und Breikochen kümmern.
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Wenn Mutter Doris abwesend war, mußte Hans ran
Die seit Januar 1933 installierte Hitler-Regierung beschnitt auch die Monopole der Handwerkerinnungen. Hans konnte sich, obwohl Autodidakt, als Dekorationsmaler selbständig machen. Mit einem zweirädrigen Handwagen, darauf Leiter, Werkzeugkiste und Tapezierböcke, machte er fortan die Straßen der Innenstadt unsicher.
War Mutter Doris abwesend, verwandelte sich der Alleinerziehende in einen alleinversorgenden Vater. Für Christa und Siegfried wurde in der großen Porzellanwaschschüssel Pudding gekocht. Für die nächsten Tage war damit die Kinderverpflegung gesichert.
Keine einseitige Ernährung. Von Fall zu Fall wurde der Pudding durch Himbeersaft veredelt. Fürs Abendessen kaufte der Vater Riesentüten Kuchenreste, die der Bäcker vor Ladenschluss verbilligt abgab. Noch Jahrzehnte später schwärmten die Geschwister von diesen Tagen im Schlaraffenland.
Zurück zum Liebespaar Hans und Trudchen
Kommen wir zurück zum Liebespaar Hans und Trudchen. Meine Mutter wurde am 9. November 1906 als Gertrud Frieda Wenzel in Leipzig geboren. Ort: die Wohnung ihrer Großeltern Am Thomaskirchhofs.
Gertruds Mutter lebte noch bei ihren Eltern, dem Maler Reinhold Wenzel und seiner Ehefrau Ida, geb. Gabler. Ihre Tochter, Frieda Martha, war zum Zeitpunkt der Geburt sechzehn Jahre alt.
Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die im Frühjahr noch Fünfzehnjährige war während eines Verwandtenbesuchs in Portitz bei Leipzig geschwängert worden. Von Heirat konnte nicht die Rede sein. Der junge Liebhaber war Ritterguts- und Gurkeneinlegersohn. Die kleine Geliebte Malerskind. Verschiedene Welten.
Entgegen unserer Moralvorstellungen von Menschen der Jahrhundertwende gab es also schon damals böse Buben und willige Mädchen. Trudchen, vom liebevollen Großvater so genannt, wuchs als Großelternkind auf.
Ihre Mutter war auswärts in Stellung. Die Kinder spielten, was streng verboten war, Verstecken in der Sakristei und unter dem Hochaltar der durch Johann Sebastian Bach geadelten Thomaskirche.
Freitags, zur traditionellen Motette des Thomanerchors, stiegen die Kinder in den Turm. Dem hoch oben wohnenden Türmer halfen sie, in Trauben an den Seilen hängend, beim Glockenläuten. Als Trudchen zehn Jahre alt war, verließ ihre Großmutter nach Geldstreitigkeiten die dreiköpfige Familie. Fortan lebte sie, wie „Heidi", beim geliebten Großvater.
Wenn's den bösen Nachbarn nicht gefällt - jetzt ein Heimkind
Böse Nachbarn hielten das für unsittlich und schrieben Briefe an das Jugendamt. Gegen ihren Widerstand und den des Großvaters wurde Trudchen in ein Waisenhaus der Herrnhuter Schwestern verschleppt. Für sie waren die nächsten Jahre ein Leben in der Hölle.
Die Herrnhuter Calvinisten predigten und lebten in Askese. Für sie waren die Heimkinder nur bei ihnen gelandet, weil Gott ihnen seine Gnade entzogen hat. Das musste gesühnt werden.
Egal, wie alt, spielen war nicht angesagt. Es gab nur beten und arbeiten. Schon kleinste Vergehen wurden mit Rohrstockschlägen auf die vorgestreckten Finger bestraft. Bettnässerinnen mussten, ihr nasses Leinentuch um den Körper gewickelt, am Frühstückstisch sitzen ohne essen zu dürfen. Sie hatten Ja gegen den Herrn gesündigt. Nach ihrer Konfirmation im Alter von vierzehn Jahren wurden die Sünderinnen als unbezahlte Dienstmägde in Pfarrhaushalte gegeben.
Nach Zwölfstundentagen wartete auf sie in der Dachkammer als einziges Möbelstück ein Strohsack. Vorherige Anweisung: intensiv beten. Den braven Gemeindetöchtern wurden diese verhärmten Dienstmägde als warnendes Beispiel gezeigt. Sehet, so geht es Menschen, denen der Herr wegen ihrer Sünden die Gnade entzogen hat.
Mit ihrer Volljährigkeit im Alter von einundzwanzig Jahren wurden sie durch das Jugendamt mit einem Handgeld in die sündige Welt entlassen.
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Trudchen und der anständige Weiberheld
Der vergangene Erste Weltkrieg mit Hunger und Kohlrübensuppe und die ihm folgende Inflation waren an Trudchen äußerlich spurlos vorübergegangen. Aber seit ihrer Einlieferung bei den Herrnhütern hatte sie in all den Jahren permanent gehungert. Inzwischen zeigte der Kalender das Jahr 1927. Sie konnte eine gute Ausbildung als Hausmädchen vorweisen, also ging sie in Stellung, unter anderem bei einer reichen jüdischen Leipziger Familie.
Später wurde sie Schwesternhelferin in der Funkenburg-Klinik. So wurde das Privatkrankenhaus der Professoren Goebel-Hörhammer genannt. Einige Monate konnte sie nicht arbeiten. Ihr Sohn Wolfgang wurde im Juni 1928 geboren. Trudchen hatte als Zimmermädchen eines Hotels im Luftkurort Sebnitz einen Mann kennen und lieben gelernt.
Mit seinem schicken kleinen Auto machte der Junggeselle, ein Ingenieur aus Schlesien, der gern Berge bestieg, im sächsischen Eibsandsteingebirge Urlaub.
Er war ein anständiger Weiberheld. Nach der Mitteilung, dass sie guter Hoffnung wäre, machte er Trudchen einen durchaus ernst zu nehmenden Heiratsantrag. Doch als Familienvater hielt sie ihn für absolut ungeeignet.
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Die Moral der oberen Klasse mit unehelichen Erdenbürgern
Der uneheliche Erdenbürger, der in der Wohnung seiner Großmutter geboren wurde und wohnte, war der ständige Zankapfel mit Trudchens Mutter Frieda.
„Wie konntest Du Dich, gerade mal einundzwanzig, schon mit einem Mann einlassen!" Dass sie selber mit fünfzehn geschwängert wurde, durfte nicht erwähnt werden. Arbeitslos und ohne Einkommen kaufte Trudchen sich einen Bauchladen und den dazu gehörenden Hausiererschein. Dann ging es, mit dem kleinen Wolfgang an der Hand, Trepp auf, Trepp ab durch die Häuser der Bessergestellten.
Die Türschilder "Betteln und Hausieren verboten"' konnten sie nicht abschrecken. Sie versuchte, Nähgarn, Stickgarn, Gummiband, Kämme, Zahn- und Kleiderbürsten zu verkaufen.
Erst zur Zeit des wirtschaftlichen Aufstieges im Dritten Reich fand sie, wie ihre Mutter, einen Arbeitsplatz als Anlegerin in der Wertpapierdruckerei Giesecke und Devrient.
Dort wurde Bogen um Bogen die Reichsmark gedruckt, mit der Reichskanzler Adolf Hitler die Aufrüstung Deutschlands finanzierte.
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Ein unerwünschtes Kind
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Am 13. September 1936 erblickte ich das Licht der Welt
Mit meiner Geburt wurde sie wieder eine Arbeitslose, in der Lebenssituation meiner Eltern war ich absolut überflüssig und unerwünscht. Trotz aller Gegenbemühungen erblickte ich am 13. September 1936 im Schein einer Fünfundzwanzigwattglühbirne das Licht der Welt.
Wiederum in der Wohnung meiner immerfort zeternden Großmutter Frieda. Obwohl kein Wunschkind, liebten und verwöhnten meine Eltern mich seit meinen ersten Lebenstagen. Vater zeigte mich so voller Stolz seinen Handwerkerkollegen und seinem Innungsmeister, Herrn Beutin, dass dieser sagte: „Romboy, bleiben Sie mal auf dem Teppich, schließlich haben Sie dieses Meisterstück nicht atleine, sondern mit Hilfe Ihrer Frau gemacht!"
Wieviel Dank schulde ich diesen Eltern! Im April 1938 brachte der Klapperstorch den beiden ein weiteres Kind.
Meinen Bruder Dieter. Hans und Trudehen zogen Bilanz: Du hast nichts und ich habe nichts; wenn wir zusammenziehen, besitzen wir das Doppelte. Für zwei Erwachsene und insgesamt fünf Kinder suchte ein unverheiratetes Paar eine Wohnung. Was für ein Wunder! Hausbesitzer Sauda, der in der Nürnberger Straße 9 ein Scherenschleif-, Messer- und Besteckgeschäft betrieb, war gnädig.
