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Dokumente aus dem Nachlass des Günter Bartosch (2013†)

von Gert Redlich im Dez. 2015 - Günter Bartosch hatte sie alle aufgehoben, die Dokumente von vor über 70 Jahren, die belegen, so war es 1945 wirklich: "Der Weg aus 12 Jahren Diktatur in die Freiheit." Und sie stimmen überein mit den Geschichten des Wolfgang Hasselbach, Michael Hausdörfer, Eduard Rhein, Artur Braun, Herrman Brunner-Schwer und auch Max Grundig. Doch wohin damit ? Wo passen diese Zeitzeugen- Geschichten und -Bilder hin ?

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Am 3. Februar 1945- ein besonderes Kriegserlebnis

Erinnerung an den 3. Februar 1945 in Berlin von Günter Bartosch

Am 3. Februar 1945 (das Datum habe ich aufgrund von Aufzeichnungen meines Vaters rekonstruiert) hatte ich ein besonderes Kriegserlebnis. Erstaunlicherweise kann ich mich dabei nur an drei markante Dinge erinnern und habe das sonstige Umfeld überhaupt nicht registriert.
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Ich war 16 Jahre alt

Am 26.1.1945 entlassen
Uraubsschein vom 27.1.45
Lebensmittelkarten hinten drauf
vor dem Elternhaus

(geboren im Aug. 1928) - Am 3. Februar 1945 befand ich mich in Berlin und wohnte - 16 Jahre alt - bei meinen Eltern in der Dubliner Straße 12 im Bezirk Wedding.

Kurz zuvor, am 26. Januar 1945, war ich in Marburg/Drau als Luftwaffenhelfer entlassen und nach Berlin zurückgeschickt worden (dort traf ich am 27.1.45 ein), um hier zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen zu werden, wie das in Nazideutschland Regel war.

Ich traf in den heimatlichen Gefilden wieder mit meinen Freunden und Kameraden aus Marburg und mit denen, die zur Flak nach Pilsen gekommen waren, zusammen, denn wir gehörten ja alle einer Klassengeneration der Mackensen-Schule in der Schöningstraße an.

Wir versuchten alle, uns vor der Wiedereinberufung zum RAD oder gar zur Wehrmacht zu drücken, was uns erstaunlicherweise mit viel Geschick auch gelang. Jedoch liefen wir weiter in unserer Luftwaffenhelfer-Uniform herum, die wir längst hätten abgeben müssen. In Zivil hätten uns Wehrmachtsstreifen aufgegriffen und uns sofort zum Fronteinsatz geschickt.

Fliegeralarm am Vormittag

Am 3. Februar 1945 gab es den üblichen, schon längst gewohnten Fliegeralarm am Vormittag, Mein Vater registrierte in einer Aufstellung die Zeit: 11.50 - 12.23 Uhr. Es wurde einer der heftigsten Großangriffe auf Berlin - es war der Tag, an dem die Innenstadt in Schutt und Asche fiel; auch das Berliner Schloß brannte damals aus.

Im Luftschutzkeller unseres Hauses hörten wir über den Drahtfunk, der die Luftlagemeldungen durchgab, daß es schwere Aufgriffe auf die Innenstadt gegeben habe. Dort aber befand sich mein Vater an seiner Arbeitsstelle, dem Zeitungsverlag Scherl. Wir machten uns Sorgen um ihn.

Die Suche nach meinem Vater

Nach der Entwarnung nahm ich deshalb mein Fahrrad, um in die Innenstadt zu fahren und nach ihm Ausschau zu halten. Ein Ereund begleitete mich. Ich glaubte immer, es sei Rolf Müller gewesen. Der aber war zu diesem Zeitpunkt als RAD-Soldat bei einer Flakbatterie auf dem Tegeler Schießplatz (heute Flughafen Tegel) eingesetzt. Wer begleitete mich ? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war es mein Freund Helmut Michaelis, der etwas jünger war.

Die Räder über Schuttberge tragen

Also wir fuhren geradewegs in die Stadt über die Müller- und die Chausseestraße, Etwa in Höhe der Invalidenstraße um den Stettiner Bahnhof herum, war unsere Fahrt zuende. Von hier an mußten wir unsere Räder über Schuttberge tragen und konnten immer nur kurze Stückchen weiterfahren. Wahrscheinlich bewegten wir uns durch die Friedrichstraße bis zur Kochstraße, Dort im Block Kochstraße / Jerusalemer Straße / Zimmerstraße befand sich das große Scherl-Gebäude mit der Zeitungsdruckerei.

