Ein Bildband mit einer fast lückenlosen Biografie von 12 Jahren
Die 12 Jahre der Nationalsozialisten haben die ganze Welt "verdreht". So viele Tote hatte noch nie ein diktatorisches Regime zu verantworten. Hier wird in den Jahren um 1980 biografisch aufgearbeitet, wie es die "Deutschen Normalbürger" erlebt oder auch nicht erlebt hatten und vor allem, wie es dazu gekommen war. Hintergrund in 2026 ist die aktuelle Entwicklung 80 Jahre danach - nicht nur wieder in Deutschland - sondern auch in den USA und in Russland und in weiteren Ländern dieser Welt. Hier wird nichts verklärt oder beschönigt oder verniedlicht. Die Wahrheit ist daher nicht immer angenehm oder gefällig. Die einführende Seite beginnt hier.
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Freie Bahn dem Tüchtigen
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Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO)
»Wir wollen die Seele des Arbeiters erobern und ihn einbauen in den neuen Staat« - so der erklärte Wunsch eines führenden Funktionärs der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) im April 1933, also noch vor der Entmachtung der freien Gewerkschaftsverbände.
Acht Wochen zuvor, am 31. Januar 1933, einen Tag nach der Machtübertragung an Hitler, betrug die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland 6.01. 612 und lag damit nur geringfügig unter dem absoluten Höchststand von 6,2 Millionen im Februar 1932.
Der Weg zur Einbindung der großen Masse der Arbeiter in den neuen Staat, in die »Bewegung«, konnte unter diesen Voraussetzungen aber nur Erfolg verheißen, wenn es den Nationalsozialisten gelang, die Arbeitslosigkeit massiv zu senken und gleichzeitig die soziale Lage der noch immer in stark sozialistischen Traditionen verhafteten Arbeiterschaft grundlegend zu verbessern.
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Es fehlten für die Probleme die realen Lösungsvorschläge
Hierzu fehlten Hitler und seiner Partei in erster Linie die programmatischen Voraussetzungen. Zwar berührten zehn der 25 Punkte des Parteiprogramms wirtschaftliche oder soziale Fragen, doch waren die Lösungsvorschläge für die Probleme von Wirtschaft und Gesellschaft eher vage und ausweichend. Da das Parteiprogramm aus dem Jahre 1920 stammte und der spezifischen Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit angepaßt war, konnte es jenen Schwierigkeiten, die sich erst seit 1929 in Folge der Weltwirtschaftskrise aufgetan hatten, nicht adäquat begegnen.
Die Forderung nach »Einziehung aller Kriegsgewinne« (Punkt 12) oder die Kampfansage an alle »Wucherer und Schieber« (Punkt 18) waren 1933 ebenso lebensfern, wie die ständigen Appelle, im »Interesse der Allgemeinheit« und »zum Nutzen aller« zu handeln, zeitlos hohl klangen.
Für die später konkret durchgeführte Wirtschaftspolitik sollten nur die folgenden Parolen Bestand haben:
- »Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe«;
- Gewinnbeteiligung an Großbetrieben,
- Kommunalisierung der Großwarenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende;
- eine »unseren nationalen Bedürfnissen angepaßte Bodenreform«,
- die eine kompensationslose Enteignung des Bodens für gemeinnützige Zwecke vorsah; und schließlich
- die für die spätere Außenpolitik so entscheidende Forderung nach mehr Lebensraum: »Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses« .
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Und einiges wurde fallengelassen
Der letzte Punkt des Programms, die »Bildung von Stände- und Berufskammern«, wurde nach 1933 fallengelassen, denn der Ständestaat hätte sich nicht mit dem autoritären, später totalitären Führerstaat vertragen.
Daß die Wirtschaft letztlich aber nur Mittel zum Zweck sein sollte, daß sie als Erfüllungsgehilfe für Hitlers politische Ziele diente, wird klar, wenn man die wenigen Aussagen zu diesem Thema in »Mein Kampf« betrachtet.
In der Hierarchie der Werte nimmt die Wirtschaft hinter den Mythen Volk und Rasse, neben Partei und Staat eine untergeordnete Rolle ein:
- »Erst dann, wenn man begreift, daß ..... der Wirtschaft nur die zweite oder dritte Rolle zufällt und politischen, sittlich-moralischen sowie blutsmäßigen Faktoren die erste, wird man zu einem Verstehen der Ursachen des heutigen Unglücks kommen und damit auch die Mittel und Wege zu einer Heilung zu finden vermögen.«
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Januar 1932 - Hitlers berühmte Düsseldorfer Rede
Und ein Jahr vor seinem Machtantritt, im Januar 1932, sprach Hitler in seiner berühmten Rede vor dem Düsseldorfer Industrieklub offen aus, worin er die eigentliche Ursache der »sogenannten Weltkrise« sah:
Nicht in den Fehlern der Wirtschaftspolitik, sondern in den Mängeln der deutschen Politik, die jedoch »nichts anderes sein [kann] als die Wahrung des Lebensinteresses eines Volkes und die praktische Durchführung seines Lebenskampfes mit allen Mitteln«.
Dieser Lebenskampf konnte gemäß der Hitlerschen Doktrin aber nur dann erfolgreich bestanden werden, wenn es für das eigene Volk auch genügend »Lebensraum« gab, um die »Ernährung«, vereinfachend verstanden als die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln, sicherzustellen.
Damit war zwar der Weg zu den späteren Eroberungsfeldzügen aufgezeigt, die drängenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme zur Zeit der Machtergreifung ließen sich mit solchen programmatischen Äußerungen jedoch keineswegs bewältigen.
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Wie die NSDAP zur Massenpartei wurde
Die NSDAP war in der Weltwirtschaftskrise zur Massenpartei geworden, die Zahl ihrer Mitglieder wuchs zwischen 1930 und 1933 auf 850.000
an; doch waren Arbeiter auffallend unterrepräsentiert, während der Anteil der Angestellten und der Selbständigen unter den Mitgliedern bis zu 100 Prozent höher lag als ihr jeweiliger Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Große Teile der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten waren der NSDAP aus Angst vor wirtschaftlicher Not und drohender Proletarisierung zugelaufen, so stieg beispielsweise zwischen 1928 und 1931 mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit eindeutig der Anteil von Mitgliedern aus der Arbeiterschaft.
- Anmerkung : Weitaus genauere statistische Zahlen lesen Sie bei Knickerbocker in seine Recherchen und Statistiken von 1932.
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Die NSDAP - wenig Erfolg in der organisierten Arbeiterschaft
Dennoch konnte die Partei in der organisierten Arbeiterschaft und in den Betrieben kaum Fuß fassen, und auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise zählte die NSBO nur rund 170.000 Mitglieder, während in den demokratischen Gewerkschaften mehr als 3,5 Millionen Arbeitnehmer organisiert waren.
Die »völlige Neuordnung deutschen Lebens«, wie Hitler sie nach der Machtergreifung forderte, bedeutete neben der Eroberung des Staats- und Verwaltungsapparates vor allem die Lösung eines Problems:
"Beseitigung der Arbeitslosigkeit und Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der breiten Masse des Volkes."
Die Zahlen waren in der Tat alarmierend: Das System der staatlichen Arbeitslosenversicherung war längst zusammengebrochen, und die Industriearbeiter als »Bodensatz« der Wirtschaftskrise hatten unter den Folgen am stärksten zu leiden.
Seit 1929 war das deutsche Nationaleinkommen um 40 Prozent gesunken; fast ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung war erwerbslos, die öffentlichen Finanzen völlig zerrüttet. Im Durchschnitt des Jahres 1933 meldeten die Arbeitsämter 40 Prozent der Industriearbeiter als arbeitslos, hingegen nur 22 Prozent der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst und 13 Prozent der Angestellten.
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1,3 Millionen Arbeitslose bekamen keine Zuwendungen
Trotz ständig erhöhter Sozialbeiträge sanken die Unterstützungsleistungen für Arbeitslose unaufhörlich. Von den im Dezember 1932 registrierten 5,8 Millionen Arbeitslosen erhielten 1,3 Millionen überhaupt keine Zuwendungen, nur knapp ein Fünftel der restlichen Arbeitslosen kam in den Genuß voller Versicherungsleistungen, 30 Prozent waren von der staatlichen Fürsorge abhängig.