Als gebürtiger Italiener war er der Meinung, Bambini könnte man niemals genug haben, und vergab an sie eine Vierzimmerwohnung. Dort wurde noch ein Kind geboren - mein Bruder Hans Joachim. Doch erstarb nach wenigen Wochen den sogenannten plötzlichen Kindstod.
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Plötzlich war Krieg
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Zu Kriegsbeginn am i. September 1939 hatte sich Vater als ehemaliger Berufssoldat freiwillig zum Wehrdienst gemeldet. Dort wurde er nach Feststellung seiner Personalien rausgeworfen. „Was, fünf Kinder! Sie wollen sich totschießen lassen, damit das Reich für Ihre Nachkömmlinge jahrzehntelang zahlen muss! Verschwinden Sie schleunigst! Der Nächste bitte!"
Das verängstigte Trudchen hatte den Kindern erzählt, dass Vater Soldat werden will und erschossen werden könnte. Nun waren auch die Kinder verängstigt. Als Vater seinen Rausschmiss verkünden musste, hüpften die Kinder erfreut auf und nieder „Den Papa haben sie nicht genommen, den Papa haben sie nicht genommen..." Es hagelte Ohrfeigen.
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Papas Geschäft boomte
Viele jüngere Handwerker waren schon zum Militär eingezogen, doch Papas Geschäft boomte. Zur Entlastung meiner Mutter und meiner Lust am Abenteuer saß ich im Alter von vier Jahren erwartungsvoll auf dem Zweiräderkarren und sang das für mich erfundene Lied „Rühre, rühre Farbe, morgen geh'ich Fenster streichen!"
In der jeweiligen Wohnung angekommen, erhielt ich Pinsel und Wasserfarbe, um noch freie Flächen zu verzieren. Vater konnte im Nebenzimmer in Ruhe arbeiten. Doch einmal wurde es dem knapp Fünjährigen langweilig. Er schnappte sich Schuhe und Mäntelchen und begab sich auf den Weg nach Hause. Die Strecke, schon mehrmals gefahren, war bekannt.
Und ich hatte mein Erlebnis ...
Ich ging vom Nordplatz zur Pfaffendorfer Straße, am Zoo vorbei bis zum Tröndlinring. Links gings weiter zum Hauptbahnhof, dann am Schwanenteich vorbei zur Oper. Neben dem Augustusplatz, in Richtung Johannisplatz, lag rechts die elterliche Wohnung. Erster Merksatz meines Lebens war für mögliche Notfälle der oft zu wiederholende Spruch:
„Ich heiße Manfred Romboy und wohne in der Nürnberger Straße 9."
Mein Heimweg war kilometerlang. Zum Augustusplatz brauchte ich länger als eine Stunde. Dichten Autoverkehr oder mich anklingelnde Straßenbahnen ignorierte ich - die Selbstbestimmung genießend. Fünf Minuten vor der Ankunft, am verkehrsreichen Platz vor der Oper, stoppte mich ein Verkehrspolizist, weil ich, ohne seinen Weisungen zu folgen, zwischen Straßenbahnen und wild hupenden Autos meinen Weg fortsetzen wollte.
Jetzt half das auswendig gelernte „Ich heiße Manfred Romboy und ich wohne..." Er nahm mich bei der Hand, um in eine andere Richtung zur Polizeiwache zu gehen. Ich wehrte mich und schrie um Hilfe. Das war ihm zu auffällig. Also sagte er: „Also dann eben Nürnberger Straße."
Bevor wir das Ziel erreichten, versperrte uns ein zwölfjähriger uniformierter Pimpf den Weg. „Heil Hitler, Herr Wachtmeister. Warum wollen Sie meinen kleinen Bruder verhaften?" Halbbruder Wolfgang, der vom Dienst kam, hatte unseren Weg gekreuzt. Der Schupo, froh den Knirps los zu werden, notierte sich aber Namen und Hausnummer.
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Vater hatte es erstmal nicht gemerkt
Meinem konzentriert arbeitenden Vater war erst nach einiger Zeit meine Abwesenheit aufgefallen. Er begann zu suchen. Zuerst vor dem Haus, dann auf einem nahegelegenen Kinderspielplatz, zuletzt am Eingangsbau des Leipziger Zoos. Erfolglos. Zoobeamte zeigten den Weg zur nächsten Polizeiwache. Dort musste er eine Abgängigkeitsanzeige unterschreiben. Später als sonst - wir Kindersaßen schon am Abendbrottisch - kam er völlig verstört nach Hause.
Bruder Wolfgang meldete die Sache mit dem Polizisten. Ich erwartete eine Tracht Prügel. War verwundert, dass sie ausblieb. Vater hatte das Vergehen des Weglaufens wesentlich geringer bewertet als die große Leistung des Kleinen, nach Hause zu finden. Allerdings gab es ein Nachspiel. Eine arrogante Ziege vom Jugendamt erschien, um wegen Vernachlässigung der Kinderaufsichtspflicht zu ermitteln. Es lägen ihr zwei Anzeigen der Polizei vor.
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Der Krieg mit Russland begann .....
März 1941. Die noch siegreichen deutschen Streitkräfte feiern sich, wie jedes Jahr, mit dem „Tag der Wehrmacht". Eine gute Gelegenheit für Vater, seine <?xi2-Plattenkamerazu aktivieren. Sohn Manfred sitzt auf einem Wehrmachtsmotorrad mit dem Kennzeichen WH für Wehrmacht-Heer. Auf dem Soziussitz der dreijährige Bruder Dieter. An der Nürnberger Straße setzt Vater seinen Lieblingssohn Manfred auf ein festlich geschmücktes Wehrmachts-Pferd.
„Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen" (Reiters Morgengesang von Wilhelm Hauff). Am 22. Juni überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Vier Jahre später, 1945, besetzt deren Rote Armee Berlin.
und Vater Hans war noch nicht verheiratet
Erst1940 machte mein Vater Hans, der in seinen Tagträumen immer noch auf eine steinreiche Witwe wartete, mit deren Geld er seine Kinder standesgemäß ernähren würde, seinem Trudehen einen wenig liebevollen Heiratsantrag.
Er sagte: „Der Krieg schreitet fort, Irgendwann muss auch Ich zur Wehrmacht. Meine Zukunftspläne mit der reichen Frau sind unrealistisch. Also kann ich Dich auch heiraten.
Dann bist Du mit den Kindern im Fall, dass aus Dir eine Kriegerwitwe wird, wenigstens gut versorgt!"
Nach Vaters Tod erfragte ich bei meiner Mutter den Zeitpunkt und Ablauf ihrer Trauung. „In einer Arbeitspause holte mich Dein Vater zuhause ab. Wir gingen zum Standesamt und aus mir wurde Frau Romboy. Danach fuhr er mit seinem Handwagen wieder zur Baustelle." Meine Empörung gegenüber mener Mutter war grenzenlos: „Diesen herzlosen Kerl hättest Du zum Teufel jagen müssen!"
„Aber Manfred, wie konnte ich das? Er war der erste Mensch in meinem Leben, der gut zu mir war."
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Der Krieg wurde jetzt im Alltag sichtbar.
An den Geschäftstüren vom Schuster, Bäcker und Milchmann hingen plötzlich Schilder „Wegen Einberufung vorübergehend geschlossen". Statt zum Spielwarengeschäft Hinkel und Kutschbach fuhr Vater mit uns in die NSV-Geschäftsstelle zum Ausprobieren der Kindergasmasken, ich fand das männlich.
Doch mein kleiner Bruder schrie vor Angst wie am Spieß, als er mich als Maskenmann sah. Zwischenzeitlich waren wir ins Gartengebäude der Ludendorffstraße 10 (heute Elsterstraße) gezogen. Eines Tages wurden Sand und Steine abgeladen, ein Maurer verschloss bis auf einen postkartengroßen Luftschacht die Kellerfenster. Aus dem Kohlen- und Kartoffelkeller wurde der Luftschutzraum mit dünn vermauertem Durchbruch zum Nachbarhaus. Unsere Fassade erhielt die Großbuchstaben LSR und einen Pfeil in Richtung Keller. In der Dunkelheit leuchtete diese Beschriftung. Es wurde mit Phosphorfarbe markiert.
Vieles änderte sich. In brauner SA-Uniform klingelte der Blockwart, um zu kontrollieren, ob alle Fenster ein Verdunklungsrollo haben. An unser Radio klemmte er ein rotes Schild mit der Aufschrift „Das Abhören feindlicher Sender wird mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft". Aber solange die Eisdiele Sarafin, das Schreberbad und unser Zoo noch geöffnet waren, fühlten wir uns nicht als arme Kriegskinder.
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Unser kreuzbraver Kater Peter musste Kleider von Christas Puppe anziehen und wurde stolz im Kinderwagen kutschiert. Straßenpassanten, die unser kleines Brüderchen ansehen wollten, beschimpften uns. Die Schulferien verbrachten wir in einem angemieteten Sommerhaus an der Tautenburg in Thüringen. Das Ende dieser Idylle war vorhersehbar.
