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60 Jahre Berichterstattung über Film und Fernsehen
Norbert Bolewskis gesammelte Rückblicke von 1947 bis 2007

1993 - eine (analoge) HDTV-CCD-Kamera von Philips

Im Sommer 1992 berichtete der Autor über eine "Reise zum Mittelpunkt der europäischen HDTV-Entwicklung". Gemeint waren Breda und Eindhoven - die Schmieden der ersten HDTV-CCD-Kamera für den Eureka-Standard. Herz der Kamera war der Sensor-Chip, der bei Philips im holländischen Eindhoven entwickelt wurde. Es handelte sich um einen Frame-Transfer-CCD, der gegenüber der Standardausführung zusätzliche Metallelektroden enthielt (Bild 199).

Der damalige technische Direktor des Bayerischen Rundfunks, Frank Müller-Römer, berichtete über den Einsatz von Gleichwellennetzen bei der digitalen Übertragung in den USA und darüber, dass auch in der Bundesrepublik Deutschland unter Federführung des Heinrich-Hertz-Instituts ein entsprechendes Projekt gestartet wurde.

Die Vorteile eines Gleichwellennetzes, wie es heute zum Beispiel bei DVB-T realisiert ist, wurden dort eindrucksvoll vor Augen geführt. Sony stellte zum ersten Mal eine neue Sensor-Technik, einen Frame-Interline-CCD, für eine HDTV-Kamera mit zwei Millionen Pixeln, genauer 1920 × 1035, vor.

Die Zahl 1035 ist korrekt, wir reden nach wie vor von Analog-HDTV. Bei dieser Sensortechnik sind eigentlich rechnerisch eine Vergrößerung des Störabstands und eine Verringerung der Empfindlichkeit anzunehmen, allerdings konnte durch verschiedene neu entwickelte Techniken die Qualität einer HDTV-Aufnahmeröhre nicht nur erreicht, sondern übertroffen werden (Bild 200).

Auf der IBC 1992 in Amsterdam präsentierte Avid dem europäischen Fachpublikum erstmal die neue Version 4 des Mediacomposers mit für die damalige Zeit beeindruckenden neuen Funktionen, neuen Spezialeffekten, 24 bit Farbtiefe sowie einem komplett überarbeitenden Audio-Modul. Die Version 4 stieß in den nächsten Jahren auf herausragendes Interesse (Bild 201).

1993 - immer noch Analog-HDTV

Das Jahr 1993 begann mit einem Beitrag über Digital-HDTV: "Satellitenübertragung erst in 15 Jahren?" Das IRT hatte zu einer entsprechenden Veranstaltungsreihe geladen, die ausführlich besprochen wurde. Heute muss man sagen, dass dieser Weitblick fast schon hellseherisch war. "In 15 Jahren”: das wäre von 1993 aus gesehen 2008. Heute sprechen die Öffentlich-Rechtlichen über die Einführung von Digital-HDTV 2010 - also gut geschätzt! Vor allem deshalb, weil man damals noch von Analog-1250-HDTV ausging und erst in der April-Ausgabe der FKT - ich erinnere mich noch genau - in letzter Minute - der Leitartikel mit der schlichten Überschrift "MAC †" eingestellt werden konnte.

Denn der 16. März 1993 war gewissermaßen der Sterbetag von D2-MAC. Es war eine politische Entscheidung, und zwar vorzugsweise eine zwischen dem damaligen Bundeskanzler und seinem französischen Amtskollegen. Schwarz-Schilling, der damalige Postminister, setzte sein Memorandum of Understanding für MAC durch. Milliarden (Anmerkung: eher Millionen) Steuergelder wurden in den Sand gesetzt, indem der Vorschlag der Techniker und Wissenschaftler unberücksichtigt blieb, das analoge 1250 HDTV erst gar nicht einzuführen, sondern zu warten, bis man mit digitaler HDTV-Übertragung beginnen könne.

Von diesem Schlag hat sich die gesamte europäische HDTV-Entwicklung nur mühsam wieder erholen können. Immer wieder gern gelesen wurden die 1993 begonnenen Beiträge von Albert Kaufmann vom IRT über Entwicklungstendenzen bei Farbfernsehkameras für Standard- und HDTV, die in den kommenden Jahren immer wieder aktualisiert wurden. Damals beschrieb der Autor einleitend Röhrenspezialentwicklungen, ansonsten waren eigentlich nur noch Halbleiter-Bildsensoren denkbar, deren Entwicklungslinien bei CCDs aufgezeigt wurden.