Zur selben Zeit waren nur noch 12,5 Millionen Arbeitnehmer erwerbstätig, von denen wiederum die meisten nicht einmal den vollen Acht-Stunden-Tag arbeiten konnten, denn in vielen Industriezweigen war die durchschnittliche Arbeitszeit auf weniger als sieben Stunden gekürzt worden. Die Folge war eine Verringerung des Realeinkommens pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung von zehn Prozent zwischen 1930 und 1933, bei den Industriearbeitern wird diese Quote auf mindestens 15 Prozent geschätzt.
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Massenarbeitslosigkeit und die fortschreitende Verelendung
Die fortschreitende Verelendung läßt sich aus den Konsumstatistiken jener Jahre ablesen: Während die Lebenshaltungskosten zwischen 1929 und 1933 um ein Viertel fielen, gingen die Einzelhandelsumsätze bei Lebensmitteln um etwa 30 Prozent und bei Wohnbedarf um etwa 40 Prozent zurück. Tabakverbrauch und Bierkonsum sanken im selben Zeitraum um 15 bzw. 45 Prozent.
Die Massenarbeitslosigkeit und die zunehmende materielle Not zehrten allmählich an der Grundsubstanz der Arbeiterbewegung: Die Gewerkschaften sahen sich nicht mehr in der Lage, die Interessen ihrer Mitglieder wirksam zu vertreten; Entlassungen, Lohnkürzungen, Kurzarbeit wurden fast apathisch akzeptiert, obwohl fast zwei Drittel aller Gewerkschafter arbeitslos waren oder kurzarbeiten mußten.
Streikbrecher finden sich in einer solchen Situation allemal; Elend und Unsicherheit des einzelnen, aber auch die Tolerierungspolitik der Gewerkschaftsführung höhlten die Solidarität vollends aus. Als die weltweite Krise etwa im Sommer 1932 ihren Höhepunkt überschritten hatte und am Jahresbeginn 1933 erste Anzeichen einer Besserung sichtbar wurden - ohne daß diese sich jedoch schon konkret auf die Lebensumstände der Masse des deutschen Volkes auswirken konnten -, übernahmen die Nationalsozialisten die Macht.
Das Regime gab sich nach außen revolutionär, sozialistisch und egalitär. In der Debatte um das Ermächtigungsgesetz erklärte Hitler gegenüber dem Parteivorsitzenden der SPD, Otto Wels, daß seine nationalsozialistische Bewegung der »wahre« Fürsprecher des deutschen Arbeiters sei - der Arbeiter sollte schlechthin Pfeiler der Gemeinschaft sein.
Im Mai 1933 verkündete Hitler während eines »Kongresses des deutschen Arbeitertums«: »Ich werde keinen größeren Stolz in meinem Leben besitzen als den, einst am Ende meiner Tage sagen zu können: Ich habe dem deutschen Reich den deutschen Arbeiter erkämpft.«
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- Anmerkung : Nicht nur das hatte er nicht erreicht, sein größerer und wichtigerer Auspruch lautete : Gebt mir 10 Jahre Zeit und ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen. - Das hatte ja total geklappt.
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Die »großen« Vierjahrespläne von Februar 1933
Der verbale Radikalismus, mit dem das Regime um die Anerkennung durch die Arbeiterklasse buhlte, wurde von konkreten Maßnahmen begleitet. Das Regierungsprogramm vom 1. Februar 1933 verkündete zwei »große« Vierjahrespläne mit folgenden grundsätzlichen Konzeptionen: »Rettung des deutschen Bauern zur Erhaltung der Ernährungs- und damit der Lebensgrundlage der Nation, Rettung des deutschen Arbeiters durch einen gewaltigen und umfassenden Angriff gegen die Arbeitslosigkeit«.
Wie diese Ziele zu erreichen waren, darüber sagte das Programm nichts, doch waren die Wege zu einer Gesundung der deutschen Wirtschaft schon längst geebnet: Bereits die Regierung Brüning hatte ab 1930 geplant, durch staatliche Arbeitsbeschaffung die wirtschaftliche Durststrecke zu überwinden, und die nachfolgenden Kabinette Papen und Schleicher setzen diese Vorhaben in die Tat um.
Die Regierung Papen stellte 300 Millionen Reichsmark für zusätzliche öffentliche Aufträge zur Verfügung, die Unternehmer erhielten für jeden eingestellten Arbeiter eine Lohnprämie von 400 Reichsmark. Das Kabinett Schleicher hielt am sogenannten »Papen-Plan« fest, schuf ein Reichskommissariat für Arbeitsbeschaffung und wies noch kurz vor seinem Sturz 500 Millionen Reichsmark als Garantie für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an.
Eine Zunahme der Produktion, ein leichter Rückgang der Arbeitslosenzahlen und - verläßlichstes Anzeichen für eine beginnende wirtschaftliche Gesundung - ein Anstieg der Börsenkurse waren die praktischen Auswirkungen dieser Programme.
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Bereits 1932 - sagt einfach nichts Konkretes über die Wirtschaft
Da den Nationalsozialisten ein präzises Konzept zur Sanierung der Wirtschaft fehlte (Hjalmar Schacht hatte Hitler bereits 1932 geraten, kein konkretes Wirtschaftsprogramm vorzulegen, da 14 Millionen Wähler sich darauf nicht einigen könnten), wurden bis zum Sommer 1933 auch keine weitergehenden Maßnahmen ergriffen, während in der Öffentlichkeit mit erheblichem Propagandaaufwand der Beginn großartiger Aufbauaktionen verkündet wurde.
Erst die beiden Gesetze zur Verminderung der Arbeitslosigkeit vom 1. Juni und 21. September 1933 ermächtigten den Reichsfinanzminister, Arbeitsschatzanweisungen bis zu einer Milliarde Reichsmark zur Finanzierung von Arbeitsbeschaffungsprogrammen auszugeben. Diese Darlehen wurden den Ländern und Gemeinden für die Instandsetzung von Gebäuden, den Bau von Kleinsiedlungen, die Anlage von Straßen und Versorgungsbetrieben zur Verfügung gestellt.
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Kredite ja, aber davon keine Maschinen kaufen
An die Kreditvergabe war die Bedingung geknüpft, daß alle geplanten Maßnahmen mit der menschlichen Arbeitskraft auszuführen waren; die Beschaffung von Maschinen, die die menschliche Arbeitskraft hätten ersetzen können, wurde teilweise verboten. 80 Prozent der Neueingestellten mußten unterstützungsberechtigte Arbeitslose sein, und der höhere Beschäftigungsgrad durfte nicht zu längeren Arbeitszeiten führen.
Das Arbeitsbeschaffungsgesetz vom September 1933 sah Zuschüsse in Höhe von 500 Millionen Reichsmark für Instandsetzungsarbeiten vor, die in den Wintermonaten auszuführen waren. Zusammen mit den Maßnahmen von Reichsbahn und Reichspost, die ebenfalls im Sommer 1933 anliefen, summierten sich die als Konjunkturspritze gedachten Staatsausgaben auf etwa 1,5 Milliarden Reichsmark.
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Das wirkte - die Arbeitslosigkeit sank um ein Drittel
Trotz dieser relativ beschränkten Mittel war der Effekt beträchtlich. Das Konjunkturbarometer stieg, und bis zum Ende des Jahres war die Arbeitslosigkeit um ein Drittel gesunken. Statt mehr als sechs Millionen Arbeitslose zählte man nur noch knapp über vier Millionen.
Es war also nicht nur die lautstarke Propaganda um die »Arbeitsschlacht«, die das günstige psychologische Klima schuf und dafür sorgte, daß der wirtschaftliche Optimismus in breiten Kreisen der Bevölkerung wiedererwachte, es gab auch vorweisbare Erfolge.
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Diese Methode zeigte Wirkung - zusammen mit der Propaganda
Das Regime hatte seine ersten legitimatorischen Weihen empfangen, und der pathetisch geführte Kampf mit der Arbeitslosenstatistik, täglich über den Rundfunk und die gleichgeschalteten Zeitungen verbreitet, zeigte erste Wirkungen.
Daß man mit den Siegesparolen von der »Arbeitsfront« lediglich über das nach wie vor tatsächlich bestehende Elend erfolgreich hinwegtäuschte, daß nämlich die ersten Erfolge hauptsächlich auf den Bemühungen vorangegangener Regierungen beruhten, blieb den meisten »Volksgenossen« verborgen.