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Vater wird Soldat
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Papas Einberufung im Frühjahr 1942
Im Frühjahr 1942 brachte der Briefträger Papas Einberufung zur Wehrmacht. Dessen Kriegsbegeisterung war wie weggeblasen. Die Rückseite der ,Leipziger Neue Nachrichten' zeigte mehr und mehr schwarz geränderte Anzeigen, geziert mit dem Eisernen Kreuz.
Nach dem obligaten: Für Führer, Volk und Vaterland starb den Heldentod: ,Unser Sohn, mein Mann, unser Vater, der Onkel oder der Bräutigam'. Als Todesort war statt Frankreich, Norwegen und Afrika zunehmend Russland zu lesen.
Da schon gedient - wurde Vater im Rang eines Obergefreiten Schießausbilder in der sächsischen Garnisonsstadt Glauchau. Weil so nah, waren Besuche möglich. - Ich war stolz, ihn endlich in Uniform zu sehen. Bei einem Wochenendbesuch durfte ich ihn auf dem Weg zu einem Friedhof begleiten. Ein Kamerad war tödlich verunglückt. Als Zugführer kommandierte Vater eine Ehrenkompanie, die nach der Pastorenrede drei Salven über das Grab in den Himmel feuerte. Beim Rückmarsch in die Kaserne erfolgte das Kommando „Eins, zwei, drei, ein Lied" und die Soldaten sangen, froh darüber, dass sie nicht tot waren: „ Freut Euch des Lebens, Großmutter wird mit der Sense rasiert, alles vergebens, sie war nicht eingeschmiert."
Obwohl verboten, durfte ich mit auf den Schießplatz. An meiner Wange glaube ich noch heute den filzigen Stoff seines Waffenrocks zu fühlen, wenn ich beim Rattern des Maschinengewehrs mein Gesicht in Vaters Uniform drückte. Mein erster Schultag, die Konfirmation der Geschwister Christa und Wolfgang, dies alles fand nun ohne Vater statt.
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Die Hiwis - ausschließlich russische Kriegsgefangene
Seine neue Anschrift lautete jetzt .Obergefreiter Hans Romboy, Warschau, ZEL 24, Feldpostnummer 54379': das ZEL war die Abkürzung für eines der vielen Zentralersatzteillager der Wehrmachtim besetzten Polen.
In solchen Werkstätten wurden beschädigte Fahrzeuge, Panzer und Geschütze wieder kampffähig gemacht und frisch mit Tarnfarben und Balkenkreuz versehen zurück an die Front geschickt. Das mit der Neubemalung organisierte Vater. Es war schließlich sein Zivilberuf.
Seine Mitarbeiter waren ausschließlich russische Kriegsgefangene, sogenannte Hiwis, für Hilfswillige. Um dem Hungertod im Gefangenenlager zu entgehen, arbeiteten sie für die deutsche Wehrmacht. Es waren zehntausende. Wer von ihnen den Krieg überlebte, wurde von Väterchen Stalin mit dem Tode bestraft oder verschwand für fünfundzwanzig Jahre in sibirischen Straflagern. Mit Vater lebten sie harmonisch in beiderseitigem Interesse. Er besorgte zusätzlich Lebensmittel, Zigaretten und Schnaps, sie bastelten für uns Kinderspielzeug. Ein Kunstmaler unter ihnen porträtierte Vater in Wehrmachtsuniform und nach einer Postkarte die Tautenburg. Beide Gemälde wurden über der Wohnzimmercouch neben dem Hitlerbild platziert.
Seine Freundschaft mit Hauptmann Rogatz bescherte ihm sogar für einige Tage eine Abkommandierung nach Leipzig zum Kauf einer Laute zwecks Truppenbetreuung. Von seiner Mutter hatte Hans eine voluminöse Singstimme geerbt. Außerdem wurde er vergattert, in Erfurt Blumenzwiebeln zu kaufen, um das Warschauer Kasernengelände zu verschönern.
Es war 1942, noch vor Stalingrad
1942, vor Stalingrad, glaubte man noch an den Endsieg und ein langes Verbleiben im Generalgouvernement Polen. Ein solcher Stempel verzierte den Hitlerkopf der Briefmarken, wenn Vater Pakete schickte. Mutter backte Kuchen und kochte Kaffee, während der Fronturlauber seinen Tornister und den Feldbeutel auspackte. An der Korridorwand lehnte sein Karabiner. Soldaten mussten mit ihrer Waffe reisen.
Trotz Berührungsverbot tief der vierzehnjährige Wolfgang mit dem Gewehr im Anschlag durchs Kinderzimmer. Nach dem erfolgten Donnerwetter erklärte Papa die Funktionsweise eines solchen Schießgewehrs. Danach die Kinder: „Bitte, bitte, Papa, wenigstens einmal schießen!"
Seine zutreffende Ausrede: „Munition kriege ich nur an der Front!" Ich lief ins Kinderzimmer. Dann drückte ich ihm eine passende Patrone in die Hand. Übungsmunition, die statt der Kugel einen violetten Holzkegel enthielt „Bitte hau' mich nicht, die habe ich am Schießplatz auf dem Boden gefunden." Vor den jubelnden Kindern wollte er seine Soldatenehre retten. Kommando: „Alle hinter meinen Rücken an die Eingangstür!"
Dann knallte ein ohrenbetäubender Schuss. Mutter schrie aus der Küche, während der Korridor sich mit blauem Rauch füllte. Alle husteten. Schnell die Fenster auf. Zehn Minuten später klingelte es Sturm.
Als Mutter öffnete, standen zwei Polizisten mit gezückten Pistolen vor der Tür. Im Nachbarhaus hatte jemand Telefon und einen Notruf ausgelöst „Wahrscheinlich hat der Urlauber seine Frau erschossen, weil sie fremdgegangen ist" Doch in diesem Fall stand die Frau unverletzt in der Tür und der Urlauber, den Uniformrock leger geöffnet, frage die Schupos, womit er ihnen helfen könnte, Umständlich steckten sie ihre Waffen wieder ein und verlangten Aufklärung.
„Ach so, der Schuss! Mein Sohn Wolfgang hat eine Übungspatrone ausgelöst Sehen Sie, solche Sachen lernen die Kinder bei der Hitlerjugend!" Das genügte. Zivilpolizisten war es verboten, Wehrmachtsangehörige zu kontrollieren. Eine halbe Stunde später klingelte die Feldgendarmerie. Deren Ton war rüder. „Soldbuch und Marschbefehl vorzeigen! Und woher haben Sie Munition?" Die Papiere waren tadellos in Ordnung, also schluckten sie die Sache mit dem schießenden Hitlerjungen. Es war noch einmal gut gegangen.
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Wir Kinder lernten Gehorchen und Marschieren
Vaters Fronturlaub war nur eine kurze Unterbrechung unseres Alltags, Morgens ging ich in die ungeliebte Schule und einmal in der Woche zur Kinderschar. Neben den Pimpfen ab neun und der Hitlerjugend ab vierzehn lernten schon die Sechs- bis Neunjährigen in dieser jungschar Gehorchen und Marschieren.
Ich drängte meine Mutter, für meine Mitgliedschaft zu sorgen. Vor allem, um endlich die mir peinliche Lederhose mit den Edelweißhosenträgern ablegen zu können. Im dritten Kriegsjahr war alles Mangelware.
Nur mein ständiges Gequengel und die Drohung, Schule zu schwänzen, konnte meine Mutter, die für insgesamt fünf Kinder zu sorgen hatte, bewegen, alle nur möglichen Geschäfte aufzusuchen, um nach und nach die Uniform mit Koppelschloss und allen Aufnähern zu beschaffen.
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Trotz Kriegszeit - das Leben ging weiter.
Auch Bruder Siegfried wurde sein Wunsch erfüllt. Als Tierpflegerlehrling des Leipziger Zoologischen Gartens war er bald mit Löwen, Bären und Affen auf Du und Du. Die brave Christa besuchte ihr Gymnasium Goetheschule. Den Wolfgang hatte die Hitlerjugend nach Litzmannstadt (heute Lodz) zu einer Führerschule beordert. Vormittags musste sich Mutter um den fünfjährigen Dieter kümmern.
Dieter war ein Unglücksrabe. Alles, das er anfasste, ging schief. Im Februar 43 machte er Schlagzeilen: Feuerwehr rettet Fünfjährigen. Trotz des Versprechens, mit Kinderfahrrad und Roller in Hausnähe zu bleiben, packte uns die Abenteuerlust. Wir fuhren zur „kleinen Welle" an der Rosentalgasse. So nannten wir ein Stauwehr am Elstermühlgraben gegenüber des Naturkundemuseums. Um das herunterrauschende Wasser zu sehen, erkletterten wir das Brückengeländer. Dieter hatte eine Stufe zu viel genommen, verlor das Gleichgewicht und lag im eisigen Wasser, das zum Glück nur knietief floss.