Die Jerusalemer Kirche brannte lichterloh

Die Trümmerbarriere in der Chausseestraße ist das eine, woran ich mich erinnere. Das zweite ist ein unglaublicher Anblick, den ich nie vergessen werde. Auf dem Jerusalemer Platz am Ende der Kochstraße und dem Scherl-Gebäude vis-a-vis brannte die Jerusalemer Kirche lichterloh. Der ganze Bau war ein einziges rotglühendes und funkenstübendes Flammenmeer von den Grundmauern bis hoch zum Turm hinaus.

Es war ein so grandioser Anblick, daß mir das Schreckliche daran garnicht bewußt wurde. Hier fraß der Teufel mit seinem Höllenfeuer und sichtlichem Vergnügen ein Gotteshaus !  Er tat es gründlich; die Ruine wurde später abgerissen, die Jerusalemer Kirche erstand nicht mehr neu. Der Teufel hielt das Gebiet besetzt - auch der Platz verschwand dort an der späteren Sektorengrenze und der Schandmauer der Kommunisten.

Mein Vater - wie paralysiert

Das dritte Erinnerungserlebnis dieses Tages war mein Vater. In der Uniform der Luftschutzfeuerwehr des Scherlbetriebs stand er vor der großen Toreinfahrt des brennenden Gebäudes, untätig, denn den Versuch, das Haus zu retten, hatte man längst aufgegeben.

Vermutlich fehlte es auch an Löschwasser, wie es nach schweren Luftangriffen oft der Fall war. Als mein Vater uns sah, begrüßte er uns mit den Worten: "Es ist nett, daß ihr kommt. Hier ist nichts mehr zu retten."  (Vater verlor bei diesem Brand einige Erinnerungsstücke, die er im Schreibtisch aufbewahrt hatte.)

Das wars dan auch - die Gedächtnislücken

An irgendetwas anderes, diesen denkwürdigen Tag betreffend, kann ich mich nicht erinnern, auch nicht mehr daran, wie wir zurückfuhren. Woran liegen diese Gedächtnislücken, deren ich viele aus der Kriegs- und Nachkriegszeit habe ? Einmal, glaube ich, mag es am Fettmangel und überhaupt an der spärlichen Ernährung gelegen haben.

Doch etwas anderes ist vermutlich wesentlicher. Eine Frage: Erinnern Sie sich, was Sie gestern getan haben, vorgestern, vor einer Woche ?  Selbst, wenn Sie Ihr Auto in die Werkstatt gebracht haben, werden Sie auf das Datum der Rechnung sehen müssen, um genau sagen zu können, wann das war. Der Alltag läuft gleichmäßig ab, hinterläßt keine Spuren. So ist es heute, und so war es damals.

Der Krieg war Alltag

Der Krieg war Alltag, die Fliegeralarme waren Alltag, Tag und Nacht, die Zerstörungen waren Alltag. Es war stufenweise immer schlimmer geworden, langsam, aber stetig. Die Schrecken des Alltags waren größer geworden, aber man hatte es nicht registriert, so wie man nicht von Tag zu Tag (sondern nur im Rückblick) merkt, daß man älter wird.

Ich erkläre mir heute die Gedächtnislücken damit, daß es Alltag war, der an einem vorüberlief. Eigentlich gab es, gerade in der letzten Kriegsphase 1945, nur drei Dinge, die einen beschäftigten:
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  1. Ist man vom Fliegerangriff verschont geblieben ?
  2. Wird man nicht einberufen zum Dienst an der Front ?
  3. Hat man genügend zu essen für den Tag, und kann man es zubereiten bei Stromsperren und Gasmangel ?

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Ein Dank an meine Eltern

Voller Hochachtung denke ich heute daran zurück, was mein Vater und meine Mutter damals geleistet haben. Zu ihren Lebzeiten ist mir dies garnicht so recht bewußt geworden. Heute, da sie nicht mehr sind, möchte ich sie mit Dank überschütten und hätte noch viele Fragen, so viele Fragen an sie.

Wiesbaden, 18. Oktober 1998

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