Um die neue Entwicklung nach außen hin noch positiver präsentieren zu können, manipulierte das Regime die Statistik: Nicht mehr als arbeitslos galten in Zukunft Personen, die unregelmäßig beschäftigt waren und die nur vorübergehend im Rahmen der Notstandsarbeiten von Gemeinden und Arbeitsämtern eine Anstellung fanden.
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Und dann gab es den "freiwilligen" Arbeitsdienst
Den freiwilligen Arbeitsdienst, bereits in der Jugendbewegung der Weimarer Republik entstanden, übernahm nun der Staat. Über 400.000 Jugendliche wurden bis Mitte 1934 gegen ein geringes Taschengeld an die Landwirtschaft vermittelt; Arbeitslose wurden unter Androhung des Entzugs ihrer Unterstützungszahlungen mit schlecht entlohnten Notstandsarbeiten abgefunden.
Über 600.000 von ihnen zog man allein im Frühjahr 1934 zu schwerer körperlicher Arbeit bei Erd- und Forstarbeiten, beim Bau von Straßen und Talsperren, bei der Be- und Entwässerung heran. Insgesamt wurden im Jahre 1934 etwa 1,5 Millionen Menschen zu derartigen Arbeiten verpflichtet, deren volkswirtschaftlicher Nutzen zwar umstritten war, die jedoch ideal in das Propagandakonzept der NSDAP paßten.
»Die Leute müssen weg von der Straße«, lautete die Parole, und so verlor der gefährliche sozialpolitische Zündstoff hoher Arbeitslosenzahlen nach und nach an Brisanz.
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Des Führers Lieblingsthema - die »Reichsautobahnen«
Die am 27. Juni 1933 gegründete Gesellschaft »Reichsautobahnen« setzte dem Propagandawirbel um die »Arbeitsschlacht« die Krone auf.
Der bereits seit 1926 bestehende »Verein zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte - Frankfurt - Basel« (HAFRABA) (Anmerkung : es war das Nord-Süd-Konzept, das später in ein Ost-West-Konzept umdirigiert wurde) trat 1933 an den neuen Reichskanzler heran und unterbreitete ihm die in 60 Bänden detailliert ausgearbeiteten Pläne zum Bau der Reichsautobahnen.
Hitler ließ die Gesellschaft »gleichschalten«, übernahm die Pläne und konnte bereits drei Monate später bei Frankfurt am Main den ersten Spatenstich tun.
Die propagandistische Wirkung war beträchtlich: Da an vielen Baustellen gleichzeitig gearbeitet wurde, entstand nach außen das Bild großer Aktivität - die Baumaßnahmen an den »Straßen des Führers« waren für die Öffentlichkeit Beweis für den Willen des Regimes, die Arbeitslosigkeit ernsthaft zu beheben.
Bis zum 15. Dezember 1938 wurden immerhin die ersten 3.000 Kilometer des auf knapp 7.000 Kilometer konzipierten Straßennetzes fertig, bis 1945 kamen noch rund 800 Kilometer hinzu.
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Hitlers Idee der » Volksmotorisierung« und der »Volkswagensparer«
Der Autobahnbau diente ferner als Vehikel zu einer Motorisierungskampagne, die Hitler unter dem Stichwort der » Volksmotorisierung« initiierte.
Mit Steuererleichterungen für neu angeschaffte Kraftfahrzeuge wurde die Automobilindustrie angekurbelt, und fast 300.000 »Volkswagensparer« fanden sich bereit, für den von Ferdinand Porsche konzipierten Volkswagen knapp 1.000 Reichsmark anzusparen.
Keiner dieser Sparer und idealisten konnte jemals einen Volkswagen in Empfang nehmen. Abgesehen von einigen Prototypen rollten in dem eigens von der DAF (Deutsche Arbeiter-Front) bei Wolfsburg errichteten Werk ausschließlich Militärfahrzeuge vom Band.
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Die Kosten der Reichsautobahnen waren enorm:
Bis 1944 beliefen sie sich auf fast 6,5 Milliarden Reichsmark, die im wesentlichen aus Krediten, einer Erhöhung der Ölsteuer und - zu fast 60 Prozent - aus dem Fonds der »Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung« aufgebracht wurden.
Die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeiterschaft finanzierten also die »Straßen Adolf Hitlers«, die vorerst wegen der geringen Motorisierung völlig überflüssig waren und jetzt bevorzugt in Ost-West-Richtung ausgebaut wurden, um (vermutlich geplante) spätere Truppenbewegungen zu erleichtern. Die verkehrsnotwendige Nord-Süd-Verbindung konnte erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vollendet werden.
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Der Arbeitsdienst - ein »Symbol der Nation«
Zum »Symbol der Nation« entwickelte sich der Arbeitsdienst, der - ursprünglich freiwillig - am 26. Juni 1935 aber obligatorisch (aufgezwungen) wurde:
- »Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volke im Reichsarbeitsdienst zu dienen. [Er] soll die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen.«
Diese Form des typisch »deutschen Sozialismus«, wie ihn die Arbeitsdienstfunktionäre gern der Öffentlichkeit präsentierten, sollte zum wirksamsten Schmelztiegel der bestehenden Klassenunterschiede werden.
Wenn sich die volkswirtschaftliche Zweckmäßigkeit des »Reichsarbeitsdienstes« (RAD) auch bezweifeln ließ, so schuf er doch ein starkes Gemeinschaftsgefühl: Abiturienten, Akademiker, Angestellte, Landarbeiter, Handwerker waren in den Arbeitsdienstlagern der ideologischen Schulung des Regimes ausgesetzt, sie errichteten in gemeinsamer Arbeit Wege und Straßen, deichten Kooge ein, entwässerten Sumpf- und Ödland.
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»Freie Bahn dem Tüchtigen!«
Die propagandistische Wirkung nach außen war gewaltig, die finanzielle Belastung für den Staat gering. Zudem oblag dem RAD vor Einführung einer allgemeinen einjährigen Wehrpflicht am 16. März 1935 die vormilitärische Ausbildung der Jugendlichen.
»Gleichheit« war das Schlüsselwort des RAD, und diese »Arbeiter der Faust«, unter denen die Industriearbeiter nur 15 Prozent ausmachten, versinnbildlichten in der Propaganda des nationalsozialistischen Staates das neue Lebensgefühl, die Kameradschaft einer neuen Generation, die im Gleichschritt und mit starker Hand die großen Aufgaben der Zukunft zu meistern verstand:
»Freie Bahn dem Tüchtigen!«
Die Handwerker stellten in den Anfangsjahren fast die Hälfte aller RAD-Mitglieder. Dieser ungewöhnlich hohe Anteil stand im Zusammenhang mit der Tatsache, daß sich die Ankurbelungsmaßnahmen der Regierung zunächst vornehmlich auf die Großindustrie auswirkten, die kaum Bedarf an Handwerkern hatte.
Auch Studenten und Abiturienten waren überproportional vertreten, denn bereits im Laufe des Jahres 1933 war die Ableistung des »freiwilligen« Arbeitsdienstes zur Voraussetzung für das Universitätsstudium gemacht worden.
Nach sechs Jahren hatte der amtliche Druck die offiziell verkündete »spontane Begeisterung« der Jugendlichen noch nicht herstellen können: 1939 waren erst knapp die Hälfte der »Jungmannen« und nur vier Prozent der »Maiden« im RAD organisiert.
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Und dann wurde getäuscht und getrixt .....
Der Staat vergrößerte künstlich die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen, indem er die Arbeitsämter ermächtigte, die altersmäßige Zusammensetzung der Belegschaft gemeinsam mit der Betriebsführung zu überprüfen. Ledige Arbeiter unter 25 Jahren durften gemäß staatlicher Verfügung gegen erwerbslose Familienväter »ausgetauscht« werden; die »freigesetzten« Jugendlichen wurden an den RAD und die Landwirtschaft vermittelt.
Dem Problem der Doppelverdiener rückte man zunächst mit propagandistischen Mitteln zu Leibe, indem an die »Volksgenossen« appelliert wurde, Solidarität zu üben. Dennoch kam es vereinzelt zu wilden Aktionen unterer Parteidienststellen gegen echte oder vermeintliche Doppelverdiener, obwohl deren Tätigkeitsmerkmale nicht eindeutig definiert waren.
Alle diese sozialpolitischen Maßnahmen staatlicher Behörden dienten dazu, den Eindruck zu vermitteln, der »neue« Staat kümmere sich in erster Linie um die sozial Schwachen und lasse solche Benachteiligungen, wie es sie in der »Systemzeit« der Weimarer Republik gegeben habe, nicht mehr zu.
