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Dokumente aus dem Nachlass des Günter Bartosch (2013†)

von Gert Redlich im Dez. 2015 - Günter Bartosch hatte sie alle aufgehoben, die Dokumente von vor über 70 Jahren, die belegen, so war es 1945 wirklich: "Der Weg aus 12 Jahren Diktatur in die Freiheit." Und sie stimmen überein mit den Geschichten des Wolfgang Hasselbach, Michael Hausdörfer, Eduard Rhein, Artur Braun, Herrman Brunner-Schwer und auch Max Grundig. Doch wohin damit ? Wo passen diese Zeitzeugen- Geschichten und -Bilder hin ?

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Das Museum für Verkehr und Technik in Berlin

Die DC3 - sehr bekannt
unscheinbar - der Eingang

Texte, Schreibmaschinenseiten und Bilder aufgearbeitet von Gert Redlich im Dezember 2015 - Sein herausragendes optisches Merkmal ist die alte DC3 auf dem Vordach, das sieht heute noch jeder. Im Jahr 2007 war ich dort bei Herrn Hoppe. Doch dieser Brief ist 12 Jahre vorher geschrieben worden.

An das Museum für Verkehr und Technik
Herrn Joseph Hoppe (19. Mai 1995)

Lieber Herr Hoppe,
besten Dank für Ihre freundliche Zusendung. Leider behandelt die Post AG die Briefsendungen auch nicht besser als die frühere Bundespost - das Büchlein kam ziemlich zerknittert an. Inzwischen ist es gebügelt. Und wichtig ist ja nicht das Äußerliche, sondern der Inhalt. Den habe ich natürlich sofort von A bis Z gelesen.

Große Anerkennung für den Inhalt

Sie haben sich wirklich sehr in die Materie hineingekniet und gründliche Arbeit geleistet. DLas verdient große Anerkennung, besonders da ich weiß, wie schwer es ist, an alte Quellen heranzukommen. Auch ist Ihre Objektivität zu würdigen, denn bis vor kurzem wurden ja alle Menschen beargwöhnt, die in der Zeit des Nationalsozialismus zwangsläufig leben und ihre Arbeit tun mußten.

Zu einfach - die typische Vorverurteilung

Es gibt da so ein einfaches Muster: Entweder sie hatten als deutsche Soldaten das Unheil in die Welt getragen, oder sie haben in Wirtschaft und Industrie ihren Beitrag zum Krieg geleistet. Kurzum, alle waren für Hitler tätig.

Die wenigsten zogen freiwillig oder begeistert in den Krieg

schaun Sie in die Gesichter

Es gab aber einen sehr wesentlichen Punkt, den Nachgeborene, die die Kriegszeiten nicht miterlebt haben, einfach nicht erfassen können.

Die wenigsten Soldaten zogen freiwillig oder gar begeistert in den Krieg. In der Generation unserer Väter war noch weitgehend der Schrecken des Ersten Weltkriegs lebendig.
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Sich drücken - mit Intelligenz und Raffinesse

Ich persönlich kannte keinen, der nicht darauf aus gewesen wäre, sich vor der Einberufung zur Wehrmacht zu drücken. Einberufung, das war die Horrorvorstellung der Zeit ! Selbst wir noch, mein Jahrgang 1928, boten alle Intelligenz und Raffinesse auf, um der drohenden Einberufung zur Wehrmacht zu entgehen.

Meine Erfahrung von 1 Jahr Untersteiermark

der letzte Urlaub

Ein Jahr Kriegseinsatz als sogenannte Luftwaffenhelfer in der damaligen Untersteiermark (heute Slowenien) hatten uns gereicht, und wir schafften es tatsächlich von Februar 1945 bis zum Erscheinen der Russen in Reinickendorf und Wedding am 24. April 1945, uns - noch in Luftwaffenhelferuniform - erfolgreich vor dem weiteren Kriegseinsatz zu drücken.