Ich schrie „Halte Dich an der Ufermauer fest" und sauste zur nahen Hauptfeuerwache. Bevor ich die Wassernot meines Bruders melden konnte, ertönte schon „Tatü, Tata", Löschzüge und Rettungswagen rasten zum Mühlgraben. Ein Brückenpassant hatten den roten Feuermelder eingeschlagen. Also lief ich zurück und sah noch, wie ein Feuerwehrmann, durch Seile gesichert, den Kleinen rettete und zum Sanitätswagen trug. Der hatte, im Wasser stehend, zahlreichen Schaulustigen erfolglos zugerufen „Leute, Leute, helft mir!"
Beleuchtet von zuckenden roten und blauen Signallichtern der Polizei und Feuerwehr stand ich, von niemandem beachtet, in der Abenddämmerung auf der Brücke. Mein Problem: Wie bringe ich außer meinem Fahrrad auch Dieters Roller nach Hause. Ein älteres Paar hatte meine Tränen bemerkt und begleitete mich. Tage später erschien schon wieder eine Jugendamtsdame mit dem Vorhalten der Aufsichtspflicht. Mutter warf sie raus mit den Worten „Kinder sind keine Kaninchen, die man hinter Maschendraht einsperren kann." Noch Wochen danach bereute ich, zur Feuerwache gelaufen zu sein. Ich hatte die nie wieder gegebene Chance, einen Feuermelder einzuschlagen und den Knopf zu drücken, verspielt.
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Der Krieg kommt nach Leipzig
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Achtung, Achtung, feindliche Bomberverbände ........
Des Öfteren wurden wir nun nachts durch das Heulen von Sirenen für Vor- und Fliegeralarm geweckt. Aus dem Radio tönte die Ansage: „Achtung, Achtung, feindliche Bomberverbände im Raum Münster/Osnabrück. Mit dem Anflug auf Mitteldeutschland muss gerechnet werden."
Zwei Koffer mit dem Nötigsten standen im Korridor bereit. Ich schnappte meine Lieblinge, zwei Stoffhunde, und schon ging es inmitten anderer Hausbewohner und deren Kinder in den Luftschutzkeller. Nach einer knappen Stunde Entwarnung. Das Radio meldete den Anflug dieser Bomber auf die Reichshauptstadt und dass mit Bombenabwürfen zu rechnen wäre.
Manchmal bellten bei uns die Flakgeschütze und der große Scheinwerfer vom Eckhaus jagte seinen Geisterfinger über den Himmel. Verirrte Flieger, die die nahen Treibstoffwerke bombardieren wollten, kreuzten Leipzig. Morgens auf dem Schulweg suchten wir nach den großen Stahlsplittern der 8,8 cm Flakgeschosse.
Der Krieg kam immer näher.
Ein Bombenflugzeug, das sich verflogen hatte, entledigte sich seiner Last am Stadtrand Leipzigs. Eine Sprengbombe traf eine der Hauptstraßen. In überfüllten Straßenbahnen fuhren die Leipziger zum Einschlagsort, um den großen Bombentrichter und die geplatzten Fenster der benachbarten Häuser zu besichtigen.
Von Fliegerangriffen und Großbränden der Städte Lübeck, Hamburg und Köln hatten die Leipziger gehört. Aber Klugscheißer wussten, Leipzig ist durch seine Entfernung geschützt. Wer hier bombardiert, hat keinen Sprit mehr, um zurück nach England zu kommen. Falsch gerechnet!
Zwanzig Tage vor Weihnachten, am 4. Dezember 1943, heulten um vier Uhr morgens die Sirenen. Fliegeralarm. Viel zu spät ausgelöst. Kaum im Treppenhaus, flogen uns schon die Fenstersplitter um die Ohren. Die ersten Sprengbomben waren gefallen. Im Keller hörten wir die Flak bellen.
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Verschüttet
Dann: Fürchterliches Krachen über uns, der Boden wankte und das Licht erlosch. Alle mussten husten, weil der Luftdruck den Mörtel aus den Mauerfugen gewirbelt hatte. Eine Sprengbombe hat die neben uns liegende Druckerei Tschocke getroffen. Aus dem Kellerdunkel Schreie und Weinen. Neben mir auf der Holzbank betete ein altes Ehepaar immer wieder das Vaterunser. Gefolgt vom Trostspruch „Wenn wir sterben, sind wir Gott sei Dank zusammen."
Nach gefühlten Ewigkeiten leuchtete eine Taschenlampe und es ertönte der Ruf „Ruhe bewahren!" Der behelmte und uniformierte Luftschutzwart des Hauses hatte seine Lebensgeister wieder gefunden. Bei den zitternden Frauen und Kindern fragte er nach Verletzten. Glücklicherweise keine!
Aber der Kellerzugang war verschüttet. Letzte Hoffnung: der vorbereitete Durchbruch zum Nachbarhaus. Zwei alte Männer halfen, im Licht der Taschenlampe die Trennmauer zu öffnen. Nach den ersten gelösten Ziegelsteinen quoll schwarzer Rauch zu uns. Schnell wieder zustopfen! Im Nachbarkeller wüteten schon Brände.
Das Lazarett für Leichtverletzte im Park nebenan
Irgendwann hörten wir Schritte und antworteten mit Klopfen und Rufen. Soldaten konnten im zerstörten Treppenhaus Balken entfernen und unseren Keller öffnen. Fünfzig Schritte entfernt, in den Räumen der Tanzgaststätte „Klein Sanssouci" war ein Lazarett für Leichtverletzte untergebracht.
Zur Sommerszeit bei geöffneten Fenstern schauten die Verletzten unseren Spielen zu und verschenkten die seltenen Apfelsinen oder gar Schokoladenstücke aus einer runden Blechdose. Als Gegenleistung klauten wir für sie zuhause die in der Klinik verbotenen Zigaretten.
Den Leichtverletzten und ihren Pflegern verdanken wir unsere Rettung. Dicht wie Schneetreiben regnete es Funken. Aus den meisten Fensterhöhlen züngelte der rote Hahn. Mit Mutter, zwei Brüdern und Schwester Christa standen wir im Freien. Jemand warf uns nasse Decken zu. Unsere Mäntel und Mützen zeigten schon erste Brandlöcher.
Eingewickelt in die Lazarettdecken folgten wir den von den Brandlichtern erhellten Pfeilen zum so beschrifteten Auffangplatz. Das war der zehn Minuten entfernte Johannispark am Neuen Rathaus. Das Licht der Morgendämmerung mischte sich mit dem Feuerschein, den die niedrigen Wolken reflektierten.
Mein liebes Leipzig brannte und mein Kater Peter war tot
Zu mir, dem Siebenjährigen, war der Krieg gekommen. Mir liefen die Tränen über die Wangen. Nicht wegen der Obdachlosigkeit oder des Verlustes meines fast neuen Fahrrades. Die englischen Flieger, diese Mistkerle, hatten auch meinen lieben schwarzweißen Kater Peter umgebracht.
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Die Erwachsenen merkten, jetzt ging es ans Bezahlen
"Wir" mussten einen hohen Preis zahlen, weil die deutsche Regierung, eine Clique von Verbrechern, einen Krieg ausgelöst hatte.
Vierhundert Lancaster-Bomber der Royal Airforce warfen über tausend Tonnen Brand-, Sprengbomben und Luftminen auf Leipzigs Stadtkern. Getötet wurden eintausendachthundert Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder. Beiden toten Männern handelte es sich meist um Greise. Alles, was jünger war, hatte Wehrdienst.
Außer den Menschen wurden Leipzigs Kulturbauten vernichtet. Es verbrannten die Matthäikirche, die Johanniskirche mit dem Grab Johann Sebastian Bachs, das alte Theater und das Opernhaus am Schwanenteich, die barocke Börse, das Museum der Bildenden Künste, das Gewandhaus und nahezu alle Messehäuser des inneren Stadtkerns.
Unbeschädigt blieben die in den Vorstädten arbeitenden Erla-Werke, die Jagdflugzeuge produzierten. Auch die Rüstungsbetriebe Hasag, Büssing und ATG blieben unbeschädigt. Stattdessen töteten die britischen Flugzeuge bei diesem Angriff die wehrlosen Frauen und Kinder der Frontsoldaten und verstörten die wichtigsten Leipziger Kultur-, Bildungs- und Handelshäuser.
Offensichtlich als Rache für den von den Deutschen entfesselten Zweiten Weltkrieg. In den Schulbüchern werden die deutschen Luftangriffe auf Rotterdam, Coventry, London und Warschau als Kriegsverbrechen bezeichnet. Die Bombardements von Hamburg, Köln, Dresden und Leipzig sollen berechtigte Abwehrhandlungen gegen die Nazis gewesen sein. Wenn man das liest, muss man annehmen, dass die jüngere deutsche Zeitgeschichte immer noch von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs geschrieben wird.