Bei den Farbfernsehkameras wurden die Verbesserungen bei der Erhöhung der Empfindlichkeit, bei der Aperturkorrektur, der Farbwiedergabe und vor allem bei der Reduzierung von Störeinflüssen behandelt. Es zeigte sich bereits zum damaligen Zeitpunkt, dass sich die Neuentwicklungen aus dem Amateurbereich letztlich auch auf die Entwicklungen im professionellen Bereich auswirken, und nicht mehr nur der professionelle Bereich auf den Amateurbereich einwirkte (Bild 202).

1993 - Erkenntnis - HDTV funktioniert nur mit Datenreduzierung

Man entwickelte die Datenreduzierung bei der Signalaufzeichnung insbesondere für HDTV-Signale mit immer höherer Intensität und besserer Qualität. 1993 wurde, übrigens unter anderem vom inzwischen zum Professor ernannten R. Hedtke, ein experimenteller VCR (dr Gigabit-Recorder) vorgestellt, der eine bemerkenswerte Fehlerkorrektur enthielt und ein ebensolches Datenreduktionssystem. In der Filmtechnik benutzte man verbesserte Softwareprogramme unter anderem nicht nur zur elektronischen Bildkorrektur sondern auch zur Bildkolorierung. Bild 203 zeigt ein Originalbild neben seiner kolorierten Variante.

Nicht nur heute, auch damals machte man sich Gedanken um die Archivierung von Filmen. Die Instabilität früherer elektronischer Speicherverfahren fand seinen Niederschlag in dem Projekt "Odissa", einem Verfahren auf Basis einer digitalen Aufzeichnung auf Schwarz-Weiß-Film. Odissa war die Kurzform für Opto-Digital-Image Storage System for Archives.

Die Grundidee beruhte auf der Aufzeichnung digitaler Bitströme auf hochauflösendem Schwarz-Weiß-Archiv-Film: Der digitale Informationsfluss wird per Laserstrahl oder LED-Zeile auf einen Schwarz-Weiß-Mikrofilmträger übertragen. Das so entstandene Bildmuster kann durch optische Sensoren ausgelesen und in elektronische Bilder wieder rückgewandelt werden.

Das DCT-System (Digital Component Technology System) von Ampex

Ebenfalls in diesem Jahr begann der inzwischen verstorbene Kollege Prof. Dr. Klaus Reuber mit seiner ebenfalls alle ein bis zwei Jahre aktualisierten Beitragsfolge über Flachbildschirme. Was gab es nicht alles für Versuche und Systeme, die man für geeignet hielt. Bild 204 zeigt beispielsweise die Struktur einer Elektrode mit sogenannten Mikrospitzen, eine Microtive-Feldeffekt- Bildröhre, die aber nie in die Praxis umgesetzt wurde.

Ein großer Flop wurde das 1993 eingeführte DCT-System (Digital Component Technology System), das von Ampex als ein komplettes CCIR-601-Digital-Komponenten-Produktionssystem entwickelt wurde. Ein erstes solches DCT-Studio wurde bei der Bavaria in München aufgebaut. Längerfristig konnte sich allerdings dieses Kassettenformat nicht am Markt durchsetzen und war sicherlich mit ein Grund für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung bei Ampex.

Bereits ein Jahr zuvor wurde von Kodak das Cineon-Digitalfilmsystem vorgestellt, das aus einem hochauflösenden Filmscanner und einem CCD-Sensor sowie einer Hochleistungs- Bildbearbeitungs-Workstation und einem Laser- Filmrecorder bestand. Damit wurde es möglich, den Film bereits in hoher Qualität abzutasten, beispielsweise Korrekturen vorzunehmen und wieder auf Film auszubelichten. Ab Mitte 1993 stand dieses Cinesite-Centrum zur Verfügung und war gewissermaßen der Vorläufer der heutigen digitalen Kinematographie oder der digitalen Filmbearbeitung. Ein erstes Cinesite-Center entstand in London und wurde in der FKT beschrieben (Bild 205).