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Und wieder wurde zuerst die eigene Klientel versorgt
Doch alle Propaganda konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich nach der Machtergreifung zunächst jene »alten Kämpfer« an den Futtertrögen der neuen Gesellschaft drängten, die sich um die »Bewegung« verdient gemacht hatten.
Bis zum Oktober 1933 wurden von den Arbeitsämtern bevorzugt Angehörige von SA, SS und »Stahlhelm« sowie Mitglieder der NSDAP vermittelt; bis zu 70 Prozent dieser erwerbslosen Anhänger Hitlers hatten ein halbes Jahr nach der Machtergreifung wieder Arbeit gefunden, im Mai 1934 waren es in Sachsen sogar gut 95 Prozent.
Der Willkür waren damit Tür und Tor geöffnet: Untergeordnete Dienststellen der Partei erweiterten oftmals nach Gutdünken den Kreis der Begünstigten, obwohl die Parteispitze die Zahl der Berechtigten eingeschränkt hatte. Die Folge war eine erhebliche Unruhe unter der »normalen« Industriearbeiterschaft und den parteilosen Angestellten, die von der Reichsregierung schließlich im August 1934 mit der Verfügung beantwortet wurde, daß nur noch die Arbeitsämter Stellenvermittlungen vornehmen durften. Es muß allerdings davon ausgegangen werden, daß bis zu diesem Verbot die überwiegende Mehrheit der alten Kämpfer bereits einen »angemessenen« Arbeitsplatz ergattert hatte.
Es waren immer noch 2,5 Millionen Menschen beschäftigungslos
Zwar führten die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen allmählich zu einer Senkung der Arbeitslosigkeit, doch waren 18 Monate nach Hitlers Regierungsantritt noch 2,5 Millionen Menschen beschäftigungslos. Die NSDAP griff daraufhin zu weiteren Reglementierungen, um ihr Versprechen einhalten zu können, »Arbeit und Brot für alle« einzulösen.
Die Freizügigkeit, d.h. der Zuzug von Arbeitern beispielsweise nach Hamburg, Berlin und Bremen, wurde eingeschränkt, um in diesen Städten die Arbeitslosigkeit zu begrenzen. 1935 wurden Arbeitsbücher eingeführt, um die vorhandenen Reserven statistisch erfassen und gegebenenfalls in unterbesetzte Industriebereiche, etwa Rüstungsbetriebe, umlenken zu können.
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Gleich am Anfang : 22 Millionen Arbeitsbücher
Mit der ersten Ausgabe von 22 Millionen Arbeitsbüchern wurden praktisch alle Arbeiter und Angestellten erfaßt; 1939 erhielten auch die Selbständigen und ihre Familienangehörigen ein Arbeitsbuch. Die Fortsetzung einer konsequenten Arbeitsbeschaffungspolitik hätte aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem weiteren Anwachsen der Kaufkraft und damit einer Belebung der gesamten Wirtschaft geführt.
Doch waren mittlerweile von politischer Seite andere Prioritäten gesetzt worden: Abgesehen von jenen Bereichen, in denen die Ankurbelungsmaßnahmen überwiegend propagandistischen Zwecken dienten, wie bei den öffentlichen Arbeitsbeschaffungen, wurden ausschließlich im Rüstungssektor qualifizierte Arbeitsplätze neu eingerichtet oder vermehrt.
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Erst 1,3 Milliarden Reichsmark, dann 10,3 Milliarden
Für die Rüstung wurden 1933 1,3 Milliarden Reichsmark bereitgestellt, 1936 waren es bereits 10,3 Milliarden. Die Freigabe dieser Mittel förderte zwar den Investitionsgütersektor, ließ den Konsumgütersektor jedoch stagnieren.
Die Aufblähung der öffentlichen Investitionen zwischen 1933 und 1938 von rund sieben Prozent auf annähernd ein Viertel des gesamten Volkseinkommens und die übermäßige Steigerung der Ausgaben für militärische Zwecke ließen für die Konsumgüterindustrie kaum noch Mittel übrig.
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Priorität hatte nun die wachstumsträchtige Schwerindustrie
Die Gewinne der Unternehmen wurden vornehmlich in der wachstumsträchtigen Schwerindustrie investiert, wohin auch von staatlicher Seite Kapital, Devisen und Rohstoffe gelenkt wurden. Für die Masse der Arbeiter waren die Folgen dieser einseitigen Wirtschaftspolitik ausgesprochen negativ.
Zwischen 1933 und 1935 stiegen die Lebensmittelpreise erheblich, und in der Versorgung mit Molkereiprodukten, Fett und Fleisch zeigten sich beträchtliche Mängel. Bei einer durchschnittlichen Erhöhung der Preise um etwa zehn Prozent ist zu bedenken, daß ein Arbeiterhaushalt rund die Hälfte seines Einkommens für Lebensmittel ausgeben mußte.
Ausgeglichen wurden diese Preissteigerungen zumindest teilweise durch einen realen Zuwachs bei den Löhnen, obwohl diese offiziell seit 1933 »eingefroren« waren. In den für die Rüstung wichtigen Industriezweigen (Eisen und Stahl, Chemie, Bauwesen, Elektro) wurde der Acht-Stunden-Tag wieder zur Regel, teilweise mußten sogar Überstunden geleistet werden.
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Und auf einmal Konkurrenz bei den Facharbeitern
Die Unternehmer taten durch freiwillige Lohnzulagen ein übriges, um die langsam knapper werdenden Facharbeiter für termingebundene Rüstungsaufträge bei der Stange zu halten. Teilweise hatte unter den Unternehmen ein erbitterter Konkurrenzkampf um Facharbeiter begonnen, was diesen einen gewissen Verhandlungsspielraum bei übertariflichen Zulagen einbrachte.
Im Zeichen der Aufrüstung bekam die Arbeiterschaft einen Trumpf in die Hand, den sie geschickt auszuspielen verstand - sie war Mangelware geworden und setzte ihre Forderungen im Rahmen des Möglichen durch:
- »Die Gefolgschaftsmitglieder stellen in zunehmendem Maße und mit wachsender Entschiedenheit übertarifliche Forderungen, von deren Bewilligung sie die Aufnahme der Arbeit abhängig machen ... Der Widerstand der Betriebe erlahmt naturgemäß an den Stellen, an denen bereits Nachbarfirmen zu Locklöhnen übergegangen sind«
- so ein offizieller Bericht über die Tarif Situation Anfang 1938.
Doch trotz dieser Lohnzulagen - die teilweise wieder durch Beiträge zu den NS-Organisationen, in denen man freiwillig ein Zwangsmitglied war, oder durch »freiwillige« Sammlungen (»Winterhilfswerk«, WHW) aufgezehrt wurden - und trotz der Steigerung der effektiven Familieneinkommen durch Überstunden oder Mitarbeit der Frau ist der Lebensstandard der Jahre 1928/29 nie wieder erreicht worden.
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Und es gab geheime Lageberichte der Gestapo
Aus den geheimen Lageberichten der Gestapo über die tatsächliche Situation der arbeitenden Bevölkerung 1934/35 wird die gedrückte Stimmung deutlich:
- »Die bereits in früheren Berichten erwähnten Schwierigkeiten in der Versorgung des hiesigen Bezirks mit Haushalts- und Konsummargarine ..... beeinflussen die Stimmung der Bevölkerung um so mehr, als es sich hierbei um ihre primitivsten Lebensbedürfnisse handelt und gerade die Arbeit des Bergmanns ..... einen besonders großen Fettkonsum bedingt.«
Die Arbeiterschaft konnte sich gegen die Versorgungsschwierigkeiten und gegen den Lohnstopp nicht wehren, denn die freien Gewerkschaften waren zu diesem Zeitpunkt längst zerschlagen, und in den Betrieben hatte das »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« vom 20. Januar 1934 dem Führerprinzip zum Durchbruch verholten:
An der Spitze der »Betriebsgemeinschaft« stand der Unternehmer als »Betriebsführer«, ihm hatten seine Arbeiter, jetzt »Gefolgschaft« genannt, Treue und Gehorsam zu erweisen.
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Rückblick auf die Gleichschaltung der Gewerkschaften
Mit der Gleichschaltung der Gewerkschaften war bereits im März 1933 begonnen worden, als in zahllosen Einzelaktionen lokale Gewerkschaftshäuser durch SA, SS und Angehörige der NSBO besetzt wurden.