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Wir waren ausgebombt und waren jetzt Asylanten
Im ersten Morgenlicht wanderte Trudehen mit ihren Kindern, die vielen brennenden Straßen vermeidend, Kilometer um Kilometer in Richtung des Eilenburger Bahnhofs. Der Stadtteil Reudnitz war hoffnungsvoll dunkel und dort in der Oberen Münsterstraße wohnte Tante Reuter mit ihrer Freundin Lieschen.
Völlig erledigt schliefen wir auf der Couch und den beiden Polstersesseln ein. Tante weckte uns mit Kartoffelsuppe und roter Grütze. Zwei Tage schliefen wir zu viert in zwei Betten. Niemand wusste Rat.
Über hunderttausend Leipziger wurden über Nacht obdachlos. Wohin mit ihnen? Rettung erhoffte Trudehen sich von unserem traditionellen Sommerfrischedorf Tautenburg im Thüringer Land. Als Ausgebombte durften wir eine Eisenbahnfahrkarte lösen. So landeten wir im alten Ferienort. Der Bürgermeister war entsetzt. „Wir sind schon voller Bombenflüchtlinge."
Doch er vermittelte eine Unterkunft im nahen Dorndorf an der Saale. Arbeiter eines Sägewerkes hatten für uns ihren Umkleideraum abgeben müssen. Es war nur ein Winzling von Weihnachtsbaum, aber mit echten Wachskerzen, die am Heiligen Abend unser Notquartier aufhellten.
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Alles unwichtig.
Vater hatte wenige Tage sogenannten Bombenurlaub genehmigt bekommen. In der Zimmerecke lehnte am Tornister sein Gewehr und im Wehrmachtskochgeschirr wurde über einer Spiritusflamme Tee gekocht.
Wir Kinder, sonst überreichlich beschenkt, erhielten nur eine Handvoll Kekse. Kein Wunder, dass der Fronturlauber uns überhaupt finden konnte. Bruder Wolfgang hatte mit weißer Ölfarbe an die Hausruine geschrieben: .Familie Romboy. Alle leben! Wir sind in Tautenburg!'
Die uns zugedachten Weihnachtsüberraschungen waren zwar verbrannt, doch sie konnten beschrieben werden. Mich hätte ein Baukasten erwartet, zusammengesteckt wäre eine Schwarzwälder Kuckucksuhr entstanden. Auch ein Schuco-Auto mit Fernsteuerung und ein Segelflugzeug hätten unter dem drei Meter hohen Tannenbaum gelegen, im Schein von über sechzig Kerzen. Nie wieder in meinem Leben habe ich so herrliche Weihnachtsgaben gesehen, obwohl deren Abbild nur Kopfkino war.
Es ist jetzt 8 Jahrzehte her - dieses Weihnachten 1943
Noch heute im Jahr 2022, nach fast acht Jahrzehnten, sehe ich die ganze Pracht vor mir. Am zweiten Weihnachtsfeiertag eine große Überraschung: In der örtlichen Turnhalle wurde der Film „Quax, der Bruchpilot" mit Heinz Rühmann vorgeführt. Es stand nur ein Kinoprojektor zur Verfügung. Alle zwanzig Minuten wurde die Leinwand dunkel, ein neuer Film musste eingefädelt werden. Die einzelnen Filmakte waren maximal sechshundert Meter lang. In der Erinnerung mein erster Kontakt zu der Zauberwelt des Films.
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In der ersten Januarhälfte erschien Polizei mit dem Befehl, dass wir uns unverzüglich in Leipzig zu melden hätten. Die NS-Behörden duldeten keine vagabundierenden Ausgebombten.
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Flüchtlinge unerwünscht
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Im 9. Februar 1944 ging es nach Arnsgrün im Vogtland
Laut Abreisebescheinigung wurden wir am 9. Februar 1944 zwangsweise durch die Leipziger Behörden in das uns unbekannte Arnsgrün im Vogtland eingewiesen. Anschrift: Gasthaus Zum Weissen Röß'l.
In den Nachtstunden auf dem Bahnhof Bad Elster angekommen, wurden wir nach langem Warten und zahllosen Telefonaten des Bahnhofsvorstehers durch einen Krankenwagen abgeholt und nach Arnsgrün gefahren. Nach Meinung der Rössl-Wirtin, Frau Hartenstein, sollten wir für die nächste Zeit Quartier im ungeheizten Tanzsaal nehmen. Und das in der Februarkälte 1944.
Arnsgrüns Bürgermeister Wölfl konnte gegen die rabiate Wirtin nichts ausrichten. Er war gezwungen, die NSV-Behörde in Adorf zu mobilisieren. Die verfügte, dass die Bombenflüchtlinge unverzüglich die drei leeren Fremdenzimmer im ersten Stock des Hauses beziehen dürfen.
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Arnsgrün im Vogtland ein Kulturschock
Für uns, die Großstädter, war Arnsgrün ein Kulturschock. Ein Ort mit knapp zweihundert Einwohnern, ohne fließendes Wasser und ohne Geschäfte. Alle Einkäufe - Brot, Milch, Kartoffeln - mussten, natürlich zu Fuß, im zwei Kilometer entfernten Adorf erledigt werden.
Später, im Frühjahr 1945, auch unter Artilleriebeschuss. Wir waren die einzigen Ausgebombten, die dauerhaft in Arnsgrün verblieben.
Bürgermeister Wölfl, der in Personalunion außer Landwirt noch Gastwirt und Briefträger war, brachte uns auch die Lebensmittelkarten. Die anderen Dorfbewohner galten als Selbst- oder Teilselbstversorger. Der Flüchtlinge ansichtig, sagten sie meist: „Mir han vei selber nix". Wir hielten das für den im Vogtland üblichen Gruß und erwiderten freundlich: „Mir han vei selber nix". Die Bedeutung wurde uns erst später erklärt.
Ein Feldpostbrief - Vater kommt nach Esslingen am Neckar
Ein Feldpostbrief brachte Erfreuliches. Da die Rote Armee nach ihrer Sommeroffensive der Weichsel immer näherkam, wurde Vaters Einheit im Juli 1944 nach Esslingen am Neckar verlegt. Mutter und ich durften ihn besuchen. Die Fahrt wurde zum Kriegsabenteuer.
Obwohl über dem Fahrkartenschalter die Zurückweisung stand - „Erst siegen, dann reisen" - erhielten wir als sich ausweisende Bombenflüchtlinge Fahrkarten. Die große weiße Beschriftung der Dampflokomotive tadelte unser Vorhaben - ,Räder müssen rollen für den Sieg' - war zu lesen. Dreihundertfünfzig Eisenbahnkilometer lagen vor uns. Unzählige Male hieß es: Umsteigen wegen Fliegeralarms. Unsere Lok flüchtete in den nächsten Tunnel. Im Bahnhofsbunker warteten die Passagiere auf ihre Rückkehr. Schnell waren ein, zwei Stunden vergangen.
Vor Stuttgart stoppte der Zug auf freier Strecke. „Tiefflieger" schrie der Schaffner. Die Abteiltüren öffneten sich und alles, was Beine hatte, versuchte hinter Büschen oder Bäumen Deckung zu finden. Sekunden später beschossen zwei einmotorige Jäger aus höchstens fünfzig Meter Höhe unseren Zug mit ihren Maschinengewehren. Schnell, wie sie gekommen waren, entschwanden die Amis wieder in der Himmelsferne. Die Lokomotivpfeife kommandierte .Einsteigen, Einsteigen!'
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Ich durfte in Vaters Stube im Kasernenbau schlafen
Im Waggon böses Gedränge und Geschiebe. Im völlig überfüllten Wagen kämpfte jeder mit jedem um sein bisschen Steh- oder gar Sitzplatz. Ein kriegsverletzter Luftwaffenoffizier überließ uns seinen Platz auf der Holzbank. Noch viele Jahre habe ich seine Visitenkarte aufgehoben. Oberleutnant von Brachvogel, Flugzeugführer.
Nach zwölf Stunden erreichten wir unser Ziel und gingen, am Ende unserer Kräfte, zur Funkerkaserne. Im Gegensatz zum benachbarten Stuttgart, das bereits in Trümmern lag, war Esslingen eine Oase des Friedens. Das alte Rathaus strahlte mit seiner bunten Fassade.
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Und hier gab es bunte reife Äpfel
An den Hängen der Burg riefen bunte reife Äpfel aus ihren Bäumen: ,Nimm mich mit!' Da uns Taschen fehlten, musste Mutter ihre Bluse ausziehen. Obst für die nächsten Tage war gesichert. Trudehen hatte ein Privatquartier. Manfred durfte in diesen wenigen Tagen in Vaters Stube im Kasernenbau schlafen. Noch heute glaube ich die ohrenbetäubende Trillerpfeife des Unteroffiziers vom Dienst zu hören und sein Weckkommando: „Kaffeeholer, raustreten!"