1993 ist das Jahr von Digital-Betacam

Für das Jahr 1993 ist unbedingt eine weitere bemerkenswerte Produkteinführung zu erwähnen: die Digital-Betacam. Die neue Digital- Betacam-Produktserie bestand aus zwei Recordern und zwei Playern mit unterschiedlicher Ausstattung (Bild 206). Im Übrigen wurde bei der Vorstellung dieser neuen Systemgruppe ein volldigitaler Camcorder für 1995 in Aussicht gestellt.

Auf Initiative des Bundesministeriums für Forschung und Technologie entstand unter Leitung des Heinrich-Hertz-Instituts das Verbund- Vorhaben HDTV-T, das mit einem Personalaufwand von über 200 Mann bis Ende 1995 Systemkonzepte für den digitalen TV/HDTV-Rundfunk ausarbeiten, eine komplette Übertragung für die terrestrische Übertragung und einen Empfänger für den Kabel und Satellitenempfang aufbauen sowie mit ersten Feldversuchen beginnen sollte. Dieser HDTV-T-Thematik war ein ganzes Themenheft der FKT gewidmet. Dr. Schäfer vom HHI beschrieb darin das internationale Umfeld und die vielfältigen europäischen Aktivitäten hinsichtlich Forschung und Entwicklung im Bereich des digitalen Fernsehens.

Das Gesamtkonzept eines integralen Fernsehsystems für die Satelliten-, Kabel- und terrestrische Übertragung sowie die daraus resultierenden Empfängeraspekte wurden von Dr. Westerkamp erläutert. Darüber hinaus wurden Beiträge zum Thema MPEG-2-Bildcodierung, Kanalcodierung und Modulation sowie vieles andere mehr behandelt. Wenn auch das Projekt letztlich nicht erfogreich war, so ergaben sich doch eine Reihe von neuen Erkenntnissen, und es entstand eine umfassende interdisziplinäre Forschung zwischen den Partnern im HDTV-TProjekt.

Philips plant die DVC (= Digital Video Cassette).

Anfang Januar veranstaltete die FKTG das Seminar "Professional Video". Es wurden viele gute Vorträge gehalten, aber als unerwartetes Highlight entpuppte sich das neue DVC-Verfahren, das Peter de With vom Philips-Forschungslabor in Eindhoven vorstellte. Man wusste eigentlich nur, dass unter der Federführung von Philips seit Juli 1993 etwa zehn Firmen die Richtlinien für die Entwicklung eines neuen Standards für Consumer-Anwendungen erarbeiten sollten, der eine digitale Aufzeichnung vorsieht (DVC = Digital Video Cassette). Tatsächlich vorgestellt wurde dann - weltweit zum ersten Mal öffentlich - das DVFormat, von dem damals allerdings noch niemand wusste, dass es einmal so heißen würde, wenn es denn in den Markt eingeführt würde. Wir in der FKT waren damit die ersten, die das System beschrieben.

Neu sind MPEG und DVB

MPEG wurde zum Schlagwort und zum Schlüssel zu allen digitalen Videoanwendungen - von digitaler Satellitenübertragung über die digitale Video-Disc bis zu Multimedia. Zeit also, sich ausführlich mit dem MPEG-2-Standard zu beschäftigen. Das tat dann Dr. Teichner von Thomson, der aktives Mitglied in der entsprechenden Arbeitsgruppe war. Die daraus resultierende fünfteilige Artikelserie befasste sich mit den Inhalten und Zusammenhängen des MPEG-Standardwerks. Die genormten Verfahren der Video- und Audiocodierung und die Vorschriften für den Datenmultiplex wurden von mehreren Autoren dargestellt und veranschaulicht.

Bereits im September 1993 wurde das DVB-Projekt offiziell ins Leben gerufen. Der Vorsitzende des Technical Moduls war kein geringerer als Prof. Ulrich Reimers, der heute als Vater des DVB gilt, und die Leser der FKT wurden - bis zum heutigen Tag - kontinuierlich über die ständigen Weiterentwicklungen informiert.

In seinem ersten Bericht "Digitales Fernsehen für Europa" informierte er über die große Anzahl an Standards, die von den damals bereits 144 Organisationen aus 16 europäischen Ländern sowie aus den USA erstellt worden waren. Sein Bericht endete mit der Feststellung, dass das "European DVB Project" auf dem besten Wege sei, alles das Realität werden zu lassen, wovon so viele bereits redeten: digitales Fernsehen in Europa. Und mit diesem Ausblick hatte er, wie wir heute wissen, vollkommen Recht.

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