Die neuen Herren zerstörten die Einrichtungen, beschlagnahmten Akten und mißhandelten Funktionäre auf brutalste Weise. Ab Mitte April waren die freien Gewerkschaften kaum noch arbeitsfähig, in den Betrieben wurden die sozialistischen und kommunistischen Betriebsräte von Schlägertrupps der SA abgesetzt, verhaftet und teilweise in »Schutzhaft« genommen, d. h. unter unwürdigsten Bedingungen gefangengehalten.
Die freien Gewerkschaften machten nicht den Versuch, sich zu wehren, ihr Vorstand versicherte Hitler am 20. März 1933 seiner Loyalität und kündigte seine bis dahin engen Verbindungen zur SPD auf. Man ging sogar noch einen Schritt weiter und bot dem Regime auf der Grundlage parteipolitischer Neutralität eine enge Zusammenarbeit an:
»Die deutschen Gewerkschaften sind des Glaubens, daß sie der großen Aufgabe des neuen Staates ..... am besten dienen, wenn sie sich über alle Trennungen der Vergangenheit hinweg zu einer einzigen umfassenden nationalen Organisation der Arbeit vereinigen.«
Diese Anpassungstaktik verfing jedoch bei den neuen Machthabern nicht, zumal die Betriebsratswahlen vom März gezeigt hatten, daß nur 25 Prozent der gültigen Stimmen für NSBO-Vertreter abgegeben worden waren.
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Und wieder ein geschickt inszeniertes Täuschungsmanöver
Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften wurde durch ein geschickt inszeniertes Täuschungsmanöver eingeleitet: Ein Gesetz vom 10. April erhob den 1. Mai, den Tag der internationalen Arbeitersolidarität, erstmals zum gesetzlichen Feiertag, zum »Tag der nationalen Arbeit«.
Der Gewerkschaftsvorstand forderte seine Mitglieder auf, sich an den Feiern »festlich zu beteiligen«. Überall in Deutschland marschierten am 1. Mai die Menschen hinter dem Hakenkreuz. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, auf dem das neue Regime die erste offizielle, unübertrefflich inszenierte Massenveranstaltung ablaufen ließ, hatten sich am Abend fast eineinhalb Millionen Menschen versammelt.
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Der französische Botschafter Andre Frangois-Poncet kommentiert
Der damalige französische Botschafter Andre Frangois-Poncet war als Augenzeuge dabei:
- »Die Scheinwerfer verlöschen mit Ausnahme derer, die den Führer in strahlende Helle tauchen, so daß er wie in einem Märchennachen über dem Gewoge zu seinen Füßen zu stehen scheint ..... Es ist die Wirkung, die von ihm auf die Zuhörer ausgeht, eine Wirkung, die weit mehr körperlich als geistig ist, gesteigert durch die Umgebung, die theatralische Ausstattung, den Gegensatz von Licht und Schatten, die ganze romantische Aufmachung, die Fahnen und Uniformen, das Blitzen der Helme und Bajonette ..... Unter der lauschenden Menge sind zweifellos viele von Mißtrauen und Haß gegen diesen Menschen erfüllt; aber auch sie sind erschüttert und mitgerissen wie der Schiffer durch das Zauberbild der Lorelei .....«
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Die Phrasen über die Volksgemeinschaft der Schaffenden
Hitler hielt eine seiner propagandistisch geschicktesten Reden, appellierte an die nationale Stärke und erging sich in Phrasen über die Volksgemeinschaft der Schaffenden. Am nächsten Tag holte das Regime unter der Leitung des Organisationsleiters der Partei und Leiters der »Ordensburgen«, Dr. Robert Ley, zum großen Schlag gegen die Gewerkschaften aus: Die Gewerkschaftshäuser wurden besetzt, Vermögen beschlagnahmt, sozialdemokratische und kommunistische Funktionäre in Konzentrationslager gebracht.
Die DAF, die »Deutsche Arbeitsfront« wird gebildet
Noch am selben Tag gab Ley die Bildung einer »Deutschen Arbeitsfront« bekannt, deren Führung er auf dem Gründungskongreß am 10. Mai übernahm.
Ley, wegen seines Hanges zum Alkohol im Flüsterwitz des Dritten Reiches auch als »Reichstrunkenbold« tituliert, versicherte treuherzig:
- »Arbeiter, ich schwöre Dir, wir werden nicht nur alles erhalten, was sich vorfindet; wir werden Schutz und die Rechte des Arbeiters weiter ausbauen, damit er in den neuen nationalsozialistischen Staat als vollwertiges und geachtetes Mitglied des Volkes eingehe«
- doch die Wirklichkeit sah anders aus.
Zwar wurde die DAF anstelle der Interessenverbände der Arbeiter und Angestellten ins Leben gerufen, doch mußte sie ihr Recht, Tariffragen auszuhandeln, qua Gesetz vom 19. Mai 1933 an die neu eingesetzten »Treuhänder der Arbeit« abtreten.
Hitler unterstellte die DAF mit einer Verordnung vom Oktober 1934 der NSDAP. Für ihn war die Deutsche Arbeitsfront »die Organisation der schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust... Sie hat dafür zu sorgen, daß jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zur höchsten Leistung befähigt und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet.«
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Die DAF war eine Marionette der NSDAP
Die DAF konnte aber schon allein deshalb nicht zu einer unabhängigen Organisation der Arbeiterschaft werden, weil ihr auch die Unternehmer angehörten. Unter der Führung des Vorsitzenden des »Reichsverbandes der Deutschen Industrie«, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, wurde die Unternehmerschaft der DAF angeschlossen.
Ley erklärte daraufhin triumphierend: »Wir sind das erste Land Europas, das den Klassenkampf überwunden hat.« Die DAF umfaßte 1934 etwa 14 Millionen (Zwangs-) Mitglieder, fünf Jahre später mehr als 30 Millionen; sie war eine der reichsten und mächtigsten Organisationen im Dritten Reich, agierte relativ selbständig neben der Partei, doch stets in ihrem Sinne, sie betrieb die ideologische Schulung ihrer Mitglieder und monopolisierte die arbeits- und sozialrechtliche Betreuung der Arbeitnehmer.
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Die 13 »Treuhänder der Arbeit«
Den von Ley und sozialpolitisch engagierten Funktionären der NSBO gewünschten Einfluß auf die Wirtschaftspolitik konnte sie jedoch nie ausüben, denn an den entscheidenden Schalthebeln saßen die 13 »Treuhänder der Arbeit«, die als Organe des Staates Lohntarife und Arbeitsbedingungen festlegten und von denen nicht einer aus den Kreisen der Arbeiterschaft stammte.
Die meisten wurden aus den Industrieverbänden oder der Beamtenschaft rekrutiert. Der alten Unternehmerschaft erwuchsen aus dieser Regelung keinerlei Nachteile, denn ihre angestammten Rechte wurden kaum angetastet.
Das »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« beließ dem »Führer des Betriebs« die wichtigsten Entscheidungen hinsichtlich seiner Gefolgschaft »in allen betrieblichen Angelegenheiten«, ihm wurde lediglich ein »Vertrauensrat« mit beratender Funktion zur Seite gestellt.
Die Wahlen zu diesem Vertrauensrat im April 1935 zeigten, daß die Arbeiterschaft nicht annähernd geschlossen hinter den Einheitslisten der NSBO stand. Offiziell wurde zwar von einer neunzigprozentigen Wahlbeteiligung und einer Zustimmung zu den Einheitslisten von 83 Prozent gesprochen, die wirklichen Ergebnisse waren jedoch für die DAF so vernichtend, daß Hitler persönlich eine erneute Durchführung der Wahlen verbot.
Per Gesetz wurde die Amtszeit der Vertrauensmänner jeweils um ein Jahr und ab 1938 auf unbegrenzte Zeit verlängert.
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- Anmerkung aus 2026 : Auch hier hat Donald Trump abgekupfert, als er seine Amtszeit auch auf "unbegrenzt" ausdehnen wollte, als Präsident und als Vorsitzender neuen UN Konkurrenz.
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Die un spektakuläre Gleichschaltung der Industrie
Die Gleichschaltung der Industrie vollzog sich weit weniger spektakulär. Zwar wurden ihre sämtlichen Verbände in Zwangseinrichtungen umgewandelt und unter staatliche Aufsicht gestellt, doch die rein äußerliche Anpassung ließ die interne personelle Zusammensetzung der Verbände wie auch ihre Selbstverwaltung weitgehend unangetastet.