Vaters Lackierwerkstätten befanden sich in ehemaligen Fahrzeughallen der Funkerkaserne. Dort lernte ich auch Vaters Kriegsgefangene kennen. Nette Männer, die sich freuten, ein Kind zu sehen und mit ihm zu sprechen. Der Obergefreite Romboy stellte sie mir durch Nennung ihres Rufnamens vor. Übermütig rannte ich über den leeren Kasernenhof und landete prompt bäuchlings im sonnengelösten Asphalt. Die Russen konnten mir helfen. Mit Stoffresten und Benzin reinigten sie Hände, Knie und Kleidung so gut es ging. Ich revanchierte mich mit geklauten Äpfeln und Tomaten. Einmal musste sogar eine Schachtel aus Vaters Zigarettenvorrat daran glauben. Die wenigen Esslinger Tage waren schnell Vergangenheit.
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Dresden brennt
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Und wir hatten keine Winterbekleidung
Im harten Winter (1944) des Vogtlandes konnten wir selten das Haus verlassen. Es fehlte an Bekleidung. Statt über Unterwäsche oder Pullover verfügte Mutter über ein Bündel Bezugsscheine für „Fliegergeschädigte". Die berechtigten sie, das dringend Notwendige zu kaufen. Aber wo? Adorfs wenige Geschäfte waren längst leergekauft.
Im unzerstörten Dresden gebe es noch alles, wurde erzählt. Also nichts wie hin. Statt wie im Bahnhof zu lesen - „Erst siegen, dann reisen" - wurde Mutters Motto „Erst kaufen, dann siegen"!
Bei Ella Klein und ihren Kindern Karin und Uta konnten wir in Naundorf wohnen. Leipziger, die es nach dem 4. Dezember hierher verschlagen hatte. In den ersten Februartagen 1945 fuhren wir mehrmals mit der Vorortbahn oder dem Postbus nach Dresden.
In der Tat, das friedliche Dresden war besser versorgt als das Vogtland. Viele Bezugsscheine konnten eingelöst werden. Bei winterlichem Sonnenschein zeigte Mutter mir die Frauen- und die Hofkirche. Am Elbufer schlenderten wir über die Brühschen Terrassen.
Vor Fliegerangriffen hatten die Dresdner keine Angst. Hinter vorgehaltener Hand wurde geflüstert: Wegen seiner unersetzlichen Kulturschätze gebe es ein geheimes Abkommen - Dresden sei zur offenen Stadt erklärt worden und damit geschützt. Ein verhängnisvoller Irrtum der Dresdener.
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In den frühen Morgenstunden des 13. Februar 1945
In den frühen Morgenstunden des 13. Februar weckte uns das ständige Klirren der Schlafzimmerfenster. Vom Nachthimmel dröhnte das Geräusch vieler dutzender Flugzeugmotoren im Anflug auf die vierzig Kilometer entfernte sächsische Hauptstadt.
An Schlaf war nicht mehr zu denken. Wir Bombenkinder zitterten. Wir hatten in Leipzig erlebt, was Dresden erwartete. Stunde um Stunde hörten wir weiter Flugzeuge. Dann weit entfernt leise Detonationen.
Langsam rötete sich der Himmel immer stärker. Das brennende Dresden beleuchtete Naundorf. Welche Tragödie! Als der Morgen dämmerte, schneite es schwarze Flocken, verbranntes Papier; Zeichen einer sterbenden Stadt.
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Am 13. Und 14. Februar 1945 zerstörten die Brand- und Sprengbomben hunderter britischer und amerikanischer Flugzeuge die Altstadt Dresdens. 25.000 Menschen verloren ihr Leben. Ab 1939 überfiel die Wehrmacht des Hitler-Regimes seine Nachbarn. Die mussten sich mit allen Mitteln wehren. Doch sie schafften es nicht, dabei den menschlichen Anstand zu wahren.
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Ein Flugzeug fällt vom Himmel
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Notgelandet und doch nicht überlebt
Zurück nach Arnsgrün. Während meine fünfzehnjährige Schwester bei Wind und Wetter in den frühesten Morgenstunden zum Bahnhof Bad Elster laufen musste, um über ölsnitz nach Plauen in die Oberschule gehen zu können, hatte ich es leichter. In Arnsgrün gab es ein altes Schulhaus mit einem Glockentürmchen. Dorfschullehrer Breuer unterrichtete alle Jahrgänge in einem Klassenraum. Mir ist von seinem Bemühen um meine Bildung nur geblieben, dass ich weiß, dass der Heimatdichter Anton Günther in Gottesgab geboren ist.
Während wir im Sommer 1944 das Lied vom „schönen Vogelbeerbaum" übten, flogen in großer Höhe amerikanische und englische Bomberverbände über das Schulhaus im Anflug auf die letzten noch unzerstörten Städte. Dann flatterten hunderte schwarze und silbrige Stanniolstreifen vom Himmel, die wir einsammelten.
Sie waren dafür bestimmt, die deutschen Radarstationen zu stören. Einmal wurde in den frühen Morgenstunden nach Luftkämpfen eine solche fliegende Festung abgeschossen. Nach einem langen Fußmarsch fanden wir, eine Gruppe von Jugendlichen und Dorfkindern, die Maschine notgelandet in einem Waldstück. Die Besatzung saß tot im Cockpit. Nach kurzer Zeit vertrieben die Dorfgendarmen uns und andere Trophäenjäger.
In 2016 suchte ich nochmal den Absturzort auf
Jahrzehnte später suchte ich vergeblich in verschiedenen Waldstücken im Nachbarort Gettengrün nach der Absturzstelle. Endlich beschrieb mir ein Bauer den ungefähren Weg.
Fünfzig Meter hinter der Grenze zu Tschechien, fern jeden Weges, fand ich einen großen beschädigten und verschmutzten Gedenkstein. An einem verrosteten Fahnenmast hingen Fragmente des Union Jack. In englischer Sprache stand geschrieben:, In Gedenken an die Besatzung einer Lancaster der Royal Air Force, die am 5.März 1945 an diesem Platz starb.'
Links am Stein die Namen der sieben Flieger. Ihr Durchschnittsalter einundzwanzig Jahre. Mein Kopf hatte für mich ihre Bilder erhalten. Junge Männer in braunen Lederjacken mit Pelzkragen, auf dem Kopf Kappen mit Kopfhörern. Die beiden Piloten lehnten wie schlafend über den Steuerhebeln. Getötet durch Genickbruch bei der Notlandung. Ihre erste Ruhestätte wurde der Dorffriedhof. 1948 wurden sie auf den Royal Air Force-Friedhof bei Prag überführt.
Zu Lebzeiten waren sie im Verbund mit sechshundertdreiundachtzig anderen Maschinen nach Chemnitz geflogen, der Strumpffabrikenstadt. Ihre Bomben und Phosphorkanister entfachten einen Feuersturm, der das Stadtzentrum vernichtete.
Zweitausendeinhundert Tote waren zu beklagen. Auf dem Rückweg nach England hatte ein deutscher Nachtjäger sie vom Himmel geholt. Nach dieser Information verminderte sich mein Mitleid über das tragische Ende der jungen Engländer.
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1945 erreichte der Krieg das verschlafene Arnsgrün.
Mein sechzehnjähriger Bruder Wolfgang wurde zur Wehrmacht einberufen. In den letzten Märztagen hasteten zahlreiche deutsche Soldaten aller Waffengattungen auf der Flucht aus dem Sudetenland ins Reich durch den Ort.
In der Tschechei kämpften sowohl Russen als auch Amerikaner gegen die Reste der einst so siegreichen deutschen Wehrmacht. Wer wird zuerst unser Dorf erobern? Als versprengter Soldat kam für einige Stunden noch einmal Vater vorbei.
Seine Empfehlung an Trudchen: „Den Amerikanern könnt ihr euch ruhig ergeben. Falls die Russen schneller sind, ist es besser, ihr bringt euch um." ,,Womit?", fragte Mutter. Er blieb die Antwort schuldig.
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Die Amis kommen
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Heute kommen aber viele Soldaten!
In den ersten Apriltagen rief meine Mutter mich ans Küchenfenster der Rückseite des Weissen Rössls. Dort rollten drei oder vier amerikanische Panzer, begleitet von Infanteristen, ganz langsam über die Viehweiden auf unser Haus zu. Das kurzsichtige Trudehen sagte „Heute kommen aber viele Soldaten!"
Ich rief: „ Die Amerikaner kommen!" Vor ihnen flüchteten ohne Waffen mit erhobenen Händen einige deutsche Soldaten, die in einer Scheune übernachtet hatten. Sie wurden von den Amerikanern ignoriert. Später wurden sie als Kriegsgefangene vorläufig ins unterhalb des Bauersberges gelegene Spritzenhaus gesperrt.
Nun standen im und unterhalb des Dorfes zahlreiche Panzer mit dem weißen Stern am Turm. Jeeps und LKW mit dergleichen Kennzeichnung fuhren hin und her. Meine sechzehnjährige Schwester, als einzig englischsprechende Person im Dorf, musste den Aufruf übersetzen, dass Radioapparate, Fotokameras, Ferngläser und Waffen unter Androhung der Todesstrafe umgehend im Bürgermeisteramt abzuliefern seien. Bürgermeister Wölfl und Ortsbauernfüh-rer Adler waren erstmals ohne Parteiabzeichen zu sehen. Unter den Kastanienbäumen auf dem Kiesboden des Rössl-Biergartens bauten die Amis ein Küchenzelt mit Benzinherden auf.