Es wurde gelogen was das Zeug hielt

Also, Merkmal für alle späteren Historiker:
Eines der grundlegenden Motive jedes Einzelnen in der Kriegszeit war, einen UK-Posten zu haben (UK = unabkömmlich) oder im Rahmen der Wehrmacht dort eingesetzt zu sein, wo es ungefährlich war. So erklären sich großtönende Worte (in einer ohnehin großtönenden Zeit), wie kriegswichtig etwas sei und wie sehr man der Einsatzfähigkeit einer neuen Waffe nähergekommen sei.

Und je mehr Geld man für eine Sache ergattern konnte, umso bedeutender mußte sie sein, deshalb auch der Kampf um Zuschüsse mit "gewichtigen Argumenten".
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Der Trugschluß mit dem Fernsehzielsystem

Dabei ist es einfach unvorstellbar, daß intelligente Leute, die ein Fernsehzielsystem für eine Gleitbombe entwickelten, nicht gewußt haben sollten, daß soetwas nicht funktionieren kann. Es würde heute, nach weiteren 50 Jahren Fernsehentwicklung, auch nicht funktionieren. Inzwischen gibt's ja auch "intelligentere" Waffen. Damals funktionierten sogar in Gebrauch befindliche Dinge nicht wie z.B. unsere Flak und unser Funkmeßgeräte-System (inzwischen RADAR genannt).
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Oft Fehler mit unseren Funkmeßgeräten

Beispielsweise mußten wir am FuMG (Funkmeßgerät) mitunter Alarm auslösen, weil auf unserem Oszillographen ein starker Bomberkampfverband in schon 30km Entfernung entdeckt wurde. Real jedoch erschien er nicht; es war eine elektronische Fata Morgana.

Die falsche Flak-Konzeption und das MALSI-Gerät

Über die völlig falsche Flak-Konzeption kann man eine ganze Abhandlung schreiben, besonders über das lächerliche MALSI-Gerät . . . .
(von uns genannt: Mittelalterliches Latten- und Seilzug-Instrument), von dem Flakbatterien glaubten, tatsächlich damit Abschüsse erzielt zu haben.
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Forschen auf Teufel komm raus

Man kann die Situation auch so sehen, daß gerade die Intelligenz und der Forschungsdrang deutscher Wissenschaftler und Ingenieure sehr wesentlich zum militärischen Niedergang Hitler-Deutschlands beigetragen haben. Es wurde geforscht, buchstäblich auf Deibel komm raus.

Offenkundig unvorbereitet in den Krieg geschickt

Hitler war in den Krieg gegangen mit Waffen der Dreißiger Jahre. Als es dann ca. 1941 dämmerte, daß man modernere Waffen brauchte, war der Krieg schon soweit eskaliert, daß hektisch in alle Richtungen entwickelt vrurde. Schließlich suchte man verzweifelt die Wunderwaffen. Das alles vergeudete Unmengen von Geld und Rohstoffen. Dann wurden die Produktionsstätten zerstört, und schließlich fehlte es an dem, was jede Wunderwaffe für Produktion und Einsatz benötigte: Energie - Erdöl. - So war es auch mit der "Wunderwaffe" Fernsehlenksystem.

Auch beim "Goldenen Schuß" hatte es nicht funktioniert

Selbst als wir später im ZDF den "Goldenen Schuß" machten, ging das auch nur mit einer starr auf einem Stativ befestigten Kamera, die lediglich nach oben/unten und zur Seite beweglich war. Ich halte diese ganze Kriegsforschung bezüglich der Fernsehlenkbarkeit von Gleitbomben für Humbug, von cleveren Firmen und Ingenieuren hochgespielt, um UK-Posten und eine gute Ausgangsposition für die Zeit nach dem Kriege zu haben. Letzteres wird ja auch von Ihnen deutlich dargestellt.

Nach Berichten von Walter Bruch

Ich lege Ihnen einen Artikel bei, den ich nach Berichten von Walter Bruch über den Einsatz des Fernsehens in Peenemünde verfaßt habe. Wie ich dort schrieb: Das Fernsehen weigerte sich beharrlich, kriegsverwendungsfähig zu werden.