Der Staat war darauf angewiesen, die Unternehmerschaft für sein ehrgeiziges Rüstungsprogramm zu gewinnen. Von Ausnahmen abgesehen, schloß sich vor allem die Schwerindustrie den Vorstellungen und Wünschen Hitlers an, der insbesondere auf die wirtschaftliche Autarkie des Deutschen Reiches äußersten Wert legte.
Das war kein Selbstzweck, sondern diente einzig der Kriegsvorbereitung, wie aus einer geheimen Denkschrift vom August 1936 hervorgeht:
- »Ich halte es für notwendig, daß nunmehr mit eiserner Entschlossenheit auf all den Gebieten eine 100%ige Selbstversorgung eintritt, auf denen diese möglich ist ..... Man hat Zeit genug gehabt, in 4 Jahren festzustellen, was wir nicht können. Es ist jetzt notwendig, auszuführen, das, was wir können. Ich stelle damit folgende Aufgabe:
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- I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein.
- II. Die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein.«
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Hermann Görings erster verantwortlicher Job
Zum Beauftragten für diesen Vierjahresplan wurde Hermann Göring ernannt (»Mein Fach ist nicht die Wirtschaft«), der 1937 bei Salzgitter die »Reichswerke Hermann Göring« gründen ließ, in denen minderwertiges deutsches Erz verhüttet werden sollte. Die Steigerung der Eisen- und Stahlproduktion, die Entwicklung von Treibstoffen und künstlichem Kautschuk sowie die Unabhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland bei bestimmten Materialien (Industriefetten beispielsweise) genoß nunmehr absolute Priorität.
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Die IG-Farbenindustrie kommt ins Spiel
Wichtigster industrieller Bundesgenosse Hitlers wurde die IG-Farbenindustrie unter ihrem Direktor Carl Krauch, der einen führenden Posten in der Bürokratie des Vierjahresplans erhielt.
Auf sein Betreiben hin trat ab Mitte 1938 der »Neue Erzeugungsplan« in Kraft, der nach Görings Worten »das Rüstungsniveau von einem Stand von 100 auf einen Stand von 300« zu bringen hatte. Um das gigantische Programm zu verwirklichen, drohte Göring, von seiner Generalvollmacht »barbarischen Gebrauch« zu machen:
»Achtstündige Arbeitszeit gibt es nicht mehr ..... Die Arbeitsfront solle nicht falsche Sozialbegriffe unter die Arbeiter bringen.«
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Und wieder : die Kehrseite der Medaille .....
Was die neue Prioritätensetzung für die große Masse der Arbeiterschaft bedeutete, liegt auf der Hand: Die hohen Wachstumsraten auf dem Rüstungssektor mußten zwangsläufig zu Engpässen bei der Versorgung mit Artikeln des täglichen Bedarfs führen.
Zwar stieg zwischen Dezember 1935 und Juni 1939 der durchschnittliche Stundenlohn in der Industrie um etwa elf Prozent an, auch beliefen sich die realen Preissteigerungen in diesem Zeitraum wegen der scharfen Preiskontrollen auf nur etwa vier Prozent, doch konnte dem Kaufkraftüberhang nicht durch ein genügend breites Konsumangebot entsprochen werden.
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Am Ende sanken die Löhne trotz Vollbeschäftigung
Relativ sank der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen sogar von 62 Prozent im Jahre 1928 auf 57 Prozent im Jahre 1938 - trotz der inzwischen fast erreichten Vollbeschäftigung. Immerhin: Der Pro-Kopf-Verbrauch der Bevölkerung bei Nahrungs- und Genußmitteln lag 1938 fast ausnahmslos höher als 1930, wenn auch der Konsum von Geflügel, Eiern, Trinkmilch, Margarine und Bier noch nicht dem Stand vor 1933 entsprach.
Die Unzufriedenheit in den Betrieben führte dazu, daß zunehmend schärfere Überwachungsmethoden eingeführt wurden, um wirksam gegen »Unruhestifter« vorgehen zu können.
Die Betriebsführer holten auch die Gestapo zu Hilfe, sobald ehemalige sozialdemokratische oder kommunistische Funktionäre soziale Forderungen im Namen der Belegschaft stellten. Allein 1936 kam es in diesem Bereich zu 15.000 Verhaftungen.
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Bereits 1936 zahlte der Arbeiter die Zeche Adolf Hitlers
Die staatliche Bewirtschaftung aller Reserven und die vehemente Aufrüstung gingen eindeutig zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung. Goebbels im Januar 1936:
- »Ob mit oder ohne Butter, damit werden wir fertig. Aber wir werden nicht fertig ohne Kanonen!«
»Kanonen statt Butter« lautete fortan die Parole, und Goebbels trieb mit den zunehmenden Mangelerscheinungen noch Hohn und Spott, als er im selben Zusammenhang ausrief:
- »Es gibt also nicht weniger Fett, es haben nur mehr Volksgenossen das Glück, daran teilhaben zu dürfen. Ist das sozial, oder ist das nicht vielmehr der höchste Ausdruck von Sozialismus?«
Die DAF-Führung wußte über die zunehmende Misere genau Bescheid und gestand das auch offen ein:
- »Der Wunsch, für sich und seine Familie möglichst gute Lebensbedingungen zu erreichen, steht in Millionen von Fällen im schärfsten Gegensatz zu den Erfordernissen der Staatspolitik.«
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Die offiziellen Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsämter
Die offiziellen Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsämter geben einen ungefähren Eindruck von der tatsächlichen Situation in den Betrieben:
- »Von der ihnen zustehenden Schutzzeit vor der Niederkunft machen die Arbeiterinnen im allgemeinen wegen der damit verbundenen Verdiensteinbuße keinen Gebrauch .....
- Die werdende Mutter denkt weniger an die Schädigung ihrer eigenen Gesundheit ..... als an die Geldopfer, die bei der Geburt des Kindes entstehen und die sie dem Kind selbst bringen will.« -
- »Die stetige Wirtschaftsbelebung erforderte auch die Heranziehung von Arbeiterinnen über 16 Jahren zur Mehrarbeit, und zwar hauptsächlich in den Export- und Rüstungsbetrieben.« -
- »Eine Maschinenfabrik beschäftigte Jugendliche nach 20 Uhr und zusammen mit Erwachsenen bis zu 12 Stunden täglich ..... In einer anderen Maschinenfabrik wurden jugendliche und erwachsene Arbeiter 11 und 13 Stunden täglich beschäftigt.« -
- »Die Zahl der Unfälle hat sich mithin [zwischen 1934 und 1936] um 134.475, also um 45,9 v. H., die der tödlichen Unfälle um 343, also um 30,4 v. H. vermehrt, während die Zahl der Beschäftigten nur um 19,2 v. H. zunahm .....
- Die Zusammenballung zahlreicher Arbeitskräfte in kleinen Räumen, gesteigertes Arbeitstempo, Übereifer bei der Arbeit - namentlich bei Neueingestellten -, die Nachtarbeit auf Bauten ..... haben zur Erhöhung der Unfallzahlen wesentlich beigetragen.« -
- »Der Inhaber einer Maschinenfabrik, der seine Dreher, Hobler und Horizontalbohrer rücksichtslos zwei Wochen hindurch in Schichten von 17, 19, 20 und 24 Stunden Dauer beschäftigte, entging infolge des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit der verdienten Strafe...«
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Ganz oben interesserte es bereits "keinen" mehr
Doch inzwischen saß das Regime viel zu fest im Sattel, um sich Gedanken über eine zufriedenstellende Versorgung der Bevölkerung oder über den Schutz der Arbeiter vor frühkapitalistischen Ausbeutungsmethoden machen zu müssen.
Hitler brachte die Haltung des Regimes auf den folgenden Nenner:
- »Wenn die Leute sich meinetwegen manchmal über mangelnde Eier beklagen, das sollen sie den Hühnern sagen, aber nicht mir! ... wir haben in Deutschland Millionen an Arbeitern, die gehen in ihre Fabrik, und die sind glücklich, wenn sie sich bloß Margarine auf ihr Brot auf streichen können.«
Mit solchen zynischen Bemerkungen stellte Hitler zwar die soziale Realität der meisten arbeitenden Menschen treffend dar, doch gab er zugleich das Eingeständnis, daß der Reichsnährstand in der »Erzeugerschlacht« für das Vaterland weitgehend versagt hatte.