Schon am ersten Abend servierte man den Soldaten ein Dreigänge-Menü: Suppe, Hauptgang mit Fleisch und zum Nachtisch Schokoladentorte.
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Armselige Kriegsverlierer mit dem Hunger in den Augen
Ein Soldat sah den Hunger in den Augen und teilte mit mir. Ich kapierte, wie arm unser großmäuliges Großdeutschland in Wirklichkeit war. Bei den durchreisenden deutschen Soldaten gab es Graupensuppe.
Der Umgang mit den Amis war von Anfang an freundlich. Sie scherzten mit Frauen und Mädchen und manch alter Bauerstand am Panzer und machte mit Händen und Füßen Konversation, um auch mal eine Lucky Strike zu rauchen. Wir Kinder schnorrten Bonbons und die uns zuerst unbekannten Kaugummis. Mein kleiner Bruder und ich posierten mit Gls vor Panzern und Jeeps mit dem von den Amis gewünschten Hitler-Gruß als Nazi-Boys für ihre Erinnerungsfotos. Die Belohnung: Cadbury-Schokolade.
In Mutters Küche ließen sich die Soldaten ihre Ausgehhosen bügeln, denn in ihrer dienstfreien Zeit schlenderten sie, stattdes Stahlhelms einen gleich lackierten Papp-Helm auf dem Kopf, durch das Dorf. Einmal gab die deutsche Artillerie einige Schüsse in Richtung Arnsgrün. Soldaten und Zivilisten flüchteten in den Waschküchenkeller des Rössls. Ein US-Soldat ließ Frauen und Kindern den Vortritt. Das bezahlte er mit dem Leben.
An einem Baumwipfel explodierte ein deutsches Geschoss. Der Soldat war sofort tot. Ein Granatsplitter hatte in Kopfhöhe seinen Papp-Helm durchschlagen. Tagelang lag der Tote hinter dem Haus, nur von einer Zeltplane bedeckt. Als er abgeholt wurde, fehlten Ehering und Armbanduhr. Die Amerikaner vernahmen auch Dorfbewohner - ohne Resultat.
Einen Tag und eine Nacht hatten wir Angst vor Repressalien. Zeltplane und Papp-Helm lagen noch wochenlang hinter dem Haus. Die Zeltplane diente dem Kunze-Bauern dann viele Jahre am Heuwagen. Ich hatte sie auf seinen Wunsch nach Kriegsende den Bauersberg hochgeschleift und ihm für zwei Mark verkauft. Den Papp-Helm mit dem Todesloch habe ich Monate hinter einem Busch versteckt und immer wieder mit Schaudern angesehen.
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Arnsgrün war auf einmal Hauptkampflinie
Unser ehemaliges Schlafzimmer im ersten Stock wurde die Feuerleitstelle der Amerikaner. Ein Scherenfernrohr und viele Telefone zeugten davon. Nur wenige Male am Tag wurden Salven, meist aus Granatwerfern, selten von Panzern, in Richtung Adorf abgegeben. Kaum zu glauben, Arnsgrün war Hauptkampflinie.
Zwischen den fremden Soldaten in unserer Wohnung tollten mein Bruder und ich ungehindert umher, während Mutter in der Küche aus angelieferten Kartoffeln und Palm fett für unsere Hausbesetzer die von ihnen so geliebten Pommes Frites zubereitete.
Ein Amerikaner deutete mehrmals auf uns Kinder und sagte: „Stalin-Soldaten". Er wusste, dass später die Russen kommen würden. Wir nicht.
Auf einmal waren die Amis weg
Aber mit Einbruch der Dunkelheit mussten wir - Deutsche durften nicht mit Amerikanern unter einem Dach schlafen - in Begleitung eines Beschützers mit geschultertem Gewehr zur Übernachtung in die Scheune des Bauern Kunze gehen.
Einmal bildete sich in der Nacht infolge leichten Nebels ein Kreis in Regenbogenfarben um den Mond. Abergläubische Dörfler erklärten das zum Himmelszeichen eines doch noch siegreichen Kriegsendes. Am nächsten Morgen schwor unsere Röß'l-Wirtin Frau Hartenstein, dass sich der Regenbogenkreis um Mitternacht in ein Kreuz verwandelt hätte. Eines Morgens, es soll am 6. Mai gewesen sein, waren die Amis weg. Obwohl wir in der Nacht Motorengeräusche gehört hatten, wurden wir vom Abzug überrascht.
Zurück blieben ein Haufen graugrüner Konservenbüchsen mit schwarzer Beschriftung und Kettenspuren der Panzer auf den Dorf wiesen. Die beschlagnahmten Radios standen zum großen Teil zur Rückgabe im Bürgermeisteramt. Ohne dass ein Mensch oder Haus zu Schaden kam, war für die Arnsgrüner der Zweite Weltkrieg zu Ende.
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Arnsgrün und wir wurden Niemandsland
Wir wurden Niemandsland. In den Wäldern nach Bad Elster lagen noch Waffen aller Kaliber und Panzerfäuste, die die flüchtige deutsche Wehrmacht zurückgelassen hatte. Ein Weg unterhalb des Waldbades war vollgestopft mit Wehrmachtsfahrzeugen vom VW-Kübel bis zum Panzerspähwagen. Alle unversehrt, aber mit leerem Tank.
Wieselflink bauten Bauern und Handwerker Motoren und andere Teile aus. Mit meiner Mutter suchte ich zwischen Jugelsburg und Adorf an einzelnen Soldatengräbern und in einem Kriegsgefangenenlager nach meinem sechzehnjährigen Bruder, der als Heimatverteidiger nach Adorf einberufen war. Einmal wurde die Mittagsstille durch ein Flugzeuggeräusch unterbrochen.
Ein Doppeldecker der Amerikaner landete auf einer Wiese hinter dem Gasthof Wolfl. Der Pilot zeigte den Dorfbewohnern eine Landkarte und fragte nach seinem Landeort. Außerdem wollte er wissen, ob hier schon Russen wären. Nach Verteilung von Zigaretten verschwand er wieder in den Wolken.
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Statt Amis die Russen
Ende Juni 1945 wurde erzählt: „Die Russen kommen", verbunden mildern Gerücht „Wer eine rote Fahne raushängt, wird nicht geplündert". Flugs trennten die Adorfer die auf rotes Fahnentuch aufgenähten Hakenkreuzspiegel ab und flaggten rot.
Ich kann mich erinnern, dass viele dieser Flaggen einen deutlich roten Kreis in ihrer Mitte zeigten. Das Fahnentuch unter dem Hakenkreuz war nicht verblichen. In Arnsgrün hatte nur einer rot geflaggt: der Bewohnereines kleinen Hauses am Ende des Bauersberges. Erzeigte eine golden mit Hammer und Sichel bestickte rote Fahne. Ein Altkommunist, der so seine Freude über die Sowjetsoldaten ausdrücken wollte.
Im Sommer fuhren blutjunge Soldaten der Roten Armee mit flachen Panje-Wagen und struppigen kleinen Pferden an unserem Weißen Rössl vorbei, überall um Schnaps und Kartoffeln bettelnd. Vor ihnen mussten Hühner und Kaninchen im Keller versteckt werden. Einige Male erreichten Leiterwagen, darauf Menschen in blauweiß-gestreifter Kleidung, das Dorf. Sie führten kleine Flaggen mit sich, die sie als Franzosen, Holländer oder Luxemburger auswiesen.
Sie zeigten Befehlsschreiben der Besatzungsmächte, die unsere Bauern verpflichteten, Gespanndienste bis zur nächsten Ortschaft zu leisten. Es waren befreite KZ-Häftlinge aus der Tschechoslowakei auf dem Weg in ihre Heimatländer.
Die Russen machten es wie vorher die Deutschen
Im ersten Befehl des russischen Stadtkommandanten von Adorf wurden alle Männerzwischen sechzehn und sechzig aufgefordert, zu Wiederaufbauarbeiten an Straßen und Brücken Vogtlands bei der russischen Kommandantur anzutreten. Die wenigen, die dem Befehl Folge leisteten, wurden als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion verschleppt. Später schrieb ein Arnsgrüner Bekannter meiner Mutter, sein Sohn wäre in einem Leningrader Lager und es würde ihm gut gehen.
Bruder Wolfgang war nur kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dann hatte man ihm die Hosenbeine abgeschnitten und mit einem Schlag auf den Hintern verabschiedet mit den Worten: „Wir machen keinen Krieg mit Kindern!".
Die Lebenserfahrung meiner Mutter hatte verhindert, dass mein Bruder dem Aufruf der Russen gehorchte. Vor Jahren hatte ihr eine sogenannte Ostarbeiterin anvertraut, dass die Deutschen mit einem ähnlichen Aufruf, also die Heimat wieder aufzubauen, sie als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verbannt hatten.