  • Anmerkung : Das wurde aber vom Telefunken-Marketing ganz anders dargestellt, sogar bis in die später 1980er. Dort war Bruchs angebliches Fernsehzielsystem ein großer Erfolg.

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Eine verdienstvolle Arbeit

Jedenfalls haben Sie eine verdienstvolle Arbeit vorgelegt, zumal es über die Historie des Fernsehens, besonders während der Kriegszeit, kaum Literatur gibt. Nochmals vielen Dank für Ihre Übersendung.

Inzwischen wurde mir aus Berlin schon über Ihre interessante Ausstellung Bericht erstattet. Auch, daß Sie kurze Filmstreifen aus den damaligen Fernsehprogrammen zeigen. Gibt es davon eine Videokassette ? Die würde mich natürlich riesig interessieren.

(1995) - Was macht das Museum in Wiesbaden

ohne Perspektive

Sie fragen nach unseren Aktivitäten bezügl. des Mainzer Fernsehmuseums. Nun, die Aktivitäten sind nach wie vor da, leider geht es uns wie allen kulturellen Unternehmungen: Es fehlt an öffentlichen Geldern. So mußten wir auch unser Mitteilungsblatt einstellen - schon wegen der Portokosten - und geben nur ca. alle halbe Jahre unseren Mitgliedern eine KurzInformation.

Die letzte besagt, daß wir uns bei der Gründung des "Offenen Kanals" (Bürger-Fernsehen) für die Landeshauptstadt Mainz engagiert haben. Inzwischen ist ein kleines Sendestudio eingerichtet, und wir werden im Herbst mit diesem Bürgerkanal zu senden beginnen. Das übrige ruht. Das ist der Stand der Dinge.

  • Anmerkung: Das Darlehen von DM 5000.- an den "Offenen Kanal Mainz" mußte der Verein später als uneinbringlich wegen des absolut unglücklichen Vertrages abschreiben.

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Wir alten Streiter halten hier "die Stellung"

Gern würde ich Ihnen und Ihrer Ausstellung einen Besuch abstatten, aber ehrlich gesagt, ich bin derzeit reisefaul. Zwischenzeitlich hat mich die Neuausgabe meines Musical-Lexikons in sehr mühseliger Zusammenarbeit mit dem Heyne-Verlag beschäftigt, das nun endlich als Hardcover auf den Markt gekommen ist. Zu tun ist genug - zum ruhigen Rentnerdasein bin ich noch nicht gekommen, aber wozu auch. Wir alten Streiter halten hier zusammen, in erster Linie der Herr Herber (jetzt unser Vorsitzender), der Herr Kumpf und ich. Nur die Fernsehpioniere sterben leider alle weg.
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  • Anmerkung : Ich wußte nicht, daß Ottfiried Herber bereits seit 1995 Vorsitzender dieses RFM Museums-Vereins war. Ich bin erst in 2005/2006 auf den Verein aufmerksam geworden. Herr Herber als Lokomotive war der größte Fehler des Vereins. In 2010 ging der Verein dann auch pleite.

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Noch ein paar Hinweise

Apropos: Haben Sie eine Todesanzeige von Herrn Gerhart Goebel ? Könnten Sie mir ggf. eine Ablichtung zukommen lassen ? Ferner sind leider verstorben der Herr Hans R. Groll und Dr. Walter Schwarz. Einer Sache bin ich noch auf der Spur, denn vermutlich ist gerade vor kurzem die erste Fernsehansagerin Ursula Patschke verstorben.

Es ist zwar nicht schön, gerade mit diesen negativen Aspekten den Brief abzuschließen, aber der Blick eines Historikers muß nach hinten und nach vorn gerichtet sein. So hoffen wir also, daß wir beide - Sie und ich - mit den Dingen vorankommen, die wir uns nun mal auf die Fahnen geschrieben haben. Ihnen jedenfalls wünsche ich weiterhin viel Erfolg.

Mit den besten Grüßen vom "Museum in spe" zum "Museum in action"

Günter Bartosch
im Mai 1995

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