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Auch die deutsche Landwirtschaft "mußte ran" ....
Auch die deutsche Landwirtschaft stand seit 1933 unter dem Primat einer möglichst hohen Selbstversorgung, um auf diese Weise den Agrarimport zugunsten der Rüstungswirtschaft einschränken und bis zum Krieg eine möglichst weitgehende Autarkie erreichen zu können.
Trotz der Anreize einer Hochpreispolitik wuchs die Agrarproduktion zwischen 1933 und 1939 nur um 13 Prozent, der Selbstversorgungsgrad stieg lediglich von 80 auf 83 Prozent, und die berühmte »Fettlücke« betrug 43 Prozent.
Der Selbstversorgungsgrad bei Brotgetreide, Fleisch und Kartoffeln lag zwar zum Teil bei über 100 Prozent, doch gelang es der NSDAP mit ihrem Agrarprotektionismus nicht, auf Dauer eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.
Dabei waren es gerade die Bauern, die der Ideologie des Nationalsozialismus zum weitgehendsten entsprachen und daher auch vorrangig mit Subventionen bedacht wurden. Wenn Walter Darre in einer Schrift vom »Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse« sprach, so paßte das genau in jene Vorstellungswelt, in der Blut und Boden sowie die irrationale Hinwendung zu einer überschaubaren, unveränderlichen Sozialordnung und zu Volksbräuchen mit rassenideologischen Merkmalen den ersten Platz einnahmen.
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Die Ideologie vom arischen Bauernstaat paßte nicht
Doch ein prähistorischer, arischer Bauernstaat und eine beschleunigte Industrialisierung zum Zwecke der Aufrüstung paßten nun einmal nicht zusammen, auch wenn diese Tatsache öffentlich verschwiegen wurde und der Bauernstand zwölf Jahre hindurch in der Propaganda das verhätschelte Lieblingskind blieb.
Zwar hatte die Zahl der Anhänger der NSDAP in ländlichen Gebieten seit 1928 sprunghaft zugenommen, doch blieb der Anteil der Bauern entgegen allen Erwartungen stets hinter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung zurück.
In der einzigen offiziellen Parteistatistik von 1935 sind sie mit 12,6 Prozent angegeben - wären sie entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten gewesen, hätte die Zahl doppelt so hoch sein müssen. Der starke Anhang in den ländlichen Gebieten Schleswig-Holsteins und Pommerns war eher die Ausnahme.
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Die »Reichsführergemeinschaft« des deutschen Bauerntums
Bereits am 4. April 1933 hatte sich eine »Reichsführergemeinschaft« als Standesvertretung des deutschen Bauerntums gebildet, deren Leitung Darre übernahm. Die Spitzen der organisierten Bauernschaft bekannten sich weitgehend zur NSDAP und standen auch jenen Vorstellungen nicht fern, denen zufolge der Bauer »Träger des nationalsozialistischen Staates« und »Kämpfer für Volkserneuerung und Weiterführung der nationalsozialistischen Revolution« sein sollte.
Einen Tag später gelobte die Vollversammlung des »Deutschen Landwirtschaftsrates« der »Regierung der nationalen Erhebung rückhaltlose und geschlossene Gefolgschaft und Unterstützung«.
13. September 1933 - der neue "Reichsnährstand"
Am 13. September 1933 wurde der Reichsnährstand geschaffen, dem sämtliche Höfe und Betriebe angehörten, die mit der Verarbeitung und dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte befaßt waren.
Reichsbauernführer Darre, in Personalunion Reichsernährungsminister, ging sofort daran, die NSDAP-Vorstellungen von der Erhaltung und Ausdehnung einer breiten bäuerlichen Mittelschicht per Gesetz sicherzustellen.
Seit dem 1. Juni 1933 waren landwirtschaftlichen Betrieben ihre Schulden bereits bis zu 50 Prozent erlassen worden, und die restlichen Forderungen konnten mit einem Verzugszins von 4,5 Prozent abgetragen werden.
Das »Reichserbhofgesetz« vom September 1933 faßte schließlich alle Elemente der nationalsozialistischen Bauernpolitik zusammen: Das Bauerntum sollte als »Blutquelle des deutschen Volkes« erhalten und die Höfe vor Überschuldung und Zersplitterung bewahrt werden; eine möglichst große Anzahl lebensfähiger kleiner und mittlerer Bauernhöfe schien die »beste Gewähr für die Gesunderhaltung von Volk und Staat«.
Im einzelnen bestimmte das Gesetz:
- »Land- und forstwirtschaftlicher Besitz in der Größe von mindestens einer Ackernahrung [so viel Land, wie für die Ernährung einer Familie nötig ist] und von höchstens 125 Hektar ist Erbhof, wenn er einer bauernfähigen Person gehört. Der Eigentümer des Erbhofs heißt Bauer. Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, deutschen oder stammesgleichen Blutes und ehrbar ist. Der Erbhof geht ungeteilt auf den Anerben über .....«
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Und wieder war die Folge genau andersherum (negativ)
Die Rechte der Miterben beschränkten sich auf Berufsausbildung, Heimatzuflucht und Aussteuer - die Folge war eine nichtgewollte Landflucht der nichterbberechtigten Söhne.
Das grundsätzliche Verbot der Belastung sicherte zwar den Besitz, verhinderte aber dringend notwendige Strukturreformen und die technische Modernisierung der Höfe. Die Ehrenbezeichnung »Bauer« - sie war dem Erbhofbesitzer vorbehalten, alle anderen, ob Schrebergärtner oder Großgrundbesitzer, waren nur »Landwirte« - nutzte diesem wenig, wenn er zur Finanzierung technischer Neuerungen seinen Besitz nicht mit Hypotheken belasten konnte.
Der unmittelbare Vorteil, nämlich die Rettung des überschuldeten Hofes vor Versteigerung und Verkauf, wog den Nachteil der fehlenden Freizügigkeit nicht auf.
Später wurden zwar die Erbschaftsbestimmungen gelockert, dafür aber die Kreditbestimmungen wie auch die Kontrolle der Wirtschaftsführung verschärft. Wer als Erbhof-Bauer seinen Pflichten nicht nachkam, dem konnte die »Bauernfähigkeit« aberkannt werden - in solchen Fällen wurde der Hof einem Treuhänder unterstellt.
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Und auch dieses neue Gesetz hatte keinen Erfolg
Auch das »Gesetz über die Neubildung deutschen Bauerntums« vom Juni 1933, welches jungen Bauern ohne Erbschaftsanspruch zu einem Hof verhelfen sollte, hatte nicht den gewünschten Erfolg.
Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 nur rund 21.500 Neubauernhöfe mit etwa 350.000 Hektar Land aufgebaut - beinahe die Hälfte dessen, das in der Weimarer Republik erreicht worden war.
Auch die Schaffung von über 95.000 Kleinsiedler-Parzellen führte nicht zu überzeugenden Beiträgen in der »Erzeugerschlacht«, dafür waren die von ihnen produzierten Mengen zu gering.
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So ging dann auch dieser "Schuss" nach hinten los
Insgesamt verringerte sich zwischen 1933 und 1939 die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um über sechs Prozent - Autobahnen, Wehrmacht und Industrie forderten ihren Tribut. Die zusätzlichen Landgewinnungsmaßnahmen des Dritten Reiches führten lediglich 1934 zu besseren Ergebnissen, als sie die Weimarer Republik in ihrem besten Jahr erzielt hatte.
Da half es auch nichts, wenn die Blut- und -Boden-Propaganda ein rosiges Bild vom »Bauern und Schwertadel« malte. Zwar wurden die Preise amtlich festgesetzt, auch ließ man Preiserhöhungen in Grenzen zu, und nicht zuletzt konnten die Bauern sicher davon ausgehen, daß sie ihre Produkte am Markt losschlugen, doch lag der Einkommenszuwachs der Landwirte weit unter dem der Angestellten und Industriearbeiter.
Die Neuverschuldung nahm insbesondere bei den kleineren Höfen weiter zu, denn die intensivere Bearbeitung des Bodens erforderte mehr Investitionen bei relativ konstanten Preisen für Agrarprodukte und nur geringfügig gesteigerten Erträgen.