Die russische Besatzungsmacht befahl die Installierung einer neuen Stadtverwaltung ohne Nazis. Bevorzugt wurden ehemals Verfolgte mit diesen Aufgaben betraut. Wichtig für uns: Es gab wieder ein Sozialamt für Flüchtlinge, das Lebensmittelmarken und Kleiderspenden vergab.
Und dann landete ich einen Flop, als Neunjähriger
Neue Gesichter in bekannten Räumen. Bis Kriegsende wurden wir im selben Büro von der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" NSV betreut. Bevor wir deren Zimmer betraten um einen Bezugsschein für einen Kochtopf oder Kinderschuhe zu erbitten, wurde ich damals von Mutter immer angewiesen, keinesfalls den Nazigruß zu vergessen.
Natürlich wusste ich, der Neunjährige, von Kriegs- und Nazi-Ende. Doch gelernt ist gelernt! Beim ersten Besuch im alten Büro, die kommunistische Behörde hieß jetzt „Volkssolidarität", passierte es: Kaum im Zimmer, streckte ich den Arm vor, knallte die Hacken zusammen und mein markantes „Heil Hitler" erfüllte den Raum.
Kaum gebrüllt, wusste ich um meine Fehlleistung und erschrak. Mutter erstarrte wie die biblische Salzsäule. Statt Rausschmiss sagte der Alte, ein ehemaliger KZ-Häftling: „Nicht so schlimm, mein Junge. Das ist mir nach der Befreiung auch einmal passiert. Die neue Zeit müssen wir alle erst noch erlernen."
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Und wieder ein neues Asyl in Mühlhausen bei Bad Elster
Im September mussten wir Flüchtlinge auf Anordnung der Russen wegen der nahen Grenze zur Tschechei Arnsgrün verlassen. In Mühlhausen bei Bad Elster hatte die Besatzungsmacht das Wohnzimmer des Bauern Ballauf beschlagnahmt, um uns einzuquartieren. Es ist nachzuvollziehen, dass wir von den Bauersleuten nicht geliebt wurden.
Weihnachten 1945, wieder ohne Geschenke, und zum ersten Mal kein Baum. Für die Flüchtlinge wurde im Festsaal des Radiumbades Brambach eine Weihnachtsfeier veranstaltet. Von meiner Neulehrerin ausgesucht, weil ich als Einziger Hochdeutsch sprach, stand ich voller Lampenfieber mit hochrotem Kopf auf der Bühne, angestarrt von Hunderten entwurzelter Menschen und rezitierte: „Ein Tünnlein aus dem Walde, und sei es noch so klein, mit seinen grünen Zweigen soll unsre Freude sein. Es stand in Schnee und Eise in klarer Wintersluft, nun bringt's in unsre Stuben, den frischen Waldesduft."
Nach fehlerfreien vier Strophen erntete ich langanhaltenden Beifall. Nie wieder in meinem Leben konnte ich für eine so kleine Leistung so viel großes Lob einheimsen.
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Eine Kernfrage - was wohl aus Vater geworden ist
In Mühlhausen wurde es Frühjahr. Ich hörte, dass die Kinos wieder spielten. Mein Weg durch Wald und Feld nach Bad Elster betrug sicher drei Kilometer. Mein erster Film im Rundbau des Kurkinos war:,Reitet für Deutschland' mit Willy Birgel. Man spielte mangels Kopien weiter die alten Titel. Selbstverständlich ohne die früher obligate Nazi-Wochenschau.
Unser Nachkriegsleben wurde permanent von der Frage überschattet, was wohl aus Vater geworden ist. Ob erden Krieg überlebt hat?
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1946 - Zurück in Leipzig
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Unsere großmütterliche „Hundertmark-Wohnung"
Alle Warnungen in den Wind schlagend, war Mutter mit uns im Frühjahr 1946 zurück nach Leipzig gefahren. Ein mühseliger Weg. Auf ihrem Rückzug hatte die Wehrmacht den Mittelteil der Elstertalbrücke gesprengt. Vor der Brücke hieß es im freien Feld aussteigen, um zu Fuß und ohne richtige Wege das Tal zu überwinden. Dreißig Minuten waren notwendig. Am Brückenende stand der Zug für die Weiterfahrt. Die Dampfpfeife seiner Lokomotive rief: .Beeilt euch, sonst bin ich weg!'
Ohne weiteren Verzug erreichten wir Leipzig. In der kriegszerstörten Stadt hatte sich für die Familien Romboy ein einmaliger Glücksfall ergeben. Die Untermieter der großmütterlichen „Hundertmark-Wohnung" in der Hindenburgstraße, jetzt hieß sie nach Friedrich Ebert, waren in den Westen abgehauen.
Bevor das Wohnungsamt Wind bekam, mussten durch unseren Einzug vollendete Tatsachen geschaffen werden. Über eine von Mutter mit Kindern besetzte Wohnung war es keiner Behörde möglich, neu zu verfügen. Großmutter Doris räumte nach einigen Wochen ihren Platz; sie hatte sich in ein Damenstift in der Kommandant-Prendel-Allee eingekauft.
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Für uns Kinder ein Abenteuerspielplatz
Für Bruder Dieter und mich zeigte sich die Stadt als ein einmaliger Abenteuerspielplatz. Nach der Schule durchstöberten wir die Keller der Brandruinen nach Brauchbarem und benutzten einen günstig liegenden Eisenträger als Wippe. Gegen Nachbarskinder gewannen wir gefährliche Kletterpartien auf hohe Ruinenreste. Das Spiel hieß „Mutprobe". Das hatten wir bei der Hitlerjugend gelernt.
Hungerjahre
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Die neue Dreiklassengesellschaft - nach dem Krieg
Wie schön wäre die neue Friedenszeit gewesen, wäre sie nicht zur Hungerszeit geworden. Nicht immer hatte Mutter eine Scheibe trocken Brot parat, wenn wir uns um halb acht auf den Schulweg machten. Mit knurrendem Magen warteten wir auf die große Pause.
Danach erhielten wir ein großes weißes süßes Brötchen. In späterer Zeit standen wir mittags Schlange vor der Turnhalle zur sogenannten Schulspeisung. Internationale Hilfsorganisationen spendeten eine Kelle Suppe für die Ausgehungerten.
In der Nachkriegszeit zeigte sich eine Dreiklassengesellschaft.
- Oberschicht waren die Bauern - ohne Hunger konnten sie gegen ein Säckchen Kartoffeln, eine Tüte Weizen oder fünf Eier alle Schätze der Nachkriegswelt eintauschen.
- Zur Mittelschicht gehörten die, deren Eigentum nicht durch Bomben vernichtet worden war. Sie konnten mit Tauschware auf die Dörfer fahren.
- Zur Unterschicht wurden die Frauen und Kinder der Ausgebombten und Flüchtlinge. Ohne Tauschware und ohne Ernährer - die waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft - mussten sie sich mit den Hungerrationen der Lebensmittelkarten begnügen.
Eine Schule in der Lessingstraße war Russenkaserne. Montags wurde Brot angeliefert und Laib für Laib über eine Soldatenkette vom LKW ins Haus verfrachtet. Mitunter ließ eine Rotarmistin ,aus Versehen' ein Brot fallen, zertrat es und stieß die Brocken in Richtung der wartenden Kinder. Ihr war verboten, „kleinen Faschisten" Lebensmittel zu geben.
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Der Winter 1946/47 - einer der kältesten und längsten
In den unzerstörten Gründerzeithäusern der Waldstraße wohnten die Familien der Besatzungsoffiziere. Mein kleiner Bruder Dieter und ich haben manchmal an ihren Wohnungstüren geklingelt. Fußtritte für die Hitlerbastarde nahmen wir in Kauf.
Doch öfters haben mitleidige Russinnen belegte Brote oder gar Kuchenstücke gegeben. Nie haben wir Mutter oder Vater von den Bettelgängen erzählt. Es hätte ihr Ehrgefühl verletzt.
Hochgewachsen, wirkte ich besonders abgemagert. Während des Besuchs einer Hilfsorganisation für Kinder wurde ich, nur mit der Unterhose bekleidet, im Arztraum der Schule von allen Seiten fotografiert. Danach erhielt Mutter für mein Überleben zusätzliche Lebensmittelmarken. Zu Winteranfang wurde ich zum Auffüttern für vier Wochen in ein Kinderheim nach Heringsdorf verschickt.
Der Winter 1946/47 war einer der kältesten und längsten seit Jahrzehnten. Weil ohne Heizmaterial, wurden Leipzigs Schulen geschlossen. In der eiskalten Wohnung schlüpften wir mit Mutter den ganzen Tag unter ein Federbett, um uns gegenseitig zu wärmen. Wieso viele Ausgehungerte, wären auch wir beinahe erfroren. Als unser Retter erwies sich der inzwischen achtzehnjährige Bruder Siegfried, Tierpfleger im zoologischen Garten.