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Der unangetastete Großgrundbesitz - ein Privileg
Entgegen aller Propaganda blieb der Großgrundbesitz unangetastet:
55 Prozent aller Höfe verfügten über weniger als je fünf Hektar Land - auf sie entfielen 1939 nur 13 Prozent der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche; auf die 0,6 Prozent aller Höfe hingegen, die über mehr als je 100 Hektar Land verfügten, entfielen 17 Prozent.
Die ostelbischen Provinzen blieben von Großgrundbesitzern beherrscht, während sich die kaum lebensfähigen Klein- und Kleinsthöfe im Westen und Süden des Reiches fanden.
Bereits 1934 wechselten die Landarbeiter in so großer Zahl vor allem in die relativ gut bezahlende Bauindustrie über, daß die Einbringung der Ernte ernsthaft gefährdet war. Die umgehend eingeleiteten Programme zur Verbesserung der Wohn- und Arbeitsbedingungen auf dem Lande fruchteten nur wenig; als nicht minder wirkungslos erwies sich die Ermächtigung der Arbeitsämter, abgewanderte Landarbeiter wieder »anfordern« zu können.
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Die Volksgenossen wollten doch lieber in die Städte
Bis 1938 ging die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft um 1,4 Millionen zurück - den ideologischen Parolen mußte der Erfolg versagt bleiben, solange in der Stadt bessere Lebensbedingungen und höhere Löhne winkten.
1938 fehlten der Landwirtschaft bereits 250.000 Arbeitskräfte. Ein Rückgang der Produktion war die Folge: Gemüse, Obst und Molkereiprodukte konnten nicht mehr im gewohnten Umfang bereitgestellt werden und fehlten bei der Versorgung der Großstadtbevölkerung.
So mußte der Staat seine knappen Devisen für die Einfuhr eben dieser Produkte bereitstellen. Die »Erzeugerschlacht«, in den Parteizeitungen und im Volksempfänger noch im vollen Gange, war längst verloren; dem Reichsnährstand gingen immer mehr Berichte über unzumutbare Lebens- und Arbeitsbedingungen zu:
Bäuerinnen brachen unter der Last der Arbeit zusammen, Viehnotverkäufe mehrten sich, die Arbeitsleistung der Bauern auf den kleinen Höfen war längst nicht mehr zu steigern.
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Dazu ein geheimer Lagebericht der allwissenden GESTAPO
Der folgende Lagebericht der Gestapo vom Februar 1936 zeichnet ein realistisches Bild von der Stimmung unter den Landwirten:
- Der Bauer ist »derjenige, der vom Nationalsozialismus am wenigsten erfaßt ist. Er hält sich bei Sammlungen am meisten zurück, er besucht am wenigsten Parteiveranstaltungen, die Pressewerbungen haben bei ihm den geringsten Erfolg ....., fast völlige Verständnislosigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Kardinalforderung Gemeinnutz geht vor Eigennutz< .....«
Für den Landwirt hatte sich also kaum etwas zum Besseren verändert, trotz lautstarker Propaganda und eifriger Ehrenbezeigungen, die man ihm erwies.
Er mußte mehr und schwerer arbeiten und bekam nicht einmal den gerechten Ausgleich für die größeren Mühen. Die gesicherte Abnahme seiner Produkte konnte den oft schmerzlich empfundenen Verlust an Eigenständigkeit kaum aufwiegen.
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Hitlers Sprüche von der Beendigung der Arbeitslosigkeit
Schon vor der Machtübernahme 1933 war Hitler nicht müde geworden zu betonen, daß die Nazis die Arbeitslosigkeit beenden und die Wirtschaft sanieren würden.
Angesichts von über sechs Millionen Menschen, die (in 1932) ohne Beschäftigung waren, und der völlig desolaten Lage der deutschen und internationalen Wirtschaft gewannen die Nationalsozialisten mit dem Schlagwort »Arbeit und Brot« bei den Wahlen Millionen von Stimmen.
Daß Hitler dieses Versprechen einlösen konnte, ist den unkonventionellen Methoden zu verdanken, mit denen er den wirtschaftlichen Aufschwung initiierte. Dieser Erfolg hat seinen Nimbus in der Bevölkerung ganz wesentlich gestärkt.
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Der Nimbus und die Rolle der Arbeiter und Bauern
Eine wichtige Rolle kam dabei den deutschen Arbeitern und Bauern zu, die man mit allen Mitteln der Propaganda auf die Seite des Regimes zu ziehen versuchte. In pompösen Feierstunden huldigten schließlich auch die Belegschaften vieler Betriebe - wie hier im Großkraftwerk Klingenberg in Berlin (Bild 42) - dem Nationalsozialismus.
Durch eine ebenso einfache wie ökonomisch fragwürdige Maßnahme wurde die Zahl der Arbeitslosen drastisch verringert: Alle durchgeführten Projekte waren ausschließlich mit menschlicher Arbeitskraft auszuführen, die Beschaffung von Maschinen wurde verboten. So erhielten mit dem Bau der Ruhrtalsperre (1934-1937) viele Männer wieder Arbeit (Bild 43).
Das spektakulärste Projekt zur Arbeitsbeschaffung war jedoch der Autobahnbau. Hitler ließ es sich nicht nehmen, einzelne Streckenabschnitte selbst einzuweihen (Bild 44).
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Auf keinen Fall ein vesteckter Krieg gegen das Großkapital
In ihr wirtschaftspolitisches Programm hatten die Nationalsozialisten auch die Kommunalisierung der Großwarenhäuser geschrieben und nach der Machtübernahme zum Boykott aufgerufen (Bild 45). Diese Aktion verlief jedoch mit der innenpolitischen Festigung des Regimes im Sand. Gegen das Großkapital wollte Hitler nicht opponieren. Er hatte »größere« Pläne.
Die wirtschaftliche Gesundung der Industrie brachte es mit sich, daß bereits seit dem Sommer 1934 auf dem Lande Arbeitskräftemangel herrschte. Dieser verschärfte sich mit der Hochkonjunktur und den Kriegsvorbereitungen seit 1936 drastisch.
1938 fehlten der Landwirtschaft bereits 250.000 Arbeitskräfte. Vor allem die Jugend war aufgerufen, diesem Mangel abzuhelfen. Mit dem »Pflichtjahr«, das seit Dezember 1938 für Mädchen obligatorisch wurde, versuchte man der Landflucht der Landarbeiter zu begegnen. In BdM-Uniformen helfen hier Mädchen bei der Zwiebelernte (Bild 48).
Als die Kriegslage sich mehr und mehr verschärft, werden auch Verwundete (Bild 46) und vor allem Kriegsgefangene herangezogen. Zwar war auf dem Land vom Krieg und den Bombenangriffen nur wenig zu spüren, doch insgesamt verschärfte sich mit zunehmender Kriegsdauer die Situation auf den Höfen. Vom Kriegsdienst freigestellte Bauern wurden eingezogen und ältere Männer in den Volkssturm abkommandiert. Die Partei bemühte sich, mit allen Mitteln die Moral der Bauern zu stärken (Bild 47).
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Als der Weltkrieg seinen Lauf nahm
Während der Jahre von 1939 bis 1945 lief die Rüstungsindustrie auf Hochtouren. Mit modernsten Methoden wurden Geschütze, Panzer, Gewehre und Geschosse gefertigt (Bild 49).
Als die Luftangriffe auf die deutschen Städte und Industriezentren immer zahlreicher wurden und die Produktion ernsthaft gefährdeten, wurden ganze Werke unter die Erde verlegt: In einem Straßentunnel nahe Garmisch- Partenkirchen werden Rüstungsteile gefertigt (Bild 51).
Die fehlenden Arbeitskräfte rekrutierten die Verantwortlichen aus polnischen und französischen Kriegsgefangenen oder verschleppten »Ostarbeiterinnen« (Bild 50).
Im Mai 1943 waren immerhin 6,3 Millionen ausländische Arbeitskräfte im »Reich« beschäftigt.
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1943 - Kriegsbedingt wurde 60 Stunden pro Woche gearbeitet
Auch die Arbeitszeit der in der Heimat verbliebenen Deutschen wurde drastisch verlängert. Sechzig Stunden pro Woche waren in der Rüstungsindustrie üblich.
Aber erst gegen Ende 1944 wurde konsequent auf das Arbeitskräftereservoir der Frauen zurückgegriffen, die nicht nur in der Rüstungsindustrie (Bild 52), sondern auch in der Wehrmacht Dienst taten.
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